Als Ärztin in Berlin

Mein »praktisches Jahr« am Virchow-Krankenhaus brachte in mehrfacher Hinsicht eine Änderung meines Lebens. Ich warf den undurchdringlichen Panzer der Privatperson ab und begann, mich für die gesundheitlichen und sozialen Probleme anderer Menschen einzusetzen. Der Kontakt mit den Patienten machte mir Freude, und auch in meiner Freizeit hatte ich ein offenes Ohr für deren Sorgen und Nöte. Ich begriff, daß viele Krankheiten - wie man es heute nennt - psychosomatisch bedingt sind. Einige Patienten waren rührend in ihrer Dankbarkeit für mein persönliches Interesse, und das ermutigte mich stets von Neuem, weiterzumachen. Ich erkannte, daß die psychologische Seite des körperlichen und sozialen Gesundungsprozesses von der Medizin bisher unterschätzt worden war. In diesem einen Jahr lernte ich mehr als in den vorherigen fünf meines Studiums.
Ich bekam relativ leicht Kontakt zu den Menschen und war jederzeit bereit, ihnen zuzuhören und zu helfen. Doch eines an meiner neuen Position störte mich: Mein Beruf entsprach nicht meiner wahren Berufung. Das Schockerlebnis in Alupka hatte meinem Drang, Gedichte zu schreiben, ein Ende gesetzt, doch ich gab mich dem Arztberuf nicht mit ganzem Herzen hin. Zu Hause vergrub ich mich in philosophische statt in medizinische Bücher. Und insgeheim hoffte ich, meinen Weg zurück zur Poesie zu finden.
Nach meiner Rückkehr aus Rußland war es Franz Hessel, der meine literarische Hoffnung und Begabung am Leben erhielt. Wie ich es genoß, ihn in seinem »Dienstmädchen-Zimmer« zu besuchen! Immer noch wunderte ich mich über diese demonstrativ andere Lebensweise bei einem Sohn reicher Eltern. Sein Zimmer glich eher einer Mönchszelle - Bett, Tisch und ein Stuhl. Das war die Art, wie man in der Tat früher die Räume der Dienstboten ausgestattet hat. Möglicherweise war dies ein für seine Eltern gemeinter Protest gegen soziale Ungerechtigkeiten. Als ich ihn mit dieser Überlegung konfrontierte, leugnete er es. Seine Erklärung war stattdessen, er würde sich liebend gerne immer in die kleinst-mögliche Höhle zurückziehen.
Viele Nachmittage und Abende verbrachten wir diskutierend in seinem Zimmer - er auf dem Bett sitzend und ich auf dem einzigen Stuhl. Doch wenn Helen aus Paris ankam, änderten sich die Gewohnheiten. Dann setzten wir uns in das elegante, weiß möblierte Wohnzimmer oder rekelten uns in den Sesseln von Helens großem und mit dicken Teppichen ausgelegten Studio. Helen hatte die muskulöse Figur eines jungen Mannes, sie strahlte Vitalität und Lebensfreude aus; die meiste Zeit lebte sie in Frankreich, und einige Jahre lang sah ich Franz weit häufiger als sie. Beide zeigten großes Interesse an meinen Gedichten und Übersetzungen und zerstreuten damit beinahe meine Versagensängste und Verzagtheit, Relikte der traumatischen Rußland-Erfahrung. Katherine stand meinen literarischen Ambitionen schon immer positiv gegenüber, und auch sie ermutigte mich. Sie sah keine Schwierigkeit darin, Medizin und Poesie miteinander zu verbinden, und ich sah ein: Das eine konnte das andere befruchten. Ein Schriftsteller muß meist noch einen anderen Beruf ausüben, denn nur sehr wenige können von dem Geschriebenen leben, Lyriker aber ganz sicher nicht. Doch es gibt noch einen weiteren zwingenden Grund: Wer »mitten im Leben steht«, wird versorgt mit geistiger und emotionaler Nahrung. Schon als ich anfing zu studieren, waren mir diese beiden Gründe für mein Doppelstudium vollkommen klar.
Doch die Dichotomie meiner Bestrebungen ließ sich nicht verleugnen und führte dazu, daß ich unter Depressionen und nervöser Erschöpfung litt. Als Berufstätige war ich gleichzeitig abhängig und unabhängig von anderen Menschen. Die Tatsache, für die Gesundheit und das Wohlergehen anderer verantwortlich zu sein, konnte die eigene Kreativität einerseits blockieren, sie aber andererseits auch stimulieren. Else Lasker-Schülers Freund, dem Arzt und Dichter Gottfried Benn, gelang es, in seiner Arbeit als Mediziner poetische Inspirationen zu finden. Für mich war es schwierig, medizinische Praxis und Poesie zu verbinden, obwohl ich feststellte, daß ein unterschiedlicher Gebrauch des Gehirns den Geist bereichern kann. So positiv und ermutigend meine Freunde auch auf mich einredeten, ich fühlte mich meinem ärztlichen Beruf ebenfalls nicht gewachsen. Die Verantwortung, die die ärztliche Tätigkeit mir auferlegen würde, machte mir Angst. Es war weniger das Erstellen von Diagnosen als die Behandlung der Patienten, bei der ich Angst hatte, Fehler zu machen. Ich wußte, daß mein Medizinstudium nicht nur durch meine Vorliebe für die Poesie, sondern auch durch mein Liebesleben und den Zwang, mir meinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, gelitten hatte. All das hatte verhindert, daß ich mich für die Aufgaben eines durchschnittlichen Arztes gut gerüstet fühlte. Ich mußte feststellen, daß menschliche Wärme und psychologisches Verständnis mangelndes medizinisches Wissen nicht ausgleichen konnten. Eines war sicher: Ich brauchte einen ärztlichen Supervisor an meiner Seite, den ich konsultieren konnte, wenn mein eigenes Wissen nicht ausreichte.
Katherine wußte die Antwort auf dieses »Doktor-Dilemma«. Ein Bekannter von ihr war Arzt bei den Allgemeinen Krankenkassen in Berlin. Er machte mich mit Dr. Alice Vollnhals bekannt, die dort die Abteilung für Präventivmedizin leitete. Alice Vollnhals sah offenbar in mir jemanden, mit dem sie gut zurecht kommen würde und engagierte mich auf der Stelle für die Schwangerschaftsfürsorge dieser Organisation. In verschiedenen Stadtteilen Berlins wurden damals Beratungsstellen der Krankenkassen eingerichtet; jeder Zweig der Medizin war dort vertreten, doch die zahlreichen Ärzte konnten dem großen Patientenandrang kaum gerecht werden. Die Ambulatorien ähnelten in ihren Aktivitäten einem Bienenstock. Meine Arbeit führte mich nach Neukölln und in die Große Frankfurter Straße, die Armenviertel der Stadt, die ich vorher kaum besucht hatte. Es kam mir gelegen, einmal eine ganz andere Gegend mit neuen Gesichtern und einer anderen Gesellschaftsschicht kennenzulernen. Von dem einen Arbeitsplatz am Morgen zu dem anderen am Nachmittag war es ein weiter Weg, und um dieser Routine etwas von ihrem Streß zu nehmen, traf mich Katherine mittags irgendwo zum Essen. Die Schwangerschaftsfürsorge wurde von den Frauen im Viertel vom Beginn der Schwangerschaft bis zu ihrem Ende alle paar Monate aufgesucht, und diejenigen mit einer Risikoschwangerschaft standen unter besonderer Beobachtung.
Doch die medizinische Seite war nur ein Teil dieser Tätigkeit. Wir beschäftigten uns auch mit den sozialen Verhältnissen, unter denen diese Frauen lebten, und wer in dieser Hinsicht Hilfe brauchte, wurde von uns an die Sozialfürsorge weiterverwiesen, deren Büro direkt neben dem meinen lag. Wir arbeiteten eng zusammen und diskutierten jeden Fall im Detail. Unsere Sorge galt nicht nur der einzelnen Frau, sondern ihrer ganzen Familie. Dies war ein progressiver Schritt in die richtige Richtung. Ich hatte das Glück, mit gut ausgebildeten, intelligenten Sozialarbeiterinnen zusammenzuarbeiten. Ihr Wissen und ihr soziales Bewußtsein gingen weit über die notwendigen Fähigkeiten ihres Berufes hinaus. Sie erfüllten ihre Pflicht mit großem Einfühlungsvermögen für die Nöte ihrer Klienten, und unsere Zusammenarbeit brachte hervorragende Ergebnisse. Bald hatten wir einen noch stärkeren Zulauf, und das bewirkte, daß wir häufiger als vorgesehen unsere Besprechungen abhalten mußten.
Der Erfolg spornte unseren Enthusiasmus an. Dieser Kontakt mit einer Welt, die ich vorher kaum gekannt hatte, weckte in mir ein neues und belebendes Interesse. Ich war begierig darauf, die Bedürfnisse und Bestrebungen, die Leiden und Freuden der Menschen in der unteren Mittelschicht und Arbeiterklasse kennenzulernen. Ich sah dies mit meinen eigenen Augen, und besser noch mit denen meiner Sozialarbeiter-Kolleginnen. Dadurch, daß meine Arbeit von mir verlangte, von einem Ende Berlins zum anderen zu fahren, hatte ich Gelegenheit, Berlins viele Gesichter von Nahem zu sehen. Die angestellten Ärzte der Krankenkassen bezogen ein gutes Monatsgehalt. Mir gefiel es, nur sechs Stunden am Tag zu arbeiten. So blieb mir noch Zeit für ein ganz anderes Leben. Meine Verantwortung teilte ich mit mehreren Kollegen, so daß ich keine Furcht mehr vor der Arbeit hatte. Und der Status der Angestellten gefiel mir sehr. Schon in meiner Schulzeit hatte ich den »sicheren« zweiten Platz dem »exponierten« ersten vorgezogen; schließlich: Am Ende eines jeden Monats einen Scheck über einen größeren Geldbetrag in Händen zu halten, erleichterte mich. Nie habe ich mich zufriedener und sicherer gefühlt als während der fünf Jahre als Ärztin bei den Krankenkassen Berlin. Sich um werdende Mütter zu kümmern, schafft ohnehin eine angenehme Atmosphäre. Doch es war vor allem die Zusammenarbeit mit den Sozialarbeiterinnen, die meine berufliche Tätigkeit angenehm befruchtete. Mit den meisten von ihnen freundete ich mich an. Eine meiner Kolleginnen, die ich besonders mochte, besuchte mich sogar 1958 in London - 25 Jahre nach meinem Exodus aus Deutschland.
Aber zurück zum Jahr 1928. Katherine hatte eine Arbeit als Physiotherapeutin angenommen, und ich verdiente genug Geld, so daß wir es uns leisten konnten, eine Wohnung in einem Neubau auf dem Südwestkorso in Wilmersdorf zu mieten und mit eigenen Möbeln einzurichten. Auch Katherines Interessen teilten sich auf in ihren Beruf und andere Beschäftigungen. Sie war die geborene Malerin und verbrachte einen großen Teil ihrer Freizeit an der Kunsthochschule. Wir schienen uns so nah wie immer zu sein und freuten uns darauf, das Leben zu genießen, nachdem wir keine finanziellen Sorgen mehr hatten. Doch kaum hatten wir uns unsere eigene Wohnung eingerichtet, da begann der Abenteuergeist, der uns zusammengeführt hatte, zu schwinden.
Wir waren unfähig zu begreifen, daß uns eine dritte Kraft zusammengeführt hatte - meine Liebe zu Lisa. Unsere Beziehung hielt noch in meiner schwierigen Zeit nach der Krimreise - Katherine dachte immer noch, daß ihr eine wichtige Rolle in meinem Leben zugedacht war, solange ich unter meiner Krankheit und Verlusterfahrung litt - doch sobald ich mich gesundheitlich erholt hatte und in der Lage war, meinen Kummer zu unterdrücken, füllte sich unser Leben mit einem Vakuum. Noch gaben wir uns der Täuschung hin, daß unser beider Interessen an Kunst und Poesie uns zusammenhalten würden und ignorierten den Prozeß, den die Nachwirkungen des großen Abenteuers in uns ausgelöst hatte.
Obwohl ich mich körperlich nach einiger Zeit erholte, wurde ich Opfer einer der unangenehmsten Formen neurotischer Angst - der Agoraphobie. Sie befiel mich urplötzlich. Von einem Tag zum anderen war ich machtlos gegen eine überwältigende Furcht davor, aus dem Haus zu gehen. Da ich nicht die geringste Absicht hatte, mich diesem Handicap hinzugeben, bat ich Katherine, mich zur Arbeitsstelle zu begleiten und abends wieder abzuholen. Erfreut willigte sie ein, konnte sie jetzt doch wieder ihre Lieblingsrolle spielen: mir zu helfen. Größere Ausflüge in das Berliner Nachtleben machten mir allerdings jetzt keinen Spaß mehr, und es störte mich, daß immer, wenn ich Freunde besuchen wollte, Katherine mich begleiten mußte. Eine Zeitlang bewältigte ich mein Leben mehr schlecht als recht. Und ich haßte die Abhängigkeit, die meine neurotische Angst verursachte.
Nachdem ich mich etwa sechs Monate dahingeschleppt hatte, faßte ich den Entschluß, die Umgebung zu wechseln in der Hoffnung, daß mich das kurieren würde. Ich nahm unbezahlten Urlaub und fuhr zu einem bekannten Kneipp-Sanatorium in der Nähe von Innsbruck. Katherine zögerte nicht, mich zu begleiten, und unsere frühere Nähe stellte sich wieder ein. Das Sanatorium befand sich in schönster Lage auf einem bewaldeten Hügel der Tiroler Alpen, etwa sechshundert Meter über dem Meeresspiegel. Wir hatten uns in ein »Bilderbuch« geflüchtet. Die klare Bergluft, getränkt mit dem Duft von Kiefernwäldern, und die kleinen Spaziergänge in dem hügeligen Waldgelände sorgten für einen positiven Effekt der Kur. Die kalten Wassergüsse dagegen, denen ich mich unterziehen mußte, schadeten mir eher als daß sie nützten, doch ich ließ diese Tortur über mich ergehen, der fachmännischen Massage und der gymnastischen Übungen wegen, auf die ich mich im Anschluß freuen konnte. Nach zwei Monaten im Sanatorium hatte ich den Mut, mir einen Tag freizunehmen, und Katherine und ich machten uns einen vergnüglichen Abend in Innsbruck. Einmal kein gesundes Essen, sondern ein Menü mit vier Gängen und Wein dazu! Wir bummelten durch die Straßen, besuchten verschiedene Cafes und fuhren erst mit dem letzten Bus zurück. Daraufhin versuchte ich, dem diensthabenden Kurarzt klarzumachen, daß ich jetzt geheilt war. Ich bin nicht sicher, ob ich ihn überzeugte, ich selbst war mir aber sicher, daß ich aus dem »Tunnel« heraus war. Allem Anschein nach waren meine Symptome verschwunden, und ich nahm meine ärztlichen Pflichten mit neuer Hoffnung und Frische wieder auf. Meine Agoraphobie hatte sich gelegt - für ein paar Jahre.
Nachdem Katherines erneute Mission abgeschlossen war, wandelte sich nach und nach unsere Beziehung. An der Oberfläche hatte sich nichts geändert. Wir waren gern zusammen und hatten die beste Absicht, miteinander unser Leben zu verbringen. Doch so sehr wir auch unsere frühere Nähe herbeizwingen wollten, dieser Wunsch lief intensiveren Bedürfnissen zuwider. Beide sahen wir uns nach anderen Menschen um, doch keine von uns wollte es sich zunächst eingestehen. Noch dachten wir, unsere Beziehung sei so stabil, daß sie durch keine äußeren Einflüsse gestört werden könnte. Da traf mich der nächste schwere Schock. Am Abend des 13. Januar 1929 erhielt ich ein Telegram von Onkel Josef, daß meine Schwester plötzlich und völlig unerwartet gestorben war. Sie war während einer Operation nicht mehr aus der Narkose aufgewacht. Bei dieser Nachricht brach ich zusammen. Ein herbeigerufener Arzt verschrieb mir Injektionen mit Insulin, die ich mir - obwohl bettlägerig - selbst verabreichte. Diese Behandlung sollte mir wieder auf die Beine helfen, doch sie hatte den gegenteiligen Effekt, und ich fühlte mich todkrank. Jedesmal, wenn ich aufstehen wollte, zitterte ich vor Schwäche, und ich verlor rapide an Gewicht. Daraufhin nahm ich selbst die Sache in die Hand, ließ die Insulinspritzen weg und begann mich allmählich zu erholen. Wieder einmal wurde Arbeit zur Therapie, um den Verlust eines geliebten Menschen zu überwinden.
Das neue Medizin-Verständnis in den Ambulatorien der Krankenkassen begeisterte mich. Hier arbeitete die Avantgarde der Präventivmedizin und der sozialen Fürsorge. Ärzte, die nur Privatpatienten behandelten, und andere, die bei privaten Versicherungen arbeiteten, sahen auf uns - die Angestellten der öffentlichen Krankenkassen - herab. Wir waren in ihren Augen eine niedrigere Kaste unseres Berufsstandes. Doch einige dieser Ärzte vergaßen ihren Stolz und ihre Vorurteile und beteiligten sich zeitweise am Dienst in den Ambulatorien - schließlich verdiente man dort auch gut. Und umgekehrt: Viele von uns ärztlichen Angestellten arbeiteten zeitweise in privaten Praxen, nicht um Geld zu verdienen, sondern aus Gründen des Prestiges. Obwohl ich es eigentlich besser wußte, folgte auch ich diesem Trend. Doch jedesmal, wenn ich bei einem Patienten eine ernsthafte Krankheit vermutete, beschlichen mich Zweifel über meine medizinischen Kenntnisse. Meine Angstzustände äußerten sich in Schlaflosigkeit und zwanghafter Sorge, nicht nur über Patienten, sondern auch über Trivialitäten. Ich versuchte, meine Tätigkeit in der privaten Praxis auf ein Minimum zu reduzieren, aber wagte nicht sie aufzugeben, denn ich wollte mir mein Versagen nicht eingestehen.
Nachdem das Geld durch die Hyperinflation so verheerend an Wert verloren hatte, wurde es verständlicherweise überbewertet, als wieder eine relativ finanzielle Stabilität erreicht war. Schon allein die Inflation, verbunden mit dem Gefühl nationaler Unterlegenheit hätte die deutsche Mentalität aus dem Gleichgewicht bringen können. Aber durch die immer größere Anzahl von Menschen, die Stempeln gehen mußten, wuchs sich das Samenkorn des Antisemitismus zur Nazimentalität aus. Doch auch jetzt noch, im Jahre 1929, nahm ich den Hitlerputsch von 1923 nicht ernst, wie ich schon andere Warnzeichen vorher mißachtet hatte. Nach wie vor waren Poesie, Kunst und Philosophie meine Welt, ich war mit Haut und Haaren eine Individualistin. Meine Arbeit als Ärztin in der Präventivmedizin war eine wichtige Sprosse auf der Leiter, mit deren Hilfe ich mich aus meiner um mich selbst zentrierten Welt herausbewegen wollte - aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Nach wie vor waren meine besten Freunde Künstler und Schriftsteller, und das größte Vergnügen bereiteten mir Besuche in Max Reinhardts Deutschem Theater, die Schauspiele von Bertolt Brecht und das intime Theater und Cabaret. Doch ich hatte sowohl meinen Freundeskreis als auch meine Interessen erweitert. Die fünf Ärztinnen unserer Dienststelle repräsentierten unterschiedliche Rassen und politische Überzeugungen. Minna Flake war Kommunistin und ebenfalls Jüdin. Die Direktorin, Alice Vollnhals, war Polin und in zweiter Ehe mit einem Juden verheiratet. Hella Bernhardt war deutscher Abstammung; sie vertrat progressive Vorstellungen hinsichtlich politischer und medizinischer Themen und war ebenfalls mit einem Juden verheiratet. Diese drei Frauen wurden meine Freundinnen und beeinflußten mich in verschiedener Hinsicht. Die fünfte Frau - ich will sie hier nur Frau X nennen - verhielt sich uns gegenüber stets höflich und korrekt, war aber recht verschlossen. Ihre Ansichten blieben unergründlich - bis zum Jahre 1933. Dann stellte sich heraus, daß sie seit 1924 aktive Nationalsozialistin war. Wahrscheinlich hatte man sie auf uns angesetzt, und sie hatte regelmäßig Berichte erstellt - vermutlich während all jener Jahre, die ich als Ärztin in Deutschland tätig war.
Minna Flake, die Kommunistin, erteilte mir damals politischen Anschauungsunterricht. Und obwohl es ihr nicht gelang, mich zu überzeugen, rüttelte sie mich auf und veranlaßte mich, eine aktivere Rolle im sozialen Geschehen zu übernehmen. Ich trat zwar keiner politischen Partei bei, sympathisierte jedoch mit den unabhängigen Sozialdemokraten und wurde aktives Mitglied des Vereins Sozialistischer Ärzte, der eng mit der USPD zusammenarbeitete. Als die Signale des drohenden Faschismus immer deutlicher wurden, verteilte ich Flugblätter des Vereins auf den Straßen Berlins. Ich bezweifle, ob ich von allein den entscheidenden Schritt in die politische Richtung unternommen hätte, denn im Grunde genommen haßte ich alle Organisationen. Es war Minna Flakes Einfluß zu verdanken, daß sich der Schleier politischer Ignoranz vor meinen Augen hob. Bis dahin hatte mich die Situation ethnischer Minoritäten und der Antisemitismus kalt gelassen. Doch trotz meines erweiterten politischen Bewußtseins fühlte ich mich noch sicher. Meine Arbeit war erfolgreich, die Zahl der Patienten stieg ständig. Auch verbesserte ich mich beruflich und wurde schließlich stellvertretende Direktorin der Schwangerschaftsfürsorge-Dienste. Außerdem wurde mir eine Rolle bei dem Lieblingsunternehmen unserer Direktorin übertragen: der Einrichtung der ersten Klinik für Schwangerschaftsverhütung in Deutschland. Ich begann diese Pionierarbeit mit dem Enthusiasmus einer Reformerin, und es irritierte mich keineswegs, viele Stunden am Tag schwangere Frauen auf die Geburt ihres Kindes vorzubereiten und abends Schwangerschaften zu verhindern. Die Erkundung eines neuen Territoriums der Familienplanung, einschließlich der damit verbundenen psychologischen Beratungen, übte große Anziehungskraft auf mich aus.
Ich konnte nicht ahnen, daß meine Beratungsstunden in der Familienplanung sich als eine Art erster Unterricht in Sexualwissenschaft und Psychotherapie entpuppen würden. Einmal pro Woche verbrachte ich zwei Abendstunden in der Hauptstelle am Alexanderplatz, um Frauen Pessare anzupassen und ihnen deren Gebrauch zu erklären. Ich sah jede Patientin mindestens zweimal, um sicherzustellen, daß sie die Handhabung der Pessare auch gelernt hatte. Außerdem empfahl ich chemische Verhütungsmittel als doppelte Vorsichtsmaßnahme. Bald dehnten sich die zwei Stunden, die für meinen Klinikdienst vorgesehen waren, auf drei oder mehr aus. Es kam immer wieder vor, daß auch die Ehemänner der Patientinnen mich sprechen wollten.
Nach und nach entwickelte sich eine Art psychologischer Beratungsdienst im Anschluß an die Familienplanungs-Gespräche. Die Direktorin, zwei Kolleginnen und ich konnten mit dem Andrang nicht fertig werden, und es wurden zwei weitere Ärztinnen eingestellt. Der Beratungsdienst kostete die Klienten nichts und entwik-kelte sich zu einem Segen für die ärmeren Berliner Bürger - und zu einem kontroversen Streitpunkt für die ganze Stadt. Alice Vollnhals hatte sich zum zweiten Mal als mutige und fortschrittliche Ärztin gezeigt, doch ich weiß nicht, ob sie wirklich die Anerkennung bekam, die sie verdiente. Auf jeden Fall erhielt sie sie von mir, und das bedeutete ihr durchaus etwas, denn sie schätzte mich sehr, und mit der Zeit wurden wir Freundinnen. Nach und nach wurde auch die Familienfürsorge mit der Familienplanung kombiniert, und auch die Sozialarbeiterinnen kümmerten sich auf die gleiche Weise um Menschen in Not wie in der Schwangerschaftsfürsorge.
Die Umstände machten mich zu einer Amateur-Sexualwissenschaftlerin, die in ihrer täglichen Praxis durch Empathie und Erfahrung immer mehr dazulernte. Offenbar war ich hier in meinem Element und naiv genug, trotz meines Mangels an Fachkenntnissen meinem instinktiven Gespür für psychologische Situationen blind zu vertrauen. Alice Vollnhals versicherte mir, ich hätte einen sechsten Sinn für diese Arbeit, ein Schluß, den sie aus den Ergebnissen meiner Beratungsgespräche zog. Ihre Anerkennung ermutigte mich, neue Wege in Richtung auf eine soziale und psychologische Medizin einzuschlagen. Ich war fest entschlossen, meinen Beitrag zu diesem fortschrittlichen Unternehmen zu leisten, das die Grenzen traditioneller, gesellschaftlicher und medizinischer Einstellungen sprengte.
Die rapide fortschreitenden Erkenntnisse der Sexualwissenschaft bereiteten eine breitere Sichtweise der menschlichen Natur vor. Ihr bedeutendster Repräsentant lebte in unserer Mitte: Magnus Hirschfeld. Sein Institut für Sexualwissenschaften, das er ein Jahr nach dem Ersten Weltkrieg gegründet hatte, war auf seine Art eine Modelleinrichtung. Man kann mit Fug und Recht behaupten, daß sowohl seine Forschungen als auch das von ihm zum Thema sexuelle Variationen angehäufte Material ein Wunder seiner Zeit waren. Seine wissenschaftlich-literarische Hinterlassenschaft ist in der Tat phänomenal. Hirschfeld schrieb in seinem Buch »Geschlechtskunde« auch ausführlich über Familienplanung, besonders über den dringenden Bedarf an Maßnahmen zur Geburtenkontrolle. Er verwies dabei auf geschichtliches Material von Hippokrates bis zum 20. Jahrhundert. Immer schon war eine Kontrolle des Bevölkerungswachstums notwendigerweise mit einer Geburtenkontrolle verbunden - auch im Interesse des Staates. Hirschfeld erläuterte, daß Geburtenkontrolle immer schon instinktiv oder nach ganz bestimmten Bräuchen durchgeführt worden ist. Und er zitierte Robert Malthus mit seiner Vorhersage, daß eine Gesellschaft niemals zu sich selbst finden kann, wenn in ihr keine Geburtenkontrolle ausgeübt wird. Als wesentlich betonte Hirschfeld, daß sozialer Wohlstand und individuelle Selbstverwirklichung nur gedeihen können, wenn diesem gesellschaftlichen Bedürfnis Rechnung getragen wird. Damit proklamierte er schon zu Beginn dieses Jahrhunderts das, was in den 70er Jahren Ideologie und Praxis wurde. Unter den vielen herausragenden Gestalten in Kunst und Wissenschaft der 20er Jahre war Magnus Hirschfeld derjenige, der nicht nur auf Intellektuelle Anziehungskraft ausübte, sondern auch auf viele tausend einfache Menschen überall auf der Welt. Weit davon entfernt, sich ausschließlich auf die Forschung zu spezialisieren, die ihm seinen Ruf eingebracht hatte, beleuchtete er in seinen Arbeiten das ganze menschliche Leben, von der Ei- und Samenzelle bis hin zum Tod. Seine vierbändige »Geschlechtskunde« ist vielleicht das Verständlichste und Vollständigste, was je zu diesem Thema geschrieben wurde. Doch als ein Prophet, der nichts im eigenen Lande gilt, blieb er ein klingender Name für meine Kollegen und mich und viele andere Mediziner. Er war wie ein riesiger Schatten, den man eher vermeiden als aufsuchen mußte. Und doch lebten wir Seite an Seite, folgten denselben medizinischen Trends und hatten dieselben Ansichten über die dringende Notwendigkeit, der Bevölkerungsexplosion entgegenzuwirken und individuelle Freiheiten zu garantieren. Ich hatte von ihm bis dahin nur »Die Homosexualität des Mannes und des Weibes« gelesen, zur gleichen Zeit als ich »Psychopathia Sexualis« von Richard Freiherr von Krafft-Ebing studierte. Die Fallgeschichten in beiden Büchern faszinierten mich, doch weder die Arbeiten des einen noch die des anderen Autors sprachen mich persönlich an. Es ist bekannt, daß Hirschfelds großartiges Oeuvre bei den Bücherverbrennungen »degenerierter« Künstler und Wissenschaftler ins Autodafe geworfen wurde. Sein Vermächtnis wurde großenteils vernichtet, doch vieles wurde von Freunden gerettet.
So konnte ich es kaum glauben, als ich eines Tages plötzlich Magnus Hirschfelds wichtigste Bücher in deutscher Sprache in der Hand hielt. Eine Freundin hatte diese Bücher für mich in Berliner Buchantiquariaten aufgetrieben. Diese Schätze mußten sorgfältig vor den Augen der Nazis versteckt worden sein! So lernte ich Magnus Hirschfeld mehr als 40 Jahre nach seinem Tode und etwa 50 Jahre, nachdem ich meine ersten sexologischen Beratungen durchgeführt hatte, im Original kennen.
Die Direktoren der Krankenkassen entwickelten ein besonderes Interesse an Schwangerschaftsfürsorge und Familienplanung. Sie beschlossen, die Bevölkerung über beides zu informieren und organisierten Vorträge über Geburtenkontrolle und Mutterschaft, wobei besonders deren soziale und psychologische Bedeutung betont wurde. Man wählte mich aus, um die Vorträge zu organisieren und einige davon selbst zu halten. Diese Veranstaltungen wurden von Männern und Frauen besucht, die vorher in der Beratungsstelle gewesen waren und anderen, die nur von uns gehört hatten, hauptsächlich Menschen aus der Arbeiterklasse.
Heute wundere ich mich, wie ein Mensch es schaffen konnte, all diese beruflichen Aktivitäten mit den unterschiedlichsten privaten Interessen zu verbinden. Wie findet man neben einem so anstrengenden Beruf Zeit und Kraft für Liebe, Vergnügungen, Freundschaften, Kunstgenuß und aktive Kunstproduktion sowie die Höhen und Tiefen einer engen Partnerschaft? Ein Leben, wie es in der Weimarer Republik möglich war, stimulierte die eigenen Kräfte. Berlins überschäumende Spritzigkeit mag etwas mit dem Trubel dieser Zeit zu tun haben, doch das ist nur die halbe Antwort.
Man kann sich der Moral der jeweiligen Zeit, in der man lebt, nicht entziehen. Obwohl ich eher in der Welt der Phantasie lebte, brauchte ich nicht lange, um zu bemerken, daß Arzt zu sein ein äußerst respektierlicher Berufsstand war, der einem einen bevorzugten sozialen Status verlieh, wie er für die deutsche Mentalität so wichtig ist. Diese Überlegung betraf auch mich, aber ich hoffe, daß ich nicht in diese Falle gegangen bin. Auch die tolerante Weimarer Republik war ein Klassenstaat. Das deutsche Volk identifizierte sich in einer Art mit der jeweiligen sozialen Position seiner Bürger, daß es sich zum Gespött in ganz Europa machte. Es gab sogar einige Künstler, die große Werke in Literatur, Musik oder Malerei vorzuweisen hatten und dennoch nicht den Mut aufbrachten, ihre Individualität höher zu bewerten als ihre Stellung in der Gesellschaft. Das war eine traurige Angelegenheit, denn es führte zu einer Schwächung dieser Menschen, die dem entsetzlichen, überkompensierenden Nationalismus unter Hitler und seiner Helfershelfer Vorschub leistete. Nicht genug, daß man berufstätige Leute mit ihrem Titel ansprechen mußte, auch die Frauen wurden oft mit den Titeln ihrer Männer angeredet. Für die Deutschen zählten individuelle Verdienste weniger als gesellschaftliche Bedeutung.
Die späten 20er Jahre hatten mir nicht nur zu neuen Einsichten in menschliche und politische Zusammenhänge verholfen, sondern auch endgültig meine Gefühle für Katherine verändert. Immer mehr bewegten wir uns in unterschiedlichen Kreisen. Walli E. war nach Berlin gekommen, um hier Malerei zu studieren, und wir erneuerten unsere seltsame Freundschaft. Seit unserer Schulzeit hatte mich ihre Gegenwart fasziniert. Sie war die perfekte Liebhaberin, doch in der Zwischenzeit hatte ich erkannt, wie wenig Sexualität mit Liebe zu tun hat. Als wir uns in Berlin trafen, folgte unsere Beziehung dem gleichen Muster wie damals. Wir verbrachten eine wunderschöne Zeit miteinander, ohne die schmerzhafte Sehnsucht des Verlangens. Wenn wir zusammen waren, hatte die Atmosphäre jenen sinnlichen Glanz, der uns die Welt um uns herum durch eine rosa Brille betrachten ließ. Wer waren wir und all die anderen jungen Frauen dieser Jahre, die wir so gut zu wissen schienen, was wir wollten? Wir hatten kein Bedürfnis danach, aus männlicher Vorherrschaft befreit zu werden. Wir waren frei, fast 40 Jahre, bevor die Frauenbewegung in Amerika begann. Wir hielten uns nie für Bürger zweiter Klasse. Wir waren einfach wir selbst, die einzige Befreiung, die am Ende zählt. Die Freiheit des Individuums und die Freiheit für das Individuum gab es jedoch in der deutschen Geschichte immer nur für kurze Zeit. Und die Lawine repressiver Maßnahmen, die darauf folgte, begrub diese und alle anderen Freiheiten. In meiner Jugend hatte die Frauenbewegung scheinbar weder einen Platz noch einen Sinn für Frauen der Ober- und Mittelschicht.
Anders war es bei Frauen aus der Arbeiterklasse. Die Gruppe derjenigen Frauen, denen es gut ging und die Privilegien besaßen, hatte mit den Arbeiterfrauen wenig gemeinsam; wahrscheinlich waren solche Leute wie Walli und ich in den Augen der Mehrheit des deutschen Volkes nichts weiter als Randfiguren. Die Befreiung der unteren Mittelschicht und der Arbeiterklasse war eine Notwendigkeit, denn sie wurden immer noch als »minderwertig« behandelt. Die Weimarer Republik war von Snobismus und Arroganz der Privilegierten durchdrungen, trotz ihres sozialistischen Banners. Viele aus den Kreisen, in denen ich mich bewegte, verstanden diese Tatsache durchaus. Doch wir betrachteten uns als »anders«, als Mitglieder einer internationalen Avantgarde, die einander in jeder Sprache erkannten. Ich hatte das sichere Gefühl, zu ihnen zu gehören.
Ein perfektes Beispiel einer befreiten Avantgardistin war Helen Hessel. Sie konnte sich allem zuwenden und war überall erfolgreich - als Landarbeiterin im Ersten Weltkrieg, als Modejournalistin in den 20er und 30er Jahren, als Geliebte von vielen und als Ehefrau. Sie bezauberte Männer und Frauen gleichermaßen. Ihre blauen Augen, klar und kalt wie ein frostiger Frühlingstag, ihre Eleganz und Selbstsicherheit, machten sie zum Inbegriff verführerischer Weiblichkeit. Es war keine Überraschung für ihren Mann und ihre Freunde, als sie eines Tages einer Wette wegen in die Seine sprang. Sie konnte ebensogut einen Essay schreiben wie ein Pferd zureiten oder Auto fahren. Eine Draufgängerin, die leidenschaftlich liebte und haßte, arbeitete oder faulenzte. Beim Gehen hinkte sie leicht und stützte sich auf einen Spazierstock mit Elfenbeingriff, was ihre Eleganz noch betonte. Ihr Haar war schon vor ihrem 40. Lebensjahr ergraut, und als ihre Gesichtszüge mit den Jahren schärfer wurden, entwickelte sie eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Friedrich dem Großen. Ich war von ihr fasziniert und nahm erfreut eine Einladung an, mit ihr im Auto von Berlin in die Normandie zu fahren. Sie hatte gemeinsam mit ihrem Freund Pierre Roche ein Bauernhaus in dem kleinen Dorf Sotteville gemietet. Man schrieb das Jahr 1926 oder 1927, und dieser Urlaub bedeutete für mich ein erstes Kennenlernen von Land und Leuten in Frankreich. Ich wußte nicht, worauf ich mich da eingelassen hatte. Helen und Pierre teilten sich ein Zimmer, ihr achtjähriger Sohn und ich hatten Einzelzimmer. Alle außer mir liefen nackt durchs Haus und zogen sich voreinander an und aus, ein Spaß, der ihnen in Fleisch und Blut übergegangen war. Helens Sohn Paul wuchs in einer alternativen Gesellschaft auf, und das tat ihm sehr gut. Er war der geborene Charmeur, ein Liebling der Götter. Außerdem war er ungewöhnlich klug und ungewöhnlich beliebt. Er ging später auf die Ecole Normale, die hochbegabte Jugendliche für den öffentlichen und diplomatischen Dienst vorbereitete. Er schien jedermanns Freund zu sein und nichts konnte ihn überraschen.
In der dritten Woche unseres Urlaubs tauchte Franz Hessel in Sotteville auf. Man hätte erwarten können, daß er auf seine Frau und ihren Liebhaber eifersüchtig war. Doch es stellte sich heraus, daß Roche sein bester Freund war, und ich wurde Zeugin des gleichen Beziehungsmusters wie bei den Benjamins. In beiden Fällen schien die Dreieckssituation eine glückliche Konstellation zu sein, unter der Liebe und Freundschaft nicht zu leiden hatten. Wieder einmal begegnete ich einer besonderen Art verfeinerter Beziehungen, einem Ideal menschlichen Verhaltens, das vielleicht viele anstreben, aber nur wenige jemals erreichen. In seinem Roman »Jules et Jim« entwarf Pierre Roche ein fast photographisches Bild seines Lebens mit Helen und Franz Hessel. Der Roman wurde unter demselben Namen von Frangois Truffaut verfilmt, und Jeanne Moreau spielte die Rolle der Helen. Frei von Eifersucht zu sein bedeutet, ohne Besitzdenken leben zu können. Eifersucht, Neid, Konkurrenzdenken sind integrale Bestandteile kapitalistischer Mentalität, mit der die Gesellschaft durch den Machtkampf männlicher Vorherrschaft infiziert wurde.
Die deutsche Wirtschaft hatte sich seit der Währungsreform erholt, doch die Zahl der arbeitslosen Menschen wuchs und wuchs, und das gleiche galt für die politischen Spannungen. Ab 1930/31 begannen sich Kommunisten und Faschisten Straßenschlachten zu liefern. Man konnte sich nicht länger den warnenden Vorzeichen einer nahen Krise verschließen. Ich begann, mich erstmals bedrängt zu fühlen, als mir im Frühjahr 1931 der leitende Arzt derKrankenkassen mitteilte, es sei zu gefährlich für mich, weiterhin meine Tätigkeit in der Schwangerschaftsfürsorge und der Familienplanungs-Klinik fortzusetzen - aus politischen Gründen. Er wollte mich auf eine neutrale Stelle versetzen und schlug mir vor, in einem Institut für elektro-physikalische Therapie die nötigen Spezialkenntnisse zu erwerben. Das würde es ihm ermöglichen, mir später in dieser Abteilung einen Posten zu verschaffen. Nach einem Jahr Hospitation (bei voller Bezahlung) wurde ich im April 1932 Direktorin des Elektro-physikalischen Institutes in Neukölln.
Nachdem ich die ersten Schwierigkeiten der neuen Aufgabe und Position überwunden hatte, genoß ich es, in einer ruhigen Atmosphäre zu arbeiten, nicht ständig während meiner Arbeit umherfahren und weniger Patienten betreuen zu müssen. Bald begann ich, Forschungen auf dem Gebiet der elektro-physikalischen Therapie anzustellen, mit Hilfe einer fähigen und loyalen Belegschaft. Doch nur zu bald wurde ich bis ins Mark getroffen, als ich sah, wie junge Männer in Naziuniform durch die Straßen Berlins marschierten und Spruchbänder quer über der Straße verkündeten: »Tod den Juden«. Katherine war sofort mit Leib und Seele zur Stelle; sie schützte mich und mein unübersehbares jüdisches Aussehen durch ihre arische Schönheit, wenn wir die relative Sicherheit unserer geräumigen Wohnung am Laubenheimer Platz verlassen mußten.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, daß sie sich mit dem Gedanken trug, unseren gemeinsamen Haushalt zu verlassen. Wir hatten immer noch gemeinsame Interessen, besuchten beispielsweise zusammen einen Kurs in Chirologie, den der bemerkenswerte Handleser Julius Spier eingerichtet hatte. Eine Kollegin hatte mir von ihm erzählt; sie war beeindruckt von der psychologischen Fähigkeit, mit der er aus der menschlichen Hand lesen konnte. Er sagte ihr, seine Kunst sei erlernbar. Sein Kurs war nur für Arzte gedacht, doch Katherine durfte ebenfalls teilnehmen. Unser neues Interesse inspirierte uns beide. Spier verstand, daß die Hand einer Landkarte gleicht, aus der man Charaktermerkmale und bestimmte gesundheitliche Bedingungen diagnostizieren kann. Er strebte an, eine Methode aus seiner mehr oder weniger intuitiven Gabe zu entwickeln. Seinen Schülern gab er seine Kenntnisse so weit wie möglich weiter. Jeder bewunderte seinen Pioniergeist und sein Talent. Er brachte uns eine ganze Menge bei, denn er hatte das Chaos zu einer gewissen Ordnung gebracht, obwohl er nicht in der Lage gewesen war, eine wissenschaftliche Methode daraus zu entwickeln. Er war Autodidakt und weder in Psychologie noch in Medizin ausgebildet. Nichtsdestoweniger gewannen wir genügend Kenntnisse, um zu begreifen, daß die menschliche Hand ein wichtiges diagnostisches Werkzeug sein kann. Spier demonstrierte den potentiellen Wert der Chirologie so eindrucksvoll, daß ich angeregt wurde, das Thema weiter zu verfolgen. Später entwickelte ich dann eine wissenschaftliche Methode der Hand-Interpretation. Ich bin diesem Mann, der mich auf den Weg zu einer Reise um die menschliche Hand schickte, zu ewigem Dank verpflichtet. Die Ergebnisse dieser Arbeit, die einen großen Teil meines Lebens bestimmte, habe ich in drei Büchern veröffentlicht: »The Human Hand«, »A Psychology of Gesture« und »The Hand in Psychological Diagnosis«.
1932 war für mich ein verhängnisvolles Jahr. Im Herbst dieses Jahres verließ mich Katherine. Ihr Vater hatte sie gedrängt: Sie würde sich selbst in Gefahr bringen, wenn sie weiterhin ihr Leben mit einer Jüdin teilte. So mußte ich meine letzten Monate in Deutschland allein überstehen. Zuerst verachtete ich Katherine dafür, daß sie mich in der Stunde der Not im Stich ließ, dennoch sehnte ich mich nach ihr wie nie zuvor. Ich machte keinen Schritt auf sie zu und stand fest, aber emotional verstört, auf meinen eigenen Füßen. Ich lief herum und fühlte mich wie betäubt. Meine deutschen Freunde und Kollegen waren betroffen und boten mir ihre Hilfe an. Sie wollten nicht, daß ich wegginge und versprachen, mir in jeder Schwierigkeit beizustehen. Doch ich überlegte mir bereits, das Land zu verlassen. Im Februar 1933 bekam ich eine Notiz, daß ich zum ersten April gekündigt sei, aber ab sofort meinen Dienst zu quittieren hätte. Der Schlag war ein kollektiver, denn alle Juden mußten ihren Beruf aufgeben, und so konnte ich die Katastrophe relativ gefaßt aufnehmen. Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg nach Neukölln, um mich von den Kollegen zu verabschieden. Wie gewöhnlich nahm ich die U-Bahn, doch bevor der Zug die Haltestelle Hasenheide erreicht hatte, wurde ich verhaftet. Dieser Anschlag lähmte mich nicht, sondern machte mich wütend. Ich forderte den Gestapo-Offizier auf, mir seinen Ausweis zu zeigen und fragte ihn, warum ich so behandelt würde. »Sie sind eine Frau in Männerkleidung und eine Spionin«. Ich lachte ihm ins Gesicht, dann forderte ich ihn ernst auf, mich in Ruhe zu lassen. Und ich fügte hinzu: »Was für eine Behandlung! Einer meiner Vorfahren ist für Friedrich den Großen durch den Katzbach geschwommen, und das ist es, was wir von Ihnen bekommen«. Er wußte keine Antwort, sein Gesicht war wie versteinert. Als wir die Haltestelle Hasenheide erreicht hatten, stieß er mich auf den Bahnsteig und führte mich zur Bahnhofswache. Als der Wachmann mich in den Händen der Gestapo sah, rief er aus: »Aber das ist doch Frau Dr. Wolff, die meine Frau in Neuköllner Ambulatorium behandelt!« Er rettete mich für den Augenblick. Der Offizier hatte keine andere Wahl, als mich gehen zu lassen. Als ich meinem Vorgesetzten im Ambulatorium erzählte, was passiert war, flüsterte er: »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich schäme, ein Deutscher zu sein.«
Drei Tage später wurde meine Wohnung nach Bomben durchsucht. Jemand hatte mich als gefährliche Kommunistin denunziert. Angeblich sollten die Bomben im Keller liegen, aber auch meine Bücher und Papiere wurden durchwühlt. Man fand nichts, denn mein treues Dienstmädchen konnte mich vorher warnen, weil die Hausdurchsuchung telefonisch angekündigt worden war. Und eine in der Nähe wohnende Patientin hatte möglicherweise »gefährliches« Material beiseite geschafft. Diese Ereignisse zwangen mich zum Handeln. Sie folgten aufeinander wie die Schläge einer Uhr, die jede Stunde ankündigen: Jetzt hat dein letztes Stündlein geschlagen. Am Tag nach der Hausdurchsuchung leitete ich meinen Exodus von Berlin nach Paris in die Wege. Bis zum letzten Tag versuchten Nachbarn, mich von der Flucht abzuhalten. Ich handelte schnell, getrieben durch den Befehl des Schicksals. In der nahegelegenen Polizeistation erhielt ich einen Paß, der fünf Jahre gültig war. Der Wachtmeister, der meinen Fall behandelte, betrachtete mich mit großer Sympathie. Schließlich gab er mir die Hand und sagte: »Es tut mir leid, daß Sie gehen! Meine Frau sagt immer, jüdische Ärzte sind die besten.« Ich verabschiedete mich von meinen Freunden und informierte Katherine telefonisch, daß ich wenige Tage später nach Paris abreisen würde. Sie versprach, zum Bahnhof zu kommen. Am 26. Mai 1933 stand ich am Bahnhof Zoo und wartete auf sie. Wenige Minuten vor Abfahrt des Zuges kam Katherine an, gesund und schön wie immer. Sie sagte: »Gute Reise, und komm in fünf Jahren zurück.«
Ich war meinem Instinkt gefolgt, als ich versuchte, einem üblen Regime zu entrinnen, das fest entschlossen war, die Juden zu vernichten. Ich setzte mich in ein Abteil direkt neben die Tür. Hatte ich die Absicht herauszuspringen - falls...? Man konnte mich immer noch verhaften, solange ich auf deutschem Boden war. Niemals zuvor oder danach durchlebte ich diese Anspannung, jederzeit hellwach und auf dem Sprung zu sein. In meinem Hinterkopf registrierte ich alle Anzeichen, die darauf hindeuten könnten, daß sich die Gestapo näherte. Es ging jede Minute um Leben und Tod, solange ich noch nicht die Grenze bei Aachen überquert hatte. Wir erreichten Aachen, der Zug hielt, ich stieg aus, öffnete meine Koffer und mein Handgepäck. Die stahlblauen Augen eines Nazibediensteten starrten mich und meinen Paß an. Er ließ mich zum Zug zurückgehen: Ich war frei! Wenige Stunden später erreichte der Zug den Gare du Nord in Paris.

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