Wieder in Berlin

Seit ich am 23. Mai 1933 am Bahnhof Zoo gestanden und auf meinen Zug nach Paris gewartet hatte, war Berlin in meinen Gedanken eine Chimäre. Nie kam es mir in den Sinn, daß dieses Ungeheuer sich eines Tages in einen angenehmen Traum verwandeln könnte. Sagte ich mir nicht stets, daß ich Deutschland für immer den Rücken gekehrt hatte und daß nichts mich veranlassen würde, auch nur für einen kurzen Besuch zurückzukehren? Viele Male hatte ich Ruth, die meine unversöhnliche Einstellung nicht teilte, meinen Entschluß erklärt. Sie hatte alles mögliche unternommen, um Katherines Adresse in Konstanz am Bodensee ausfindig zu machen, und die beiden hatten sich in einer lebhaften Korrespondenz wiedergefunden, eine Tatsache, die durch einen Besuch Ruths in Konstanz bestärkt werden sollte. Auch zwischen Katherine und mir gingen Briefe hin und her. Katherine äußerte darin den dringenden Wunsch, die Freundschaft mit mir zu erneuern und bat mich, Ruth zu begleiten. Nolens volens war ich wieder einmal Teil eines Trios geworden. Unser Wiedersehen und die Vorstellung, nach Deutschland zurückzukehren, erfüllten mich mit bösen Vorahnungen. Wie konnte ich Katherine wiederbegegnen nach ihrem Vertrauensbruch und einer Trennung, die endgültig gewesen war! Ruth redete mir gut zu, meine Aversion gegen Deutschland und alles Deutsche zu bekämpfen. Am Ende willigte ich widerstrebend ein, unter der Bedingung, daß sie mir bei Bedarf als »Leibwächter« dienen müsse. Und so fuhren wir im Herbst des Jahres 1964 nach Konstanz.
Katherine spielte die Rolle der deutschen Frau, die den Juden immer schon positiv gegenübergestanden hatte, bis zur Perfektion. Sie lieferte uns ein Melodrama: Drei alte Freundinnen sind wieder vereint und sich so nahe, als wären sie nie voneinander getrennt worden, als habe die Hitlervergangenheit keine Rolle gespielt.
In Konstanz, einer im Mittelalter gegründeten Stadt, wohnten wir in einem alten Hotel, in dem ich vor über 40 Jahren glückliche Tage mit den Lubowskis und dem persischen Dichter verbracht hatte. Es gab sie immer noch, die üppigen Grünanlagen, die auf den Bodensee hinausgingen. Auf seiner weiten Wasserfläche konnte das Auge ruhen und in der Ferne war die kleine Insel Mainau zu erkennen. Die gegenüberliegende Seite des Sees, zu dem wir in meiner Studentenzeit mit einem kleinen Boot hinübergerudert waren, konnte man eher ahnen als erkennen. Katherine ging in einem der Parks auf eine Bank zu, auf der sich eine würdevolle alte Dame niedergelassen hatte. »Würden Sie erlauben?« fragte Katherine mit einer leichten Verbeugung. Die Dame schien nicht gerade erfreut zu sein, aber mit einem »Gestatten Sie« nahmen wir drei Platz. Hier herrschten immer noch die gleichen altmodischen Sitten. Es schien, als ob sich in dieser alten Provinzstadt, die im Mittelalter wie in unserer Zeit der Gewalt ausgesetzt gewesen war, nichts geändert hatte. Die Atmosphäre der alten Straßen und Gebäude versetzten die Besucher in ein anderes Jahrhundert. Hier war die Zeit stehengeblieben. Wir nahmen unseren Nachmittagstee in einem großen Cafe im Grünen ein. Die Menschen verbeugten sich voreinander auf eine beinahe chinesisch anmutende Weise; ihr heftiges Händeschütteln jedoch war wahrhaft germanisch. Wie gut kannte ich dieses demonstrative Verhalten, hinter dem sich oft Feindseligkeit und Furcht verbergen. Ja, es war alles wie früher, sogar die Kapelle spielte die gleiche Musik, Melodien von vor dem Krieg und Walzer der Gebrüder Strauß. Tatsächlich - ich war zurückgekehrt und atmete »Heimatluft«.  Ich konnte nicht anders, ich war entzückt von der Musik, den Grünanlagen, dem See und der Landschaft. Sehnsüchtige Erinnerungen an meine Studententage kamen auf, die ich noch vor einer Woche verächtlich zurückgewiesen hätte.
Am nächsten Tag nahmen wir die Fähre zur alten Stadt Meersburg am Bodensee, einem Mekka der Dichter. Hier lebte und starb Annette von Droste-Hülshoff in einem Haus in einer der Kopf-stein-gepflasterten Straßen der hügeligen Stadt. Sie war die meist gefeierte deutsche Dichterin des 19.Jahrhunderts; und sie schrieb die Novelle »Die Judenbuche", an die ich mich erinnerte, als ich ihre Gedenktafel betrachtete. Dieser Roman ist die dokumentierte Geschichte des Antisemitismus; Droste-Hülshoff beschreibt darin, wie ein guter Mann, ein westfälischer Jude, von den Bewohnern seines Dorfes verfolgt wird. Meine Erinnerungen an Annette von Droste-Hülshoffs Buch standen in bezug zu dem, was mir einige Stunden später zustieß. Während unserer Rückkehr nach Konstanz sah ich einen typischen Deutschen »aus alten Zeiten«:  gerötetes Gesicht, Stiernacken, Lederhosen und Tirolerhut. Er starrte mich mit unverhohlenem Haß an, und ich starrte mit dem gleichen Blick zurück, mit dem ich den Gestapobeamten betrachtet hatte, als er mich 1933 in der U-Bahn nach Neukölln verhaftete. Als wir Konstanz erreichten, bat ich darum, unser Abendessen auf der schweizerischen Seite der Stadt einzunehmen. Von dem Augenblick an, als ich mit diesem Mann konfrontiert worden war, ertappte ich mich dabei, daß ich mich - wie damals - dauernd über die Schulter umsah. Die Illusion »glücklicher Tage« in Deutschland war wie eine Seifenblase zerplatzt.
Nach London zurückgekehrt, schwor ich mir, daß ich mit Deutschland abgeschlossen hatte. Doch ich bedauerte meinen Besuch nicht: Ich hatte mich einer Situation gestellt, von der ich vorher geglaubt hatte, ich würde mich ihr nicht aussetzen. Meine Überempfindlichkeit gegen die deutsche Sprache erwachte wieder. Ich hatte sie ohnehin kaum benutzt, nachdem ich Helen in Paris verlassen hatte. Bis zum Jahre 1964 hatte ich bereits länger im Exil gelebt als in Deutschland. Ich hatte mich im Exil niedergelassen, und es führte kein Weg mehr zurück in die Vergangenheit. Während dieser Tage mußte ich oft an Heinrich Heines berühmte Zeilen denken:

  • »Denk ich an Deutschland in der Nacht bin ich um meinen Schlaf gebracht«

Vielleicht war es immer schon unmöglich, mit den Deutschen zu leben, wenn ein deutsch-jüdischer Dichter des 19.Jahrhunderts so empfand wie er. Ein Jude kann sich bei den Deutschen nicht wohlfühlen, sagte ich mir.
Diese Empfindungen hielten nach meinem Konstanz-Besuch etwa sieben Jahre an. Dann geschah etwas, das meine Abwehrhaltung aufbrach. Ich mußte mit dem deutschen Verlag korrespondieren, der mein Buch »On the Way to Myself« unter dem Titel »Innenwelt und Außenwelt« herausbringen wollte. Der Verlagsleiter schlug vor, die Übersetzerin des Buches auf einen Besuch zu mir zu schicken. Sie kam im Juni 1971. In dem Augenblick, als ich sie das erste Mal sah, brach das ganze Kartenhaus der Vorurteile gegen die Deutschen - jedenfalls der jüngeren Generation- zusammen. Eine Frau Anfang 20 in einer hübsch geschnittenen roten Hose und einer Art Bolero über einer grünen Seidenbluse gab mir die Hand. Sie hätte aus New York oder Paris kommen können; offenbar gehörte sie zu den Menschen, die sich überall zu Hause fühlen und mit allen möglichen Leuten Kontakt aufnehmen können. Ihre Augen hatten das »deutsche Blau", doch sonst erinnerte mich nichts an einen »Typus«.  Ich kannte mich selbst nicht wieder, denn ich sprach mit ihr, als würden wir uns schon Jahre kennen. Sie studierte Philosophie an der Universität Hamburg, und wir fanden uns schnell in meinen Erinnerungen an Walter Benjamin. Als ich ihr mein Buch »Love between Women« zeigte, sah sie es sich sorgfältig an und überlegte eine ganze Weile. Dann sagte sie: »Ich kenne jemanden beim Rowohlt-Verlag. Ist es Ihnen recht, wenn ich mich bei dem Verlag wegen einer möglichen Übersetzung erkundige?« Es war mir recht. »Ich würde es sehr gerne selbst übersetzen, sind Sie damit einverstanden?« Wieder stimmte ich zu, unter der Bedingung, daß ich ihren Text durchsehen und korrigieren konnte. Sie hielt Wort. Das Buch kam 1973 beim Rowohlt-Verlag unter dem Titel »Die Psychologie der lesbischen Liebe« heraus - übersetzt von Christel Buschmann. Als sie mich wieder besuchte, um ihre Übersetzung mit mir durchzugehen, wurden wir Freundinnen. Ohne es zu wissen, bereitete sie mir den Weg zu einer erneuten Annäherung an deutsche Menschen, die dazu führte, daß ich später zweimal Berlin besuchte.
Eine lesbische Zeitschrift namens U. K. Z. (Unsere kleine Zeitung), die in Berlin herauskam, machte 1977 auf meinen Roman »Flickwerk« aufmerksam. Diese Zeitschrift ist das Sprachrohr der lesbischen Gruppe L.74 (L steht für Lesbos, 1974 für das Gründungsjahr). Eine Reihe von lesbischen Monatszeitschriften in Deutschland, den USA und England tauschten Informationen und Artikel, die von gemeinsamem Interesse sind, aus. Die U. K. Z. war an einem Interview interessiert, das ich Jackie Forster von der Gruppe Sappho über meinen Roman gegeben hatte. Anlaß war die Veröffentlichung von »Die Psychologie der lesbischen Liebe« in deutscher Sprache. In der Aprilnummer 1977 erschien ein Photo von mir, zusammen mit einer kurzen Beschreibung der Lebensereignisse, die mit meiner Arbeit in Zusammenhang standen. Es wurde versprochen, meinen Roman zu rezensieren, sobald er in deutscher Übersetzung erhältlich war. Sofort schrieb ich an Käthe Kuse, die Gründerin von L. 74 und eine der Herausgeberinnen der Zeitschrift. Mein Brief wurde von Eva Rieger beantwortet, die mir mitteilte, daß die Gruppe sich sehr darüber freute, mit mir in Kontakt zu kommen. Bald darauf schickte mir Käthe Kuse eine Einladung zusammen mit einem Rundbrief, den sie vor einigen Jahren geschrieben hatte. Darin wurden die ersten Anfänge der Gruppe geschildert. Es faszinierte mich, von dem Kampf der deutschen Homosexuellen um ihre kollektive Identität zu erfahren und davon, wie schwierig es gewesen war, sich in Gruppen zusammenzuschließen, um gegen die gesellschaftlichen Vorurteile anzukämpfen. Sie hatten länger dafür gebraucht als die Amerikanerinnen und Engländerinnen, und dies hing mit der deutschen Geschichte zusammen. L. 74, die mir den Weg zurück nach Berlin ebnete, war eine Gruppe berufstätiger Frauen über 30. Sie waren der Überzeugung, daß sie nicht in eine bereits bestehende lesbische Gruppe, das L. A. Z. (Lesbisches Aktions-Zentrum) hineinpaßten, deren Mitglieder hauptsächlich aus jungen Studentinnen, Angestellten und Krankenschwestern bestanden. Der Rundbrief erwähnt auch die H.A.W. (Homosexuelle Aktion Westberlin), ursprünglich eine von Männern gegründete Organisation, der vorübergehend auch lesbische Frauen angehörten, bis diese sich im L.A.Z. organisierten. Beide Gruppen hatten mitgeholfen, L.74 aufzubauen, indem sie ihr Adressen möglicher Mitglieder weitergaben. Gertrude Sandmann, eine Schülerin von Käthe Kollwitz, war sozusagen die Gründungsmutter der Gruppe. Sie war von der Notwendigkeit überzeugt, berufstätige Lesbierinnen »reiferen« Alters zusammenzuführen. Es war eine kluge Entscheidung gewesen, die Mitgliedschaft derart zu begrenzen, denn die älteren Frauen hatten ein tieferes Verständnis der lesbischen Situation als die jüngere Generation, die nach der Hitlerzeit geboren worden war. Da die Vorgeschichte meiner Berlinbesuche in mancher Hinsicht mit der Situation lesbischer Frauen in Deutschland verbunden ist, möchte ich einige spezifische Ereignisse beschreiben.
Zwischen der Bildung lesbischer Kollektive in Deutschland und denen in England und Amerika liegt eine beträchtliche Zeitspanne. Sie ist das Ergebnis der Unterdrückung während des Hitlerregimes, die manche lesbischen Frauen noch nicht ganz überstanden haben. Deutsche Lesbierinnen hatten große Schwierigkeiten, eine eigene Identität zu finden, und noch größere, sie öffentlich zu proklamieren. Ihr Gefühl von Schuld und Ablehnung war komplexer und schmerzhafter als es bei den Lesbierinnen in angelsächsischen Ländern und in den USA der Fall war. Dagegen haben es die jüngeren Lesbierinnen in mancher Hinsicht leichter. Sie sind erst nach der Nazizeit geboren, die von der neuen bundesdeutschen Regierung und anderen offiziellen Stellen moralisch verurteilt wurde. Und sie konnten Schwierigkeiten mit ihren Eltern, die zum Teil die Schrecken der Vergangenheit noch nicht vergessen hatten, besser überwinden. Aber ob alt oder jung, sehr viele deutsche Lesbierinnen sind überzeugte Feministinnen. Dadurch, daß sie sich der Frauenbewegung angeschlossen haben, wurde nicht nur ihre Gettosituation in der Gesellschaft aufgebrochen, sie wurden auch zu Teilnehmerinnen an einer internationalen Revolution. Ihr feministischer Hintergrund sicherte ihnen ein Gefühl des Selbstsvertrauens. Und dies zurecht, denn ohne den lesbischen Einfluß hätte sich der Feminismus nicht zu einer solchen Bewegung formieren können. Der zeitliche Abstand zwischen der deutschten Lesbenbewegung und der in anderen Ländern spiegelt sich auch im Interesse der Medien an diesem Thema wider. Während der erste lesbische Fernsehfilm in England bereits in den späten 60er Jahren gezeigt wurde, strahlte das Fernsehen in der Bundesrepublik den ersten deutschen Film zu diesem Thema, »Zärtlichkeit und Rebellion", erst im August 1973 aus. Eine der jüngeren Gründerinnen von L. 74 hatte darin den Mut, öffentlich zu erklären, daß sie Frauen liebt, und ihr Gesicht offen zu zeigen. Alle anderen Darstellerinnen versteckten ihr Gesicht vor der Kamera.
Im Jahre 1977 suchten lesbische Frauen in der Bundesrepublik immer noch einen sicheren Boden unter ihren Füßen. Ihre Sehnsucht  nach  internationaler   Solidarität  mit  anderen lesbischen Frauen war vermutlich einer der Gründe, warum mein Buch über weibliche Homosexualität bei ihnen einen so großen Anklang fand und sie den persönlichen Kontakt mit mir suchten. Der Gedanke, deutsche Feministinnen und Lesbierinnen zu treffen, gefiel mir. Ich wollte ihre Persönlichkeiten, ihre Wünsche und Hoffnungen kennenlernen. Durch eine lebhafte Korrespondenz mit zwei Frauen von L. 74 wurde dieser Wunsch konkreter, und eines Tages machte ich den Vorschlag, sie zu besuchen. Er stieß auf begeisterte Zustimmung. Ich weiß nicht, warum ich so schnell bereit war, die jahrzehntelange Ablehnung alles Deutschen aufzugeben und den Entschluß zu fassen, Berlin wiederzusehen. Ich vermute, mein Geisteswandel hing mit der Tatsache zusammen, daß ich mich bei lesbischen Feministinnen »sicher« fühlte, so als ob mir in ihrer Mitte nichts geschehen könne. Doch deutschen Boden zu betreten, bedeutete auch, anderen Deutschen zu begegnen, die Sprache zu hören und zu sprechen, die Vergangenheit wieder zu »fühlen", die viele meiner Familienangehörigen ermordet und mich fast in ihrem Netz der Zerstörung gefangen hatte. Obwohl oder weil ich dieses merkwürdig drängende Bedürfnis, Deutschland wiederzusehen, empfand, erfüllte mich meine vorgesehene Reise nach Berlin mit widersprüchlichen Gefühlen. Immer wieder verwarf ich meinen Plan, doch meine Neugier und eine unerklärliche Sehnsucht waren stärker als alles, was mich hätte hindern können. Berlin begann in meiner Vorstellung eine »Schatzinsel« zu werden, auf der ich etwas Kostbares wiederfinden wollte, das ich verloren geglaubt hatte.
Durch meine Korrespondenz mit den Berliner Frauen erfuhr ich von einem Projekt, an dem sie mich beteiligen wollten. Sie hatten nach Dokumenten des Lebens lesbischer Frauen in den 20er Jahren gesucht, eine Zeit, die sie zurecht als »lesbisches Paradies« betrachteten. Von 1924 bis 1933 hatte es in Berlin eine Zeitschrift namens »Die Freundin« gegeben, und Eva Rieger hatte entdeckt, daß es in der Westberliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz noch alle Nummern vollständig gab. Sie hatte daraufhin von allen Ausgaben eine Kopie gemacht. Es grenzt schon an ein Wunder, daß eine ganze Sammlung dieser »degenerierten« Literatur die Nazizeit überleben konnte. Jedenfalls hielt ich eines Tages 30 Fotokopien der »Freundin« in meinen Händen. Sie sollten in Buchform wieder veröffentlicht werden, und ich willigte ein, das Vorwort zu schreiben. Da ich selbst für die Gruppe ein »Stück Zeitgeschichte« repräsentierte, wollten die Frauen mich während meines Besuches interviewen. Sie wollten einiges über meine lesbischen Erfahrungen wissen, über die Atmosphäre in den Nightclubs, Tanzdielen und anderen Treffpunkten lesbischer Frauen in den 20er Jahren. Ich las diese Zeitschriften - ein eigenartiges Stück deutscher Kulturgeschichte vor der Hitlerzeit - amüsiert, ungläubig und fasziniert. Zu der Zeit, als »Die Freundin« erschienen war, hatte ich nie eine Ausgabe davon in die Hände bekommen, ein sicheres Zeichen dafür, mit welcher Geheimniskrämerei sie sich umgab, obwohl doch homosexuelle Filme und Theaterstücke zu der gleichen Zeit »en vogue« waren. »Die Freundin« war damals offensichtlich ein »uneheliches Kind", das sein Gesicht nicht offen zeigen durfte. Die lesbische Welt, die sie darstellt, hatte wenig Gemeinsamkeiten mit den homosexuellen Frauen, die ich damals kannte, und der Welt, in der ich mich bewegte. Ihre Leserschaft muß einer anderen Klasse angehört haben, in einer anderen Welt geliebt, getrunken und getanzt haben. Sie traf sich jede Woche in den Lokalen auf dem Alexander Platz und in dem umgebenden Bezirk, wo die ärmeren Menschen lebten. Die folgende Anzeige in der »Freundin« illustriert, wie sich Lesbie-rinnen damals vergnügten: »Sonnabend, 30. Juli, 1927. Nur Damen treffen sich jeden Mittwoch und Sonnabend im Alexander-Palais. 'Ein Sommernachtstraum'."
„Die Freundin« veröffentlichte alle Arten von Anzeigen weiblicher und männlicher Homosexueller, auch von »Heteros«.  Ihre Ankündigungen betrafen nicht nur Amüsierlokale, sondern auch Vorlesungen über Homosexualität von Magnus Hirschfeld, von Psychiatern und Rechtsanwälten. Es war ein sehr gemischtes Publikationsorgan, dessen einzelne Zutaten nicht zueinander paßten. Kurzgeschichten, Gedichte und Zeichnungen waren von unglaublicher, lächerlicher Maniriertheit und der größte Kitsch, den man sich vorstellen kann. »Die Freundin", die in ihren Anzeigen beide Geschlechter ansprach, folgte damit einem Brauch der damaligen Zeit. Männer und Frauen wurden unverändert als »zusammengehörig« betrachtet, sogar in homosexuellen Klubs.
Homosexuelle Frauen und Männer haben eine Sehnsucht nach ihrer eigenen Geschichte, und vermutlich war dies auch der Grund, warum meine Berliner Briefpartnerinnen auf die Suche nach ihren »Wurzeln« gegangen waren. »Die 70er Jahre begegnen den 20ern« war der Schlachtruf junger Deutscher, nicht nur der Homosexuellen. Sie wollten die Zeit vor Hitler kennenlernen, besonders alle Aspekte des damaligen kulturellen Lebens, um ihre Zukunft auf einem Deutschland aufzubauen, das einmal das Modell einer freiheitlichen Gesellschaft gewesen war. So etwas wie »Die Freundin« wieder zu veröffentlichen, traf auf ein allgemeines Bedürfnis. Die Annahme des Vorschlages, daran mitzuarbeiten, machte mir die Entscheidung leichter, nach Berlin zu fahren. Leider mußte dieses gut durchdachte und gut vorbereitete Projekt aufgeschoben werden, weil Eva Rieger, die daran mitarbeitete, Berlin verließ. Dennoch gab ich den einmal gefaßten Entschluß nicht auf. Der letzte »Hebel« war eine Einladung des Berliner Frauenbuchladens Labrys und der Gruppe L.74, in der Amerikanischen Gedenk-Bibliothek aus meinen Büchern »Flickwerk« und »Innenwelt und Außenwelt« zu lesen. Diese Einladung gab mir das Gefühl, daß mein Besuch für diese Frauen wirklich eine Bedeutung hatte. Doch immer noch waren Zweifel und Furcht nicht verschwunden. Zufällig besuchte mich Sybille Bedford zehn Tage vor meinem geplanten Abreisetermin. Ich schilderte ihr meinen Konflikt, und ihre Worte setzten meiner Unentschlossenheit ein Ende. »Du mußt im Triumph zurückkehren", sagte sie. »Es wird Dir guttun. Geh'!« Doch noch am Morgen meiner Abreise, am 5. April 1978, war ich unschlüssig, ob ich das ganze Unternehmen nicht absagen sollte. Dann plötzlich waren meine Ängste verschwunden, ich sah dem Besuch freudig entgegen und konnte es kaum erwarten, in Berlin anzukommen.
Als ich auf dem im Vergleich zum Londoner Flughafen Heathrow geradezu gemütlich wirkenden Berliner Flughafen Tegel ankam, hielt ich Ausschau nach Ilse Kokula, eine meiner beiden Briefpartnerinnen und ihrer Freundin S., die versprochen hatten, uns zu der Pension zu bringen, wo wir uns einquartieren sollten -nur einen Steinwurf vom Kurfürstendamm entfernt. Meine Freundin Audrey begleitete mich, weil ich nicht allein nach Deutschland fahren und sie gern einmal Berlin kennenlernen wollte. Blitzartig erfaßte ich zwei lächelnde Gesichter hinter der Absperrung; es waren Ilse und ihre Freundin. Beide winkten uns zu. Als wir hinter die Absperrung gelangt waren, übergab mir Ilse einen Strauß Lilien, und nachdem S. unser Gepäck im Kofferraum ihres Autos verstaut hatte, machten wir uns auf den Weg zur Pension Arkona in der Meinekestraße. Die Straßen, durch die wir fuhren, nahm ich kaum wahr. Unsere beiden Begleiterinnen waren in den 30ern. Ilse, eine extravertierte Frau, freute sich offensichtlich darüber, mich persönlich kennenzulernen, S. war freundlich, aber zurückhaltend. Ihre präzisen Fragen paßten zu dem beobachtenden Blick, mit dem sie mich betrachtete. Schließlich erreichten wir die Pension, ein altes Gebäude, das den Krieg überlebt hatte. Sein Stil und Komfort war der gleiche wie zu meiner damaligen Berliner Zeit. Als wir schließlich die Tür unseres Hotelzimmers hinter uns geschlossen hatten, ließ ich mich erschöpft auf das Bett fallen. Doch ich war entschlossen, mein Versprechen einzuhalten, noch am gleichen Abend die Gruppe L. 74 zu besuchen. Der Tag unserer Ankunft fiel auf einen Mittwoch, und das bedeutete: Heute Abend hatte die Gruppe ihr wöchentliches Treffen. Wir wurden erwartet. Zwei Stunden später fuhren Ilse und S. uns zur Mariannenstraße 334 in Kreuzberg, wo L.74 in der dritten Etage eine kleine, aber geräumige Wohnung gemietet hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich etwas von meiner Verwirrung abgeschüttelt, tatsächlich in Berlin zu sein. Im Vorbeifahren erkannte ich vage die schäbigen Häuser im Armenviertel Kreuzberg, ein Stadtteil der an Neukölln angrenzt. Es war die Gegend, in der früher mein Arbeitsplatz lag.
Unsere beiden Begleiterinnen verließen uns, nachdem sie uns an der Tür abgesetzt hatten. Käthe Kuse, eine hübsche, über 70jährige Frau, begrüßte uns. Sie führte uns in den »Salon", wo die Frauen der Gruppe uns erwarteten. Etwa 20 Frauen in legerer Freizeitkleidung saßen an den Tischen, Bierflaschen und Plastikbecher vor sich. Käthe überreichte mit einen Blumenstrauß, und wir setzten uns an einen der Tische. Unsere Gastgeberinnen brachten uns Kaffee und Kekse. Neben mir saß eine beeindruckende alte Frau mit grimmigem Gesichtsaudruck, die ich schon erkannt hatte, bevor ich ihr vorgestellt wurde. In der Weimarer Republik war sie Stadträtin gewesen, den Krieg hatte sie in einem im Wald versteckten ausrangierten Eisenbahnwagen überlebt. Sie war zwar keine Jüdin, dennoch mußte sie während der Nazizeit um ihr Leben fürchten, denn sie war Kommunistin. Sie sprach nur wenig, daher wandte ich mich bald von ihr ab und fragte laut: »Ist Eva Rieger hier?« Ich hatte kaum den Namen ausgesprochen, da sprang eine lächelnde junge Frau auf und gesellte sich zu uns. Ihre Spontaneität und ihre Art, wie sie ihre Freude zum Ausdruck brachte, mich zu sehen, erfüllte mich mit Wärme. Ich betrachtete ihre dunklen, intelligenten Augen in einem schönen Gesicht und mir war, als würde ich sie schon lange kennen. Von dem Augenblick an fühlte ich mich bei dieser Gruppe zu Hause und begann, mich systematisch umzusehen. Die Gruppe war bunt gemischt: Krankenschwestern, Lehrerinnen, Dozentinnen, Wirtschaftswissenschaftlerinnen. Eine dicke, gemütliche Frau war früher Köchin in einem psychiatrischen Krankenhaus in England gewesen; sie unterhielt sich mit Audrey auf englisch. Sie alle wollten wissen, wie es um die lesbischen Frauen in London steht, welche Organisationen es für sie gibt und was sie tun. Einige Frauen aus dem Lesbischen Aktions-Zentrum (L.A.Z.) kamen vorbei, um mich »mal zu sehen«.  Sie stellten Fragen mit einem leicht aggressiven Tonfall, so als wären sie sich unsicher, ob ich auch in allen Punkten mit ihnen übereinstimmte. Aber nach unserem Dialog änderte sich ihr Tonfall, und zur Überraschung der Gruppe L. 74 luden sie mich ein, in ihr Zentrum zu kommen, um mit der Gruppe zu diskutieren. Damit war ich einverstanden, und es wurde ein Abendtermin vereinbart.
Zwei Stunden waren in angenehmer Atmosphäre vergangen. Wir hatten diskutiert, und ich hatte viele Fragen beantwortet. Der Kontakt mit L.74 und der »Patrouille« des L.A.Z. war zu unser aller Zufriedenheit hergestellt. Eva Rieger nahm uns in ihrem Auto mit zur Pension zurück und schlug vor, uns am nächsten Morgen zu einem Besuch Ostberlins abzuholen. Vor Erschöpfung fielen Audrey und ich in unsere Betten, doch kurz vor dem Einschlafen bemerkte ich noch die sorgfältig gearbeiteten Doppelfenster und den Messinggriff an der Tür. All das war genauso, wie ich es noch von früheren Zeiten her kannte.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fragte ich mich, wie ich wohl die nächsten sechs Tage überstehen sollte, die mit Terminen vollgestopft waren. Der Flug nach Berlin, die Begegnung mit Ilse und S., der Besuch bei L. 74 - alles an einem Tag, das war ich nicht gewohnt. Ich hätte mich nicht zu sorgen brauchen. Meine Vitalität wuchs bei solchen Gelegenheiten, vor allem wenn es sich um erfreuliche und ungewöhnliche Ereignisse handelte. Den nächsten Tag verbrachten wir in Ostberlin. Eva Rieger fuhr uns mit dem Auto zum Checkpoint Charlie, wo wir einen Vorgeschmack auf die Grenzgepflogenheiten eines kommunistisch gelenkten Landes bekamen. Das langwierige Verfahren, ausländische Besucher auf Herz und Nieren zu überprüfen, nahm eine Stunde in Anspruch. In einem Schuppen von der Größe einer Gefängniszelle, der als Büro diente, standen etwa 50 Menschen, die eine Hälfte von der anderen getrennt durch einen schmalen Tisch, auf dem man Formulare ausfüllen mußte. Alle möglichen Einzelheiten hatte man anzugeben, etwa den exakten Geldbetrag, den man im Portemonnaie und am Körper mit sich führte. Man mußte seinen Paß einer jungen blonden Frau in die Hand drücken, die nie lächelte und einen gelangweilten und erschöpften Eindruck machte. Wie konnte sie nur mit dieser Menschenmenge fertig werden, die dort eng aneinan-dergedrängt in der stickigen Luft stand? Die Pässe verschwanden in einer Art Rohrpost und mußten in einem anderen, ebenso widerwärtigen Büro abgeholt werden. Wir mußten das Visum in DM bezahlen und DM 6,50 in ostdeutsche Währung umtauschen; ein guter Verdienst für das ostdeutsche Wechselbüro; man bekam die Anweisung, das Geld in Ostberlin auszugeben. Wir vergaßen jedoch die Unannehmlichkeiten, sobald wir die Friedrichstraße betraten und zum früheren Schloßplatz fuhren. Dies ist das Herz von Ostberlin, entweder ist es glücklicherweise verschont oder geschickt wieder aufgebaut worden. Die Humboldt-Universität steht noch so, wie sie immer dort gestanden hat - unversehrt. Dort hatte ich Albert Einstein über seine Relativitätstheorie reden hören, Vorträge des Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin und die des Begründers der wissenschaftlichen Graphologie, Ludwig Klages besucht. Der Schloßplatz, jetzt: Marx-Engels-Platz, lag vor uns in seiner perfekten Geometrie. Mit Erleichterung und Freude erspähte ich die gründe Patina des Domes.  »Der Dom hat den Krieg überlebt", sagte ich zu Eva. »Nein, aber man hat ihn exakt so wieder aufgebaut, wie er war. Sogar die Sarkophage der Hohenzollernkönige sind noch in seinem Innern aufbewahrt.« Das Kaiserliche Schloß ist zerstört worden, Regierungsgebäude stehen heute an seiner Stelle. Die Illusion einer glanzvollen Vergangenheit war immer noch vorhanden. Der frühere Schloßplatz hatte eine Atmosphäre würdevoller Stille. Doch wenn man zu der Straße »Unter den Linden« zurückschaute, konnte man die Veränderung vieler Ostberliner Straßen bis zur Unkenntlichkeit nicht leugnen. Die berühmten Linden waren abgeschlagen wurden, und die kleinen Bäumchen, die man statt dessen auf beiden Seiten der Allee gepflanzt hatte, waren ein schmählicher Ersatz für ihre damalige Schönheit. Eva Rieger nahm uns mit zum besten Restaurant in Ostberlin im Ermeler Haus auf dem Märkischen Ufer an der Spree. Diese Straße hat eine romantische Atmosphäre, mit ihren Trauerweiden, die sich im Wasser spiegeln. Das Restaurant und das Essen hatten die Qualität des besten ihrer Art überall auf der Welt. Nach einem Blick auf die Karl Marx Allee, früher die Große Frankfurter Straße, kehrten wir zum Checkpoint Charlie zurück und hatten weniger Schwierigkeiten bei der Aus- als bei der Einreise.
Am Nachmittag ging ich zum ersten Mal zu Fuß durch Westberlin. Der heutige Kurfürstendamm hat ein ganz anderes Aussehen als früher, ich hätte genauso gut in einer mir völlig unbekannten Stadt sein können. So erging es mir mit einigen Straßen und Plätzen, die ihre typische Eigenart von früher verloren hatten. Das Nebeneinander von Alt und Neu verwirrte und faszinierte mich zugleich. Dies war ein außergewöhnlicher erster Tag, und noch lag ein bedeutender Abend vor mir: ein Fest zu meinen Ehren im Frauenbuchladen Labrys, wo ich eine Reihe von Frauen treffen sollte, die mir meinen Besuch in Berlin ermöglicht hatten.
Christiane fuhr uns mit dem Auto nach Kreuzberg. Ich hatte schon am Abend zuvor einen Blick auf die Straßen Berlins geworfen, diesmal betrachtete ich sie genauer. Ich war auf der Suche nach Orientierungspunkten, um die Gegenwart mit der Vergangenheit zu verbinden. Mit Befriedigung erkannte ich den Bülowbogen wieder, ein bedeutendes Wahrzeichen. Ich sah die hohe Stahlmauer um eine U-förmige Kurve, wo früher die U-Bahn ein Stück weit über der Erde fuhr. Heute führt ihr Weg dort unter der Erde weiter, und ihre alten Waggons, die immer noch auf dem leeren Platz stehen, sind in Trödelläden umgewandelt worden.
Warum haben wir das verzweifelte Bedürfnis, nach Dingen Ausschau zu halten, die wir schon kennen? Sie bilden die Geometrie festgefügter Muster, in denen wir uns sicher fühlen. Ohne das Wiedererkennen unserer Umgebung »hängen wir in der Luft«.  Der Orientierungssinn gibt uns das Gefühl, festen Boden unter den Füßen zu haben - die Grundlage körperlichen und geistigen Gleichgewichts. Wir müssen wissen, wo wir sind, um zu wissen, wer wir sind.
Es beruhigte mich, mir die Homo-Bar vorzustellen, die es einst unter dem Bülowbogen gegeben hatte und in der ich die wilden Tänze gleichgeschlechtlicher Paare in der Begleitung von Helen und Franz Hessel hatte genießen können.
Wir betraten den Buchladen Labrys, wo Feministinnen, berufstätige Frauen, Künstlerinnen und ältere Frauen auf mich warteten. Eine alte Dame war schon über 80 Jahre alt und beeindruckte mich sehr. Sie war kaum über 1,50 Meter groß, hatte leuchtend graue Augen und weiße Locken über einer hohen Stirn. Sie hatte Deutschland während des Hitler-Regimes nicht verlassen, sondern ihr selbst auferlegtes »Schicksal« mit eisernem Willen durchstanden. Ihr Name: Gertrude Sandmann, Jüdin und Malerin, eine Schülerin von Käthe Kollwitz. Sie wurde von einer seltsamen Frau begleitet, die ihren Kopf so steif hielt, daß ich mich fragte, ob sie starke Schmerzen hatte. Sie lächelte die ganze Zeit ein rätselhaftes Lächeln, ihre Augen strahlten Charme und Freundlichkeit aus - sie hatte das »gewisse Etwas«.  Ich erfuhr, daß Tamara, die lächelnde, unter schwerer Arthritis litt. Dennoch übte sie ihren Beruf als Lastwagenfahrerin weiter aus, obwohl sie immer stärkere Schmerzen hatte und Hände und Füße immer schlechter bewegen konnte. Ich schloß aus ihrem Aussehen, daß sie bereits das Pensionsalter erreicht hatte; ich erriet, daß sie immer noch fuhr, weil sie Angst davor hatte »stillzustehen«.  »Sie ist die Güte selbst« hatte Christiane mir gesagt. »Niemand weiß etwas über sie. Sie spricht nie über sich. Wir wissen nur, daß sie einmal Tänzerin und Akrobatin war«.  Die Malerin Gertrude Sandmann saß neben mir. Sie hatte die Begeisterungsfähigkeit einer Jugendlichen, trotz ihrer 84 Jahre. Ihren wachen Augen entging nichts. Ihre Freundin Käthe Kuse hatte sie während der Schrecken der Nazizeit beschützt und ihr viele Male das Leben gerettet. Als die Gestapo anrief, hatte sie Käthe Kuse in der großen Schublade eines riesigen Schrankes versteckt. Das gut gehütete Geheimnis ihres Überlebens wurde mir von Ilse gelüftet. Hier war ich auf Menschen getroffen, die sich auf ungewöhnliche Weise einander gewidmet hatten, Menschen mit wirklichem Mut. Es hat eine Menge Menschen wie Käthe gegeben, die ihr Leben für ihre jüdischen Freunde aufs Spiel setzten. Diese drei alten Frauen hatten mir schon die Reise nach Berlin wert gemacht.
Die 13 oder 14 jüngeren Frauen waren alle Feministinnen. Einige waren lesbisch; sie hatten einen harten Kampf gegen Familie und Ehebande hinter sich auf dem Weg, ihre Identität zu finden. Alle waren entschlossen, aus der Bundesrepublik ein Land zu machen, in dem befreite Frauen leben können. Ihr Engagement für die Veränderung der Rolle der Frauen in der bundesdeutschen Gesellschaft hat eine besondere Intensität aufgrund der Unterdrückung, die lesbische Frauen unter Hitler erlitten. Kinder, Küche, Kirche -diese Bestimmung der Frau mußte verändert werden. »Frauen schaffen eine neue Welt!« Dies ist der Schlachtruf aller Feministinnen in anderen Ländern, bei deutschen Frauen ist er gleichzeitig die Erinnerung an vergangenen Schrecken und die Hoffnung auf eine Zukunft, in der die Frauen die Zügel in der Hand halten. Sie sind darauf vorbereitet, jedes Zurückfallen in den Faschismus von Anfang an zu bekämpfen. Sie haben den männlichen Chauvinismus nur zu gut kennengelernt, so daß sie radikaler sind als Feministinnen in anderen demokratischen Ländern. Sie halten die Augen offen, denn die Gefahr der Konzentrationslager und sogar des Todes war den lesbischen Frauen einmal zu nahe, als daß sie diese Zeit vergessen könnten.
Die Frauen, die ich bei Labrys traf, waren entweder Freundinnen, oder sie hatten untereinander Liebesbeziehungen, oder beides. War es ihre Intimität, die diese außerordentliche Atmosphäre in dem kerzenerleuchteten Raum ausmachte? Obwohl ihre persönlichen Bindungen auf die emotionale Atmosphäre des Abends einen positiven Einfluß gehabt haben mochte, kam doch die Begeisterung und die Wärme meiner Freundin und mir gegenüber aus einer anderen Quelle. Deutsche haben einen Hang zum Feiern, eine Eigenart, die Bestandteil ihres sozialen Trainings zu sein scheint und völlig unabhängig ist von dem jeweiligen Regime, unter dem sie leben. So war denn der Abend ein reines Fest für die »verlorene Kollegin", die zurückgekommen war, um von einem anderen Leben und einer anderen Welt zu erzählen. Niemals zuvor hatte ich mich in der Gegenwart anderer Frauen so erwünscht gefühlt. Die Wärme, mit der sie mich - eine Fremde - empfingen und umarmten, könnte man nach konventionellen Deutungsmustern als übertrieben demonstrativ bezeichnen. Doch ihre Küsse waren so natürlich wie ihre Begeisterung. Sie hatten eine emotionale Direktheit, die in der britischen Gesellschaft tabu ist. Diese Freundlichkeit und Wärme meiner Gastgeberinnen zählten für mich mehr als unsere gemeinsamen Ziele. Sie schufen die richtige Temperatur, in der ich »aufblühen« konnte, wahrscheinlich war dies das Geheimnis meiner wiedergewonnenen Vitalität.
Der folgende Tag, Freitag, der 7. April, war der Höhepunkt meiner Reise, ihr eigentlicher Zweck: die Lesung in der Amerikanischen Gedenk-Bibliothek aus meinem Roman und meiner ersten Autobiografie. Sie sollte um 20 Uhr stattfinden, doch die Stunden vorher wollte ich nicht vertrödeln. Es gab zu viel zu sehen, zu entdecken und wiederzuentdecken. Ich wollte Berlin, die internationale Metropole, noch einmal kennenlernen. Gemeinsam mit Ilse nahmen wir uns ein Taxi und fuhren zum Museum Dahlem, das vor etwa 16 Jahren erbaut worden war. Der Taxifahrer bemerkte gleich, daß ich wohl zu den »Heimkehrern« gehörte, und gab freiwillige Erläuterungen und Erklärungen auf meine vielen erstaunten Fragen und Ausrufe. Ich konnte mir nicht erklären, wo all die Straßen geblieben waren, die ich zu meiner Zeit gekannt hatte. Mir war unverständlich, wie wir nach einer so kurzen Fahrzeit im Grunewald, oder was davon übriggeblieben war, ankommen konnten. Daß wir nur wenige Minuten nach der Abfahrt aus der Meineke-straße bereits den Hohenzollerndamm passiert hatten und in Steglitz angekommen waren, verwirrte und bestürzte mich. Ich konnte nicht begreifen, wo ich war, noch warum Berlin ein meiner 45jährigen Abwesenheit in seinen Proportionen so »geschrumpft« war. Doch so war es - ich mußte Schritt für Schritt eine neue Sprache der Topographie erlernen.
„Warum ist Berlin so klein geworden?« fragte ich Ilse. Sie starrte mich an und wußte keine Antwort. »Es ist die Mauer« antwortete statt ihrer der Taxifahrer. »Natürlich nicht«, gab ich zurück. »Ich habe nie in dem Stadtteil gewohnt. Meine Straßen sind alle verschwunden oder sehen völlig anders aus.« Ich weinte fast vor Enttäuschung. Ich fühlte mich wie eine Fünfjährige bei ihrem ersten Leseunterricht. Jedes Wort war ein neues Wort, das ich mit Hilfe von Bildern lernen mußte. Doch »ganze Sätze« begriff ich noch nicht - die Straßen von Berlin.
Erschöpft von der Enttäuschung, daß die Dimensionen dieser Stadt für mich noch keinen Sinn ergaben, setzte ich mich im Museum Dahlem auf die erste erreichbare Bank. Doch ich durfte unmöglich versäumen, mir die Skulpturen von Tilman Riemenschneider anzusehen. Ich hatte nur Augen für die schmale Gestalt seines »Papstes«.  Riemenschneider lebte im 15. und 16.Jahrhundert in Würzburg und war einer der größten Bildhauer der Gotik. Sein »Papst« steht auf einem kleinen Sockel, als ob er kurz davor wäre, davonzufliegen; er ist eine würdevolle, graziöse Figur, die aussieht, als sei sie nicht von dieser Welt. Ich erinnere mich an die durchdringenden Augen in seinem aufwärtsblickenden Gesicht. Er scheint durch einen hindurchzusehen mit einem so durchgeistigten Ausdruck, wie man ihn selten bei einer Skulptur findet. Ich bemerkte übergroße byzantinische Gestalten in der gleichen Halle, die Riemenschneiders Skulptur wie schwere Möbel wirken ließ. Auf dem Rückweg fuhren wir mit dem Taxi den Südwest Korso entlang, wo ich mehrere Jahre gelebt und praktiziert hatte. Im Haus Nr. 53 A hatte ich damals meine Wohnung. Die lange Reihe der Häuser sah noch genauso aus wie früher. Oder waren es Imitationen? Wie dem auch sei, ich hatte ein weiteres Erkennungszeichen gefunden. Die andere Straßenseite bestand früher aus Schrebergärten. Inzwischen hatte man sie durch eine weitere Reihe von Häusern ersetzt, die sich ähnlich sahen wie ein Ei dem anderen. Ich empfand keine innere Verbundenheit mehr zu dieser Straße und dem Haus, in dem ich gelebt hatte. Ich wollte so schnell wie möglich wieder weg.
Vielleicht war es die Riemenschneider-Skulptur, die mir die Energie für die abendliche Lesung wiedergab. Merkwürdig, ich hatte mich kaum darauf vorbereitet! Noch unverständlicher war es, daß ich mich vorher gedanklich gar nicht auf das bedeutendste Ereignis meines Besuches eingestellt hatte. Nur die Vorstellung, ich könnte vielleicht zu müde sein, um den Text gut vorzutragen, machte mir von Zeit zu Zeit Sorgen. Lampenfieber stellte sich allerdings nicht ein. Beinahe gleichgültig suchte ich einige Passagen aus meinem Roman heraus. Aus meiner Autobiografie wählte ich die Schilderungen meiner Begegnungen mit Virginia Woolf und Walter Benjamin. Virgina Woolf war zur Heroine deutscher Feministinnen geworden, und Walter Benjamin galt bei deutschen Studenten und Intellektuellen inzwischen als eine Art Kultfigur. Eine Stunde bevor Ilse und S. kamen, um uns zur Gedenk-Bibliothek abzuholen, wurde ich erst richtig nervös. Ich wußte, diese Aufgeregtheit war die beste Garantie für einen erfolgreichen Abend. Dieser seelische Extremzustand öffnete mir die Augen für meine Umgebung. Noch einmal fuhren wir durch den Bezirk Kreuzberg. Die Bibliothek am Blücher Platz liegt in der Nähe des Landwehrkanals, in den 1917 Rosa Luxemburgs Mörder ihre Leiche geworfen hatten. Der Blücher Platz liegt in der Nähe der Berliner Mauer und wurde aus diesem Grund für den Sitz der Gedenk-Bibliothek ausgewählt. Die Bibliothek wurde 1954 als Geschenk der Amerikaner an das deutsche Volk erbaut.
Als ich mich abends in diesem zweigeschossigen Gebäude wiederfand, wurde ich in einen Hörsaal im Parterre geführt, dessen sanftes Licht diskrete Wärme verbreitete; ein Eindruck, der durch die dunkelbraune Farbe der Wände noch unterstrichen wurde. Christiane stellte mich den Zuhörern vor - es waren 400 Menschen gekommen, die meisten davon Frauen. Ich setzte mich auf meinen Platz auf dem Podium, vor mir zwei Mikrophone. Einige Frauen kamen vor dem Beginn der Lesung zu mir hoch und baten mich um ein Autogramm. Damit war das Eis gebrochen. Christiane sprach einige einführende Worte, danach hatte ich keine Angst mehr vor dem, was nun kommen sollte, und vor den vielen Menschen, die auf den Stühlen, der Fensterbank und dem Fußboden saßen. Die Atmosphäre in der Bibliothek führte diese vielen Menschen näher zusammen, und es breitete sich ein Gefühl der Privatheit in dem öffentlichen Raum aus. Dies mag auch an der Farbe der Wände gelegen haben, die sich diskret zurückgezogen zu haben schienen, und an dem sanften Licht, das die Zuhörer weniger sichtbar machte. Ich hatte niemals in einer solch ästhetisch angenehmen Umgebung eine Lesung erlebt. Da mein Roman größtenteils autobiografischen Charakter hat, kündigte Christiane vor der Lesung an, daß ich im Anschluß - wenn dies gewünscht sei - Fragen über mein Leben beantworten würde. Doch nachdem ich meine Lesung aus dem Roman beendet hatte, kamen keine Fragen. Ich gönnte mir ein paar Minuten Pause, bevor ich mit den Passagen aus »Innenwelt und Außenwelt« fortfuhr, die über Virginia Woolf und Walter Benjamin handelten. Im Anschluß daran schienen die Zuhörer bereit, mir Fragen zu stellen. Besonders wollten sie alles wissen, was ich über Virgnia Woolf zu erzählen wußte. An Walter Benjamin dagegen zeigten sie sich weniger interessiert. Mehrere Zuhörer stellten mir Fragen zu meiner Forschung über die menschliche Hand. Ich erzählte ihnen von dem Handlese-Kursus, den Julius Spier damals in Berlin abgehalten hatte und der mich auf die Idee gebracht hatte, über dieses Thema wissenschaftlich zu arbeiten. Ich sprach von meinen Forschungen in Paris und London und erwähnte auch meine Untersuchungen an verschiedenen Affenarten im Londoner Zoo. Eine junge Frau stellte mir daraufhin ziemlich abrupt die Frage, wie und warum ich Deutschland verlassen hätte und ob ich in England glücklich sei. Ihre Frage bewegte mich tief, und ich wurde mir bewußt, daß ich einen echten Kontakt zu meinen deutschen Zuhörern bekommen hatte. Dies war der Augenblick, sich der Situation gewachsen zu zeigen, so wie ich es mir vorher gewünscht hatte. Ich erzählte ihnen, was ich über Hitler und die Nazis dachte und wie ich mich Deutschland entfremdet hatte. Und leidenschaftlich fuhr ich fort, ich sei einer der wenigen Menschen, die nicht nur überlebt, sondern auch ein neues Leben mit solchen Möglichkeiten gefunden haben, wie sie es in Deutschland nie finden könnten. Und weiter: »Es hat mir wehgetan, daß Ihr großartiges Land durch Hitler, diesen Wahnsinnigen, in den Abgrund von Sadismus und Unmenschlichkeit gestürzt wurde. Sie haben die Hälfte Ihres Landes verloren, und die Juden verloren sechs Millionen Menschen - und das alles durch den Wahnsinn eines Mannes, der an die Regierung kam.« Die Reaktion auf meine Worte war vollständige Stille. Waren die Zuhörer niedergeschmettert? Ich fühlte mich recht schwach nach einigen Minuten. Ich wußte, daß ich diese Dinge sagen mußte, sonst hätte ich mich wie eine Verräterin an meinem eigenen Volk gefühlt. Nachdem ich dies gesagt hatte, fühlte ich mich frei, über meine glücklichen Tage in der Weimarer Republik zu sprechen, eine Zeit, von der das Publikum gar nicht genug hören konnte. So hatte der Abend einen glücklichen Ausklang. Viele Frauen kamen zu mir herauf, um eine persönliche Frage zu stellen oder um ein Autogramm zu erbitten. Unter ihnen befand sich die Tochter von Julius Spier, eine sanfte, weißhaarige Dame, die mir auf Anhieb sympathisch war. Ich erzählte ihr, wie wichtig ihr Vater für den Weg, den mein Leben im Exil genommen hatte, gewesen war. Eine junge Frau schenkte mir einen Strauß Veilchen, den sie auf dem Weg zur Lesung gepflückt hatte. Eine andere nahm ein Lederetui aus ihrer Handtasche; es enthielt zwei Photos von mir, die sie aus meinen Büchern ausgeschnitten hatte. Sie alle ließen mich nicht gehen, bis die Lichter ausgingen und wir gebeten wurden, den Raum zu verlassen. Die Aufmerksamkeit und Begeisterung der Zuhörer gaben mir das Gefühl, ein anderer Mensch zu sein. Ich war nach Berlin zurückgekehrt - so, wie Sybille Bedford es vorausgesagt hatte.
Christiane, Ilse und einige ihrer Freundinnen führten uns aus, in ein pittoreskes Restaurant in der Güntzel Straße, wo wir bis zum frühen Morgen fröhlich zusammensaßen und uns unterhielten. Gegen Mitternacht stießen Gertrude Sandmann und Tamara zu uns, die trotz der späten Stunde und der Tatsache, daß sie sich verfahren hatten, nicht aufgegeben hatten, uns zu suchen. Gertru-des leuchtende Augen verrieten mir mehr noch als ihre Worte, wie sehr sie sich freute, daß ich nach Berlin gekommen war, um jungen deutschen Frauen von meinem Leben und meiner Arbeit zu erzählen. An diesem Abend erlebte ich eine Art emotionale Wiedergeburt. Um zwei Uhr morgens kehrten wir zur Pension zurück, aber ich war noch viel zu aufgeregt, um schlafen zu gehen, und für eine weitere Stunde blätterte ich in den Büchern, die man mir geschenkt hatte.
Am nächsten Abend um acht Uhr kam Eva Rieger, um uns zum Diskussionsabend im L.A.Z. zu bringen. In der Kulmer Straße in Schöneberg betraten wir ein altes, schäbiges Haus und gingen geradeaus durch die Hintertür in einen großen Hof, der drei Hinterhäuser beherbergt. Die Räume des L.A.Z. befanden sich im dritten, also im billigsten. Ich fragte mich, ob sie einmal Teil eines Lagerhauses gewesen waren, denn wir wurden in einen Raum geführt, der wie ein Speicher aussah. Etwa 200 Frauen erwarteten uns - ich hatte wieder einmal ein großes Publikum. Die Frauen aus dem L.A.Z. begannen die Diskussion, indem sie mir persönliche Fragen stellten: Warum war ich Ärztin geworden, wo ich doch Literatur bevorzugt hätte? Könnte ich ihnen etwas über meine Beziehung zu der Freundin erzählen, die mit mir gekommen war? Ohne Umschweife begannen sie mich zu »taxieren«.  In erster Linie lag ihnen etwas daran festzustellen, ob ich auch eine wirklich lesbische Beziehung zu einer anderen Frau hatte, und dies galt als Test meiner Solidarität mit ihnen. Wenn ich die Prüfung nicht bestanden hätte, wären sie vielleicht aus dem Raum gestürmt. Aber alles ging gut, und so durfte ich mich friedlich zu ihnen setzen. Die anwesenden Frauen waren hauptsächlich Studentinnen und einige Hochschullehrerinnen; eine Frau war dabei, die eine hohe Position im Staatsdienst innehatte. In der Nähe des kleinen Tisches, an den ich mich setzen durfte, war eine improvisierte Bar aufgebaut. Limonade und alkoholische Getränke wurden serviert, bevor die Diskussion begann. Der Alkoholkonsum muß sich durchaus im Rahmen gehalten haben, denn obwohl die Atmosphäre erhitzt wurde, lag dies nicht an künstlichen Stimulanzien, sondern an der natürlichen Aggressivität der jungen Leute, die gelegentlich dazu neigen, älteren Menschen zu mißtrauen. Außerdem gehen sie ohnehin keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Doch es war die ältliche Staatsdienerin, die mich besonders »unter Beschuß« nahm. Sie griff mich heftig wegen meines Buches »Die Psychologie der lesbischen Liebe« an. Mit allen Anzeichen des gerechten Zornes widersprach sie der Vorstellung, daß die hormonelle Ausstattung eines Menschen irgend etwas mit Homosexualität zu tun haben konnte. Sie erklärte kategorisch, dies sei völlig falsch. Ich wiederum erklärte, es gebe eine Reihe von Beweisen dafür, daß Hormone eine gewisse Rolle bei vielen, jedoch keineswegs allen Menschen spielen, die homosexuell werden, und bat sie, mein Buch daraufhin noch einmal zu lesen, weil genau diese Differenzierung in ihm enthalten sei. Diese Frau war eine gläubige Anhängerin des Behaviorismus, und das Gleiche galt für die Mehrzahl der anwesenden Studentinnen, von denen mehrere ihre Argumentation unterstützten, indem sie etwa sagten: »Die Umwelt formt die Menschen, wir werden das, was die Gesellschaft uns lehrt.« Ich wies darauf hin, daß Individualität, Intelligenz und Kritikfähigkeit mächtige Kräfte zur Verteidigung gegen äußere Einflüsse darstellen, die einem »gegen den Strich« gehen. Ich fragte sie: »Wie glaubt Ihr denn, daß Ihr lesbisch geworden seid, in einer Umwelt, die lesbische Liebe verachtet?« »Protest", riefen sie, »wir protestieren«.  Ich ließ es dabei bewenden, denn die Diskussion hatte sich auf den schwankenden Boden des Irrationalen begeben. Zu meiner Erleichterung brachte eine sanfte Stimme das Thema wieder zum Persönlichen zurück. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir von Else Lasker-Schüler zu erzählen? War sie lesbisch, was meinen Sie?« »So weit ich weiß, waren alle ihre Liebhaber männlichen Geschlechts, doch sie liebte Frauen emotional - eine Liebe, die sie in einigen ihrer Gedichte gefeiert hat. Ich halte sie für bisexuell.« Dies war das Stichwort für die nächste Frage: »Warum haben Sie ein Buch über Bisexualität geschrieben?« Ich erklärte es kurz, und zu meiner Überraschung wurden keine weiteren Fragen zu diesem Thema gestellt. Im folgenden gingen die Fragen hin und her, vom Allgemeinen zum Persönlichen und zurück. Eine Frau fragte mit unverhohlener Neugier, ob ich Schwierigkeiten mit meinen Eltern aufgrund meiner Liebe zu Frauen gehabt hätte. Als ich berichtete, daß ich aus einer liebevollen Familie stamme, die mich so akzeptiert hatte, wie ich war und nie danach gefragt hatte, wen oder wie ich liebte, wurde ich heftig unterbrochen von einer Frau, die ausrief: »Eine liebevolle jüdische Familie? Das kannst Du mir nicht weismachen! Die Juden verachten Mädchen. Sie beten alles Männliche an, und nie würden jüdische Eltern eine lesbische Tochter dulden. Die Männer sprechen Dankgebete, daß sie nicht als Frau geboren sind!« Mit diesen Worten stürmte sie aus dem Raum. War sie eine Antisemitin, fragte ich Eva. Nein, antwortete sie mir, sie ist nur eine leicht erregbare Frau, die einen Groll mit sich herumträgt, allerdings nicht gegen Juden.
Wir fuhren fort, uns zu streiten und übereinzustimmen. Ich konzedierte den überaus wichtigen Einfluß der Umwelt, gab jedoch zu verstehen, daß der Behaviorismus völlig veraltet ist. Eine Frau rief aus: »Ich will mich nicht von einer übermächtigen Gesellschaft bedrohen lassen. Wir müssen wir selbst sein!« Ich applaudierte, und andere Frauen ebenfalls. Als der Abend zu Ende ging, baten mich die Frauen aus dem L.A.Z., einige Worte in ihr Gästebuch zu schreiben. Ich schrieb: »Kinder, Ihr seid auf dem richtigen Weg.« Das schien ihnen zu gefallen, denn sie baten mich wiederzukommen, wenn ich wieder einmal nach Berlin käme. Dieses harmonische Ende meines Abend im L. A.Z. erleichterte mich.
Eva fuhr uns zurück in die Pension. Als wir die Tauentzienstraße entlangfuhren, war ich immer noch hellwach. Ich starrte die Ruine der Gedächtniskirche an und erinnerte mich daran, wie schön sie vorher ausgesehen hatte. Aber auch so wirkte sie mächtig. Man sollte sie an Stelle des Bären zum Wahrzeichen Berlins erklären, sagte ich zu Eva.
Ich hatte den Kampf und die Harmonie im L.A.Z. genossen. Diese jungen Lesbierinnen waren furchtlos und fest entschlossen, sich nicht in ihr Leben dreinreden zu lassen. Ich hatte eine ähnliche Freiheit bei älteren Lesbierinnen nicht beobachten können, die beispielsweise als Schriftstellerinnen ein Pseudonym benutzten oder ihre lesbische Neigung verstecken mußten, um ihre berufliche Postition zu wahren. Professor Rüdiger Lautmann bestätigte mir später, daß dieses Versteckspiel der homosexuellen Frauen eher die Regel als die Ausnahme ist. Mehrere Autoren und Autorinnen des von ihm herausgegebenen Buches »Seminar: Gesellschaft und Homosexualität« hatten es nicht gewagt, unter ihrem eigenen Namen zu schreiben. Auch Ilse Kokula hatte ein Pseudonym: Ina Kuckuc, für ihr Buch »Kampf gegen Unterdrückung« gewählt, das sich mit der Diskriminierung lesbischer Frauen in Beruf und Gesellschaft beschäftigt.
Der Abend im L.A.Z. rundete den offiziellen Teil meines Berlin-Besuches ab. Den Nachmittag des letzten Tages verbrachten Audrey und ich mit Christiane und Heidi, die uns die ärmeren Bezirke Berlins zeigen wollten. Wieder einmal erschrak ich darüber, wie sehr die Geschwindigkeit eines Autos riesige Entfernungen - den Kurfürstendamm, Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln -zusammenschrumpfen läßt. Ich kam zu dem Schluß, daß die Teilung Berlins durch die Mauer die Topographie seiner Stadtteile geistig verändert hat. Auf mich übte die Stadt eine klaustrophobische Wirkung aus, die zu meiner Schwierigkeit, noch erhaltene Straßen und Plätze wiederzuerkennen, hinzukam.
In Kreuzberg fuhren uns die beiden »Stadtführerinnen« in eine von ihnen bevorzugte Gegend, wo sich West- und Ostberlin im Angesicht der Mauer begegnen. Wir erreichten den Mariannen Platz, der für mich von eigenartigem Reiz war. Es ist ein schöner und gleichzeitig grauenhafter Platz. Die Mauer starrte uns an, doch keine Soldaten waren zu sehen, als wir sie aus dem Innern des Wagens heraus betrachteten. Man konnte die Häuser auf der anderen Seite erspähen. Sie schienen verlassen zu sein, und man hatte den Eindruck, sich in einem Niemandsland zu befinden; die unmittelbare Umgebung beiderseits der Mauer war totenstill. Doch der sanft ansteigende Mariannen Platz selbst strahlte eine Ruhe und Schönheit aus, die keineswegs tot wirkte. Im Gegenteil, der Platz war auf eine gewalttätige Art lebendig. Auf den schmutzigen Mauern standen Parolen wie »Nieder mit dem Faschismus« - »Es lebe der Kommunismus«.  Die Atmosphäre der Stille trotz dieser »Gewaltschreie« schien ein Widerspruch zu sein. Dies war eine der wenigen Gegenden in Berlin, wo ich mich fast heimisch fühlte. Dem Platz war die Zerstörung durch Bomben erspart geblieben, und die alten Gebäude erinnerten merkwürdig unverändert an das alte Berlin, obwohl sie nicht so instand gehalten wurden, wie es sein sollte. Die schweren Eingangstüren starrten vor Schmutz, genauso wie die Außenwände. Die Bewohner, meist türkische Gastarbeiter, waren wahrscheinlich froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben und nahmen den verwahrlosten Zustand der Häuser in Kauf. Einige türkische Frauen in Kopftüchern gingen ein und aus, Kinder spielten auf einem schäbigen Hof, den ihre Eltern in einen ärmlichen Spielplatz verwandelt hatten, mit einer Schaukel in der Mitte und einem Trapez, das von der Decke eines offenen Schuppens herabhing. An einer Hauswand hatte jemand mit großen schwarzen Buchstaben antifaschistische Parolen gemalt. Innen befand sich das Chamisso Cafe, ein bekannter Intellektuellen- und Künstlertreff. Hier fühlte ich mich auf Anhieb wohl. Die Phantasie eines Künstlers hatte den langen, schmalen Raum mit seinen pastellfarbenen Gemälden an den Wänden in Dämmerlicht getaucht. Es gibt eine romantische Ader bei deutschen Menschen; weder die heutige Politik noch der Materialismus konnte sie beseitigen. In ihr liegt so viel Emotionalität, daß die Phantasie angeregt wird. Sie verleiht einem Ort wie diesem den spiritus loce und die Atmosphäre des Ungewöhnlichen oder Mysteriösen. Diese romantische Grundhaltung hat sehr viel mit Sehnsucht zu tun. Man möchte wiedersehen, was man wehmütig in der Erinnerung bewahrt hat. Kein Wunder, daß Orte wie das Chamisso Cafe in dem Besucher den Wunsch wecken, dorthin zurückzukehren. Mir war klar, daß ich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wieder hierhin kommen würde.
Auf dem Weg zurück zum Hotel fuhren wir am Frauenbuchla-den Labrys vorbei, wo Heidi ausstieg, um mir ein Geschenk aus dem Laden zu holen. Voller Bewunderung betrachtete ich die weichen und doch kraftvollen Bewegungen dieser androgynen Frau. Ihre großen, graublauen Augen, verträumt und introvertiert, verraten Intelligenz und eine Tiefe des Gefühls, doch frühe traumatische Erfahrungen haben sie reserviert in ihrer verbalen Ausdrucksweise gemacht. Als Heidi wiederkam, legte sie einen enormen Kunstband auf meinen Schoß: »Tendenzen der Zwanziger Jahre, 15. Europäische Kunstausstellung, Berlin 1977«.  Dies ist weit mehr als ein Katalog; der Band untersucht auf mehreren 1000 Seiten die Hauptströmungen der Kunst in den 20er Jahren, die lebendig werden durch zahlreiche Illustrationen und präzise biografische Skizzen der wichtigsten Künstler. Dieses Buch ist eines der kostbarsten Geschenke, die ich je erhielt. Im Laufe meines Berliner Aufenthaltes hatte ich Christiane und Heidi näher kennengelernt. Sie sind die »Seele« des Buchladens Labrys, den sie 1975 gründeten und in dem bald ein Frauen-Kollektiv mehr zu bieten hatte als eine Auswahl feministischer Literatur. Die Frauen pflegen einen persönlichen Kontakt zu ihren Kundinnen, beraten sie, falls dies erwünscht ist, spenden Trost, wenn eine Frau Trost benötigt.
Die Gehälter, die sie sich auszahlen, müssen niedrig gehalten werden, um das Projekt finanziell am Leben zu erhalten. Verschiedene Frauen arbeiten dort auch nur zeitweise, weil sie noch eine andere Arbeit haben. Bei Labrys arbeiten Lehrerinnen, Dozentinnen, Journalistinnen, sogar eine Ärztin. Sie alle haben es sich zur Aufgabe gesetzt, feministisches Wissen zu verbreiten.
Die Großzügigkeit meiner Gastgeberinnen und Zuhörerinnen war beinahe überwältigend. Bei meinem Besuch der Gruppe L. 74 hatten mir die Mitglieder dieser Gruppe die erste veröffentlichte Ausgabe der U.K.Z. geschenkt, in die alle anwesenden Frauen etwas hineingeschrieben hatten. Man drückte mir ein Manuskript in die Hand, ein Buch über den »Rosa Winkel", den Homosexuelle in Konzentrationslagern tragen mußten, und einen umfangreichen Brief, mit dem es eine besondere Bewandtnis hatte. Das Manuskript ist ein erschütterndes Dokument des Naziterrors. Es schildert, wie Deutsche ihre jüdischen Freunde zu schützen versuchten - bis zu einem gewissen Punkt. An welchem Punkt der Schutz endete, beschreibt die Dokumentär-Geschichte »Sie vergessen keinen«:  Ein Gestapo-Offizier kommt, um eine alte jüdische Frau zu verhaften, von der er weiß, daß sie in einem deutschen Haus versteckt wird. Dessen Bewohner beteuern, die Frau nie gesehen zu haben. Daraufhin schreit er sie an: »Ich werde jeden, der hier lebt, ins Konzentrationslager schicken, wenn diese jüdische Sau sich nicht morgen auf dem Sammelplatz in der Hamburger Straße zeigt.« Diese Drohung schüchtert die Hausbewohner ein. Doch sie machen ihrer jüdischen Freundin heftige Vorwürfe, als diese auf der Schwelle des Hauses erscheint. Die Jüdin hat schon erraten, was geschehen ist, schenkt ihnen all ihr noch verbliebenes Geld dafür, daß sie sie bis dahin geschützt haben. Sie geht ohne Groll - und verschwindet für immer. Die Autorinnen dieses Manuskriptes wollten damit ihr Entsetzen vor dem Nazideutschland zum Ausdruck bringen. Sie wollten mich wissen lassen, daß sie nie etwas mit dem Faschismus zu tun gehabt hatten.
Noch stärker als die dokumentarische Geschichte berührte mich der 16seitige Brief, den mir eine Frau aus der Gruppe L. 74 gab. Sie schilderte darin eine Busfahrt im Jahre 1939, als sie ein Hitler-Mädchen in Uniform war. Eine alte Frau bestieg den Bus, der bis auf den letzten Platz besetzt war. Das Mädchen stand auf und bot der Alteren den Sitzplatz an. Daraufhin wurde sie von den anderen Mitfahrenden beschimpft: »Wie kannst Du es wagen, einer Jüdin den Platz zu überlassen!« Sie sah den gelben Stern auf dem Mantel der alten Frau, die an der nächsten Haltestelle ausstieg. Und sie -so jung wie sie war- fühlte sich gedemütigt. Sie vergaß dieses Ereignis nie, das sie das ganze Leben beschäftigte. Der Brief bezieht sich auch auf die antifaschistische Einstellung ihrer Familie. Sie zitiert darin einen Ausspruch ihres Vaters: »Wenn Hitler den Krieg gewinnt, werden wir auf dem Bauch kriechen müssen, um am Leben zu bleiben. Wir sind bereits verdächtig.« Der Brief endet mit der Information, daß nicht nur homosexuelle Männer, sondern auch lesbische Frauen dem Konzentrationslager nicht entrinnen könnten, obwohl es keine Berichte über ihr Schicksal gibt. Das Buch »Der Rosa Winkel« schildert ausschließlich die Leiden und das Sterben männlicher Homosexueller und erwähnt mit keinem Wort, daß auch Lesbierinnen körperlich und geistig erniedrigt, geschlagen und vergewaltigt wurden. Als ich Fragen zu deren Schicksal stellte, antwortete meine Informantin, daß es darüber nur Gerüchte gebe, die aber weder bewiesen noch widerlegt werden könnten.
Beim Rückflug dachte ich darüber nach, daß sich mir das neue Berlin noch nicht erschlossen hatte. Zwar war ich einigen Straßen und Häusern wiederbegegnet, die sich nicht bis zur Unkenntlichkeit verändert hatten. Aber von vielen Plätzen war nur mehr der Name vorhanden. Namen sind die letzte Station der Erinnerung, wenn das Leben aus ihr verschwunden ist. Was letztendlich von der Geschichte übrig bleibt, sind Namen. Sie sind es, die das Buch des Lebens registriert und die Gott kennt - sagt die Bibel. Ich war in der Lage gewesen, einen vagen Plan zu skizzieren, der sich aus den wenigen vertrauten Punkten dieser Stadt ergab. Ich versuchte, sie vor meinem geistigen Auge als pointillistische Skizze zu entwerfen, die sich vielleicht eines Tages in ein richtiges Gemälde verwandeln ließ, wenn ich mir die Stadt auf eigene Faust erobern würde. Ich hatte gerade begonnen, wieder eine Welt zu betreten, in der ich einmal gelebt hatte. Obwohl sie sich verändert hatte, sogar größtenteils verschwunden war, hatte ich einen Schatz gefunden, junge deutsche Frauen, mit denen ich - und da war ich mir so sicher, wie man nur sein kann - in Kontakt bleiben würde.
Kaum war ich in London zurück, dachte ich daran, wie schön es wäre, wieder nach Berlin zu fahren. Eine lebhafte Korrespondenz mit einer wachsenden Zahl deutscher Frauen hielt die Kommunikation in Gang. Die Kontakte wurden sogar noch durch Besuche einiger dieser Frauen in London verstärkt. Sie halfen mir dabei, beginnende Freundschaften und den Wunsch zu festigen, weiterhin zusammenzuarbeiten. Christiane war die häufigste Besucherin, sie kam dreimal, bevor ich mich auf meine zweite Berlinreise begab. Bei ihrem letzten Besuch schlug sie vor, ich solle auf Einladung von Labrys an der Sommeruniversität für Frauen teilnehmen, die in der ersten Oktoberwoche stattfinden würde. Bei dieser Gelegenheit könne ich aus meiner im August 1979, also kurz vorher, erscheinenden deutschen Übersetzung von »Bisexualität« lesen. Ich nahm diese Einladung freudig an, denn sie stimmte mit meinen Wünschen überein.
Anderthalb Jahre lagen zwischen meinem ersten und zweiten Berlin-Besuch. Mit dem Alter verändert sich auch das Zeitgefühl. Man kann dann die Veränderung der Umstände und der Menschen, die viel jünger sind als man selbst, nicht einschätzen. Diejenigen, die 1978 Herzen und Arme für mich geöffnet hatten, könnten 1979 ganz anders empfinden. Ich wußte, daß die deutsche Frauenbewegung Veränderungen durchgemacht hatte, und auch die Gruppe L. 74 war nicht mehr die alte. Einige der Gründungsmitglieder hatten die Gruppe verlassen. Das L.A.Z. hatte seine Räume verloren und schien in die Irre zu gehen. Auch ich hatte mich verändert, doch meine »Bewegung« war eine Aufwärtsbewegung: die Kurve der Lebenserwartung hinunter. Meine Zukunftserwartungen waren auf ein Jahr ausgerichtet, oder zwei oder fünf, die Zukunft jener Frauen aber war meistenteils auf Jahrzehnte geplant. »Sie sind jung, und ich bin alt« - der Unterschied machte mir zu schaffen. Vielleicht würden wir uns nicht mehr verständigen können? Die Besuche einiger Frauen in London beruhigten mich bis zu einem gewissen Grad. Doch Zweifel an meinem Besuch kamen, gingen, kehrten zurück. Mit dem Alter werden die körperliche und emotionale Haut empfindlicher, faltiger. Die Sensibilität ist erhöht, die Toleranzschwelle niedriger. Und ich konnte nicht umhin, mich an einen gewissen Opportunismus der Deutschen zu erinnern, ihre Überbewertung des sozialen Status, die eine emotionale Ambivalenz einem eher zweifelhaften Loyalitätsgefühl hinzufügte. Loyalität - ein Charakterzug, den ich in England schätzen gelernt habe. Durch die Treue und Verläßlichkeit meiner englischen Freunde hatte ich endlich inneren Frieden gefunden.
Mein erster Berlinbesuch war perfekt, voller Überschwang, Wärme und Harmonie gewesen. Jetzt fühlte ich mich wie eine Verliebte, die sich vor der zweiten Begegnung mit dem Objekt ihrer Begierde fürchtet, weil sie Angst hat, die Magie könnte nicht mehr da sein - nicht ein zweites Mal. Die deutschen Frauen, so froh sie gewesen waren, mich in ihrer Mitte zu wissen, waren mir noch keine Freundinnen geworden, denn es waren noch keine Konflikte, keine Schwierigkeiten gemeinsam zu überwinden gewesen, die unseren fröhlichen Kontakt in solide Freundschaftsbande hätten umwandeln können.
In der Zeit zwischen den beiden Reisen nach Berlin hatte ich begonnen, mein Leben noch einmal zu durchleben - ich schrieb meine neue Autobiografie, und das verstärkte meine ohnehin vorhandene Introversion noch. Dennoch wußte ich, daß ich nach Deutschland zurückkehren mußte. Ich war nach wie vor auf der Suche nach dem Schatz, den ich beinahe, aber nicht ganz, in den fünf Tagen meines ersten Berlinbesuches in Händen gehalten hatte. Diesmal sollte einiges anders sein, entschied ich. Ich wollte mich mehr darauf konzentrieren, Ideen und Vorstellungen kennenzulernen, als weitere Menschen. Begeisternde Höhepunkte in der persönlichen Begegnung würden mir nicht genügen, auch wenn sie -was ich bezweifelte - wiederkehren würden. Und ich wollte auf eigene Entdeckungsreise in Berlin gehen, mir sorgfältig Dinge notieren, die ich wiederentdecken und solche, die mir neu sein würden. Die Lesung aus meinem neuen Buch war nicht mehr als der »Aufhänger« meiner Reise. Die Frauen von Labrys hatten mich gebeten an einer Podiumsdiskussion mit drei anderen Frauen teilzunehmen und diese interessierten mich mehr als mein eigener Auftritt.
Die Veranstaltung war angekündigt als »Werkstattgespräch« unter dem Titel: »Allein lebende Frauen - Lesben - Mutterschaft -und die Richtung, in die die Frauenbewegung gehen sollte«.  Dieses Seminar sollte mir mehr Kenntnisse darüber verschaffen, welche Ideen und Reaktionen bei deutschen Feministinnen zur Zeit vorherrschten. Ich erwartete, dort in eine Arena divergierender Ziele und Emotionen einzutreten - und auch, daß bei den Zuhörerinnen mehr Aggressivität als Konsens vorherrschen würde. Ich wollte die Reaktionen deutscher »heterosexueller« Feministinnen auf Lesbie-rinnen kennenlernen und beobachten, ob das Trauma der 30er Jahre einen Einfluß auf Vorstellungen und Lebensweise dieser Frauen hatte. Und schließlich wollte ich meinen vage skizzierten Stadtplan in Berlin ergänzen, indem ich weiter Gegenden dieser Stadt aufsuchte. Ich mag es nicht, wenn etwas kaum Begonnenes unvollendet in meinem Kopf herumliegt.
Am 1. Oktober 1979 kam ich mit Audrey ein zweites Mal auf dem Flughafen Tegel an. Diesmal erwarteten uns Christiane und Heidi mit Rosen. Sie fuhren uns zu einem in der Nähe ihrer Wohnung gelegenen Hotel in der Pariser Straße, die in meinem Leben einmal eine große Rolle gespielt hat. Ganz in der Nähe hatte ich einmal bei den Arinsteins gewohnt, und Lisas Haus war nur zehn Minuten entfernt. Es schien ein gutes Omen, daß ich wieder einmal in die Szenerie meines allerersten Berlinbesuchs im Alter von 16 Jahren eintauchte, als ich damals dem Ruf der Liebe gefolgt war.
Einen Tag vor unserer Ankunft, am 30. September, hatte ich Geburtstag. Eigentlich sollten wir bereits an diesem Tag nach Berlin fliegen, aber wir bekamen an diesem Tag keinen Flug. Doch die beinahe 40 Gäste, die die beiden eingeladen hatten, konnten fast alle auch noch einen Tag später kommen. Die Berliner Luft ist berühmt für ihre Spritzigkeit. Schon sie allein kann die Lebensgeister wecken. Wir gingen die Pariser Straße entlang und betraten ein altes Berliner Haus. Wir durchquerten die Eingangshalle und gingen durch die Hintertür zum Gartenhaus, wo meine Freundinnen lebten. Jedes Haus, das etwas auf sich hielt, hatte früher nach hinten heraus einen Garten, aber da Platz in Berlin immer schon etwas Kostbares gewesen war, baute man Gartenhäuser. In meiner Studentenzeit hatte ich häufig in solchen Gartenhäusern gewohnt, und ich erinnerte mich an die schweren Türen, die sich einem beim Öffnen entgegenzustemmen schienen, an die breiten Treppenfluchten, in denen zwar kein Teppich lag, die aber trotzdem nicht unter den Füßen knarrten. Beim Gedanken an diesen schönen Teil meiner Vergangenheit freute ich mich wie ein Kind, das ein Weihnachtsgeschenk erhält.
Wie eine Schlafwandlerin ging ich die Treppe hinauf bis zum obersten Stockwerk. Dort befanden sich zwei Wohnungen, aber es war unschwer zu erraten, welche die richtige war. Sprachlos vor Freude und Erstaunen sah ich, daß die Eingangstür der Wohnung eine überdimensionale Titelseite von »Innenwelt und Außenwelt« darstellte: weißer Hintergrund, grasgrüner Rahmen, in der Mitte der schwarze Handabdruck von Maurice Ravel; selbst die Titelzeile und mein Name waren exakt reproduziert worden. Die Tür war angelehnt, von drinnen hörten wir die Stimmen der Gäste, die bereits eingetroffen waren. Ich brauchte einige Zeit, um diesen phantasievollsten Willkommens grüß, der je an mich gerichtet wurde, in mich aufzunehmen. Er machte mich sprachlos und verlegen vor Stolz und Freude. Und er weckte mich aus meinem tranceähnlichen Zustand.
Wir gingen hinein. Christiane und Heidi waren schon damit beschäftigt, die Gäste zu bewirten und lächelten uns fröhlich an. Ich deutete wortlos auf die Tür, man merkte mir wohl an, daß ich von Gefühlen überwältigt war. Ich brachte nur die Frage heraus: »Wer hat das gemacht?« Es war Christianes Idee, sagte man mir, aber die Ausführung hatten zwei Mitglieder des Labrys-Kollektivs übernommen. Die Überraschung an der Tür machte den Abend schon von Anfang an zu einem Fest.
Der erste Gast, den ich sah, war Käthe Kuse, die mich mit einem Rosenstrauß begrüßte, wie vor 18 Monaten bei L.74. Sie überbrachte mir Grüße von Gertrude Sandmann, die nicht kommen konnte, weil Tamara schwerkrank im Krankenhaus lag. Gertrude ging alle zwei Tage in die Klinik am Wannsee, um sie zu besuchen-sie mußte dazu jedesmal eine große Entfernung überbrücken. Ich sprach sehr lange mit Käthe und stellte ihr Fragen über die Nazizeit, als sie Gertrude beschützt hatte. Nun, Gertrude war ihre Freundin, gab sie mir zur Antwort, und es war selbstverständlich, daß sie alles in ihrer Macht Stehende für sie tat. »Es war für mich nicht so schwer wie für andere, jüdischen Freunden zu helfen", fuhr sie fort. »Mein Vater war ein guter Mensch. Er war Zimmermann, und einige Arbeiter halfen ihm im Geschäft. Alle waren sie Antifaschisten, und einer war immer abgestellt, nach der Gestapo Ausschau zu halten und konnte mich warnen, wenn sie sich dem Haus näherten.« Sie erzählte mir, daß sie den Auftrag hatte, bei ihrer Rückkehr Gertrude anzurufen, um ihr alles über den Abend zu erzählen. »Mit Menschen wie Euch kann man alles überleben", sagte ich am Ende unseres Gespräches.
Christianes Altbauwohnung besaß die Vorteile fast vergessenen Komforts: große Räume mit hohen Decken, solide Doppelfenster in riesigen Holzrahmen. Den ganzen Abend verbrachte ich auf dem Sofa, wo ich mich mit vielen Frauen unterhielt, oder man führte mich von Zimmer zu Zimmer, um mich neuen Menschen vorzustellen. Es war mir unmöglich, jedes Gesicht und jeden Namen zu behalten. Um Mitternacht prosteten alle mir zu - mit rosa Champagner, den ich noch nie in meinem Leben getrunken hatte. Und, als sei dies alles noch nicht genug, überreichte man mir sechs Handabdrücke mit dem Autogramm ihrer Besitzerinnen - der Frauen vom Labrys-Kollektiv. Dann war es an mir, das Fest mit einer kleinen Rede zu beenden, in der ich mich für die phantasievollen Geschenke bedankte, die mich - wie ich sagte - an ein unschätzbares Geschenk erinnerten: daß ich mich wieder deutschen Frauen zugehörig fühlen konnte.
Um ein Uhr fuhr uns Christiane wieder zum Hotel zurück. Sie hatte uns einen ereignisreichen und festlichen Tag beschert, von unserer Ankunft in Tegel bis zu der Geburtstagsfeier in ihrer Wohnung. Diese bemerkenswerte Frau beschäftigte mich in Gedanken diesen und die folgenden Tage. Ihre Freundinnen und Berufskolleginnen bewunderten ihren erfinderischen Geist. Wie wenig auf den ersten Blick ihre äußere Erscheinung von ihren Talenten verrät! Sie ist eine hübsche, rundliche Frau, doch schnell in ihren Bewegungen und in ihrer Beobachtungsgabe. Die tiefliegenden blauen Augen in ihrem runden Gesicht verraten Freude, Witz und Intelligenz. Ihre rasche Auffassungsgabe läßt sie sehr sensibel auf ihre Umgebung reagieren. Wie ein Seismograph registriert sie, ob Harmonie oder Unruhe in der Luft liegen. Ihre Vorstellungskraft paart sich mit Sportlichkeit, und ihre Klugheit zeigt sich an Gedanken und Handlungen. Ihre komplexe Persönlichkeit gibt ihr und anderen Rätsel auf. Sie verbindet Virilität und körperliche Kraft mit einer Zartheit an Gefühlen und mütterlicher Fürsorge. Sie ist die geborene Kämpferin für die rechte Sache und gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Kein Wunder, daß sie einen bedeutenden Platz in der Frauenbewegung einnimmt.
Nachdem Christiane uns am Hotel abgesetzt hatte, entschied ich, mir einen Ruhetag zu gönnen und den Versuch zu unternehmen, Berlin näher zu erkunden.
Der 3. Oktober war der Tag. Ilse Kokula veranstaltete von zwölf bis 14 Uhr ein Seminar in der Sommeruniversität für Frauen zum Thema »Lesbianismus und frühe Frauenbewegung«.  Audrey und ich wurden von einer Freundin Ilses abgeholt, Anke, einer Fami-lienrichterin aus Hamburg. Während der Fahrt hatte ich nur Augen für diese erstaunliche Frau, die Sozialarbeit mit ihrer Tätigkeit als Richterin verband. Offenbar übernahm sie auch Aufgaben einer Bewährungshelferin. Solch eine progressive Einstellung auf dem Gebiet der Rechtsprechung war mir neu, das Gleiche galt für die Tatsache, daß eine junge Frau Anfang 30 bereits das hohe Amt eines Richters bekleiden konnte.
Als wir das Gebäude der Freien Universität in Dahlem erreichten, das im Volksmund »Rostlaube« heißt, wußte ich sofort, woher dieser Name kommt. Dieses riesige, häßliche Gebäude sieht aus wie ein überdimensionales Fertighaus aus verrostetem Eisen. Die Flure im Innern bilden ein solches Labyrinth, daß ich mich nie ohne Hilfe dort zurechtgefunden hätte. Aber Anke führte uns zielsicher zu Ilses Seminarraum, wo die Veranstaltung bereits begonnen hatte. Der ganze Raum stand voller Tische, an denen dicht gedrängt Frauen aller Altersgruppen saßen, die sich Notizen machten. Jeder Platz war besetzt - Ilses Thema war von zentralem Interesse bei der »4. Sommeruniversität für Frauen«.  Die Zuhörerinnen waren eine gemischte Gruppe aus Studentinnen, Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen, Universitätsdozentinnen und anderen berufstätigen Frauen, die hierher gekommen waren, um zu lernen und zu diskutieren. So gut wie alle waren Lesben, die sich sicher genug fühlten, sich auch als solche zu bekennen. Schon allein diese Tatsache faszinierte mich. Ilse berichtete über ihre Ergebnisse, beantwortete Fragen, diskutierte über zweifelhafte Punkte. Doch insgesamt hatte ich den Eindruck, daß diese Veranstaltung nicht anders war als die meisten ihrer Art- ein Laborexperiment, dem das Fleisch und Blut des Lebens fehlt. Sie erinnerte mich an meine Enttäuschung beim Ansehen von Truffauts Film »Jules et Jim«.  Die dargestellten Charaktere waren einmal meine Freunde gewesen. Die Schauspieler konnten sie nicht im geringsten als die Menschen wieder erschaffen, die sie waren, und der Film war eher eine ungenaue Zeichnung als ein Portrait. Bei diesem Seminar wurden zahlreiche Namen und Taten großer Frauen in der Frauenbewegung des späten 19.Jahrhunderts und frühen 20.Jahrhunderts berichtet und diskutiert. Der frühe deutsche Feminismus, der vor etwa 100 Jahren begann, war ein eigenartiges Modell. Die Bedeutung des Lesbianismus für die Bewegung wurde anerkannt, und das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee, daß 1897 gegründet wurde, betrachtete weibliche Homosexualität als »normal«.  Die Emanzipation der Homosexuellen hatte begonnen. »Lesbianismus muß akzeptiert werden", hieß die Parole, eine recht unglückliche Formulierung wegen ihres herabsetzenden Untertons. Bereits 1829 hatten deutsche Rechtsanwälte verlangt, daß homosexuelle Handlungen bei Frauen nicht länger strafbar sein sollten. Doch lesbische Frauen benötigten Mut, wenn nicht gar Tollkühnheit, um in der Öffentlichkeit ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Am Ende des 19.Jahrhunderts wagten dies Käthe Schumacher und Klara Schlecker. Wenige Jahre später gingen Helene Truschkow und Johanna Gebenkor, lesbische Mitglieder der Frauenbewegung, noch ein paar Schritte weiter. Sie forderten die »Endlösung« für Männer, die alle miteinander von diesem Planeten verschwinden sollten.
Das alles war sehr interessant, wurde aber so vorgetragen, daß man sich diese Frauen nicht recht vorstellen konnte. Ihre Persönlichkeiten verschwanden hinter einer Aufzählung ihrer Taten und bestimmter Fakten ihres Lebens. Es war wie in einer Geschichtsstunde, wo die Kenntnis der Daten bestimmter Schlachten noch gar nichts über deren tatsächlichen Verlauf aussagt. Die lange Liste früher Feministinnen enthielt auch die bekannten Namen von Dr. Helene Stöcker, Anna Rule und Hedwig Dohm. Aber über sie als Menschen wußte man nach dieser Aufzählung nicht mehr als zuvor.
Einige Fakten, die Ilse vortrug, waren mir allerdings neu. So zum Beispiel die Tatsache, daß damals die Feministinnen aus der Arbeiterklasse die lesbische Liebe leugneten - so, als existiere sie gar nicht. Wenn ihnen ein konkreter Fall begegnete, deckten sie den Mantel des Schweigens darüber.
Trotz der offenkundigen Schwierigkeit dieser Veranstaltung, Geschichte zum Leben zu erwecken, waren die Zuhörerinnen wach und aufmerksam. Sie stellten der Vortragenden Fragen und diskutierten lebhaft mit ihr. Auch ich konnte nicht still sitzenbleiben. Ich stellte den genannten Anfangszeitpunkt des Feminismus in Frage, der doch in Wirklichkeit über 2500 Jahre alt ist und seine Wurzeln in der weiblichen Gesellschaft um Sappho auf Lesbos hat. In der westlichen Welt ist Deutschland das Modell des Feminismus gewesen. Ich erinnerte die Zuhörerinnen daran, daß sich die soziale Evolution in Wellen fortsetzt, wie Ebbe und Flut. Die gewalttätige Reaktion gegen Feministinnen und Lesbierinnen vor dem Ersten Weltkrieg beweist das. Ilse stimmte mir zu und sprach von den ungeheuren Anstrengungen, die das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee unter der Schirmherrschaft von Magnus Hirschfeld, Helene Stöcker und anderen unternahm, um die Situation zu retten. Denn sonst wäre ab 1912 das Gesetz gegen männliche Homosexualität auch auf lesbische Frauen angewendet worden. In der Weimarer Republik wurde der berühmte Paragraph 175, der Homosexuellen-Paragraph, weitgehend reformiert. Damals schien das goldene Zeitalter sexueller Freizügigkeit gekommen. Und dann, 1933, erschien Hüter auf der deutschen Bildfläche und mit ihm die Konzentrationslager. Homosexuelle wurden als »Degenerierte« eingestuft und in diese Lager geworfen, wahrscheinlich waren auch lesbische Frauen darunter. Ich fügte hinzu, daß der heutige deutsche Feminismus Teil der größten internationalen Revolution dieses Jahrhunderts ist, was die gesamte Szenerie verändert und die erste wirkliche Chance für ihr Überleben bedeutet. Ich wunderte mich darüber, daß sich die deutschen Feministinnen 1979 mehr als 1978 vor rechtsgerichteter Politik fürchteten, insbesondere weil die Sommeruniversität mit ihren 7000 Teilnehmerinnen vom Berliner Senat gefördert, ja sogar Bildungsurlaub dafür gewährt wurde.
Die Veranstaltung war zu Ende. Die Frauen standen auf, einige kamen auf mich zu. Auf den Gängen wimmelte es von Frauen, viele von ihnen standen an den zahlreichen Buch- und Zeitschriftenständen. Als wir schon auf dem Weg nach draußen waren, kam eine schlaksige, blonde Frau lächelnd auf mich zu. Es war Brigitte Classen, Herausgeberin der Zeitschrift »Die Schwarze Botin«.  Sie führte mich zu ihrem Stand, wo ich ihre Partnerin Gabriele Goettle kennenlernte. Sie luden mich ein, sie Ende der Woche bei sich zu Hause zu besuchen. Ihre Zeitschrift ist das Sprachrohr der radikalen Feministinnen mit einem Hang zum Anarchismus. Obwohl Exzentrik ein Hauptmerkmal der graphischen und literarischen Produkte der »Schwarzen Botin« sind, zählen einige der besten Schriftstellerinnen und Künstlerinnen zu den Mitarbeiterinnen.
Auf unserem Rückweg warnten mich Ilse und die Fotografin Edeltraud Veidt vor einer zu optimistischen Einschätzung des deutschen Feminismus. Sie meinten, daß die deutschen Feministinnen sich ihrer selbst nicht so sicher seien, wie es ihr Verhalten vermuten ließe. Edeltraud ist Psychologiestudentin, sie sprach über das schwankende Identitätsgefühl deutscher Frauen, die nachdenken. »Wie können wir uns nach Hitler jemals unserer selbst sicher sein?« sagte sie. Christiane und Heidi hatten ähnliche Zweifel geäußert, nicht über ihre eigenen Überzeugungen, sondern über die ihrer Umwelt, die wieder einmal Frauen in eine neue Sklaverei führen könnte - Feminismus oder Tod. Weit davon entfernt, eine Götterdämmerung hereinbrechen zu sehen, nahm ich diese verschiedenen Zweifel und Befürchtungen als ein gesundes Anzeichen eines Selbstfindungsprozesses, in dem sich radikale deutsche Feministinnen heute befinden.
Bis dahin hatte ich den Gedanken an meinen eigenen Beitrag zur Sommeruniversität, den ich am Abend leisten sollte, unterdrückt. Die Ereignisse dieses Tages hatten meine Aufmerksamkeit total absorbiert, ich hatte neue Menschen kennengelernt und Eva Rieger wieder getroffen. Doch die nächsten Stunden mußte ich allein sein, mich konzentrieren und auf den kommenden Abend warten. Obwohl ich meine Lesung vorbereitet hatte, befiel mich Lampenfieber. Ilse und ihre Freundin fuhren mich nach einem frühen Abendessen zur Universität. Nachdem ich vorher zur Eile gedrängt hatte, bat ich sie nun, langsam zu fahren, damit ich mir die Straßen noch einmal etwas genauer ansehen konnte. Immer noch gelang es mir nicht, mit den neuen Entfernungen fertig zu werden. Hilflos starrte ich aus dem Fenster auf den breiten Hohenzollerndamm. Noch verwirrter war ich, als wir durch die Straßen von Steglitz fuhren, dem Schauplatz meiner vergangenen Abenteuer. Zu meiner Zeit war Steglitz ein ärmerer Bezirk gewesen, doch inzwischen war das Aschenbrödel zur Prinzessin geworden. Der schäbige Vorort galt jetzt als bevorzugtes Wohnviertel der Reichen und barg exquisite Restaurants in schwach beleuchteten Straßen und Sackgassen. Ich beobachtete die zahlreichen Autos, in denen Feministinnen saßen, die alle an den Abendveranstaltungen der Sommeruniversität teilnehmen wollten.
So häßlich das Universitätsgebäude von außen aussieht, innen war es an diesem Abend warm und schön. Die labyrinthartigen Korridore zu durchqueren war diesmal ein Vergüngen, denn bei jedem Schritt gab es Neues zu sehen und zu entdecken. Frauen lagen auf den Teppichböden, einige allein, schlafend oder lesend; Paare küßten sich, redeten oder sangen miteinander. Mitten auf dem Hauptweg saß eine große Frau, die herzhaft ein obszönes Lied über »das männliche Chauvinistenschwein« sang. Sie schien dabei persönlich ihren eigenen Mann anzusprechen, der sieben Kinder in ihren Bauch »gestoßen« habe, eine Tatsache, die sie ihm nicht vergeben konnte. Aber in ihrem Haßlied lag Rhythmus und die Kraft der Wut.
Die Tausende von Frauen, die sich aus Anlaß der Sommeruniversität nach Berlin begeben hatten, waren kein schlechter Beweis für das Selbstbewußtsein der Frauenbewegung in Deutschland. Diese Frauen schienen darauf zu vertrauen, daß die Frauenbewegung eine dauerhafte Bewegung sein wird. Die Atmosphäre war geprägt von einem starken Gefühl der Zusammengehörigkeit. Ich wurde an meine Besuche in einer lesbischen Diskothek vor Jahren erinnert, als ich von der erotischen Atmosphäre fasziniert war, die diese Frauen ausströmten. Sie tanzten, als ob sie in Trance wären, und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl ließ keinen Raum für einen Mann, hinzuzukommen oder gar eine Frau zu ersetzen. Das Gefühl unter deutschen Feministinnen zusammenzugehören, hatte etwas ganz Ähnliches. Viele von ihnen waren Lesbierinnen, und die Mehrzahl der Veranstaltungen beschäftigte sich mit dem Thema Homosexualität.
Die Feministinnen, die sich hier versammelten, spiegelten sehr akzentuiert jeden Frauentyp wider. Sie kamen in Jeans, flatternden Kaftans, eleganten Kleidern. Einige hatte die Haare streichholzkurz geschnitten, andere ließen sie bis zu den Schultern oder länger herunterwallen. Man hätte bei ihrer Erscheinung keine allgemeinen Merkmale feststellen können. Einige hatten eines oder zwei Kinder mitgebracht, sogar ein paar Hunde erschienen auf den Fluren und in den Seminarräumen. Die Abwesenheit von Männern war nicht nur kein Mangel, sondern eine wahre Befreiung. Der »Eindringling« Mann hätte jedoch den Geist dieser Sommeruniversität nicht ändern können. Das kollektive Band zwischen Frauen ist eines der größten Verdienste des Feminismus und hat ungezählte Konsequenzen. Es hat tatsächlich bewiesen, daß die vorurteilsbehaftete Vorstellung der vom Mann abhängigen Frau nichts weiter ist als eine überalterte soziale Konvention. Das Verständnis dafür, daß die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bis zur Absurdität karikiert worden sind, bildet die Grundlage für eine soziale Homo-philie zwischen Frauen. Die meisten von ihnen erkennen, daß polarisierte sexuelle Einstellungen sich gewandelt haben und einem besseren Gleichgewicht menschlicher Reaktionen gewichen sind. Dies war bei diesem Treffen offensichtlich, auch wenn die Streitgespräche zwischen hetero- und homosexuellen Feministinnen die beiden Fraktionen in heißblütigen Zorn brachten. Die Grenzen zwischen ihnen beginnen zu verschwimmen, je mehr das Wissen um die menschliche Bisexualität an Boden gewinnt. Bisexuelle Gefühle spielen ihre Rolle bei allen Beziehungen, und Frauen sind immer weniger dazu bereit, sie in ihren Beziehungen zueinander zu verleugnen. Diese Erkenntnis ist für den Erfolg der Frauenbewegung von grundsätzlicher Bedeutung, denn sie sichert die Unabhängigkeit und Kreativität von Frauen, die ihr hauptsächliches Ziel sind. Wenn Frauen erkannt haben, daß sie von den Fesseln befreit sind, in denen die Gesellschaft sie gefangen hielt, gehört die Welt ihnen. Der Feminismus ist auf dem Weg, die Frau von einem Artefakt in das Individuum zu verwandeln, das sie ist: auf eigenen Füßen stehend und ihr eigenes Leben führend.
Der lange Spaziergang durch die Korridore und die ihn begleitenden Gedanken waren mir eine willkommene Ablenkung von meiner Erwartungsangst. Als ich im Hörsaal ankam, war ich immer noch eine Stunde zu früh. Ich fühlte mich verloren in diesem riesigen Raum mit seinen steil ansteigenden Sitzreihen. Der ganze Hörsaal war in einem häßlichen Gelb gestrichen. Allein schon die Farbe störte mich und raubte mir das behagliche Gefühl, das ich so genießen konnte, als ich in der Amerikanischen Gedenk-Bibliothek gelesen hatte. Zwei Mikrophone vor mir und eine junge Frau in der ersten Reihe waren alles, auf das ich meine Augen richten konnte. Die Akustik sei nicht besonders gut, und ich solle mich so nahe wie möglich an beide Mikrophone setzen, meinte ein Techniker. Nein, ich hatte nicht allzu viel Vertrauen in meinen zweiten Auftritt in Berlin. Und meine Müdigkeit wuchs mit jeder verstreichenden Minute. Dann betraten Christiane und Heidi den Raum, und gleich fühlte ich mich ruhiger, dennoch aber war ich nicht in der rechten Stimmung für die Lesung. Mit der Zeit kamen immer mehr Frauen, bis der Hörsaal mit etwa 500 Frauen fast bis auf den letzten Platz gefüllt war. Meine Stimmung besserte sich; jetzt wußte ich, daß ich zu einer großen Zuhörerschaft sprechen würde. Christiane sagte ein paar einleitende Worte, und es wurde still im Raum. Ich hatte einen sehr persönlichen Abschnitt aus meinem Buch »Innenwelt und Außenwelt« gewählt, die Reise nach Rußland. Beim Lesen erlebte ich die damaligen Gefühle noch einmal, und ich vergaß die Zuhöre-rinnen. Der Beginn des Abends mit einem persönlichen Text bildete den passenden Kontrast zum zweiten Teil, der Lesung aus »Bi-sexualität«.  Man hatte mir geraten, vorher dazu ein paar einführende Worte zu sprechen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht nur mein inneres Gleichgewicht wiedergefunden, sondern war geradezu in Hochstimmung, meine Müdigkeit war vergessen. Ich las Auszüge aus dem ersten Kapitel vor und war angenehm berührt, als meine Kommentare zu einzelnen Textpassagen von Applaus begleitet wurden. Mitten in einem Zitat der autobiografischen Schilderung einer bisexuellen Frau, die durch das Ausleben ihrer lesbischen »Seite« eine Spontaneität und Neuheit der Liebe gefunden hatte, die in ihren Beziehungen zu Männern fehlte, hielt ich inne. Ich erzählte den Zuhörerinnen, daß ich diese Passage aus einem bestimmten Grund ausgewählt hatte: Ich wollte falsche Vorstellungen über den körperlichen Ausdruck der Liebe zwischen Frauen entgegentreten. Ich wies darauf hin, daß es ein Fehler ist, wenn lesbische Frauen versuchen, heterosexuelle Techniken nachzuahmen. Imitation ist eine Form von Schmeichelei und macht die lesbische Liebe für Männer zum Gespött. Ich bin nicht sicher, ob ich diesen wichtigen Gedanken jeder Frau ans Herz legen konnte, aber ich hoffe, daß die Mehrheit ihn verstand.
Dann las ich eine andere dokumentierende Passage vor, um den wenig bekannten Gesichtspunkt über die Bedeutung der Phantasie für die Liebe und ihre Stellung zu beleuchten, die sie als Substitut für tatsächliche Erfahrungen einnehmen kann. Wieder einmal hatte ich Raum und Zeit vergessen, und das stellte sich als Vorteil heraus. Es gab keine Zeit mehr für Diskussionen, die Lichter wurden gelöscht und wir mußten den Hörsaal verlassen, aber auf Verlangen der Zuhörerinnen wurde die Diskussion auf den folgenden Tag angesetzt.
Die Diskussion am nächsten Nachmittag unter der Leitung von Ilse Kokula dauerte zwei Stunden. Da gleichzeitig eine »lesbische Stadtrundfahrt« stattfand, war die Zuhörerschaft auf 150 Frauen verringert, die in den ersten Reihen, aber auch auf dem Fußboden um mich herum saßen. Dadurch entstand eine Atmosphäre der Intimität, aber die Diskussion war keineswegs behaglich. Die Fragen kreisten um die Hauptthemen, die ich angeschnitten hatte: den Unterschied zwischen geschlechtlicher und sexueller Identität, zwischen Bisexualität als Bestandteil der Persönlichkeit und als Lebensform. Jede einzelne Frage war gut durchdacht und auf den Punkt gebracht. Ich hatte keine Mühe, meinen Zuhörerinnen die grundlegende Bisexualität in allen Menschen, ja sogar in der gesamten Natur, verständlich zu machen. Doch die Vorstellung einer bisexuellen Gesellschaft rief Erstaunen und Diskussionen hervor. Zweifel wurden geäußert über die Möglichkeit, mit patriarchalischen Einflüssen innerhalb einer solchen Gesellschaft fertig zu werden. Die Atmosphäre war gespannt. Am Ende jedoch schienen die Zuhörerinnen und ich in einer fröhlichen Schwesternschaft miteinander verschmolzen zu sein. An diesem Nachmittag habe ich die schönsten Augenblicke von allen öffentlichen Auftritten erlebt. Er war sicherlich der Höhepunkt meines gesamten Besuches.
Den Abend verbrachten Audrey und ich mit Ilse Kokula, die uns mehr über die Sommeruniversität für Frauen und die Hintergründe der deutschen Frauenbewegung erzählte. Die Sommeruniversität stand diesmal ausdrücklich unter dem Thema »Lesbische Liebe und die Frauenbewegung«.  Dazu gab es unzählige Veranstaltungen, Cabaret-Vorführungen, Theaterstücke, Lesungen und Seminare. Die meisten Veranstalterinnen waren homosexuelle Frauen. Der gleiche Kampf und Antagonismus zwischen hetero- und homosexuellen Frauen wie in anderen Ländern bestand auch in der Bundesrepublik, vielleicht sogar noch stärker. Und die Vorurteile auf beiden Seiten waren der Effizienz der Frauenbewegung abträglich. Dieses Mal hatten die Lesben ihren Kuchen, aber es blieb zweifelhaft, ob sie ihn auch genießerisch essen konnten.
Schwerpunkt auf Seiten der Veranstalterinnen war der lesbische Einfluß auf die gegenwärtige Kultur. Mich beeindruckte, wie umfangreich dieses Thema behandelt wurde, es reichte von Diskussionen über die Notwendigkeit einer »Frauenpartei« über Schwierigkeiten in Liebesbeziehungen homosexueller Frauen, Psychoanalyse und Mystizismus, bis hin zu lesbischer Kultur, Literatur und Malerei.
Die deutschen Feministinnen haben begonnen, sich schwerpunktmäßig mit »Weiblichkeit« und Mutterschaft, mit einer Feminisierung von Gedanken und Sprache zu beschäftigen. Sie proklamieren die Notwendigkeit, »ganzheitliche« Frauen zu werden, was immer sie damit meinen mögen. Ein weiterer Schlachtruf heißt: »Zurück zur Natur"! Viele Feministinnen haben sich freiwillig auf das Land zurückgezogen. Andere entwickeln einen Hang zum Mystizismus, der, so sagen sie, dem »weiblichen« Pfad intuitiver Gedanken folgt. Der Weiblichkeits-Kult ist wahrscheinlich dafür verantwortlich, daß so viele Kinder auf den Fluren und in den Seminarräumen zu sehen waren. Der Anblick schwangerer Frauen, die strickend den Veranstaltungen beiwohnten, vervollständigte die Skala feministischer Weiblichkeit auf der Sommeruniversität.
Ich erhielt eine weitere Gelegenheit, mir aus erster Hand einen Eindruck von deutschen Feministinnen zu verschaffen, und zwar bei dem Werkstattgespräch am 5. Oktober. Diskussionsthemen waren: Lesbianismus, Mutterschaft, Spaltung der Frauenbewegung und ihre zukünftige Entwicklung. Ich saß auf dem Podium zusammen mit drei lesbischen Feministinnen. Wir hatten die Aufgabe, zu den wesentlichen Punkten Einleitendes zu sagen und die folgende Diskussion zu führen. Heidi aus dem Buchladen Labrys hatte das Seminar initiiert und eine Psychologie-Dozentin, eine Rundfunkredakteurin und mich ausgewählt, mit ihr zusammen auf dem Podium zu sitzen. Heidi eröffnete die Veranstaltung mit den Worten: »Dies ist eine Konferenz, die sich hauptsächlich gegen die Unterdrückung der Lesben richtet. Aber abgesehen von diesem Thema, werden wir uns mit zahlreichen Aspekten des Feminismus beschäftigen, zum Beispiel den politischen Tendenzen in diesem Land, die alle Feministinnen bedrohen.« Ich betrachtete die Zuhö-rerinnen in diesem Hörsaal, in dem ich zwei Tage vorher aus meinen Büchern gelesen hatte. Diesmal fühlte ich mich ruhiger, brannte aber vor Neugier, die Reaktionen des Auditoriums kennenzulernen. Von Anfang an konnte man die gespannte Atmosphäre spüren; die Frauen schienen geistig die Muskeln für einen Kampf anzuspannen. Warum, fragte ich mich, sehen sie so aus, wenn sie doch alle den gleichen Überzeugungen anhängen? Sie machten den Eindruck, als ob sie Angst davor hätten, daß wir - die vier Frauen auf dem Podium - sie attackieren würden. Ich genoß die »dicke Luft« der Kampfeslust; ich war bereit, mein Bestes zu geben - falls... Der erste Ausbruch von Feindseligkeit kam, als Heidi argumentierte, daß viele Lesben zu sehr auf sich selbst konzentriert seien, auf ihre individuellen Probleme statt darauf, sich selbst einer radikalen Politik als Kollektiv zu verpflichten. Es war ein Protest-gemurre zu hören, aber die offene Auseinandersetzung fand erst statt, als Heidi von Spaltungen innerhalb der lesbischen Gruppen sprach: »Da gibt es diejenigen, die sich aufs Land zurückziehen oder sich sonst wie ausklinken", sagte sie. Rüde gab man ihr zur Antwort, daß die Lesben auf dem Land die größten Schwierigkeiten hätten, sich emotional und sozial über Wasser zu halten. Und außerdem könne sie nicht die Situation in der Provinz mit Berlin vergleichen, wo die gesellschaftlichen Bedingungen für Lesben günstiger seien; in Berlin könne man noch seine kollektive Identität finden.
An dieser Stelle äußerte ich eine Warnung: »Ob in der Stadt oder auf dem Land, homosexuelle Frauen müssen sich in einer Gemeinschaft zusammenfinden und überall im Land miteinander in Kontakt bleiben. Sie müssen darauf vorbereitet sein, kollektiv gegen politische Unterdrückung anzukämpfen, sonst befinden sie sich möglicherweise eines Tages in der gleichen Lage wie die Juden unter Hitler. Ihr solltet nicht vergessen", fuhr ich fort, »daß homosexuelle Männer und wahrscheinlich auch Frauen in Konzentrationslager geworfen wurden, und man kann nie wissen, was die Zukunft für uns bereithält.« Damit rief ich einen Tumult hervor. Eine Gruppe Frauen rief: »Wir wollen keine Angst eingejagt bekommen. Unsere Situation ist ganz verschieden von der der Juden.« Auch zwei Frauen auf dem Podium widersprachen mir, die nicht einsehen konnten, welche Relevanz meine Aussage für das Thema hatte. Nur Heidi unterstützte mich. Die Proteste nahm ich gelassen hin.
Die Rundfunkredakteurin stoppte weitere Wutausbrüche, indem sie sagte, daß lesbische Frauen als Minorität betrachten werden, aufgrund ihrer »sexuellen« Abweichung, daß sie sich sogar selbst oft so definierten, und daß dies ein idiotischer Standpunkt sei. Sexualität sei nur ein Aspekt der Persönlichkeit. Die Mehrheit stimmte dem zu. Doch Heidi fand es richtig, daß Lesben sich in dieser Gesellschaft als Außenseiterinnen definieren und sich in keiner Weise integrieren. Die Psychologie-Dozentin Tina Türmer-Rohr verwirrte die Situation jedoch wieder, indem sie bezweifelte, daß Lesben wirklich wissen, was sie wollen. Ihrer Ansicht nach sei es schwierig für Lesben, ihre Identität aufrechtzuerhalten, wenn sie mit anderen Frauen - im Vergleich zu Männern - zusammenarbeiten. Ich widersprach ihr und kam zu meinem Lieblingsthema, indem ich behauptete, daß Lesbianismus die Grundlage des Feminismus bildet. Diese Erkenntnis hat das Selbstbewußtsein homosexueller Frauen in der Vergangenheit gestärkt und sollte auch in der Gegenwart nicht in Vergessenheit geraten. Meine enthusiastischen Worte wurden mit lautem Applaus der anwesenden Lesben quittiert, fanden aber keine Anerkennung bei den heterosexuellen Feministinnen. Diese fühlten sich alleingelassen und beschuldigten mich, ich haben ihnen gegenüber Vorurteile. Die Diskussion wurde erhitzt, da meine Aussage den Widerspruch zwischen hetero- und homosexuellen Feministinnen offen zutage gebracht hatte. Die letzteren beschwerten sich darüber, daß die Unterstützung in Frauenkämpfen einseitig auf ihre Kosten gehe. Lesben gingen auf Demonstrationen gegen den »Abtreibungsparagraphen« 218, aber rührten die »Heteros« für sie auch nur einen Finger? Demonstrierten sie etwa gegen die Unterdrückung ihrer lesbischen Schwestern? Nein. Eine Amerikanerin meldete sich und sagte: »Ich komme aus San Franzisco. Lesbische Frauen unterstützen dort alle feministischen Aktivitäten und gehen dafür auf die Straße, aber ihre Loyalität wird nicht erwidert. Sie müssen allein für sich selbst kämpfen. Heterosexuelle Frauen gehen nicht auf lesbische Demonstrationen. Sie wollen nichts mit Lesben zu tun haben, denn man könnte ja argwöhnen, sie seien selbst lesbisch."
„Wie können wir diese Situation verändern?« fragte eine Frau daraufhin. Dies war das Stichwort für das Thema Bisexualität. Ich berichtete über die Anstrengungen einiger feministischer Arbeitsgruppen in England, die versuchten, heterosexuelle Frauen zu einem emotionalen Annäherungsversuch an lesbische Frauen zu »erziehen", eine intelligente Methode, um jede Frau auf ihre bisexuelle Natur hinzuweisen. Eine Frau fragte mit zynischem Unterton: »Wie läuft diese Erziehung ab?« und »Ist das wirklich möglich?« Ich gab zu, daß ich keine persönlichen Erfahrungen in diesen Gruppen gemacht hatte, aber wußte, daß beide »Fraktionen« in einer sehr emotionsgeladenen Angelegenheit zusammenarbeiteten, nämlich dem Kampf gegen Vergewaltiger und in der Unterstützung für ihre Opfer.
Als ich von meinen Forschungen berichtete, die gezeigt hatten, daß viele lesbische und bisexuelle Frauen sich in Ehen gestürzt hatten, ohne sich ihrer wahren Natur bewußt zu sein, schwiegen die Zuhörerinnen wie versteinert. Ich betonte den überwältigenden Einfluß der Konventionen, die das Bewußtsein der Menschen über ihre gesamte Sexualität verzögert und behindert. Ich fuhr fort, daß Bisexualität als Vorstellung und Lebensform den meisten Menschen in der westlichen Welt aufgegeben worden ist. Doch jeder Mensch kann zu der Erkenntnis kommen, daß man Menschen beiderlei Geschlechts lieben kann. Dann erzählte ich von einigen verheirateten Frauen mittleren Alters, die sich plötzlich in eine andere Frau verliebt hatten. Von da an betrachteten sie sich als Lesben oder Bisexuelle, je nachdem. Die Stille wurde daraufhin von einem Wutausbruch unterbrochen. Ilse Kokula behauptete, es gäbe keine bisexuellen Frauen; alle verheirateten Frauen seien Lesben, die nur aus konventionellen Gründen geheiratet hätten. War ich vorher taub gewesen, daß ich solche Worte bei ihr völlig überhört hatte, die doch meinen Forschungsergebnissen eklatant widersprachen? Eva Rieger unterstützte mich mit der Bemerkung, daß die Grenze zwischen Hetero- und Homosexualität verschwommen sei und sich mit der Zeit immer mehr verwische. Ihre Worte blieben unbeachtet. Statt dessen schrie ein kleiner Chor von Frauen mich an, ich sollte aufhören, ihnen unnötig Angst zu machen, so als ob sie nicht selbst wüßten, was ihre sexuellen Bedürfnisse wären. Ich erwiderte: »Ihr habt nicht zwischen gesunder und neurotischer Angst unterschieden. Sich vor der Bisexualität zu fürchten, ist keine gesunde Angst. Das Bewußtsein der eigenen Bisexualität kann nur zu innerer Bereicherung und einer Erweiterung der Erfahrungen führen. Warum erlaubt ihr Euch nicht eine erweiterte Sicht Eurer selbst und anderer?« Die Vorstellung zweier verschiedener Arten von Angst wurde leidenschaftlich von zwei lesbischen Frauen aufgegriffen, die den Punkt erweiterten, indem sie ihren Kampf schilderten, den sie um das Sorgerecht für ihre Kinder geführt hatten.
Die Attacken aus dem Publikum stimulierten mich mehr, als daß sie mich deprimierten. Daß man mir den Fehdehandschuh vor die Füße geworfen hatte, amüsierte mich. Aggressivität kann von beträchtlichem Wert sein, wenn sie das Ergebnis eines Kampfes gegen ein dämmerndes Bewußtsein ist, das der bewußte Geist sich weigert zu akzeptieren. In diesem Hörsaal wurde mir klar, wie sehr Homo- und Heterosexuelle gleichermaßen die Vorstellung von der natürlichen Bisexualität des Menschen noch ablehnen.
Eine alte lesbische Frau wies ärgerlich darauf hin, daß die proletarischen Frauen nicht genug in die Frauenbewegung einbezogen werden. »Es ist Zeit, daß ihr Euren Horizont erweitert und nicht in Eurer Mittelklassen-Isolation verharrt.« Ihre berechtigte Äußerung ließ das Auditorium kalt. Wahrscheinlich waren die Frauen zu sehr mit ihren eigenen Reaktionen auf das vorher Gehörte beschäftigt. Sie verließen den Hörsaal, gedankenverloren und ängstlich, verwirrt und besorgt. Ich hatte eine neue Erfahrung mit den deutschen Feministinnen gemacht, und ich war insgesamt angenehm überrascht über die Argumente, die Kälte und die Erregung der Zuhörerinnen.
Alte Bekannte begrüßten mich, und einige Frauen, die ich nie zuvor gesehen hatte, stellten sich mir vor. Ich verließ das Podium, um mich zu meinen Freundinnen zu gesellen. Als wir in einer größeren Gruppe beim Abendessen zusammensaßen, meinte Ilse Kokula, die noch vor wenigen Minuten die Existenz von Bisexuali-tät so emphatisch geleugnet hatte, auf einmal zu mir: »Ich wollte Dich nicht angreifen«.  Ich merkte mir diese Äußerung, reagierte aber nicht auf die widersprüchlichen Gefühle, die sie verriet.
Mit der Podiumsdiskussion war mein Beitrag zur Sommeruniversität beendet. Wie verschieden in Stimmungen und Ereignissen war mein zweiter Berlinbesuch im Vergleich zum ersten! Ich hatte ganz unterschiedliche Reaktionen von Zuhörerinnen erlebt, und ich hatte den wahren Charakter einiger meiner Bekannten und Freundinnen kennengelernt. Unter meinen Füßen war kein weicher Teppich mehr, sondern harter, solider Boden. Ich war dennoch zufrieden, wenn ich die neuen Kenntnisse, die ich in Berlin gewonnen hatte - speziell über die deutschen Feministinnen -zusammenrechnete, denn sie waren eine unschätzbare Erweiterung meines Wissens. Beim ersten Besuch hatte ich mich von individueller Begeisterung davontragen lassen. Mein Kopf war in den Wolken gewesen, und die Euphorie, die ich empfunden hatte, wurde von jenen geteilt, die ihre Ursache gewesen waren. Für sie war ich möglicherweise nichts weiter als eine Heimkehrerin, aber sie öffneten ihre Herzen für mich und glaubten an meine Arbeit, die ihnen eine andere Sicht ihrer eigenen Ziele gab und anscheinend ihr Vertrauen und ihre Zuversicht stärkte, in ihren Anstrengungen fortzufahren. Sie mußten einiges aufholen, weil ihr Zeitplan des Fortschritts durch die unglückliche Geschichte ihres Landes in Verzug geraten war. Diese zeitliche Verzögerung war vermutlich auch der Grund, warum sie mich vor 18 Monaten so freudig in ihren Reihen aufgenommen hatten. Sie empfingen mich wie ein Geschenk des Himmels, und ich empfand genau das Gleiche für sie.
Die nächsten beiden Tage verbrachte ich damit, meiner Vergangenheit nachzuspüren. Einmal sah ich mich plötzlich wieder, wie ich vor 46 Jahren am frühen Abend zu Lisa ging und sie spät in der Nacht wieder verließ. Wonach suchte ich, fragte ich mich. Jagte ich einer Sache nach, die zu einem Museum geworden ist und nur noch in meiner Phantasie lebt? Doch ich hatte eine durchaus gesunde Absicht bei meiner Erinnerungstournee: Ich wollte mich versichern, wie ich mich fühlte, wenn ich die Museumstücke von gestern sah, die in einem neuen, stromlinienförmig gestalteten Berlin erhalten geblieben waren. Mein Leben war inzwischen von beidem weit entfernt, aber es nährte sich immer noch von der Vergangenheit. Das zu meinem Entsetzen völlig vernachlässigte Haus in der Duisburgstraße 7, wo Lisa einst unter dem Dach gelebt hatte, war ebenso erhalten geblieben wie mein damaliges Domizil im Südwest Korso 53 A, und das auf dem Laubenheimer Platz Nr. 3, wo an der Außenmauer neben der Eingangstür einmal das Emailleschild geprangt hatte: Dr. med. Lotte Wolff, Praktische Ärztin. Inzwischen war der Platz umbenannt worden in »Ludwig Barnay Platz«.  In der Nähe meiner Wohnung am Südwest Korso war noch an derselben Stelle wie früher die Bushaltestelle, an der ich oft gestanden hatte. Hier hatte ich Anfang 1933 auf den Bus gewartet und mich in Lebensgefahr gefühlt. Ich erinnerte mich daran, daß ich immer ängstlich über die Schulter zu sehen pflegte und nach der Gestapo Ausschau hielt. An dieser Stelle war es, wo ich die Entscheidung fällte, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Die Bushaltestelle war mein Wegweiser zu einem neuen Leben gewesen. Hier hatte ich erkannt, daß ein weiteres Zuwarten für mich verhängnisvolle Folgen haben würde. Zum ersten Mal packte mich jetzt meine Vergangenheit emotional. Ich wurde blaß, als ich diese entscheidenden Momente meiner Vergangenheit noch einmal durchlebte, und ich mußte mich auf meine Begleiterinnen stützen. Schon am Morgen hatte sich durch Halsschmerzen eine Erkältung angekündigt. Sie warf mich für die nächsten zwei Tage aufs Bett, was ich allerdings genießen konnte, denn die Zuneigung und Fürsorge  meiner  Freundinnen,   die  Blumen  und  Anrufe  von Bekannten waren es schon wert, sich einmal krank zu fühlen. Doch wir entschieden, den Besuch abzukürzen und flogen einen Tag früher als geplant nach London zurück. Christiane und Heidi, die uns bei der Ankunft in Tegel abgeholt hatten und die zentralen Figuren unseres Besuches geblieben waren, brachten uns wieder zum Flughafen.
Diesmal hatte ich wieder Boden unter den Füßen gefunden. Ereignisse, die mir warm ums Herz werden ließen, hatten mich so überwältigt, daß die wenigen störenden Erlebnisse dagegen trivial erschienen. Deutsche Frauen haben eine Dynamik und Vitalität, die mit ihrer Rasse zusammenhängt. Dadurch erhalten ihre menschlichen Beziehungen eine Farbe, die denen in England so fehlt. Diese Frauen haben mir einmal mehr die Versicherung gegeben, daß ich erwünscht war, daß man meine Freundschaft suchte. Berlins neuer Glanz hatte mich beeindruckt, und einige meiner alten Lieblingsorte hatte ich wiedergefunden. Ich hatte Stadt und Menschen mit einer Freude und Begeisterung erkundet, deren ich mich noch vor einem oder zwei Jahren nicht für fähig gehalten hatte. Die Beziehungen mit neuen Freundinnen waren gestärkt und gefestigt worden, zwei von ihnen besuchten mich bereits 14 Tage nach unserer Abreise in London. Die 1976 begonnene Kommunikation würde nicht nur fortgesetzt und ausgebaut werden. Ein dritter Berlin-Besuch beschäftigte mich bereits am gleichen Tag, als ich wieder in Heathrow landete.
Berlin war wieder ein Ort auf meiner emotionalen Landkarte geworden. Es hatte mir ein neues Leben gegeben.

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