Herkunft und Kindheit

(1) Am 1. Juni 1802 lernt die siebzehnjährige Waise Bettina Brentano, die teils bei ihrer Großmutter Sophie von Laroche in Offenbach, teils im Haushalt ihres Halbbruders Franz in Frankfurt am Main aufwächst, den einundzwanzigjährigen preußischen Landedelmann und Studenten Achim von Arnim kennen. Am 11. März 1811, also neun Jahre später, werden Bettina und Achim von dem greisen Pfarrer Schmidt der Waisenhauskirche zu Berlin in dessen Wohnung getraut. Anwesend als Trauzeuge ist nur die Ehefrau des Pfarrers. Bettina ist nun sechsundzwanzig Jahre alt. Achim ist dreißig.
Bettina und Achim - das ist die Geschichte von zwei jungen Leuten, die vor fast zweihundert Jahren in diesem Land lebten, miteinander bekannt wurden, sich eher zögernd zu lieben begannen.
Es ist die Geschichte von zwei jungen Leuten, die sich lange scheuten, eine feste Bindung einzugehen. Es gab unter ihren Freunden, Verwandten und Bekannten zu viele, die sich Hals über Kopf verliebten, rasch heirateten, sich dramatisch stritten und einander wieder verließen.
Bettina und Achim - das ist die Geschichte von zwei jungen Leuten, unterschiedlich in ihrem Wesen, in ihrer Herkunft, in ihrem Temperament, an vielerlei mehr interessiert als nur aneinander, von zwei jungen Leuten, die schwierig waren und mit Verwandten, Bekannten, mit sich selbst ihre Schwierigkeiten hatten, die lange getrennt waren, ihre eigenen Wege gingen, die Angst vor der Ehe hatten und schließlich doch heirateten. Vor allem davon wird erzählt werden, und somit von nichts Außergewöhnlichem.
Und doch... Wenn man den Staub, der sich auf den Mitteilungen über Bettina und Achim niedergelassen hat, fortbläst und genau hinsieht, so ist dies auch eine Geschichte, an der sich erweist, daß Phantasie und Pflichtbewußtsein, Bindung und Offenheit einander nicht ausschließen.
Bettina und Achim - das ist eine stille Geschichte, eine Geschichte aber auch, die Hoffnung macht in einer lauten und, wie ich finde, ziemlich hoffnungsarmen Zeit. Eben deswegen gefällt es mir, sie zu erzählen.

(2) Bettina ist zwölf. Da steht sie im Flur des Hauses in Offenbach zusammen mit ihrer Großmutter und zwei ihrer Schwestern vor einem Spiegel.
Es klingt sonderbar, aber sie hat bis dahin noch nie in einen Spiegel geschaut. Sie hat drei Jahre in einer Klosterschule zugebracht. Da gab es keine Spiegel.
Diese glänzende Fläche, die das Bild von Menschen und Gegenständen zurückwirft, ist für sie eine Entdeckung. Halb belustigt, halb erstaunt blickt sie prüfend auf die Personen, die da zu sehen sind, und vergleicht das Abbild mit dem Bild dieser Menschen in Wirklichkeit. Ja, da ist die Großmutter.
Da ist Lulu*.(*Brentano, Ludovica, genannt Lulu)
Von dort drüben blickt Meline sie an, die zugleich neben ihr steht. Und dann ist da noch ein Gesicht, über das sie zuerst erschrickt. Es ist ihr nicht vertraut. Es kommt ihr ganz fremd vor.
Es dauert den Bruchteil einer Sekunde, ehe sie sich darüber klar wird, daß sie sich selbst sieht.
Jahre später, aus der Erinnerung, wird sie über dieses Erlebnis schreiben:

Ich erkannte alle; aber die eine nicht mit feurigen Augen, glühenden Wangen, mit fein gekräuseltem, schwarzen Haar - ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen; ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt (...) diesem Wesen muß ich nachgehen, ich muß ihm Treue und Glauben zusagen...

Viele Jahre später weiß sie, daß in diesem Augenblick vor dem Spiegel etwas unerhört Wichtiges mit ihr geschehen ist. Als sie dort steht, als es geschieht, hat sie es nur gespürt und geahnt. Erst später hat sie Worte dafür gefunden.

Diese Prophezeiung ist mir wahr geworden, ich habe keinen andern Freund gehabt als mich selber (...) (Es) ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen, die gewiß nur wenige fassen: finde dich, sei dir treu (...) folge deiner Stimme, nur so kannst du das Höchste erreichen.

Das steht in ihren Schriften, die im folgenden noch häufig zitiert werden, wörtlich zwar, aber die für den heutigen Leser altertümliche Schreibweise vorsichtig an den heutigen Sprachgebrauch angeglichen. Wie es da steht, klingt es dennoch reichlich belehrend. Man merkt: da versucht jemand, an großen Vorbildern orientiert, sein Leben in Literatur zu übersetzen. Trotzdem, zwischen diesen Zeilen blitzt eine Erfahrung auf, die tatsächlich die des zwölfjährigen Mädchens gewesen ist. Die Entdeckung des Ich, der eigenen Person. Das also bin ich. Ich bin anders als die meisten.
Etwas ist besonders an mir. Andere werden nie ganz verstehen, warum ich bin, wie ich nun einmal bin. Verstehe ich es denn?
Diese feurigen Augen, diese glühenden Wangen, dieses schwarze, feingekräuselte Haar - das bin ich. Ich - unterschieden von all den andern.
Ich muß mich mit diesem Bild von mir einrichten. Ich muß es annehmen. Ich muß mich mit ihm befreunden. Gegen vieles kann ich rebellieren. Dagegen nicht.
Man könnte sagen, Bettina habe ein glückliches Naturell gehabt. Sie ist bereit, in dem wirklichen Bild von sich selbst das Bild einer Person zu erkennen, von der sie geträumt und die sie im Traum bewundert hat.

(3) »Es war einmal ein Kind, das hatte viele Geschwister« - auch das hat sie über ihre Kindheit geschrieben. Es sind nicht nur die vielen Geschwister. Es ist die Familie überhaupt, die etwas von einem Wimmelbild hat.
Elisabeth Catharina Brentano, genannt Bettina. Geboren am 4. April 1785 - nicht, wie schließlich auf ihrem Grabstein in Wiepersdorf stehen wird, 1788 - in Frankfurt/Main im »Haus zum goldenen Kopf« in der Sandgasse.
Das Haus steht nicht mehr. Ich muß es nach einem Bild beschreiben. Ein breites Haus, dreistöckig. Mit neun schmalen Fenstern auf jeder Etage. Darüber ein Dach wie ein Dreispitz. Das Erdgeschoß erinnert an das im Haus der Eltern Goethes, das nicht weit von diesem Haus entfernt lag. Ein Portal, daneben die Fenster mit käfigartigen Eisengittern gesichert. Die Gaslaterne über dem Eingang zeigt an, daß das Bild, das mir vorhegt, wahrscheinlich erst im 19. Jahrhundert entstanden ist. Auch das Schirmgeschäft gegenüber mit dem ausgespannten Schirm als Zeichen des Handwerks hat es hundert Jahre früher dort vielleicht noch nicht gegeben. Aber das Haus ist das gleiche. Ein Haus, das sich breit macht, ein Haus, das etwas hermacht. In einer etwas düsteren Straße, die noch schmaler wirkt als sie ist, weil nach der Bauordnung der damaligen Zeit die meisten Häuser nach oben immer weiter ausladen und diese Gelasse dem Licht den Weg nach unten versperren und breite Schatten werfen. Die Familie des Vaters stammt aus Tremezzo am Corner See. Also Italiener. 1698 haben sie in Frankfurt eine Handelsniederlassung gegründet. Großkaufleute. Fernhandel. Dazu machten die Brentanos wie viele Großkaufleute dieser Zeit Bankgeschäfte. Frankfurt ist Handelsstadt. Freie Reichsstadt. Krönungsstadt der deutschen Kaiser. Zu dieser Zeit, um die Jahre der Großen Revolution in Frankreich, ist Frankfurt ein Ort, an dem sich viele mittelalterliche Relikte erhalten haben. »Eng aufgetürmt zwischen Stadtmauern«, wird Frankfurt beschrieben, »eng eingeschlossen. Die Torwarte müssen jeden Morgen die Torschlüssel vom Bürgermeister holen, um aufzumachen. Es herrscht Zunftzwang, die Ordnung von Patriziern und Plebejern, mit entsprechenden Kleidervorschriften. Blutgericht wird auf offenem Platz gehalten, wo eine Kindsmörderin den Blutstuhl besteigen muß.«
Pietro Anton Brentano, der Vater, spricht zeit seines Lebens nur gebrochen Deutsch. In erster Ehe ist er mit seiner Cousine Paula Gnosso verheiratet gewesen. Sie hat ihm in neun Ehejahren sechs Kinder geboren. Anton 1763, Franz 1765, Maria Josepha 1767, Peter 1768, Dominikus 1769, Paula 1770. Maria Josepha ist nur dreizehn Jahre alt geworden. Der verkrüppelte und schwachsinnige Peter ist mit dreiundzwanzig Jahren gestorben. Ihn hat Bettina als ganz kleines Kind noch gekannt:

Er hatte schwarze Augen, die ein blendend Feuer von sich strahlten, in die hat das Kind oft sich ganz verloren vor tiefem Hineinschauen. Der Bruder Peter trug das Kind oft auf einen Turm auf dem Haus, da fütterte der Peter allerlei Gefieder, Tauben und eine Glucke mit jungen Hühnern, da saß das Kind mit ihm, da dichtete er ihm Märchen vor. Das waren Stunden, die glitzerten wunderschön aus der frühesten Kindheit herüber.

Es fällt auf, daß nur zwei Kinder aus dieser ersten Ehe Pietro Antons später selbst geheiratet haben. Die Zahl der Eigenbrötler, der Einzelgänger, der Sonderlinge, der Schwierigen in dieser Generation ist groß. Auch bei jenen, deren Eigenart nicht ganz so auffällig ist, bleibt etwas Besonderes, Fremdartiges. Achim von Arnim wird es gegenüber seinem Freund Clemens Brentano so beschreiben: »Ich glaube, daß ihr alle aus Ostindien stammt, aus der Brahmanenkaste, denn ihr habt doch alle etwas Heiliges an euch.«
1770 stirbt Pietro Antons erste Frau. Es ist selbstverständlich, daß er wieder heiraten wird. Er ist um die vierzig. In ein großes Geschäftshaus gehört eine Frau. Er heiratet nicht unbedingt aus Liebe, sondern vor allem, um wieder Ordnung unter sein Dach zu bringen.
Daß die Braut schön ist und von zahlreichen jungen Männern umschwärmt wird, daß sie schöngeistige Neigungen hat, dürfte seiner Eitelkeit geschmeichelt haben. Auch so etwas schmückt eine Firma.
Pietro Antons zweite Frau, Bettinas Mutter, heißt Maximiliane und wird »Maxe« genannt. Sie ist die älteste Tochter des Kurtrierischen Kanzlers Georg von Laroche und dessen Frau Sophie.
Schwiegervater und Schwiegersohn dürften durch die politischen Ämter, die sie bekleideten, miteinander bekannt geworden sein. Beide stehen in Diensten des Kurfürsten von Trier. Von Laroche als hoher Staatsbeamter, Pietro Antons Amt würde heute dem eines Konsuls entsprechen.
Die Laroches wohnen in Ehrenbreitstein in einem schönen, etwas erhöht liegenden Haus mit Aussicht auf den Rheinstrom.

  • Die Zimmer waren hoch und geräumig und die Wände galerieartig mit aneinanderstoßenden Gemälden behangen. Jedes Fenster, nach allen Seiten hin, machte den Rahmen zu einem natürlichen Bilde,
    das durch den Glanz einer milden Sonne sehr lebhaft hervortrat.

So erinnert sich Goethe, der nach der unglücklichen Liebesaffäre mit Charlotte Buff in Wetzlar während seiner Zeit als Referendar am Reichskammergericht in der Familie von Laroche verkehrte, an dieses Haus. Später wird er in Dichtung und Wahrheit distanziert-nostalgisch schreiben:

  • Es ist eine sehr angenehme Empfindung, wenn sich eine neue Leidenschaft in uns zu regen anfängt, ehe die alte noch ganz verklungen ist. So sieht man bei untergehender Sonne gern auf der entgegengesetzten Seite den Mond aufgehen und erfreut sich an dem Doppelglanz der beiden Himmelslichter.

Das ist nicht der einzige Hinweis auf Goethes Liebe zu Maxe. Im Werther, dem Roman, an dem er um diese Zeit zu arbeiten beginnt, wechselt das Bild der Heldin Lotte zwischen den Bildern der beiden Mädchen, die ihn in jenen Monaten stark beschäftigen.
Goethe als Geliebter, als möglicher Ehemann der Mutter, als ihr Vater - und wenn schon nicht das, warum dann nicht als Idol, als eigener Geliebter! Für Bettina, die später auf dem Dachboden des großmütterlichen Hauses in Offenbach die Briefe des nun weltberühmten Mannes findet, werden diese Papiere zum Anstoß zu einem großen Phantasiespiel. Eine Mythe wird in diesem Augenblick geboren. Und Bettina wird unter Einsatz all ihrer nicht unbeträchtlichen Willenskraft versuchen, aus der Mythe Wirklichkeit werden zu lassen. Aber so weit sind wir noch nicht. Um den Leser nicht zu verwirren, sei daran erinnert, daß wir zurückgeblendet haben in eine Zeit, zu der Bettina noch nicht einmal geboren ist.
Mag Sophie von Laroche als junge Frau empfindsam-schwärmerische Romane verfaßt und von einem Künstlerleben an der Seite ihres Jugendfreundes Wieland geträumt haben - später durchschaut sie wahrscheinlich durchaus, daß dieser junge Jurist und angehende Dichter Goethe jemand ist, der rasch entflammt und dabei jedesmal eine eindrucksvolle Gefühlsintensität entwickelt, sich aber nicht binden will. Das kann nach einem kurzen Glück ein langes Unglück geben. Auch darüber weiß sie aus eigener Erfahrung Bescheid, und daher ist sie entschieden für eine Versorgungsehe ihrer Tochter mit dem gediegenen, etwas hölzernen, aber beruhigend wohlhabenden Kaufmann Pietro Anton Brentano. Daß zwischen ihm und Maxe ein Altersunterschied von neunzehn Jahren besteht, stört angesichts der für Sicherheit bürgenden Vermögensverhältnisse des zukünftigen Schwiegersohns die Mutter wenig.
Es gibt mancherlei Hinweise dafür, daß die zweite Ehe Pietro Antons, die er im Jahr 1774 schließt, trotz der zwölf Kinder, die aus ihr hervorgehen und von denen Bettina das siebente ist, alles andere als glücklich war.
Wir wissen, daß Pietro Brentano den jungen Goethe, der nach dem Erscheinen des Werther mit einem Schlag berühmt ist, aus seinem Haus gewiesen hat, als die Seelenfreundschaft zwischen dem Modedichter aus der Nachbarschaft und Maxe in seinen Augen etwas zu innig wurde.
Goethe hat Cello gespielt im düsteren Haus in der Sandgasse. Maxe hat ihn auf dem Spinett begleitet. Sie zeigen sich ihre Zeichnungen. Sie empfehlen sich Bücher. Kaum denkbar, daß sich Pietro für die Literatur interessierte, von der in den Salons des Großbürgertums die Rede war. Pietro als Haustyrann? Das wäre zu einfach. Vergleicht man die Berichte, die es über ihn gibt, so gewinnt man eher den Eindruck eines tüchtigen, manchmal vielleicht etwas barschen Geschäftsmannes, durchaus auch zu starken Gefühlen fähig, die er aber lieber versteckt. Die Entscheidung, seiner Frau den Umgang mit dem jungen Goethe einfach zu verbieten, wird ihm leicht geworden sein. Er ist ein Mann mit Lebenserfahrung. Seine Frau ein junges Ding. Er will weder einen Skandal noch Seelenjammer unter seinem Dach. Dazu hat er nicht geheiratet. Und die verlangte Ordnung wieder herzustellen, dazu fühlt er sich berechtigt. In dieser Ehe kommen die Kinder in geradezu erschreckender Regelmäßigkeit: Georg 1775, Sophie 1776, Clemens 1778, Gunda 1780, Maria 1782, Christian 1784, Bettina 1785, Lulu 1787, Meline 1788, Karoline 1790, Anna 1791, Susanne geboren und gestorben 1793. Wir wissen, daß die unablässige Folge von Geburten bei Maximiliane zu Depressionen führte, sie körperlich aufzehrte. Bei Bettinas Geburt werden die neunjährige Sophie und der siebenjährige Clemens, wohl weil sie für besonders lebhaft und daher schwierig gelten, zu der Tante Luise von Mohn nach Koblenz-Ehrenbreitstein gegeben und erleben dort einen alptraumhaften Ehekrieg.
Bettina wächst in Frankfurt auf. Der Vater hat das Kind lieb, vielleicht lieber als die anderen Geschwister. Seinem Schmeicheln kann er nicht widerstehen. Will die Mutter etwas beim Vater durchsetzen, so schickt sie das Kind vor. Dem Kind hat er nie etwas abgeschlagen, wenn er sonst auch alles unter kaufmännischen Gesichtspunkten betrachtet und selbst seine Religion Spekulation auf den Himmel ist.
Nachmittags, wenn der Vater schläft und alle anderen sich mucksmäuschenstill verhalten müssen, läuft dieses Kind unbekümmert in das Zimmer des Vaters, eine Art Heiligtum, wirft sich auf den schlafenden Mann, wälzt sich übermütig hin und her, wickelt sich zu ihm in den weiten Schlafrock und schläft auf seiner Brust ein. Und gegenüber diesem Kind kann dieser sonst mürrische und knurrige Mann liebenswürdig sein, ja, er bringt sogar Geduld auf.

  • ...beim Spazierenfahren läßt er halten auf der Blumenwiese, bis der Strauß groß genug ist, das Kind will gern alle Blumen brechen, das nimmt kein Ende, die Nacht bricht ein, und den Strauß, viel zu groß für seine Händchen, bewahrt ihm der Vater.

1793 stirbt die Mutter siebenunddreißigjährig. Bettina ist acht Jahre alt. In den Familien dieser Zeit, da nicht selten drei Generationen dicht beieinander leben, die Kindersterblichkeit hoch und die Lebenserwartung der Menschen weit niedriger ist als heute, kommt man früh mit dem Tod in Berührung. Als Bettina drei Jahre gewesen ist, stirbt Peter, der Stiefbruder und liebste Spielgefährte. Drei Schwestern sterben: Karoline, Anna und Susanne. Als Bettina sieben ist, stirbt eine Frau, eine nahe Bekannte, vor deren Bett sie immer hat spielen dürfen.
Was geschieht mit Menschen, nachdem man sie in den Sarg gelegt hat?
Was heißt das, wenn die Erwachsenen sagen: Jemand ist nicht mehr?
Und nun ist also die Mutter gestorben.
Der Vater, der sonst immer Macht über alle hat, ist plötzlich selbst hilflos in seinem Schmerz.

  • Da ist Zerstörung im Haus ...der Vater kann's nicht ertragen, wohin er sich wendet, muß er die Hände ringen ... Die Geschwister fliehen vor ihm, wo er eintritt, das Kind bleibt, es hält ihn bei der Hand fest, und er läßt sich von ihm führen. Im dunklen Zimmer, von den Straßenlaternen ein wenig erhellt, wo er laut jammert vor dem Bild der Mutter, da hängt es sich an seinen Hals ... Werde doch auch so gut wie deine Mutter, sagt in gebrochenem Deutsch der italienische Vater.

Das Kind tröstet den Vater, aber das Kind braucht selbst auch einen Trost. Seine ausgeprägte Phantasie verhilft ihm dazu:

  • Was ist das, Tod? Begraben! Nicht mehr da! - Das Kind kann's nicht begreifen, daß man nicht mehr da sein könne. Und heute noch kann es nicht glauben ans Nicht mehrsein. - Nein! Nur wie der Schmetterling aus seinem Sarg hervorbricht, ins Blumenelement, und sich besinnt, nur taumelt lichttrunken, nur freudig schwärmt, so lösen die Kranken, die Müden sich ab vom Leib ... Wie die Raupe sich veredelnd umwandelt, so kann's der Mensch auch.

Auch das hat nicht das Kind geschrieben, sondern die erwachsene Frau über sich als Kind. Aber wenn man es aus der gefühlsbetonten Sprache der Romantik in unsere Sprache übersetzt, wird hier ein sehr eigenständiger, ganz undogmatischer Glaube erkennbar, mit dem es auch zu tun hat, wenn das Kind in den nächsten Jahren mit Vorliebe die Nähe von Bäumen und Pflanzen suchen wird: Der Mensch als Naturwesen und aufgehoben in der Natur. Wer das glaubt - und es gibt viele Äußerungen von Bettina, die diesen Glauben belegen -, für den ist der Tod kein Ende. Er ist nur Übergang in eine andere Form von Leben: »... Leben kann wohl verlassen, was nicht vermag, Leben zu fassen, aber es kann nie enden.«
Bettina weiß noch nichts davon, daß der Mensch mit seiner Herrschaft über die Naturkräfte einmal in der Lage sein wird, alles Leben auf diesem Planeten auszulöschen. Ihr Glaube daran, daß, wer sich der Natur unterwirft, nicht eigentlich stirbt, ist ihre sehr persönliche Reaktion auf häufige Todeserlebnisse. Er ist aber auch ein Anzeichen für die Lebenskraft und den Lebenswillen, die in ihr stecken.
Nach dem Tod der Mutter schickt der Vater, der wieder heiratet und mit dieser dritten Frau abermals zwei Kinder zeugt, die vier Schwestern Gunda, Lulu, Meline und Bettina in ein standesgemäßes Internat, in das Ursulinen-Kloster nach Fritzlar. Die Ursulinen sind ein 1535 gestifteter Orden, der einen guten Ruf für seine Tätigkeit auf dem Gebiet der Krankenpflege und der Mädchenbildung hat. Die Ordensschwestern in Fritzlar erziehen insgesamt vierundzwanzig Mädchen aus wohlhabenden Familien. Bettinas Erinnerungen an die Zeit bei den Ursulinen klingen idyllisch. Die Mädchen haben offenbar viel Spielraum. Sie haben ihre eigenen Beete im Klostergarten, bei deren Pflege sich Bettinas Liebe zu Pflanzen weiter ausprägt. Das Angelus-Läuten, die Gesänge in der Kapelle beeindrucken sie. Sie hat Freude an Musik und Tanz.
Es ist ein mystisches, aber sehr anschauliches Bild, wenn Bettina später erzählt, die Ordensschwestern in ihren Zellen, das habe sie erinnert an die Kerne einer von Licht durchfluteten Stachelbeere. Überhaupt entwickelt sich in Fritzlar in dem Kind dieses Gefühl von Geborgenheit in der Natur weiter. Oder anders ausgedrückt: Dieses Kind fühlt sich wohl, wenn es sich in die Natur einschmiegen und die Illusion haben kann, selbst ganz und gar ein Naturwesen zu sein. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist der Bericht über eine wilde Gewitternacht, die Bettina unter einem Baum sitzend verbringt:

Da läuten die Sturmglocken des Klosterturms, die Parzen und Musen* (*So erscheinen ihr die Ordensschwestern) eilen im Nachtgewand mit ihren geweihten Kerzen in das gewölbte Chor... bald tönt ihr Ora pro nobis herüber im Wind, so oft es blitzt, ziehen sie die geweihte Glocke an, so weit ihr Schall trägt, so weit schlägt das Gewitter nicht ein. Ich allein jenseits der Klausur, unter dem Baum in der schreckensvollen Nacht! Und jene alle, die Pflegerinnen meiner Kindheit, wie eine verzagte verschüchterte Herde, zusammengerottet in dem innersten feuerfesten Gewölb' ihres Tempels, Litaneien singend um Abwendung der Gefahr. Das kam mir so lustig vor unter meinem Laubdach, in dem der Wind rast und der Donner wie ein brüllender Löwe die Litanei samt dem Geläute verschlang; an diesem Ort hätte keins von jenen mit mir ausgehalten, das macht mich stark gegen das einzig Schreckensvolle, gegen die Angst, ich fühle mich nicht verlassen in der allumfassenden Natur. Der herabströmende Regen verdirbt ja nicht die Blumen auf ihrem feinen Stengel, was soll er mir schaden, ich hätte mich schämen müssen vor dem Vertrauen der kleinen Vögel, hätt' ich mich gefürchtet.

Während der Zeit in der Klosterschule findet bei Bettina - gemessen an den Normen jener Zeit - eine »Verwilderung« statt, über die sich die erwachsenen Geschwister gelegentlich aufregen. So kritisieren sie beispielsweise, daß Bettina nicht regelmäßig an den Vater nach Frankfurt schreibt. Darauf kommt von ihr dieser Brief:

  • Lieber Papa!
    Nix - die Link (dahinter ist eine Hand mit einer Feder gezeichnet)
    durch das Jabot gewitscht auf dem Papa sein Herz, die Rechte
    (wieder ist eine Hand hingemalt)
    um den Papa sein Hals. Wenn ich
    keine Hand hab, kann ich nicht schreiben.
    Ihre liebe Tochter Bettina

Sie hat eine Art, sich zur Lebendigkeit zu bekennen und Konventionen einfach fortzuwischen oder sie nur als komisch anzusehen, die manche begeistert, andere in Wut und Schrecken versetzt. Über die erwachsene Bettina schreibt Charlotte von Kalb:

  • »An Schalkheit, Laune, angeborenem Reichtum und Leichtsinn tut es ihr keiner gleich. Bettina ist weder zu kritisieren noch zu korrigieren.«

Diese Sätze gelten auch schon für die achtjährige Bettina. Wahrscheinlich sind weit mehr Kinder früher und heute so gewesen. Nur bekommen die meisten solche Regungen von besorgten und übereifrig auf Anpassung drängenden Eltern und Lehrern rasch und gründlich ausgetrieben. Bettina dagegen hat das Glück, während ihrer ganzen Kindheit von solcher Enge und Strenge verschont zu bleiben.
1797 stirbt der Vater. Die beiden ältesten Söhne aus erster Ehe, Anton und Franz, übernehmen das Handelshaus in Frankfurt. Goethe veröffentlicht in diesen Jahren seinen Entwicklungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre.
In Frankreich ist die Große Revolution nach der Enthauptung des Jakobiners Robespierre in eine gemäßigt-bürgerliche Phase eingetreten. Aber der Krieg zwischen Österreich und Frankreich dauert weiter an. Ein General Bonaparte, der im Mai 1796 nach der Schlacht an der Brücke von Lodi an der Spitze einer jungen Armee in Mailand eingezogen ist, beginnt von sich reden zu machen.
Auch das Rhein-Maingebiet ist von diesem Krieg betroffen. Das Kurfürstentum Trier verschwindet von der Landkarte, und damit verliert die Großmutter Sophie von Laroche, seit 1788 Witwe, ihre Pensionsansprüche. Die französischen Truppen unter General Hoche nehmen unter anderem auch Fritzlar ein. Die Familienchefs Anton und Franz holen ihre vier Stiefschwestern nach Frankfurt in das »Haus zum goldenen Kopf«. Wie im gehobenen Bürgertum üblich, sollen die Kinder von einem Hauslehrer unterrichtet werden. Bei den zahmeren Schwestern Meline, Lulu und Gunda läßt sich ein solches Erziehungsprogramm ohne weiteres durchsetzen. Nicht so bei Bettina, die zum Entsetzen von Verwandten und gutbürgerlichen Nachbarn mit Vorliebe auf Dächer, Bäume und Türme klettert.
Wenn man sie wegen zerrissener Kleider oder aufgeschlagener Knie ausschimpft, pflegt sie zu sagen:

»Daß ich doch auch immer meine Kleider zerreiße, wenn ich so recht juchzend bin!«

Ihre Halbbrüder Anton und Franz finden über ihren Verpflichtungen in der Firma keine Zeit, die Erziehung des quecksilbrigen und phantasiesprühenden Kindes selbst in die Hand zu nehmen. So sind schließlich alle recht zufrieden, als die Großmutter vorschlägt, die Enkelin zu sich zu nehmen.
Sophie von Laroche, die nach ihrem Mann 1791 auch noch ihren Lieblingssohn verloren hat, bewohnt nun in der Domstraße in Offenbach ein kleines gemütliches Haus, zu dem auch ein schöner Garten gehört. Soll die alte Dame nur ihr Glück bei der Erziehung dieses respektlosen Kindes versuchen. Immerhin ist sie unter anderem auch Verfasserin einer Erziehungszeitschrift für junge Mädchen, die über ganz Europa hin Verbreitung gefunden hat.

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