Über Geschichtsphilosophie

Karoline von Günderodes Auseinandersetzung mit Bettina

Texttyp

Historischer Essay

Einleitung

»Was kümmert uns Vergangenheit, wäre sie nicht Organ unserer Zukunft! Reflex des Werdens in uns, dem der Geist in Träumen die Lockungen des eigenen Ideals vorspiegelt.«
(Bettina 3:285)

Günderodes Geschichtsphilosophie, die bei der späten Bettina erspürt werden kann, ist von der Frühromantik beeinflußt, und damit von jüdischem und mystischem Denken von der Kabbala, vom Talmud, vom Alten Testament, vom Mystiker Jakob Böhme (1575-1624). Im Unterschied zum gradlinigen Fort-Schritts-Glauben der Aufklärung, in welchem die Vergangenheit vorwiegend als schlecht gesehen und die Geschichte als überwunden abgeschnitten wird, gehört zum romantischen Geschichtsdenken ein rückwärtsgewandter Blick hin zu einem Punkt, wo Mythos und Geschichte noch verflochten waren. Von diesem Punkt aus wird dann, gleichsam in der Reflexion auf die Gegenwart als Zustand des Unerlösten, des Banns, mit dem Wissen um einen einstigen Zustand, der glücklicher war, in die Zukunft transzendiert (Transzendenz - Überschreiten statt Progress - Fortschreiten). Dieses Geschichtsdenken hat messianischen Charakter. Bettina weist darauf hin, daß die Juden ihren Messias noch vor sich haben im Unterschied zu den Christen (vgl. »Die Klosterbeere«). Es wurde oft mißverstanden als primitivistischer Wunsch, zu einem alten Zustand zurückzukehren. Dies ist aber ein Irrtum: der neue Zustand, der zwar, in Anlehnung an den einstigen, oft »Goldenes Zeitalter« (vor allem bei Novalis) genannt wird, ist der neue Zustand einer sozusagen reflektierten Unschuld, der Zustand »universeller Humanität« (Novalis:441), den sich die Frühromantiker, nicht anders als Bettina, als Weltrepublik dachten. In diesem Sinne sind Kunst und Wissenschaft nie Selbstzweck, sondern Zweck der Menschwerdung:

  • »Zur Wissenschaft ist der Mensch nicht allein bestimmt, der Mensch muß Mensch sein, zur Menschheit ist er bestimmt, Universaltendenz ist dem eigentlichen Gelehrten unentbehrlich.« (Novalis: 452)

Der Wissenschaftler (auch der Geschichtsschreiber) und der Künstler werden also als in die Geschichte eingreifend betrachtet, nicht nur diese abbildend oder analysierend. Wissenschaftler und Künstler sind nicht scharf zu trennen, beide dienen der Menschheit zur Selbstverwirklichung. Bettinas Polemik gegen die Geschichte in den Briefen an die Günderode ist deshalb keinesfalls als ahistorische Tendenz zu verstehen, sondern als Kritik an der Selbstgenügsamkeit der Geschichtslehre, die Daten und Siege aufzählt. Günderode wendet sich in ihren Antworten sowohl gegen ein Abschneiden der Geschichte als des Schlechtgewesenen, wie auch gegen eine historisierend-selbstgenügsame Geschichtsschreibung, die im Historismus des späten neunzehnten Jahrhunderts ihren Höhepunkt fand und vor deren Tendenzen sie warnt. Im dialektischen Geschichtsdenken kann es nicht vorwiegend um Entlarvung des Mythos (auch nicht des religiösen Mythos) als Betrug und Irreführung gehen, sondern um das Verstehen einer Symbolsprache, in welcher der Mythos zu uns redet. Der Mythos, der von dem spricht, »was niemals geschah, aber dennoch immer ist« (Blumenberg: 32) enthält Wahrheiten über die Menschheitsgeschichte, die sich in jeder einzelnen Menschengeschichte eines Individuums neu realisieren. Was David Baumgardt über den Geschichtsbegriff des Romantikers Franz von Baader schreibt, zeigt, wie nah dieser dem Denken Günderodes und, vermittelt, Bettinas verwandt ist:

  • »Nach Baader... gehören alle die Ereignisse, die in der Schrift des alten und neuen Bundes aufgezeichnet sind, eben deshalb mit zur wahren, historisch verbürgten Geschichte der Menschheit, weil die Ereignisse >sich zu ihren Hauptmomenten in jedem einzelnen Menschen als so viele Momente seines inneren Lebens selber wiederholen<, weil auch die niedere Region der alltäglichen menschlichen Geschichte nicht ohne jene höhere begreifbar wäre. Das Mißverständnis aber von einer wechselseitigen Entbehrlichkeit des geschichtlichen und des mystischen, d. h. des speculativ religiösen Standpunktes konnte nur deshalb so allgemein werden, weil man jene notwendig speculativ historische Weise >von der Gegenwart aus die Vergangeheit gleichsam zu reconstruiren<, in neuerer Zeit vernachlässigt habe.« (Baumgardt: 294)

Von diesem Gedankengang aus ist der Historiker als eine Art Visionär zu begreifen, der rückwärtsblickend - die Zukunft erahnt. Aber dieser visionäre Historiker könnte Bettinas Fragen an den Geschichtslehrer beantworten, die sie beispielsweise über den Ägypterkönig Sesotris stellt: »War er schön? - Hat er geliebt? - War er jung? - War er melancholisch? ...« (Bettina 1:290) Die Günderode lehrt Bettina jene Geschichte, die sie vom Geschichtslehrer vergeblich erhoffte - sie enthält das dialektische Moment, das Friedrich Schlegel im Bild des Geschichtsschreibers als »rückwärtsgekehrter Prophet« aussprach.

  • »Rechenschaft ist nichts anderes als Zurückholen des Vergangenen, ein Mittel, das Verlorne wieder einzubringen...«
    (Bettina 1:295)

Das Uneingelöste der Vergangenheit wird Keim für die Zukunft - diese Auffassung finden wir in immer neuen Bildern und Metaphern vor allem in der frühromantischen Geschichtsphilosophie. Ganz deutlich wendet Bettina die in der Auseinandersetzung mit Günderode erarbeitete Geschichtsphilosophie in ihrem Königsbuch an, verlangt vom König (Fürsten) den prophetischen Seherblick des Historikers und entwickelt daraus die Idee eines Volkskönigstums, die am Ende mündet in der Idee der Abschaffung des Staates. Ähnliche Gedanken finden sich, worauf Hilde Wyss hingewiesen hat (Wyss: 42), in Novalis »Glauben und Liebe«. Die Idee eines aufgeklärt-liberalen Fürsten oder eines Volkskönigs ist bei vielen Autoren anzutreffen, die sahen, daß die Republik für Deutschland noch keine politische Reallsierungsmöglichkeit finden konnte (vgl. Jean Pauls Werk, vor allem den »Titan«). Bettina sieht eine »göttliche Erziehung des Menschengeschlechts« (3:357) voraus, wenn der Herrscher dem von ihr entworfenen Bild entsprechen könnte. Die letzten beiden Seiten der »Klosterbeere« enthalten diese Geschichtsphilosophie.

Texte von Franz von Baader, Novalis,
Friedrich Schlegel, Walter Benjamin und Georg Simmel

Franz von Baader (1765-1841), romantischer Philosoph, verkündet eine Art »Theodemokratie«; in ihr sollten wir »einander königlich und nicht sklavisch behandeln und keiner über den andern zu herrschen begehren, sondern vorzüglich durch Liebe, wie Gott, in andere zu wirken suchen«. (Baader: 15) Er vertritt eine Sehweise, in welcher von der Gegenwart aus die Vergangenheit erschlossen und für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden soll:

»Diese Weise, regressiv von der Gegenwart aus die Vergangenheit (die Geschichte) gleichsam zu rekonstruieren, wird in neuerer Zeit zu sehr vernachlässigt, weswegen auch das Mißverständnis der wechselseitigen Entbehrlichkeit der Geschichte und der Spekulation so allgemein ist. Die Spekulation dringt durch die Scheingegenwart zur wahren durch, und da in dieser wahren Gegenwart die Zeitbewegung sowohl rückwärts als vorwärts ruht, so ruht und gründet auch die Geschichte in ihr. Der Seher (Prophet) sieht nur darum zugleich in die Zukunft wie in die Vergangenheit, weil ihm ein Blick in die Gegenwart aufgeschlossen wird, und weil alles Vergangene (Geschehene) in dieser Gegenwart noch ist, wie alle Zukunft in ihr schon ist.« (Baader: 106)

Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772-1801) Dichter der Jenaer Frühromantik, der mit seinem Roman »Heinrich von Ofterdingen« einen Anti-Wilhelm-Meister schreiben wollte, beeinflußte Bettina von allen Frühromantikern am meisten.

»Echt historischer Sinn ist der prophetische Visionssinn - erklärbar aus dem tiefen unendlichen Zusammenhänge der ganzen Welt.« (Novalis: 460) »Der jüngste Tag ist die Synthesis des jetzigen Lebens und des Todes (des Lebens nach dem Tode). Zukunftslehre des Lebens. Unser Leben ist kein Traum - aber es soll und wird vielleicht einer werden.« (Novalis: 461) »Von wie wenig Völkern ist eine Geschichte möglich! Diesen Vorzug erwirbt ein Volk nur durch eine Literatur oder durch Kunstwerke, denn was bleibt sonst von ihm Individuelles, Charakteristisches übrig? Es ist natürlich, daß ein Volk erst geschichtlich wird, wenn es ein Publikum wird. Ist denn der Mensch geschichtllch, eh er mündig ist und ein eignes Wesen vorstellt?« (Novalis: 441) »Der eigentliche Sinn für die Geschichte der Menschen entwickelt sich erst spät, und mehr unter den stillen Einflüssen der Erinnerung als unter den gewaltsameren Eindrücken der Gegenwart. Die nächsten Ereignisse scheinen nur locker verknüpft, aber sie sympathisieren desto wunderbarer mit entfernteren; und nur dann, wenn man imstande ist, eine lange Reihe zu übersehn und weder alles buchstäblich zu nehmen, noch auch mit mutwilligen Träumen die eigentliche Ordnung zu verwirren, bemerkt man die geheime Verkettung des Ehemaligen und Künftigen, und lernt die Geschichte aus Hoffnung und Erinnerung zusammensetzen. Indes nur dem, welchem die ganze Vorzeit gegenwärtig ist, mag es gelingen, die einfache Regel der Geschichte zu entdecken.« (Novalis: 211)

Friedrich von Schlegel (1772-1829), Dichter der Jenaer Frühromantik gab mit seinem Bruder August Wilhelm Schlegel und Novalis das »Athenäum« heraus (1798-1800), eine gemeinsame Zeitschrift in der Hochblüte der Frühromantik, und löste mit seinem Roman »Lucinde« einen Skandal aus.

»... denn nichts ist unhistorischer als bloße Mikrologie, ohne große Beziehung und Resultate.« (Schlegel: 335) »Der Histoiker ist ein rückwärtsgekehrter Prophet.« (64. Athenäums Fragment, Schlegel: 34) »Der Gegenstand der Historie ist das Wirklichwerden alles dessen, was praktisch notwendig ist.« (Schlegel: 35) »Die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre und Goethes Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters. Wer an dieser Zusammenstellung Anstoß nimmt, wem keine Revolution wichtig scheinen kann, die nicht laut und materiell ist, der hat sich noch nicht auf den hohen weiten Standpunkt der Geschichte der Menschheit erhoben. Selbst in unsern dürftigen Kulturgeschichten, die meistens einer mit fortlaufendem Kommentar begleiteten Varlantensammlung, wozu der klassische Text verlorenging, gleichen, spielt manches kleine Buch, von dem die lärmende Menge zu seiner Zeit nicht viel Notiz nahm, eine größere Rolle als alles, was dies trieb.« (Schlegel: 48)

Walter Benjamin (1892-1940), Dichter und Philosoph der Frankfurter Schule, Freund Scholems, Adornos und Brechts, arbeitete an einer materialistischen Philosophie und Literaturtheorie. Seine »geschichtsphilosophischen Thesen« vereinbaren frühromantisch-jüdisches und marxistisches Denken. Der Engel der Geschichte, der »angelus novus« ist Synthese eines Bildes von Klee, einer Metapher von Friedrich Schlegel und der jüdischen Vorstellung vom Engel David, dem Scherbeneinholer (die Vergangenheit als Leid- und Scherbenhaufen).

»Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor ittis erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.« (Benjamin 1, 2:697f.). »Dieser Angelus Novus sollte einen Januskopf haben und doppelgesichtig Vergangenheit und Zukunft schauen.« (Bemerkung von Axel Schürmann) »Die Geschichte hat es mit Zusammenhängen zu tun und mit beliebig ausgesponnenen Kausalketten. Indem sie aber von der grundsätzlichen Zitierbarkeit ihres Gegenstandes einen Begriff gibt, muß derselbe in seiner höchsten Fassung sich als ein Augenblick der Menschheit darbieten. Die Zeit muß in ihm stillgestellt sein. Das dialektische Bild ist ein Kugelblitz, der über den ganzen Horizont des Vergangenen läuft. Vergangnes historisch artikulieren heißt: dasjenige in der Vergangenhelt erkennen, was in der Konstellation eines und desselben Augenblickes zusammentritt. Historische Erkenntnis ist einzig und allein möglich im historischen Augenblick. Die Erkenntnis im historischen Augenblick aber ist immer eine Erkenntnis von einem Augenblick. Indem die Vergangenheit sich zum Augenblick zum dialektischen Bilde - zusammenzieht, geht sie in die unwillkürliche Erinnerung der Menschheit ein. Das dialektische Bild ist zu definieren als die unwillkürliche Erinnerung der erlösten Menschheit. Die Vorstellung einer Universalgeschichte ist gebunden an die des Fortschritts und an die der Kultur. Damit sämtliche Augenblicke in der Geschichte der Menschheit an der Kette des Fortschritts aufgereiht werden können, müssen sie auf den gemeinsamen Nenner der Kultur, der Aufklärung (...) des objektiven Geistes oder wie man ihn immer nennen mag, gebracht werden.« (Benjamin 1,3:1233) »Es gibt einen Begriff der Gegenwart, nach dem sie den (intentionalen) Gegenstand einer Prophetie darstellt. Dieser Begriff ist das (Komplement) Korrelat zu dem der Geschichte, die blitzhaft in die Erscheinung tritt. Er ist ein von Grund auf politischer und so wird er bei Turgot auch definiert. Das ist der esoterische Sinn des Wortes, der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet... (1235) »Das Wort, der Historiker sei ein rückwärts gekehrter Prophet, kann auf zweierlei Weise verstanden werden. Die überkommene meint, in eine entlegene Vergangenheit sich zurückversetzend, prophezeie der Historiker, was für jene noch als Zukunft zu gelten hatte, inzwischen aber ebenfalls zur Vergangenheit geworden ist. Diese Anschauung entspricht auf genaueste der geschichtlichen E,nf ührungstheorie ... Man kann das Wort aber auch ganz anders deuten und es so verstehen: der Historiker wendet der eignen Zeit den Rücken, und sein Seherblick entzündet sich an den immer tiefer ins Vergangene hinschwindenden Gipfeln der früheren Menschengeschlechter. Dieser Seherblick eben ist es, dem die eigene Zeit weit deutlicher gegenwartig ist als den Zeitgenossen, die >mit ihr Schritt halten<. Nicht umsonst definiert Turgot den Begriff einer Gegenwart, die den intentionalen Gegenstand einer Prophetie darstellt, als einen wesentlich und von Grund auf politischen. >Bevor wir uns über einen gegebnen Stand der Dinge haben informieren können<, sagt Turgot, >hat er sich schon mehrmals verändert. So erfahren wir immer zu spät von dem, was sich zugetragen hat. Und daher kann man von der Politik sagen, sie sei gleichsam darauf angewiesen, die Gegenwart vorherzusehen.<Genau dieser Begriff von Gegenwart ist es, der der Aktualität der echten Geschichtsschreibung zugrunde liegt.... Wer in der Vergangenheit [3] wie in einer Rumpelkammer von Exempeln von Analogien herumstöbert, der hat noch nicht einmal einen Begriff davon, wieviel in einem gegebnen Augenblick von ihrer Vergegenwärtigung abhängt.« (1237f.)

Georg Simmel
Der rückwärts gekehrte Prophet, der angelus novus, ist auch immer wieder konkret wahrnehmbar - Bachofen, Marx, Freud waren in diesem Sinne materialistische Historiker, rückwärts gekehrte Propheten. Bachofen hat das, was die »normalen« Historiker auf den Abfallhaufen der Geschichte warfen, zur Substanz seiner Analyse gemacht: die Sagen, Mythen, Legenden, das scheinbar fast märchenhafte Jenseits der geschichtlichen »Empirie«. Und er hat dabei matriarchalische Strukturen entdeckt, deren Elemente später von Autoren wie Morgan (auf ihm fußend Engels), Malinowski oder Reich bestätigt wurden. Wenn auch manches nicht mehr haltbar ist von dem, was Bachofen romantisierend analysierte und darstellte, bleiben seine Entdeckungen wichtig für eine neue (antipatriarchalische) Geschichtsbetrachtung. Zu dieser nun eben, die zusammenfällt mit der dialektischen Geschichtsphilosophie, wie sie die Beispiele belegen, hält Georg Simmel die Frauen für besonders geeignet.
Es sei deshalb in diesem Zusammenhang auch auf den Kulturphilosophen Georg Simmel hingewiesen mit einem Auszug aus der »Philosophie der Kultur«, die er »Weibliche Kultur« betitelt hat:

»Beschränkte sich die Geschichtskenntnis auf das, was im genauen Sinne festgestellt und >erfahren< ist, so hätten wir einen Haufen zusammenhangsloser Bruchstücke; erst durch fortwährendes Interpolieren, Ergänzung aus Analogien, Anordnung nach Entwicklungsbegriffen werden daraus die einheitlichen Reihen der >Geschichte< - wie bekanntlich nicht einmal die Schilderung eines Straßenauflaufs durch Augenzeugen auf andere Weise zustande kommt. Allein unterhalb dieser Schicht, in der sogar die Reihen der unmittelbaren Tatsachen nur durch geistige Spontaneität zu zusammenhängenden und sinnvollen werden, liegt eine andere, geschichtsbildende, die sich ganz und gar durch diese Spontaneität gestaltet. Wenn selbst alles sinnlich feststellbare Geschehen in der Menschenwelt lückenlos bekannt wäre, so wäre all dies Sicht-, Tast- und Hörbare etwas so Gleichgültiges und Sinnloses wie das Ziehen der Wolken oder das Rascheln in Zweigen, wenn es nicht zugleich als seelische Manifestation verstanden würde. Das metaphysische und erkenntnistheoretische Problem: wie denn der ganze Mensch, in dem die sinnliche Existenz und alles Denken, Fühlen, Wollen eine Einheit ist, durch die geringen Tellstücke seines historischen Oberliefertseins uns zugangig werden könnte (ein Problem, in dem sich nur das gleiche des täglichen Lebens in besonderer Formung und Erschwerung wiederholt), steht hier nicht zur Diskussion.« (Simmel: 272 f.) »Das psychologische und also auch historische Verständnis bestimmt sich ersichtlich nach einer sehr variablen und noch gar nicht analysierten Relation zwischen seinem Subjekt und seinem Objekt, die sicher nicht mit dem abstrakten Ausdruck einer einfach quantitativen Mischung von Gleichheit und Ungleichheit zu erledigen ist. Aber auf der Basis des bisher Angedeuteten scheint nun das weitere festzustehen: daß unbezweifelte äußere Tatsachen eine prinzipiell überhaupt nicht begrenzte Zahl psychologischer Unterbauten zulassen; innerhalb eines Spielraums, den freilich phantastische und in sich brüchige Konstruktionen umgeben, wird das gleiche äußere Bild in verschiedene Seelen verschiedene innere, d. h. jenes Äußere vom Seelischen her deutende Bilder hervorrufen können, die alle gleich berechtigt sind. Es sind keineswegs nur verschiedene Hypothesen über einen und denselben Sachverhalt, von denen nur eine richtig sein kann (obgleich natürlich auch dies oft genug vorkommt); sondern sie verhalten sich etwa wie die Porträts verschiedener, gleich qualifizierter Maler von dem gleichen Modell, deren keines >das richtige< ist - jedes vielmehr einegeschlossene, sich in sich selbst und durch ihr besonderes Verhältnis zu dem Objekt rechtfertigende Totalität, jedes von diesem etwas aussagend, was in der Aussage des andern gar keinen Platz hat, aber diese doch nicht dementiert. So ist etwa die psychologische Deutung, die Männer durch die Frauen finden, vielfach eine fundamental andere, als Frauen sie sich untereinander zuteil werden lassen - und ebenso umgekehrt. Die hiermit aiigedeuteten Zusammenhänge scheinen mir zu ergeben, daß, soweit die Geschichte angewandte Psychologie ist, das weibliche Naturell die Basis ganz origineller Leistungen in ihr sein könnte. Die Frauen als solche haben nicht nur eine andere Mischung jener Gleichheit und Ungleichheit mit den historischen Objekten als die Männer und dadurch die Möglichkeit, anderes zu sehen, als diese; sondern durch ihre besondere seelische Struktur auch die Möglichkeit, anders zu sehen. Wie sie das Dasein überhaupt von ihren Wesensapriori aus anders deuten als die Männer, ohne daß diese beiden Deutungen der einfachen Alternative: Wahr oder Falsch - unterliegen, so könnte auch die geschichtliche Welt durch das Medium ihrer psychologischen Interpretation einen anderen Aspekt der Teile und des Ganzen bieten. So problematisch und vorläufig nur um der prinzipiellen Zusammenhänge willen wichtig solche Möglichkeiten erscheinen - so meine ich, daß es spezifisch weibliche Funktionen in der Geschichtswissenschaft geben könnte, Leistungen aus den besonderen Wahrnehmungs-, Nachfühlungs- und Konstruktionsorganen der weiblichen Seele heraus, von dem Verständnis dumpfer Volksbewegungen und den uneingestandenen Motivierungen in Persönlichkeiten an bis zur Entzifferung von Inschriften.« (Simmel: 273f.)

Es scheint fragwürdig, wenn Simmel vom »Wesensapriori« der Frau spricht, und Bovenschen/Gorsen hat es auch verleitet, Simmel in die Reihe der »philosophischorlentierten Geschlechtsmetaphysik« von »Rousseau über Schopenhauer bis Simmel« (Boverschen/Gorsen: 10) einzuordnen. Vergleichen wir aber Simmels Position, und dazu ist es nötig, ihn sehr genau zu lesen, mit neuen feministischen Theorien wie die der strukturalistischen Analytikerin Luce Irigaray, so stoßen wir nicht zufällig auf deutliche Analogien. Auch Luce Irigaray betont die Differenz zum Männlichen, und zwar zu Recht als Chance einer anderen, neuen Kultur jenseits der »phallokratischen«. Eben diese Differenz ist »der Ort unserer Ausbeutung, unserer Abtötung und unserer Vernichtung gewesen. Man muß ihn neu durchschreiten, neu verteilen von der Situation aus, die uns gemacht ist, um sie zu verändern« (Irigaray: 20). Sehr ähnlich wie Simmel, der aufzeigt, daß die Frauen »durch ihre besondere seelische Struktur« die Möglichkeit haben, »anders zu sehen«, und eben nicht nur anders als die Männer, wie er im obigen Zitat anmerkt, sondern qualitativ anders, weniger alternativ; so sieht auch Irigaray die Frau: sie ist (von ihrem Geschlecht aus) nicht eindeutig: »Sie ist weder eine noch zwei. Bei aller Anstrengung kann sie nicht als eine Person, noch auch als zwei bestimmt werden. Sie widersteht jeder adäquaten Definition. Sie hat darüber hinaus keinen >Eigen<-Namen. Und ihr Geschlecht, das nicht ein Geschlecht ist, wird als kein Geschlecht gezählt.« (Irigaray: 10) Deshalb ist sie »in sich selbst unbestimmt und unendlich anders«. (12) Das wird ihr von der patriachalischen Kultur als Unfähigkeit zur Abstraktion ausgelegt. Sie abstrahiert nicht von sich, das ist im Denken der Bettina besonders deutlich, weil Bettina dies nicht definitiv als Schwäche »tut«, sondern weil sie die männliche Abstraktion, die alles von sich abgrenzend verein-deutlicht, als Schwäche begreift und das Bei-sich-Bleiben als Stärke der Selbsterkenntnis: Sie sieht sich selbst zu (Distanz), wenn sie aglert, und sie muß nicht von sich abstrahieren, um zu Erkenntnissen zu gelangen.
Bettina war auch historisch in der privilegierten Situation, in welcher Männer (Schlegel, Novalis) das phallokratische Denken selbst in Frage gestellt hatten und sich in der Richtung einer weiblich-androgynen Kultur bewegten. In diesem geistigen Klima konnte Bettina sich aktiv verwirklichen, ihre Weiblichkeit als Stärke begreifen. Irigaray stellt fest, daß die Frau - wie in ihrer Sexualität- auch in ihrem sprachlichen Ausdruck nicht aufhört, selbstbezogen zu sein, sich selbst zu berühren (Simmel ahnte das): »Das heißt, daß auch in ihrem Sagen - wenigstens wenn sie es wagt - die Frau sich immerzu selbst berührt. Von sich selbst rückt sie kaum ab in ihrem Plaudern, einem Anruf ... einem in der Schwebe gelassenen Satz.« (Irigaray: 12) Genau das ist es, was die romantische Geselligkeit als weibliche Geselligkeit bestimmt, was die Frauen auch für das Verständnis der Geschichte, die vom sinnlichen Geschehen nicht abstrahiert, in der Zukunft besonders befähigen könnte, wie Simmel feststellt.

Brief von der Günderode an Bettina und die Antwort

An die Bettine [1]

Halte doch noch eine Weile aus mit Deinem Geschichtslehrer; daß er Dir möglichst kurz die Physlognomien der Völkerschaften umschreibt, ist ganz wesentlich. Du weißt jetzt, daß Ägypten mit Babylonien, Medien und Assyrien im Wechselkrieg war, fortan wird dieses Volk kein stehender Sumpf mehr in Deiner Einbildung sein. Regsam und zu jeder Aufgabe kräftig waren die Unternehmungen für unsre Fassungsgabe beinah zu gewaltig; sie zagten nicht, bei dem Beginn das Ende nicht zu erreichen, ihr Leben verarbeitete sich als Tagwerk in die Bauten ihrer Städte, ihrer Tempel, ihre Herrscher waren sinnvoll und umfassend heroisch in ihren Plänen, das wenige, was wir von ihnen wissen, gibt uns den Vergleich von der Gewalt ihrer Willenskraft, die stärker war als die jetzige Zeit zugibt, und leitet zu dem Begriff hin, was die menschliche Seele sein könnte, wenn sie fort und fort wüchse, im einfachen Dienst ihrer selbst. Es ist mit der Seelennatur wohl wie mit der irdischen, ein Rebgarten auf einen öden Berg gepflanzt, wird die Kraft des Bodens bald durch den Wein auf Deine Sinne wirken lassen; so auch wird die Seele auf Deine Sinne wirken, die vom Geist durchdrungen den Wein Dir spendet der Kunst oder der Dichtung oder auch höherer Offenbarung. Die Seele ist gleich einem steinigten Acker, der den Reben vielleicht gerade das eigentümliche Feuer gibt, verborgene Kräfte zu wecken und zu erreichen, zu was wir vielleicht uns kein Genie zutrauen dürften. Du stehst aber wie ein lässiger Knabe vor seinem Tagwerk, Du entmutigst Dich selbst, indem Du Dir den steinigten Boden, über den Dorn und Distel ihren Flügelsamen hin und her jagen, nicht urbar zu machen getraust. Unterdes hat der Wind manch edlen Keim in diese verwilderte Steppe gebettet, der aufgeht, um tausendfältig zu prangen. - Dein scheuer Blick wagt nicht den Geist in Dir selber aufzufassen. Du gehst trutzig an Deiner eignen Natur vorüber, Du dämpfst ihre üppige Kraft mit mutwilliger Verschwörung gegen ihren Wahrnehmungsgeist, der Dir's dann doch wieder über dem Kopf wegnimmt, denn mitten in Deiner Desolationslitanei sprühst Du Feuer, wo kommt es her? - Haben Dich die Erdgeister angehaucht? - Fällt Dir's vom Himmel? - Schlürfst Du's mit der Luft in Dich? - Ich weiß es nicht, soll ich Dich mahnen, soll ich Dich stillschweigend gewähren lassen? - Und vertrauen auf den, der Dir's ins Gesicht geschrieben hat? Ich weiß es wieder nicht. - ich möchte wohl, aber dann wird mir zuweilen so bange, wenn ich, wie in Deinem letzten Brief, das Vermögen in Dir gewahr werden, wie das lässig in sich verschränkt keinen Mucks tut, als ob der Schlaf es in Banden halte, und wenn's sich regt, dann ist's wie im Traum, nur Du selber schläfst um so fester, nach solchen Explosionen!- Ob ich recht tue, Dir so was zu sagen? - Das quält mich auch, man soll den nicht wecken, der während dem Gewitter schläft! - Du kommst mir nun immer vor, als entlüden sich elektrische Wolken über Deinem verschlafenen Haupt in die träge Luft, der Blitz fährt Dir in die gesunki-ie Wimper, erhellt Deinen eignen Traum, durchkreuzt ihn mit Begeisterung, die Du laut aussprichst, ohne zu wissen, was Du sagst, und schläfst weiter. - ja, so ist's. Denn Deine Neuglerde mußte aufs höchste gespannt sein auf alles, was Dir Dein Genius sagt, trotzdem, daß Du ihn oft nicht zu verstehen wagst. Denn Du bist feige - seine Eingebungen fordern Dich auf zum Denken; das willst Du nicht, Du willst nicht geweckt sein, Du willst schlafen. Es wird sich rächen an Dir - magst Du den Liebenden so abweisen? - der sich Dir feurig nähert? - Ist das nicht Sünde? - Ich meine nicht mich, nicht den Clemens, der mit Besorgnis Deinen Bewegungen lauscht, ich meine Dich selbst Deinen eignen Geist, der so treu über Dir wacht, und den Du so bockig zurückstößt. - je näher die Berge, je größer ihr Schatten, vielleicht, daß Dich die Gegenwart nicht befriedigt, was uns näher liegt, wirft Schatten in unsre Anschauung, und daher ist gut, daß der Vergangenheit Licht die dunkle Gegenwart beleuchte. Darum schien mir die Geschichte wesentlich, um das träge Pflanzenleben Deiner Gedanken aufzufrischen, in ihr liegt die starke Gewalt aller Bildung - die Vergangenheit treibt vorwärts, alle Keime der Entwicklung in uns sind von ihrer Hand gesäet. Sie ist die eine der beiden Welten der Ewigkeit, die in dem Menschengeist wogt, die andre ist die Zukunft, daher kommt)ede Gedankenwelle, und dorthin eilt sie! Wär der Gedanke bloß der Moment, in uns geboren? - Dies ist nicht. Dein Genius ist von Ewigkeit zwar, doch schreitet er zu Dir heran durch die Vergangenheit, die eilt in die Zukunft hinüber, sie zu befruchten; das ist Gegenwart, das eigentliche Leben; jeder Moment, der nicht von ihr durchdrungen in die Zukunft hineinwächst, ist verlorne Zeit, von der wir Rechenschaft zu geben haben. Rechenschaft ist nichts anders als Zurückholen des Vergangenen, ein Mittel, das Verlorne wieder einzubringen, denn mit dem Erkennen des Versäumten fällt der Tau auf den vernachlässigten Acker der Vergangenheit und belebt die Keime, noch in die Zukunft zu wachsen. - Hast Du's nicht selbst letzten Herbst im Stiftsgarten gesagt, wie der Distelbusch an der Treppe, den wir im Frühling so viele Bienen und Hummeln hatten umschwärmen sehen, seine Samenflocken ausstreute: »Da führt der Wind der Vergangenheit Samen in die Zukunft.« Und auf der grünen Burg in der Nacht, wo wir vor dem Sturm nicht schlafen konnten - sagtest Du damals nicht, der Wind komme aus der Ferne, seine Stimme töne herüber aus der Vergangenheit und sein feines Pfeifen sei der Drang in die Zukunft hinüberzuellen? - Unter dem vielen, was Du in jener Nacht schwätztest, lachtest, ja freveltest, hab ich dies behalten und kann Dir nun auch zum Dessert mit Deinen eignen großen Rosinen aufwarten, deren Du so weidlich in Deinen musikalischen Abstraktionen umherstreust. - Du gemahnst mich an die Fabel vom Storch und Fuchs, nur daß ich armes Füchslein ganz unschuldig die flache Schüssel Geschichte Dir anbot, Du aber Langschnabel, hast Dir mit Fleiß die langhalsige Flasche der Mystik im Generalbaß und Harmonielehre erwählt, wo ich denn freilich nüchtern und heißhungrig dabeistehe. Den Blumenstrauß hat der Jude [2] abgegeben, den Wacholderstrauch hab ich hinter dem Apoll aufgepflanzt, sie umduften ihn, die blauen Perlen, und die feinen Nadeln sticheln auf ihn.  Wenn Du kommst, so verbrennen wir sie im Windöfchen in meiner Kammer, und alle bösen Omen mit, drum sei nicht ungehalten, wenn ich Dir manchmal ein wenig einheize, ich freu mich aufs lustige Feuerchen. 
Karoline

Sei mir ein bißchen standhaft, trau mir, daß der Geschichtsboden für Deine Phantasien, Deine Begriffe ganz geeignet, ja notwendig ist. - Wo willst Du Dich selber fassen, wenn Du keinen Boden unter Dir hast? - Kannst Du Dich nicht sammeln, ihre Einwirkung in Dich aufzunehmen? - Vielleicht weil, was Du zu fassen hast, gewaltig ist, wie Du nicht bist. Vielleicht weil der in den Abgrund springt freudigen Herzens für sein Volk, so sehr hatte ihn Vergangenheit für Zukunft begeistert, während Du keinen Respekt für Vaterlandsliebe hast vielleicht weil der die Hand ins Feuer legt für die Wahrheit, während Du Deine phantastischen Abweichungen zu unterstützen nicht genug der Lügen aufbringen kannst, denen Du allein die Ehre gibst und nicht den vollen süßen Trauben der Offenbarung, die über Deinen Lippen reifen. Ob Hoffmann Deine musikalischen Erleuchtungen unter der nassen Leinwand begreifen wird, bin ich begierig zu erfahren. - Wenn er verstehen soll, ob Du recht verstanden hast, so wirst Du ihm wenigstens in deutlicheren Modulationen Deinen enharmonischen Schwindel vortragen wie mir. - Das ist es eben - die heilige Deutlichkeit - die doch allein die Versicherung uns gewährt, ob uns die Geister liebend umfangen. - Wenn's nur nicht bald einmal aus wird sein mit der Musik wie mit Deinen Sprachstudien, mit Deinen physikalischen Eruptionen und Deinen philosophischen Aufsätzen und dies alles als erstarrte Grillen in Dein Dasein hineinragt; wo Du vor Hochmut nicht mehr auf ebnem Boden wirst gehen können, ohne jeden Augenblick einen Purzelbaum wider Willen zu machen.
Karoline

An die Günderode

Du strahlst mich an mit Deinem Geist, Du Muse, und kommst, wo ich am Weg sitze, und streust mir Salz auf mein trocken Brot. - Ich hab Dich lieb! Pfeif in der schwarzen Mitternacht vor meinem Fenster, und ich reiß mich aus meinem mondhellen Traum auf und geh mit Dir. - Deine Schelling-Thilosophie ist mir zwar ein Abgrund, es schwindelt mir, da hinabzusehen, wo ich noch den Hals brechen werd, eh ich mich zurecht find in dem finstern Schlund, aber Dir zulleb will ich durchkriechen auf allen Vieren. - Und die Lüneburger Held der Vergangenheit, die kein End nimmt, mit jedem Schritte breiter wird - Du sagst im Brief, der mir zulieb so lang geschrieben ist, sie sei mir notwendig zum Nachdenken, zur Selbsterkenntnis zu kommen; ich will nicht widersprechen! - Könntest Du doch die neckenden grausenerregenden Gespenster gewahr werden, die mich in dieser Geschichtseinöde verfolgen und mir den heiligen Weg zum Tempel der Begeistrung vertreten, auf dem Du so ruhig dahinwallest, und mir die Zaubergärten der Phantasie unsicher und unheimlich machen, die Dich in ihre tausendfarbigen Schatten aufnehmen. Tut der Lehrer den Mund auf, so sehe ich hinein wie in einen unabsehbaren Schlund, der die Mammutsknochen der Vergangenheit ausspelt und allerlei versteinert Zeug, das nicht keimen, nicht blühen mehr will, wo Sonn und Regen nicht lohnt. - Indes brennt mir der Boden unter den Füßen um die Gegenwart, um die ich mich bewerben möcht, ohne mich grad erst der Vergangenheit auf den Amboß zu legen und da plattschlagen zu lassen. Du sprichst von meinem Wahrnehmungsvermögen mit Respekt; hab ich's aus der Vergangenheit empfangen, wie Du meinst - wenn ich Dich nämlich recht versteh, so weiß ich's doch nicht, wie's zuging. - Ist's der Genius, der dort herübergewallt kommt? - Das willst Du mir weismachen! - Feiner Schelm! - Mein Genius, der blonde, dem der Bart noch nicht keimt - sollte aus dem Schimmel herausgewachsen sein wie ein Erdschwamm! - Wahrlich, es gibt Geister, die drehen sich um sich selber wie Sonnen; sie kommen nicht woher und gehen nicht wohin, sie tanzen auf dem Platz, Taumeln ist ihr Vergnügen, der meinige ist ganz berauscht davon, ich lasse mich taumelnd dahintragen. Der Rausch gibt Doppelkraft, er schwitigt mich auf, und wenn er mich auch aus Übermut den vier Winden preisgibt, es macht mir nicht Furcht, es macht mich selig, wie sie Ball mit mir spielen, die Geister der Luft! - Und dann komm ich doch wieder auf gleiche Füße zu stehen, mein Genius setzt mich sanft nieder das nennst Du schlafen in träger Luft, das nennst Du feige? - Ich bin nicht feige; seine Eingebungen fordern mich auf zum Denken, meinst Du - und daß ich dann lieber schlafe, meinst Du Ach Gott! - Denken, das hab ich verschworen, aber wach und feurig im Geist, das bin ich. - Was soll ich denken, wenn meine Augen schauen jene Vergangenheit hinter mir im Dunkeln, wie kann ich sie an den Morgen knüpfen, der mit mir vorwärts eilt? - Das ist die Gegenwart, die mich mit sich fortreißt ins ungewisse Blaue, ja ins Ungewisse; aber ins himmlische, blonde, goldstrahlende Antlitz des Sonnengotts schauen, der die Rosse gewaltig antreibt und weiter nichts ...

  • Bettinas von Günderode beeinflußte Geschichtsphilosophie findet sich in den beiden Bänden des Königsbuches, vor allem auf den beiden letzten Seiten der »Klosterbeere«, die sie 1808 schrieb).