Nachwort

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Epilog

Meinem Nachwort möchte ich das Interview mit Katharina W. [1] und ein Zitat von Simone de Beauvoir [2] voranstellen.

Katharina W., 36, SPD-Politikerin (beurlaubte Lehrerin), verh.

»Ich bin über die Jusos in die Politik gekommen und war da auch mehrere Jahre Vorsitzende. Mit politischer Frauenarbeit habe ich mich in dieser Zeit überhaupt nicht beschäftigt - im Gegenteil: es gab hier immer schon eine Gruppe sozialdemokratischer Frauen, aber wir hatten alle Hände voll zu tun, uns davon zu distanzieren. Heute sehe ich die Frauenarbeit mit ganz anderen Augen. Für mich ist die Frauenfrage der Raster geworden, der über allem liegt. Sie spielt ja auch in alle Bereiche hinein. Die Konflikte, die ich früher in der Partei hatte, die hatte ich als Linke, als Juso. Heute kommt verschärfend hinzu, daß ich Frauenarbeit mache, politische Frauenarbeit - da droht ständiger Konflikt. Und das in der SPD, die ja den Anspruch erhebt, emanzipatorische Politik zu machen ... Wenn man die an ihrer eigenen Praxis mißt, dann gibt das einen erhöhten Impetus, etwas zu tun. Auch die SPD ist noch eine Männerpartei. Klar, daß das nicht gern gehört wird. Es kommt vor, daß unser politischer Anspruch einige Männer so verunsichert, daß sie ihre Aggressionen nicht mehr steuern können. Da stärkt uns SPD-Frauen nun andererseits die außerparlamentarische Frauenbewegung. Neue Impulse und Initiativen können sich sehr viel leichter zunächst außerhalb der Partei entwickeln. Deswegen ist da eine gewisse Doppelstrategie und ein sehr enger Kontakt zu diesen Gruppen wirklich erforderlich. Das, was im allgemeinen und offiziell als politisch bezeichnet wird, in den Parteien, in der Presse, das ist eine Welt, für die Frauen weder ausgebildet noch motiviert werden. Entsprechend verhalten sie sich auch, das heißt: völlig ablehnend, mindestens aber apathisch. Es betrifft sie nicht. Darum ist auch der Appell einer Partei an die Frauen >Organisiert euch bei uns!( völlig gefahrlos für die Etablierten, die Männer. Frauen halten sich für unfähig und inkompetent. Sie sind dazu erzogen, Männern den Vortritt zu lassen. Das kann man nur ändern, indem man Frauen bei ihren spezifischen Problemen anspricht (Abtreibung zum Beispiel), mit dem Ziel, ihnen klarzumachen, warum sie sich so verhalten, wer davon profitiert. Und den Wunsch zu wecken, das zu ändern. Man muß die Frauen in die Lage versetzen, das selbst zu ändern. Und etwas ändern können sie nur gemeinsam. Natürlich ist das dann eben doch eine hochpolitische Angelegenheit. Angeregt ist das alles mal wieder von der außerparlamentarischen Arbeit, also von der neuen Frauenbewegung, der Aktion 218, und den ersten Anfängen 1968/69 innerhalb des SDS. Damals wußte man, daß es da einen Weiberrat gibt, und man hatte dafür Sympathie. Irgendwann hat man dann Sachen gelesen, die einem hundertprozentig zugesagt haben. Das gärte dann erst mal eine Weile im Untergrund. Zu der großen Bundesfrauenkonferenz 1970 in Nürnberg sind wir Frankfurter Frauen zwar hingefahren, aber etwas spöttisch. Wir hatten bisher nie an solchen Sachen teilgenommen. Es waren ja in der Regel große Plattformen, wo irgendein Minister auftrat, eine Rede hielt, über soziale Reformen oder so was, und dann gab's oft noch Kaffee und Kuchen, und dann war das Ding wieder zu Ende.
Jetzt sahen wir zum erstenmal die Möglichkeit, etwas zu tun. Wir waren eine kleine Delegation von kritischen Frauen. Als wir ankamen., war es genauso, wie wir es uns vorgestellt hatten: Alles sehr lieb gemacht und Blumen. Es herrschte noch der alte autoritäre Stil, wie er selbst in Männerveranstaltungen nicht mehr üblich ist seit 1968, es hat sich ja doch ein bißchen was geändert. Aber die machten so richtig Männerveranstaltungen noch mit einem Verspätungseffekt. Das Erstaunliche war, daß wir auf einige Frauen aus anderen Bezirken stießen, die wir vorher noch nie gesehen hatten, aber mit denen wir spontan einer Meinung waren und sofort handlungsfähig als Gruppe. Wir haben uns eine Nacht lang zusammengehockt und ein Papier erarbeitet: Welchen Sinn politische Frauenarbeit haben kann, warum es sinnvoll ist, diese Arbeit zunächst auf Frauen zu beschränken, also Frauen unter sich. Wir führten aus, daß nur so Frauen erkennen können, daß das, was sie als individuelles Versagen empfinden, gesellschaftlich bedingt ist und daß das alles eng zusammenhängt mit der Funktion der Familie. Dieser Punkt hat natürlich viel Aufruhr ausgelöst; ein Tabu auch noch in der SPD. Aber Unruhe ist ein gutes Zeichen: man wird ernstgenommen. Unsere Gruppe bestand aus etwa 30 bis 40 Frauen, der >harte Kern< aus zirka 15 bis 20. Wir haben uns vorgenommen, uns regelmäßig zu treffen. Und das ist natürlich ein riesiges Problem. Wer organisiert das? Wer hat die Zeit? Geographisch kamen wir aus den verschiedensten Ecken, innerhalb der Partei alle vom linken Flügel. Man sitzt da zwischen zwei Stühlen. Die Partei findet es gut, wenn man sagt: Frauenarbeit. Jedenfalls bisher fand sie's gut, jetzt ist man ja vorsichtiger geworden (wir werden nämlich unbequem). Bisher wurde erwartet, daß man die übliche Alibi-Funktion übernimmt: Die Partei tut etwas für Frauen, denn sie hat ja sogar Frauen in den eigenen Reihen. Dann wird die Enttäuschung groß, wenn es nicht in dieser Weise läuft; wenn Dinge diskutiert werden, die seit Engels und Bebel kaum noch zur Sprache kamen: die ökonomischen Ursachen der Unterdrückung der Frau. Eine Politik zur Aufhebung von Ungleichheiten und Abhängigkeiten kann gar nichts erreichen, wenn man nicht analysiert, welche Funktion in diesem Zusammenhang die Unterdrückung der Frau hat: im Produktionsprozeß und, vor allem, in der Familie. Wie vereinbart die SPD ihren eigenen Anspruch, emanzipatorische Politik zu machen, mit der Wirklichkeit in ihren eigenen Reihen? Was ja - nebenbei durchaus nicht nur die Frauen betrifft. Wie ist das mit der Repräsentation der Arbeiter? Man kann sich doch nicht zufrieden geben mit einer Politik für die Benachteiligten, wenn die Betroffenen nicht in der Lage sind, ihre Sache selbst in die Hand zu nehmen. Das ist ja auch ein Problem bei den Linken - den Jusos und vor allem einer ganzen Reihe junger Frauen, die bei den Jusos organisiert sind und die politische Frauenarbeit in der Form einer Arbeit nur mit Frauen ablehnen und sagen: >Da gibt es keine politische Legitimation! Warum macht ihr einen eigenen Laden auf? Das führt zur Isolierung!< Nein, das führt zur Stärkung. Wir weisen dann zunächst auf die Tatsache hin, daß die Struktur bei den linken Gruppen sich in keiner Weise unterscheidet von der üblichen. Daß Frauen dort eine Minderheit sind und völlig angepaßt, wenn sie Erfolg haben. Frauen sind nur erfolgreich, wenn sie ihr Frausein verleugnen. Ich selbst habe diesen Konflikt zunächst gar nicht bewußt erlebt. Ich hatte mich unbewußt angepaßt. Ich komme aus einem Pfarrhaus und war die älteste Tochter. Wenn ich das nachträglich analysiere, dann glaube ich, daß zumindest mein Vater mich sehr gleichberechtigt behandelte, in dem, was mir zugetraut wurde, und in bezug auf das Bildungsziel, für das immer ungefragt feststand: Studium und Altsprachen. Meine Mutter ist sehr früh gestorben, ich bin in erster Linie von meinem Vater erzogen worden. Ich vermute, daß das eine positive Rolle für mich gespielt hat. Trotzdem hatte ich als Mädchen große Komplexe. In der Uni habe ich nie den Mund aufgemacht. Ich habe bis zum Schluß meines Studiums tief beeindruckt dagesessen, überzeugt, daß sogar die Gedanken, die ich hatte, schon längst viel besser gedacht worden waren. Da hab" ich wirklich die ganz typische Frauenrolle gespielt. Obwohl ich in der Schule eine reine Mädchenschule, in der ich mich ansonsten nicht sehr wohl gefühlt habe - sehr gut gewesen war, war ich überzeugt, daß ich nie Examen machen würde. Ich habe Geschichte, Latein und Politik studiert. Erst nachdem ich geheiratet hatte und mein Mann mich sozusagen zwangsweise angemeldet hatte, hab' ich es dann geschafft - und sogar ganz gut. Ich hatte natürlich dafür viel zuviel gearbeitet. Diese Heirat hat überhaupt mein Selbstbewußtsein als Frau gestärkt. Das Verhalten der Mädchen an der Universität und der große Teil der Abbrüche ist für mich absolut unverständlich. Als ich Examen hatte, haben trotzdem alle, auch meine Familie, gedacht, jetzt macht sie aber Schluß, sie macht noch die Referendarzeit, und dann kriegt sie ein Kind. Ich bin in den Staatsdienst eingetreten, habe zwei Jahre Referendarausbildung gemacht - was mir sehr gestunken hat. Man ist da ja völlig unselbständig, man ist ähnlich dran wie ein Schüler. Ich wollte eigentlich überhaupt nie Lehrerin werden. Ich hatte plötzlich Abitur, aber selbst überhaupt keine Zukunftsvorstellungen. Das einzige, was ich wußte, war, daß Geschichte mich interessierte. Wahrscheinlich hat man im Hinterkopf doch nur die Mutterrolle. Ich hatte keine Zukunftsperspektive. Zum Glück bin ich später trotzdem furchtbar gern Lehrerin gewesen. Was ich jetzt in der Politik mache, ist ja im Grunde das gleiche: Kontakt und Schulungsarbeit mit Menschen. Mein Mann ist - und das ist vielleicht nicht typisch - sehr an meinem beruflichen Erfolg interessiert. Ich weiß, daß viele Frauen von ihren Männern sehr stark behindert werden. Trotz alledem mache ich im Haushalt immer noch eine ganze Menge, den überwiegenden Teil. Obwohl wir das alles theoretisch falsch finden, ist es dann in der Praxis doch so. Es kann auch sein, daß ich nicht genug davon abgebe, daß ich ein bißchen festhalte. Wir reden sehr viel darüber. Ich glaube schon, daß er bereit wäre, mehr zu übernehmen. Konkret heißt das: Er geht auch mal einkaufen - aber nur mal. Ich habe die Verantwortung. Er hilft mir eben. Zuerst war uns das gar nicht so bewußt, die Rollen waren ganz selbstverständlich vorgegeben. Früher hatte ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn er im Haushalt etwas tat, das war mir peinlich. Darum finde ich es doch sehr wichtig, in dieser Frage überhaupt erst einmal ein Bewußtsein zu schaffen. Das kann man ja. Mit meiner Karriere hingegen hat es, wie gesagt, nie Schwierigkeiten gegeben. Ich glaube, er hat einen ganzen Teil persönlichen Ehrgeiz in mich investiert. Obwohl es ja für einen Mann, dessen Frau beruflich Erfolg hat, ziemlich schwierig ist, weil alle Männer dazu neigen, ihn für einen Versager zu halten. >Du Ärmster, wie hältst du das aus . . .< Auch in der Partei, die Männer, mit denen ich zu tun hab', die ja meistens eine Frau haben, die ihnen, wenn sie nach Hause kommen, die Schuhe auszieht, wenn die sich jetzt vorstellen, daß ich nach Hause komme' und mein Mann auf mich wartet ... Für mich war die 68er Bewegung ganz wesentlich, nicht nur als Frau, sondern überhaupt für meine politische Weiterentwicklung. Ich bin 1962 in die Partei eingetreten, und da hab' ich erst mal so übliche Ämter gehabt: Schriftführerin, weil ich immer da war und so schön schreiben konnte. Aktiv bei den Jusos hab' ich dann nach 1968 mitgemacht. Da hab' ich auch zum erstenmal geredet. Es ist ja für eine Frau in einer Partei, in einer reinen Männergruppe, ein ganz entscheidender Schritt, wenn sie zum erstenmal redet, so vor drei- bis vierhundert Leuten. Ich weiß nicht, ob ich den Punkt überwunden hätte. Es war wieder mein Mann, der mich dazu gebracht hat. Ich bin dann in den hiesigen Parteivorstand gewählt worden und in den Jusovorstand und bin Jusovorsitzende geworden, die erste und einzige weibliche Vorsitzende in Frankfurt überhaupt. Ich war damals 32 eigentlich kein typisches Alter für eine Jusokarriere. Ich hab da eine sehr stark integrierende Funktion gehabt, denn bei den Jusos gibt es immer starke politische Spannungen. Ich glaube, die hielten mich damals für besonders wählbar, weil sie meinten, ich als Frau stünde ein bißchen darüber. Auch im Parteivorstand habe ich die meiste Zeit als einzige Frau gearbeitet, wobei mir heute klar ist, daß das kein Zufall war. Denn es ist jetzt so, daß jedes Jahr Frauen kandidieren, und daß diese Kandidaturen immer als Kandidaturen gegeneinander funktionieren. Nur eine Person von 15 im Parteivorstand läßt man eine Frau sein. Dann sitzt man da in diesem Männerkreis und muß sich möglichst so verhalten, wie die das auch tun, zum Beispiel: Männer tagen furchtbar gern am Wochenende, weil sie ungern zu Hause sind, und sie arbeiten auch abends gern sehr lange. Einerseits diese verlogene Familienideologie, andererseits in der Praxis dieser Zynismus, mit dem sie ihre Familien behandeln. Sie profitieren von der Familie, aber ansonsten distanzieren sie sich von ihr: >Ach du liebe Zeit, nach Hause gehen ...  Im Parlament habe ich mich für den Sozialpolitischen Ausschuß gemeldet; das wurde glatt berücksichtigt, weil es im Grunde von mir erwartet wurde, weil es die typische weibliche Sozialecke ist. Die Sozialpolitik hat eben immer noch den Charakter des Karitativen und wird darum den Frauen zugestanden. Es gibt, glaube ich, auch wirklich einen Zusammenhang, die eigene Lage bringt einfach eine erhöhte Sensibilität für Benachteiligungen. Ich finde, daß gerade die Sozialpolitik ein Gebiet ist, wo man noch am meisten machen kann, wo die Perspektiven noch nicht entwickelt sind, wo noch Weichen zu stellen sind. Wir sind in der Fraktion 53 Abgeordnete, davon sind vier Frauen. Die CDU hat vier Frauen, die SPD hat vier Frauen - die SPD scheint sich in der Hinsicht nicht von einer konservativen Partei zu unterscheiden. Es kommt auch bei uns immer wieder vor, daß Positionen - auf Wahllisten oder, wie jetzt, beim Bundestagspräsidium - als reine Frauenposten freigehalten werden: >Platz für ein biologisches Wesen Frau. Muß noch gesucht werden.< Das ist natürlich beschämend für die betroffene Frau, aber mehr noch für die Partei. Frauen, die das durchschauen und artikulieren, kommen dann natürlich ihrerseits für solche Positionen nicht mehr in Frage; sie fallen völlig raus. Damit sie ihren Kampf durchstehen können, brauchen wir noch viel politische Solidarität - innerhalb wie außerhalb der Partei. Für mich ist politische Frauenarbeit heute primär. Das ist eine Arbeit, bei der man wirklich etwas tun kann: Man erlebt regelrecht, wie man Bewußtseinsprozesse in Gang setzt. Außerdem bin ich selbst als Frau betroffen, beziehe mich in diese Arbeit mit ein: Politik und Privatleben sind endlich nicht mehr getrennt. Beim letzten Wahlkampf habe ich einen typischen Frauenwahlkampf gemacht: regelmäßig und zahlreiche Frauennachmittage für Hausfrauen, mit Kinderbetreuung und Kasperletheater. Die Frauen kamen, vor allem sehr viele Großmütter, die die Enkelkinder verwahrten. Da konnte man politisch diskutieren mit Frauen, die nie und nimmer zu irgendeiner parteipolitischen Veranstaltung kommen, nicht über sogenannte >politische< Fragen, sondern über ihre Situation, über die Frage: Was wird mit den Kindern? Und den Müttern? Ober Schularbeiten und Versagen der Schule. Ich spreche da auch ganz anders als auf den Parteiveranstaltungen. Die eigene Situation - und das war für mich so ein Schlüsselerlebnis - ist keine individuelle, sondern eine gemeinsame. Natürlich ist die Frage, was man dann weiter macht. Diese Frauen gehen dann nach Hause, und ich habe nicht die Zeit, sie wieder zusammenzuholen. Die Jusos haben sich über diese Form des Wahlkampfes ein wenig gewundert. Sie fanden das vielleicht sogar lächerlich. Ich erinnere mich an eine Jusoveranstaltung,  wo ich als >Linke< im voraus großen Beifall kriegte, als ich zum Mikrophon ging. Als ich aber anfing, über Frauenemanzipation zu reden, herrschte betretenes Schweigen. Da war der Beifall nur noch dünn. Es wird ja viel darüber diskutiert, wieweit man in der Frauenemanzipation im Augenblick mit den Männern zusammen weiterkommen kann. Ich bin da ziemlich resigniert. Ich glaube, daß wir das erst einmal, ich will nicht sagen: gegen die Männer, aber an den Männern vorbei erreichen müssen. Als wir mit der politischen Frauenarbeit anfingen, haben wir ein Muttertags-Flugblatt gemacht. Mit einem Mal hat der Parteivorstand beschlossen, es einzustampfen, weil es in der Öffentlichkeit schädlich wäre. Den Angriff gegen den Muttertag würden die Wähler nicht verstehen, die würden denken, man wäre gegen die Mutter und lauter solches Zeug - was objektiv falsch ist, denn die Diskussionen mit den Frauen über den Muttertag waren sehr gut, genauso wie im Fall des § 218. Das ist klar, wenn man die Frauen an ihrem Problem packt, dann kriegt man die angeblich unpolitische Frau auf die Straße. Das Einstampfen ist nur daran gescheitert, daß es technisch nicht mehr möglich war - wir hatten's schon verteilt. Der Frauenbereich wird eben ausgespart, zunächst einmal mit dem Argument: das ist nicht politisch. Dann kommt das nächste: das schadet der Partei. Der wahre Grund ist natürlich, daß jeder einzelne von den Männern ganz elementar betroffen ist, persönlich profitiert von der Unterdrückung der Frauen. Da gibt es im Verhalten auch keinen wesentlichen Unterschied zwischen den Männern der Partei und den Jusos. Die Jusos sind nur stärker verunsichert. Die wissen schon, daß das ein ernstes Problem ist. Das zu verleugnen, können sie sich nicht mehr erlauben. Aber sie diskutieren's nicht. Ich bin laufend mit Männern zusammen, die daheim ihre Frau sitzen haben - die ist treu, brav und eben abhängig. Die Frauen unserer Funktionäre sind vielfach ja nicht in der Frauenarbeit engagiert und auch nicht in der Partei. Da stimmt doch etwas mit der Partei nicht, wenn das gerade bei den Frauen der am stärksten engagierten Genossen so ist. Die sitzen eben daheim, die Frauen. Wenn ich mir das manchmal klarmache, kriege ich eine Wut.«

Simone de Beauvoir

»Ich glaubte ganz naiv - wie viele Leute zu jener Zeit: es genüge, die Probleme des Klassenkampfes zu lösen, eine gerechte Welt zu schaffen, eine sozialistische und rationale Welt, damit sich zugleich auch die Frauen emanzipiert fänden. Nach und nach erst habe ich festgestellt, daß das nicht stimmt. Aber soweit es damals Frauengruppen gab, die für die Befreiung der Frauen kämpften, kämpften sie nicht wirklich. Das blieb ganz reformistisch, eine Klüngelei - das interessierte mich nicht. Erst mit der MLF (Mouvement de Libération des Femmes) traf ich auf eine Bewegung, die ganz neue, zum Teil durch den Mai 68 inspirierte Kampfmethoden hatte, aktiv und direkt, mit Demonstrationen und Aktionen, und in den Versammlungen unterbrachen wir die Leute, die auf eine Art redeten, die wir zum Kotzen fanden. Kurz, es gab eine Menge Aktionen, die gleichzeitig lustig und militant waren.«

Die in den Interviews mit Katharina W. und Simone de Beauvoir wiedergegebenen Erfahrungen zeigen das qualitativ Neue an der heutigen Frauenbewegung: radikale Infragestellung der sozialistischen Theorie und Praxis zur Frauenemanzipation. Simone de Beauvoir zieht aus ihrem Lernprozeß die Schlußfolgerung, daß die Frauen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen. Im weiteren postuliert sie, daß es »um die völlige Beseitigung der Unterdrückung der Frau und damit um die Erschütterung des Systems« gehe, »denn das System gründet auf der Unterdrückung der Frau«. [3]
Von Bebel unterscheidet sich diese Analyse auf den ersten Blick nicht, denn auch er fordert: »Die Frauen dürfen so wenig auf die Hilfe der Männer warten, wie die Arbeiter auf die Hilfe der Bourgeosie warteten.« [4] Wenn er aber »an die Frau im allgemeinen und an die Proletarierin im besonderen ...« die Aufforderung richtet, »in diesem Kampf nicht zurückzubleiben, in dem auch für ihre Befreiung und Erlösung gekämpft wird« [5], So zeigt er doch, daß er den Frauen keine spezielle Rolle in dem Kampf zuerkennt, sondern, daß sie zu etwas beitragen sollen, daß auch ihnen zugute kommt. Die nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 entstehende Frauenorganisation hat dann genau diese Funktion übernommen. Sie sah ihre Aufgabe nur in der Organisierung und politischen Aufklärung der Industriearbeiterinnen. Diese sollten sich mit den Männern ihrer Klasse solidarisieren lernen. [6] Damit negierte sie den von Bebel herausgearbeiteten Interessenwiderspruch zwischen Männern und Frauen. »Die Männer lassen sich diesen Zustand gerne gefallen, denn sie ziehen die Vorteile daraus. Es sagt ihrem Stolz, ihrer Eitelkeit und ihrem Interesse zu, die Rolle des Herrn zu spielen, und in dieser Herrscherrolle sind sie, wie alle Herrschenden, schwer Vernunftsgründen zugänglich. Um so mehr liegt es im Interesse der Frauen, sich für die Herstellung von Zuständen zu erwärmen, die sie aus dieser entwürdigenden Stellung befreien.« [7] Somit konnte diese Frauenbewegung nur eine Minderheit der Frauen erfassen. Erforderlich wäre gewesen, daß die Frauenorganisation ihr Ziel auch im Kampf gegen männliche Vorrechte gesehen hätte. Dann wären auch die Hausfrauen nicht ausgeschlossen gewesen. Statt dessen konstatiert Clara Zetkin auf dem Internationalen Arbeiterkongreß in Paris 1890: »Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne, und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig ist. Die unerläßliche Bedingung für die wirtschaftliche Unabhängigkeit ist die Arbeit.« [8] Als ob die Frauen nicht schon immer gearbeitet hätten und als ob die Arbeiter durch ihre Arbeit wirtschaftlich unabhängig wären. Lohnt es sich, nachdem die neue Frauenbewegung diese gedanklichen Zirkelschlüssel zu durchbrechen beginnt, sich mit solchem objektiven Unsinn überhaupt noch auseinanderzusetzen? Muß man überhaupt zu analysieren versuchen, was die Gründe dafür sind, daß eine Unzahl sonst doch klar denkender Genossen und Genossinnen die Unhaltbarkeit der Thesen nicht durchschauen konnte? Ich meine ja, und zwar aus zwei Gründen.

  1. Die feministische Position gerät in die Gefahr, ahistorisch und idealistisch zu werden - »Alle Unterdrückung beruht auf Sexismus«  - wenn sie nur die einfache Negation der alten sozialistischen Frauenbewegung ist.
  2. möchte ich, wie Bebel, immer noch die Genossen (reformistische, revolutionäre, parlamentarische, außerparlamentarische und wie sonst noch) aufklären. Dazu muß gezeigt werden, wie falsche Theorie notwendig zu falscher Praxis führte und welche psychischen Deformationen damit verbunden sind. »Soviel Gleichartiges aber in der Stellung der Frau und des Arbeiters sich nachweisen läßt, die Frau hat gegenüber dem Arbeiter das eine voraus: Sie ist das erste menschliche Wesen, das in Knechtschaft kam. Die Frau wurde Sklavin, ehe der Sklave existierte.« [9]

Bebel analysiert wie auch Clara Zetkin die besondere Unterdrückung der Frauen. Beide können daraus aber nicht die Konsequenz ziehen, daß es auch des besonderen Kampfes bedürfe, um sich von ihr zu befreien. Dieser Mangel hängt mit zwei m. E. angreifbaren marxistischen Grundkategorien zusammen. Zum einen mit der bereits früher kritisierten Überzeugung, daß die Geschichte sich plan- und stufenmäßig zum Sozialismus hin entwickelt. [10] Alle vorindustriellen Organisationsformen menschlicher Reproduktion würden der großen Industrie Platz machen, die Familie als feudale Einrichtung absterben. Dieser Prozeß würde notwendig alle Frauen zur Arbeit außerhalb des Hauses drängen und damit lohnabhängig machen. Obwohl seit 100 Jahren konstant etwa ein Drittel der Erwerbstätigen Frauen sind und die Familie sich ungebrochener Wertschätzung oder defacto Anerkennung erfreut, [11] rekapituliert jede sich marxistisch nennende Arbeit zur Frauen- und Familienproblematik die These, daß der Kapitalismus die proletarische Familie zerstört. Dieser Glaube enthebt die Bewegung sowohl der Wahrnehmung der wirklichen Entwicklung als auch einer ihr entsprechenden realistischen Frauen- und Familienpolitik. Die Marxisten verabsolutierten die eine Seite der Wirkung der kapitalistischen Entwicklung auf die Familie: ihren ökonomischen Funktionsverlust, und sie sahen nicht, welche Funktion sie für die psychische Stabilisierung des einzelnen und des Systems bekam. Kapitalistische Entwicklungen verlaufen eben nicht so geradlinig, wie die Theorie das zu unterstellen scheint. Der Kapitalismus muß die Familie und die Funktion der Frau in ihr schon deshalb erhalten, weil sich z. B. die Aufzucht von Kindern noch immer nicht industriell bewältigen läßt. Eine Erfahrung, die übrigens schon Friedrich II. machte. Die Nicht-Einbeziehung solcher keine große Weisheit voraussetzenden Einsichten hängt mit einem weiteren Mangel des Marxismus zusammen, den Marx selbst noch bedauerte - nämlich der ökonomischen Analyse keine die subjektive Seite des Lebens umfassende zur Seite gestellt zu haben. [12] Erst die antiautoritäre Bewegung politisierte die sozialpsychologischen Erkenntnisse über den Zusammenhang von politischer Einstellung und Erziehung. Sie ging dabei davon aus, daß eine der bedenklichsten Folgen des Ausklammerns des Reproduktionssektors aus der politischen Analyse der Linken das Herausfallen der Familienerziehung aus der politischen Diskussion war. Da die Familie nach der Theorie ja sowieso abstarb, brauchte man auch kein linkes Familienerziehungskonzept. Wie wichtig die ersten Lebensjahre für die Bildung des Charakters und für die politische Haltung sind, war zwar schon lange bekannt; die Arbeiterbewegung hat daraus aber nie eine Konsequenz gezogen. [13] Um die offensichtlichen Mängel der Familienerziehung kompensatorisch auszugleichen, haben die linken Organisationen ihre eigenen oder zumindest ideologisch auf sie ausgerichteten Kinder- und Jugendorganisationen, in denen Kinder Tugenden wie Solidarität lernen sollen. Diese Gruppen beginnen meistens erst, wenn die Kinder zehn Jahre alt sind und können dann auch schon rein zeitlich - ein Gruppennachmittag pro Woche - keine Alternative zur Familie darstellen. Eltern- bzw. Muttersein schien nicht politisierbar. Als ich nach mehreren Jahren politischer Arbeit 1964 ein Kind bekam und meine neue Situation auch als ein politisches Problem begriff, erntete ich allenfalls Achselzucken. Der Versuch, kollektive Lebensformen für die Kinder schon vor dem Kindergarten zu entwickeln, wurde selbst von den Genossinnen nicht verstanden; »das Kind braucht seine Mutter« verhinderte die Einsicht, daß Kind und Mutter noch etwas anderes brauchen. Und das alles bei undoktrinären Linken. Die antiautoritäre Erziehungstheorie ging davon aus, daß dem Kind nicht erst dann eine Alternative angeboten werden darf, wenn es emotional schon weitgehend geprägt ist und viele seiner Charakterzüge sich nicht so einfach wieder verändern lassen, sondern daß dies so früh wie möglich geschehen muß. Um dies umzusetzen, bedarf es einer kollektiven Anstrengung der Eltern. Dies wurde als Chance begriffen, selbst noch kollektive Verhaltensweisen zu entwickeln und nicht nur von der nächsten Generation zu erwarten.

Die Chance, neues Verhalten auszuprobieren, ist in einer neuen Beziehung besonders groß. jeder von uns möchte seine eigene Kindheit nicht wiederholen, trotzdem wiederholen wir zwanghaft unseren Kindern gegenüber dann doch so vieles. Frauen betrifft dieser Zwang viel existentieller. Ihre Erziehung ist noch stärker als die der Männer [14] auf Verinnerlichung der Normen abgestellt. Da die Hauptlast der Erziehung auf ihnen ruht, müssen sie dafür sorgen, daß auch ihre Kinder die Haupttugend der kapitalistischen Gesellschaft: Ertragen von Unterdrückung, erwerben. Nach den Gesetzen dieser Gesellschaft bedeutet das, daß Frauen ihre Kinder unterdrücken müssen, wenn sie sie lieben. [15]
Zu meinen, daß die Kinder mit den »richtigen« Ideen, die sie zum Beispiel in einer Kindergruppe erwerben, dereinst dieser Gesellschaft beikommen können, ist angesichts 100jährigen Beweises des Gegenteils Blasphemie. Neuerdings hat sich dieser Glaube (wovon er aber auch nicht besser wurde) insofern gewandelt, daß man von der Reform der Schulen und Kindergärten erwartet, daß sie es schafft, den Kindern neue Verhaltensweisen zu ermöglichen. Die Erwachsenen aber brauchen diese Verhaltensweisen natürlich nicht zu erlernen. Zusammenschlüsse von Eltern und Kindern (antiautoritäre Kindergärten, Eltern-Kinder-Gruppen usw.) sind organisatorische Möglichkeiten, die Eltern- und besonders die Mutterrolle neu zu bestimmen. Wenn eine Mutter erfährt, daß es etwas in der Welt gibt, das dem Kind genauso wichtig ist wie sie selbst, dann hat sie die Möglichkeit, schon heute einen großen Teil der Fixierung aufzugeben und braucht nicht darauf zu warten, daß im Sozialismus einmal alle Kinder aller Leute Kinder sein werden. [16]

Durch den in den Kindergruppen praktizierten Erziehungsstil, der sich an den Bedürfnissen der Kinder orientierte, wurde zum erstenmal deutlich, daß organisatorische Lösungen, [17] die Mütter und Kinder einen Teil des Tages voneinander entlasten, nicht nur etwas Gutes für Mütter sind, sondern auch für die Kinder. Es zeigte sich, daß das bisher unumstößliche Postulat, es existiere ein Interessengegensatz zwischen Müttern (EItern) und Kindern, nicht stimmt. Plötzlich wurde klar, daß die Forderung der Gesellschaft an die Frauen (von linken Männern an ihre Frauen), daß sie ganz in ihren Kindern aufgehen sollten, weder in deren noch im Interesse der Frauen oder Sozialisten ist. Der Pferdefuß an dieser Einsicht ist, daß sie schnell eingesehen wird, weil man sie mit der Ideologie verbinden kann: Frauen können sich nur durch Erwerbsarbeit befreien. Der »freigesetzten« Genossin wird also sofort ein neuer Zwang vermittelt, kaum ist sie das totale Muttersein los. Hier noch einige pragmatische Gründe, die gegen eine sofortige Berufstätigkeit von Müttern sprechen, wenn die Kinder untergebracht sind; vorausgesetzt, das ist aus wirtschaftlichen Gründen nicht unumgänglich. Die Doppelbelastung bleibt trotz zeitweiliger Entlastung von den Kindern. Dabei sollte man besonders berücksichtigen, daß Frauen auch einen Anspruch auf Freizeit haben, den sie nur in der Zeit realisieren können, in der ihre Kinder anderweitig versorgt sind. Frauen haben meist ihr ganzes Leben ein Defizit an freier Zeit; schon als Kinder verstanden sie mehr vom Haushalt, konnten besser kochen usw., was Mütter, Brüder und Väter weidlich ausnützten. Außerdem hatten sie weniger Zeit für Bildung und Ausbildung. Das nachzuholen ist legitim; Frauen gleich wieder unter Druck zu setzen und ihnen z. B. klarzumachen, sie sollten Abitur machen und studieren, ist nicht legitim. Das Emanzipationsprogramm Kinder, Kindergruppe, eigener Beruf ist im Grunde auch wieder eine männliche bzw. männlichen Prinzipien unterliegende Erfindung. Die heute bestehende Arbeitsteilung individuell aufheben zu wollen, kann nur auf Kosten der Frauen gehen, denn Kinder sind primär immer erst einmal die Kinder ihrer Mütter. Wenn die Männer uns Jahrtausende unterdrückt haben, sehe ich nicht ein, daß wir uns jetzt selbst unterdrücken und den Freiraum, den die Unterdrückung uns im Moment gibt, nicht dafür benutzen, diese endgültig abzuschaffen. Erst wenn wir es durch unseren Kampf geschafft haben, daß wir unter menschenwürdigen Bedingungen Arbeit, Mann und Kinder vereinen können, kann m. E. die Rede davon sein, daß weibliche Emanzipation darin besteht, auch einen Beruf zu haben. [18]
Was ich hier aufgrund meiner eigenen Erfahrung, beschrieben habe, wie auch Kinder zu haben ein Ansatz sein kann, eigene Probleme zu politisieren, läßt sich nicht unmittelbar auf kleinbürgerliche und proletarische Frauen übertragen. Von ihnen ist z. B. nicht zu erwarten, daß sie spontan selbst Kindergruppen organisieren. Da aber nicht nur Sozialisten, sondern auch der Kapitalismus im Moment ein Interesse an veränderten Bedingungen im Kindergarten und der Schule haben, ist hier ein Ansatz für Mütter und Erzieher, ihre und der Kinder Interessen durchzusetzen. [19]

Ich bin also der Meinung, daß es möglich ist, sich zusammen mit seinen Kindern zu emanzipieren; ich halte das auch nicht für ein Privileg mittelständischer Frauen. Mit dieser Überzeugung befinde ich mich nicht nur im Widerspruch zu Simone de Beauvoir, sondern auch zu einem beträchtlichen Teil der neuen Frauenbewegung, der Kinderlosigkeit und Berufstätigkeit für die einzige Chance der Frauen hält, sich aus ihrer Unmündigkeit zu befreien. Ich kann verstehen, daß Frauen unter gegenwärtigen Bedingungen kein Kind wollen. Daraus aber ein Programm zu machen, halte ich aus verschiedenen Gründen für falsch. Sich die Frage zu stellen, ob man auf Kinder verzichten will, ist nur einer sehr kleinen Gruppe von Frauen möglich. Das wiederum bedeutet, daß man das Kinderkriegen den Unaufgeklärten überläßt, die sich folgerichtig dann auch nicht richtig emanzipieren können. Daran wird deutlich, welch ungeheuer elitäres Moment in diesem Ansatz steckt. Es ermöglicht nur einer aufgeklärten Minderheit, das Ziel Emanzipation zu erkämpfen, in deren Genuß dann auch die anderen Frauen kommen. Jede Emanzipation, die einer Avantgarde bedarf, hat bisher immer zur Herrschaft der Avantgarde über diejenigen, die sie zu befreien vorgab, geführt, und das ist nicht zufällig. Emanzipieren kann man nur sich selbst, emanzipiert kann man nicht werden. Sozialismus hat auch die Versöhnung der Menschen mit der Natur zum Ziel. Ich frage mich, wie dieses Ziel erhalten und realisiert werden kann, wenn als beste Möglichkeit weiblicher Emanzipation die Verweigerung der eigenen Natur postuliert wird. Ich denke, daß es nicht darauf ankommt, die Geschlechtsrolle zu negieren, sondern zu versuchen, ihre Deformation durch die bürgerliche Gesellschaft zu überwinden. Der Versuch, Kinder nicht mehr als sein Eigentum zu betrachten und ihnen kollektive Lebensformen zu ermöglichen, bei denen sie auch die starren Geschlechterrollen nicht zu lernen brauchen, trägt m. E. mehr zur Transzendierung der vorgeschriebenen Rolle, zur Bildung neuen Bewußtseins und zur Entwicklung neuer Lebensformen bei, als es die bloße Negierung der Rolle kann. Schlagartig wurde mir das klar, als ich merkte, daß man mit den Kindern Spaß haben kann - und nicht nur an ihnen. Wenn Frauen sich nicht in der Lage fühlen, Kinder aufzuziehen, sollten sie daraus nicht einen höheren Wert machen und glauben, durch ihre Entscheidung seien sie weniger deformiert als die Hausfrauen. Solidarität von Frauen kann nur heißen, daß wir die jeweilige Entscheidung nicht als die bessere werten, sondern begreifen, daß jede der beiden Entscheidungen gleichzeitig ein Verzicht ist, der uns bestimmte Erfahrungen abschneidet, wir also nicht alle unsere Fähigkeiten entwickeln können. Wenn wir die jeweilige Lösung in ihrer Beschränktheit sehen und sie uns nicht gegenseitig vorhalten, können wir gemeinsam für eine Gesellschaft kämpfen, die uns solche deformierenden Entscheidungen nicht mehr abverlangt. Suchen wir nach dem spezifischen Ansatz für eine weibliche sozialistische Politik, kann »Frauen gemeinsam sind stark« sicher nicht heißen, daß unsere unterschiedlichen Lebensentscheidungen nicht in den Ansatz unserer politischen Praxis eingehen müssen. [20]

Alle könnten wir aber zwei gefährlichen Tendenzen unterliegen, die uns wieder domestizieren würden. Es gilt abzuwehren, uns wieder aufs Karitative abschieben zu lassen. Wir müssen jeden unserer Ansätze daraufhin prüfen, ob wir an unseren Interessen anknüpfen oder ob nur Notstände beseitigt werden sollen. Unser Ziel kann nicht sein, uns »ewige weibliche Arbeitsfelder« zu schaffen; vielmehr müssen wir an Notständen anknüpfen und deren Bedingungen für immer abschaffen. Zum anderen gilt es, unseren Anspruch auch in den menschlichen Beziehungen zu verändern, nicht durch Argumente wie »in dieser Gesellschaft sind Beziehungen, wie ihr sie euch vorstellt, nicht möglich« abwürgen zu lassen. Mit der Antwort gesteht derjenige, der sie gibt, ein, daß er den Wunsch teilt, aber keine Möglichkeit sieht, ihn in seinem Leben erfüllt zu bekommen. Die Resignation ist unüberhörbar. Ich glaube, wir dürfen sie nicht akzeptieren. Nicht nur weil derjenige, der ihr anheimgefallen ist, daran leidet, sondern weil auch eine politische Haltung damit ausgedrückt wird. Ich glaube, daß wir unsere Phantasie jetzt schon darauf verwenden müssen zu klären, was sich in den Beziehungen verändern läßt, damit sie unseren Bedürfnissen besser entsprechen. Ansätze zur Verwirklichung der Utopie müssen wir entwickeln, wenn wir uns unter Sozialismus nicht nur die Veränderung der Produktionsverhältnisse, sondern die Umwälzung aller Verhältnisse vorstellen. Die zweite angreifbare marxistische Annahme ist, Geschichte sei die Geschichte von Klassenkämpfen. Folgerichtig ist die Geschichte der männlichen Unterdrückung der Frauen nicht ein Teil der Geschichte, sondern bloße Naturgeschichte. Weil sie keine Klasse sind, können die Frauen auch nie Subjekte der Geschichte werden, sondern müssen auf ihre Befreiung durch die Klasse warten. »Da die letzte Klasse das moderne Proletariat ist, so wird es die historische Mission desselben, nicht nur die eigene Befreiung, sondern auch die Befreiung aller anderen Unterdrückten, also auch der Frauen, herbeizuführen.« [21]
Nur die sozialpsychologische Hypothese, daß die Unterdrückten sich mit dem Aggressor identifizieren, erklärt M. E., warum die alten Sozialistinnen dieses Postulat nie anzweifelten. Sie lösten den Konflikt, indem sie wie die Genossen wurden (nur noch ein bißchen tüchtiger,radikaler). Die Identifikation mit dem Aggressor ist aber keine dauerhafte Lösung. Wenn wir jetzt zum erstenmal versuchen, eine radikale Kritik unserer Unterdrückung zu leisten, dann muß in unsere Überlegungen auch die Gefahr der Identifikation mit dem Aggressor eingehen. Die Analyse von Versuchen, sich seiner Unterdrückung zu entledigen, zeigt immer wieder, daß nach einer Phase der Revolte die Unterdrückung hinterher nur um so williger angenommen wurde. [22]

Identifikation ist die totale Übernahme, Revolte totale Ablehnung des Aggressors - in unserem Fall der Männer die aber allzu leicht wieder zusammenbricht. Wenn wir beidem entgehen wollen, müssen wir eine Analyse der spezifischen Form unseres Unterdrücktseins leisten. Ansätze dazu habe ich in den Nachbemerkungen zu den Kapiteln über »Die Frau als Geschlechtswesen« und »Der Kampf um politische Gleichberechtigung« versucht. Weibliche Autonomie kann m. E. also nicht völlige Unabhängigkeit von den Männern heißen, wie sie ein Teil der Feministinnen fordert. Dies würde bedeuten, daß die Machtfrage nur anders gestellt wird und wir dem Ziel Aufhebung der Herrschaft von Menschen über Menschen nicht näher sind. Wie ich zu zeigen versuchte, stecken im Marxismus und in der Bebelschen Theorie eine Menge paternalistischer Momente, die auch heute noch wirken, und die wir nur überwinden können, wenn wir uns vom Marx-Fetischismus befreien. Das immer noch Sprengende des Buches scheint mir ein Moment, das Bebel möglicherweise gar nicht bewußt war: Die Verknüpfung der Frauenfrage mit der Utopie. Was an der Frauenfrage macht den Männern Mut, ihre Träume von einer anderen Welt zu artikulieren? Frauen schienen schon damals diejenigen zu sein, die allein noch etwas von dem verkörperten, was die Sozialisten sonst nur noch auf den Sozialismus zu projizieren wagten: das Bedürfnis nach Emotionalität und Spontaneität. Irgendwo mag Bebel geahnt haben, wenn seine Utopie Wirklichkeit werden sollte, dürfe es keine bloß männliche Revolution geben. Kann der proletarische Anti-Feminismus nicht überwunden werden, würde der Sozialismus auch nicht die Gleichheit der Menschen herstellen, die er sich erträumte. Daß er diesen Ansatz nicht klar durchhalten konnte, liegt vielleicht daran, daß es zu seiner Zeit historisch noch zu früh war, diese Bedürfnisse schon gesellschaftlich verwirklichen zu wollen. Die Entwicklung der Produktivkräfte aber würde es heute gestatten, daß die Männer sich nicht mehr zu Agenten des Fortschritts zu machen brauchten und sich auf ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse konzentrieren könnten. Diese objektive Veränderung gibt uns heute die Chance, die Frage der Realisierung der Utopie radikaler, d. h. konkreter, zu stellen. Mir ging es in diesem Nachwort primär um den Anteil der Frauen an diesem Prozeß. Ich bin davon überzeugt - was ich auch Bebel unterstelle - daß in der augenblicklichen Situation die Haltung der Frauen eine entscheidende Rolle dafür spielt, ob die gegenwärtigen sozialen Probleme human oder technokratisch gelöst werden. Viele aufgeklärte Frauen widersprechen dieser These mit der Feststellung, daß die Frauen von den gesellschaftlichen Verhältnissen ebenso korrumpiert seien wie die Männer. Es gäbe keinerlei Grund, die Unterdrückung der Frauen durch einen Heiligenschein zu verklären. Sicher sind die Frauen vom System deformiert; es geht nicht darum, sie romantisch zu verklären. Wichtig ist es auszunutzen, daß die Gesellschaft sich in den Frauen ein Stück Menschlichkeit erhalten mußte weil sonst ihr Fortbestand nicht garantiert wäre. Im Ausnutzen dieses gesellschaftlichen Zwangs steckt der Ansatz für eine Aktualisierung der Bebelschen Zielvorstellung.

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