Vorwort

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Vorwort

«Niemals, nicht einmal in tausend Jahren!», antwortete der südrhodesische Premierminister Jan Smith auf die Frage, wann in seinem Land die weiße Minderheitsregierung von einer schwarzen Mehrheitsregierung abgelöst werde. Das war Anfang der siebziger Jahre, und er meinte, «seine» Afrikaner wären die «glücklichsten auf dem schwarzen Kontinent».
Nur wenige Jahre später war der Traum einer tausendjährigen weiß-regierten Republik ausgeträmnt. 1978 brach Jan Smith öffentlich in Tränen aus: Er mußte die Regierungsgeschäfte einem Schwarzen übergeben, den er allerdings selbst dafür ausgewählt hatte, an den methodistischen Bischof Abel Muzorewa. Diese schwarze Scheinregierung Muzorewa war von Smith und den Weißen abhängig - wurde kurze Zeit später von einer echten schwarzen Mehrheit abgelöst. Nach zähen Verhandlungen in London, an denen die britische Kolonialmacht, die Befreiungsbewegungen, Smith und Muzorewa beteiligt waren, übernahmen die beiden Befreiungsbewegungen ZANU (Zimbabwe African National Union) und ZAPU (Zimbabwe African People's Union) die Macht. Nach den Wahlen im März 1980 bildete Robert Gabriel Mugabe (ZANU) unter Betelligung von Joshua Nkomo (ZAPU) und Mitgliedern der weißen Rhodesian Front die Regierung.
Die Verhandlungen in London waren vor allem durch den Druck zustande gekommen, den ZANIA und ZIPRA, die bewaffneten Flügel der beiden Parteien ZANU und ZAPU, auf Smith und die Muzorewa-Regierung ausgeübt hatten. Mir, die ich die Londoner Verhandlungen, die in Lancaster-House stattfanden, beobachtete, fielen besonders die Mitglieder der beiden Armeen auf. Unter ihnen waren viele junge Frauen, gut aussehend, einfach gekleidet; sie wirkten auf mich diszipliniert, selbstsicher, keineswegs unterwürfig.
Ich bewunderte diese jungen Frauen, die selbst mit der Waffe gekämpft, einen enormen Sprung in die neue Welt gewagt hatten. Nur zu genau erinnerte ich mich an ihre Mütter und Großmütter: Landfrauen, die immer einige Schritte hinter ihren Männern auf der Landstraße unter schweren Lasten, ihre Kinder auf den Rücken gebunden, dahinschreiten.
Schon am frühen Morgen hatte ich sie auf dem Feld gesehen, traf sie wieder am Abend, als sie Holz oder Wasser zum Dorf trugen. Auch in den Städten hatte ich schwarze Frauen beobachtet. Sie arbeiteten in weißen Haushalten, spielten liebevoll mit weißen Kindern, wohl wissend, daß ihren eigenen Kindern der Zutritt zu den weißen Häusern verboten war, daß ihre Kinder in den Stammesreservaten (sogenannte Tribal Trust Lands) oder in schwarzen Vororten bei Verwandten leben mußten.
In der Hauptstadt Salisbury - heute Harare - hatte ich schwarze Frauen gesehen, die in weißen Geschäften demütig Kleider kauften, ohne sie anprobieren zu können; wäre es ihnen erlaubt worden, keine weiße Frau hätte mehr den Laden betreten.
Politisch aktive Schwarzafrikanerinnen hatte ich bereits in den fünfziger und sechziger Jahren kennengelernt. Führerinnen der jungen Generation, die mit dem Gewehr kämpften, traf ich das erste Mal bei Verhandlungen in Malta in den siebziger Jahren. Unter ihnen war auch Teurai Ropa, Führerin der ZANLA-Frauenabteilung, von deren Persönlichkeit ich stark beeindruckt war. Ich begegnete ihr wieder bei den LancasterHouse-Verhandlungen. Heute ist sie Ministerin für Frauenangelegenheiten in der Mugabe-Regierung. Es drängt sich mir die Frage auf. Was wird aus diesen Frauen, aus ihren Töchtern? Wird man sie auf ihre alten Rollen verweisen, werden sie, wie auch in anderen Gesellschaften, erneut den Kampf, den dritten Kampf, diesmal gegen ihre Männer aufnehmen?
Während ich dieses Buch plante, entschloß ich mich, ins südliche Afrika zurückzukehren, wo ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe. Jetzt lebe ich in Zimbabwe und versuche, meinen kleinen persönlichen Beitrag zu einer sich neu bildenden Gesellschaft zu leisten. Ich bin weder Soziologin noch Ethnologin, sondern Journalistin. Deshalb habe ich keine Untersuchungen gemacht, sondern Fragen gestellt, mich mit Frauen unterhalten, Geschichten gesammelt.
Diese Fragen wurden zu Beginn der erreichten Unabhängigkeit gestellt. Inzwischen habe ich die Gelegenheit gehabt, die Wandlungen selbst zu beobachten und den großen Schmerz zu spüren, der eine sich im raschen Wandel befindende Gesellschaft befällt, die sich zwischen zwei Welten bewegt und weiter bewegen muß, um eine Entwicklung in Jahren nachzuholen, die sich in anderen Ländern über Jahrhunderte erstreckte. Die Stellung der Frau hat sich unter der Herrschaft der Weißen, durch die die Männer zu Wanderarbeitern und die Frauen damit zum Oberhaupt der ländlichen Familien wurden, und durch ihre aktive Beteiligung am Befreiungskampf entscheidend verändert. Beides hat ihnen eine Stärke abverlangt, die ein neues Selbstverständnis und Selbstbewußtsein zur Folge hat, die der traditionellen Rolle der Frau in der afrikanischen Gesellschaft widersprechen. Die Konflikte, die daraus entstehen, sind noch keineswegs ausgetragen. Und ich verstehe Frau Nhongo, wenn sie Gleichberechtigung in Politik und Gesellschaft fordert und sich nicht mit der gesetzlichen Gleichberechtigung zufrieden gibt. Tausende junger Mädchen gingen zum ersten Mal in die Schule, zum ersten Mal lebten junge Frauen - etwa in einer Ausbildungsstätte für Lehrerinnen - getrennt von der Familie und zusammen mit Männern. Die technischen Hochschulen sind fast nur mit Jungen besetzt, aber die Mädchen lassen sich als Sekretärinnen und in ähnlichen Berufen ausbilden, stehen auf eigenen Füßen, verdienen genauso viel wie die Männer, manchmal mehr. Auch Landfrauen besuchen Kurse und machen neue Ansprüche geltend. Ebenfalls zum ersten Mal befinden sich Afrikaner im eigenen Land in hohen Positionen, in der Regierung, als Beamte, als Angestellte in der privaten Wirtschaft, wo die führenden Positionen zwar noch immer von Weißen besetzt sind, aber «Afrikanisierung» mehr ist als eine Parole: Afrikaner werden befördert und gefördert.
Neuer Reichtum verführt. In einer Gesellschaft, in der eine alleinstehende Frau fast automatisch als Prostituierte angesehen wird, ist es Gewohnheit geworden, die Frau zuhause zu lassen und allein mit Freunden in - ehemals nur fÜr Weiße zugelassene - Bars und Hotels zu gehen, Nachtklubs zu besuchen. Dazu braucht man weibliche Gesellschaft, die man sich unter den Schülerinnen und Studentinnen, den jungen Angestellten sucht, die ebenfalls zögernd neue Erfahrungen suchen. Die alten Tabus gelten nicht mehr. Die Widersprüche sind verwirrend: auf der einen Seite jagt der erfolgreiche Mann nach jungen Gefährtinnen, auf der anderen Seite verurteilt er die Frau als «leichtfertig», schimpft darüber, daß Kinder alleine zuhause gelassen werden, während die Mutter vergnügungssüchtig in Bierlokale geht. Mit Logik hat dies alles natürlich nichts zu tun. Vergewaltigung, Kinderaussetzung und tötung, auch Prostitution nehmen erschreckend zu. Bei einem Gespräch über die Notwendigkeit, die Gesetzgebung betreffend Vergewaltigung zu ändern, sagte der Justizminister Dr. Eddison Zvobgo, es sei für einen Shona schwer festzustellen, was Vergewaltigung sei. Eine Shonafrau würde niemals «Ja» sagen, würde nie zugebene daß sie zum Geschlechtsverkehr bereit sei - selbst dann nicht, wenn sie einen Mann liebt. Also ist es möglich, selbst die eigene Ehefrau zu vergewaltigen.
Die hitzige Debatte über Vergewaltigung war allerdings nichts gegenüber der Debatte um das Aussetzen von Kindern, das 1983 so sehr überhand nahm, daß es ein tägliches Thema der Medien war. Dazu gesellte sich ein Versuch der Regierungi «etwas» gegen Prostitution und Landßucht zu tun - wobei erwähnt werden muß, daß Zimbabwe, wie fast das ganze südliche Afrika, von drei schweren Jahren der Dürre heimgesucht wurde, so daß Tausende von Menschen in die Städte strömten und den Frauen außer Betteln oft nur die Prostitution als Mittel zum Überleben blieb.
Anfang November 1983 fand die «Operation Clean Up» (Aktion Saubermachen) statt, die gegen Prostituierte und obdachlose Bettler in den städtischen Gebieten gerichtet sein sollte, sich aber zu einem Alptraum für alle schwarzen Frauen entwickelte. Etwa 6000 Frauen wurden inhaftiert, viele von ihnen von der Straße weg, wenn sie alleine, d.h. ohne männliche Begleitung, oder mit anderen Frauen von der Polizei aufgegriffen wurden. Viele landeten im heißen Sambesital, in einem ehemaligen Gefangenenlager der Smith-Regierung. Verwandte waren verzweifelt, Männer suchten ihre Frauen. Erst Anfragen im Parlament, Leserbriefe und Druck von der Basis auf die Regierungspartei ZANU beendete die Aktion, die durch die Polizei, die Armee und die ZANU-Jugendbrigade zu einer frauenfeindlichen Aktion geworden war. «Das war nicht unsere Absicht», erklärte ein Regierungsmitglied, «wir wollten unseren Parteimitgliedern gerecht werden. Die Frauen verlangten die Abschaffung der Prostitution. Sie wollen nicht, daß ihre Männer Geld für andere Frauen ausgeben. Die Prostitution hatte überhand genommen. Aber viele Beamte gingen zu weit.»
Viel zu weit. Es ist fraglich, ob überhaupt viele Prostituierte unter den 6000 Verhafteten waren und ob die meisten Mitglieder des «ältesten Berufs der Welt» nicht schon vorher gewarnt worden waren. Man hörte zuviel von Frauen, die auf dem Weg zum Einkaufen oder zu Bekannten ohne Erklärung festgenommen wurden, nachweisen mußten, daß sie verheiratet sind oder einen festen Arbeitsplatz haben. Der Eheschein hatte fast die Funktion wie der «Pass» in Südafrika, ohne den sich ein Afrikaner dort nicht frei bewegen kann.
Die Empörung in Zimbabwe war groß. Und beides, die Aktion und die Empörung sind bezeichnend für die neue Problematik in diesem Land. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit hatte sich das Verhältnis Mann-Frau verändert, hatte sich eine neue Elite mit neuen Ansprüchen gebildet, und gleichzeitig wollte man an den Normen der traditionellen Gesellschaft festhalten. Das mußte zu Konflikten führen. War die Aktion eine Art Rache? Wollten einige Männer den Frauen beweisen, wer der «Herr im Haus/Land» ist? Mit wachsender Unruhe hatten Ehefrauen gemerkt, daß ihre Männer immer mehr Zeit mit jungen Mädchen verbrachten Männer, die zur Elite gehörten, in Hotels, die ehemals nur Weißen zugänglich waren, die Arbeiter in den Bierhallen der schwarzen Vororte, wo sie leben. Für Schulmädchen war/ist die Versuchung groß, mit älteren Männern in besagten Hotels oder Wohnungen zusammen zu sein, gleichzeitig war es für sie auch schwer, einen aufdringlichen Lehrer oder älteren Schüler abzuweisen, waren sie doch zum Gehorsam gegenüber den Älteren und dem Mann erzogen worden.
Der Weg in die neue Gesellschaft ist vor allem leidensvoll für die Frauen. Das hat die «Operation Clean Up», das hat die Haltung der Männer gezeigt, die hier - wie überall unterschiedliche Maßstäbe an Männer und Frauen anlegen.
Auf dem Frauenkongreß sagte der Premierminister, er wisse, daß jede der Frauen, die vor ihm saßen, von ihrem Mann zu irgendeiner Zeit mißhandelt worden sei, was von den Frauen bestätigt wurde. Das müsse enden, erklärte er und verlangte eine Änderung der traditionellen Gesetze und Bräuche zu Gunsten der Frauen. Die Frau soll ihre eigenen Kinder besitzen dürfen - jetzt gehören diese ihrem Mann und seiner Familie -, sie soll den Mann beerben dürfen, Töchter sollten ihre Väter ebenso beerben dürfen wie Ihre Brüder.
Solche Ideen sind genauso revolutionär wie die Haltung der jungen Frauen, die im Befreiungskrieg mit der Waffe gekämpft, oder die der älteren Frauen, die den Kämpfern in diesem Krieg Unterschlupf und Nahrung gegeben hatten. In vielen afrikanischen Ländern ist die Frau benachteiligt, wird ausgebeutet und unterdrückt. In Zimbabwe ist die Tatsache, daß die Frau sich wehrt, daß sie für diesen Kampf Unterstützung in der Führungsschicht hat, daß Probleme, die bislang tabu waren, zur Sprache kommen, ein Zeichen dafür, daß der Kampf der Frauen weitergeht.
Bei einem Seminar, das für 22 weibliche Abgesandte in Lokalregierungen (von 1204 Lokalräten insgesamt!) im Februar 1984 abgehalten wurde, erklärte eine Frau, die Zeit sei gekommen, wo es die Entwicklung verlangt, daß die Frauen in die vorderen Reihen rücken müßten. Man könne sich nicht mehr darauf verlassen, daß Männer und Onkel Frauenangelegenheiten besprechen und entscheiden. «Die Frau ist die Wiege der Nation», meinte eine andere, und eine dritte sagte, wenn sie als minderwertig behandelt und von Entscheidungen ausgeschlossen werde, die sie betreffen, dann «möchte sie am liebsten einen Krieg organisieren...»
In Zimbabwe bewegt sich vieles. Man hört, sieht und - vor allem - spürt es. Was immer die Lage der Frau heute ist, mit Sicherheit wird sie in den kommenden Jahren anders sein.