Vorwort zur deutschen Ausgabe

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In allen Revolutionen der Kultur werden traditionelle, althergebrachte Elemente,in Frage gestellt, deren Ausdrucksformen so allgemein gültig und so zur Gewohnheit geworden sind, daß sie als selbstverständlich angesehen werden. Sobald man beginnt, den Wert solchen »Allgemeingutes» anzuzweifeln, stürzen diese traditionellen Elemente in sich zusammen und man entdeckt auf einmal, daß sie, wenn nicht vollkommen auf Sand gebaut und aus der Luft gegriffen, so doch zumindest kritiklos übernommene Gewohnheiten waren, die zur Norm erhoben wurden, ohne daß man recht weiß, wie es eigentlich dazu kommen konnte. Die verschiedenen soziokulturellen Umwälzungen, die der Explosion des Jahres 1968 in Frankreich wie in ganz Europa vorausgingen, sie begleiteten und fortsetzten, folgten ebenfalls diesem Gesetz und zogen die Gültigkeit von Wahrheiten in Zweifel, die in so weit zurückreichenden Zeiten entdeckt worden waren, daß sie bereits zu Mythen geworden sind. Dies gilt ganz besonders im Zusammenhang mit der Frau: für ihre Stellung in der Gesellschaft, für die Rolle, die sie im Laufe der Geschichte spielte, für die Funktion, die ihr in der Gesellschaft der Zukunft zukommen wird — mit einem Wort: dies gilt für die Welt des Weiblichen ganz allgemein.
Man muß zugeben, das Problem war damals nicht neu. Aber aufgrund des Pendeleffekts, der in der Abfolge der verschiedenen historischen Epochen zu beobachten ist, war die auf den IL Weltkrieg folgende Epoche der Öffnung des. Bewußtseins für die Probleme der Frau besonders günstig. Tatsächlich führte nach 1945 die bevölkerungsstatistische Lage (mehr Frauen als Männer) sowie die zunehmende Geschlechtermischung in Ausbildung, Wirtschaft, Kultur, ja sogar in Politik (in Frankreich erhielten die Frauen erst im Jahre 1945 das Wahlrecht) zu einem Bruch in der Entwicklung der traditionell patriarchalischen Gesellschaft.
Die Folge davon waren eine Flut von Forderungen der Frauen nach ihren Rechten und verschiedene Ansätze, der Frau wieder zu vollen Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu verhelfen, die — wie man nun feststellte — okkultiert oder sogar richtiggehend zerstört worden war. Die Frauenbewegung, die sich in den verschiedensten feministischen Aktionen äußerte, lenkte die Aufmerksamkeit auf die meisten der von Ungleichheit geprägten Gebiete wie Arbeitswelt, politische Rechte, Familie, Mutterschaft und wohlgemerkt auch auf das Gebiet der Sexualität. Besonders hier gingen die Forderungen am weitesten und führten zu einer gewissen Liberalisierung der Moral: Empfängnisverhütung und Abtreibung verloren de jure ihren Charakter der Illegalität, obwohl sie in der Wirklichkeit freilich noch immer kulpabilisiert werden in unserer Gesellschaft, die — ob man will oder nicht — von der christlichen Moral nach wie vor stark geprägt ist. Auf die Bewegung der Revolte folgte aus merkantilen sowie aus politisch-soziologischen Gründen die Gegenbewegung der Vereinnahmung: denn wenn der Eindruck entsteht, daß der Gesellschaft eine Explosion droht, ist es ratsam, einige Sicherheitsventile einzubauen bzw. zu öffnen.
Vor diesem Hintergrund habe ich mich der Frage zugewandt, wie das Idealbild der Frau in den alten Gesellschaften gelebt und erträumt wurde, die der Kultur der Kelten angehörten oder von ihrem Erbe geprägt waren. Es ging mir darum, einmal zu untersuchen, welche Rolle — sei es wirklich, sei es in der Phantasie — in einem barbarischen, d.h. sowohl nicht-christlichen, als auch nicht-mediterranen Rahmen gespielt haben muß. Mit anderen Worten: ich unternahm den Versuch, ein verschüttetes Bild der Frau freizulegen und zu rekonstruieren für all diejenigen, die sich ernsthaft um ein neues Gleichgewicht zwischen Frau und Mann bzw. Weiblichkeit und Männlichkeit in den modernen Gesellschaften bemühen. Die Rolle, die die Frau in den Epen, Sagen und Legenden keltischer Herkunft spielt, ist so erstaunlich und interessant, daß sie zu dem Versuch »verführt», ihrem Wesen auf den Grund zu gehen und sie in vollem Licht auferstehen zu lassen. Die Figur der Yseult-Isolde z.B., diese weibliche Lichtgestalt und Sonnengöttin, die jahrhundertelang im Dunkel der Nacht verbannt war, sollte dabei wieder auftauchen, neu »erscheinen» und die Welt erleuchten.
Im Laufe der 12 Jahre, die seit dem Entstehen dieses Buches vergangen sind, wurde — so muß der Verfasser feststellen — trotz all den vielen Debatten, Diskussionen und sogar Wirklichkeit gewordenen Veränderungen im Bereich der Moral dem Grundproblem jedoch aus dem Weg gegangen. In diesen Jahren .konnte man zwar Veränderungen beobachten, sie betrafen jedoch nur die Formen oder einzelne _Strukturen. Abgesehen davon hat man den Eindruck, als sei die Frau heute mehr als je zuvor ein »unbekanntes Wesen», denn sie konnte sich stets nur in sekundären Ausdrucksformen verwirklichen.
Oder sollte das wahre Gesicht der Frau immer noch Furcht einflößen? Sollten wir uns immer noch wie Ödipus verhalten und es vorziehen, uns umzubringen, um nicht über das von der Sphinx gestellte Rätsel eingehender nachdenken zu müssen? Denn die Sphinx war in Wirklichkeit eine ... »Einschnürende», »Würgerin»), mit anderen Worten, das in das innere Auge des Ödipus projizierte phantasmische Schreckensbild einer unbekannten, Jokaste. Und wenn sich Ödipus später die Augen aussticht, dann deshalb, damit er nicht mehr sieht, wie das gräßliche Phantom Jokaste ihn auf seiner hoffnungslosen Irrfahrt verfolgt.
Es geht nicht darum, nur die Frau zu »befreien». Die Frau wird nämlich erst dann wirklich frei sein, wenn der Mann sich selbst von jenen stereotypen Mustern befreit hat, in die die Gesellschaft ihn hineingepreßt hat und zu deren Zerstörung er sich nicht entschließen kann, solange er Angst hat, dadurch etwas ganz Neues zu entdecken. Es geht vielmehr darum, das Rätsel der Sphinx endlich wirklich zu lösen, denn dies ist Ödipus offensichtlich nicht gelungen... Seine Antwort betraf nur den äußeren Schein, aber nicht dje Wirklichkeit selbst. Die Sphinx sitzt immer noch in der Höhle, in die sie die falsche Antwort des Ödipus eingeschlossen hat.
Daher muß man den Blick in die Vergangenheit richten, um herauszufinden, wo der Bruch, wo der Fehler entstand. Alle mythischen und epischen Überlieferungen raunen uns zu, daß es vor langer Zeit einmal eine Sonnengöttin gegeben hat, und daß diese irgendwann von einem Mondgott entthront worden ist. Seit dieser Zeit dauert die Herrschaft dieses Usurpators, des angeblich »sonnigen» Helden, der wie Tristan oder Siegfried sterben mußte, weil er von der angeblichen Mondfrau verlassen oder verraten wurde. Aber der »Mond» ist so gut wie nicht existent, wenn er nicht von den Strahlen der »Sonne» beschienen wird. Auch die »Sonne» erhält erst dann ihre Bedeutung, wenn der »Mond» ihre Strahlen empfängt und in den Nächten, wenn die Kälte klamm und starr macht und die geheimnisvollen Kräfte des Lebens zu vernichten droht, auf die Erde sendet.
Animus und Anima sind keineswegs unvereinbar. Sie sind zwei Gesichter ein und desselben Wesens. Die keltische Frau - sei es die wirkliche oder die der keltischen Vorstellung — kann uns durch die Bilder, die sie wachruft, dazu verhelfen, jenen Grenzbereich wiederzufinden, wo die Gegensätze nur noch Licht-und Schattenspiele in der ewigen Nacht sind.

Jean Markale
1984