Die Lösung von Gwions Rätsel

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Studien

In Britannien und in Irland war etliche Jahrhunderte vor der Einführung des lateinischen ABC ein gälisches Alphabet, das Ogham, gebräuchlich. Seine Erfindung wird im mittelalterlichen irischen Book of Ballymote dem »Ogma, dem sonnengesichtigen Sohn von Breas« - einem der frühen Götter der Gälen - zugeschrieben. Nach Lukian, der im zweiten Jahrhundert n. Chr. schrieb, wurde Ogma als gealterter Herakles mit Keule und Löwenhaut abgebildet, der Scharen von Gefangenen mit sich führte, die an den Ohren mit goldenen Ketten an seine Zungenspitze gefesselt waren. Das Alphabet bestand aus zwanzig Buchstaben fünfzehn Konsonanten und fünf Vokalen - und entsprach anscheinend einer Taubstummen-Fingersprache. Zahlreiche Exemplare dieses Alphabets finden sich in alten Steininschriften in Irland, auf der Isle of Man, in Nord- und Südwales und in Schottland; und eine in Silchester in Hampshire, der Hauptstadt der Atrebaten, die an der zweiten belgischen Invasion Britanniens, zwischen Julius Cäsars Feldzug und der claudischen Eroberung, teilnahmen. Hier folgen zwei solche Versionen: die erste zitiere ich aus Brynmor-Jones' und Rhys' History of the Welsh People, die zweite aus Macalisters Secret Languages of Ireland:

   

B     L     F*     S     N         B     L     F     S     N 
   

H     D     T     C     Q         H     D     T     C     Q
   

M     G     NG     FF**    R         M     G    NG     Z     R



(*gesprochen wie V, **gesprochen wie F)



Wir sehen, daß dies beides »Q-keltische« oder gälische Alphabete sind, weil sie ein Q, aber kein P enthalten; Gälen vom Kontinent hatten sich zweihundert Jahre vor der belgischen (P-keltischen) Invasion aus Gallien, die im frühen vierten Jahrhundert v. Chr. stattfand, niedergelassen; und man nimmt an, daß die gemeinsame Sprache des bronzezeitlichen Britannien eine Frühform des Gälischen war, wie auch in Irland. Das Ogham-Alphabet, wie es das Oxford English Dictionary angibt (als gäbe es nur dies eine), unterscheidet sich von dem Ogham nach Rhys wie auch jenem nach Macalister insofern, als M G Y Z R seine letzte Konsonantenzeile bilden; aber das Y steht zweifellos irrtümlich für NY, das eine andere Art der Aussprache von Gn ist, wie in Catalogne. nn noch einer anderen Version, die Charles Squire in Mythology of the British Isles zitiert, wird als vierzehnter Buchstabe ST angegeben, und für P steht ein X. In Irland, so weist Macalister nach, wurden 0ghams nicht für öffentliche Inschriften verwendet, bis der Verfall des Druidentums einsetzte: sie wurden als dunkles Geheimnis gehütet, und wenn die Druiden sie für schriftliche Botschaften untereinander - in Holzscheite eingekerbt - benutzten, waren sie in der Regel chiffriert. Die vier Gruppen von jeweils vier Zeichen, so meint Macalister, repräsentierten die Finger, wie sie in einer Zeichensprache benutzt wurden: um einen Buchstaben des Alphabets zu bezeichnen, brauchte man nur die richtige Zahl von Fingern einer Hand auszustrecken und in eine von vier verschiedenen Richtungen zu deuten. Dies aber wäre eine umständliche Methode des Signalisierens gewesen. Eine viel raschere, weniger auffällige und weniger ermüdende Methode wäre, die linke Hand als eine Art Tastenfeld - ähnlich wie bei der Schreibmaschine aufzufassen, wobei die Buchstaben durch die Fingerspitzen, die beiden mittleren Fingerglieder und die Wurzeln von Fingern und Daumen bezeichnet würden, und mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die entsprechenden Stellen zu deuten.

Jeder Buchstabe der Inschrift besteht aus Kerben, eins bis fünf an der Zahl, die mit einem Meißel an den Rändern eines viereckigen Steins angebracht wurden. Es gibt vier verschiedene Arten von Kerben, woraus sich zwanzig Buchstaben ergeben. Die Zahl der Kerben in einem Buchstaben, so nehme ich an, zeigte - von links nach rechts gezählt - die Nummer des Fingers an, auf dem der Buchstabe in der Fingersprache stand, während die Art der Kerbe die Position des Buchstabens auf dem Finger angab. Es gab auch noch andere Methoden, das Alphabet zum Zweck von Geheimsignalen zu benutzen. Das Book of Ballymote erwähnt ein Cos-Ogham (»Bein-Ogham«), bei dem der sitzende Signalgeber seine Finger benutzte, um Inschriften-Oghams nachzuahmen, wobei sein Schienbein ihm als Kante diente, in die die Kerben sonst eingeschnitten wurden. Beim Sron-Ogham (»Nasen-Ogham«) wurde die Nase auf ähnliche Weise benutzt. Diese unterschiedlichen Methoden waren nützlich, um quer durch ein Zimmer Signale zu geben; die Tasten-Methode eignete sich eher für einen engeren Kontakt. Gwion meint offenbar das Sron-Ogham, wenn er unter all den vielen anderen Dingen, die er weiß, anführt, »warum die Nase einen Rücken hat«; die Antwort wäre, »um das Ogham Signalisieren zu erleichtern«. (Die Inschriften-Form des Alphabets, wie Macalister sie angibt: die weisse göttin 


Neben diesen zwanzig Buchstaben wurden in der Taubstummensprache fünf Vokalkombinationen benutzt, um fünf fremde Laute zu bezeichnen. Diese waren:

   

Ea         0i         la     Ui          Ae



und wurden wiedergegeben als

   

Kh         Th         P     Ph          X



Bei den Inschriften wurden diese Buchstaben durch komplizierte Figuren dargestellt, die sich von den übrigen Buchstaben gänzlich unterschieden: Kh durch ein Andreaskreuz, Th durch eine Raute, P durch ein Gittermuster, Ph durch eine Spirale und X durch ein Fallgitter.

Dies war, wie ich glaube, die Fingertastatur, wobei die Vokale praktischerweise im Zentrum gruppiert sind.

die weisse göttin
Julius Cäsar berichtet in seinem Gallischen Krieg, daß die Druiden von Gallien für ihre öffentlichen Mitteilungen und ihren privaten Briefwechsel »griechische Buchstaben« benutzten, daß sie aber ihre heilige Lehre nicht schriftlich niederlegen wollten, »damit sie nicht vulgarisiert würde und auch damit die Erinnerung der Gelehrten nicht verfiel«. Macalister meint, daß das Ogham-Alphabet, vervollständigt durch die zusätzlichen Buchstaben, einer f rühen, noch irgendwie semitischen Form des griechischen Alphabets ziemlich nahekommt, dem sogenannten Formello Cervetri, das auf zwei Vasen eingeritzt ist, die eine aus Caere und die andere aus Veii in Italien, datiert etwa auf das fünfte Jahrhundert v. Chr. Die Buchstaben werden dabei nach semitischer Weise von rechts nach links geschrieben und beginnen mit A B G D E. Macalister nimmt an, daß es sich bei den von den Druiden benutzten griechischen Buchstaben um dieses Alphabet von sechsundzwanzig Buchstaben handelt - vier mehr als das klassische griechische Alphabet, wenngleich sie einen als unnötig ausschieden. Und ich glaube, daß es ihm gelungen ist, seine These zu beweisen.
Erfanden aber die Druiden ihre Fingersprache, bevor sie dies griechische Alphabet kennenlernten? Macalister verneint dies, und ich würde mich ihm anschließen, wären da nicht zwei andere Überlegungen:

(1) Die Reihenfolge der Buchstaben im Ogham unterscheidet sich völlig vom griechischen Alphabet. Man sollte erwarten, daß die Druiden sich enger an die ursprüngliche Reihenfolge gehalten hätten, falls sie letzteres zuerst kennengelernt hätten. (2) Falls die fünf fremden Buchstaben ursprünglich Bestandteil des Ogham-Alphabets waren, warum wurden sie dann nicht, genau wie die übrigen, in der bei Inschriften üblichen Form wiedergegeben? Es wäre einfach gewesen, sie durch entsprechende Kerben auszudrücken:

die weiße göttin

Und warum wurden sie im Fingeralphabet nicht wenigstens annähernd in entsprechenden Konsonanten-Kombinationen ausgedrückt - etwa CH für Kh, CS für X und so weiter - anstatt allusiv durch Vokalkombinationen? Daß diese Vokalkombinationen allusiv sind, ist leicht aus dem oben abgebildeten Fingerdiagramm zu verstehen. Um den Kh-Klang des griechischen Buchstabens chi auszudrücken, benutzten die Druiden die lateinische Kombination von C und H, drückten dies aber allusiv als Ea aus, indem sie auf den vierten Finger, den E-Finger, auf dem der Buchstabe C steht, und auf den Daumen, den A-Finger deuteten, auf dem der Buchstabe H steht. Ähnlich benutzten sie für das als CS ausgesprochene X den E-Finger, auf dem sowohl C als auch S stehen, leiteten dies aber mit dem A-Finger ein, auf dem H steht; wobei H in den keltischen Sprachen nur ein stummer Hilfsbuchstabe ist und hier nur benutzt wird, um eine Zwei-Vokal-Kombination von A und E zu verknüpfen. Th wird als Oi, und Ph als Ui geschrieben, weil Th eine scharfe Form von D ist (ähnlich wie theos im Griechischen im Lateinischen deus, »Gott«, entspricht), und weil Ph eine scharfe Form von F ist (wie phegos im Griechischen dem Lateinischen fagus, »Buche«, entspricht). D steht auf dem 0-Finger und F auf dem U-Finger; um also Th von D und Ph von F zu unterscheiden, tritt das I im einen Fall mit 0 zusammen, und im anderen mit U - denn im Irischen diente das I dazu, die Schärfe eines Lauts anzuzeigen. P wird schließlich als la geschrieben, weil B, das ursprünglich in den keltischen Sprachen wie P ausgesprochen wurde (die Waliser verwechseln noch immer die beiden Laute) auf dem A-Finger steht; das I zeigt an, daß das P von dem B in Fremdsprachen zu unterscheiden ist. Ich schließe daraus, daß die zwanzig Buchstaben des Ogham-Alphabets schon existierten, lange bevor das Formello-Cervetri-Alphabet aus Griechenland nach Italien gelangte, und daß die gallischen Druiden die fünf fremden Buchstaben so widerwillig in ihr Ogham einfügten, daß ihnen praktisch keinerlei Stellenwert in diesem System zukam. Kompliziert wird die Sprache dadurch, daß das altirische Wort für Alphabet »Beth-Luis-Nion« ist, was darauf hindeutet, daß die Reihe der Buchstaben im Ogham-Alphabet ursprünglich B L N war, wenngleich sie sich zu B L F wandelte, bevor der Bann, der Inschriften verbot, aufgehoben war. Außerdem besagte die anerkannte irische Überlieferung, daß das Alphabet aus Griechenland, nicht aus Phönizien stammte, und nicht über Gallien, sondern über Spanien nach Irland gelangt war. Spenser berichtet in seinem Buch View of the Present State of Ireland (1596): »Es scheint, daß sie sie (die Buchstaben) von dem Volke haben, das von Spanien kam.«

Die Namen der Buchstaben des BLF-Alphabets gibt Roderick O'Flaherty in seinem im siebzehnten Jahrhundert geschriebenen Werk Ogygia unter Berufung auf Duald Mac Fibris, einen Famillenbarden der O'Briens, der Zugang zu alten Unterlagen hatte, wie folgt an:

 

B BOIBEL M MOIRA
L LOTH G GATH
F(V) FORANN Ng NGOIMAR
N NEIAGADON Y IDRA
S SALIA R RIUBEN
H UIRIA A ACAB
D DAIBHAITH (DAVID) O OSE
T TEILMON U URA
C CAOI E ESU
CC CAILEB I JAICHIM



Als ich unlängst an Macalister schrieb und ihn - als der größten Autorität für Oghams - zu diesem Thema befragte, antwortete er, ich dürfe 0'Flahertys Alphabete nicht allzu ernst nehmen: »Sie scheinen mir allesamt späte Kunstprodukte oder vielmehr Pedanterien zu sein, kaum bedeutender als die Spielereien eines Piercie Shafton und seinesgleichen.« Ich gebe diesen Vorbehalt um der Fairneß willen weiter, denn meine Überlegungen fußen immerhin auf O'Flahertys Alphabet, und hinter Macalisters breitem Rücken mag sich jeder verstecken, der meint, ich schreibe Unsinn. Doch die These dieses Buches ging ja von der Annahme aus, daß Gwion in seinem Rätselgedicht ein alphabetisches Geheimnis verbarg. Und die Antworten auf die einzelnen Rätsel, falls ich sie nicht falsch verstanden habe - obgleich »Morvran« und »Moiria«, »Ne-esthan« und »Neiagadon«, »Rhea« und »Riuben« offenbar nicht recht gut zusammenpassen - kommen doch dem »Boibel Loth« so nahe, daß ich mich zu der Annahme berechtigt sehe, daß 0'Flaherty eine wahre, mindestens auf das dreizehnte Jahrhundert n. Chr. zurückgehende überlief erung berichtet und daß die Antworten auf die bislang ungelösten Rätsel sich in den noch nicht erklärten Buchstabennamen des »Boibel Loth« finden werden.

Beginnen wir unseren zweiten Anlauf, Gwions Rätsel zu entwirren, indem wir auf Platz 14 Idris als Äquivalent für Idra einsetzen; und indem wir das j aus Jose (Joseph) und Jesu (Jesus) weglassen, denn beide Namen begannen - wie der des Hebräischen kundige Gwion womöglich wußte - ursprünglich nicht mit J; und indem wir Uriel und Hur austauschen denn das mittelalterliche Irisch hatte schon lange das gehauchte H verloren, so daß es leicht möglich war, Hur und Uria zu verwechseln. Falls wir also die Antworten auf unsere ungelösten Rätsel in den unbenutzten Buchstaben des Boibel-Loth finden sollten, so bleiben uns ACAB und Jaichim; und fünf ungelöste Rätsel:

Ich war am Thron des Schöpfers,
Ich war beredt, bevor ich mit Sprache begabt war;
Ich war Alpha Tetragramm.
Ich bin ein Wunder, dessen Ursprung nicht bekannt 
Ich werde auf Erden sein bis zum Tag des Jüngsten Gerichts.

»Moiria«, das Äquivalent des Boibel-Loth für »Morvran«, deutet auf »More« oder »Moria« hin, beides Orte, an denen Jahwe in der Genesis einen Bund mit Abraham schloß und ihm und seinem Samen für immer ein Reich verhieß. Ein anderer Name für Moria ist Berg Zion, und in jesaia 18 wird der Berg Zion als der Thron des Herrn der Heerscharen genannt, der »gebeut und zertritt«. »Moiria« deutet auch auf das griechische Wort moira hin, was soviel heißt wie Anteil, Los, Zuteilung. Sollte »Moria« die Antwort auf das erste der fünf ungelösten Rätsel sein, so ist es zu verbinden mit » Ich war der Barde der Harfe bei Deon von Lochlyn«; und wir müssen dem gelehrten Gwion zutrauen, daß er die Bedeutung des Wortes als Moriah oder Mor-Jah interpretierte, »der Gott des Meeres«, wobei »Mor« das walisische Äquivalent des hebräischen »Mahrah« (das Salzmeer) ist.
Tatsächlich setzt er den hebräischen Gott jah mit Bran gleich, der sowohl ein Getreide-Gott wie auch ein Erlen-Gott war. Diese Gleichsetzung ist berechtigt. Einer der frühen, zu Jerusalem verehrten und später in den synthetischen Jahwe-Kult aufgenommenen Götter war der Ernte-Gott Tammuz, dem jedes Jahr die ersten Früchte aus Bethlehem (»das Brothaus«) gebracht wurden. Die Einwohner Jerusalems gedachten seiner noch in Jesaias Tagen beim Fest der ungesäuerten Brote, und laut Jeremia besaß er einen heiligen Hain in Bethlehem. Wir erinnern uns, daß der Tempel auf der »Dreschtenne von Arauna« errichtet wurde, was sehr an »Arawn« erinnert. Außerdem war Brans Krähe auch Jahwe heilig. Noch schlüssiger ist die Tatsache, daß Jahwe den siebenten Tag zu seinem heiligen Tag erklärte. Im damaligen astrologischen System wurde die Woche zwischen Sonne, Mond und sieben Planeten aufgeteilt, und die Sabiner von Harran in Mesopotamien, die ursprünglich aus der Ägäis stammten, stellten die Tage unter die Herrschaft von sieben Gottheiten - in der Reihenfolge, wie sie in Europa noch heute geläufig ist: Sonne, Mond, Nergal (Mars), Nabu (Merkur), Bel (juppiter), Beltis (Venus), Kronos (Saturn). Also muß Jahwe, der Gott, dessen heiliger Tag der Samstag ist, mit Kronos oder Saturn gleichgesetzt werden, und dieser ist Bran. Wir müssen Gwion wohl zutrauen, daß er dies wußte, und daß er auch wußte, daß Uriel und Uria das gleiche Wort sind, denn EI und Jah sind austauschbare Namen des hebräischen Gottes.
Der göttliche Name Alpha, mit vier Buchstaben geschrieben, erweist sich in O'Flahertys Liste der Buchstabennamen als »Akab«; was auf Achab (Ahab), den König Israels hindeutet, einen Namen, den auch jener Prophet trug, der in der Apostelgeschichte als Agabus auftritt. Und der Name Agabus nun erklärt das zweite Rätsel - »Ich war beredt, bevor ich mit Sprache begabt war« - denn Agabus (der laut Pseudo-Dorotheus einer der siebzig Jünger war) wird in der Apostelgeschichte zweimal erwähnt. Bei der ersten Erwähnung (Apostelgeschichte III) bezeugt er beim Geiste, daß es eine Hungersnot geben werde. Gwion glaubt das Wort bezeugen so zu verstehen, daß Agabus »Zeichen« machte, er also bei dieser Gelegenheit in einer Art Taubstummensprache prophezeite, während er in Apostelgeschichte 21 laut sprach: »So aber sprach der Heilige Geist«. Aber Achab ist kein Gottesname: im Hebräischen bedeutet das Wort nur »Bruder des Vaters«. Und doch ist Akab das hebräische Wort für Heuschrecke, und bei den Griechen Kleinasiens war die goldene Heuschrecke ein göttliches Emblem des Sonnengottes Apollon.[1] In einem anderen Gedicht der Romanze, betitelt Divregwawd Taliesin, stilisiert Gwion Jesus zu »Sohn des Alpha«. Da Akab in diesem Alphabet dem Alpha des griechischen Alphabets entspricht, wird Jesus also zum Sohn Akabs; und da Jesus der Sohn Gottes war, wird aus Akab ein Synonym für Gott. Was nun »Jaichim« oder »Jachin« betrifft, so war dies der Name eines der beiden mysteriösen Pfeiler vor Salomons Tempel, der andere war »Boaz«. (Nach rabbinischer Lehre bedeutete Boaz »In ihm ist Kraft«; Jachim (yikkon) bedeutet »er wird gründen«; und sie repräsentierten die Sonne bzw. den Mond. Die Freimaurer scheinen diese Überlieferung entlehnt zu haben.) Wie es aber kam, daß Salomon zwei Säulen an beiden Seiten der Tempelfassade errichtete und sie »Boaz« (ein Wort, von dem hebräische Gelehrte annehmen, daß es einst in der Mitte ein L hatte) und »Jachin« nannte, das ist eine Frage, die uns hier noch nicht zu beschäftigen braucht. Wir müssen lediglich feststellen, daß Jaichim der letzte Buchstabe dieses Alphabets ist und daß I in der keltischen Mythologie der Buchstabe des Todes und mit der Eibe verbunden ist. Jaichim ist also ein Synonym für Tod - Euripides gebraucht in seinem Rasenden Herakles das gleiche Wort, iachema, und bezeichnet damit das tödliche Zischen einer Schlange - und wie der Tod in die Welt kam und was nach dem Tode kommt, das waren immer die großen Themen der religiösen und philosophischen Spekulation. Der Tod wird immer auf Erden bleiben - nach christlicher Lehre bis zum Jüngsten Tag. Dies nun ist Taliesins großes Rätselgedicht, auseinander genommen und in richtiger Reihenfolge wieder zusammengesetzt, wobei jedem einzelnen Rätsel die Antwort beigegeben ist:


Ich war der Turm der Arbeiten, deren Aufseher Nimrod war.
   - Babel

Ich sah die Zerstörung von Sodom und Gomorra.  - Lot

Ich war am Hof von Don, vor Gwydions Geburt; mein 
Haupt war auf dem Weißen Berg, in der Halle von Cymbeline; 
und es ist nicht bekannt, ob mein Leib Fleisch oder Fisch ist. - Vran
Ich stand bei Maria Magdalena am Ort der Kreuzigung des 
Gnadenvollen Gottessohnes.  - Salome

Ich war das Banner, das vor Alexander getragen wurde. - Ne-esthan

Ich stärkte Moses im Lande der Gottheit.  - Hur

Ich war in Kanaan, als Absalom erschlagen wurde; ich bin 
beflügelt vom Geist des strahlenden Bischofs. - David

Ich bin erster Oberbarde bei Elphin, der in Stock und Fesseln
lag anderthalb Jahr. Anfangs war ich Klein Gwion und erhielt 
meine Inspiration aus dem Kessel der Hexe Cerridwen. Dann 
war ich beinah neun Monate in Cerridwens Bauch. 
Schließlich wurde ich Taliesin. »Johannes« ward ich genannt, und 
Merlin der Wahrsager, und Elias, aber einst werden alle Könige 
mich Taliesin nennen. Ich bin fähig, das ganze 
Universum zu lehren. - Taliesin
Ich war bei meinem Herrn in der höchsten Sphäre, und dann 
war ich in seiner Schänke. - Kai
Ich geleitete den Heiligen Geist über den Jordan und auf die 
Ebene im Tale Hebron. - Kaleb
Ich war der Thron des Schöpfers; ich war Spielmann bei den 
Dänen von Lochlin. - Moria

Ich wurde in der Arche genährt und war Lehrer aller 
Intelligenzen. - Hu Gadarn
Einst war ich in Indien und Asien. jetzt bin ich zu den 
Überresten Trojas gekommen. - Gomer
Ich habe gesessen auf einem unbequemen Stuhl; ich kenne die 
Namen der Sterne von Nord bis Süd; das Land meiner 
Herkunft ist das Land der Cherubim, die Region der 
Sommersterne. - Idris
Ich war am Firmament auf der Milchstraße, als Rom erbaut 
wurde, und wirbelte bewegungslos zwischen drei Elementen.
 - Rhea

Ich war beredt, bevor ich mit Sprache begabt war; ich bin 
Alpha Tetragramm.  - Akab
Ich war bei meinem König in der Eselskrippe.  - Joseph
Beim Sturz Luzifers in die unterste Tiefe der Hölle war ich 
Lehrer Henochs und Noas; ich saß auf den Kruppen der 
Pferde Henochs und Elias'. Ich war auch in Caer Bedion. - Uriel

Ich litt Hunger mit dem Sohn der Jungfrau; ich war auf dem 
Hohen Kreuz im Lande der Dreifaltigkeit; ich war drei 
Epochen im Schloß von Arianrhod, über dem Schloß von Sdhe.
  - Jesus
Ich bin ein Wunder, dessen Ursprung nicht bekannt ist. Ich 
werde auf dem Antlitz der Erde bleiben bis zum Jüngsten 
Tag. - - Jachin



Ganz offenbar ist also die Antwort auf das Rätselgedicht ein bardisches Alphabet, ähnlich wie O'Flaherty es übermittelt, wobei aber Morvran für Moiria, Ne-esthan für Neiagadon, Rhea für Riuben, Salome für Salia, [2] Gadarn für Gath, Uriel für Uria und Taliesin für Teilmon zu setzen ist.
Dies mag als dürftiger Befund erscheinen. Was haben wir - abgesehen von der Feststellung, daß das Boibel-Loth jedenfalls ebenso alt ist wie das Red Book of Hergest, aus dem dreizehnten Jahrhundert, in dem das Hanes Taliesin enthalten ist, und daß es sich nicht um eine bloße Pedanterie O'Flahertys handelt - eigentlich daraus gelernt?
Nun: zu der Zeit, als O'Flaherty das Alphabet veröffentlichte, war das Geheimnis seiner Bedeutung offenbar verschollen, und es gab wohl keinen Grund, die Buchstabennamen weiterhin geheimzuhalten. Tatsächlich waren sie schon lange vorher, in einem Barden-Brevier aus dem zehnten Jahrhundert, veröffentlicht. Aber wir dürfen sicher sein, daß Gwion mit seinem Hund, Rehbock und Kiebitz sich niemals so außerordentliche Mühe gegeben hätte, die Elemente ihrer Rätsel zu entstellen, wenn nicht die Antwort ein wirklich großes Geheimnis gewesen wäre, etwas von entschieden größerer Bedeutung als ein bloßes ABC.
Die einzige Hoffnung, mit unserer Forschung weiterzukommen, liegt aber darin, daß wir entdecken, welche Bedeutung die Buchstaben des Alphabets außer den ihnen im Rätsel beigestellten Eigennamen noch haben. Verraten sie vielleicht eine religiöse Geheimformel?

Seit ich dieses große Rätselgedicht gelöst hatte, mußte ich erkennen, daß ich das Rätsel: »Ich war Oberaufseher der Arbeit am Turm des Nimrod« mißverstand, obwohl ich die richtige Antwort gefunden hatte. Es bezieht sich auf eine Passage in »The Hearings of the Scholars«, wo »Die Arbeit am Turm des Nimrod« als jene Sprachforschung erklärt wird, die dort (siehe Kapitel 13) von Feniusa Farsa und seinen zweiundsiebzig Gehilfen betrieben wurde. Der Turm, heißt es, wurde aus neun verschiedenen Stoffen erbaut:



Lehm, Wasser, Wolle und Blut,

Holz, Kalk und Flachsgarn, eine ganze Spule,

Gummi arabicum, Erdpech voll Kraft
Die neun Stoffe von Nimrods Turm. 



Und diese neun Stoffe werden poetisch erklärt als:


Substantiv, Pronomen, (Adjektiv), Verb, 

Adverb, Partizip, (Präposition), 

Konjunktion, Interjektion.



Die fünfundzwanzig Edelsten unter den zweiundsiebzig Gehilfen, die an dem Sprachwerk arbeiteten, haben, wie es heißt, den Ogham-Buchstaben ihre Namen gegeben. Die Namen lauten:

   

BABEL            MURIATH
   
LOTH              GOLTI
   
FORAIND       GOMERS
   
SALIATH         STRU
   
NABGADON   RUBEN
   
HIRUAD          AKAB
   
DABHID          OISE
   
TALAMON       URITH
   
CAE                 ESSU
   
KALIAP            IACHIM
   
ETHROCIUS, UIMELICUS, IUDONIUS, AFFRIM, ORDINES.

 

Wir werden sehen, daß diese Liste ein wenig entstellt ist, denn es steht Hiruad (Herod) für Hur, und Nabgadon (Nebukadnezar) für Ne-esthan. Die fünf letzten Namen repräsentieren die fremden Buchstaben, die im ursprünglichen Kanon fehlen. Der Oberauf seher des Rätsels ist nicht, wie wir erwarten sollten, Feniusa Farsa, auch keiner seiner beiden führenden Gehilfen Gadel und Kaolth, sondern Babel; denn im gleichen Abschnitt des Buches wird erklärt, daß Babel der Buchstabe B ist, daß die Birke sein Baum ist und daß »auf einen Birkenast die erste Ogham-Inschrift in Irland geschrieben wurde, nämlich sieben B als Warnung an Lug, den Sohn von Ethliu, sich vorzusehen, »Dein Weib wird siebenmal hinweg geführt ins Feenland oder anderswo hin, wenn nicht die Birke ihre Aufseherin ist.« Lug erkannte, daß die sieben B eine siebenmalige Wiederholung von Birke bedeuteten, aber um die Botschaft zu verstehen, mußte er die sieben, durch einzelne Kerben dargestellten B in zwei andere Buchstaben der gleichen Folge umsetzen, nämlich S und F (vier Kerben bzw. drei Kerben), die Anfangsbuchstaben der irischen Tätigkeitswörter sid und ferand.


Dieses Rätsel ist, falls noch Zweifel bestehen sollten, ein schlüssiger Beweis dafür, daß Gwion mit der zeitgenössischen bardischen Überlieferung Irlands vertraut war.