Die Wasser des Styx

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Studien

In den von Parry herausgegebenen Letters des Erzbischofs Ussher - er war jener gelehrte Primas von Irland unter der Regierung Karls I., der die Erschaffung Adams auf das Jahr 4004 v. Chr. datierte - findet sich eine Anmerkung, wonach der irische Altertumsforscher Langaine dem Erzbischof folgende bardische Überlieferung mitteilte: »Als Nemnius einmal von einem saxischen Gelehrten gescholten wurde, daß er als Britannier nicht einmal die Grundlagen der Gelehrsamkeit kenne, erfand er durch Improvisation diese Buchstaben, um sein Volk von dem Vorwurf der Dummheit und Beschränktheit zu befreien.

ALAP A PARTH P
BRAUT B BRAUT Q
CURI C RAT R
DEXI D TRAUS T
EGIN E SUNG S
FICH F UIR U
GUIDIR G JEIL X
HUIL H OFR E
JECHUIT I ZEIRC Z
KAM K AIUN AE
LOUBER L ESTIAUL ET
MUIN M EGUI EU
NIHN N AUR AU
OR O EMC EI
KENC   ELAU  

Dies war offenbar ein Scherz auf Kosten des dummen Sachsen, denn die britannischen Barden hatten schon Jahrhunderte vor der Ankunft der Sachsen ein Alphabet benutzt. Was aber bedeuten diese improvisierten Buchstabennamen? Da der dumme Sachse wahrscheinlich die lateinische Buchstabenfolge des ABC benutzte und offenbar gar nicht wußte, daß es auch eine andere Reihenfolge gab, wollen wir einmal versuchen, das Alap-Braut-Curi in seiner Ogham-Reihenfolge BLFSN zu rekonstruieren. Und da wir ziemlich sicher sein dürfen, daß Nemnius sich seiner größeren Gelehrsamkeit brüstete wahrscheinlich seiner Kenntnis des Griechischen, um den dummen Sachsen zu hänseln, der nur ein wenig Mönchslatein kannte - wollen wir versuchen, die Buchstabennamen im Griechischen auszuschreiben und zu sehen, ob uns nicht irgendwelche vertrauten Wörterkombinationen auffallen.
Dies ist ein schwieriges Rätsel, weil die zusätzlichen Wörter KENC, ELAU und ESTIAUL ohne weitere Erklärung unter die Buchstabennamen eingeführt und die Vokale vermischt wurden. (Falls E OFR ist, dann ist OR wahrscheinlich ER). Gleichwohl ist die Sequenz DEXI-TRAUS-KAMPARTH auffällig; offenbar haben wir es mit einer ägyptisch-christlichen Formel zu tun. Eingedenk des speziellen Vokabulars des Clemens von Alexandria lesen wir:
DEXITERAN TRAUSEI PARTHENOMETRA KAMAX
»Der Speer wird die Jungfrau-Mutter verwunden, da sie zu seiner Rechten steht.« Dieser gut gefügte Pentameter erinnert an das Evangelium nach Lukas (2,3 5). Kamax ist sowohl ein Speer wie auch ein Rebstecken, und daher ein höchst geeignetes Wort. Die bei Lukas erwähnte Waffe ist ein Schwert; doch die Prophezeiung erfüllte sich in den Augen der christlichen Mystiker durch den Speer, der Jesu Seite bei der Kreuzigung durchbohrte. Und wenn ich die Folge von acht Buchstaben des heiligen Namens am Ende richtig deute, dann sind die Stützbalken des Himmels (OPHREA OURANEIA) aufgerufen, den Ruf (IACHESTHAI) »Shiloh« (JEIL) anzustimmen, weil der Fisch der Liebe (EROS ALABES) sich dem Lande On (AUNAN) genähert (EGGIKEN) hat. Aunan oder On, den Griechen als Hellopolis bekannt und wahrscheinlich die älteste Stadt in Ägypten, war das Zentrum des Osiris-Kults und wahrscheinlich auch des Christus-als-Osiris-Kults. In »Aun« wusch die Jungfrau Maria, einer koptischen Überlieferung zufolge, die Windeln des Jesuskindes in der Quelle Ain-esch-Schems, die vormals dem Sonnengott Ra heilig war. Aus den Tropfen, die von den Wickelbändern herabfielen, entsprang der heilige Balsamstrauch. Wir dürfen als wahrscheinlich annehmen, daß diese Sage ursprünglich von der Göttin Isis und dem Kinde Horus handelte. Auf sie bezieht sich Gwion, wie ich meine, in der Zeile: »Ich war die Bänder des Wickeltuches« im Cad Goddeu, sowie in der Zeile »Woher die Süße des Balsams?« im Angar Cyvyndawd. Der Alabes wurde in Aun angebetet, er war ein im Nil vorkommender Wels.
Dies führt uns von unserem Thema fort, und ich überlasse es gern einem Gräzisten, der sich möglicherweise dafür interessiert, den Rest der Zauberformel aufzuklären, ohne ihn durch meine annäherungsweise Lösung behindern zu wollen.

Eines der Ziele, die wir uns im achten Kapitel gesteckt hatten, ist noch nicht erreicht: wir müssen noch immer die Bedeutung der Buchstabennamen des Beth-Luis-Nion herausfinden. Wir dürfen annehmen, daß sie ursprünglich für etwas anderes als Bäume einstanden, denn die irischen Baumnamen, mit Ausnahme von Duir und Saille, sind nicht aus gemeinsamen Wurzeln des Griechischen, Lateinischen und der slawischen Sprachen gebildet, wie wir vielleicht erwarten dürften.
Die Bedeutungen der Vokale im Boibel-Loth erwies sich als eine Folge von Lebensstadien des im Sakralkönig inkarnierten Jahresgeistes, und ähnlich sahen wir, daß die mit den Vokalen des Beth-Luis-Nion benannten Bäume eine Folge von Jahreszeiten bilden. Nun wäre es möglich, daß die Trennung der Vokale von den Konsonanten ein späterer Vorgang war und daß sie ursprünglich in regelmäßigen Abständen zwischen die Konsonanten verteilt waren, wie sie es ja auch im griechischen und lateinischen Alphabet sind; daß tatsächlich A, der Buchstabe der Geburt, und nicht B, der Buchstabe des Anfangs, das Alphabet einleitete; und daß die Form »Ailm-Beth« noch älter als die Form »Beth-Luis-Nion« war? Nachdem nun die irischen Sagen über das Alphabet behaupten, daß es in Griechenland erfunden wurde, und nachdem sich in Irland eine hartnäckige Überlieferung hält, wonach die Tuatha d√© Danaan griechisch sprachen, wollen wir doch einmal das Beth-Luis-Nion ins Altgriechische übersetzen und die Vokale in ihrer Jahreszeitlichen Reihenfolge unter die Konsonanten verteilen, wobei wir A an die Stelle der Wintersonnwende setzen, O an die des Frühlingsäquinoktiums, U an die der Sommersonnwende, E an die des Herbstäquinoktiums und wieder an die der Wintersonnwende; und Straif an den Anfang und Quert ans Ende der Buchstabenfolge des Sommers. Werden sie uns dann eine weitere religiöse Zauberformel verraten?
Also: Ailm, Beth, Luis, Nion, Onn, Fearn, Saille, Straif, Huath, Ura, Duir, Tinn, Coll, Quert, Eadha, Muin, Gort, Ngetal, Ruis, Idho. -
Ailm Beth ergibt nur dann einen aussichtsreichen Anfang, wenn wir uns daran erinnern, daß Ailm (Silbertanne) im Irischen wie Alv oder Alph ausgesprochen wird. Die Wurzel alph bezeichnet sowohl die Farbe weiß als auch die Frucht: alphos ist also der stumpf -weiße Aussatz (lat. albula); alphe ist der »Ertrag«, alphiton ist die Graupelgerste, und Alphito ist die Weiße Getreidegöttin oder Schweine-Demeter alias Kerdo (was ebenfalls »Ertrag« bedeutet) und deren Verbindung mit Cerridwen, der walisischen Sau-Demeter alias der Alten Weißen bereits erwähnt wurde. Der Hauptfluß der Peloponnes ist der Alpheios. Beth oder Beith ist der Birken-Monat, und nachdem die Birke im Lateinischen betulus heißt, dürfen wir dieses Wort im Griechischen als Baitulos transkribleren. Sofort ergeben die Wörter einen Sinn als Anrufungsformel. Alphito-B altule, ein zusammengesetztes Wort wie Alphito-mantis jemand, der aus der Graupelgerste wahrsagt«), weist auf eine Göttin von der gleichen Art wie ASCHIMA BAETYL und ANATHEA BAETYL hin, zwei Göttinnen-Gemahlinnen des hebräischen Jahwe, die im fünften Jahrhundert v. Chr. in dessen Kult zu Elephantine in Ägypten verehrt wurden.

Die Bedeutung von Baitulos ist ein heiliger Stein, in dem eine Gottheit wohnt; das Wort scheint verwandt mit dem semitischen Bethel (»Haus Gottes«), doch es ist nicht bekannt, ob Baitulos von Bethel abgeleitet ist oder umgekehrt. Die Löwengöttin Anatha Baetyl war nicht semitischen Ursprungs und wurde in Armenien als Anaitis oder Armenia verehrt.
Luis, der nächste Buchstabe im Beth-Luis-Nion, verweist auf Lusius, ein Göttertitel vieler griechischer Gottheiten, der soviel bedeutet wie »jemand, der Schuld abwäscht« . Er wird vor allem Dionysos beigelegt, und sein latelnisches Äquivalent ist Liber. Doch Dionysos wird in den orphischen Hymnen auch Luseios und Luseus genannt, was andeutet, daß das Adjektiv nicht unmittelbar aus louein, »waschen«, abgeleitet ist, sondern von der Stadt Lusi in Arkadien, die für ihre Verbindung mit Dionysos berühmt ist. Lusi liegt im Schatten des gewaltigen Berges Aroanios, heute Chelmos, und liegt nicht weit vom Flußtal des Aroanios entfernt, der in den Alpheios mündet, und jenem des Styx, der in den Krathis mündet. Der Styx (»der Verhaßte«) war der Totenfluß, bei dem die Götter, wie es hieß, schworen und fluchten, und den Demeter, die Gerste-Mutter, verfluchte, als Poseidon sie mit seinen unerwünschten Aufmerksamkeiten verfolgte - wahrscheinlich während der Eroberung des Krathis-Tals durch die Achäer.

ALPHITO-BAITULE LUSI
»Weiße Gerste-Göttin, Erlöserin von Schuld«
Hören wir, was Pausanias über Lusi und seine Umgebung berichtet. (Beschreibung Griechenlands, VIII, 18, § 7, 8):
»Wenn man von Pheneus nach Westen zieht, führt der Weg links zu der Stadt Klitor, neben dem Kanal, den Herakles für den Fluß Aroanios anlegte. Die Stadt liegt an dem Fluß Clitor, der sich kaum eine Meile entfernt in den Aroanios ergießt. Unter den Fischen des Aroanios gibt es gefleckte, die wie Drosseln singen sollen. Ich sah etliche, die gefangen worden waren, aber sie gaben keinen Laut von sich, obgleich ich bis Sonnenuntergang am Fluß blieb, der Zeit, da sie angeblich am schönsten singen. Die berühmtesten Heiligtümer zu Klitor sind jener der Gerste-Mutter, des Asklepios und der Göttin Ilithyia, die Olen, ein früher lykischer Dichter, in einem Lied, das er für die Delier dichtete, als »die geschickte Spinnerin«  anruft und damit eindeutig mit der Göttin des Schicksals gleichsetzt.
Zur Rechten führt der Weg nach Nonakris und zu den Wassern des Styx. Nonakris (»neun Anhöhen« ) war einst eine arkadische Stadt, nach der Gemahlin des Lykaon benannt.«
Lykaon, der Pelasger, Sohn der Bären-Göttin Kallisto, frönte dem Kanni alismus und muß wohl e'n Eichengott gewesen sein, denn er wurde von einem Blitzstrahl getötet. Sein Klan führte den Wolf als Totem, und Lykaon regierte als Wolfskönig (oder Werwolf) bis zum neunten Jahr. Die Wahl des Königs wurde mit einem kannibalistischen Festmahl gefeiert. Seine Gemahlin Nonakris war eindeutig die Neunfältige Göttin, und er wird als der erste Mensch bezeichnet, der Arkadien zivilisierte.
»Nicht weit entfernt von den Ruinen Nonakris' befindet sich die höchste Klippe, die ich je gesehen oder von der ich je gehört, und das Wasser, das von ihr herabrieselt, wird die Wasser des Styx genannt ... Homer legt Hera ein Wort über den Styx in den Mund:

Seid ihr meine Zeugen, die Erde und der weite Himmel darüber
Und der herabrieselnde stygische Bach!

Dies klingt so, als habe Homer den Ort besucht. Und wieder läßt er die Göttin Athene sagen:

Hätt' ich nur dies gewußt in meinem argwöhnischen Sinn
Als Zeus den Herakles hinab zum Hades sandte
Heraufzubringen Kerberos von seiner abscheulichen Stätte,
Niemals hätt' er die Wasser des Styx betrogen
Herabstürzend aus der Höhe.

Das Wasser, das, von dieser Klippe bei Nonakris herabstürzend, zuerst auf einen hohen Felsen trifft und sich dann in den Fluß Krathis ergießt, ist tödlich für den Menschen und für jedes andere lebende Wesen. Es ist auch bemerkenswert, daß einzig ein Pferdehuf vor seinem Gift gefeit ist. Denn er vermag das Wasser zu halten, ohne von ihm zerfressen zu werden... wie Becher aus Glas, Kristall, Stein, Ton, Horn und Knochen. Das Wasser zersetzt auch Eisen, Bronze, Blei, Zinn, Silber, Elektrum und sogar Gold, trotz Sapphos Beteuerung, daß Gold sich niemals zersetzt. Ob Alexander der Große tatsächlich am Gift dieses Wassers starb oder nichi, weiß ich nicht: die Geschichte ist allerdings geläufig.  Über Nonakris erheben sich die Aroanischen Berge, und in ihnen befindet sich eine Höhle, in welche die Töchter des Proteus sich flüchteten, wie man erzählt, als der Wahnsinn sie überwältigte. Aber Melampus brachte sie durch geheime Opfer und reinigende Riten nach Lusi hinab, einer Stadt bei Klitor, von der heute keine Spur mehr übrig ist. Dort hellte er sie von ihrem Wahnsinn in einem Heiligtum der Göttin Artemis, die bei dem Volk von Klitor seitdem »die Tröstende«, heißt.«
Melampus heißt »Schwarzfuß«, und er war der Sohn des Amytahon mit der Nymphe Melanippe (»schwarze Stute«). Die Geschichte, wie er die Töchter des Proteus mit schwarzer Nieswurz und Schweine-Opfern reinigte und danach ihren Wahnsinn in einem Bach abwusch, bezieht sich wahrscheinlich auf die Eroberung dieses danaischen Heiligtums durch die Achäer, wenngleich Melampus als ein äolischer Minyer gilt. Auch eroberte er Argos, den Mittelpunkt des danaischen Kults. Die drei Töchter waren die Dreifältige Göttin, die Demeter des Styx, die anscheinend pferdeköpfig war. Denn wie sonst wäre ein Pferdehuf gegen das Gift des Wassers gefeit gewesen? Doch laut Philo von Heraklea und Älian war auch das Horn eines skythischen Esel-Einhorns gegen das Gift gefeit. Und Plutarch sagt in seinem Leben Alexanders, daß ein Eselshuf das einzige sichere Gefäß abgebe. Ganz in der Nähe, bei Stymphalos, befand sich ein dreifaches Heiligtum, das Temenos (»Hain«), der Pelasger, zu Ehren der Göttin Hera als »Mädchen, Braut und Witwe« gegründet hatte - eine bemerkenswert deutlicher Hinweis auf die ursprüngliche Trias. Sie wurde die »Witwe« genannt, so erzählten die Stymphalier dem Pausanias, weil sie mit Zeus in Streit geraten war und sich nach Stymphalos zurückgezogen hatte. Dies bezieht sich anscheinend auf eine spätere Wiederbelegung des primitiven Kults, in Auflehnung gegen die olympische Religion.
James Frazer besuchte 1895 Lusi, und er gibt uns einen wertvollen Berieht, der uns erlaubt, Nonakris als Name für jene Folge von neun Steilwänden des Berges Aroania zu deuten, die sich über der Schlucht des Styx auftürmen. Selbst im Spätsommer gab es noch Schnee in den Klüften der, wie er sagt, »ehrfurchtgebietendsten Folge von Steilwänden«, die er jemals gesehen hatte. Der Styx speist sich aus dem Schmelzwasser dieses Schnees und scheint schwarz über die Flanke der Klippe herabzuströmen, wegen dtr dunklen Einlagerungen der Felswand unter dem Wasser; doch später scheint er hellblau, wegen der schiefrigen Felsen, über die er in die Schlucht fließt. Die ganze Folge von Steilwänden ist vertikal mit roten und weißen Maserungen gestreift - beides im alten Griechenland Farben des Todes - und Frazer erklärt uns Hesiods Schilderung der »silbernen Säulen des Styx«, wenn er berichtet, daß im Winter ungeheure Eiszapfen über der Schlucht hängen. Er sagt auch, daß eine chemische Analyse des Styxwassers keinerlei giftige Substanz erbrachte, wenngleich es extrem kalt ist.
Da Nion der nächste Buchstabe des Beth-Luis-Nion ist, können wir die daktylische Anrufungsformel fortsetzen:
ALPHITO-BAITULE LUSIA NONAKRIS -
»Weiße Gerste-Göttin, Erlöserin von Schuld, Frau von den Neun Höhen« Frazer stellte fest, daß der Glaube an die singenden gefleckten Fische sich in Lusi noch erhalten hatte - sie erinnern an die gefleckten poetischen Fische aus Connlas Quelle [1] - wie auch die Überlieferung von den Schlangen, die Demeter als Wächter des Styx über die Wasser des Styx einsetzte. Er besuchte die Höhle der Töchter des Proteus, von der man die Schlucht des Styx überblickt, und stellte fest, daß sie eine natürliche Pforte und ein Fenster hatte, entstanden durch Einwirkung des Wassers. Der nächste Buchstabe ist Onn. Und nachdem O in allen Sprachen so leicht verwechselt wird, können wir fortsetzen:
ANNA - unter Berufung auf die pelasgische Göttin Anna, die Schwester des Belus, die die Italier Anna Perenna oder »ewige Anna« nannten. Ovid erzählt in seinen Fasti, daß diese Anna von manchen als die Mondgöttin Minerva bezeichnet wurde, von anderen als Themis oder als lo von Argos. Auch bringt er sie mit Gerstekuchen in Verbindung. ihr Festtag fiel auf den 15. März, genau der Tag, an dem Onn im Beth-Luis-Nion-Kalender beginnt. Anna bedeutet wahrscheinlich »Königin« oder »Gottesmutter«; Sappho gebraucht Ana für Anassa (Königin). In der irischen Mythologie tritt sie als die danaische Göttin Ana oder Anan auf, die zwei verschiedene Charaktere hat. So ist sie zum einen die wohltätige Ana, ein Titel der Göttin Danu, der in Cormacs Glossary als Äquivalent zu Buan-ann (erklärt als »Gute Mutter«) genannt ist. Sie war die Mutter der drei ursprünglichen danaischen Götter Brian, luchurba und luchar, und sie säugte und nährte sie so gut, daß ihr Name »Ana« schließlich soviel wie »Fülle« bedeutete. In Munster wurde sie als Göttin der Fülle verehrt. Zwei Berge in Kerry, die »Paps of Anu«, sind nach ihr benannt. Auch wurde sie von E. M. Hull mit der Aine von Knockaine gleichgesetzt, einer Mondgöttin aus Munster, die für die Ernte und das Vieh verantwortlich war und in der Sage mit der Pflanze Mädesüß, der sie ihren süßen Duft schenkte, sowie mit dem Mittsommerfest in Verbindung gebracht wird. Zum andern war sie die böse Ana, die führende Gestalt der Schicksals-Trinität Ana, Badb und Macha, zusammen als Morrigan oder Große Königin bekannt. Badb, »kochen«, bezieht sich offenbar auf den Kessel, und Macha wird im Book of lecan mit der Bedeutung »Rabe« erklärt.
Ana finden wir auch in der britischen Folklore als Black Annis of Leicester, die eine Laube in den dänischen (danaischen) Hügeln hatte und Kinder verschlang, deren Häute sie an einer Eiche zum Trocknen aufhängte. Sie war als »Katze Anna« bekannt, aber wie E. M. Hull meint, ist Ana eine Kurzform von Angness oder Agnes, was sie mit Yngona gleichsetzen würde, der »Anne von den Engeln«, einer bekannten dänischen Göttin. Die Schwarze Annis hatte etwas mit einer Hasenjagd in der Walpurgisnacht zu tun, die später auf Ostermontag verlegt wurde; daher muß sie so etwas wie eine Nymphe oder eine Hexe gewesen sein. Ynguna war sicherlich Nana (die ihre Gunst zwischen dem lichten Baldur und seinem dunklen Rivalen Holder teilte) und zugleich Angurboda, die Alte Frau vom Eisenwald, die Mutter des Hel. Doch es ist möglich, daß die Alte in der Nähe von Leicester hauste, lange bevor die Dänen ihren Teil von Mercia besetzten, und daß sie die danaische Göttin »Anu« war, bevor sie zu Agnes wurde. In christlicher Zeit wurde sie eine Nonne, und in der Sakristei der Kirche von Swithland gibt es ein Bild von ihr, bekleidet mit dem Habit einer Nonne. Sie ist die blaue Vettel, die in Miltons Werken Paradise Lost und Comus gefeiert wird und die in der Nacht als Schreieule getarnt das Blut der Kinder saugt. Aus der irischen »Alten von Beare« wurde ebenfalls eine Nonne; eine Todesgöttin zu christianisieren war leicht, weil ihr Gesicht stets verschleiert abgebildet wurde. Im dritten Kapitel sagte ich, daß Beli als der Sohn Danus galt; und die Identität von Ana und Danu geht deutlich aus einem Stammbaum hervor, enthalten in dem angeblich aus dem dreizehnten Jahrhundert stammenden Jesus College Manuscript 20, wo Beli der Große ein Sohn der Anna ist, die absurderweise als Tochter des Kaisers von Rom bezeichnet wird. An einer anderen Stelle wird der Stammbaum des Prinzen Owen, des Sohnes von Howel dem Guten, bis auf Aballac fillus Amalechi qui fuit Beli Magni filius, et Anna mater ejus (Aballak, Sohn des Amalek, der der Sohn des großen Belus war, und Anna war seine Mutter) [2], zurückverfolgt.
Ebenso absurd ist dort angefügt: quam dicunt esse consbrinam Mariae Virginis, Matris Domini nostri Jhesu Christ. (Von der sie sagen, sie sei hervorgegangen von der Jungfrau Maria, der Mutter unseres Herrn Jesus Christus.)
Ovid und Virgil kannten die Göttin Ana Perenna als eine Schwester von Belus oder Bel, der eine maskulinisierte Form der sumerischen Göttin Belili war; ähnlich wie auch der Gott Anu, einer aus der babylonischen männlichen Trinität, zu der außer ihm noch Ea und Bel gehörten, eine Maskulinisierung der sumerischen Göttin Anna-Nin war, meist mit der Kurzform Nana[3] bezeichnet. Bels Gemahlin war Belit, und Anus Gemahlin war Anatu. Eas Gemahlin, das dritte Mitglied der weiblichen Trinität der Sumerer, war Dam-Kina; und die erste Silbe ihres Namens zeigt, daß sie die Urmutter der Danaer war. Anna-Nin wurde ferner von J. Przbusk in der Revue de l'Histoire des R√©ligions (1933) mit Anahita, der Göttin der Avesta, gleichgesetzt, die bei den Griechen Anaitis und bei den Persern Ana-hid hieß - der Name, den sie auch dem Planeten Venus gaben.
E. M. Paar teilte mir mit, daß An ein sumerisches Wort für »Himmel« ist und daß seiner Ansicht nach die Göttin Athene eine weitere Anna war, nämlich Ath-enna, eine Inversion von Anatha, alias Neith von Libyen; und auch, daß Ma eine Abkürzung des sumerischen Ama, »Mutter«, ist und daß Mari die »fruchtbare Mutter,«  bedeutet - abgeleitet von rim, »ein Kind gebären«. mari war der Name der Göttin, nach der die Ägypter um 1000 v. Chr. Zypern »Ay-mari« nannten und die zu mari am Euphrat (einer von Hammurabi 1800 v. Chr. geplünderten Stadt) und zu Amari im minoischen Kreta herrschte. Ma-ri-enna ist also die »fruchtbare Mutter des Himmels« , alias Miriam, Marian von mariandyne, die »springende Myrrhine« von Troja, und Mariamne: ein Wort von dreifacher Macht. Doch Anna ist der Name, der von der Geburt an Göttlichkeit verleiht und der auch ein Bestandteil von Arianrhods Name zu sein scheint. Arianrhod ist vielleicht gar nicht eine Verfälschung von Argentum und rota, »Silber, bzw. Rad«, sondern Ar-ri-an, die »hohe fruchtbare Mutter« , die das Rad des Himmels dreht; falls es sich so verhält, wäre Arianrhods kretisches Gegenstück Arri-an-de, wobei das de, wie bei Demeter, Gerste bedeutet. Die einfache Form Ana, oder Anah, findet sich in Genesis 36  als horitscher Klansname; obwohl bei zwei von drei Erwähnungen maskulinisiert, wird sie hauptsächlich als die Mutter von Aholibama (»Laubhütte an dem hohen Ort«) gefeiert, jener Erbin, die Esau bei seiner Ankunft auf den Weidegründen von Seir heiratet. (Anas angebliche Entdeckung der Maulesel in der Wildnis geht auf einen Kopierfehler zurück.) James Joyce feiert Anas Universalität spielerisch in seiner Anna Livia Plura Belia. Und wirklich, falls wir einen einzigen, einfachen, umfassenden Namen für die Große Göttin brauchen, so ist Anna der beste. Für die christlichen Mystiker ist sie die »Großmutter Gottes«.
Der nächste Buchstabe, Fearn, erklärt Perenna als eine entstellte Form von Fearina, das aus Feär oder eär gebildete Adjektiv. Im Lateinischen hat das Wort sein Digamma behalten und wird ver geschrieben. Daraus folgt, daß Brans griechischer Name, Phoroneus - dessen Varianten Vront, Berng und Ephron wir bereits kennenlernten - eine Abwandlung von Fearineus war und daß er ursprünglich der Geist des Jahres in seinem erotischen, wenn auch zum Tode verurteilten Frühlingsaspekt war. Die lateinische Formel war anscheinend Veranus, was den plebejischen Familiennamen Veranius erklären würde; wie auch das Wort vernare, »sich im Frühling erneuern«, das angeblich irregulär aus ver, veris gebildet, vielleicht aber auch eine Abkürzung von veranare ist.
ANNA FEARINA »Königin des Frühlings« - Der nächste Buchstabe ist Saille. Wir sahen, daß Saille im Boibel-Loth mit Salmoneus, Salmaah und Salmon zusammenhängt, und dies deutet an, daß das entsprechende Wort in der Anrufungsformel Salmone ist, ein weiterer Titel der Göttin. Also:
SALMAONA - Es gab im östlichen Mittelmeerraum mehrere nach ihr benannte Orte, darunter Kap Salmone auf Kreta, die Stadt Salmone in Elis und Salmone, ein Dorf bei Lusi. Der Titel ist offenbar zusammengesetzt aus Salma und Onö, wie in Hesi-one. Hesione bedeutet angeblich »Herrin Asiens«, und die Bedeutung von Salma läßt sich aus dessen Vorkommen in geographischen Namen ableiten. Es ist ein ägäisches Wort von ungemein weiter Verbreitung und scheint stets mit der Vorstellung einer Ausrichtung nach Osten verbunden. [4] Salma hieß ein Stamm im Süden Judäas und in Zentralarabien eine Station an der Karawanenstraße vom Mittelmeer zum Persischen Golf. Salmassos war in Nieder-Armenien eine Station der Karawanenstraße von Trapezunt in den Fernen Osten. Salmydessus war die östlichste Stadt von Thrakien, am Schwarzen Meer gelegen; Salmone war das östlichste Kap von Kreta; Salamis war die östlichst gelegene Stadt von Zypern; die Insel Salamis lag im Osten der kretischen Stadt Korinth, und der Berg, der Salamanes (assyrisch: Salmanu) heilig war, lag im Osten der großen Flußebene hinter Antiochien. Wir sahen bereits, daß Salma in Palästina ein göttlicher Name wurde, und Salomon, Salmon und Absalom sind allesamt Abwandlungen dieses Namens. Salma war die Gottheit, welcher der Hügel von Jerusalem ursprünglich heilig war; der Ort wird in den ägyptischen Briefen von Tell Amarna (1370 v. Chr.) als Uru-Salim erwähnt, und auf den assyrischen Denkmälern als Ur-Salimu. Um 1400 v. Chr. hielt ihn ein Häuptling mit dem semitischen Namen Abd-Khiba besetzt, ein Vasall Ägyptens, der ähnlich wie Melchisedek von Salem - Uru Salim? - seinen Herrschaftsanspruch weder auf Vaterrecht noch auf Mutterrecht, sondern auf den Willen Gottes gründete. Sayce übersetzt Uru-Salim als »Stadt des Gottes Salim«. Josephus berichtet, daß der erste Name der Stadt Solima war. Salma oder Salim war offenbar der semitische Gott der aufgehenden oder erneuerten Sonne; Salmaone war eine ägäische Gottheit, deren Titel er übernahm; ähnlich wie Salmoneus, der Äolier, der sich den späteren achäischen Eroberern widersetzte und darauf beharrte, den Donner durch das Scheppern eines bronzenen Streitwagens auszulösen - wobei er gegen die Vorrechte des olympischen Zeus verstieß. Wahrscheinlich aber hatte Salma seinen Titel als Halbgott der erneuerten Sonne von seiner Mond-Braut Kirke oder Belili, der Weiden-Mutter Sal-Ma, übernommen, der zu Ehren in dieser Jahreszeit Weidenzweige geschwenkt wurden; die Bedeutung der östlichen Richtung wäre dann nur eine sekundäre.
ANNA FEARINA SALMAONA »Königin des Frühlings, Mutter der Weide« -
Der nächste Buchstabe ist Straif. Es bedarf eines starken Verbs, um die zweite Buchstabenfolge einzuleiten. Strebloein, oder strabloein, aus der Verbwurzel streph, »drehen«, gebildet, bedeutet »mit einer Winde hochziehen, ausrenken, auf die Folter spannen«, und dies gibt Straif, dem Schlehdorn, seine zwan gsläufig grausame Konnotation.
Als nächstes kommt Huath. Das u zeigt lediglich an, daß das H gehaucht wird. Wir haben keinen Anhaltspunkt für den Namen oder die Person oder Personen, welche die Göttin wahrscheinlich auf Duir, die Eiche, streckte; doch ich vermute, daß es Athaneatiden oder Hathaneatiden waren, Mitglieder eines der vier ersten königlichen Clans von Arkadien. Es ist wahrscheinlich, daß dieses Wort, ähnlich wie athanatoi, »die Nicht-Sterblichen« bedeutet, denn das griechische Wort thnetos (»sterblich«) ist eine Kurzform von thaneatos; der Clan, aus dem der Sakralkönig - das Opfer in der sich uns erschließenden Geschichte - auserwählt wurde, mußte natürlich »die Unsterblichen« heißen, weil einzig der König durch seine Leiden Unsterblichkeit gewinnen konnte, während die geringeren Mitglieder des Volkes dazu verurteilt waren, als zitternde Geister in der Hölle zu hausen.
STRABLOE (H)ATHANEATIDAS URA - Denn Ura ist der nächste Buchstabe im Alphabet, der Mittsommerbuchstabe, der Buchstabe der Venus Urania, des gewalttätigen Aspekts der Dreifältigen Göttin. Wie schon gesagt, bedeutet Ura Sommer; es bedeutet auch den Schwanz eines Löwen oder Bären, der dessen Zorn ausdrückt, und das Wort ouraios (»uraeus«), die königliche Schlange Ägyptens, ist aus der gleichen Wurzel gebildet. »Uranos«, der Vater der Titanen in der klassisch-griechischen Mythologie, war sehr wahrscheinlich ursprünglich deren Mutter - Ura-ana, die Königin Ura. Aber wir sollten nicht nur nach ein oder zwei Bedeutungen der Silbe ur suchen; denn je zahlreicher die poetischen Bedeutungen, die in einem heiligen Namen zusammengezogen werden konnten, desto größer war seine Macht. Die Verfasser der irischen Hearings of the Scholars verbanden den Mittsommer-Buchstaben Ur mit ur, »Erde«; und wir erinnern uns, daß dies die Wurzel der lateinischen Wörter area, »ein Stück Erde«, arvum, »ein gepflügtes Feld«, und urvare ist, was soviel bedeutet wie »zeremoniell einen Pflug um das künftige Gelände einer Stadt ziehen« - ein Sinn, der auch in dem von Homer gebrauchten griechischen ouron enthalten ist, »eine mit dem Pflug markierte Grenze«. Grammatiker vermuten ein ursprünglich griechisches Wort era, »Erde«, als Wurzel dieser Wortgruppe; was darauf hindeutet, daß Erana oder Arana oder Urana die Erdgöttin war, deren Gunst erfleht werden mußte, wenn Felder gepflügt oder Städte (urves oder urbes) gegründet werden sollten - und die Heirat mit ihren lokalen Vertreterinnen gab einem Häuptling das Recht, in ihren Landen zu regieren. Falls es sich so verhält, stand der Uranos im königlichen Kopfschmuck wohl für die große erdumspannende Meeresschlange ein, wie auch für die gefleckten Orakelschlangen der Göttin. Doch ihr Name könnte noch drei oder vier weitere Bedeutungen enthalten. Er könnte für »Berggöttin« stehen (aus dem homerisch-griechischen ouros, Berg), was auf ihre Identität mit Mousa, die Muse, verwiese, ein Titel von gleicher Bedeutung; und für »Königin der Winde« (abgeleitet vom homerisch-griechischen ouros, Wind), was den uraeus als Symbol ihrer Macht über die Winde erklären würde, da man sich damals alle Winde schlangenschwänzig und in einer Berghöhle hausend vorstellte. Urana ist also ein vielfältiger Titel: Mutter Erde, Unsere Liebe Frau des Sommers, Berggöttin, Königin der Winde, Göttin vom Löwenschwanz. Es könnte auch »Königin Hüterin« (von ouros, »Hüter«) bedeuten; oder, mit Bezug auf ihren Aspekt als Mond-Kuh, »Herrscherin der wilden Ochsen« (ouros, lat. urus, »Wildochse«), ähnlich wie die irische Göttin Buana. Wir dürfen auch nicht das Sanskrit-Wort varunas übersehen, das soviel heißt wie »nächtliches Firmament«, abgeleitet aus der Wurzel var, »bedecken«, wovon Varuna, das dritte Mitglied der arianischen Trinität, ihren Namen trug. Als die erste Einwanderungswelle der Achäer nach Griechenland kam und unter die Herrschaft der Dreifältigen Göttin Ana oder De-Ana oder Ath-Ana oder Di-Ana oder Ur-Ana gelangte, die sowohl die Tageswelt als auch die Welt der Nacht regierte, verlor varunas seine spezielle Bedeutung; es wurde ihr zu Ehren von varun- zu uran- abgewandelt und bezeichnete nun ganz allgemein den Himmel. Daher Anas klassischer Titel Urania, »die Himmlische«.
STRABLOE ATHANEATIDAS URA DRUEI »Ura, winde die Unsterblichen auf deinen Eichenbaum« -
Das nächste Wort, Tinne oder Tann, läßt sich zu tanaous, »gestreckt«, erweitern - eingedenk Hesiods Ableitung des Wortes Titan von titainein, »strecken«. Er sagt, daß die Titanen so genannt wurden, weil sie ihre Hände ausstreckten: doch diese Erklärung beabsichtigt womöglich, die Wahrheit zu tarnen, daß nämlich die Titanen Männer waren, die wie Ixion auf dem Rad gestreckt oder gespannt wurden. Frazer mierkt an, daß die Steineiche, der Baum des Monats Tinne, bei Lusi in erhabenen Hainen gedieh, und daß das Tal des Styx voll von weißen Pappeln stand - Edadha, der dem Herakles heilige Baum.
Der Buchstabe Coll vollendet die zweite Folge des Alphabets. Kolabreusthai oder kolabrizein heißt, einen wilden, höhnenden thrakischen Tanz, den kolabros zu tanzen - ein Tanz von der Art, wie die Göttin Kali ihn auf den Schädeln ihrer Widersacher tanzt: DRUEI TANAOUS KOLABREUSOMENA
»Ausgestreckt, bereit, sie zu verhöhnen mit deinem wilden Tanz.« - Der Tanz hatte offenbar etwas mit Schweinen zu tun, denn kolabros bedeutete auch ein Ferkel. In der alt-Irischen Dichtung hießen die Schädel frisch getöteter Männer »die Mast der Morrigan«, und das heißt, der Schicksalsgöttin Anna in Gestalt einer Sau. Wie wir sehen werden, spielt ein junges Schwein eine wichtige Rolle beim Tanz der neun Mond-Frauen auf dem altsteinzeitlichen Höhlengemälde von Cogul.
Die nächsten Wörter sind Quert, auch wie Kirt gesprochen, Eadha und Muin. Ich vermute:
KIRKOTOKOUS ATHROIZE TE MANI »Und versammle die Kinder der Kirke beim Mond«
Kirke, »die Tochter der Hekate,« war die Göttin von Äaä (»heulend«), einer Begräbnisinsel in der nördlichen Adria. Ihr Name bedeutet »Falkenweibchen«, der Falke ist ein Augurenvogel - und hängt auch mit Kirkos, »Kreis«, zusammen, hergeleitet vom Kreisen der Falken und vom Gebrauch magischer Kreise bei der Beschwörung; das Wort ist onomatopoetisch, denn der Schrei der Falken klingt wie »kirk-kirk«. Ihr wurde nachgesagt, daß sie Männer in Schweine, Löwen und Wölfe verwandle, und die Kinder der Kirke sind wahrscheinlich als Schweine verkleidete Frauen, die an einem ihr und Dionysos zu Ehren veranstalteten Vollmondfest teilnehmen. Herodot schildert dieses Ritual als einen in Griechenland wie in Ägypten üblichen Brauch. Bei den persischen Mithras-Orgien, die gleichen Ursprungs wie die Orgien der Demeter waren und in deren Verlauf ein Stier geopfert und roh verzehrt wurde, hießen die männlichen Zelebranten Leontes (Löwen) und die Zelebrantinnen Hyainai (Schweine). Möglicherweise nahmen auch Löwenmänner an diesem kolabros als Kinder der Kirke teil.
Die letzten Buchstaben sind Gort - Ngetal - Ruis - Idho. Hier bewegen wir uns auf sehr unsicherem Grund. Der einzige Schlüssel zu Idho ist, daß die hebräische Form des Wortes iod lautet, die kadmeische iota; und daß das einzige griechische Wort, das mit gort beginnt, Gortys ist - der Name des angeblichen Gründers von Gortys, einer Stadt in Südarkadien, die an einem Nebenfluß des Alpheios, des Gortynios (sonst auch Lusios genannt) gelegen ist. Gortyna, der Name einer berühmten Stadt in Kreta, ist möglicherweise das Wort, das wir suchen, und könnte einen Titel der Göttin darstellen. Aber vielleicht sollte die Kurzform Gort besser Gorp lauten. Gorgopa, »die Furchtbar-Gesichtige«, ein Epitheton der Todesgöttin Athene, ergibt einigermaßen Sinn. Um das Metrum zu wahren, müßte das Wort wie Grogopa geschrieben werden, ähnlich wie kirkos häufig als krikos geschrieben wird.
GROGOPA GNATHOI RUSEIS IOTA »Als die furchtbar-gesichtige Göttin des Schicksals wirst du ein knurrendes Geräusch mit deiner Kehle machen.«
Iotes (äolisch: Iotas) ist ein homerisches Wort und bedeutet göttlicher Wille oder Geheiß; vielleicht lieferte es diese Personifizierung der Schicksalsgöttin, ähnlich wie Ananke (Notwendigkeit), dessen erste Silbe wahrscheinlich Ana oder Anan ist, und wie Themis (Gesetz), die beide auch weiblichen Geschlechts sind. Euripides bezeichnet Ananke als die mächtigste aller Gottheiten, und von Themis leitete Zeus seine gesetzgeberische Vollmacht her: laut Homer war Themis die Mutter der Schicksalsgöttinnen und berief die Versammlungen der Olympier ein. Daß Ovid sie mit Anna gleichsetzte, haben wir eben gesehen.
Also:
ALPHITO BAITULE LUSIA NONAKRIS ANNA FEARINA
SAMAONA
STABLOE HATHANEATIDAS URA DRUEI TANAOUS KOLABREUSOMENA
KIRKOTOKOUS ATHROIZE TE MANI GROGOPA
GNATHOI RUSEIS IOTA
»Weiße Gerste-Göttin, Erlöserin von Schuld, Liebe Frau der Neun Anhöhen, Königin des Frühlings, Mutter der Weide,
Ura, spanne die Unsterblichen gestreckt auf deine Eiche, verhöhne sie mit deinem wilden Tanz,
Und versammle die Kinder der Kirke unter dem Mond; als die furchtbar-gesichtige Göttin des Schicksals
wirst du ein knurrendes Geräusch mit deiner Kehle machen.«
Vielleicht trat die Göttin bei diesem Anlaß als die dreiköpfige Hündin Hekuba oder Hekate auf, denn das Wort ruzein wurde hauptsächlich in bezug auf Hunde gebraucht. Nachdem aber Cerridwen meist beim Tode des Sonnenheros anwesend ist, wird mit dem knurrenden Geräusch vielleicht das winselnde Grunzen der alten Sau von Maenawr Penardd gemeint sein, deren »Mast die Schädel sind«.
Es ist uns kein genügend früher griechischer Vers erhalten, um Metrum und Verbformen dieses hypothetischen Hymnus zu überprüfen. Wenigstens aber hat er sich selber logisch zusammengesetzt, fast gegen alle meine ursprünglichen Erwartungen hinsichtlich des Ausgangs, und daher kann ich ihn nicht als mein eignes Werk ansehen. Die Überlagerung daktylischer Wörter durch anapästische und jambische in der zweiten Hälfte des Hymnus ergab sich ganz von selbst, ohne daß ich deren Bedeutung gewahr wurde. Der daktylische und der trochäische Versfuß drückten im Griechischen ursprünglich Lobpreis und Segen aus; der Anapäst und der Jambus waren ursprünglich auf Satiren und Verfluchungen beschränkt; während der spondeische Versfuß den Begräbnishymnen vorbehalten blieb.[5] (Die Verwendung des Jambus wurde dann auch auf die Tragödie übertragen, denn diese handelte von den Auswirkungen eines göttlichen Fluchs; und auch auf die Komödie, weil deren Absicht eine satirische war.) Dieser Hymnus weist auf einen Tanz von zwölf Personen um einen Kreis von zwölf aufrechten Steinen hin - denn jede Hälfte enthält zwölf Senkungen - wobei jede alternierende Senkung von einem Tänzer markiert wird, der mit der flachen Hand oder vielleicht mit einer Schweinsblase auf den nächsten Stein schlägt. In der Mitte des Kreises ist der Sakralköng mit der fünffachen Fessel der Weidenruten an den gekappten Eichenstamm gebunden und erwartet sein blutiges Ende.
Manchen Mythographen zufolge waren die Titanen zwölf, Männer und Frauen; und diese kanonische Zahl hat sich in der Zahl der olympischen Götter und Göttinnen erhalten, die sie verdrängten. Herodot berichtet, daß die Pelasger keine Götter anbeteten und sich der olympischen Religion nur auf ausdrückliches Geheiß des Orakels von Dodona unterwarfen vermutlich nachdem das Orakel, einst der Mund der pelopischen Waldgöttin Dione, von den Achäern besetzt worden war. Er hat vermutlich recht. Sie verehrten nur eine Göttin - und deren halbgöttlichen Königssohn. Dieser trug in Arkadien offenbar ein Hirschgeweih. Eine spätminoische Gemme, die ich besitze - ein Gehänge aus gebändertem weißem Karneol - zeigt einen Rehbock, der neben einem Wald kauert, und zwar in der heraldisch als zurückblickend bezeichneten Haltung. Die zwölf Enden seines Geweihs bezeichnen möglicherweise den zehnten Monat, M, den Monat des Weinlese-Mondes; über ihm schwebt ein Neumond. Daß diese Titanen im griechischen Mythos als Kinder des Uranos auftreten, bedeutet vielleicht nur, daß sie Gefährten des Sakralkönigs waren, der seinen Titel von der uranischen Göttin hatte. Die übrigen Titanen, sieben an der Zahl, regieren die heilige Woche.
Falls Pythagoras, wie wir vermuteten, von den Daktylen in dieses alphabetische Mysterium eingeführt wurde, dann wäre es möglich, daß er auch seine Theorie der mystischen Zahlenbedeutungen von ihnen übernahm; und die Möglichkeit wird zur Wahrscheinlichkeit, wenn wir die Anfangsbuchstaben der Zauberformel von eins bis zwanzig numerieren:

                A     1                    D    11

                B     2                    T    12

                L     3                    C    13

                N     4                    Q    14

                O     5                    E    15

                F     6                    M     16

                S     7                    G     17

                Z     8                    Gn     18

                H     9                    R    19

                U    10                    I    20

 In dieser Tabelle enthüllt sich noch eine deutlichere Annäherung an die poetische Wahrheit als im bardischen System der Buchstaben-Zahlen, wie am Schluß des sechzehnten Kapitels angegeben, das auf einer anderen alphabetischen Reihenfolge beruht und für die Buchstaben H oder U keinen Zahlenwert vorsieht. Hier besetzt die Pentade der dominierenden Vokale, wie wir erwarten dürfen, den ersten und den letzten Platz, auch den fünften, den zehnten (bzw. den »Hain der Sinne« und »Vervollkommnung« im pythagoreischen System) und den ekstatischen fünfzehnten Platz, die Vollmond-Klimax des Aufgangslieds zu Jerusalem. Der zweite, vierte, sechste und achte Platz - selbst die Zahlen sind im pythagoreischen System, mit wenigen Ausnahmen, männlich - sind von B (Anfang), N (Flut), F (Feuer), Z (zornige Leidenschaft) besetzt, eine Sequenz, hinweisend auf die schwellende Flut männlicher Sinnlichkeit, die, eingedämmt von H, neun, dem Buchstaben der von der Neunfältigen Göttin geforderten vorehelichen Keuschheit, ihre Vollendung mit U, zehn, findet, wo das männliche und das weibliche Prinzip sich vereinigen. Die zwischengeschobenen Buchstaben sind L, drei, der Buchstabe der von Fackeln erleuchteten Wiederbelebung, die von der drei Fackeln tragenden Hekate angeführt wird: U, fünf, der Buchstabe der Initiation in die Mysterien der Liebe; S, sieben, der Buchstabe weiblichen Zaubers (»Athene« im pythagoreischen System). Der elfte und zwölfte Platz sind mit D bzw. T besetzt, den Zwillings-Anführern der Zwölfergruppe (im irischen System ist die Reihenfolge umgekehrt); auf dem dreizehnten Platz steht C, der Buchstabe der sakrosankten Schweinehirten-Magier der Göttin; und auf dem neunzehnten R, der Buchstabe des Todes, wie es dem Ende des Neunzehn-Jahres-Zyklus wohl angemessen ist. Die Zahlenwerte der übrigen Buchstaben ergeben sich ebenso leicht. Nachdem der Zauber, den die Daktylen lehrten, ein orgiastischer war, enthielt er bezeichnenderweise zwanzig Elemente - sozusagen die Finger der Hände einer Frau und ihres Geliebten; doch Pythagoras begnügte sich damit, allein über die Tetraktys seiner eigenen zehn Finger zu spekulieren.

Fassen wir nun zusammen: Diese griechische Zauberformel von zwanzig Worten gab die Buchstabennamen eines Alphabets an, das im spätminoischen Arkadien bis hin zur zweiten achäischen Invasion bei den Nachfahren der ursprünglichen Eroberer gebräuchlich war, die zum Kult der Weißen Göttin übergegangen waren. Ihr Kult beinhaltete den Gebrauch eines künstlichen, dreizehnmonatigen Sonnenkalenders, bei dem jeder Monat durch einen anderen Baum repräsentiert wurde, und der unabhängig von dem Alphabet erfunden worden und weit verbreitet war. Manche seiner Jahreszeiten-Elemente lassen sich bis auf prädynastische Zeiten zurückführen, und obgleich die Bäume der irischen Version, der einzig vollständig erhaltenen, auf einen pontinischen oder paphlagonischen Ursprung hinweisen, muß der Kalender - mit einem etwas anderen Kanon von Bäumen - in der Ägäis oder in Phönizien oder in Libyen entstanden sein. Auch ist es unwahrscheinlich, daß das Alphabet zur gleichen Zeit wie der Kalender nach Britannien gelangte. Der Kalender wurde wahrscheinlich zusammen mit Agrikultur, Apikultur, Labyrinth-Tanz und anderen kulturellen Errungenschaften im Ausgang des dritten Jahrtausends v. Chr. von den neusteinzeitlichen Menschen eingeführt, die in engem Kontakt mit der ägäischen Zivilisation standen. Das Alphabet wurde anscheinend im späten zweiten Jahrtausend v. Chr. von Flüchtlingen aus Griechenland eingeführt.

Nachdem es immer zwölf Steine in dem für die Opferhandlung verwendeten giIgal oder Steinkreis sind, wollen wir mit unserem nächsten Exkurs den weißen Rehbock durch die zwölf Zeichen des Tierkreises verfolgen. Wann und wo der Tierkreis entstand, ist nicht bekannt, aber man glaubt, daß er sich in Babylonien allmählich aus den zwölf Episoden der Lebensgeschichte des Helden Gilgamesch entwickelte - die Tötung des Stiers, seine Liebe zur Jungfrau, seine Abenteuer mit den zwei Skorpion-Männern (deren Platz die Waage später besetzte), die Sintflutgeschichte (der der Wassermann entspricht).
Kalendertafeln aus dem siebenten Jahrhundert v. Chr. legen diesen Schluß nahe. Doch das Gilgamesch-Epos ist in Wirklichkeit nicht sehr alt; Gilgamesch, so glaubt man, war ein Hyksos (Kassiter), der Babylon im achtzehnten Jahrhundert v. Chr. besetzte und auf den die Geschichte eines früheren Heros übertragen wurde, eines Tammuz von der bekannten Art, der bereits mit dem Tierkreis in Verbindung stand.
Der ursprüngliche Tierkreis, so können wir aus den überholten astronomischen Daten schließen, die Aratos, ein Grieche der hellenistischen Zeit, in einem Gedicht zitiert, war im späten dritten Jahrtausend v. Chr. verbreitet. Wahrscheinlich aber wurde er erstmals zu einer Zeit festgelegt, als die Sonne beim Frühlingsäquinoktium - dem Fest der Hirten - im Zeichen der Zwillinge aufging; zur Sommersonnwende im Zeichen der Jungfrau, die meist mit der Liebesgöttin Ischtar gleichgesetzt wird; beim Herbstäquinoktium - der traditionellen Jagdzeit - im Zeichen Schütze, der mit Nergal (Mars) und später mit dem Kentauren Cherion gleichgesetzt wurde; zur Wintersonnwende, der Zeit der Regenfälle, im Zeichen der Auferstehungs-Fische. (Wir erinnern uns, daß die Verwandlungen des Sonnenheros Llew Llaw zur Wintersonnwende mit einem Fisch beginnen.)
Die Tierkreiszeichen wurden von den Ägyptern spätestens im sechzehnten Jahrhundert v. Chr. mit gewissen Abhandlungen übernommen - Skarabäus für Krebs, Schlange für Skorpion, Spiegel für Steinbock usw. - aber zu dieser Zeit hatte das als Vorrücken der Tagundnachtgleichen bekannte Phänomen bereits die ursprüngliche Geschichte durcheinander gebracht. Etwa alle zweitausend Jahre geht die Sonne ein Tierkreiszeichen früher auf; so etwa verdrängte 3800 v. Chr. der Stier die Zwillinge aus dem Haus des Frühlingsäquinoktiums und leitete eine Epoche ein, an die Vergil in seiner Erzählung von der Geburt des Menschen erinnert:

Der weiße Stier mit seinen goldnen Hörnern
Eröffnet das Jahr ...

Zur gleichen Zeit trat der Schwanz des Löwen zur Sommersonnwende an den Platz der Jungfrau daher stammt anscheinend der spätere Titel »Oura«, Löwenschwanz und Allmählich folgte der Körper des Löwen, wonach sie für einige Zeit nur die Löwin mit einem Jungfrauenkopf war. Ähnlich löste der Wassermann zur Wintersonnwende die Fische ab und brachte das Wasser, auf dem die Wiegen-Arche des Jahresgeistes schwamm.
Um 1800 v. Chr. wurde der Stier seinerseits durch den Widder aus dem Haus des Frühlings verdrängt. Dies erklärt möglicherweise die Erneuerung des Tierkreis-Mythos zu Ehren des Gilgamesch, eines Hirtenkönigs dieser Epoche; er war der Widder, der den Stier vernichtete. Ähnlich löste der Krebs zur Sommersonnwende den Löwen ab; und so wurde aus der Liebesgöttin eine Meeresgottheit mit Tempeln an den Küsten des Meeres. Auch der Steinbock löste zur Wintersonnwende den Wassermann ab; folglich wurde der Geist des Neuen Jahres von einer Ziege geboren. Die ägyptischen Griechen nannten damals den Steinbock das »Goldene Vlies« und dichteten die Tierkreis-Geschichte zur Argonautenfahrt um.
Der Nachteil des Tierkreises liegt tatsächlich darin, daß er kein ewiger Kalender wie die Baumsequenz des Beth-Luis-Nion ist, bei der kein Versuch unternommen wird, die Äquinoktien und die Sonnwenden mit den zwölf Sternbildern des Tierkreises in Beziehung zu setzen. Vielleicht beruht der ursprüngliche Tierkreis-Mythos auf der Geschichte vom Rehbock, die in Amergins Lied mit einer Baumsequenz verbunden wird: angeblich eine wissenschaftliche Verbesserung, weil ein Jahr von dreizehn Monaten, bei dem Äquinoktien und Sonnwenden auf unregelmäßige Intervalle fallen, weniger leicht zu handhaben ist als ein Jahr von zwölf Monaten mit genau drei Monaten zwischen jeder der vier Stationen. Der Archetyp des Tierkreis-Heros Gilgamesch war jedenfalls »Tammuz«, ein Baumkult-Heros, der in vielen Wandlungen auftritt; und der dreizehnmonatige Baumkalender scheint primitiver zu sein als der zwölfmonatige.[6] Die darin erzählte Geschichte ist gewiß kohärenter als die von Gilgamesch oder Jason. Dies ist reiner Mythos, unvermischt mit Gechichte. Und so kommt es, daß das Baumalphabet, bei dem die Zwillinge in einem einzigen Zeichen zusammengefaßt sind, mit dem Tierkreis übereinstimmt, wie er gegenwärtig - mit den Fischen im Haus der Frühlings-Tagundnachtgleiche - steht.
die weiße göttin
Doch wir haben noch immer nicht die Frage beantwortet: Warum schreibt Hygin die Erfindung der Buchstaben F und H den Schicksalsgöttinnen zu.
Die Tatsache, daß Hygin die Frfindung der Scheibe dem Palamedes zuschreibt, liefert uns einen wertvollen Hinweis, falls 0. Richter mit seiner Auffassung recht hat, daß die spätzyprischen weiblichen Figürchen, die Scheiben von gleicher proportionaler Größe in Händen halten wie die Scheibe von Phaistos (sieben Zoll Durchmesser), Athene und ihre aegis vorwegnehmen. Aus der Sage von dem Kind Erichthonios wissen wir, daß die aegis ein Sack aus Ziegenfell war, durch eine kreisförmige Versteifung zu einem Schild umgewandelt. War dies ein Behälter für eine heilige Scheibe, ähnlich dem Beutel aus Kranichhaut, der die pelasgischen Buchstaben von Palamedes' pelasgischem Alphabet enthielt, und ähnlich mit einer warnenden Gorgonenmaske an der Öffnung versehen?
Falls es sich so verhält, dann ist es wahrscheinlich, daß auf der solcherart verborgenen Scheibe ihr heiliger und unaussprechlicher Name als der libysch-pelasgischen Göttin der Weisheit spiralförmig eingraviert war; und falls dieser Name in Buchstaben und nicht in Hieroglyphen geschrieben war, könnte es entweder das fünfbuchstabige IEUOA oder das siebenbuchstabige JIEOAO gewesen sein, gebildet durch Verdoppelung des ersten und des letzten Buchstabens von IEUOA. Oder es könnte auch - nachdem sie die Dreifältige Mondgöttin war, nämlich die drei Schicksalsgöttinnen, die die fünf Vokale zusammen mit F und Ha erfanden - eine neunbuchstabige Form JIEHUOV(F)AO gewesen sein, die somit nicht nur den siebenbuchstabigen Namen, sondern auch die zwei Konsonanten enthielte, die den ersten und den letzten Tag ihrer Woche bezeichnen: was sie als Weisheit, als die Steinmetzin der Sieben Säulen erwiese. Fals der Name JIEHUOVAO war, hat Simonides (oder wahrscheinlich eher sein Vorgänger Pythagoras) wenig Einfallsreichtum bewiesen, als er zu Ehren des unsterblichen Sonnengottes Apollon die achtbuchstabige Form JEHUOVAO festlegte, indem er den Todesvokal I ausließ, während er Y, den Halbvokal der Zeugung, beibehielt.