Die Wiederkehr der Göttin

Texttyp

literaturhistorische Studien

Was ist also die Zukunft der Religion im Westen?

James Frazer führte die Schäden der europäischen Zivilisation zurück auf »die selbstgerechte und unmoralische Lehre der orientalischen Religionen, die die Gemeinschaft der Seele mit Gott und ihr ewiges Heil als die einzig lebenswerten Ziele einimpfte«. Dies, so meint er, untergrub das selbstlose Ideal der griechischen und römischen Gesellschaft, die das Individuum dem Wohl des Staates unterordnete. Adolf Hitler sagte später lakonischer: »Die Juden sind an allen unseren Problemen schuld.« Beide Aussagen sind jedoch historisch falsch.
Frazer, der eine Autorität in Fragen der griechischen Religion war, mußte wissen, daß die Heilsbesessenheit der griechischen Orphiker nicht orientalisch, sondern thrako-libyschen Ursprungs war und daß, lange bevor die Juden der Diaspora ihre phärisäische Lehre von der Einheit mit Gott in die griechische Welt einbrachten, der Idealismus der Polis von innen her zerstört worden war. Nachdem die spekulative Philosophie alle gebildeten Griechen, die nicht Orphiker oder Angehörige der einen oder anderen mystischen Bruderschaft waren, zu Skeptikern gemacht hatte, waren der öffentliche wie der private Glaube ausgehöhlt, und trotz der gewaltigen Eroberungen eines Alexanders wurde Griechenland eine leicht Beute der halbbarbarischen Römer, die religiösen Konservativismus mit nationaler Gesinnung vereinten. Die römischen Adligen gingen alsdann bei den Griechen in die Schule und holten sich die philosophische Infektion; auch ihr Idealismus verfiel, und nur der militärische Corpsgeist der ungebildeten Legionen, im Verein mit einem Kaiserkult nach orientalischem Vorbild, konnte den politischen Zusammenbruch hinausschieben. Im vierten Jahrhundert schließlich wurde der Druck der Barbaren an den Grenzen Roms so stark, daß es sein Imperium nur retten konnte, indem es bei dem noch jungen Glauben der Christen Zuflucht nahm. Hitlers Bemerkung, die gar nicht so originell war, spielte auf die angebliche ökonomische Ausbeutung Europas durch die Juden an. Er war ungerecht. Unter der Herrschaft des Christentums war es den Juden jahrhundertelang verwehrt, Land zu besitzen oder in die Handwerkszünfte einzutreten; sie waren gezwungen, sich durch ihre Geschicklichkeit am Leben zu erhalten. Sie wurden Juweliere, Ärzte, Geldverleiher und Bankiers und begründeten neue, hochqualiflzierte Industrien, wie die zur Produktion von optischen Gläsern und Medikamenten; Englands plötzliche wirtschaftliche Expansion im siebzehnten Jahrhundert war durch Cromwells Einladung an die holländischen Juden bedingt, die ihr modernes Banksystem nach London mitbrachten. Falls die Folgen eines unbeschränkten Kapitalismus und industriellen Fortschritts den Europäern nicht behagen, können sie nur sich selbst die Schuld geben: die Juden stützten sich einst auf die Macht des Geldes - als Bollwerk gegen die Unterdrückung durch die Goijim. Ihnen selbst war es vom mosaischen Gesetz her verboten, untereinander Geld auf Zinsen zu verleihen oder Darlehen unbefristet laufen zu lassen - alle sieben Jahre mußten die Verpflichtungen des Schuldners gelöscht werden - und es ist nicht ihre Schuld, daß sich das Geld, nachdem es aufhörte, ein praktisches Instrument des Austauschs von Gütern und Dienstleistungen zu sein, in der Welt der Goijim zu einer verantwortungslosen Gottheit entwickelte.
Doch Frazer und Hitler waren nicht gar so weit von der Wahrheit entfernt, und diese war, daß die frühen Heidenchristen von den hebräischen Propheten jene beiden, bis dahin im Westen unbekannten religiösen Vorstellungen übernahmen, die die Hauptursache unserer Unrast sind: nämlich die Vorstellung eines patriarchalischen Gottes, der sich weigert, irgendwelche Verbindungen mit Göttinnen zu haben und selbstgenügsam und allwissend zu sein behauptet; und die Idee einer theokratischen Gesellschaft, fern von Pracht und Herrlichkeit der Welt, in der jeder, der rechtschaffen seine Staatsbürgerpflichten erfüllt, sich als »Kind Gottes« verstehen darf, das ungeachtet seines Standes oder Besitzes, nur kraft unmittelbarer Gemeinschaft mit dem Vater, einen Anspruch auf Erlösung hat.
Diese beiden Vorstellungen waren seither auch in der Kirche selbst heftig umstritten. Mochten die westlichen Menschen Jesu unbeirrte Treue zu dem erhabenen, allheiligen universellen Gott der hebräischen Propheten noch so sehr bewundern, so konnten doch nur wenige mit ganzem Herzen den Antagonismus zwischen Fleisch und Geist bejahen, der in diesem Kult beschlossen war. Und obwohl die neue Gottheit philosophisch unbestreitbar schien, befanden die frühen Kirchenväter, nachdem der kriegerische und launenhafte Zeus-Juppiter mitsafrommes mt seinen indiskreten Liebschaften und seiner zänkischen olympischen Familie die Achtung aller intelligenten Menschen verloren hatte, daß der Mensch für die ideale Anarchie noch nicht reif sei. Der All-Vater, ein rein meditativer Patriarch, der sich nicht persönlich in die Dinge der Welt einmischte, mußte seinen Donnerkeil wieder aufnehmen, um sich Respekt zu verschaffen. Sogar das kommunistische Prinzip der frühen Christenheit, für dessen Übertretung Ananias und Sapphira gesteinigt worden waren, wurde als nicht praktikabel abgeschafft. Und nachdem das Prinzip, daß die Macht des Papstes vor jener des Königs gehe, allgemein anerkannt war, entwickelten die Päpste ein strahlendes weltliches Gepränge, beteiligten sich an der Machtpolitik, führten Kriege, bedachten die Reichen und Wohlgeborenen mit dem Ablaß für die Sünden dieser Welt und der Verheißung einer Vorzugsbehandlung in jener und ächteten die egalitären Prinzipien ihrer einfacheren Vorgänger. Nicht nur wurde der hebräische Monotheismus in Rom allmählich durch die Verehrung der Jungfrau modifiziert, sondern der katholische Laie ist auch schon lange von der direkten Gemeinschaft mit Gott abgeschnitten: nur durch die Vermittlung des Priesters kann er seine Sünden beichten und sich mit dem Sinn von Gottes Wort vertraut machen.
Der Protestantismus war ein gewaltsamer Versuch, jene beiden, von der Kirche inzwischen abgelehnten Vorstellungen wiederherzustellen, die die Juden selbst nie aufgegeben hatten und denen die Mohammedaner beinah ebenso treu anhingen. Die Bürgerkriege in England wurden vom Kampfgeist der - die Jungfrau verabscheuenden - puritanischen Independants gewonnen, die von einer idealen theokratischen Gesellschaft träumten, in der alle priesterliche und kirchliche Prachtentfaltung abgeschafft sein und jeder Mensch das Recht haben sollte, die Schriften zu lesen und zu deuten, wie er es eben verstand, in direkter Verbindung mit Gott dem Vater. Der Puritanismus griff nach Amerika über, wo er sich zur Blüte entfaltete, und die Lehre der religiösen Gleichheit, die auch das Recht auf unabhängiges Denken enthielt, wandelte sich zum gesellschaftlichen Egalitarismus, zur Demokratie - eine Theorie, die seitdem die westliche Zivilisation beherrscht. Heute befinden wir uns in einem Stadium, da das einfache Volk der Christenheit, angefeuert von seinen Demagogen, so stolz geworden ist, daß es sich nicht mehr damit begnügen will, Hände und Füße und Leib des politischen Körpers zu sein, sondern den Anspruch erhebt, auch der Geist zu sein - oder wenigstens soviel Geist, wie es bedarf, um seine einfachen Gelüste zu befriedigen. Infolgedessen haben fast alle - Katholiken wie Protestanten - ihren religiösen Idealismus eingebüßt und sind privat zu dem Schluß gelangt, daß das Geld, wenngleich die Wurzel allen Übels, das einzige praktische Mittel sei, um den Wert des Menschen auszudrücken oder seinen sozialen Rang zu bestimmen; daß die Wissenschaft das einzig korrekte Mittel sei, um die Phänomene zu beschreiben; und daß es keiner Moral der allgemeinen Aufrichtigkeit bedürfe, um Liebe, Krieg, Geschäft oder Politik zu betreiben. Und doch fühlen sie sich wegen ihres Abfalls schuldig, sie schicken ihre Kinder zur Sonntagsschule, finanzieren die Kirchen und blicken beunruhigt nach Osten, woher ein jüngerer fanatischer Glaube droht.
Das Christentum krankt heute daran, daß es keine fest auf einen einzigen Mythos begründete Religion ist; es ist ein Konglomerat von juridischen Entscheidungen, die in einem kanonischen Verfahren über die religiösen Rechte der Anhänger der einst im Westen herrschenden Mutter-Göttin einerseits, und der Anhänger des an ihre Stelle getretenen Vatergottes andrerseits getroffen wurden. Verschiedene kanonische Gerichte trafen unterschiedliche Entscheidungen, und es gibt keine oberste Instanz mehr. Heute, da sogar die Juden sich verführen ließen, das mosaische Gesetz zu umgehen und mit falschen Göttern zu buhlen, sind die Christen weiter denn je von jener asketischen Heiligkeit abgekommen, in die Hesekiel, seine essenischen Nachfahren und Jesus, der letzte der hebräischen Propheten, die Welt zu erheben trachteten. Obgleich der Westen nominell noch christlich ist, werden wir in der Praxis von einem unheiligen Triumvirat regiert, bestehend aus Pluto, dem Gott des Reichtums, Apollon, dem Gott der Wissenschaft, und Merkur, dem Gott der Diebe. Um alles noch zu verschlimmern, toben offene Zwietracht und Eifersucht zwischen diesen Dreien, wobei Merkur und Pluto einander Rückendeckung geben, während Apollon die Atombombe wie weiland einen Donnerkeil handhabt. Denn nachdem seine Philosophen im achtzehnten Jahrhundert das Zeitalter der Vernunft einläuteten, hat er den vakanten Thron des zeitweilig indisponenten - Zeus als Triumvir eingenommen.
Die Propaganda-Apparate des Westens verkünden unausgesetzt, der einzige Ausweg aus unseren gegenwärtigen Schwierigkeiten sei eine Rückkehr zur Religion, doch sie unterstellen, daß Religion in keinerlei exaktem Sinn definiert werden müsse: daß kein Heil daraus erwachsen könne, wenn man die Widersprüche zwischen den großen Offenbarungsreligionen und ihren sich befehdenden Sekten, oder die in ihren Lehren enthaltenen faktischen Irrtümer, oder die schändlichen Taten anprangert, zu deren Bemäntelung sie alle irgendwann herhalten mußten. Worauf man eigentlich hinaus will, ist eine verbesserte Staatsethik, nicht aber die Rückkehr jedes einzelnen zum Glauben seiner Kindheit - die, falls sie mit echter religiöser Inbrunst erfolgte, offenbar zu erneuten Religionskriegen führen würde; denn erst seit der Glaube allenthalben geschwächt ist, haben die Priester der rivalisierenden Bekenntnisse sich zu einer Politik der guten Nachbarschaft bereit gefunden. Warum aber spricht man nicht gleich von »Ethik«, da es doch offenkundig ist, daß die Schreiber und Sprecher selbst, mit wenigen Ausnahmen, keine starken religiösen Überzeugungen hegen? Weil man glaubt, daß die Ethik sich aus der geoffenbarten Religion, vor allem aus den Zehn Geboten herleite, und meint, daß das scheinbar unethische Verhalten der Kommunisten durch ihre totale Ablehnung aller Religion bedingt sei; und weil die Koexistenz widersprüchlicher Konfessionen innerhalb eines Staates bei Nicht-Kommunisten als ein Beweis für die politische Gesundheit des Gemeinwesens gilt; und weil ein Kreuzzug gegen den Kommunismus nur im Namen der Religion geführt werden könnte.
Der Kommunismus ist ein Glaube, keine Religion: eine pseudowissenschaftliche Theorie, für die ihre Anhänger zu kämpfen bereit sind.
Nach seiner ursprünglichen Intention ist er ein einfacher sozialer Egalitarismus, großherzig und nicht nationalistisch, doch seine Vertreter waren, ähnlich wie die frühen Christen, gezwungen, ihre unmittelbaren millenarischen Hoffnungen zu vertagen und eine pragmatische Politik zu befolgen, die wenigstens ihr eignes Überleben in einer feindlichen Welt sichert. Das Sanktuarium des kommunistischen Glaubens ist der Kreml, und nachdem die Sklaven nun einmal sind, wozu ihr gnadenloses Klima sie gemacht hat, konnte die Partei leicht in jene Haltung des Autoritarismus, Militarismus und der politischen Schikane verfallen, die zur Zerstörung der Geschichte und zur Einmischung in Kunst, Literatur und sogar in die Wissenschaft führte; wenngleich dies alles, wie sie behauptet, nur zeitweilige Defensivmaßnahmen sind.
Wohlan: nachdem der kommunistische Glaube, wie fanatisch er auch immer vertreten wird, keine Religion ist, und nachdem alle modernen Religionen einander, wenn auch noch so höflich, in ihren Glaubensartikeln widersprechen -läßt sich dann überhaupt eine Definition des Wortes Religion finden, die für eine Lösung der heutigen politischen Probleme von praktischer Bedeutung wäre?
Die Wörterbücher bezeichnen die Etymologie des Wortes als »ungewiß«. Cicero brachte es mit relegere in Verbindung, »richtig lesen« - also die göttliche Überlieferung »studieren oder erforschen«. Etwa viereinhalb Jahrhunderte später leitete Augustinus es von religare ab, »zurückbinden« , und er meinte, daß es eine fromme Verpflichtung impliziere, dem göttlichen Gesetz zu gehorchen; und in diesem Sinn wurde Religion seither immer verstanden. Augustins Mutmaßung, wie auch jene Ciceros (wenngleich dieser der Wahrheit näher kam), berücksichtigte nicht die Länge der ersten Silbe des Wortes religio in Lukrez 'De Rerum Natura, oder auch die alternative Schreibweise relligio. Ein Wort wie relligio läßt sich nur aus der Wendung rem legere, »das Richtige wählen oder auf nehmen«, ableiten, und für die alten Griechen und Römer war Religion nicht der Gehorsam gegenüber den Gesetzen, sondern ein Mittel, den Stamm durch aktive Gegenmaßnahmen des Guten vor dem Bösen zu bewahren. Dies oblag einer magisch denkenden Priesterschaft, deren Pflicht es war, bei besonders günstigen oder ungünstigen Anlässen solche Handlungsweisen vorzuschlagen, die den Göttern gefallen mochten. Wenn sich z. B. auf dem römischen Forum plötzlich eine bodenlose Kluft auftat, so verstanden sie dies als Zeichen, daß die Götter ein Opfer der Besten von Rom verlangten: ein gewisser Mettus Curtius fühlte sich berufen, die Situation zu retten, indem er das Richtige tat, und er sprengte in voller Rüstung auf seinem Pferd in die Kluft. Bei einer anderen Gelegenheit tauchte ein Specht auf dem Forum auf, wo der Praetor der Stadt, Aelius Tubero, eben Gericht hielt, setzte sich auf seine Hand und ließ sich von ihm anfassen. Nachdem der Specht dem Mars heilig war, alarmierte die unnatürliche Zutraulichkeit des Vogels die Auguren, und sie verkündeten, daß Rom von Katastrophen heimgesucht werden würde, wenn man ihn freiließe; wenn man ihn aber tötete, würde der Praetor für dieses Sakrileg sterben müssen. Der patriotische Aelius Tubero drehte dem Vogel den Hals um und fand danach ein gewaltsames Ende. Diese ahistorischen Anekdoten wurden offenbar vom Augurenkollegium ersonnen, um zu demonstrieren, wie das Zeichen gelesen werden und wie die Römer darauf reagieren sollten.
Das Beispiel des Aelius Tubero illustriert anschaulich nicht nur die Bedeutung von relligio sondern auch den Unterschied zwischen Tabu und Gesetz. Die Theorie des Tabus besagt, daß gewisse Dinge aufgrund der prophetischen Verkündigung eines Priesters oder einer Priesterin für gewisse Menschen zu gewissen Zeiten schädlich sind - wenngleich nicht notwendig für andere Menschen zur gleichen Zeit, oder für die gleichen Menschen zu anderer Zeit; und in primitiven Gesellschaften wird die Strafe für die Übertretung eines Tabus nicht von den Richtern des Stammes, sondern von dem, der das Tabu übertreten hat, selbst verhängt und vollzogen, der seinen Fehler erkennt und entweder vor Scham und Kummer stirbt oder zu einem anderen Stamm flieht und seine Identität wechselt. In Rom wußte man, daß ein Specht als Vogel des Mars von niemandem außer dem König oder seinem rituellen Nachfolger in der Republik getötet werden durfte, und dies nur bei einer einzigen Gelegenheit im Jahr - als Sühneopfer an die Göttin. In einer weniger primitiven Gesellschaft wäre Tubero nach diesem oder jenem Gesetz öffentlich unter Anklage gestellt worden, weil er einen geschützten heiligen Vogel getötet hatte, und man hätte ihn hingerichtet, mit einer Buße belegt oder ins Gefängnis geworfen; damals aber überließ man ihn mitsamt seiner Übertretung seinem eignen Gefühl der göttlichen Vergeltung.
In Rom war die primitive Religion an die Sakralmonarchie gebunden: der König unterlag einer Vielzahl von Tabus, die dazu bestimmt waren, das Wohlwollen der unter ihren verschiedenen Titeln verehrten Göttin der Weisheit, der er diente, und der Mitglieder ihrer göttlichen Familie zu erhalten. Seine zwölf priesterlichen Gefährten, lictores, »Auswähler«, genannt - einer für jeden Monat des Jahres - hatten die Pflicht, ihn vor Unglück oder Entweihung zu bewahren und achtsam für seine Bedürfnisse zu sorgen. Zu ihren Aufgaben gehörte offenbar auch die relictio, das »sorgfältige Lesen« von Zeichen, Omina, Wundern und Augurien; sowie die Auswahl seiner Waffen, seiner Kleider, seiner Nahrung und der Gräser und Blätter für sein lectum oder Bett. [1] Nach dem Erlöschen der Monarchie wurden die rein religiösen Funktionen des Königs auf den Priester des Juppiter übertragen, und seine Exekutivfunktionen gingen auf die Konsuln über; die lictores wurden deren Ehrengarde. Das Wort lictor hing nun im allgemeinen Verständnis mit dem Wort religare, binden, zusammen, denn es war eine Funktion der Liktoren, diejenigen zu binden, die sich gegen die Macht der Konsuln aufgelehnt hatten. Ursprünglich hatte es keine zwölf Tafeln oder irgendeinen anderen Kodex der römischen Gesetze gegeben; es gab nur die mündliche Überlieferung, beruhend auf instinktiv gefundenen guten Prinzipien und besonderen magischen Verkündigungen.Mettus Curtius und Aelius Tubero erscheinen uns nicht so, als wären sie bei dem, was sie taten, einer juridischen Pflicht unterlegen; vielmehr trafen sie eine individuelle Entscheidung aus moralischen Gründen.
Nun müssen wir noch erklären, daß auch das Wort lex, Gesetz, anfangs die Bedeutung eines »erwählten Wortes« oder einer magischen Verkündigung hatte und daß es, wie lictor, späterhin fälschlich aus ligare abgeleitet wurde. In Rom entstand das Gesetz aus der Religion: gelegentliche Verlautbarungen entwickelten die Kraft von Sprichwörtern und wurden dann Rechtsprinzipien. Sobald aber die Religion in ihrem primitiven Sinn als gesellschaftliche Verpflichtung verstanden und durch verfaßte Gesetze definiert wird, sobald also Apollon, der Organisator, der Gott der Wissenschaft, die Macht seiner Mutter, der Göttin der inspirierten Wahrheit, Weisheit und Poesie usurpiert und ihre Anhänger durch Gesetze zu binden versucht, verliert sich die inspirierte Magie, und was übrig bleibt, ist Theologie, kirchliches Ritual und ein negativ formuliertes ethisches Verhalten.
Wenn daher Disharmonie, Dummheit und Unterdrückung in allen sozialen (und allen literarischen) Kontexten vermieden werden sollen, dann muß jedes Problem als einzigartig betrachtet und durch die richtige Entscheidung gelöst werden, beruhend auf einem instinktiv gefundenen guten Prinzip, nicht aber unter Bezug auf einen Kodex oder ein Kompendium von Präzedenzfällen; und vorausgesetzt, daß der einzige Ausweg aus unseren politischen Schwierigkeiten eine Rückkehr zur Religion wäre, müßte diese irgendwie von ihrem theologischen Beiwerk gereinigt werden. Positiv richtige Entscheidungen, beruhend auf moralischen Prinzipien, müßten an die Stelle einer negativen Einhaltung der Gesetze treten, die, obgleich auf Gewalt gegründet, so hoffnungslos inflationiert und komplex geworden sind, daß nicht einmal ein ausgebildeter Jurist hoffen darf, mit mehr als einem einzigen Zweig des Rechtswesens vertraut zu sein.

Die Bereitschaft, das Rechte zu tun, kann den meisten Menschen eingepflanzt werden, wenn sie nur früh genug unterwiesen werden, aber nur so wenige haben Gelegenheit, eine richtige moralische Entscheidung zwischen verschiedenen, auf den ersten Blick gleichwertig erscheinenden Situationen oder Handlungsweisen zu treffen, daß das religiöse Hauptproblem der westlichen Welt, kurz gesagt, darin besteht, wie wir die als Demokratie getarnte Demagokratie gegen eine nicht erbliche Aristokratie vertauschen könnten, deren Führer inspiriert genug wären, um bei jeder Gelegenheit die richtige Entscheidung zu finden, statt blindlings autoritäre Verfahren einzuhalten. Die kommunistische Partei Rußlands hat dieses Prinzip in Mißkredit gebracht, indem sie sich als eine solche Aristokratie präsentiert und inspirierte politische Entscheidungen zu treffen vorgibt. Doch ihre Entscheidung haben nur wenig Bezug zu Wahrheit, Weisheit oder Tugend sie sind durchaus autoritär, und es geht dabei letzten Endes nur um die Erfüllung der ökonomischen Prophetien eines Karl Marx ...
Es gibt zwei unterschiedliche, aber sich ergänzende Sprachen: die alte intuitive Sprache der Poesie, die im Kommunismus abgeschafft ist und in anderen Gegenden der Welt nur noch falsch gesprochen wird, und die moderne rationale Sprache oder Prosa, die universell geläufig ist. Mythos und Religion kleiden sich in poetische Sprache; Wissenschaft, Ethik, Philosophie und Statistik in Prosa. Heute haben wir ein Stadium der Geschichte erreicht, wo Einmütigkeit darüber herrscht, daß die beiden Sprachen nicht zu einer einzigen Formel kombiniert werden sollten, wenngleich Barnes, der liberale Bischof von Birmingham, Klage führte,  [2] daß die Mehrheit der reaktionären Bischöfe auch heute noch darauf beharre, sogar Geschichten wie jene von Noas Arche und Jonas' Walfisch wörtlich zu glauben. Der Bischof hat recht, wenn er bedauert, daß diese ehrwürdigen religiösen Symbole zu didaktischen Zwecken fehlinterpretiert wurden; und wenn er noch mehr bedauert, daß die Kirche solche Fabeln als buchstäbliche Wahrheit verewigt. Die Geschichte von der Arche geht wahrscheinlich auf eine asiatische lkone zurück, die den Geist des Sonnenjahres in einer Mondbarke zeigt, wie er seine bekannten Neujahrswandlungen Stier, Löwe, Schlange usw. - durchläuft; und die Geschichte vom Walfisch mag auf eine ähnliche lkone zurückgehen, die denselben Geist zeigt, wie er am Ende des Jahres von der als Meeresungeheuer dargestellten Mond- und Meeresgöttin verschlungen wird, um sogleich als Neujahrs-Fisch oder Geiß mit Flossen wiedergeboren zu werden. Das weibliche Ungeheuer Tiamat, die in der frühbabylonischen Mythologie den Sonnengott Marduk verschlang (die dieser aber später mit seinem Schwert getötet zu haben behauptete), diente dem Autor des Buches Jona als Symbol für die Macht der verruchten Stadt, der Mutter der Huren, die die Mutter verschlang und wieder ausspie. Diese lkone, die im östlichen Mittelmeerraum ganz geläufig war, hat sich in der orphischen Kunst erhalten, wo sie eine rituelle Initiationszeremonie darstellte: der Initiand wurde von der Mutter des Universums, dem Meeresungeheuer, verschlungen und als Inkarnation des Sonnengottes wiedergeboren. (Auf einer griechischen Vase wird die an Jonas erinnernde Gestalt als Jason bezeichnet, denn die Geschichte seiner Reise auf der Argo war damals schon mit den Zeichen des Tierkreises verbunden, den die Sonne auf ihrer jährlichen Reise durchläuft.) Die hebräischen Propheten kannten Tiamat als die Mond- und Seegöttin Rahab, doch sie verwarfen sie als Herrin aller fleischlichen Verderbnis; und darum gelobten die Frommen in der asketischen Apokalypse: »Nie mehr das Meer.«
Barnes bezeichnete die Geschichte vom Walfisch und von der Arche als offenkundige Absurditäten, doch gleichzeitig erinnerte er seine Bischofskollegen daran, daß selbst die Wunder Jesu nur noch von wenigen Gebildeten wortwörtlich geglaubt werden. Die simpel agnostische Haltung: »Vielleicht ist er in den Himmel aufgefahren - wir haben weder Beweise für noch gegen diese Behauptung«, ist hinter vorgehaltener Hand einer positiv ablehnenden Einstellung gewichen: »Wissenschaftlich reimt sich das nicht zusammen.« Ein neuseeländischer Atomwissenschaftler bedeutete mir einmal, das Christentum habe 1945 seinen schwersten Schlag erlitten: denn ein fundamentaler Lehrsatz der Kirche, nämlich daß der materielle Leib Jesu sich bei der Himmelfahrt entmaterialisiert habe, sei, wie er meinte, durch Hiroshima und Nagasaki spektakulär widerlegt worden - denn jeder einigermaßen wissenschaftlich denkende Mensch müsse doch erkennen, daß eine solche Spaltung der Materie eine Explosion verursacht hätte, die den ganzen Nahen Osten in Staub und Asche verwandelt hätte.
Wenn selbst Wissenschaftler heute solche Meinungen vertreten, hat das Christentum nur mehr eine schwache Chance, seine Macht über die herrschenden Klassen zu behaupten; solange man nicht bereit ist, den historischen Teil der kirchlichen Lehre von dem mythischen zu trennen, d. h., solange nicht eine Unterscheidung zwischen der historischen Idee: »Jesus von Nazareth, König der Juden« und den ebenso verbindlichen mythischen Vorstellungen »Christus« und »der Menschensohn« getroffen wird, die einzig der Parthenogenese, der Himmelfahrt und den Wundern einen unbezweifelbaren Sinn geben würde. Falls es einmal so käme, dann könnte sich das Christentum zu einem reinen Mysterienkult entwickeln, mit einem von seiner zeitlichen und geschichtlichen Rolle geschiedenen Christus, der einer jungfräulichen Himmelskönigin einen kindlichen Gehorsam entgegenbrächte, den der Jesus von Nazareth einzig seinem unfaßbaren Vater vorbehielt. Die Wissenschaftler würden wahrscheinlich eine solche Veränderung begrüßen, weil sie die psychologischen Bedürfnisse der Massen befriedigte, ohne dabei anti-wissenschaftliche Absurditäten zu bedingen, und weil sie eine befriedende Wirkung auf die Zivilisation hätte; einer der Gründe für die Friedlosigkeit des Christentums war seit jeher, daß die Evangelien eine nahe bevorstehendes Ende der Zeit verkündigen und der Menschheit daher ein Gefühl spiritueller Sicherheit vorenthalten. In einer Verwechslung der Sprachen von Mythos und Prosa behaupteten ihre Autoren, daß schließlich eine endgültige Offenbarung erfolgt sei: jedermann müsse Buße tun, die Welt ablehnen und sich in Erwartung des bevorstehenden Weltgerichts demütigen. Ein mystischer, jungfräulich geborener Christus, abgelöst von der jüdischen Eschatologie und nicht im Palästina des ersten Jahrhunderts lokalisiert, könnte der Religion heute ihre Selbstachtung wiedergeben.
Unter den gegenwärtigen Bedingungen aber ist ein solcher religiöser Wandel unmöglich: jeder neo-arianische Versuch, Jesus vom Gott zum Menschen zu erniedrigen, würde bekämpft, weil er als Abwertung der Autorität seiner ethischen Liebes- und Friedensbotschaft verstanden würde. Auch hängt der Mythos von Mutter und Sohn so eng mit dem natürlichen Jahreskreis der immer wiederkehrenden Ereignisse zusammen, wie sie im Königinreich der Pflanzen und Tiere beobachtet werden, daß er nur wenig emotionale Attraktion auf den eingeschworenen Städter ausüben wurde, der über den Wechsel der Jahreszeiten nur durch die wechselnde Höhe seiner Gas- und Stromrechnung, durch die unterschiedliche Länge seiner Unterhosen informiert wird. Er verhält sich ritterlich gegen Frauen, denkt aber nur in Prosa; die einzige Art Religion, die ihm akzeptabel erscheint, ist ein logisches, ethisches, höchst abstraktes Denken, das seinen intellektuellen Stolz und sein Gefühl der Erhabenheit über die wilde Natur anspricht. Die Göttin aber ist keine Städterin; sie ist die Liebe Frau der wilden Dinge, sie streift durch Wald und Berg - sie ist Venus Cluacina, »sie, die mit Myrten reinigt«, nicht Venus Kloakina, »die Schutzheilige der Kanalisation«, die sie einst in Rom wurde. Und wenngleich der Städter inzwischen fordert, daß der bebaute Raum eine Grenze habe und von Dezentralisierung (von der Auflösung der Großstädte in unabhängige Kleingemeinden mit gehörigem Abstand dazwischen) redet, ist seine Absicht doch nur, das Land zu urbanisieren, nicht aber, die Stadt zu rurallsieren. Das agrarische Leben selbst industrialisiert sich rasch, und in England, dem nüchternsten Sozial-Labor der Welt, werden die letzten Nischen der alten heidnischen Feiern für Mutter und Sohn beseitigt, trotz liebevollem Beharren auf Grüngürteln und Parks und privaten Gärten. Nur in den rückständigen Teilen des südlichen und westlichen Europa hat sich auf dem Lande ein frommes Gefühl ihrer Anbetung erhalten.
Nein: es gibt offenbar keinen Ausweg aus unseren Schwierigkeiten, bis das Industriesystem aus irgendeinem Grunde zusammenbricht, wie während des Zweiten Weltkriegs in Europa beinah geschehen, und die Natur sich mit Gras und Bäumen zwischen den Ruinen wieder behauptet.
Die protestantischen Kirchen sind zwischen liberaler Theologie und Fundamentalismus zerfallen, doch die vatikanischen Behörden sind entschlossen, sich den Problemen des Tages zu stellen. Sie fördern zwei antinomische Denkströmungen, die innerhalb der Kirche nebeneinander bestehen sollen: das autoritäre oder paternalistische oder logische Denken als Mittel, um die Macht des Priesters über seine Gemeinde zu sichern und diese vor jeglicher Freidenkerei zu bewahren; und das mythische, mütterliche oder supralogische Denken als Konzession an die Göttin, ohne die der Protestantismus allen romantischen Glanz verloren hat. Sie erkennen sie an als lebendige, vielgestaltige, seit Menschengedenken wirkende Obsession, tief im kollektiven Gedächtnis der europäischen Bauern verwurzelt und nicht ausrottbar; zugleich aber wissen sie, daß dies eine im wesentlichen urbane und daher autoritäre und daher patriarchalische Zivilisation ist. Wohl trifft es zu, daß die Frau heute in weiten Teilen der westlichen Welt praktisch das Haupt des Haushalts ist und die Hand auf dem Geldbeutel hält und daß sie beinah jede Karriere oder Stellung anstreben kann, wie es ihr beliebt; doch sie ist nicht geneigt, das gegenwärtige System abzulehnen trotz seines patriarchalischen Rahmens. Trotz all der damit verbundenen Nachteile genießt sie darin größere Handlungsfreiheit, als der Mann sie sich selbst bewahren konnte; und obwohl sie vielleicht intuitiv weiß, daß eine revolutionäre Veränderung des Systems ansteht, ist ihr wenig daran gelegen, diese zu beschleunigen oder vorwegzunehmen. Alles ist leichter für sie, wenn sie das Spiel des Mannes noch eine Weile mitspielt, bis die Situation schließlich allzu absurd und unbequem werden könnte, um sich damit abzufinden. Der Vatikan beobachtet aufmerksam.
Inzwischen gerät auch die Wissenschaft selbst in Schwierigkeiten. Die wissenschaftliche Forschung ist so kompliziert geworden und verlangt so gewaltige Apparate, daß nur der Staat oder ungeheuer reiche Sponsoren für sie aufkommen können, und dies bedeutet in der Praxis, daß ein unvoreingenommenes Suchen nach Wissen durch die Nachfrage nach Ergebnissen, die die Kosten rechtfertigen, verzerrt wird: der Wissenschaftler wird zum Schausteller. Auch braucht er zur Verwirklichung seiner Ideen einen riesigen Apparat technischer Administratoren, und auch diese genießen heute den Rang als Wissenschaftler; aber, wie Lancelot Hogben sagt (und als Fellow der Royal Society, mit hinreichender Kenntnis auch der Geschichte und der Humanwissenschaften, ist er wohl in der Lage, die Naturwissenschaften objektiv zu betrachten), sie sind nichts anderes als Fellow Travellers - Karrieristen, Opportunisten und autoritäre Beamtenseelen. Eine gemeinnützige Institution wie die Nuffield Foundation, sagt er, trete gegenüber den Wissenschaftlern ebenso willkürlich auf wie eine vom Finanzminister kontrollierte staatliche Behörde. Folglich ist die reine Mathematik praktisch das einzig übrig gebliebene Feld freier Wissenschaft. Außerdem ist die Summe der wissenschaftlichen Erkenntnis - wie jene der Gesetze - so unübersichtlich angewachsen, daß die meisten Wissenschaftler nicht nur unfähig sind, auch nur die Grundlagen von mehr als einem Spezialgebiet zu beherrschen, sondern nicht einmal die Veröffentlichungen auf ihrem eigenen Feld verfolgen können und daher gezwungen sind, guten Glaubens Ergebnisse zu übernehmen, die sie eigentlich durch eigene Experimente überprüfen sollten. Sogar Apollon, der Organisator, der sich auf den Thron des Zeus gesetzt hat, findet inzwischen seine Minister hinderlich, seine Höflinge langweilig, seinen Herrscherputz kitschig, seine quasi-königlichen Pflichten lästig und das Regierungssystem selbst vor lauter Überorganisation vom Zusammenbruch bedroht: er bedauert, daß er sein Reich in so absurdem Maß erweitert und seinen Onkel Pluto und seinen Halbbruder Merkur an der Regierungsgewalt beteiligt hat, wagt aber aus Furcht vor noch Schlimmerem nicht, den Kampf mit diesen unzuverlässigen Schurken aufzunehmen oder auch nur zu versuchen, mit ihrer Hilfe die Verfassung seines Reiches zu reformieren. Die Göttin lächelt grimmig über seine mißliche Lage.
Dies ist die »schöne neue Welt«, wie Aldous Huxley, ein ehemaliger, zum Philosophen gewandelter Dichter, sie satirisch schilderte. Und was kann er statt dessen bieten? In seiner Philosophia perennis empfiehlt er einen Mystizismus des Nicht-Seins, bei dem die Frau lediglich als Symbol für die Unterwerfung der Seele unter die schöpferische Lust Gottes vorkommt. Der Westen, so sagt er eigentlich, ist gescheitert, weil seine religiösen Gefühle allzu lange an den politischen Idealismus oder an das Streben nach Lust gebunden waren; heute müsse er nach Indien blicken, um sich in der religiösen Disziplin des Asketizismus unterweisen zu lassen. Die indischen Mystiker wissen natürlich nichts, was nicht auch Honi, dem Kreisezieher, und den anderen essenischen Therapeuten, mit denen Jesus so eng verwandt war, oder den mohammedanischen Mystikern bekannt gewesen wäre; doch die Rede von der politischen Aussöhnung zwischen fernem Osten und fernem Westen ist noch immer in Mode, und Mr. Huxley beliebt daher, sich als Anhänger des Ramakrischna, des berühmtesten indischen Mystikers unserer Tage, zu gebärden.
Der Fall Ramakrischnas aber ist interessant. Er verbrachte sein ganzes Leben im Tempel der Weißen Göttin Kali zu Dakshineswar am Ganges, und 1842, im Alter von sechs Jahren, war er angesichts der Schönheit eines Schwarms von Kranichen - ihren Vögeln - vor dem Hintergrund eines sturmwolkenverhangenen Himmels in Ohnmacht gefallen. Zuerst verschrieb er sich mit wahrer poetischer Ekstase dem Kali-Kult, wie schon sein Vorgänger Ramprasad Sen (1718-1775) es getan hatte; dann aber, als er erwachsen war, ließ er sich verführen: unerwartet wurde er von Hundu-Pandits als Reinkarnation Krischnas und Buddhas ausersehen und von ihnen zu orthodoxen Techniken der Anbetung bekehrt. Er wurde ein asketischer Heiliger jenes bekannten Typs, mit ergebenen Jüngern und einem ethischen Evangelium, das posthum veröffentlicht wurde, und er hatte das Glück, eine Frau mit ähnlichen mystischen Anlagen zu heiraten, die bereit war, auf physische Erfüllung zu verzichten, und ihm half, ein Beispiel für die Möglichkeit einer spirituellen Vereinigung der Geschlechter zu bieten. Obwohl er es nicht nötig fand, der Frau den Krieg zu erklären, wie Jesus es getan hatte, war er schmerzlich bemüht, »seine Vision der Göttin aufzulösen«, um die letzte Glückseligkeit des samadhi oder der Vereinigung mit dem Absoluten zu erreichen; wobei er annahm, daß die Göttin, als Bestrickerin und zugleich Befreierin des physischen Mannes, in diesem erhabenen esoterischen Himmel keinen Platz habe. In seinem späteren Leben behauptete er, durch das Experiment bewiesen zu haben, daß Christen und Mohammedaner die gleiche Glückseligkeit erreichen könnten wie er selbst; und zwar, indem er zuerst Christ wurde und sich der katholischen Liturgie unterwarf, bis er eine Vision Jesu Christi empfing, und sich dann zum Islam bekehrte, bis er eine Vision Mohammeds empfing - und nach jeder dieser Erfahrungen zum samadhi zurückfand.
Was aber ist samadhi? Es ist ein psychopathischer Zustand, ein spiritueller Orgasmus, nicht zu unterscheiden von dem - von Dostojewski geschilderten unbeschreiblich schönen Augenblick, der einem epileptischen Anfall vorhergeht. Die indischen Mystiker führen diesen Zustand absichtlich durch Fasten und Mediation herbei, ähnlich wie die Essener und die frühen Christen und die mohammedanischen Heiligen es taten. Tatsächlich hatte Ramakrischna aufgehört, ein Dichter zu sein, er war ein morbider Psychologe und Religionspolitiker geworden, der raffiniertesten Form des Lasters der Einsamkeit verfallen, die man sich nur denken kann. Ramprasad hatte sich insoweit niemals durch spirituellen Ehrgeiz von seiner frommen Verehrung der Göttin abbringen lassen. Er hatte sogar die orthodoxe Hoffnung auf »Nicht-Sein« durch mystische Auflösung im Absoluten zurückgewiesen, weil sie mit seinem Gefühl individueller Einmaligkeit als Kind und Geliebter der Göttin unvereinbar sei.

Zucker mag ich, doch habe ich nicht den Wunsch,
Zucker zu werden.

Und mit dem Stolz des Dichters sah er dem Tod ins Auge:

Wie kann dir vor dem Tode bangen,
Du Kind der Mutter alles Lebendigen?
Du, eine Schlange - und fürchtest die Frösche?

An einem Kalipuja-Tag folgte er dem Bildnis der Kali in den Ganges, bis die Fluten über seinem Kopf zusammenschlugen.

Die Geschichte von Ramprasads frommer Verehrung für Kali klingt dem Romantiker des Westens vertraut; samadhi», die unritterliche Ablehnung der Göttin, spricht nicht einmal den westlichen Städter an. Auch andere Wiederbelebungen des Vatergott-Kultes, ob asketisch oder epikureisch, ob autokratisch oder kommunistisch, ob liberal oder fundamentalistisch, werden unsere Probleme nicht lösen können; ich sehe keinen Wandel zu Besserem, bevor nicht alles noch viel schlimmer geworden ist. Erst nach einer Periode der völligen politischen und religiösen Desorganisation kann das unterdrückte Verlangen der westlichen Kultur, das einer praktischen Form des Kults der Göttin gilt, wobei ihre Liebe nicht auf mütterliches Wohlwollen beschränkt wäre und die Jenseitswelt nicht ohne ein Meer auskommen müßte, endlich Befriedigung finden.
Wie aber sollte sie angebetet werden? Doane ahnte dieses Problem in seinem frühen Gedicht The Primrose. Er wußte, daß die Primel der Muse heilig ist und daß die »mystische Zahl« ihrer Staubbeutel ein Symbol der Frau ist. Sollte er ein Monster mit sechs oder vier Staubbeuteln anbeten, eine Göttin, die mehr oder aber weniger wäre als die wahre Frau? Er entschied sich für fünf Staubbeutel und bewies durch die Wissenschaft der Zahlen, daß die Frau, wenn sie will, vollkommene Herrschaft über den Mann hat. Von der lotusbekränzten Göttin der korinthischen Mysterien aber hieß es: »Ihr Dienst ist vollkommene Freiheit«, [3] lange bevor dieses Wort auf den ideal-wohlwollenden Vatergott übertragen wurde; und tatsächlich war es nie ihre Art, Zwang auszuüben, sondern ihre Gunst zu gewähren oder zu versagen - je nachdem, ob ihre Söhne und Lebenden sich ihr mit den richtigen Geschenken in der Hand näherten - Geschenke, die nicht die Göttin vorgeschrieben, sondern die sich die ihr Nahenden selbst gewählt hatten. Sie muß also in ihrer alten Fünffältigen Gestalt angebetet werden, gleich ob wir die Staubgefäße des Lotus oder der Primel wählen: als Geburt, Initiation, Vollendung, Ruhe und Tod.
Oft wird ihre Macht aber auch verleugnet, wie zum Beispiel in Allan Ramsays Goddes of the Slothful
(aus »The Gentle Shepherd«, 1725):

O Göttin der Müßigen, Blinden und Eitlen,
Die mit faulen Herzen, mit törichten Riten und profanen
Altären und Tempeln deinen Name heiligen!

Tempeln? Oder sollt ich sagen, Horte der Schändlichkeit?
Lüsternheit und Lästerlichkeit zu schützen
Unter dem Mantel des Göttlichen?

Und du, niedere Gottheit! auf daß Deine Bosheit
Geringer erscheine, wenn andere Böses tun wie du,
Läßt du ihnen die Zügel schießen bei aller Geilheit.

Verderberin Körpers und der Seele, Feindin
Der Vernunft, Ausheckerin süßer Diebereien,
Der Kalamitäten der kleinen und der großen Welt.

Mit Recht genannt des Ozeans Tochter:
Das arglistige Ungeheuer, das bei glatten Wassern
Erst tröstet, bald aber dann mit Stürmen kränkt.

Solch Seufzerwinde, solch Tränenkatarakte,
Solch brechende Wellen der Hoffnung, solch Klüfte der Furcht
Machst du aus den Menschen, solch Felsen kalter Verzweiflung.

Fluten der Verzweiflung, so wild, daß sie bewegten
Die Welt, deinen Namen zu ändern, da du als Mutter
Des Zorns und der Stürm dich erweist, nicht der Liebe.

Seht welchen Kummer, welches Ungemach
Du einem armen Paar von Liebenden gesandt!
Hinweg, du, die du dich rühmst der Allmacht.

Doch je länger ihre Stunde hinausgeschoben wird, je mehr folglich die natürlichen Ressourcen der Erde und des Meeres durch die religiöse Unbedachtsamkeit des Menschen erschöpft werden, desto weniger Gnade wird ihre fünffältige Maske verheißen, und desto enger wird der Handlungsspielraum sein, den sie dem Halbgott, den sie als zeitweiligen Teilhaber an ihrer Gottheit erwählen mag, gewähren wird. Wollen wir sie also im voraus beschwichtigen, indem wir mit der schlimmsten, der kannibalistischen Möglichkeit rechnen.

Unter deiner Milchstraße
Und dem langsam kreisenden Bären
Beten Frösche aus dem Erlendickicht,
In Angst vor dem Tag des Gerichts,
Laut und voller Reue.
Der Balken, den sie als König gekrönt,
Wurde faul, taumelte und sank nieder.
Trübe Wasser sprudeln aus der Quelle,
Eine Eule schwebt auf lautlosen Flügeln dahin,
An allen Ufern beschwören sie dich.
Zur Dämmerung wirst du erscheinen,
Ein ausgehungerter, rotkropfiger Kranich,
Den sie allzugut kennen, um ihn zu scheuen,
Und wirst wie einen Speer deinen Schnabel schleudern,
Um endlich sie wieder heimzuführen.

Und wir schulden ihr auch eine Satire, zum Gedenken an jenen ersten Mann, der die europäische Kultur aus dem Gleichgewicht brachte, indem er den rastlosen, willkürlichen männlichen Willen unter dem Namen Zeus auf den Thron setzte und damit Themis, den weiblichen Sinn der Ordnung, entthronte. Die Griechen nannten ihn Pterseus, den Zerstörer, den Gorgonen-Töter und Kriegsfürsten aus Asien, den fernen Vorfahren der Zerstörer Alexander, Pompeius und Napoleon.

Schwertkämpfer mit dünnen Lippen,
Schmalen Hüften und mörderischem Sinn,
Bewehrt mit Streitwagen und mit Schiffen,
Von deinen Jongleuren gepriesen
Als gepanzertes Wunder der Menschheit,
Weit westwärts bist du gesegelt.

Du warst es, der wagte, den Thron zu erobern
Von einem geschlagnen und verliebten Prinzen,
Der Mondgöttin allein bestimmt,
Einem hinkenden, goldenhaarigen Lockvogel,
Entzücken der Hennen, die staunen und
Unmerklich schüchtern zucken.

Und du, mit Mondesgold behelmt,
Wie ein alter, wilder Narr,
Ließest den innersten Herd erkalten,
Grinstest und gabst uns dein Schwert
Zum Hüter kranker Felder, die einst
Von selbst in Fülle erblühten.

Gelächterstürme schütteln die Mondin,
Daß ihre Bassariden heute liegen
Beim unwürdigen Wucherer,
Während ein unwissender bleicher Priester
Auf dem Tier mit dem menschlichen Haupt
Reitet zu ihrem lang vergessenen Fest.