Ein Gespräch zu Paphos - A. D. 43

Texttyp

Studien

Umkreisend die Kreise ihres Fisches,
Schreiten Nonnen in Weiß und beten;
Denn er ist keusch wie sie...

Diese Zeilen sollen uns als Text dienen, an dem wir die eigentümliche Arbeitsweise des poetischen Denkens demonstrieren wollen. Sie befielen mich, eigentlich von nirgendwoher, als die ersten drei Zeilen einer gereimten Strophe im epigrammatischen Stil des walisischen englyn, das erst durch zwei weitere vollständig wäre. Ihre manifeste Bedeutung ist, daß die weißen Nonnen in stillem Gebet in ihrem Klostergarten umherschreiten, den Fischteich umkreisend und ihre Rosenkränze in keuschem Gebet kreisen lassend; der Fisch schwimmt drinnen umher. Der Fisch ist, wie die Nonne, sprichtwörtliches Sinnbild sexueller Neutralität, und die Mutter Oberin läßt ihn als Haustier im Kloster zu, weil er bei ihren Schutzbefohlenen unmöglich irgendwelche lüsternen Gedanken wecken könnte.
Eine hübsche Beobachtung, aber noch kein Gedicht; die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit. Um die ganze Wahrheit zu erzählen, mußte ich zuerst das Phänomen der Nonnen überdenken, die freiwillig auf die Freuden der fleischlichen Liebe und Mutterschaft verzichten, um vestalische Bräute Christi zu werden, und dann auch das Phänomen der heiligen Fische aller Arten und Größen, angefangen bei dem großen Fisch, der Jona verschlang, bis zu dem kleinen gefleckten Fisch im Wünschelbrunnen, der den Bauersfrauen in entlegenen Kirchspielen noch heute Liebhaber oder Babies verheißt; nicht zu vergessen auch der »mächtige und makellose Fisch aus der Quelle, den eine reine Jungfrau griff« - auf dem Epitaph des im späten zweiten Jahrhundert lebenden Bischofs Aviricius aus dem phrygischen Pentapolis. Erst als ich mir eine ganze Reihe peinigender Fragen gestellt und beantwortet hatte, ließen die vierte und fünfte Zeile sich finden, um das Gedicht mit einer einfachen Zusammenziehung diffiziler Bedeutungen zu vervollständigen.
Es begann damit, daß mir die eigenartige Kontinuität des ursprünglich heidnischen Titels eines Pontifex Maximus im Christentum auffiel, den der Bischof von Rom, der Nachfolger des Fischers Petrus annahm, zwei Jahrhunderte, nachdem das Christentum römische Staatsreligion geworden war. Denn der Pontifex Maximus war in der republikanischen und frühen Kaiserzeit der kapitolinischen Trinität (Juppiter, Juno und Minerva) persönlich für die Keuschheit der Vestalinnen verantwortlich, ähnlich wie sein Nachfolger der christlichen Trinität für die Keuschheit der katholischen Nonnen verantwortlich ist. Dann fielen meine Gedanken wieder in eine analeptische Trance. Ich überraschte mich dabei, wie ich ein in Latein geführtes, mit Griechisch durchsetztes Gespräch belauschte, das ich voll und ganz verstand. Augenblicklich erkannte ich die Stimmen als jene des Theophilos, eines bekannten zyprisch-griechischen Historikers, und des Lucius Sergius Paulus, der unter Kaiser Claudius General und Gouverneur von Zypern war.

Paulus sagte mit Nachdruck: »Mein gelehrter Freund, ein so kompliziertes System von Festtagen konnte nicht zusammen mit den Warenballen, die die Händler auf den Markt bringen, über die Jahrhunderte hinweg weitervermittelt werden. Vielleicht wurde es durch Eroberung eingeführt, und doch, hätte es jemals ein europäisches Reich gegeben, das all die fernen Regionen umschloß, die Ihr erwähntet...« - »Ich hätte auch Portugal hinzuzählen sollen«, warf Theophilus ein. - »...dann hätten wir zweifellos von diesem vernommen. Doch Alexanders Eroberungen führten allesamt nach Osten: er wagte es nicht, die Macht des republikanischen Rom herauszufordern.«
Theophilos sagte: »Was ich sagen will, ist dies: Ich behaupte, daß es in alten Zeiten eine ununterbrochene Wanderung von Stämmen gab, die vordem an der Südküste des Schwarzen Meeres siedelten - ein Vorgang, der erst in den letzten Jahrhunderten aufhörte. Das Klima dort war gesund, die Menschen kräftig und gut organisiert, aber der Küstenstreifen war schmal. Ungefähr alle hundert Jahre, so meine ich, war das Land übervölkert, und zwangsläufig wurde der eine oder andere Stamm fortgesandt, um anderswo sein Glück zu suchen und den anderen Platz zu machen. Oder vielleicht war es auch, daß sie durch Druck aus dem Osten verdrängt wurden, als wanderne Horden aus den Ebenen Asiens durch die kaspischen Pforten des Kaukasusgebirges hereinbrachen. Etliche dieser Stämme nahmen den Weg südlich durch Kleinasien und gelangten über Syrien bis nach Ägypten - dies jedenfalls bezeugt uns Herodot.

Etliche nahmen den Weg nach Westen, über den Bosporus und Thrakien nach Griechenland, Italien und Gallien und sogar, wie ich sagte, nach Spanien und Portugal. Etliche erkämpften sich einen Weg über das Taurusgebirge nach Chaldaea. Etliche zogen am Westufer des Schwarzen Meeres nach Norden und folgten dem Lauf der Donau bis nach Istrien, von wo sie ihren Marsch quer durch Europa fortsetzten, bis sie das nordwestliche Ende Galliens erreichten; von wo wiederum etliche, wie es heißt, nach Britannien und von Britannien nach Irland übersetzten. Sie brachten das System der Festtage mit sich.« »Eure Theorie ist sehr kühn«, sagte Paulus, »aber ich kann mich an keine authentische Überlieferung erinnern, die sie stützen würde.«
Theophilos lächelte. »Euer Exzellenz sind ein wahrer Römer - »keine Wahrheit, wenn sie nicht durch eine Überlieferung geheiligt ist«. Nun, wohlan: sagt mir, aus welchem Lande kam Euer Heros Aeneas?« »
Er war ein König von Dardanus am Bosporus, bevor er sich in Troja niederließ.
»Gut: Dardanus liegt Dreiviertel des Weges von Rom nach dem Schwarzen Meer. Und sagt mir nun, was war der unschätzbare Besitz, den Aeneas von Troja mitbrachte? Vergebt mir bitte meine dialektische Methode.«
»Ihr meint offenbar das Palladium, mein gelehrter Sokrates«, erwiderte Paulus in ironisch akademischem Ton, »von dessen Sicherheit einst das Schicksal Trojas abhing; und von dem heute das Schicksal Roms abhängig Ist.«
»Und was, verehrter Alkibiades , ist das Palladium?«
»Eine ehrwürdige Statue der Pallas Athene.«
»Ach, aber wer ist sie?«
»Ihr meintet heute morgen, bei Eurem Besuch in der Ringerschule, daß sie ursprünglich eine Meeresgöttin war, wie eure lokale zyprische Gottheit; und die Mythographen berichten, daß sie einst im Triton-See in Lybien geboren wurde.«
»Das wurde sie. Und wer oder was ist Triton, abgesehen vom Namen eines einst ausgedehnten Sees, der heute zu einem Salzsumpft geschrumpft ist?«
»Triton ist eine Meeresgottheit mit einem Fischkörper, die den Gott des Meeres, Poseidon, und seine Gemahlin Amphitrite, die Göttin des Meeres, begleitet und ihnen zu Ehren ein Muschelhorn bläst. Es heißt, er sei der beiden Sohn.«
»Ihr gebt mir höchst hilfreiche Antworten. Was aber bedeutet Pallas?«
»Wie lange soll dieses Kreuzverhör noch währen? Wollt Ihr mich wieder auf die Schulbank schicken? Pallas ist einer der Titel Athenes. Ich habe mich niemals mit Platons Ableitung von dem Wort pallein, »drohend schwingen« abfinden können; er sagt, wie Ihr wißt, daß sie Pallas heißt, weil sie ihre aegis, ihren Schild drohend schwingt. Platos Etymologie ist stets verdächtig. Was mich aber verwirrt, ist, daß Pallas ein Männer- und nicht ein Frauenname ist.«
»Dieses Paradoxon hoffe ich Euch erklären zu können. Aber zuerst, was wißt Ihr über Männer, die Pallas hießen?«
»Pallas? Pallas? Es hat viele Männer dieses Namens gegeben, vom legendären Titanen Pallas bis zu unserem heutigen unerhörten Minister. Der Kaiser brachte den Senat einmal zum Lachen, als er erklärte, daß der Minister aus der berühmten Familie Pallas stamme, die dem palatinischen Hügel seinen Namen gab.«
»Ich bezweifle doch, ob die Bemerkung gar so absurd war, wie sie scheinen mochte. Claudius ist, trotz all seiner exzentrischen Gewohnheiten, kein schlechter Historiker, und als Pontifex Maximus hat er Zugang zu alten religiösen Dokumenten, die anderen verschlossen sind. Kommt doch, Exzellenz, laßt uns gemeinsam die Liste der alten Pallase durchgehen. Da war, wie Ihr sagt, Pallas, der Titan, ein Bruder des Astraeus (»der Sternengleiche« ) und des Perseus (»der Zerstörer« ), der - was immer das bedeuten mag - den Fluß Styx in Arkadien heiratete. Er war der Vater von Zelos (»Eifer« ), Kratos (»Stärke« ), Bla (»Kraft« ) und Nike (»Sieg« ). Offenbart nicht dies Euch schon sein mystisches Wesen?«
»Ich bedaure gestehen zu müssen, das tut es nicht. Ihr mögt mich als einen dummen, legalistischen und praktisch gesonnenen Römer bedauern.«
»Wenn Euer Exzellenz sich nicht vorsehen, werde ich anfangen, Euer elegisches Gedicht über die Nymphe Egeria zu preisen, dessen Abschrift mir kürzlich von einem unserer gemeinsamen Freunde aus Rom übersandt wurde. Nun denn, als nächster folgt Homers Pallas, den er den Vater des Mondes nennt. Und dann noch ein weiterer Titan, jener Pallas, der von Athene geschunden wurde; und von diesem Pallas, so heißt es, habe sie ihren Namen.«
»Ich habe die Geschichte nie vernommen.«
»Sie ist wohlverbürgt. Und danach kommt Pallas, der Gründer Pallantiums in Arkadien, ein pelasgischer Sohn des Ägeus, von dem das Ägäische Meer seinen Namen hat; dieser nun interessiert uns, weil sein Enkel Euander sechzig Jahre vor dem Trojanischen Krieg nach Rom auswanderte und Euer heiliges Alphabet mitbrachte. Er war es, der eine neue Stadt Pallantium auf dem palatinischen Hügel bei Rom gründete, die seit langem in die Stadt eingegliedert ist. Er führte auch die Verehrung der Götter Nik, Neptun (der heute mit Poseidon gleichgesetzt wird), Pan von Lykos, Demeter und Herakles ein. Er hatte einen Sohn namens Pallas und zwei Töchter, Rom~ (»Stärke« ) und Dyne (»Macht«). Und noch einen Pallas hätte ich beinahe vergessen, er war der Bruder von Ägeus und Lykos und daher der Onkel von Euanders Großvater Pallas.«
»Eine reiche Ernte von Pallasen. Aber ich tappe noch immer im dunkeln.«
»Wohlan, ich mag Euer Exzellenz nicht tadeln. Auch ich weiß kaum, wohin ich die Laterne richten soll. Aber ich appelliere an Eure Geduld. Sagt mir doch, woraus besteht das Palladium?«
Paulus dachte nach. »Meine Kenntnis der Mythologie ist einigermaßen verrostet, lieber Theophilos, aber mir scheint, ich erinnere mich, daß es aus den Knochen des Pelops gemacht ist.«
Theophilos beglückwünschte ihn. »Und wer war Pelops? Was bedeutet sein Name?«
»Gestern gerade las ich Apollonios Rhodios. Er sagt, daß Pelops aus Enete in Paphlagonien nach Phrygien kam, und daß die Paphlagonier sich noch heute Pelopier nennen. Apollonios war Curator der großen alexandrinischen Bibliothek, und seine Kenntnis der alten Geschichte ist äußerst zuverlässig. Und was den Namen »Pelops Rhodios« betrifft, so bedeutet er »dunkelgesichtig« . Der Körper des Pelops wurde von Tantalos, seinem Vater, den Göttern als Eintopfgericht vorgesetzt. Sie bemerkten eben noch rechtzeitig, daß es verbotene Speise war. Nur die Schultern waren schon verspeist, von - war es nicht Demeter? Manche sagen auch, von Rhea; und so schuf man Ersatz durch eine Schulter aus Elfenbein. Pelops wurde wieder zum Leben erweckt.«
»Was sagt Euch dieser kannibalistische Mythos?«
»Überhaupt nichts, höchstens, daß wir jetzt offenbar die Spur der Dardaner bis zum Schwarzen Meer zurückverfolgt haben, falls das heilige Palladium tatsächlich aus den Knochen ihres Vorfahren aus Enete gemacht ist.«
»Wenn ich Euch nun aber sage, daß Pelops und Pallas verschiedene Königstitel der gleichen frühgriechischen Dynastie waren, würde das Eurer Exzellenz weiterhelfen?«
»Nicht im mindesten. Ich bitte Euch, helft mir aus diesem schwappenden Sumpf heraus.«
»Erlaubt mir, Euch ein Rätsel aufzugeben: Was ist es, das mit einem dunklen Gesicht und einer Elfenbeinschulter siegreich einen Fluß hinaufstürmt, als gelte es, eine Hochzeit zu feiern, voller Eifer, Kraft und Stärke, und wessen Haut ist des Schindens wohl wert?«
»Ich verstehe mich gut auf Rätsel, wenngleich schlecht auf die Mythen. Es muß wohl ein Fisch sein. Ich vermute, der Tümmler. Die Tümmler sind keine gewöhnlichen Fische, denn sie paaren sich, Männchen mit Weibchen; und wie königlich stürzt der Tümmler sich vom offenen Meer in eine Flußmündung! Er ist unten bleich und oben dunkel, mit einer stumpfen, dunklen Schnauze, und er hat ein schönes weißes Schulterblatt - breit wie ein Paddel; und Tümmlerleder liefert die besten Schuhe, die man bekommen kann.«
»Er ist gar kein Fisch. Er ist ein warmblütiges Geschöpf, ein Ketos, ein Meerestier mit Lungen, kein Ichthus, kein Fisch mit Kiemen und kaltem Blut. Zur Familie der Meerestiere gehören, Aristoteles' System zufolge, alle Wale, Robben, Tümmler, Schwertwale und Delphine.
Unglücklicherweise gebrauchen wir im Griechischen das gleiche Wort delphis unterschiedslos für den Delphin mit seinem spitzen Schnabel wie für den Tümmler mit seiner stumpfen Schnauze; und wenngleich Arions musikalisches Reittier wahrscheinlich ein echter Delphin war, ist es doch ungewiß, ob Delphi ursprünglich nach dem Delphin oder nach dem Tümmler benannt wurde. »Pallas« hieß im Griechischen einst ein begehrlicher junger Mann, und ich nehme an, daß das Wort später, als der Stamm Pelops' vom Schwarzen Meer nach Griechenland kam, ein Königstitel der peloponnesischen Könige wurde, deren heiliges Tier der lüsterne Tümmler war. Erinnert Ihr Euch an Homers umstrittenes Epithet für Lakedaemon - Ketoessa, was wörtlich »von dem Meerestier«  bedeutet?«
»Ich will es versuchen, in die Richtung zu denken, die Ihr mir weist«, sagte Paulus. »Die Peloponnes wird mitunter das Land Poseidons genannt, der ja der achäische Gott aller Meerestiere und Fische ist. Arkadien ist das Zentrum der Peloponnes, und dort regierte Pallas, der Gott der Meerestiere, und auch Lakedaemon. Laßt es mich selbst finden - ja Pallas ist mit dem Fluß Styx verheiratet, und dies besagt, daß der Tümmler in seiner Paarungszeit den Krathis hinauf zum Styx eilt. (An der Mündung des Krathis liegt Aigai - in diesem Teil Griechenlands diente ich einst - was die Verbindung mit Aigeus erklärt. Aigai gegenüber, jenseits des Golfs von Korinth, liegt Delphi, die Apollon, dem Delphin-Gott oder Tümmler-Gott heilige Stadt. Später, um die Zeit der großen achäischen Einwanderung, wird dann Euander, ein Enkel des Pallas, zusammen mit einem gleichnamigen Sohn aus Arkadien vertrieben und gelangt nach Rom. Dort schließt er ein Bündnis mit dem Volk des Aeneas, mit dem er durch gemeinsame Abkunft von Pelops verwandt zu sein behauptet. Ist das Eure Lesart der Geschichte?«
»Genau. Und Euander war vermutlich ebenfalls ein Pallas, aber er änderte seinen Namen, nachdem er seinen Vater erschlagen hatte, um die rächenden Furien von seiner Fährte abzubringen.«
»Sehr gut. Er führt den Kult des Meergottes Neptun ein; der Nike, Tochter des ursprünglichen Pallas; des Herakles - aber warum Herakles?«
»Seine sexuelle Begehrlichkeit empfahl ihn, und er war nicht nur ein Enkel des Pelops, sondern auch ein Verbündeter der Eneter, der ursprünglichen Peloper.«
»Und warum Demeter?«
»Um sie vor Poseidon zu retten, dem Gott der Achäer, der, wie es heißt, sie vergewaltigte. Ihr erinnert Euch doch, daß sie sich vor ihm den Krathis hinauf, in den Styx flüchtete und dort das Wasser verfluchte. Demeter war die alte Deo, die Gerste anpflanzende Muttergöttin der danaischen Arkadier. Daß manche Mythographen sie Rhea nennen, beweist ihre kretische Herkunft. Ihre berühmte pferdeköpfige Statue zu Phigalia, am Flusse Neda im Westen Arkadiens, hält einen Tümmler in der einen Hand, und in der anderen eine heilige schwarze Taube von der Art, wie sie beim Eichenorakel von Dordona üblich waren.«
»Warum aber pferdeköpfig?«
»Das Pferd war ihr heilig, und als die Peloper sich durch Ehen mit den arkadischen Ureinwohnern vermischten, da wurde dies Mythos als eine Hochzeit zwischen Pelops und Hippodameia, der »Pferdezähmerln« , beschrieben, die von manchen Mythographen auch Danais genannt wird. Und zu ihren Kindern zählten Chrysippos, »Goldnes Roß«; Hippalkmos, »Kühnes Roß«; Nikippe, »Siegreiche Stute«, - lauter neue Clansnamen.«
»Ich verstehe. Es ist gar nicht so unsinnig, wie es klingt. Ja, nun kann ich die Geschichte vervollständigen. Der Muttergöttin dienten die sogenannten Töchter des Proetus oder Proteus [1], die in einer Höhle zu Lusi an den Quellen des Styx lebten. Ihre Priesterinnen hatten beim Opferfest ein Anrecht auf das Schulterblatt des heiligen Tümmlers. Tümmlerfleisch ist eine sehr gute Speise, besonders wenn es gut abgehangen ist. Und Proteus wurde, wie Homer erzählt, ein Hirte in Poseidons Diensten und hütete seine Meerestiere. Das muß sich nach dem Sieg Poseidons über die Göttin zugetragen haben, dessen er gedachte, indem er sich »der Pferdezähmer«  nannte. Ich glaube, daß Proteus ein anderer Name für Pallas, das Meerestier, ist: tatsächlich versklavten die Achäer die Peloper, die nun auch als Danaer bezeichnet wurden, und Poseidon übernahm Vorrechte und Titel des Pallas.«
»Ich beglückwünsche Eure Exzellenz. Ihr pflichtet mir also ganz offensichtlich bei, die Auffassung als irrig zu verwerfen, daß Pelops ein Achäer war - wenn nicht vielleicht eine frühere achäische Horde, viele Jahrhunderte früher, mit den Äolern in Griechenland eingefallen ist; ich vermute, daß dieser Irrtum der Kunde entsprang, daß Pelops einst in der Nordprovinz der Peloponnes, die heute Achäa heißt, verehrt wurde. Denn die Versklavung der Einwohner der Peloponnes durch die Achäer wird noch durch einen anderen, recht frivolen Mythos bestätigt; demnach soll Poseidon in Liebe zu Pelops entbrannt sein, ähnlich wie es mit Zeus und Ganymed geschah, und ihn entführt haben, um ihn zu seinem Mundschenk zu machen. Neptun, der nach Italien auswanderte, war - Ihr werdet mir beipflichten ebenfalls Pallas, und wir dürfen ihn nicht mit Poseidon gleichsetzen. Ich vermute, daß Proteus ganz allgemein ein Name des Gottes ist, der Sohn, Geliebter und Opfer der alten Mutter-Göttin war und eine Vielzahl von Gestalten annahm. Er ist nicht nur Pallas, das Meerestier, sondern auch Salmoneus, der menschliche Eichenkönig, Chrysippos, das goldene Pferd, und so fort.« »Warum aber Pan von Lykos? Was hatte Euander mit ihm zu schaffen?«
»Sein Vorfahr Pelops brachte ihn wahrscheinlich von dem Fluß Lykos mit, der nicht weit von Enete in das Schwarze Meer mündet. Auch er war ein sinnlicher Gott. Ihr werdet Euch erinnern, daß er vor Freude tanzte, als Pelops mit seiner neuen weißen Schulter ausgestattet wurde. Übrigens, erinnert Ihr Euch der mannigfachen Geschichten über Paris Herkunft?«
»In der geläufigen ist er ein Sohn des Hermes mit der Nymphe Dryope.«
»Was sagt Euch dies?«
»Ich habe nie darüber nachgedacht. »Dryope«  ist eine Art Specht, der in Eichen nistet; er macht mit seinem Schnabel in den Spalten der Bäume ungewöhnlich laute Geräusche, und er klettert in Spiralen die Baumstämme hinauf. Er hat eine stachelige Zunge und kündigt Regen an, ähnlich wie Delphine und Tümmler mit ihren Sprüngen Stürme ankündigen. Und die Nymphe Dryope hat etwas mit dem Kult des Hylas zu tun, eines phrygischen Herakles, der jedes Jahr zeremoniell getötet wird. Und Hermes - er ist der phallische Gott schlechthin, und auch der Gott der Beredsamkeit, und seine erotischen Statuen sind meist aus Eichenholz geschnitzt.«
»Der Baum der Hirten, der Baum des Herakles, der Baum des Zeus und des Juppiter. Aber Pan, als der Sohn eines Spechts, wurde in einem Ei ausgebrütet.«
»Haltet inne«, sagte Paulus. »Da erinnere ich mich an etwas. Unser lateinischer Gott Faunus, der ja identisch ist mit Pan, dem Gott der Hirten, war angeblich ein König von Latium, der Euander bei seiner Ankunft bewirtete. Und Faunus war der Sohn des Picus, was das lateinische Wort für Specht ist. Offensichtlich war bereits vor Euander oder Aeneas ein anderer pelopischer Stamm vom Schwarzen Meer in Latium eingetroffen. Faunus wird in heiligen Hainen verehrt, wo er Orakel gibt; hauptsächlich durch Stimmen, die der Besucher im Schlaf vernimmt, während er auf einem heiligen Vlies ruht.«
»Was allerdings den mythischen Zusammenhang zwischen Pan, der Eiche, dem Specht und dem Schaf herstellt. Ich habe noch eine andere Sage über seine Geburt gelesen. Er soll der Sohn Penelopes sein, der Gemahlin des Odysseus, gezeugt von Hermes, der sie in Gestalt eines Widders heimsuchte. Eines Widders, nicht eines Geißbocks. Das ist merkwürdig, weil sowohl der arkadische Pan, wie auch sein italienisches Gegenstück Faunus, Beine und Körper der Ziege haben. ich glaube, ich weiß, woher das kommt. Der Titan Pallas, das königliche Meerestier, war der Sohn des Krios (Widder). Dies besagt, daß die pelopischen Siedler aus Enete ein Bündnis mit den arkadischen Ureinwohnern eingingen, die Hermes, den Widder, verehrten und ihn als Vater ihres Meerestier-Königs Pallas anerkannten. Ähnlich bildeten die Ägäer - der Ziegen-Stamm - ein Bündnis mit diesen Arkadern und erkannten Hermes als Vater ihres Ziegen-Königs Pan an, dessen Mutter Amalthea war und der der Steinbock des Tierkreises wurde.«
Paulus lächelte und sagte: »Sauber argumentiert. Dies entkräftet jene andere skandalöse Legende, nach der Pan der Sohn der Penelope war, gezeugt von allen ihren Freiern in der Abwesenheit des Odysseus.«
»Woher habt Ihr diese Version? Das ist ja ungemein interessant.« »Ich kann mich nicht mehr erinnern. Wohl von irgendeinem Grammatiker. Sie ist mir denn auch ziemlich unverständlich.«
»Ich wußte, daß Pan der Sohn der Penelope war, aber Eure Version stellt eine wesentliche Verbesserung dar. Denn Penelope, wißt Ihr, ist nicht wirklich die Gemahlin des Odysseus außer im übertragenen Sinn: sie ist ein heiliger Vogel, der penelops, oder die purpurgestreifte Ente. Also ist Pan, ähnlich wie in jener Version, die ihn zum Sohn der Dryope macht, wiederum von einem Vogel geboren - was auch die Sage erklärt, daß er schon bei seiner Geburt vollkommen entwickelt war, wie ausgebrütete Küken es sind. Was aber nun die Freier betrifft, so fürchte ich, bedarf es einer längeren Ausführung. Vor allem behaupte ich, daß das Palladium aus den Knochen des Pelops gemacht ist, und das heißt, aus den elfenbeinernen Schulterblättern von Tümmlern, einem geeigneten und beständigen Material, und daß es eine phallische Statue ist, nicht die Statue einer Göttin. Diese These gründe ich auf die Tatsache, daß bis vor wenigen Jahren ein anderes heiliges Schulterblatt des Pelops existierte, und zwar in dem Heiligtum, das sein Ur-Urenkel Herakles ihm zu Ehren in Olympia erbaute. Nun hatte aber Pelops, wie der Mythos erzählt, nur ein heiliges Schulterblatt, nämlich das rechte; und doch hat niemand jemals die Echtheit der Reliquie von Olympia oder jene des Palladiums bezweifelt. Die Geschichte des olympischen Schulterblattes ist folgende: Während der Belagerung Trojas wurde den Griechen durch ein Orakel verheißen, der einzige offensive Gegenzauber gegen die defensive Magie des in der Zitadelle von Troja verwahrten Palladiums sei das Schulterblatt des Pelops, das ein Stamm von Pelopern nach Pisa in Italien gebracht habe. Also sandte Agamemnon Leute aus, dieses Ding zu holen, aber das Schiff, das es holen sollte, sank vor der Küste Euböas. Generationen später zog ein euböischer Fischer es in seinem Netz herauf und erkannte es als das, was es war - wahrscheinlich aufgrund irgendeines eingeschnitzten Musters. Er brachte es nach Delphi, und das delphische Orakel erkannte es den Leuten von Olympia zu, die den Fischer als dessen wohldotierten Hüter bestallten.

Falls dieser Knochen das Schulterblatt eines heiligen Tümmlers, nicht eines Menschen war, dann ist das Problem, daß Pelops mehr als ein rechtes Schulterblatt gehabt haben sollte, aus der Welt geschafft. Und auch das Problem, wie man glauben könne, daß er, nachdem er gekocht und von den Göttern verspeist worden war, wieder zum Leben erwachte falls es sich denn so verhielt, daß von den Anhängern der Deo in Lusi alljährlich ein neuer heiliger Tümmler gefangen und verzehrt wurde. Klingt das nicht vernünftig?«
»Bei weitem vernünftiger als die übliche phantastische Geschichte, wenngleich der Kannibalismus im alten Arkadien auch nicht ganz unglaubwürdig ist. Und die Tatsache, daß das Palladium eine phallische Statue und nicht die einer Göttin ist, erklärt vielleicht auch, warum ein solches Geheimnis um ihre Erscheinung gemacht wird und warum sie im Penus des Vesta-Tempels vor den Blicken der Menge verborgen wird. Ja, wenngleich Eure These aufregend und beim ersten Anhören sogar unziemlich ist, spricht doch sehr viel dafür.«
»Ich danke Euch. Laßt mich aber fortfahren: erinnert Ihr Euch, daß zwei oder drei der frühen Könige keinen nachweisbaren Vater hatten?«
»Ja, ich habe mich oft gefragt, wie das zugehen mochte.«
»Ihr erinnert Euch wohl auch, daß das Königtum in der weiblichen Linie vererbt wurde: ein Mann wurde König nur kraft seiner Ehe mit einer Königin oder seiner Abkunft von einer Königintochter. Das Königtum erben konnte tatsächlich nicht der Sohn des Königs, sondern der Sohn seiner jüngsten Tochter oder seiner jüngsten Schwester - woraus das lateinische Wort nepos sich erklärt, das sowohl Neffe als auch Enkel bedeutet. Der Fokus des Lebens der Gemeinschaft war buchstäblich der focus, das Herdfeuer des königlichen Haushalts, das von Prinzessinnen des königlichen Geschlechts gehütet wurde, von den vestalischen Jungfrauen. Ihrer sicheren Obhut wurde das Palladium übergeben - als fatale pignus imperii, als das von den Schicksalsgöttinnen gewährte Unterpfand für den Fortbestand des Königsgeschlechts.«
»Sie haben es noch immer in sicherer Obhut. Doch falls Ihr hinsichtlich der Obszönität der Statue recht haben solltet, so erscheint die Wahl der vestalischen Jungfrauen als Hüterinnen doch seltsam, weil es ihnen streng verboten ist, sich geschlechtlichem Umgang hinzugeben.«
Theophilos legte den Zeigefinger an die Nase und sagte: »Es ist ein bekanntes Paradoxon aller Religionen, daß nichts nefas, verboten ist, was nicht auch fas, geboten wäre, besonders bei sakralen Anlässen. Bei den Ägyptern wird das Schwein mit Abscheu bedacht, und schon die bloße Berührung, so meint man, verursache Aussatz - tatsächlich verdient das ägyptische Schwein als Aas- oder Leichenfresser diesen Abscheu - und doch verzehren Ägypter von höchster Geburt sein Fleisch mit Genuß bei ihren Mittwintermysterien und fürchten keine unzuträglichen Folgen. Die Juden, so heißt es, hielten es einst ebenso, wenn sie es nicht gar heute noch so halten. Ähnlich können nun auch die vestalischen Jungfrauen nicht zu allen Zeiten von den natürlichen Vorrechten ihres Geschlechts ausgeschlossen gewesen sein, denn keine barbarische Religion verurteilt die Frau zu permanenter Unfruchtbarkeit. Meine Meinung ist, daß zu Mittsommer, während der Alban-Feier, die ein Hochzeitsfest der Eichen-Königin - Euer Exzellenz bezaubernder Nymphe Egeria - mit dem Eichen-König des Jahres war, die Vestalinnen, ihre Blutsverwandten, sich mit sechs der zwölf Gefolgsleute des Eichenkönigs verbanden: Ihr werdet Euch an die zwölf Hirten des Romulus erinnern. jedoch in aller Abgeschiedenheit, im Dunkel einer heiligen Höhle, so daß niemand wußte, wer nun bei wem lag, noch wer der Vater eines alsdann geborenen Kindes war. Und desgleichen taten sie mit den sechs anderen Gefährten während der Saturnalien zu Mittwinter. Dann wurde, falls die Eichen-Königin keinen Sohn hatte, das von einer Vestalin geborene Kind als neuer König erwählt. Und so erklärt sich der von sechs Freiern gezeugte Sohn der Penelope. Der Sinnliche Gott - nennt ihn Herakles oder Hermes oder Pan oder Pallas oder Pales oder Mammurius oder Neptun oder Priap oder wie immer Ihr wollt - beseelte die jungen Männer mit erotischer Lebenskraft, nachdem sie um ein loderndes Freudenfeuer tanzten, über dem seine obszöne Statue - das Palladium selbst thronte. So geschah es, daß von einem König gesagt wurde, er sei von einer jungfräulichen Mutter geboren und habe entweder keinen bekannten Vater oder sei der Sohn eines Gottes.«
»Das ist eine noch aufregendere Vorstellung als jene andere«, protestierte Paulus, »und ich bezweifle sehr, ob Ihr irgendwelche Beweise dafür habt oder ob Ihr mir erklären könnt, wie die Vestalinnen aufhörten, Nymphen der Liebe zu sein und schließlich unfruchtbare alte Jungfern wurden.«
»Daß die königlichen Liebesorgien aufhörten«, sagte Theophilos, »ergibt sich logisch aus dem Verlauf der Geschichte, wie wir ihn gestern erörterten - nämlich, daß die Regierungszeit des Königs in alten Zeiten von einem Jahr auf vier Jahre; von vier Jahren auf acht, von acht auf neunzehn verlängert wurde, bis es schließlich ein lebenslanges Amt wurde. Obwohl nun weiterhin die Liebesorgien des gemeinen Volkes zu Mittsommer und am Ende des Jahres abgehalten werden mögen - und warum werden sie es? - haben sie keinerlei Bedeutung mehr als Anlaß zur Zeugung neuer Könige. Häufig werden, wie wir wissen, Kinder aus diesen festlichen Vereinigungen geboren, und sie werden glücklich begrüßt und freudig legitimiert; aber sie haben keinen Anspruch auf die Königswürde, denn ihre Mütter sind keine Prinzessinnen mehr, wie einst. Offenbar war es König Tarquinus der Ältere, der als erster den Vestalinnen sozusagen ewige Jungfräulichkeit befahl. Und sein Ziel war, sie daran zu hindern, Thronprätendenten zu gebären. Und ganz gewiß war er es, der das Lebendig-Begrabenwerden als Strafe für eine Vestalin einführte, die das Gesetz brach; aber selbst heute währt die befohlene Jungfräulichkeit nicht ewig, denn nach dreißig Jahren hat eine vestalische Jungfrau, soviel ich weiß, das Recht, sich zu entweihen, falls sie es will, und zu heiraten.«
»Es geschieht sehr selten; nach dreißig Jahren der illustren Jungfernschaft ist es schwierig für eine Frau, einen würdigen Gatten zu gewinnen, und meist wird sie der Welt bald müde und stirbt vor Reue.«
»Nun aber zu meinem Beweis, daß den Jungfrauen einst zu besonderen Anlässen erotische Freuden gestattet waren: erstens wird die Novizin, wenn sie vom Pontifex Maximus im Namen Gottes geweiht wird, als »Amata« angesprochen, als Geliebte, und sie erhält einen mit reinem Purpur [2], eingefaßten Kopfputz, ein weißes wollenes Haarband und ein weißleinenes Gewand - das königliche Hochzeitskleid der Braut Gottes. Und zweitens wissen wir, daß Silvia, die Mutter von Romulus und Remus, eine vestalische Jungfrau von Alba Longa war und unverhofft die Braut des Mammurius oder Mars wurde, damals ein rotgesichtiger erotischer Hirtengott. Und daß sie nicht lebendig begraben wurde, wie es heute einer Vestalin geschähe, wenn sie schwanger würde - auch wenn sie behauptete, daß ein Gott ihr Gewalt angetan.« »Jedenfalls wurde Silvia im Fluß Anio ertränkt.«
»Nur im übertragenen Sinn, glaube ich. Nach der Geburt ihrer Zwillinge, die sie in eine Arche von Weiden und Riedgras gelegt - was bei Geburtsmythen dieser Art die Regel ist - und sie der Gnade der Wellen überantwortet hatte, nahm sie zur Erneuerung das gleiche Taufbad wie die Priesterin der Aphrodite zu Paphos [3] es alljährlich im blauen Meer und die Nymphe Dryope es in ihrer Quelle zu Pegae nehmen.«
»Die Verbindung zwischen Rom und Arkadien ist, das versichere ich Euch, sehr eng. Der Hirtengott schickt einen Wolf, lykos, um Silvia zu erschrecken, und überwältigt sie dann in einer Höhle. Als die Zwillinge geboren sind, bringen ein Wolf und ein Specht ihnen Speise. Übrigens, könnt Ihr Euch erklären, wieso Pan, der doch ein Hirtengott ist, einen Wolf in seinen Diensten hat?«
»Es war vermutlich ein Werwolf. Die religiöse Lehre Arkadiens sagt, daß ein Mann als Botschafter zu den Wölfen ausgeschickt wird. Er wird auf elf Jahre ein Werwolf und überredet die Wolfsrudel, während dieser Zeit die Herden und die Kinder der Menschen in Frieden zu lassen. Diesen Brauch, so heißt es, führte Lykaon, der Arkader ein, und es ist wahrscheinlich, daß Eure alte Gilde der Luperkalienpriester ursprünglich auch Rom seinen Wervolf schenkte. Aber sprechen wir doch wieder von Silvia. Der Gott vergewaltigte sie nämlich nicht nur in einer dunklen Höhle, die im Schatten eines heiligen Hains lag, sondern er machte sich auch eine totale Sonnenfinsternis zunutze. So verbarg er, wie ich glaube, seine wahre Gestalt - die eines Meerestieres.«
»Offensichtlich habt ihr die ganze Geschichte gründlich studiert. Vielleicht könnt ihr mir auch erklären, warum einer Vestalin bei der Hochzeit das Haar geschnitten wird und sie es nie wieder wachsen lassen darf?«
»Auch das muß eine wohl überlegte Vorschrift des Königs Tarquinus sein. Frauen mit abgeschnittenen Haaren können keine magischen Beschwörungen vornehmen. Zweifellos fürchtete er, sie könnten sich für seine Strenge gegen sie an ihm rächen. Die vestalischen Jungfrauen unterstanden zu jener Zeit einzig der Aufsicht des Königs. Er, und nicht der Pontifex Maximus, hatte das Recht, eine Vestalin zu züchtigen, die das heilige Feuer erlöschen ließ, und eine Vestalin, die insgeheim einen Geliebten nahm, zu Tode zu peitschen.«
»Und könnt Ihr mir auch sagen, warum sie bei ihren Opferhandlungen Quellwasser, vermischt mit pulverisierter und gereinigter Salzsole, verwenden?«
»Sagt mir zuerst, welches sind die medizinischen Eigenschaften von mit Salzsole vermischtem Wasser?«
»Es ist ein starkes Brech- und Abführmittel.«
»Und daher geeignet, die Feiernden auf die Mittsommer- und Mittwinterfeste vorzubereiten? An diesen Nebenzweck hatte ich gar nicht gedacht. Vielmehr meine ich, daß die zwölf jungen Hirten - die springenden Priester des Mammurius oder Pallas -, wenn sie Stunde um Stunde ihren orgiastischen Tanz um die lodernden Freudenfeuer aufführten, furchtbar geschwitzt haben und einer Ohnmacht nahe gewesen sein mußten.«
»Ich sehe, was Ihr meint. Die Bauern auf den Erntefeldern erfrischen sich stets mit Solwasser, das sie dem klaren Wasser vorziehen: es gibt ihnen das Salz wieder, das sie durch das Schwitzen verloren haben. Das Solwasser, das die Vestalinnen bei den Mittsommerorgien reichten, muß wie ein Zauber die Kräfte der Hirten wiederhergestellt haben. Aber noch eine Frage, zur Vergeltung für all die vielen, die Ihr mir stelltet: wie kam Triton dazu, ein Sohn des Poseidon zu sein?«
»Auf die nämliche Weise, wie Proteus sein Hirte wurde. Ursprünglich hatte Poseidon nichts mit dem Meer zu tun. Der Tümmler von Krathis, der delphische Delphin, die phokische Robbe gehören alle einer früheren Zivilisation an. Poseidon eignete sie sich an, als er die Peloponnes und die gegenüberliegenden Küsten des Golfs von Korinth eroberte und die Meeresgöttin Amphitrite zur Frau nahm. Triton war gewiß ihr Sohn, wahrscheinlich von Hermes gezeugt; vielleicht regierte er als »Lakedaemon von dem Meerestier« ! Jedenfalls, Poseidon wird sein Nährvater, indem er die Meeresgöttin An-iphitrite ehelicht - dies war, wie ich glaube, ursprünglich einer der Titel Athenes. (übrigens war der alte Robben-König Phokeus, der Phokis seinen Namen gab, ein Sohn des Ornytion, was soviel heißt wie »Sohn des Kükens«  - und das Küken ist, so vermute ich, wiederum Pan, der aus dem Ei eines Spechts oder dem Ei einer Penelope-Ente ausgebrütet wurde.) In einem bin ich mir sicher: wenn wir in Triton und Pallas und Pelops nicht ursprünglich ein Meerestier erkennen, das sich in einer Dynastie alter Könige inkarnierte, dürfen wir nicht hoffen, in all den Sagen von Helden, die Jungfrauen aus der Gewalt von Meerestieren retteten, irgendeinen Sinn zu erkennen. Diese Helden sind Prinzen, die das Meerestier herausfordern, mit ihm kämpfen und es töten, um die königliche Erbin zu heiraten, die es streng bewacht, und um kraft dieser Heirat an seiner Statt zu regieren. Die königliche Erbin ist seine Tochter, aber sie ist zugleich auch die Inkarnation des Mondes; was auch erklärt, warum der Pallas, von dem Hörner spricht, der Vater des Mondes war. Die gleiche Geschichte findet Ihr in der Heirat des Peleus mit der Meeresgöttin Thetis wieder, die stattfand, nachdem er Phokis, den Robbenkönig von Aegina, getötet hatte. Peleus heißt »der Schlammige«  und ist möglicherweise eine Variante von Pelops - wie auch Pellas, der Name des Königs, dessen früheres Territorium Peleus an sich riß. In Troja gab es ein Meerestier. Dieses tötete Herakles im Verein mit eben jenem Peleus, und rettete die Prinzessin Hesione und machte sich zum Herrn der Stadt. Und die vielen Geschichten von Prinzen, die durch Delphine vor dem Ertrinken gerettet werden, beziehen sich eindeutig auf heilige Bildnisse dieser Prinzen, die zum Beweis ihrer Herrschaft auf dem Rücken eines Delphins reiten. Arion und Ikadios und Enalos ...«
»Theseus natürlich ...«
»Und auch Koiranos, und Taras und Phalanthos. Das gemeine Volk zieht stets die Anekdote, wie unwahrscheinlich sie auch sein mag, dem Mythos vor, mag er auch noch so einfach sein: es sieht einen Prinzen auf einem Delphin reiten und nimmt dies als wörtliche Wahrheit und fühlt sich verpflichtet, die Wahl dieses seltsamen Reittiers zu erklären.«
»Doch was Ihr am Anfang unseres Gesprächs mir erklären wolltet und noch immer nicht erklärt habt, ist, warum die Göttin Athene einen männlichen Namen als obersten Titel trägt.«
»Sie wurde androgyn; und es gibt viele solcher Gottheiten, zum Beispiel Sin, die Mondgottheit der Semiten, und die phönizische Baalith, und der persische Mithras. Am Anfang wird die Göttin verehrt, und sie ist Ailmächtig; dann tritt ein Gott auf, der gleiche Macht beansprucht, und sie werden entweder Zwillinge, wie es mit Artemis geschah, als sie sich bereit fand, Delos mit dem Apollon von Tempe zu teilen, oder sie werden zu einem einzigen bisexuellen Wesen vereinigt. So feiert der orphische Hymnus den Zeus als Vater und ewige Jungfrau zugleich. Euer eigener Juppiter steht in der gleichen hermaphroditischen Tradition.«
»Unser eigener Juppiter? Ihr überrascht mich.«
»Ja, kennt Ihr denn nicht den Zweizeiler, verfaßt von Quintus Valerius Soranus, den Crassus als den gelehrtesten unter all denen preist, die die Toga trugen? Nein? Er lautet:

Juppiter Omnipotens, rerum regum-que repertor,
Progenitor genetrix-que Deum, Deus unus et idem.

Allmächtiger Juppiter, Schöpfer der Dinge und Könige,
Vater und Mutter der Götter, ein und derselbe Gott.

Und Varro, sein Rivale in der Gelehrsamkeit, der von der kapitolinischen Trinität erzählt, pflichtet ihm bei, daß sie zusammen einen einzigen Gott bildeten: Wobei Juno die Natur als Materie ist, Juppiter die Natur als schöpferische Kraft, und Minerva die Natur als Geist, die die schöpferische Kraft leitet. Minverva, wie Ihr wißt, leitet mitunter die Blitze des Juppiter; wenn daher Juppiter Ewige Jungfrau ist, so ist Minverva auch Ewiger Vater. Und so sehen wir wieder: Minerva wird doch gemeinhin mit Pallas Athene gleichgesetzt, die die Göttin der Weisheit ist. Athene ist für Pallas, was Minerva für Juppiter ist: seine bessere Hälfte.«
»Meine Gedanken verirren sich unter all diesen verschiedenen Göttinnen. Sind sie denn alle die gleiche Gestalt?«
»Ursprünglich ja. Sie ist älter als alle Götter. Ihre vielleicht archaischste Gestalt ist die Göttin Libya. Solltet Ihr neuerlich den Apollonius gelesen haben, werdet Ihr Euch erinnern, daß sie Jason am Triton-See in triadischer Gestalt und in Ziegenhäute gekleidet erschien.« »Eine zweigeschlechtliche Gottheit bleibt natürlich keusch, so vermute ich, wenigstens aus Minervas Beispiel«, warf Paulus ein.
»Keusch wie ein Fisch.«
»Doch Juppiter war anfangs unkeusch wie ein Meerestier.«
»Minerva aber bekehrte ihn.«
»Ich wage zu behaupten, daß dies der Grund ist, warum sie seine Tochter genannt wird. Meine Tochter Sergia hat mich bekehrt. Alle Töchter bekehren ihre Väter oder versuchen es doch. Als junger Mann war ich ein hüpfendes Meerestier.«
»Das war auch Apollo, bevor seine Schwester Artemis ihn bekehrte: einst war er ein geiler Delphin, heute aber werden keusche heilige Fische in seinen Tempeln zu Myra und zu Hierapolos gehalten.«
»Das erinnert mich an eine Frage, über die ich allzu gerne Aufklärung hätte: Was wißt Ihr über die Meerestiere und Fische in der jüdischen Religion? Soviel ich weiß, habt Ihr die Heiligen Bücher der Juden aufmerksam gelesen.«
»Es ist lange her. Doch ich erinnere mich, daß es in der jüdischen Thora, dem Gesetz, ein partielles Fisch-Tabu gibt, das auf einen ägyptischen Einfluß zurückweist. Dies gilt aber nicht für Fische mit Schuppen, sondern nur für die schuppenlosen, und dies wiederum weist darauf hin, daß die Juden einst Meerestiere wie den Tümmler oder den Delphin verehrten. Außerdem war ihre heilige Bundeslade, die heute verloren ist, mit den Häuten von Meerestieren bezogen; das ist wichtig. Denn die Juden waren einst den Philistern tributpflichtig, deren Gott ein Meerestier von mancherlei Gestalt mit dem Namen Dagon war denn die Philister sind ursprünglich Einwanderer kretischer Herkunft, trotz ihrer semitischen Sprache. Wenn ich mich der Geschichte recht entsinne, unterwarfen die Philister die Juden und stellten die Bundeslade in Dagons Tempel vor seiner phallischen Statue auf, aber der in der Lade eingeschlossene Gott rang mit Dagon und zerbrach seine Statue in Stücke. Und doch hieß der sagenhafte Held, der die Juden nach Judäa führte, Josua, Sohn des Fisches!«
»Ha! Genau deshalb fragte ich. Seht Ihr, mir ist einmal ein seltsam Ding widerfahren. Es erreichte mich nämlich ein schriftlicher Bericht, daß ein Jude mit Namen Barnabas in einer jüdischen Synagoge am anderen Ende der Insel irgendeine neue mystische Lehre predige; sie wurde mir von meinem Informanten, einem syrischen Griechen aus Antiochien, der eine jüdische Mutter hatte, als eine Lehre beschrieben, die den Frieden der Insel bedrohe. Ich sandte nach Barnabas und dem anderen Mann und hörte, was beide zu sagen hätten. Ich habe seinen ursprünglichen Namen vergessen, aber er war römischer Bürger geworden und hatte mich um die Erlaubnis gebeten, sich Paulus zu nennen, was ich ihm schwächlich bewilligte. Ich will die Geschichte nicht so ausführlich wiedergeben. Genüge es Euch, wenn ich sage, daß Barnabas von einem neuen Halbgott predigte, soviel ich herausfinden konnte, einer alljährlichen Wiedergeburt dieses Heros Josua. Ich wußte es nicht, bis Ihr gerade eben erwähntet, daß Josua der Sohn des Fisches sei. Vielleicht erklärt uns dies das Geheimnis. Auf jeden Fall, mein orientalischer Sekretär, ein harmloses Männchen mit Namen Manahem, ergriff wohl allzu warm für Barnabas Partei und schickte den anderen Mann seiner Wege, und zwar mit einem wilden Zorn, dessen ich ihn nie für fähig gehalten hätte.«
»Ich kenne Manahem. Er kam vom Hofe des Antipas von Galiläa zu Euch, nicht wahr?« »Genau, das ist der Mann. Er weilt eben auf Urlaub in Alexandria. Nun, wie auch immer, nachdem Barnabas und der andere Mann der Insel verwiesen waren, mit einer Ermahnung, niemals wiederzukehren, rief ich Manahem zu mir in mein Privatgemach und sagte ihm meine Meinung. Ich bin von Natur kein guter Beobachter, aber meine lange Erfahrung als Richter hat mich gelehrt, im Gerichtssaal meine Augen zu gebrauchen, und so hatte ich Manahem dabei ertappt, wie er dem Barnabas wiederholt mit Zeichen bedeutete, den Fall ruhig in seine Hände zu legen. Er machte nämlich mit dem Fuß ein geheimes Zeichen, wobei er den Umriß eines Fisches auf das Pflaster zeichnete. Ich jagte Manahem den Schrecken seines Lebens ein drohte ihm an, ihn auf die Folter zu strecken, falls er mir nicht erklärte, was der Fisch zu bedeuten habe. Auf der Stelle gestand er und bat mich um Vergebung. Das Zeichen des Fisches, so scheint es, ist das Erkennungswort der Vereinigung dieses Barnabas, die sich zu einem universellen Pazifismus bekennt, und zwar unter der Führung eines Halbgottes mit Namen Jeschua - im Griechischen Jesus -, der den Titel »der Gesalbte«  trägt. Das Erkennungswort ist den griechisch sprechenden Juden geläufig und steht, wie Manahem mir sagte, für Jesus Christos Theos, was natürlich die Anfangsbuchstaben von ichthys, »der Fisch« , sind. Aber ich glaube, daß es noch mehr damit auf sich hat.«
»Auch ich hörte schon von dieser Vereinigung. Sie feiern allwöchentlich ein Liebesfest mit Fisch, Wein und Brot, aber sie neigen zum pythagoreischen Asketizismus. Ihr dürft sicher sein, daß Jeschua, der Fisch, einer von der keuschen Art ist. Der Jeschua, der sie begründete, wurde unter Kaiser Tiberius hingerichtet; und seltsamerweise war seine Mutter eine TempelJungfrau zu Jerusalem, und es lag ein Geheimnis über seiner Geburt.«
»Ja, Manahem hat es mir unter dem Eid der Verschwiegenheit enthüllt. Was die Keuschheit dieses Gottes betrifft, so habt Ihr recht. Die erotische Religion kommt allenthalben außer Mode; sie ist unvereinbar mit der modernen sozialen Stabilität, außer natürlich bei der Bauernschaft. Wißt Ihr, Theophilos, da steigt ein Bild vor meinem inneren Auge auf, beinah eine Vision. Ich sehe die weißgekleideten vestalischen Jungfrauen in ihren Tempelvorhöfen umherschreiten und dem keuschen Juppiter, Vater und Jungfrau zugleich, dem sie dienen, kleine Gebete darbringen. Ich sehe sie fromm den Fischteich umkreisen, in dem auch der heilige Fisch seine geheimnisvollen Kreise zieht - der kalte, blaßgesichtige Fisch, keusch wie sie selbst - « »- der dunkelgesichtig und heiß war in Silvias Tagen«, unterbrach Theophilos ihn, und Paulus pflichtete ihm bei: »Und in seinem Teich ertrinkt jeder unausgesprochene Wunsch.«

Theophilos irrte, wenn er sagte, daß der Heros die gefesselte Jungfrau aus der Gewalt eines männlichen Meerestieres rettete. Das Meerestier ist ein weibliches Wesen - die Göttin Tiamat oder Rahab - und der Gott Bel oder Marduk selbst, der ihr die tödliche Wunde zufügt und ihre Macht usurpiert, hat sie in Frauengestalt an den Felsen geschmiedet, um sie vor Ungemach zu bewahren. Als der Mythos Griechenland erreichte, wurden Bellerophon und Herakles ritterlich so dargestellt, als retteten sie sie vor dem Ungeheuer. Man meinte sogar, daß die Ketten der Göttin - in der ursprünglichen lkone - eigentlich Halsbänder, Armketten und Fußketten waren, während das Meerestier ihre Emanation darstellte.