Herakles auf dem Lotus

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Gedichte
Lieder

Fassen wir die historischen Argumente zusammen.
»Gwion«, ein nordwalisischer Kleriker des späten dreizehnten Jahrhunderts, dessen Name nicht bekannt ist, der aber die volkstümlichen Spielleute gegen die Hofbarden favorisierte, schrieb (oder schrieb nach) eine Romanze über ein wundersames Kind, das eine Geheimlehre besaß, die niemand erraten konnte; diese Lehre ist in einer Reihe mystischer Gedichte enthalten, die zu der Romanze gehören. Die Romanze fußt auf einem primitiveren Original aus dem neunten Jahrhundert n. Chr., in welchem Creirwy und Af agddu, die Kinder von Teigid Voel und Caridwen, vermutlich eine bedeutendere Rolle spielten als in Gwions Version. (Dieses Original ist verloren, obgleich seltsamerweise die gleichen dramatis personae in Shakespeares Sturm auftreten: Prospero, der wie Teigid Voel auf einer Zauberinsel lebte; die schwarze kreischende Hexe Sycorax, »Schwein-Rabe«, Mutter von Caliban, dem häßlichsten Mann auf Erden; Prosperos Tochter Miranda, die schönste Frau, die Caliban mit Gewalt zu nehmen versucht; Ariel, das Wunderkind, das Sycorax gefangenhält. Vielleicht hatte Shakespeare die Geschichte von seinem walisischen Schulmeister in Stratford gehört, dem Vorbild des Hugh Evans in den Lustigen Weibern von Windsor.)
Das wunderbare Kind gab ein Rätsel auf, welches nicht nur die Kenntnis der britischen und irischen Mythologie, sondern auch des griechischen Neuen Testaments und der Septuaginta, der Hebräischen Schriften und Apokryphen sowie der lateinischen und griechischen Mythologie voraussetzte. Die Antwort auf das Rätsel ist eine Liste von Namen, die recht genau jener Liste entspricht, die Roderick O'Flaherty, der im siebzehnten Jahrhundert lebende Vertraute des gelehrten irischen Antiquars Duald Mac Firbis, als die ursprünglichen Namen des Ogham-Alphabets ausgab, wie es sich in zahlreichen Inschriften in Irland, Schottland, Wales, England und der Isle of Man - manche davon aus vorchristlicher Zeit - findet. Die Erfindung dieses Alphabets schreibt die irische Überlieferung dem gälischen Gott Ogma-Sonnengesicht zu, der, wie Lukian von Samosata - im zweiten Jahrhundert n. Chr. berichtet, in der keltischen Kunst als eine Verschmelzung der Götter Kronos, Herakles und Apollon dargestellt wurde. Es gibt einen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen dem Ogham-Alphabet der Inschriften und einem griechischen Alphabet, das im fünften Jahrhundert v. Chr. in Etrurien geschrieben wurde, dem Formello-Cervetri; aber es gibt auch Anzeichen dafür, daß eine frühere Form des Ogham, mit leicht abgeänderter Buchstabenfolge, in Irland geläufig war, bevor die Druiden von Gallien mit dem Formello-Cervetri in Kontakt kamen. Es könnte auch in Britannien verbreitet gewesen sein, wohin, wie Cäsar berichtet, die Druiden zogen, um sich in Akademien in den Geheimlehren unterweisen zu lassen.
Daß sich in Gwions Rätsel ein Alphabet versteckte, vermutete ich erstmals, als ich den absichtlich verwirrten Text seiner »Schlacht der Bäume« wiederherzustellen begann, der sich auf eine primitive britische Überlieferung von der Eroberung einer Orakel-Kultstätte durch das Erraten eines Götternamens bezieht. Diese Eroberung fand offenbar im frühen vierten Jahrhundert v. Chr. statt, als die belgischen Brythonen, Anbeter des Eschengottes Gwydion, mit Hilfe eines bereits in Britannien siedelnden und Landwirtschaft treibenden Stammes das nationale Heiligtum, möglicherweise Avabury, von der dort regierenden Priesterschaft übernahmen, zu deren Göttern Arawn und Bran zählten. Bran ist der keltische Name für den alten Krähengott, der unter seinen verschiedenen Namen als Apollon, Saturn, Kronos und Asklepios bekannt ist, der ebenfalls ein Gott der Heil war und dessen Kult mit dem eines als Widder oder Stier abgebildeten Donnergottes zusammenhing, der verschiedentlich Zeus, Tantalos, juppiter, Telamon oder Herakles genannt wurde. In den Buchstaben-Namen von Gwions Alphabet versteckt sich anscheinend der Name des - von Cäsar Dis genannten - transzendenten Gottes, der in Britannien und Gallien verehrt wurde. Wir können folgern, daß das frühere Alphabet, das ein religiöses Geheimnis aus vorbelgischer Zeit enthielt, eine andere Buchstabenfolge als die in Gwions Rätselgedicht enthaltene aufwies, daß die alphabetische Reihenfolge nicht mit BLF, sondern mit BLN anfing und daß nach der Besetzung der Kultstätte der Name des Gottes geändert wurde.

Jetzt bleibt noch zu untersuchen:

  1. Was bedeuten die Buchstaben-Namen in Gwions Alphabet, dem Boibel-Loth?
  2. Welcher Göttername war darin verborgen?
  3. Welches waren die ursprünglichen Namen der Buchstaben im Baumalphabet, dem Beth-Luis-Nion?
  4. Was bedeuten sie?
  5. Welcher Göttername war darin verborgen?

Gwion gibt uns bei unserer erneuten Jagd nach dem Rehbock den ersten Hinweis, indem er in seine Romanze eine Elegie an Herakles aufnimmt, die ich hier zitiere; aber »Herakles« ist ein Wort mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen. Cicero unterscheidet sechs verschiedene Sagengestalten namens Herakles, Varrus deren vierundvierzig. Sein Name bedeutet »Ruhm der Hera«, und Hera war ein frühgriechischer Name der Todesgöttin, die die Seelen der Sakralkönige in ihre Obhut nahm und sie zu Orakelheroen machte. Tatsächlich ist er eine zusammengesetzte Gottheit, bestehend aus einer Vielzahl von Orakelheroen verschiedener Völker in verschiedenen Stadien ihrer religiösen Entwicklung, deren manche echte Götter wurden, während andere Heroen blieben; dies macht ihn zur erstaunlichsten Figur der klassischen Mythologie; denn der Pelopidenfürst aus der Generation vor dem trojanischen Krieg wurde mit verschiedenen Heroen und Gottheiten verwechselt - und diese untereinander.
Herakles erscheint erstmals in der Sage als Sakralkönig eines Hirtenvolkes und war, vielleicht weil Hirten die Geburt von Zwillingslämmern glücklich begrüßen, selbst ein Zwilling. Sein Charakter und seine Geschichte lassen sich aus einer Fülle von Legenden, volkstümlichen Bräuchen und megalithischen Monumenten rekonstruieren. Er ist der Regenmacher seines Stammes und so etwas wie ein menschliches Gewitter. Die Sagen bringen ihn mit Libyen und dem Atlasgebirge in Verbindung. Vielleicht stammte er in paläollthischer Zeit von dort her. Die Priester des ägyptischen Theben, die ihn »Schu« nannten, datieren seinen Ursprung auf »17 000 Jahre vor, der Regierung des Königs Amasis«. Er trägt eine Eichenkeule, weil die Eiche seine Tiere und sein Volk mit Nahrung versorgt und weil sie, mehr als jeder andere Baum, den Blitz anzieht. Seine Symbole sind die Eichel, die Felsentaube, die in Eichen wie in Felsspalten nistet; die Mistel, oder loranthus; und die Schlange. All dies sind Sexualsymbole. Die Taube war der Liebesgöttin der Griechen und Syrer heilig; die Schlange war das älteste phallische Totemtler; die Eichel mit ihrer becherförmigen Schale stand im Griechischen wie im Lateinischen für den glans penis; die Mistel war ein Allheilmittel, und ihre Namen viscus (lat.) und ixias (grch.) hängen mit vis und ischys (Kraft) zusammen - vielleicht wegen der dem Sperma ähnlichen Flüssigkeit ihrer Beeren, denn Sperma ist das Vehlkel des Lebens. Dieser Herakles ist der männliche Anführer aller orgiastischen Riten und hat zwölf Bogenschützen als Gefährten, darunter seinen speerbewaffneten Zwillingsbruder, der sein tanist oder Stellvertreter ist. Er geht alljährlich eine Waldhochzeit mit einer Königin der Wälder ein, einer Art marianischer Jungfrau. Er ist ein gewaltiger Jäger, und er macht, wenn nötig, Regen, idem er mit der Eichenkeule donnernd auf eine hohle Eiche schlägt und mit einem Eichenast einen See aufwühlt - oder aber, indem er Kiesel in einer heiligen Koloquinthen-Kalebasse oder später schwarze Meteoritensteine in einem Holzkasten schüttelt - und damit durch sympathetische Magie Gewitter anlockt.
Die Art seines Todes läßt sich aus einer Vielzahl von Sagen, Volksbräuchen und anderen religiösen Spuren rekonstruieren. Zu Mittsommer, am Ende einer halbjährigen Herrschaftsperiode, wird Herakles mit Met betrunken gemacht und in die Mitte eines Kreises von zwölf Steinen geführt; diese stehen um eine Eiche, vor der sich der Steinaltar befindet.
Die Eiche ist so behauen, daß ihre restlichen Äste eine T-Form bilden. An diese Eiche wird er mit Weidenruten »in fünffachen Banden« gefesselt, wobei Handgelenke, Hals und Knöchel zusammengebunden sind; seine Gefährten schlagen ihn bewußtlos, und dann wird er gehäutet, geblendet, kastriert, mit einem Mistel-Ast gepfählt und zuletzt auf dem Altarstein in Stücke geschnitten. [1]
Sein Blut wird in einem Becken aufgefangen und dann über die ganze Stammesgemeinschaft verspritzt, um sie stark und fruchtbar zu machen. Die Glieder werden über Zwillingsfeuern aus Eichenscheitern geröstet, und diese wurden mit einem heiligen Feuer entzündet, das von einer vom Blitz getroffenen Eiche bewahrt oder durch das Drillen eines Erlenoder Kornelkirschenstabes in einem Eichenscheit angefacht worden war. Dann wird der Stamm entwurzelt und zu Reisern gespalten, die den Flammen übergeben werden. Die zwölf berauschten Männer rasen in einem wilden Achter-Tanz um die Feuer, singen ekstatisch und zerreißen mit den Zähnen das Fleisch.
Die blutigen Reste werden im Feuer verbrannt - außer den Genitalien und dem Kopf. Diese werden in ein Boot aus Erlenholz gelegt und auf einem Fluß zu einer Insel überführt; auch wird das Haupt manchmal mit Rauch gebeizt und für Orakelzwecke verwahrt. Sein Stellvertreter wird Nachfolger und regiert für den Rest des Jahres, wonach er von einem neuen Herakles in einer Opferhandlung getötet wird.
Zu diesem Typ des Herakles gehören so unterschiedliche Gestalten wie Herakles von Oeta, der kretische Jäger Orion, der Zyklop Polyphem, Samson der Daniter, der irische Sonnenheros Cuchulain von Muirthemne, Ixion der Lapither - der stets »fünffach gebunden« an ein Sonnenrad abgebildet ist - Agag der Amalekiter, Romulus von Rom, Zeus, Janus, Anchises, der Dagda und Hermes.
Dieser Herakles ist der Führer seines Volkes im Krieg und bei der Jagd, und seine zwölf Häuptlinge sind verpflichtet, seine Autorität zu respektieren; aber sein Name erinnert daran, daß er der Göttin, der Königin der Wälder untertan ist, deren Priesterin die Gesetzgeberin des Stammes ist und die Verfügung über alle Annehmlichkeiten des Lebens hat. Die Gesundheit des Volkes ist von der seinen abhängig, und er ist an manche königliche Tabus gebunden.
Im klassischen Mythos, der von seiner Souveränität kündet, wird er als Wunderkind in einem Goldregen geboren; erwürgt in der Wiege, die zugleich ein Boot ist, eine Schlange; ist (ähnlich wie Zeus) angeblich Ursache für den Milchstrahl, aus dem die Milchstraße entstand; ist als Jüngling der unbesiegbare Vernichter der Ungeheuer seiner Zeit; tötet und zerstückelt einen riesigen Eber; zeugt zahllose Söhne, aber keine Tochter - tatsächlich ist die Erbfolge matrilinear; übernimmt widerwillig vom Riesen Atlas die Bürde der Welt; tut herrliche Taten mit seiner Eichenkeule und seinen Pfeilen; bändigt das wilde Pferd Arion und holt den Hund Kerberos aus der Unterwelt; wird von seiner lieblichen Braut betrogen; zieht sich die Haut ab, indem er sich das vergiftete Hemd vom Leib reißt; erklimmt im Todeskampf den Gipfel des Berges Oeta; fällt und spaltet eine Eiche für seinen eigenen Scheiterhaufen; wird verbrannt; fliegt im Rauch des Scheiterhaufens in Gestalt eines Adlers zum Himmel auf und wird durch die Göttin der Weisheit in die Gemeinschaft der Unsterblichen eingeführt.
Auch die Götternamen Bran, Saturn und Kronos sind auf diese primitive Religion zurückzuführen. Es sind dies die Namen, die dem Geist des Herakles verliehen werden, der nach seiner Mittsommer-Opferung in dem Boot aus Erlenholz davon schwimmt. Sein Stellvertreter oder sein anderes Selbst, das in der griechischen Sage als Poeas auftritt, der den Scheiterhaufen des Herakles entzündet und seine Pfeile erbt, folgt ihm für die zweite Jahreshälfte in der Herrschaft - nachdem er die Königswürde durch die Ehe mit der Königin, der Stellvertreterin der Weißen Göttin, sowie durch den Verzehr eines edlen Teils vom Körper des Toten - Herz, Schulter oder Schenkel - erlangt hat. Er wird wiederum abgelöst vom Neujahrs-Herakles, einer Reinkarnation des Ermordeten, der ihn enthauptet und offenbar seinen Kopf verzehrt. Dieses abwechselnde eucharistische Opfer begründete die Kontinuität des Königtums, wobei alle Könige nacheinander Sonnengott und Geliebter der regierenden Mondgöttin waren.
Als diese kannibalistischen Riten abgeschafft und das System allmählich modifiziert wurde, bis ein einzelner König eine bestimmte Folge von Jahren regierte, degenerierte Saturn-Kronos-Bran zu einem Geist des Alten Jahres, der immer wieder von Juppiter-Zeus-Belin abgesetzt, wenngleich alljährlich bei den Saturnallen oder beim Jul-Fest herbeibeschworen und beschwichtigt wurde. Hier wenigstens können wir das politische Motiv erraten, warum Amathaon anläßlich der Schlacht der Bäume seinem Freund Gwydlon den Namen seines Vetters Bran verriet: glaubten etwa die bronzezeitlichen Amathonier, die den unsterblichen Beli in seinem Tempel Stonehenge anbeteten, daß sie mit ihren die Weiße Göttin anbetenden Beherrschern weniger gemein hatten als mit den eindringenden belgischen Stämmen der Eisenzeit, deren Gott Odin (Gwydion) sich von der Vorherrschaft der Weißen Göttin Freya befreit hatte? Nachdem die Bran-Priesterschaft aus der Ebene von Sallsbury vertrieben und nach Norden abgedrängt war, stand es ihnen frei, ein über ganz Südbritannien herrschendes permanentes Königtum unter der Schutzherrschaft Belins zu errichten; und genau dies taten sie anscheinend, nach einer freundschaftlichen Einigung mit der Priesterschaft Odins, der sie - als Belohnung für ihre Hilfe in der Schlacht - die Kontrolle über die nationale Orakelstätte überließen.
Der nächste Typ des Herakles ist ein sowohl agrarischer als auch pastoraler König, der auf die Gerstekultur spezialisiert ist und daher manchmal mit dem eleusischen Triptolemos, dem syrischen Tammuz oder dem ägyptischen Maneros verwechselt wird. Frühe Abbildungen, die ihn mit Löwenfell, Keule und aus den Schultern sprießenden Kornähren zeigen, wurden in mesopotamischen Städten des dritten Jahrtausends v. Chr. gefunden. Im östlichen Mittelmeer regierte er abwechselnd mit seinem Zwillingsbruder, etwa in den Doppel-Königtümern von Argos, Lakedämonien, Korinth, Alba Longa und Rom. Mitkönige dieses Typs sind lphiklos, der Zwillingsbruder des tirynthischen Herakles; Pollux, der Zwilling Kastors; Lynkeus, der Zwilling Idas; Kalais, der Zwilling Zetes'; Remus, der Zwilling Romulus'; Demophoon, der Zwilling Triptolemus'; der Edomiter Perez, Zwilling der Sara; Abel, der Zwilling Kains; und viele andere. Herakles ist nun der Geliebte von fünfzig Wasserpriesterinnen der Berggöttin, zu deren Ehren er ein Löwenfell trägt. Der Übergang zur Herrschaft des Zwillings erfolgt nach acht Jahren, wahrscheinlich weil es alle hundert Mondmonate eine ungefähre Annäherung der Mond- und der Sonnenzeit gibt. Llew Llaw Gyffes (»der Löwe mit der festen Hand«) entspricht wahrhaft diesem Typ, wenn er in der Romance of Math the Son of Mathonwy Gwydion als Zwillingsbruder zum Besuch seiner Mutter Arianrhod mitnimmt.
Für jedes Jahr, um das die Herrschaft dieses agrarischen Herakles sich verlängert, opfert er an seiner Statt ein Kind; dies könnte eine Erklärung der griechischen Sagen von einem Herakles sein, der versehentlich oder in geistiger Umnachtung Kinder tötet; wie auch für den Feuertod vieler unglücklicher junger Fürsten, die nach zeitweiliger Investitur als König verbrannt wurden - unter ihnen Gwern, der Neffe Brans; Phaéton, der Sohn Helios; Ikaros, der Sohn Daidalos', der bei seinem Flug der Sonne zu nahe kam; Demophoon, der Sohn des Keleus von Eleusis, den Demeter unsterblich zu machen suchte; und Dionysos, der Sohn des kretischen Zeus. Es erklärt auch die Kinderopfer der Phönizier, darunterjene, die dem Jahwe Melkarth im Tale Hinnon (oder Gehenna) dargebracht wurden, an der Stätte der unsterblichen Schlange, wo die Opferfeuer nie verlöschten.
Der Brauch, ein Kind als Ersatz für den Sakralkönig zu verbrennen, ist in den Mythen von Thetis, Peleus und Achilles anschaulich illustriert. Peleus war ein aus Ägina verbannter achälscher Brudermörder und wurde mit seinem Mitkönig Akastos König von lolkos, als Nachfolger der Doppelkönige PElias und Neleus. Thetis, eine thessalische Meeresgöttin, wird von den Mythographen als Tochter des Kentauren Cheiron oder als eine der fünfzig Nereiden dargestellt, aus denen sie als Gattin des Zeus ausgewählt wurde. Zeus besann sich anders, weil ein Orakel sie dem Peleus als Gattin zusprach, dem sie sieben Kinder gebar, von denen sechs verbrannt wurden. Das siebente, Achilles, wurde durch Peleus im letzten Moment gerettet ähnlich wie das Kind Asklepios. Die ersten sechs hatten durch die Verbrennung Unsterblichkeit erlangt; bei Achilles war die Verbrennung nicht abgeschlossen - seine Ferse war noch verletzlich. Thetis floh, und Peleus gab Achilles in die Obhut Cheirons, der sein Lehrer wurde; später herrschte Achilles über die Myrmidonen von Pthlotis und führte ein Kontingent von ihnen in die Schlacht um Troja. Vor die Wahl zwischen einem kurzen, aber ruhmreichen Leben und einem langen, aber unbedeutenden Leben gestellt, wählte er das erstere.
Dieser Mythos hat sich in seinen Grundzügen recht gut erhalten, obgleich spätere Bearbeitungen kein Verständnis für das System der matrilinearen Erbfolge aufbrachten. In lolkos, dem wichtigsten Hafen Südthessaliens, gab es ein Heiligtum der Mondgöttin Artemis, alias Nereis oder Thetis, dem eine Akademie von fünfzig Priesterinnen angeschlossen war. Diese Artemis war eine Patronin der Fischer und Seefahrer. Alle fünfzig Monate wurde eine der Priesterinnen zur Stellvertreterin der Göttin gewählt.
Vielleicht war sie die Gewinnerin eines Wettlaufs. Sie nahm sich alljährlich einen Gefährten, den Eichenkönig oder Zeus der Region, der nach Ablauf seiner Regentschaft geopfert wurde. Zu dem Zeitpunkt, als die Achäer in Thessalien die olympische Religion einführten (es ist überliefert, daß alle Götter und Göttinnen der Heirat des Peleus mit Thetis beiwohnten), war die Frist auf acht oder vielleicht sieben Jahre verlängert, und zu jeder Wintersonnwende wurde ein Kind geopfert, bis die Frist abgelaufen war. (Sieben Jahre anstelle des achtjährigen Großen Jahres ist anscheinend ein Irrtum der Mythographen; aber aus der schottischen Hexenballade True Thomas geht hervor, daß sieben Jahre die normale Regentschaft des Gefährten der Köngin von Elphame waren, und der schottische Hexenkult hatte enge Verbindungen mit der primitiven thessalischen Religion.)
Achilles, das glückliche siebente (oder vielleicht achte) Kind, das gerettet wurde, weil Peleus selbst sterben mußte, war möglicherweise einer der Kentauren vom nahen Pelion, mit dem die Nereiden von lolkos alte exogame Verbindungen unterhielten und unter denen Peleus natürlich seine Kinderopf er auswählte - sie waren nicht seine eignen Söhne mit Thetis. Als Achilles erwachsen war, wurde er König der Myrmidonen von Pthlotis: vermutlich durch die Ehe mit der Stammesvei-treterin der Göttin. Er wird den Titel schwerlich von Peleus ererbt haben. (Myrmidon bedeutet »Ameise«, und daher ist es wahrscheinlich, daß der Wendehals, der sich von Ameisen nährt und in den der Göttin geheiligten Weiden nistet, der lokale Totemvogel war; die Überlieferung bringt Philyra, Cheirons Mutter, mit dem Wendehals in Verbindung.) Es steht fest, daß es in Griechenland schon vor dem trojanischen Krieg einen Achilles-Kult gegeben hat, und so war sein kurzes, aber ruhmreiches Leben vermutlich das eines zu Hause gebliebenen Königs mit einer sakralen Ferse, der im Tod Unsterblichkeit erlangte, indem er ein Orakel-Heros wurde. Thetis wurde die Macht zugeschrieben, ihre Gestalt zu verändern; tatsächlich dienten ihr ganz verschiedene Priesterinnen-Akademien, jede mit einem anderen Totemtier - Stute, Bärin, Kranich, Wendehals usw.
Dieser Mythos wurde auf mancherlei Weise entstellt. In manchen Versionen steht die Scheinhochzeit im Mittelpunkt, die ein integraler Bestandteil der Krönung war. Im argivischen Mythos von den fünfzig Danaiden, die mit den fünfzig Söhnen des Ägyptos verheiratet und alle bis auf eine in der gemeinsamen Hochzeitsnacht getötet wurden, sowie im perso-ägyptischen Mythos von Tobit und Raguels Tochter, deren sieben vorherige Ehemänner allesamt in der Hochzeitsnacht von dem Dämon Asmodeus in Persien Aeschma Daeva - getötet wurden, sind ursprünglich identisch. Die verschiedenen widersprüchlichen Versionen des Danaiden-Mythos helfen uns, das Ritual zu verstehen, aus dem er wohl entstanden ist. Pindar sagt in seiner Vierten Pythischen Ode, daß die Bräute begnadigt, von Hermes und Athene geläutert und den Siegern öffentlicher Spiele als Preis zugesprochen wurden. Spätere Quellen wie Ovid oder Horaz meinen, daß sie nicht begnadigt, sondern dazu verurteilt wurden, ewig Wasser in ein löcheriges Gefäß zu schöpfen. Herodot sagt, daß sie die Demeter-Mysterien nach Argos brachten und an die pelasgischen Frauen weitergaben. Andere meinen, daß vier von ihnen in Argos angebetet wurden, weil sie die Stadt mit Wasser versorgten. In Wahrheit verhielt es sich wohl so, daß die Danaiden eine argivische Akademie von fünfzig Priesterinnen der Gerste-Göttin Danae waren, der es oblag, den Feldern Regen zu spenden, und die unter vier verschiedenen Götternamen verehrt wurde; wenn die Priesterinnen Wasser in ein löcheriges Gefäß schöpften, so daß es wie Regen hindurchrann, so war dies ihr üblicher Regenzauber. Alle vier Jahre, im fünf zigsten Sonnenmonat, wurde ein Wettkampf abgehalten, durch den ermittelt wurde, wer für die nächsten vier Jahre Herakles oder Zeus und mithin der Geliebte dieser fünfzig Priesterinnen werden sollte. Diese Frist wurde später auf acht Jahre ausgedehnt, mit der üblichen alljährlichen Opferung eines Kindes. Das danaische Argos wurde von den Söhnen des Ägyptos erobert, die von Syrien her in die Peleponnes einfielen, und viele der Danaer, die ihnen Widerstand leisteten, wurden, wie gesagt, nach Norden vertrieben.
Im Buch Tobit ist Tobit der glückliche Achte, der neue Bräutigam Zeus, der seinem Schicksal entgeht, wenn der regierende Zeus am Ende seiner Amtszeit sterben muß. Asmodeus ist das persische Gegenstück zu Set, dem alljährlichen Mörder Osiris', aber er wird mit dem Fisch der Unsterblichkeit hinweggezaubert und flieht in seine südlichen Wüsten. Tobits Hund liefert einen wertvollen Hinweis; er begleitet auf allen Wegen den Herakles Melkarth oder sein persisches Gegenstück Sraoscha oder den griechischen Asklepios.
Eine Reihe von typischen Tabus, die diesen Herakles banden, zitiert James Frazer in seinem Golden Bough: sie galten für den Flamen Dialis, den Nachfolger des Sakralkönigs von Rom, dessen Eigenschaft als Kriegshäuptling bei der Gründung Roms auf die Zwillingskonsuln überging. »Der Flamen Dialis durfte kein Pferd reiten, es nicht mal berühren, er durfte weder ein bewaffnetes Heer sehen noch einen Ring tragen, der nicht unterbrochen war, noch einen Knoten in einem Teil seines Gewandes haben; kein Feuer von seinem heiligen Feuer durfte aus seinem Haus genommen werden; er durfte kein Weizenmehl und kein gesäuertes Brot anrühren; eine Ziege oder einen Hund, rohes Fleisch, Bohnen oder Efeu durfte er nicht berühren, nicht einmal erwähnen.

Er durfte nicht unter Weinranken durchgehen; die Füße seiner Bettstatt mußten mit Lehm eingeschmiert sein; sein Haar durfte nur von einem Freien und mit einem Bronzemesser geschnitten werden ; seine abgeschnittenen Haare und Nägel mußten unter einem glückbringenden Baum vergraben werden; er durfte weder eine Leiche berühren noch eine Stätte betreten, wo eine begraben war; er durfte nicht zusehen, wenn an heiligen Tagen irgendwelche Arbeiten verrichtet wurden; er durfte sich nicht unbedeckt im Freien bewegen; wenn ein Mann gefesselt in sein Haus gebracht wurde, mußte der Gefangene losgebunden, und die Stricke mußten durch ein Loch im Dach hinaufgezogen und auf die Straße geworfen werden.«
Frazer hätte noch anfügen sollen, daß der Flamen seine Stellung einer Sakral-Ehe mit der Flaminica verdankte; Plutarch berichtet in seinen Quaestiones (50), daß er sich nicht von ihr scheiden lassen konnte und bei ihrem Tod von seinem Amt zurücktreten mußte.
In Irland hieß dieser Herakles Cenn Cruaich, »der Herr des Reichsapfels«, lebte aber, nachdem ein wohlwollenderer Sakralkönig sein Bild überlagert hatte, als Cromm Cruaich (»der Gebeugte des Reichsapfels«) in der Erinnerung weiter. In einem christlichen Gedicht, das im Book of Leinster aus dem elften Jahrhundert steht, wird er folgendermaßen geschildert:

Hier hauste einst
Ein hoher Abgott vieler Kämpfe,
Der Cromm Cruaich genannt,
Und raubte jedem Stamm den Frieden.

Ruhmlos zu seinen Ehren
Opferten sie ihre armen Kinder
Mit viel Klagen und Gefahr,
Gossen sie ihr Blut über Cromni Cruaich.

Milch und Getreide
Forderten sie drängend von ihm,
Im Tausch für ein Drittel ihrer gesunden Jugend -
So groß war ihr Schrecken vor ihm.

Vor ihm warfen die edlen Gälen
Sich demütig nieder;
Nach den blutigen Opfern, die ihm dargebracht,
Heißt die Ebene nun »Die Ebene der Anbetung«.

Schrecklich schlugen sie
sich in die Hände, droschen ihre Körper,
Zu dem Ungeheuer flehend, das sie versklavte,
Und ihre Tränen floßen in Sturzbächen.

In einer Reihe stehen
Zwölf Idole aus Stein;
Um schmerzlich das Volk zu verzaubern,
War die Figur des Cromm aus Gold.

Seit der Herrschaft Heremons,
Des edlen und barmherzigen,
hielt diese Anbetung der Steine an
Bis der gute Patrick von Macha kam.

Es ist recht wahrscheinlich, daß dieser Kult in Irland unter der Herrschaft Heremons, des neunzehnten Königs von ganz Irland, eingeführt wurde, dessen Thronbesteigung traditionell auf 1267 v. Chr. datiert wird, wiewohl Joyce, eine zuverlässige moderne Autorität auf diesem Gebiet, das Jahr 1015 v. Chr. angibt. Heremon, einer der aus Spanien eingedrungenen Milesier, wurde durch seinen Sieg über die Heere des Nordens einziger Monarch Irlands und erlegte seinen Feinden schwere Tribute auf.
[Die Milesier kamen, wie es in der irischen Sage heißt, im frühen zweiten Jahrhundert v. Chr. aus Griechenland und erreichten Irland über Wanderungen durch den Mittelmeerraum erst nach vielen Generationen.
Die Milesier der griechischen Sage behaupteten, von Miletos abzustammen, einem Sohn des Apollon, der sehr früh von Kreta nach Karien auswanderte und die Stadt Miletos erbaute; in Kreta gab es eine andere Stadt gleichen Namens. Ähnlich behaupteten auch die irischen Milesier, in Kreta gewesen und von dort nach Syrien gezogen zu sein, und von dort über Karenia in Kleinasien nach Gaetulia in Nordafrika, Baelduno oder Baelo, einem Hafen bei Cadiz, und Breagdun oder Brigantium (heute Compostela) im Nordwesten Spaniens. Zu ihren Vorfahren zählt Gadel - vielleicht eine Gottheit des Flusses Gadylum an der Südküste des Schwarzen Meeres, nahe Trapezunt; »Niulus oder Neolus von Argos«; Kekrops von Athen; und »Scota, die Tochter des Königs von Ägypten«.
Wenn dieser Bericht irgendeinen Sinn hat, so bezieht er sich auf eine Westwanderung aus der Ägäis nach Spanien im späten dreizehnten Jahrhundert v. Chr., als, wie wir sahen, eine indoeuropäische Wanderungswelle aus dem Norden, unter ihnen die Dorer, allmählich die mykenischen See-Völker aus Griechenland, von den ägäischen Inseln und aus Kleinasien vertrieb.
Neleus (falls dieser der »Niulus oder Neolus« der irischen Sage ist) war ein Minyer, ein äolischer Grieche, der über Pylos, ein peloponnesisches Königreich, herrschte, das extensiven Handel mit dem westlichen Mittelmeerraum betrieb. Die Achäer besiegten ihn in einer Schlacht, aus der nur sein Sohn Nestor (zur Zeit des trojanischen Krieges ein geschwätziger Alter) entkam. Neleus galt als Sohn der Göttin Tyro, und diese war auch die Mutter des Minyers Alson, der im Kessel Verjüngung erfuhr, und Amythaons - wiederum Amythaon? Tyro war wahrscheinlich die Göttin der Tyrener, die ein oder zwei Jahrhunderte später aus Kleinasien vertrieben wurden und übers Meer nach Italien fuhren. Diese Tyrener, für gewöhnlich Etrusker genannt, datierten die Entstehung ihres Volkes auf das Jahr 967 v. Chr. Kekrops erscheint in der griechischen Sage als erster König von Attika und als angeblicher Begründer der Gerstebrot-Opfer für Zeus. Scota, die in der irischen Sage mit der Ahnfrau der Cotter verwechselt wird, ist anscheinend Skotia (»Die Dunkle«), ein verbreiteter griechischer Titel der Meeresgöttin von Zypern. Die Milesier brachten natürlich, falls es sich so verhielt, den Kult dieser Meeresgöttin und ihres Sohnes Herakles nach Irland und fanden die notwendigen Steinaltäre bereits vor.
Auf der Peloponnes waren die olympischen Spiele ein Anlaß, den Tod dieses agrarischen Herakles und die Wahl seines Nachfolgers zu feiern. Die Sage berichtet, daß sie zum Andenken an die Kastration des Kronos durch Zeus begründet wurden; nachdem sich in Olympia das Grab des frühachäischen Eichen-Königs Pelops befindet, können wir schließen, daß dort der Eichenkult auf den pelasgischen Gerstekult aufgepfropft wurde. Der älteste Teil der Spiele war ein Wettlauf von fünfzig jungen Priesterinnen der Göttin Hera um das Privileg, die neue Oberpriesterin zu werden. Vorher wurde der Herakles in Stücke geschnitten und eucharistisch verzehrt, bis wahrscheinlich die Achäer später diesem Brauch ein Ende setzten, und noch Jahrhunderte lang erhielten sich manche Merkmale seines Eichenkultes: er wurde der »Grüne Zeus« genannt. Die Opferung des agrarischen Herakles oder des an seiner Statt dargebrachten Opfers fand weiterhin in einem der Gerste-Mutter gewidmeten Steinzirkel statt. In Hermion, nicht weit von Korinth, wurde der Steinkreis noch in christlicher Zeit rituell gebraucht.
Der Herakles von Kanopos, oder der Himmlische Herakles, ist eine Verschmelzung der beiden ersten Herakles-Typen mit Asklepios, dem Gott der Heilkunst, der seinerseits eine Verschmelzung des Gerste-Gottes mit einem Feuer-Gott ist. Asklepios wird von den Mythographen als Sohn des Apollon bezeichnet, zum Teil deshalb, weil Apollon in klassischer Zeit mit dem Sonnengott Helios gleichgesetzt wurde; zum Teil auch, weil die Priesterschaft des Asklepios-Kultes, die aus dem Kult des Thoth, des ägyptischen Gottes der Heilkunst und Erfinders der Buchstaben, hervorgegangen war, aus Phönizien vertrieben worden war und auf den Inseln Kos, Thaos und Delos Zuflucht gefunden hatte, wo damals Apollon die herrschende Gottheit war.
Als Herodot im fünften Jahrhundert v. Chr. versuchte, von den ägyptischen Priestern Informationen über den kanopischen Herakles zu erlangen, nannten sie ihm Phönizien als Land seiner Herkunft. Wir wissen aber, daß der phönizische Herakles Melkarth (»König der Stadt«) jedes Jahr starb, und daß die Wachtel der Vogel seiner Wiedergeburt war; und das heißt, daß der neue König seine königliche Hochzeit feierte, sobald die Wachtel Anfang März auf ihrem Zug aus dem Süden in Phönizien eintraf und die Eiche ihr erstes Laub ansetzte. Melkarth erwachte zu neuem Leben, als Esmun (»Er, den wir anrufen«), der lokale Asklepios, ihm eine Wachtel unter die Nase hielt. Die Wachtel ist für ihre Kampflust und Geilheit bekannt. Aber in Kanopos, im Nildelta, sind die Kulte von Melkarth und Esmun, oder Herakles und Asklepios, anscheinend von ägyptischen Philosophen vermischt worden: Herakles wurde als Heiler und als Geheilter zugleich verehrt. Apollon selbst war angeblich auf Ortygia (»Wachtel-Insel«), dem Inselchen vor Delos, geboren worden. Daher ist Apollon in gewissem Sinn auch der kanopische Herkules er ist Apollon, Asklepios (alias Kronos, Saturn oder Bran), Thoth, Hermes (den die Griechen mit Thoth gleichsetzten), Dionysos (der in frühen Sagen ein anderer Name des Hermes war), und Melkarth, dessen Priester der König Salomon als Schwiegersohn des Königs Hiram war, und der sich, wie Herakles von Oeta, auf einem Scheiterhaufen opferte. Herakles Melkarth wurde in Korinth auch unter dem Namen Mellkertes, Sohn der pelasgischen Weißen Göttin Ino von Pelion, verehrt.
Noch berühmter war Herakles als Himmlischer Herakles. Die Mythographen berichten, daß er für die Heimreise von seinen Arbeiten den goldenen, wie eine Wasserlille oder ein Lotus geformten Becher der Sonne ausborgte. Dies war der Becher, in dem die Sonne, nachdem sie im Westen versunken war, allnächtlich über den weltumspannenden Ozeanstrom wieder nach Osten schwamm. Der Lotus, der wächst, wenn der Nil Hochwasser führt, versinnbildlicht Fruchtbarkeit und ist daher mit dem ägyptischen Sonnenkult verwandt. Tatsächlich war »Herakles« im klassischen Griechenland ein anderer Name für die Sonne. Der Himmlische Herakles wurde als unsterbliche Sonne und zugleich als immer wieder sterbender und immer wieder verjüngter Geist des Jahres verehrt - d. h. sowohl als Gott wie auch als Halbgott. Dies ist der Typ eines Herakles, den die Druiden als Ogma-Sonnengesicht, den in ein Löwenfell gekleideten Erfinder der Buchstaben, den Gott der Beredsamkeit, [2] den Gott der Heilkunst, den Gott der Fruchtbarkeit, den Gott der Prophetie verehrten; und den die Griechen als »Zuweiser der Titel«, als Vorsitzenden der Feste, als Begründer von Städten, als Heiler der Kranken, als Patron der Bogenschützen und Athleten verehrten.
Herakles wird in der griechischen Kunst als stiernackiger Sportler dargestellt, und aus praktischen Gründen können wir ihn mit dem Halbgott Dionysos von Delphi gleichsetzen, dessen Totem ein weißer Stier war. Plutarch von Delphi, ein Priester des Apollon, vergleicht in seinem Bericht über Isis und Osiris die Riten des Osiris mit jenen des Dionysos. Er schreibt:

»Die Geschichte von den Titanen und der Nacht der Vollendung entspricht dem, was in den Riten des Osiris als das >In-Stücke-Reißen<, >Wiederbelebung< und >Erneuerung< bezeichnet wird. Dasselbe gilt für die Begräbnisriten. In vielen ägyptischen Städten finden sich Sarkophage des Osiris; ähnlich behaupten wir in Delphi, daß die Überreste des Osiris nahe bei der Orakelstätte begraben sind, und unsere geweihten Priester bringen im Heiligtum des Apollon, zu der Zeit, da das göttliche Kind von den Thyiaden auferweckt wird, ein geheimes Opfer dar.«

So können wir Herakles als anderen Namen für Osiris auffassen, dessen jährlicher Tod in Ägypten noch heute, nach dreizehn Jahrhunderten des Islam, gefeiert wird. Heute wird Gummi als traditionelles Fruchtbarkeitssymbol verwendet; gehörig zusammengedrückt, bringt er noch immer die gleichen Lachtöne und Schmerzensschreie hervor wie in den Tagen Josephs des Ernährers und Josephs des Zimmermannes.
Plutarch unterscheidet genau zwischen Apollon (Herakles als Gott) und Dionysos (Herakles als Halbgott). Dieser Apollon stirbt niemals, verändert nie seine Gestalt; er ist ewig jung, stark und schön. Dionysos verwandelt sich ständig, wie der pelasgische Gott Proteus oder der Minyer Perklymenos, Sohn des Neleus, der der alt-Irische Uath Mac Immomuln (»Schreckenssohn des Entsetzens«) ist, in unendlich vielen Gestalten. So hält Pentheus in den Bakchen des Euripides ihm vor, er erscheine als »wilder Stier, als vielköpfige Schlange oder als feuerspeiender Löwe« - wie es ihm beliebe . Es sind beinah genau die Worte des walisischen Barden Cynddelw, eines Zeitgenossen von Gruffudd ap Kynan.
In Britannien war Amathaon also Herakles als Dionysos; sein Vater Beli war Herakles als Apollon.
Plutarch enthüllt in seiner Abhandlung Das E in Delphi mehr über die orphischen Geheimlehren, als er eigentlich preisgeben will:

»Um die mannigfaltigen Verwandlungen des Dionysos in Winde, Wasser, Erde, Steine, blühende Pflanzen und Tiere zu bezeichnen, verwenden sie die rätselhaften Ausdrücke >Zerstücken< und >Glied von Glied reißen<. Und sie nennen den Gott >Dionysos< oder >Zagreus< (>der Zerrissene<) oder >Die Nachtsonne< oder >Den Unparteiischen Geber<, und berichten von verschiedenen Zerstörungen, von Verschwinden und Wiedergeburt und Auferstehung, womit sie mythographisch erklären, wie diese Veränderungen sich zugetragen haben.«

Daß Gwion Herakles als anderen Namen für Ogma Sonnengesicht, den Erfinder des Ogham-Alphabets kannte, geht ganz klar aus seiner Elegie auf »Ercwlf« hervor, wo das Alphabet in Gestalt der vier, aus je fünf Buchstaben zusammengesetzten Säulen erscheint, die das ganze Gebäude der Literatur tragen:

MARWNAD ERCWLF
Die Erde dreht sich,
So folgt die Nacht auf den Tag.
Wann lebte der berühmte
Ercwlf, der Herr der Taufe?
Ercwlf sagte,
Er achte nicht des Todes.
Der Schild von Mordei
Ward gebrochen von ihm.
Ercwlf errichtete
Mit heftigem Ungestüm
Vier Säulen von gleicher Höhe,
Mit rotem Gold verkleidet,
Ein Werk, nicht leicht zu glauben,
Und leicht wird es nicht geglaubt.
Die Hitze der Sonne bedrückte ihn nicht;
Keiner kam näher dem Himmel
Als er es tat.
Ercwlf der Mauern-Zerbrecher,
Du bist unter dem Sand;
Möge die Dreifältigkeit Dir
Einen gnädigen Tag des Gerichts schenken.

»Der Schild von Mordei« ist eine Anspielung auf die berühmte Schlacht von Catterick Bridge, im späten sechsten Jahrhundert n. Chr.: In Mordei warf er nieder die Mächtigen.
Der »er« ist ein britischer Held namens Erthgi, wahrscheinlich eine Reinkarnation von Ercwlf, der »im Morgengrau nach Catterick zog, mit dem Aussehen eines Fürsten auf dem Schilder-bewehrten Schlachteld«. Die Bezeichnung des Herakles als »Herrn der Taufe« setzt ihn mit Johannes dem Täufer gleich, zu dessen Ehren in Gwions Tagen die Mitsommerfeuer des Herakles entzündet wurden. Wie James Frazer ausführt, war der Mittsommertag immer ein Wasser- wie auch ein Feuer-Fest. »Möge die Dreifaltigkeit Dir einen gnädigen Tag des Gerichts schenken« spricht für Gwions Auffassung, daß Herakles »in limbo patrum« weilte - am Ort der Gerechten, die vor Jesus Christus gestorben waren. Sie übernahmen sie vom Heiligen Johannes, und dieser hatte sie von den Hemero-Baptisten übernommen, einer geheimnisvollen hebräischen Sekte, die meist als Zweig der pythagoreischen Essener gelten, die Jahwe in seinem Aspekt als Sonnengott verehrten. Merken wir an, daß die Anbeter der thrakischen Göttin Kotytto, der Stamm-Mutter der Kotter, das Amt von »Täufer« genannten Mystagogen kannten - ob sie so hießen, weil sie die Gläubigen vor den Orgien tauften, oder weil ihnen das rituelle Eintauchen (Färben) von Kleidern und Haaren oblag, ist strittig - und daß die alten Iren wie auch die alten Briten die Taufe kannten, bevor die Christen kamen. Dies berichten die irischen Sagen von ConallDerg und Conall Kernach, sowie die walisische Sage von Gwrz of the Golden Hair.
Taliesins Name bedeutet im Walisischen »strahlende Stirn«, ein Merkmal Apollons, aber die Silbe »tal« ist oft in den ursprünglichen Namen des Herakles enthalten. In Kreta war er Talos, der Bronzemann, den Medea tötete. In Pelasgien war er der gemarterte Tan-talos, der in der Unterwelt seine sprichwörtlichen Qualen ertrug. Die irischen Tailltean-Spiele sind wahrscheinlich nach einem agrarischen Herakles benannt, dessen Name als erste Silbe »tal« enthielt.

In Syrien hieß er Talmen. In Griechenland war er der Atlas Telanon, und »Atlas« stammt, wie »Telamon«, aus der Wurzel Tla oder Tal, die sinngemäß soviel bedeutet wie »auf sich nehmen«, »wagen«, »erleiden«. MacCulloch meint, daß »Taliesin« auch ein göttlicher Name sei und daß, wenn in der Romance of Taliesin eine schwarze Henne ein Getreidekorn verschluckt, damit erwiesen sei, daß Taliesin auch ein Gerste-Gott war.
Jetzt aber ist es an der Zeit, das Dickicht enger einzukreisen, wo, wie wir wissen, der Rehbock steht. Und hören wir hier ein Jagdlied aus Gwions Gedicht Angar Cysyndawd:

Ich war ein Rehbock auf dem Berg
Ich war ein Baumstumpf auf einer Schaufel
Ich war eine Axt in der Hand.

Aber wir müssen die Zeilen des Couplets umstellen, weil logischerweise zuerst die Axt kommt, wenn der Baum gefällt werden soll, und weil man nicht den Baumstumpf auf die Schaufel nehmen kann, bevor er zu Asche verbrannt ist - die anschließend zum Düngen der Felder benutzt wurde. Also:

Ich war ein Rehbock auf dem Berg
Ich war eine Axt in der Hand
Ich war ein Baumstumpf auf einer Schaufel.

Betrachten wir noch einmal aufmerksam die Namen der fünfzehn Konsonanten des Boibel-Loth oder des Babel-Lota, so entdecken wir klare Entsprechungen zur griechischen Sage. Nicht nur zwischen »Taliesin« und »Talus«, »Teilmon« und »Telamon«, sondern auch zwischen »Moiria« und den »Moirai«, den drei Parzen; und zwischen »Callep« und »Kalypso«, der Tochter des Atlas, deren Insel Ogygia - von Plutarch in der Irischen See lokalisiert - durch genau den gleichen Zauber beschützt wurde wie Morgan Le Fayes Avalon, wie Cerridwens Caer Sidi oder Niamh Goldenhaars » Land der Jugend«. Übertragen wir die ganze Folge der Buchstabennamen auf die nächstliegenden griechischen Wörter, die irgendwie einen Sinn ergeben, verwenden wir lateinische Buchstaben und berücksichtigen wir ferner den Unterschied zwischen griechischen und irischen Vokalen (das I ist im Irischen ein Hilfslaut, der benutzt wird, um einen langen Vokal zu kennzeichnen) sowie die Vertauschung von Buchstaben. Behalten wir auch das Digamma (F für V) in solchen griechischen Worten bei, in denen es ursprünglich stand, wie etwa in ACHAIVA und DAVIZO, und setzen wir das äolische A für ein gedehntes E ein, wie in FOREMENOS, NE-EGATOS oder GETHEO.
Dann erzählen die Konsonanten die bekannte Geschichte des Herakles in drei Kapiteln von je fünf Worten:[3]

BOIBEL B BOIBALION  Ich, das Rehbock-Kitz (oder Antiolopenbullen-Kalb)
LOTH L LOTO-  Auf dem Lotus
FORANN F FORAMENON Übergesetzt
SALIA S SALOOIMAI Taumele hin und her
NEIAGADON N NEAGATON Neugeboren
UIRIA H URIOS Ich, der Wächter der Grenzen (oder der Wohltätige)
DAIBHAITH D DAVIZO Spalte Holz
TEILMON T TELAMON
oder TLAMON
 ich, der Leidende
CAOI C CAIOMAI Ich werde vom Feuer verzehrt,
CAILEP CC CALYPTOMAI Verschwinde
MOIRIA M MOIRAO  Ich verteile,
GATH G GATHEO Ich frohlocke,
NGOIMAR NG GNORIMOS Ich, der berühmte,
IDRA Y IDRYOMAI Bekunde,
RHEA R RHEO Ich fließe hinweg.

Die Vokale erzählen keine solche Geschichte, aber sie bezeichnen die Wanderung des Herakles durch die fünf Stationen des Jahres, versinnbildlicht durch die fünf Blütenblätter des Lotuskelches - Geburt, Initiation, Hochzeit, Rast von der Arbeit, und Tod.

  • ACHAIVA - Die Spinnerin - ein Titel der Demeter, der Weißen Göttin. (Vergl. auch Acca im römischen Herkules-Mythos, sowie Akko, das kinderversclingende griechische Schreckgespenst  
  • OSSA - Ruhm. - (Auch der Name eines heiligen Berges in Magnesia und eines heiligen Hügels bei Olympia.)
  • URANIA - Die Königin des Himmels. - Das Wort ist vielleicht abgeleitet aus ouros, Berg, und ana, Königin. Aber Ura (oura) heißt der Schwanz des Löwen (der der Berggöttin und Himmelskönigin Anatha heilig war), und nachdem der Löwe seinen Zorn mit peitschendem Schwanz zum Ausdruck bringt, könnte das Wort auch bedeuten: »Königin mit dem Löwenschwanz«; das griechische Wort für die ägyptische Natterkrone, die die Pharaonen kraft Mutterrechts trugen, lautete mit Sicherheit »Uraios«, was soviel heißt wie »Löwenschwanz«; die Natter war der gleichen Göttin heilig.
  • (H)ESYCHIA - Ruhe. Das Wort ist wahrscheinlich dem keltischen Gott Esus zu Ehren abgekürzt, den ein gallisches Basrelief zeigt, wie er festliche Zweige pflückt - mit einer linken Hand an der Stelle, wo seine rechte sein sollte.
  • IACHEMA - Kreischen oder Zischen.

Der boibalis oder boibalus (auch bubalis oder bubalus) ist der grausame weiße Antilopenbulle oder leukoryx Libyens, aus dessen Hörnern die Phönizier laut Herodot die geschwungenen Bögen ihrer Lyren fertigten - mit denen sie den Herakles Melkarth feierten.
Gwions Version des Alphabets, in der Rhea für Riuben steht, ist älter als O'Flahertys Version, falls nämlich bei O'Flaherty »Ruiben« für Rymbonao steht, »ich schwinge wieder umher«  - ein Wort, das erstmals im zweiten Jahrhundert n. Chr. in Gebrauch kam; der Unterschied zwischen Gwions »Salome« und O'Flahertys »Salia« weist ebenfalls darauf hin, daß Gwion eine ältere Version vorlag. Der Umstand, daß er »Telamon« zu »Taliesin« abwandelte, zeigt, daß er Talasinoos, »der, der zu leiden wagt«, als Alternative zu »Telamon« anbietet, was die gleiche Bedeutung hat.

Neesthan, die in der Septuaginta gebrauchte griechische Umschreibung von »Nehuschtan« (2, Könige, 18,4), ist, als Äquivalent für ne-agaton, etwas rätselhaft. Aber nachdem Nehuschtan ein Schimpfname war (er bedeutete »ein Stück Messing«, und es heißt, der König Hesekiel habe ihn der therapeutischen Schlange oder dem Seraph verliehen, als seine Untertanen diesen götzendienerisch anbeteten), ist es gut möglich, daß Gwion den ursprünglichen heiligen Namen als das griechische Wort Neo-sthenios oder Neo-sthenaros verstand, »mit neuer Kraft« - ein Wort, auf das »Nehuschtan« eine hebräische Parodie war. Daraus würde folgen, daß ein Jude aus Hellenistischer Zeit, und nicht Hesekiel den parodierenden Namen erfunden hätte; was auch historisch plausibler ist als der Bericht der Bibel. Denn es ist nicht einleuchtend, daß Hesekiel am Götzendienst Anstoß genommen hätte: die Juden versuchten erst in der Zeit nach dem Exil, die Götzen abzuschaffen.
Doch obgleich wir nun die geheime Geschichte des Jahres-Geistes erfahren haben, bleibt der Name des transzendenten Gottes noch immer verborgen. Es ist naheliegend, ihn bei den Vokalen zu suchen, die von der in den Konsonanten erzählten Herakles-Geschichte getrennt sind; aber Hund, Kiebitz und Rehbock haben anscheinend nach der Schlacht der Bäume Klugheit gelernt und ihn noch tiefer als zuvor versteckt.
Gwion kannte offenbar den Namen, und es war dieses Wissen, das ihm an Maelgwns Hof Autorität verlieh. Er sagt in dem Cyst Wy'r Beirdd (»Tadel der Barden«):

Wenn du den mächtigen Namen nicht kennst,
Schweig still, Heinin!
Über den erhabenen Namen
Und den mächtigen Namen ...

Wir dürfen am ehesten hoffen, ihn zu erraten, wenn wir zuerst herausfinden, welches der Name war, den Gwion mit Amathaons Hilfe zu entdecken vermochte, und dann sehen, wie er seine Entdeckung weiterentwickelte.