Palamedes und die Kraniche

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Studien

Was mich an dieser Untersuchung am meisten interessiert, ist der Unterschied, der immer wieder zwischen den poetischen und den prosaischen Methoden des Denkens auftritt. Die prosaische Methode wurde von den Griechen der klassischen Epoche erfunden, als Absicherung der Vernunft gegen die Überschwemmung mit mythographischen Phantasien. Heute ist sie die einzig legitime Methode der Übermittlung nützlichen Wissens. Und in England wie in den meisten übrigen merkantilen Nationen neigt man allgemein zu der Auffassung, daß »Musik« und eine altmodische Diktion die einzigen Merkmale der Poesie seien, die sie von der Prosa unterschieden: daß jedes Gedicht ein exaktes, eindeutig benennbares Äquivalent in Prosa hat oder haben sollte. Infolgedessen ist das dichterische Vermögen jedes Gebildeten, der sich nicht privat um dessen Pflege bemüht, verkümmert: ähnlich, wie die Fähigkeit, Bilder zu verstehen, bei den arabischen Beduinen verkümmert ist. (T. E. Lawrence fertigte einmal eine Buntstiftskizze von einem arabischen Scheich an und zeigte sie den Männern seines eigenen Clans. Sie reichten das Blatt von Hand zu Hand, aber die annäherndste Vermutung, was es wohl darstellen mochte, kam von einem Mann, der den Fuß des Scheichs für ein Büffelhorn hielt.) Und aus dieser Unfähigkeit, poetisch zu denken - Sprache in ihre ursprünglichen Bilder und Rhythmen aufzulösen und diese auf verschiedenen simultanen Ebenen des Denkens zu einem komplexen Sinn wieder zusammenzusetzen - resultiert das Unvermögen, in Prosa klar zu denken. In Prosa denkt man jeweils nur auf einer Ebene, und Wortkombinationen brauchen jeweils nicht mehr als einen einzigen Sinn zu enthalten; gleichwohl müssen die in den Wörtern enthaltenen Bilder klar aufeinander abgestimmt sein, falls der Text einen Witz haben soll. Diese einfache Anforderung wird oft vergessen, und was heute als einfache Prosa durchgeht, ist ein mechanisches Aneinanderreihen stereotyper Wortgruppen, ohne Rücksicht auf die in ihnen enthaltenen Bilder. Der mechanische Stil, der im Kontor erfunden wurde, hat inzwischen auch die Universität erobert, und manche der groteskesten Beispiele dafür finden sich in den Werken bedeutender Gelehrter und Theologen. Mythographische Aussagen, die den wenigen Dichtern, die noch immer in poetischer Kurzschrift zu denken und zu sprechen vermögen, völlig einsichtig sind, erscheinen fast allen Literaturwissenschaftlern als unsinnig oder kindisch. Ich meine Aussagen wie: »Merkur erfand das Alphabet, nachdem er den Flug der Kraniche beobachtet hatte«, oder »Menw ab Teirgwaedd sah drei Ebereschenreiser aus der Mündung des Einigan Fawr wachsen, auf denen alles Wissen und alle Wissenschaft geschrieben stand.« Das höchste, was diese Gelehrten den Gedichten Gwions bislang zugestanden, ist, daß sie »wild und erhaben« seien; und sie haben nie die Annahme in Frage gestellt, daß er, seine Kollegen und sein Publikum Menschen von verkümmerter oder unbeherrschter Intelligenz waren.
Der Witz daran ist, daß der Gelehrte, je prosaischer gesonnen, für um so fähiger gehalten wird, die alten poetischen Bedeutungen zu interpretieren, und daß kein Gelehrter es wagt, sich als Autorität auf mehr als einem eng begrenzten Gebiet zu verstehen, weil er fürchtet, die Mißbilligung und den Argwohn seiner Kollegen auf sich zu ziehen. Nur über eine Sache Bescheid wissen zu wollen, das ist eine barbarische Gesinnung: wahre Kultur verlangt eine spielerische Beziehung aller Erfahrungen auf eine humane Denkweise. Unsere gegenwärtige Epoche ist besonders barbarisch. Bringen wir z. B. einen Hebraisten mit einem Ichthyologen oder einem Fachmann für dänische Ortsnamen zusammen, und die beiden werden kein gemeinsames Thema haben, außer dem Wetter oder dem Krieg (falls es zufällig gerade einen Krieg gibt, was in diesem barbarischen Zeitalter die Regel ist). Daß so viele Gelehrte Barbaren sind, macht aber nicht viel aus, solange einige von ihnen bereit sind, ihr Spezialwissen in den Dienst der wenigen unabhängigen Denker zu stellen, nämlich der Dichter, die versuchen, die Kultur lebendig zu erhalten. Der Gelehrte ist ein Steinklopfer, kein Baumeister, und wir verlangen von ihm lediglich, daß er saubere Steine aushaut. Er ist die Versicherung des Dichters gegen den Faktenirrtum. Nur allzu leicht kann der Dichter in dieser hoffnungslos verworrenen und inexakten Welt zu falschen Etymologien, Anachronismen und mathematischen Absurditäten gelangen, falls er zu sein versucht, was er nicht ist. Seine Auf gäbe ist die Wahrheit, die des Gelehrten ist das Faktum. Das Faktum darf nicht geleugnet werden; das Faktum ist sozusagen ein Volkstribun ohne legislative Rechte, einzig mit dem Vetorecht ausgestattet. Das Faktum ist nicht die Wahrheit, aber ein Dichter, der dem Faktum vorsätzlich trotzt, kann nicht zur Wahrheit gelangen.
Die Geschichte von Merkur und den Kranichen findet sich in den Fabeln des Caius Julius Hyginus, der, wie der immer gut informierte Sueton mitteilt, aus Spanien stammte, ein freigelassener Sklave des Kaisers Augustus, der Kurat der palatinischen Bibliothek und ein Freund des Dichters Ovid war. Und wie Ovid fiel er gegen Ende seines Lebens beim Kaiser in Ungnade. Falls er der gelehrte Autor der ihm zugeschriebenen Fabeln ist, so wurden diese seither von ungelehrten Bearbeitern gekürzt und verpfuscht; aber es ist nicht zu leugnen, daß sie antikes mythologisches Material von großer Bedeutung enthalten, das sich nirgendwo anders findet. In seiner letzten Fabel (277) berichtet Hygin:

  1. Daß die Schicksalsgöttinnen sieben Buchstaben erfanden: Alpha (Omikron), Upsilon, Eta, Iota, Beta und Tau.
    Oder aber, daß Merkur sie erfand, nachdem er den Flug der Kraniche beobachtet hatte, »die im Fluge Buchstaben formen«.
  2. Daß Palamedes, Sohn des Nauplios, sieben weitere erfand.
  3. Daß Epicharm von Sizilien Theta und Chi hinzufügte (oder Psi und Pi).
  4. Daß Simonides Omega, Epsilon, Zeta und Psi hinzufügte (oder Omega, Epsilon, Zeta und Phi).

Mit keinem Wort wird Kadmos der Phönizier erwähnt, dem üblicherweise die Erfindung des griechischen Alphabets zugeschrieben wird, dessen Zeichen ja unbestreitbar vom phönizischen Alphabet übernommen sind. Die Aussage über Epicharm ist unsinnig, falls wir nicht annehmen wollen, daß »von Sizilien« eine törichte, in den Text eingefügte editorische Anmerkung ist. Simonides war ein bekannter griechischer Dichter des sechsten Jahrhunderts v. Chr., der das kadmeische griechische Alphabet gebrauchte und es in seinen Manuskripten um etliche neue Zeichen erweiterte, die später in ganz Griechenland übernommen wurden; und Epicharm von Sizilien, jener bekannte Komödienschreiber, der nicht viel später lebte und ein Mitglied der Familie des Asklepios zu Kos war, erschien dem Bearbeiter der Fabeln offenbar als plausibler Co-Autor des Simonides.

Die ursprüngliche Sage verweist eher auf einen anderen, viel früheren Epicharm, einen Vorfahren des Autors der Komödien. Und die Asklepiaden führten ihren Stammbaum auf Asklepios oder Äskulap zurück, den Sohn Apollons und Ärzte-Gott von Delphi und Kos, und sie behaupteten, kostbare therapeutische Geheimnisse von ihm ererbt zu haben. Die Ilias erwähnt zwei Asklepiaden als Ärzte in den Reihen der Griechen bei der Belagerung Trojas. Und was Palamedes betrifft, den Sohn des Nauplios, so wird ihm von Philostratus, dem Lemnier, und vom Schollast zu Euripides' Orest nicht nur die Erfindung des Alphabets, sondern auch die des Leuchtturms, der Maße, der Waage, des Diskus sowie der »Kunst, Wachen aufzustellen«, zugeschrieben. Er nahm als Bundesgenosse der Griechen am trojanischen Krieg teil und erhielt nach seinem Tode einen Heroentempel an der mysischen Küste Kleinasiens, gegenüber Lesbos.

Die drei Parzen sind die Dreifältige Göttin in aufgespaltener Form, und sie treten in der griechischen Mythologie auch als die Drei Grauen oder Drei Musen auf.
Die ersten beiden Aussagen des Hygin beziehen sich also auf die »dreizehn Buchstaben«, die manchen Quellen zufolge (wie Diodorus Siculus meint) das »pelasgische Alphabet« bildeten, bevor Kadmos sie auf sechzehn vermehrte. Diodor meint offenbar dreizehn Konsonanten, nicht aber insgesamt dreizehn Buchstaben, die ja nicht ausgereicht hätten. Andere Quellen meinen, es seien nur zwölf gewesen. Aristoteles jedenfalls nennt für das erste Alphabet dreizehn Konsonanten und fünf Vokale, und seine Buchstabenreihe entspricht exakt jener des Beth-Luis-Nion, nur daß er Zeta für den H-Hauchlaut und Phi für F einsetzt - doch zumindest im Falle Phi sprechen frühe epigraphische Dokumente gegen ihn. Und dies ist nicht der einzige Hinweis auf das pelasgische Alphabet. Der byzantinische Grammatiker Eustathius zitiert einen alten Kommentar zur Ilias, 11, 841, der besagt, daß die Pelasger als dioi (»göttlich«) bezeichnet wurden, weil sie allein unter allen Griechen nach der Sintflut den Gebrauch der Buchstaben beibehalten hatten - und mit der Sintflut meinten die Griechen jene Flut, die Deukalion und Pyrrha überlebten. Pyrrha, »die Rote«, ist möglicherweise die Göttin-Mutter der Puresati oder Pulesati der Philister.
Von den Lykern Kleinasiens meint Herodot, sie seien aus Kreta gekommen; wie auch ihre Nachbarn, die Karer, die mit den Lydern und Mysern verwandt zu sein behaupteten und etwa die gleiche barbarische, d. h. nicht-griechische Sprache sprachen. Die Karer, einst zum minoischen Reich gehörend, hatten zwischen dem Fall von Knossos, 1400 v. Chr., und der dorischen Einwanderung, 1050 v. Chr., die Ägäis beherrscht. Für Herodot waren die Lyker die am wenigsten gräzisierten unter diesen vier Völkern, und er berichtet, daß bei ihnen die Erbfolge nach der Mutter und nicht nach dem Vater ging. Die Unabhängigkeit der Frau von männlicher Vormundschaft und die matrilineare Erbfolge waren gemeinsame Merkmale aller Völker von kretischer Herkunft; und dieses System blieb in Kreta noch lange nach der Eroberung durch die Griechen erhalten. Firmicus Maternus berichtet davon noch im vierten Jahrhundert n. Chr. [1] Die Lyder bewahrten sich eine andere Spur dieses Systems - die Mädchen prostituierten sich vor der Ehe und verfügten nach eigenem Gutdünken über ihren Verdienst und ihre Person.
Palamedes herrschte also über die Myser, die kretischer Abkunft waren, aber er hatte einen griechischen Vater; sein Name bedeutet wahrscheinlich »der Alten eingedenk«, und er half den drei Moiren (den drei Musen) bei der Schaffung des griechischen Alphabets. Doch die Alten wußten ebensogut wie wir Heutigen, daß alle dem Palamedes zugeschriebenen Erfindungen aus Kreta stammten. Aus alledem folgt, daß ein griechisches Alphabet, das nicht auf einem phönizischen, sondern auf einem kretischen Vorbild basierte und aus fünf Vokalen und dreizehn Konsonanten bestand, von Epicharm, einem frühen Asklepiaden, auf fünf Vokale und fünfzehn Konsonanten erweitert wurde.
Warum aber nennt Hygin nicht die elf Konsonanten des Palamedes, wie er auch die ursprünglich sieben Buchstaben und die von Epicharm und Simonides hinzugefügten benannte? Hier müssen wir erst einmal herausfinden, warum er gerade Beta und Tau als jene zwei Konsonanten nennt, die gleichzeitig mit den fünf Vokalen von den drei Moiren erfunden wurden.
Simonides, der auf Keos Geborene, führte in Athen, wo er lebte, die Doppelkonsonanten Psi und Xi ein, die Unterscheidung zwischen den Vokalen Omikron und Omega (kurzes und langes O), sowie die Unterscheidung zwischen den Vokalen Eta und EpsiIon (langes und kurzes E). Diese Abwandlungen wurden dort aber erst unter der Archontie des Euklid (403 v. Chr.) allgemein übernommen. Dem Eta, das sich auf diese Weise vom Epsilon unterschied, wurde das Zeichen H beigestellt, das bislang zum Hauchlaut H gehört hatte; und der Hauchlaut H war nur noch ein »hartes Hauchen«, ein kleiner abnehmender Mond, während sein Fehlen in einem Wort, das mit einem Vokal begann, durch ein »weiches Hauchen«, einen zunehmenden Halbmond, gekennzeichnet wurde. Das Digamma F (das wie W gesprochen wurde) war als attischer Buchstabe lange vor Simonides' Tagen verschwunden und wurde in vielen Wörtern durch den Buchstaben Phi ersetzt, der erfunden worden war, um den Laut FF wiederzugeben, der bislang als Ph geschrieben worden war. Bei den äolischen Griechen aber wurde das Digamma etliche Generationen länger beibehalten, und bei den Dorern (die es am lärigsten behielten) verschwand es eben während der Archontie des Euklid - tatsächlich etwa um die gleiche Zeit, als Gwydion und Amathaon in Britannien die Schlacht der Bäume gewannen.
Dies ist eine seltsame Sache. Auch wenn es möglich wäre, daß der Laut W aus der griechischen Alltagssprache gänzlich verschwunden und das Digamma F daher ein überflüssiger Buchstabe war, so ist dies doch mitnichten erwiesen; und der Hauchlaut H war sicherlich noch ein integraler Bestandteil der Sprache. Warum also wurde der Hauchlaut durch Eta ersetzt, warum wurde kein neues Zeichen für den Laut Eta gefunden, warum wurden die überflüssigen Doppelkonsonanten Psi, vordem als Pi-Sigma geschrieben, und Xi, vordem als Kappa-Sigma geschrieben, zur gleichen Zeit eingeführt? Nur die Religion kann diesen schwer verständlichen Wandel erklären.
Einer der Gründe dafür ist in jener Fabel genannt. Hygin bringt die vier zusätzlichen Buchstaben des Simonides mit Apollons Zither in Verbindung - Apollo in cithaere ceteras literas adjecit. (Apollon fügte die übrigen Buchstaben auf der Zither hinzu.) Dies aber bedeutet, so meine ich, daß jeder der sieben Saiten der Zither, ursprünglich ein kretisches Instrument, das von Terpander von Lesbos über Kleinasien um 676 v. Chr. nach Griechenland eingeführt worden war, nun ein Buchstabe beigeordnet wurde und daß vierundzwanzig, die neue Buchstabenzahl des Alphabets, eine sakrale Bedeutung in der therapeutischen Musik hatte, mit der Apollon und sein Sohn Asklepios in ihren Inseltempeln verehrt wurden. Simonides gehörte, das sei angemerkt, zu einer Keischen Bardenzunft im Dienste des Dionysos, der, laut Plutarch, einem Priester im Dienste des delphischen Apollon, »auch in Delphi beheimatet war«. Apollon wie Dionysos waren beide, wie wir sahen, Götter des Sonnenjahres. Genau wie Asklepios und Herakles; und dies war eine Epoche der religiösen Vermischung.
Hygin sagt, daß das ursprüngliche Alphabet der dreizehn Konsonanten von Merkur nach Ägypten eingeführt, von Kadmos wieder nach Griechenland gebracht und dann von Euander, dem Arkadier, nach Italien mitgebracht wurde, wo seine Mutter Carmenta (die Muse) es dem lateinischen Alphabet von fünfzehn Buchstaben anpaßte. Diesen Merkur bezeichnet er als den gleichen, der die athletischen Spiele erfand: mit anderen Worten, er war ein Kreter oder kretischer Herkunft. Und in Ägypten war Merkur der Gott Thoth, dessen Symbol der dem Kranich ähnliche weiße Ibis war und der die Schrift erfunden wie auch den Kalender reformiert hatte. Jetzt wird unsere Geschichte historisch verständlich. Hygin hatte sie vermutlich aus einer etruskischen Quelle übernommen: denn die Etrusker oder Tyrrhener waren kretischer Herkunft, und sie verehrten den Kranich. Kraniche fliegen in V-Formation, und die Buchstaben aller frühen Alphabete, die mit einem Messer in die Rinde von Ästen gekerbt (wie Hesiod seine Gedichte aufzeichnete) oder auf Tontafeln geritzt wurden, waren natürlich eckig.
Mithin wußte Hygin, daß die fünf Vokale des arkadischen Alphabets einer früheren Religion entstammten als etwa die sieben Vokale des klassischen griechischen Alphabets, und daß diese fünf Vokale in Italien der Göttin Carmenta heilig waren. Er wußte auch, daß in Italien ein heiliges Alphabet mit fünf Konsonanten etwa sechs Jahrhunderte vor dem griechischen »dorischen« Alphabet mit seinen vierundzwanzig Buchstaben gebräuchlich war, von dem bekanntlich alle italischen Alphabete - das etruskische, umbrische, oskanische, faliskische und lateinische - abstammen. In dieser Hinsicht wird Hygin von Plinius unterstützt, der in seiner Naturgeschichte definitiv sagt, daß das erste lateinische Alphabet ein pelasgisches war. Er erwähnt nicht die Quelle, auf die er sich beruft, aber es war vermutlich Gnaeus Gellius, der gut informierte Historiker des zweiten Jahrhunderts v. Chr., von dem er im gleichen Abschnitt die Überlieferung zitiert, daß Merkur in Ägypten zuerst die Buchstaben und Palamedes die Gewichte erfunden hatte. Aus der Tatsache, daß es keine Inschriften-Dokumente gibt, die Hygins Bericht stützen könnten, müssen wir folgern, daß dieses Alphabet, ähnlich wie ursprünglich auch das Beth-Luis-Nion, auf eine Zeichengebung nach Art der Taubstummensprache beschränkt blieb.

Über Carmenta wissen wir von dem Historiker Dionysos Periergetes, daß sie dem Herakles ein Orakel gab und ein Alter von 110 Jahren erreichte. 110 aber war eine kanonische Zahl, das ideale Alter, das  jeder Ägypter zu erreichen wünschte, und zugleich auch das Alter, in dem z. B. der Patriarch Joseph starb. Die 110 Jahre setzten sich zusammen aus zweiundzwanzig etruskischen lustra zu je fünf Jahren; und 110 Jahre bildeten den »Zyklus«, den die Römer von den Etruskern übernommen hatten. Am Ende eines jeden solchen Zyklus korrigierten sie durch einen Einschub die Abweichungen im Sonnenkalender und hielten Jahrhundert-Spiele ab. Der geheime Sinn der Zahl 22 - solche heiligen Zahlen wurden niemals zufällig gewählt - liegt darin, daß sie der Umfang eines Kreises ist, wenn dessen Durchmesser sieben ist. Diese Proportion, die wir heute als pi bezeichnen, ist kein religiöses Geheimnis mehr; und sie ist heute nur noch als Faustformel gebräuchlich, während der tatsächliche mathematische Wert von pi ein Dezimalbruch ist, den bis heute noch niemand exakt berechnet hat, weil er - wie der Bruch 22/7 - in einer immer wiederkehrenden Sequenz unendlich viele Stellen hat. Sieben Lustren addieren sich zu fünfunddreißig Jahren, und fünfunddreißig war in Rom das Alter, in dem ein Mann die volle Reife erlangte und als Konsul wählbar wurde. (Eine an der Klassik orientierte Konvention legte dieses Alter als das früheste fest, in dem ein Amerikaner zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden kann.) Die Nymphe Egeria, jene Eichenkönigin, die den König Numa von Rom unterwies, war die »vierte Carmenta«. Falls das Alter einer jeden Carmenta - natürlich waren es die sibyllinischen Priesterinnen - sich auf 110 Jahre belief, dann herrschte König Numa nicht früher als 330 Jahre nach der Ankunft Euanders in Italien, deren Datum mit 60 Jahren vor dem Fall Trojas, d. h. 1243 v. Chr. überliefert ist.
Euander wurde aus Arkadien verbannt, weil er seinen Vater getötet hatte; dies aber bedeutet die Verdrängung der Dreifältigen Göttin, der Carmenta oder Thetis, durch den olympischen Zeus. Thetis war der griechisch-äolische Name Carmentas, auf deren Einflüsterung hin Euander den tödlichen Streich geführt hatte; und daß ein König seinen Vater (oder königlichen Vorgänger) auf Geheiß seiner Göttin-Mutter tötete, war im Italien und Griechenland jener Epoche üblich. Der überlieferte Grund für die Invasion Irlands durch die Danaer unter Partholan und für die Invasion Britanniens durch die Dardaner unter Brutus ist in beiden Fällen der gleiche: sie wurden wegen Vatermordes verbannt. Das Datum, 1243 v. Chr., entspricht jenem, das die Griechen später für die achäische Invasion angaben, nämlich 1250 v. Chr. Dies war nicht die ursprüngliche Invasion, sondern anscheinend eine durch den Druck der andrängenden Dorer ausgelöste - Wanderung nach Süden der im Nordwesten Griechenlands ansässigen Achäer. Die Geschichte von Pellas und Neleus, den Söhnen Poseidons, die die Minyer von lolkos in Thessalien und Pylos in der westlichen Peleponnes verdrängten, bezieht sich auf diese Invasion, die zur Einführung der olympischen Religion führte.
Aber lag nicht die Geschichte von der Erfindung des präkadmeischen Alphabets durch Palamedes, das von Euander dem Arkadier vor dem Einfall der Dorer in Griechenland nach Italien gebracht worden war, die ganze Zeit in dem verwirrend lkonotropischen Mythos von Perseus und der Gorgo Medusa beschlossen? Könnten wir nicht die Palamedes-Geschichte wieder rekonstruieren, indem wir einfach den Perseus-Mythos in lkonographischer Form wiederherstellen und dann die lkonographischen Elemente, aus denen er zusammengesetzt ist, neu interpretieren?
Der Mythos besagt, daß Perseus ausgesandt wurde, um das Haupt der schlangen-gelockten Gorgo Medusa abzuschlagen, einer Rivalin der Göttin Athene, deren unheilvoller Blick die Menschen zu Stein erstarren ließ; und daß er diese Tat erst vollbringen konnte, nachdem er die drei Graien, die »Grauen« aufgesucht hatte, die drei alten Schwestern der Gorgonen, die alle miteinander nur ein Auge und einen Zahn besaßen, und sie, indem er ihnen Auge und Zahn raubte, erpreßte, ihm zu verraten, wo der Hain der Drei Nymphen sich befinde. Von den Drei Nymphen erhielt er daraufhin geflügelte Sandalen, ähnlich jenen des Hermes, einen Sack, in den er das Gorgonenhaupt legen sollte, und einen Tarnhelm, der ihn unsichtbar machte. Hermes schenkte ihm auch eine Sichel; und Athene gab ihm einen Spiegel und zeigte ihm ein Bildnis der Medusa, damit er sie erkennen konnte. Er warf den Zahn der Drei Grauen und - wie manche sagen auch das Auge in den Triton-See, um so ihre Macht zu brechen, und flog nach Tartessos, wo die Gorgonen in einem Hain an den Küsten des atlantischen Ozeans hausten; dort schnitt er mit der Sichel das Haupt der schlafenden Medusa ab, nachdem er zuerst in den Spiegel geblickt hatte, um den Versteinerungszauber zu brechen, warf es in seinen Sack und flog, von den anderen Gorgonen verfolgt, in die Heimat zurück.
Die Drei Nymphen sind als die Drei Grazien zu verstehen, d. h. als die Dreifältige Liebesgöttin. Die Graien wurden auch die Phorkides genannt, was soviel heißt wie Töchter des Phorkus oder Orkus, und hatten, einem Kommentar zu Äschylos zufolge, die Gestalt von Schwänen - was wahrscheinlich eine (auf die Fehldeutung eines Sakralbildes zurückgehende) Verwechslung mit Kranichen war, denn Kraniche und Schwäne, beides heilige Vögel, fliegen gleichermaßen in V-Formation. Tatsächlich waren es die Drei Parzen. Phorkos oder Orkos wurde zum Synonym für die Unterwelt; es ist das gleiche Wort wie porcus, Schwein, das Tier, das der Todesgöttin heilig war, und auch das gleiche Wort wie parkat, ein Titel der Drei Schicksalsgöttinnen, die sonst gewöhnlich Moirai, die »Verteilerinnen« hießen. Orc heißt im Irischen das Schwein; daher die Orcades oder Orkneys, Wohnsitze der Todesgöttin. Phorkus war angeblich auch der Vater der Gorgo Medusa, die für die Argiver in Pausanias Zeiten eine schöne libysche Königin war, die von ihrem Ahnherrn Perseus nach einer gegen ihre Heere geführten Schlacht enthauptet wurde und die daher mit der libyschen Schlangengöttin Lamia (Neith) gleichzusetzen ist, die von Zeus betrogen wurde und danach Kinder tötete.
Betrachten wir die Bilder einer Vase: da ist einmal ein nackter Jüngling, der sich vorsichtig drei verhüllten Frauen nähert, deren mittlere ihm ein Auge und einen Zahn überreicht; die anderen beiden weisen hinauf zu drei Kranichen, die in V-Formation von rechts nach links fliegen. Als nächstes steht der gleiche Jüngling, mit geflügelten Sandalen an den Füßen und einer Sichel in der Hand, nachdenklich unter einem Weidenbaum. (Die Weide ist der Göttin heilig, und Kraniche brüten in Weidendickichten.) Dann sehen wir eine weitere Gruppe, drei schöne junge Frauen, nebeneinander in einem Hain sitzen, und der gleiche Jüngling steht vor ihnen. Über ihnen fliegen drei Kraniche in umgekehrter Richtung. Eine reicht ihm geflügelte Sandalen, eine andere einen Sack und die dritte einen geflügelten Helm. Als nächstes sind verschiedene Meeresungeheuer zu sehen und eine behelmte Meeresgöttin mit einem Dreizack, die einen Spiegel in der Hand hält, in dem sich ein Gorgonenhaupt spiegelt; und den Jüngling sehen wir, mit Sack und Sichel in den Händen, zu einem Hain fliegen, den Kopf hat er gewendet, um in den Spiegel zu blicken. Aus dem Sack lugt das Gorgonenhaupt hervor. Zahn und Auge sind in vergrößerter Form zu seinen beiden Seiten abgebildet, so daß es scheint, als habe er sie eben fortgeworfen. Er wird verfolgt von drei bedrohlich aussehenden geflügelten Frauen mit Gorgonengesichtern.
Damit ist die Bilderfolge auf der Vase abgeschlossen, und wir kehren wieder zur ersten Gruppe zurück.
Der Mythos in seiner bekannten Form schildert - wie jener vom Betrug des Zeus an der Lamia - die Vorgänge, bei denen die Macht der argivischen Dreifältigen Göttin durch die erste Wanderungswelle der Achäer, personifiziert als Perseus, »der Zerstörer«, gebrochen wurde. Doch die ursprüngliche Bedeutung der lkonographien war wohl diese: Hermes - oder Merkur oder Kar oder Palamedes oder Thot, oder wie immer sein Name ursprünglich lautete wird von den Verhüllten (seiner Mutter Carmenta, oder Maia oder Danae oder Phorkis oder Medusa, oder wie immer ihr ursprünglicher Name in ihrem prophetischen Aspekt der Drei Schicksalsgöttinnen lautete) mit poetischer Sicht begabt, sowie mit der Macht, aus dem Vogelflug Omina zu lesen; und auch mit der Fähigkeit, das Geheimnis des Alphabets, dargestellt in den Kranichen, zu verstehen. Der Zahn war ein Werkzeug der Wahrsagekunst, ähnlich wie jener, unter den Fionn - nachdem er den Lachs der Weisheit verzehrt hatte seinen Daumen legte, wann immer er magischen Ratschluß brauchte. Carmenta hat das Alphabet erfunden, aber sie überläßt die dreizehn Konsonanten ihrem Sohn, während sie sich die fünf Vokale als ihr selbst heilig vorbehält. Er zieht aus mit einer Sichel bewaffnet, die ihr zu Ehren halbmondförmig gebogen ist, ähnlich wie die Sichel, mit der später der Erzdruide die Mistel schneiden wird, und nun schneidet er den ersten Zweig des Alphabets aus dem Hain, vor dem die Göttin jetzt nicht mehr verhüllt und nicht mehr als altes Weib, sondern als Nymphe in anmutiger Dreiheit sitzend zu schauen ist. Sie schenkt ihm als Regalia den geflügelten Helm und geflügelte Sandalen, Symbole der Flüchtigkeit des poetischen Gedankens, und einen Sack, um darin seine Buchstaben wohlverborgen aufzubewahren.
Sodann ist sie als Athene zu sehen, als Göttin der Weisheit, die an den Ufern des Triton-Sees in Libyen geboren war und ursprünglich, vor ihrer monströsen Wiedergeburt aus dem Haupt ihres Vaters Zeus, die libysche Dreifältige Göttin Neith gewesen zu sein scheint, die bei den Griechen Lamia oder Libya hieß. Aus dem Sack lugt nun ein Gorgonenhaupt, das wohl nur eine häßliche Maske ist, wie sie von Priesterinnen bei zeremoniellen Anlässen aufgesetzt wurde, um Eindringlinge abzuschrecken; dabei machten sie zischende Geräusche, was die Schlangenlocken der Medusa erklären mag. Eine wirkliche Gorgo hat es niemals gegeben (wie Jane E. Harrison als erste nachwies); es gab nur ein schützendes häßliches Gesicht, das als Maske dargestellt wurde. Das häßliche Gesicht in der Tülle des Sackes besagt, daß dessen wahrer Inhalt, nämlich die Geheimnisse des Alphabets, nicht preisgegeben oder mißbraucht werden dürfen. Ähnlich wurden im antiken Griechenland die Türen von Herden und Öfen mit Gorgonenmasken verziert, um Kobolde (und neugierige Kinder) zu verscheuchen, die den Backvorgang stören mochten. Die geflügelten »Gorgonen« auf dem Bild verfolgen Hermes nicht, sondern begleiten ihn. Sie sind wiederum die Dreifältige Göttin, die, indem sie diese rituelle Maske trägt, ihn vor profanen Blicken schützt. Wir sehen sie auch auf der Erde stehen, wie sie ihren Spiegel, in dem sich ein Gorgonengesicht spiegelt, emporhält, um seinen dichterischen Flug zu beschützen. Er bringt seinen Sack nach Tartessos, der ägäischen Kolonie am Guadalquivir; von wo vermutlich die Milesier ihn nach Irland bringen sollten. Gades, heute Cadiz, die Hauptstadt von Tartessos, wurde, dem augustinischen Historiker Velleius Paterculus zufolge, im Jahr 1100 v. Chr. gegründet, dreizehn Jahre vor der Gründung von Utica in Nordafrika. Der Flug des Perseus war, wie Hesiod ausführlich schildert, in Gold- und Silberintarsien auf dem Schild des Herakles abgebildet; und dieser stellt ihn zwischen eine Szene, bei der die Musen am Ufer eines von Delphinen wimmelnden Meeres zur Lyra singen, und eine andere, in der die drei Schicksalsgöttinnen draußen vor einer volkreichen siebentorigen Stadt stehen. Falls dies Hesiods Heimatstadt, das siebentorige Theben war, dann wäre die lkone, die er so falsch deutete, eine böotische Variante des Hermes-Mythos, und der Held mit dem mit Quasten besetzten Alphabet-Sack und den ihn begleitenden Gorgonen wäre Kadmos, der Thebaner.
Hermes erreichte unbeschadet Tartessos, wie wir aus einer kryptischen Anmerkung Pausanias' (I, 35,8) schließen dürfen, die besagt, daß es »in Gades einen Baum gibt, der verschiednerlei Form annimmt«, womit anscheinend das Baum-Alphabet gemeint ist. Gades (Cadiz) ist auf Leon erbaut, einer Insel im Tartessos; die ältere Stadt befand sich an der Westküste und beherbergte einen berühmten Kronos-Tempel, den Strabo erwähnt. Wahrscheinlich war die Insel einst, ähnlich wie Pharos, gleichzeitig Begräbnisinsel und Handelsstützpunkt. Pherekydes vermutet, daß dies ursprünglich die »Rote Insel« Erytheia war, wo Geryion mit den drei Leibern herrschte, aber er ging von der unzureichenden Begründung aus, daß es dort reiche Weidegründe gab und daß Herakles an ihrer Ostküste einen alten Tempel hatte. Pausanias (X, 4,6) überliefert die plausiblere Sage, daß Leon ursprünglich dem Riesen Tityus gehörte, der, wie wir im sechzehnten Kapitel sehen werden, in Wirklichkeit Kronos war - der Gott des Mittel- oder Narrenfingers, der von Zeus in den Tartaros verbannt wurde. (Titias, der von Herakles getötet wurde, und Tityus, der von Zeus getötet wurde, sind Doppelgänger.)
Der Heraklestempel scheint von den Kolonisten, die 1100 v. Chr. kamen, erbaut worden zu sein, etwa vierhundert Jahre bevor die phönizischen Kolonisten aus Tyre kamen, denen ein Orakel aufgetragen hatten, bei den Säulen des Herakles zu siedeln. In der Folgezeit verehrten die Phönizier Kronos als Moloch und Herakles als Melkarth. Strabo zitiert Poseidonius, der meinte, daß die Säulen des Herakles nicht, wie gemeinhin angenommen, die beiden Felsen von Gibraltar und Keuta waren, sondern zwei vor seinem Tempel errichtete Säulen; und ich habe in meinem King Jesus (Kap. XVI) behauptet, daß diese Säulen etwas mit dem Geheimnis des pelasgischen Alphabets zu tun hatten.

Es ist also wahrscheinlich, daß der prä-phönizische Herakles eigentlich Palamedes oder aber der löwenhäutige Gott Ogmios war: dem die Iren die Erfindung des Alphabets zuschrieben, das sie »aus Spanien« hatten, und den Gwion in seiner Elegie auf »Ercwlf« als den Errichter der Alphabet-Säulen feiert. Das Volk des Herakles war in klassischer Zeit bekannt für die besondere Achtung, die es alten Männern zollte, und Lukian zufolge wurde Ogmios als ein gealterter Herakles dargestellt. Daß die Gorgonen in einem Hain zu Tartessos hausten, kann nur bedeuten, daß sie ein Alphabet-Geheimnis zu hüten hatten. Dieser ogmische Herakles wurde auch von den frühen Latinern verehrt. König Juba II. von Mauretanien, der auch ehrenhalber duumvir von Gades war, wird von Plutarch (Quaestiones Romanae, 59) als Quelle dafür zitiert, daß Herakles und die Musen einst an einem gemeinsamen Altar angebetet wurden, weil er dem Volke Euanders das Alphabet geschenkt hatte. Dies stimmt mit Hygins Bericht überein, wie Carmenta, die Dreifältige Göttin, Euander belehrte, sowie mit Dionysos Periergetes' Bericht, wie sie »dem Herakles Orakel sagte«.
Isidor, der 656 n. Chr. gestorbene Bischof von Sevilla, verfaßte ein enzyklopädisches Werk mit dem Titel Zwanzig Bücher über Ursprünge oder Etymologien, beruhend auf einem umfassenden, wenngleich unkritischen Studium christlicher und heidnischer Literatur, das als die wertvollste existierende Fundgrube iberischer Überlieferungen gilt. Darin erzählt er auch von der Erfindung des Alphabets. Er nennt weder Palamedes noch Herakles - oder Ogma oder Hermes oder Kadmos als den ursprünglichen Wohltäter, sondern die Göttin selbst, und bezeichnet Griechenland als das Ursprungsland der Buchstaben:
Aegyptiorum litteras Isis regina, Inachis (sic) regis filia, de Graecia veniens in Äegyptum repperit et Äegyptis tradidit. (Die Königin Isis, Tochter des Königs Inachos, von Griechenland nach Ägypten kommend, brachte die ägyptischen Buchstaben mit.)
Was das ägyptische Alphabet betrifft, so brachte Königin Isis, Tochter des Königs Inachos, von Griechenland nach Ägypten kommend, es mit und schenkte es den Ägyptern. Origium I, 3 (4-10)
Inachos, ein Flußgott und legendärer König von Argos, war Vater sowohl der Göttin lo, die, als sie nach Ägypten gelangte, Isis hieß, und des Heros Phoroneus, des Begründers des pelasgischen Volkes, den wir bereits als den Gott Bran alias Kronos identifiziert haben. Isidorus war ein Zeitgenosse Hygins (der die Sage überliefert, wie Hermes mit dem pelasgischen Alphabet aus Ägypten nach Griechenland zurückkehrte); er unterscheidet das ägyptische Alphabet von der Hieroglyphen- wie von der demotischen Schrift und schreibt die Erfindung des gewöhnlichen griechischen Alphabets den Phöniziern zu.
Aus welchem Stoff der Sack des Perseus bestand, läßt sich aus dem parallelen Mythos von Manannan erschließen, dem Sohn des Lyr, einem gälischen Sonnenheros und Vorläufer von Fionn und Cuchulain, der die Schätze des Meeres (d. h. das Alphabet-Geheimnis der See-Völker) in einem Sack trug, der aus der Haut eines Kranichs gefertigt war; und im Mythos von Mider, einem gälischen Gott der Unterwelt, der dem britischen Arawn (»Beredsamkelt«), König von Annwm, entspricht, der in einer Burg auf Manannans Isle of Man hauste, mit drei Kranichen an der Pforte, deren Aufgabe es war, Reisende fortzuschicken, indem sie schrien: »Tritt nicht ein - halte dich fern - geh vorbei!« Perseus' Sack muß ein Sack aus Kranichhaut gewesen sein, denn der Kranich war der Athene wie ihrem ephesischen Gegenstück, der Artemis, heilig, und er inspirierte Hermes zur Erfindung der Buchstaben. Die fliegenden Gorgonen sind also Kraniche mit Gorgonenhäuptern [2], und sie hüten die Geheimnisse des Kranch-Sackes, der seinerseits von einem Gorgonenhaupt geschützt ist. Wir wissen nicht, was für ein Tanz der Kranichtanz war, den Theseus - Plutarch zufolge - in Delos einführte, nur daß er um einen gehörnten Altar herum aufgeführt wurde und die Kreise versinnbildlichen sollte, die sich im Labyrinth zusammenzogen und entfalteten. Ich vermute, daß er den flatternden Balztanz sich paarender Kraniche imitierte und daß jede Figur aus neun Schritten und einem Sprung bestand. Wie Polwart in seinem Buch Flying with Montgomery (1605) sagt:

Der Kranich aber schreitet
Neun Schritt' bis er die Schwingen breitet.

Die neun Schritte zeigen an, daß er der Dreifältigen Göttin heilig ist; dies zeigt auch sein Hals mit dem weißen und schwarzen Gefieder, durch das rötliche Haut schimmert, oder (wie beim numidischen oder balearischen Kranich) der rote Kehllappen. Die Kraniche vollbringen zweimal im Jahr ihre erstaunlichen Flüge, vom Wendekreis des Krebses bis zum Polarkreis und zurück, wobei sie mit lauten trompetenden Schreien in Winkelformation und in enormer Höhe fliegen; dies brachte sie wohl mit dem Kult der Hyperboreer in Verbindung, und zwar als Boten, die zu der anderen, jenseits des Nordwinds gelegenen Welt fliegen. Aber Thoth, der die Hieroglyphen erfand, war durch einen Ibis symbolisiert, wiederum ein Stelzvogel, der ebenfalls dem Mond heilig war; und die Griechen setzten Thoth mit Hermes gleich, dem Führer der Seelen und Boten der Götter, dem Pherekydes eine »lbisgestalt« zuschreibt. Auch von Hermes heißt es, er habe das Alphabet erfunden, nachdem er den Flug der Kraniche beobachtet hatte, und dem Kranich wurden die Weisheit und Gelehrsamkeit des Ibis zugeschrieben, der ja in Griechenland fremd war.
Eine besondere Eigenschaft von Stelzvögeln wie dem Kranich und dem Reiher ist, daß sie, wenn sie in einem Fluß eine genügende Menge kleiner Fische geschnappt haben, um sie ihren Jungen zu bringen, diese am Ufer ablegen, und zwar in der Weise, daß sie, alle mit den Schwänzen in der Mitte, einen Kreis bilden, der einst Symbol für die Sonne und für das Leben des Königs war. Dies mochte die Alten ebenso verwundert haben, wie es mich als Knaben verwunderte, als ich am Fluß Nantcoll in Nordwales einen Reiher dabei beobachtete: aber die Naturforscher erklären den Zweck dieser Anordnung lediglich damit, daß die Fische auf diese Weise leichter aufgenommen und zum Horst gebracht werden können. Auf die alt-Irische Verbindung des Kranichs mit literarischen Geheimnissen verweist auch die Orakelbedeutung, die seinem plötzlichen Erscheinen beigelegt wurde: nämlich das nahe Ende eines Krieges. Denn es war eine der vornehmsten Aufgaben des Dichters, die kriegführenden Parteien zu trennen, während er selbst nicht an der Schlacht teilnahm. Auch in Griechenland wurde der Kranich mit den Dichtern in Verbindung gebracht, und zwar nicht nur in der Geschichte von Apollons Verwandlung in einen »Kranich, einen thrakischen Vogel« - gemeint ist der durch rote Kehllappen gekennzeichnete numidische Kranich, der die nördliche Ägäis besucht-, sondern auch in der Geschichte von Ibikos, jenem griechischen Dichter der Liebe aus dem sechsten Jahrhundert v. Chr., der, nachdem er den größten Teil seines Lebens auf der Insel Samos verbracht hatte, eines Tages in einer Einöde bei Korinth von Räubern überfallen und tödlich verwundet wurde. Er rief einem vorbeifliegenden Kranichschwarm zu, sie sollten seinen Tod rächen, und bald darauf schwebten die Kraniche über den Köpfen der Zuschauer im Amphitheater von Korinth; worauf einer der anwesenden Mörder schrie: »Sieh da, die Rächer des Ibikos!« Er wurde ergriffen und legte ein volles Geständnis ab.
Fassen wir den historischen Sachverhalt zusammen: Ein griechisches Alphabet, bestehend aus dreizehn, später fünfzehn Konsonanten und fünf Vokalen, das der Göttin heilig war und letztlich aus Kreta stammte, war vor dem trojanischen Krieg auf der Peloponnes in Gebrauch. Es gelangte nach Agypten - wiewohl vielleicht nur in die Hafenstadt Pharos - und wurde dort dem semitischen Sprachgebrauch angepaßt, und zwar von phönizischen Händlern, die es einige Jahrhunderte später wieder nach Griechenland brachten, nachdem die Dorer die mykenische Kultur fast zerstört hatten. Die Buchstaben mit ihren semitischen Namen wurden dann an das bereits bestehende epicharmische System angeglichen, das aus den sogenannten pelasgischen Buchstabenzeichen bestand und gemeinhin das kadmeische hieß, wahrscheinlich weil sie im böotischen Kadmea gebräuchlich waren. Später modifizierte dann Simonides, ein Anhänger Apollons, das kadmeische Alphabet in Anlehnung an irgendeine obskure religiöse Theorie.
Dies ist eine plausible Erklärung. Und die Geschichte des griechischen Alphabets ist in den letzten Jahren erforscht worden. Heute wissen wir, daß es seinen Ursprung in den kretischen Hieroglyphen hatte, die in minoischer Zeit zu einem Mittelding zwischen einem Alphabet und einem Silbensystem von vierundfünfzig Zeichen reduziert worden waren: nur vier mehr als das angeblich von der Göttin Kali erfundene Sanskrit-System, dessen Buchstaben allesamt Schädel in ihrer Halskette waren. Die Mykener übernahmen dieses kretische System und taten ihr Bestes, um es den Anforderungen der griechischen Sprache anzupassen. Ventris und Chadwick haben 1953 gemeinsam die mykenische Linearschrift B (1450-1400 v. Chr.) entziffert, die aus achtundachtzig verschiedenen Zeichen besteht. Sie wurde auch - in früheren, schwerfälligeren Formen - in Zypern, Karien und Lykien eingeführt. (In der Ilias, 2, 168 ff. findet sich die Geschichte, wie Bellerophon Argos verließ und dem König der Lyker eine mit Schriftzeichen beschriebene Tafel überreichte.) Seit dem sechzehnten Jahrhundert v. Chr. wurden drei oder vier Versuche unternommen, die verschiedenen, damals im Nahen Osten geläufigen Silbentabellen zu Alphabeten zu vereinfachen. Der erfolgreichste unter diesen Versuchen war der phönizische, von dem die »kadmeischen« griechischen Buchstaben hergeleitet waren. Die semitischen Fürsten von Syrien schrieben bis ins zwölfte Jahrhundert v. Chr. in ihrer Korrespondenz mit den ägyptischen Pharaonen die assyrische Keilschrift, aber ihre Händler benutzten schon lange das phönizische Alphabet, bei dem ein Drittel der Buchstaben aus dem kretischen System übernommen war - ob direkt aus Kreta oder indirekt über Griechenland oder Kleinasien, ist nicht bekannt - das ja seinerseits von den ägyptischen Hieroglyphen abstammte.
Nichts weist darauf hin, daß die Phönizier das Prinzip der Reduktion eines Silbensystems auf Buchstaben erfanden; und laut Eustace Glotz' Ägäischer ZiviIisation sind die Namen jener phönizischen Schriftzeichen keine semitischen Namen, denn die mit den ägyptischen Hieroglyphen abgebildeten Gegenstände lassen sich in keiner der semitischen Sprachen bezeichnen, während ihre Formen eindeutig aus der kretischen Linearschrift abgeleitet sind. Die Semiten waren zwar geschickte Händler, aber keine Erfinder, und die unerklärlichen Namen der Buchstaben sind daher wahrscheinlich griechische. Die danaischen Griechen vereinfachten das kretische Silbensystem wahrscheinlich auf ein sakrales Alphabet und gaben es an die Phönizier weiter - wenngleich sie ihnen nur die Abkürzungen verrieten und die Reihenfolge der Buchstaben änderten, um nicht die darin enthaltene religiöse Geheimformel preiszugeben. Die früheste phönizische Inschrift ist eine Topfscherbe aus dem sechzehnten Jahrhundert v. Chr., aufgefunden in Bethschemeth in Palästina. Das palaio-sinaitische und das Ras Schamra-Alphabet wurden möglicherweise dem phönizischen nachempfunden. Sie beruhten nicht auf kretischen oder ägyptischen Hieroglyphen, sondern auf der Keilschrift. Die Ägypter arbeiteten gleichzeitig mit den Kretern auf ein Alphabet hin, und es ist schwer zu sagen, wer von beiden die Aufgabe zuerst löste; wahrscheinlich die Ägypter.
Es ist nun bemerkenswert, daß die Namen mehrerer Buchstaben im irischen Beth-LuisNion exakter ihren Gegenstücken im hebräischen Alphabet entsprechen, das ein phönizisches ist, als ihren klassisch-griechischen Gegenstücken.

Griechisch Hebräisch Irisch
alpha aleph ailm (»alev« ausgesprochen)
iota jod idho (ursprüngl. »ioda«)
rho resch ruis
beta beth beith
nu nun nion oder nin
eta herth eadha (»dh« wie »th« ausgesprochen)
mu mim muin
o (mikron) ain onn

Die übrigen griechischen Buchstaben dagegen entsprechen recht genau ihren hebräischen Gegenstücken, während die irischen Buchstabennamen ganz anders lauten.

Griechisch Hebräisch Irisch
lambda lamed Iuls
delta daleth duir
gamma gimmel gort
tau tav tinne
sigma samech saille
zeta tzaddi straif
kappa koph quert

Es scheint so, daß das irische Alphabet vor dem klassisch-griechischen entstand und daß seine Buchstabennamen jenen des epicharmischen Alphabets entsprechen, das Euander aus dem danaischen Griechenland nach Italien mitbrachte. Möglicherweise wurde sogar die ursprüngliche Reihenfolge der Buchstaben beibehalten.
Eine alt-Irische Überlieferung, die den Bericht von der Erfindung des Ogham-Alphabets durch Ogma-Sonnengesicht ergänzt, ist in Keatings History of Ireland wiedergegeben:
»Feniusa Farsa, ein Enkel Magogs und König von Skythien, den es verlangte, die zweiundsiebzig Sprachen zu beherrschen, die aus der babylonischen Sprachenverwirrung entstanden waren, sandte zweiundsiebzig Männer aus, die sie erlernen sollten. Er gründete eine Akademie in Magh Seanair, in der Nähe von Athen, der er und Gadel und Kaoith vorstanden. Diese schuf die griechischen, die lateinischen und die hebräischen Buchstaben. Gadel zerlegte das Irische (Gälische) in fünf Dialekte: den fenischen für die Soldaten; den poetischen und den historischen für die Senachier und die Barden; den medizinischen für die Ärzte; und die Umgangssprache für die Gemeinen.«
Wenngleich dies auf den ersten Blick eine unsinnige Geschichte zu sein scheint, zusammengeflickt aus Bruchstücken mönchischer Überlieferung (wie jener von der wundersamen Übersetzung des hebräischen Alten Testaments durch zweiundsiebzig Gelehrte, die, voneinander getrennt, zweiundsiebzig Tage auf der Insel Pharos arbeiteten und allesamt identische Übertragungen lieferten), aber, je genauer man sie betrachtet, desto interessanter liest sie sich. »Magh Seanair, in der Nähe von Athen« weist darauf hin, daß die Erwähnung Babels irgendeinen Mönchsschreiber veranlaßt haben muß, einen unverständlichen Text zu verbessern, indem er das Ereignis auf der Magh Seanair, der »Ebene von Sinear« in Mesopotamien stattfinden ließ und dabei annahm, daß es dort in der Nähe ein anderes Athen gab. Daß das Alphabet in Griechenland (Achäa) erfunden wurde, wird in den Hearings of the Scholars) behauptet, wenngleich Achäa in manchen Manuskripten zu »Akkad« und in anderen zu »Dazien« verfälscht wurde und der ganze Bericht in einer sehr mönchischen Tonart gehalten ist. Im Original hieß es, wie ich glaube, »Magnesia, in der Nähe von Athen«, d. h. Magnesia im südlichen Thessalien. Wenn es als »in der Nähe von Athen« gelegen gekennzeichnet wird, dann wahrscheinlich, um es von anderen pelasgischen Orten mit dem Namen Magnesia zu unterscheiden - dem karischen am Fluß Mäander und dem lydischen am Hermus, das im Mythos von dem Titanen Tityos erwähnt wird, und von wo Herakles in alten Zeiten eine Kolonie nach Gades in Spanien entsandte. Die drei in der Geschichte erwähnten Gestalten, Gadel, Kaoith und Feniusa Farsa, sind wahrscheinlich in griechischer Übersetzung leicht wiederzuerkennen. Und zwar Kaoith als Koieos, der hyperboreische Großvater des Delphischen Apollon; Gadel als ein Stamm vom Fluß Gadilum oder Gazelle in Paphlagonien, von dem aus der Achäer Pelops seine Fahrten unternahm; Feniusa Farsa als Foinos ho Farsas (»der Weinstock-Mann, der zusammenfügt«) oder Foineus, der Vater von Atlanta, der erste Mensch, der in Griechenland einen Weinberg anlegte. Nach der griechischen Sage war dieser Foineus - oder, nachdem er sein Digamma am Anfang verloren hatte: »Oineus« - ein Sohn des Aigyptos und stammte aus Arabien, womit vermutlich das südliche Judäa gemeint ist; genau dies aber berichten die irischen Barden von Feniusa Farsa, der aus Ägypten vertrieben wurde, »weil er sich weigerte, die Kinder Israels zu verfolgen«, und der zweiundvierzig Jahre durch die Wildnis wanderte und dann nach Norden zu den »Altären der Palästiner am See der Weiden« zog - wahrscheinlich Hebron im südlichen Judäa, das für seine Fischteiche und Steinaltäre berühmt ist - und von dort nach Syrien, woraufhin er in Griechenland auftaucht. Foineus' Königin war Althaea, die mit Dionysos verbundene Göttin der Geburt; und wir wissen, daß foinos, »Wein«, ein Wort kretischen Ursprungs ist.
Warum aber wird Feniusa Farsa - der ein Vorfahr der irischen Milesier war - als Skythe, als Enkel Magogs und Begründer des milesischen Volkes bezeichnet? Gog und Magog sind eng verwandte Namen. »Gogmagog«, Gog, der Sohn des Gog, war der Name des Riesen, den »Brut, der Trojaner« bei seiner Invasion in Britannien, Ende des zweiten Jahrtausends v. Chr., bei Totnes in Devonshire besiegt haben soll. Aber woher stammte Gog mag Gog? Die Antwort findet sich in Genesis 10,2, wo Magog als ein Sohn Japhets bezeichnet wird (der im griechischen Mythos als der Titan lapetos auftritt, der - mit der Göttin Asia - Atlas, Prometheus und Epimetheus zeugte, und auch als Bruder von Gomer, Madai, Javan, Tubal, Meschech und Tiras - die, wie allgemein angenommen, für die Stämme der Kimmerer, der Meder, der lonier, der Tibarener, der Moscher und der Tyrrhener einstehen. Die Moscher und die eisenbearbeitenden Tibarener waren Stämme aus der südöstlichen Schwarzmeerregion. Aus dem wandernden Schwarzmeerstamm der Kimmerer wurden schließlich die Cymrer. Die lonier galten in historischer Zeit als Griechen, aber sie waren vermutlich ägäische Einwanderer, die aus Phönizien nach Griechenland gekommen waren. Die Tyrrhener waren ein ägäischer Stamm, von dem etliche aus Lydien nach Etrurien, andere nach Tarsus (der Stadt des Apostels Paulus) und nach Tartessos in Spanien auswanderten. Die Meder behaupteten, von der pelasgischen Göttin Medea abzustammen. Gog wird mit dem nördlichen Stamm Gagi gleichgesetzt, der in einer Inschrift von Amenhotep III erwähnt wird, und »Gogarene« war in Strabos Tagen der Name eines Teils von Rumänien, östlich vom Territorium der Moscher und Tibarener gelegen. Magogs Großvater war Noa, und Noas Berg Ararat liegt in Armenien, daher wird allgemein angenommen, daß Magog für Armenien steht; wenngleich Josephus der Auffassung ist, das Wort bedeute »die Skythen« - in seiner Zeit ein Sammelname für alle Stämme am Schwarzen Meer. Der in Hesekiel 37, 17, erwähnte »König Gog von Meschech und Tubal« wird heute meist mit Mithridates VI. von Pontus gleichgesetzt, zu dessen Königreich die Moscher und Tibarener gehörten.
Die Foeneus-Geschichte bezieht sich auf gewisse Schübe einer Massenemigration aus Kanaan. Die Kanaaniter werden im griechischen Mythos als »Agenor oder Chnas, König von Phönizien«  bezeichnet, der ein Bruder von Pelasgos, lasos und Belos, und der Vater von Äyptos und Danäos war; Agenor fiel in Griechenland ein und wurde König von Argos. Dies war vermutlich jene Invasion, die die Tuatha d√© Danaan aus Griechenland vertrieb. Agenor hatte neben Foineus, Ägyptus und Dan√©us noch andere Söhne oder von ihm abstammende Stämme. Diese waren Kadmos (ein semitisches Wort, das »aus dem Osten« bedeutet), der einen Teil des Landes besetzte, das späterhin Böotien war; Kylix, der seinen Namen Kilikien lieh; Phoenix, der in Phönizien blieb und gänzlich semitisiert wurde; Thasos, der nach der Insel Thasos bei Samothrake auswanderte; und Phineos, der nach Thynia bei Konstantinopel emigrierte, wo die Argonauten ihn, wie es heißt, als Opfer der Harpien fanden. Die Amoriter, von denen ein Teil in Judäa lebte, waren ebenfalls Kanaaniter, wie Genesis 10 berichtet, und bewahrten noch in der Zeit der hebräischen Propheten alte ägäische Bräuche, wie das Mäusefest, die Kreuzigung des Königs, Schlangenorakel, das Backen von Gerstebroten zu Ehren der Himmelskönigin und die voreheliche Prostitution. Ihre Sprache aber hatte sich schon früh semitisiert. In der Genesis wird das einstige kanaanitische Reich beschrieben, das sich im Süden bis Sodom und Gomorra am äußersten Ende des Toten Meeres erstreckte. Dies muß eine sehr frühe Legende sein, denn laut Genesis 14 wurden die Kanaaniter von den Elamitern aus ihrem südlichen Territorium vertrieben - eine Invasion, die auf etwa 2300 v. Chr. datiert werden kann.
Die historische Bedeutung des Agenor-Mythos besagt, daß Ende des dritten Jahrtausends v. Chr. ein indo-europäischer Stammesverband ‚Äì Teil einer riesigen Horde aus Zentralasien, die ganz Kleinasien, Griechenland, Italien und Mesopotamien überschwemmte - von Armenien nach Syrien und weiter nach Kanaan zog, wobei er unterwegs Bundesgenossen sammelte. Etliche Stämme unter der Führung von Herrschern, die die Ägypter Hyksos nannten, fielen um 1800 v. Chr. in Ägypten ein und wurden erst zwei Jahrhunderte später mit Mühe vertrieben. Das An- und Abschwellen dieser Massenwanderung von Stämmen, die sich noch durch semitische Invasionen von jenseits des Jordans komplizierte, entwurzelte viele in Syrien, Kanaan und im Nildelta beheimatete Völker, die die Große Göttin unter Namen wie Belili oder Baallih, als Danae und als die Blutige (Phoenissa) verehrten. Eine Gruppe, deren wichtigstes religiöses Symbol der Weinstock war, marschierte oder segelte die südliche Küste Kleinasiens hinauf, verweilte einige Zeit in Milyas, dem einstigen Lykien, fiel einige Zeit vor der Ankunft der indo-europäischen Achäer aus dem Norden in Griechenland ein und besetzte Argos auf der Peleponnes, das wichtigste Heiligtum der Gehörnten Mondgöttin 10. Die kadmeische Invasion war später: es scheint, daß ein kanaanitischer Stamm, ursprünglich als Kadmeer oder Ostmenschen bekannt, das Bergland an der Grenze von Ionien und Kadmea besetzt hatte, dem er den Namen Kadmea gab; von wo sie die Ägäis überquerten und den Küstenstreifen gegenüber Euböa besetzten, eine hervorragende Marinebasis, die späterhin ebenfalls Kadmea hieß.
Im irischen Mythos wird Kaoith als Hebräer bezeichnet. Dies muß ein Irrtum sein: er war kein Habiru, wie die Ägypter die Hebräer nannten, sondern wahrscheinlich ein Pelasger, ein Vertreter der Kabeiroi, der berühmten Priesterschaft von Samothrake. Der Mythos bezieht sich offenbar also auf eine allgemeine Regelung des Gebrauchs der Buchstaben, auf die sich in mykenischer Zeit die achäischen Einwanderer nach Griechenland (personifiziert in Gadel), die kanaanitischen Einwanderer (personifiziert in Femiusa Farsa) und die pelasgischen Ureinwohner (personifiziert in Kaoith) zu Magnesia geeinigt hatten - Stämme, die alle den Weinstock verehrten. Die Zahl »zweiundsiebzig« verweist auf ein religiöses Geheimnis, das in dem Alphabet enthalten war; es ist eine Zahl, die sowohl mit dem Beth-Luis-Nion wie mit dem Boibel-Loth in engem Zusammenhang steht, und beide Male mit der Zahl fünf (der Zahl der Dialekte) verknüpft ist.
Nun befand sich die berühmteste Schule der griechischen Antike, unter der Leitung des Kentauren Cheiron, an den Hängen des Berges Pelion in Magnesia. Zu seinen Schülern gehörten der Myrmidone Achilles, Sohn der Meeresgöttin Thetis, der Argonaut Jason, Herakles und all die anderen hervorragenden Heroen der Generation vor dem Trojanischen Krieg. Er war berühmt für seine Geschicklichkeit in der Jagd, in der Medizin, in der Musik, Gymnastik und Wahrsagekunst, seine Lehrer waren Apollon und Artemis gewesen, und er wurde versehentlich von Herakles getötet; wonach er der Schütze des griechischen Tierkreises wurde. Ganz offensichtlich war er der Erbe der kretischen Kultur, die über den geschützten Hafen lolkos nach Thessalien gelangt war, sowie der Bewahrer der eigenständigen helladischen Kultur. Er wird als »Sohn des Kronos« bezeichnet.
Vielleicht können wir hier noch eine weitere Mythengestalt identifizieren, nämlich Feniusa Farsa als »Amphiktyon«, den Begründer des Amphiktyonischen Bundes oder des Bundes der Nachbarn. Magnesia war Mitglied dieser alten Föderation von zwölf Stämmen - Athen war unter ihnen am mächtigsten - deren Vertreter sich jeden Herbst in Antheia, nicht weit vom Thermopylen-Paß, und jeden Frühling in Delphi versammelten. »Amphiktyon« war der Sohn von Deukalion (»süßer Wein«), dessen Mutter die kretische Mondgöttin Pasiphae war, und von Pyrrha (»die Rote«) - zwei Gestalten, die in der griechischen Mythologie Noa und Noas Weib darstellten. Er selbst war »der erste Mensch, der Wein mit Wasser vermischte«. In charakteristischem Stil heiratete er Kran√©, die Erbin Attikas - die wir bereits als einen Aspekt der Weißen Göttin kennenlernten - vertrieb seinen Vorgänger und richtete dem phallischen Dionysos und den Nymphen Heiligtümer ein. Wir wissen, daß Amphiktyon nicht sein richtiger Name war, denn der Bund war in Wirklichkeit zu Ehren der Gerste-Göttin Demeter oder Dana√© - in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende der Nachbarn (»Amphiktyonis«) gegründet worden, und ihr galten die herbstlichen Opferriten: aber im klassischen Griechenland war es wohl wie im alten Irland und im alten Britannien üblich, der Frau das Verdienst an der Erfindung von irgendwelchen bedeutenden Dingen abzustreiten. »Amphiktyon« war also ein männliches Surrogat für Amphiktyonis, ähnlich wie »Don, der König von Dublin und Lochlin« es für die irische Göttin Danu war; und wie, so behaupte ich, der Riese Samothes, nach dem Britannien seinen frühesten Namen »Samothea« trug, es für die Weiße Göttin Samothea war - denn dieser Samothes wird den Historikern des alten Britannien, die sich auf den Babylonier Berossus berufen, die Erfindung der Buchstaben, der Astronomie und anderer, meist der Weißen Göttin zugeschriebener Erfindungen nachgesagt. Und nachdem Amphiktyon die verschiedenen Staaten »zusammenfügte« und ein Weinstock-Mann war, dürfen wir ihn getrost als »Foineus« - oder »Dionysos« ansprechen.
Der älteste erhalten gebliebene griechische Bericht über die Erschaffung des Weinstocks ist der von Pausanias (X, 38) überlieferte: er erzählt, wie in der Zeit, als Orestheus, der Sohn des Deukalion, lebte, eine weiße Hündin ein Reis gebar, das jener einpflanzte und das zu einem Weinstock heranwuchs. Die weiße Hündin ist offenbar wiederum die Dreifältige Göttin: Amphiktyonis. Acht unter den Stämmen des Amphiktyonischen Bundes waren Pelasger, und wie Strabo, Kallimachos und der Schollast zu Euripides' Orest übereinstimmend sagen, hatte er einst seine Verfassung von Akrisios, dem Großvater des Perseus erhalten. Doch in klassischer Zeit glaubte man, daß der Bund etwa um 1103 v. Chr. zusammengetreten sei und daß auch die Achäer von Phthiotis dazugehörten, die in Akrisos' Tagen noch nicht dabei waren. Daraus können wir folgern, daß vier pelasgische Stämme durch eine Folge griechischer Invasionen verdrängt worden waren.
Paulus zitiert ein griechisches Sprichwort: »Alle Kreter sind Lügner.« Sie wurden Lügner geheißen aus dem gleichen Grund wie die Dichter: weil sie eine andere Art hatten, die Dinge zu betrachten. Vor allem aber, weil sie sich nicht von der olympischen Propaganda beeindrucken ließen, die seit beinahe tausend Jahren die Existenz eines ewigen, allmächtigen, gerechten Vaters Zeus behauptete - jenes Zeus, der mit seinem Donnerkeil alle verruchten alten Götter verscheucht und seinen leuchtenden Thron für alle Zeiten auf dem Berg Olympos errichtet hatte. Die wahren Kreter sagten: »Zeus ist tot. Sein Grab ist auf einem unserer Berge zu sehen.« Dies war ohne alle Bitterkeit gesagt. Es bedeutete lediglich, daß Zeus, Epochen bevor er in Griechenland zum ewigen allmächtigen Gott aufstieg, ein einfacher, alter Sonnenkönig gewesen war, ein Diener der Großen Göttin, der ihr alljährlich geopfert wurde, und daß seine sterblichen Reste wie üblich in einem Grab auf dem Berg Juktas beigesetzt worden waren. Sie waren keine Lügner. Es gab im minoischen Kreta keinen Vatergott, und ihre Aussage wird durch archäologische Funde bestätigt, die erst in jüngster Zeit auf eben diesem Berg gemacht wurden. Die Pelasger von Leros standen in einem ähnlichen Ruf wie die Kreter, aber anscheinend hielten sie noch hartnäckger an ihrer alten Überlieferung fest, wie wir aus einem griechischen Epigramm schließen: »Die Lerer sind allesamt schlecht, nicht nur einige Lerer, sondern alle alle außer Prokles, und der ist gewiß auch ein Lerer.«
Auch die frühen walisischen und irischen Historiker gelten allgemein als Lügner, weil ihre alten Berichte auf so unwahrscheinlich frühe Zeiten datiert sind und weder mit den geläufigen biblischen Daten noch mit der sich hartnäckig haltenden Theorie übereinstimmen, daß die Einwohner aller britischen Inseln bis in römische Zeiten brüllende Wilde waren, die keinerlei eigenständige Kunst oder Literatur kannten und sich blau bemalten. Sicher haben die Pikten und Britannier sich mit bildlichen Zeichen tätowiert, wie es auch die Daker, Thraker und Mosynöcher taten. Daß sie dazu Färberwald benützten, ist ein Beweis für eine fortgeschrittene Kultur, denn die Gewinnung des blauen Farbstoffs aus der Waldplanze, die auch den alten Iren geläufig war, ist ein höchst komplizierter chemischer Prozeß; mit der blauen Farbe weihten sie sich möglicherweise der Göttin Anu.3 Ich will nicht behaupten, daß diese Berichte nicht in jeder Phase der Entwicklung der Religion ganz erheblich von achtlosen, frommen oder unehrlichen Bearbeitern verändert worden wären; aber sie scheinen doch mindestens ebenso vertrauenswürdig zu sein wie die entsprechenden griechischen Überlieferungen, und jedenfalls vertrauenswürdiger als die hebräischen wenn auch nur aus dem Grund, weil das alte Irland weniger als Griechenland oder Palästina unter Kriegen zu leiden hatte. Es bringt allerdings einen großen Vorteil, wenn man die Iren und Waliser als unschuldige Kindlein verkennt: denn es befreit den Historiker von der Pflicht, seine ohnehin schon vielfältigen Studienfächer um Altgälisch und Altwalisisch zu erweitern.
In der modernen Zivilisation ist die Universität praktisch der einzige Ort, wo ein Wissenschaftler unbeschwert studieren kann. Doch an der Universität ist man sehr sorgfältig bemüht, nicht aus dem Gleichgewicht mit den Kollegen zu fallen, vor allem keine heterodoxen Theorien zu veröffentlichen.

Die orthodoxen Meinungen beruhen gewöhnlich auf einer Theorie der politischen und moralischen Zweckmäßigkeit, die ursprünglich unter dem olympischen System entwickelt worden und das wichtigste Vermächtnis des Paganismus ans Christentum war. Und nicht nur an das Christentum. Vor fünfundzwanzig Jahren, als ich an der königlich-ägyptischen Universität Kairo als Professor für englische Literatur lehrte, war mein Kollege, ein blinder Professor für arabische Literatur, so unvorsichtig, in einer seiner Vorlesungen die Vermutung auszusprechen, daß der Koran gewisse metrische Dichtungen aus vor-islamischer Zeit enthalte. Dies war eine Blasphemie, und es bot seinen Studenten, die sich gern um die Prüfungen herumschwindeln wollten, einen Anlaß zum Streik. Daraufhin rief der Rektor ihn zur Ordnung, und er wurde vor die Alternative gestellt, entweder zu widerrufen oder seine Stellung zu verlieren. Er widerrief. An den amerikanischen Universitäten des »bible belt« geschehen solche Dinge des öfteren: irgendein unvorsichtiger Assistenzprofessor spricht die Vermutung aus, daß der Walfisch womöglich Jonas gar nicht verschlungen hat und stützt sich dabei auf die Ergebnisse bedeutender Naturhistoriker. Am Ende des akademischen Jahres, wenn nicht schon vorher, muß er die Universität verlassen. In England stehen die Dinge nicht ganz so schlimm, doch schlimm genug. James Frazer schaffte es, seine schönen Räume im Trinity College, Cambridge, bis zu seinem Tode zu behalten, indem er vorsichtig und methodisch sein gefährliches Thema umschiffte, als ginge es darum, die Küsten einer verbotenen Insel zu vermessen, ohne sich jemals auf die Behauptung festzulegen, daß diese wirklich existiere. Was er sagte und nicht sagte, war, daß es sich bei den christlichen Legenden, Dogmen und Riten um die Weiterentwicklung eines großartigen Corpus primitiver und sogar barbarischer Glaubensinhalte handele und daß die Person Jesu praktisch das einzig ursprüngliche Element im Christentum sei. Meine letzten Forschungen über die Ursprünge des Christentums, die Geschichte der Amerikanischen Revolution und das Privatleben Miltons - drei gefährliche Themen - haben mich zu überraschenden Resultaten geführt. Wie wohlberechnet irreführend die Lehrbücher doch sind! Hund, Kiebitz und Rehbock sind schon vor langer Zeit in den Dienst der neuen Olympier getreten.

Kehren wir aber zu Macalister zurück, der die dreizehnbuchstabigen irischen Alphabete nicht weiter erklärt und statt dessen annimmt, daß die Druiden kein Alphabet besaßen, bevor sie das BLFSN-Alphabet aus dem Formello-Cervetri-Alphabet entwickelten. Er setzt sich nicht geradezu über die Frage hinweg, warum der gemeinsame Name aller irischen Alphabete »Beth-Luis-Nion« lautete - was doch bedeutet, daß die ursprüngliche Sequenz BLN, und nicht BLF war - doch er stellt eine komplizierte Theorie auf, für die er keinerlei epigraphische Beweise anführen kann. Er meint nämlich, die Druiden Südgalliens hätten aus dem Formello-Cervetri-Katalog die Buchstaben
B-L-N-F-S - M-Z-R-G-NG - H-C-Q-D-T - A-E-I-0-U
übernommen, und dieses allererste Alphabet sei eben lange genug gebräuchlich gewesen, um dem irischen Alphabet seinen Namen zu geben. Er behauptet auch (ohne epigraphische Beweise), daß eine Zwischenstufe des Alphabets wie folgt:
B-F-S-L-N - M-C-NG-Z-R - H-D-T-C-Q - A-O-U-E-I
entwickelt worden sei, bevor sich (wenigstens in Irland) diese Reihenfolge einbürgerte:
B-L-F-S-N - H-D-T-C-Q - M-G-NG-Z-R - A-O-U-E-I
mit fünf zusätzlichen Diphthongen, wie er irreführend die allusiven Vokalkombinationen bezeichnet, für die es bei fünf der sechs überzähligen Buchstaben des Formello-Cervetri-Alphabets Zeichen gab. Er leugnet nicht, daß Beth, Luis und Nion Baumnamen sind, meint allerdings, daß sie - als Zahlen-Äquivalente der Buchstaben-Namen des Formello-Cervetri, die, wie er meint, anscheinend bis ins fünfte Jahrhundert v. Chr. hinein ihre ursprünglich semitischen Formen beibehielten - lediglich deshalb gewählt wurden, weil sie den passenden Anfangsbuchstaben hatten, und sagt, daß
L für Luis, Eberesche, ebensogut auch die Lärche hätte sein können. Dieses Argument könnte wohl überzeugen, wäre da nicht die Tatsache, daß die Druiden für ihre heiligen Haine und ihren Baumkult berühmt waren und daß die alte Sequenz von vier Buchstaben offenbar von so großer religiöser Bedeutung war, daß das spätere B-L-F-S-N-Alphabet mit seinem N am falschen Platz niemals die Erinnerung, daran auslöschen konnte. Macalister mag das Beth-Luis-Nion-Baumogham als »künstlich« betrachten; aber die Bäume, die darin vorkommen, stehen in einer jahreszeitlichen Reihenfolge, die mythologisch fundiert ist, während die von ihm postulierte ursprüngliche Sequenz nach den ersten fünf Buchstaben, die in der angenommenen Reihenfolge stehen, überhaupt keinen Sinn ergibt.
Ich für mein Teil kann seiner Auffassung nicht beistimmen; Eiche und Holunder können nicht die Plätze tauschen; wir sollten auch nicht das lateinische Sprichwort übersehen, daß »nicht aus jedem Baum eine Merkurstatue geschnitzt werden kann«; und nur im Witzwort sammelt jemand Nüsse, Coll, und Weißdornblüten, Uath, an einem kalten und frostigen Morgen.
Irgendwann im fünften Jahrhundert v. Chr. haben anscheinend die Druiden Südgalliens die Buchstabenzeichen des Formello-Cervetri-A1phabets übernommen, um Dinge aufzuzeichnen, die nicht durch ein Tabu geschützt waren, und gaben sie dann nach Britannien und Irland weiter. Die fremden Buchstaben, die darin vorkommen, wurden einem bereits bestehenden Geheimalphabet, dem Boibel-Loth, hinzugefügt, dessen Buchstabennamen eine Zauberformel zu Ehren des kanopischen Herakles bildeten. Dies beweist aber nicht, daß die Druiden nicht schon ein früheres Alphabet besessen hätten, beginnend mit B-L-N, mit völlig anderen Buchstabennamen, die mit einem barbarischen religiösen Kult zusammenhingen, an den Amergins Lied erinnert und der in einer überlieferten Baum-Sequenz von Birke, Eberesche, Traueresche, Erle, Weide usw. verewigt ist. Oder aber, daß die historische Überlieferung, über die Macalister nachsichtig lächeln zu müssen glaubt, und nach der die Buchstaben in Irland schon lange bekannt waren, bevor das Formello-Cervetri-Alphabet Italien erreichte, eine späte Fiktion wäre. Wenn wir nachweisen können, daß das BLFSN-Alphabet eine logische Weiterentwicklung aus dem BLNFS-Baumalphabet war, und wenn wir es mit einer neuen religiösen Lehre in Beziehung setzen können, ohne dabei Zwischenformen erfinden zu müssen, für die es keine literarischen Beweise gibt, dann ergibt dies alles einen poetischen wie auch prosaischen Sinn.
Die religiöse Notwendigkeit ist stets eine sehr viel wahrscheinlichere Erklärung für Veränderungen eines Alphabets als die phonetische Theorie, auf die allein Macalister seine hypothetischen Veränderungen in der Buchstabenfolge des Beth-Luis-Nion zurückführt: denn immer und überall widersetzen recht empfindende Menschen sich den Bemühungen gelehrsamer Phonetiker, ihr vertrautes ABC zu verbessern, die Grundlage allen Wissens, und das erste, was sie in der Schule gelernt haben. Aber findet sich die Antwort auf unsere Frage nicht in der Schlacht der Bäume selbst? Was BLFSN von BLNFS unterscheidet, ist doch die Tatsache, daß der Buchstabe N, Nion, die Traueresche, der heilige Baum des Gottes Gwydion, aus der toten Jahreszeit, in der er noch schwarze Knospen trägt, herausgenommen und zwei Monate weiter versetzt wurde, wo er in Blüte steht, während Fearn, die Erle, der heilige Baum des Gottes Bran, der das Hervorgehen des Sonnenjahres aus der Vorherrschaft der Nacht bezeichnet, auf den Platz von Nion zurückversetzt wurde. Das BLNFS ist die Trophäe, die den Sieg Gwydions über Bran bezeugt. Und ist es nicht eigenartig, daß wenige Jahre, bevor die Schlacht der Bäume in Britannien ausgefochten und der Buchstabe F gedemütigt wurde, die Griechen ihr F ganz abschafften, um es nur noch als Zahlenzeichen für 6 beizubehalten.' Es geschah mehr als dies, als die Reihenfolge der Buchstaben sich veränderte; Gwydions Traueresche, N, nahm den Platz des fünften Konsonanten, Saille, ein, den Platz von S, der Weide, die natürlich Merkur oder Arawn heilig war; und Gwydion wurde daraufhin ein Orakelgott. Außerdem übernahm Amathaon, der offenbar ein Gott der Weide, S, war, Brans Stelle beim F und wurde ein Feuergott im Dienste seines Vaters Beli, des Lichtgottes. Bei diesem allgemeinen Stellungswechsel brauchte Bran nur noch die maritime Traueresche zu übernehmen, die Gwydion freigegeben hatte, um auf seine berühmte Meerfahrt zu den einhundertfünfzig Inseln zu gehen; doch die Seefahrt war ihm nichts Neues, denn eine von Vergil aufgezeichnete Überlieferung sagt, daß die ersten Boote, die je zu Wasser gelassen wurden, Einbäume aus Erlenstämmen waren.