Vorwort

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Vorwort

Dieses Buch ist Ergänzung und Fortsetzung von Band 1 »Ein Mädchen ist fast so gut wie ein Junge« Sexismus in der Erziehung: Interviews, Berichte, Analysen.
Im Verlauf der Arbeit für den ersten Band nahm ich Kontakte mit vielen Schülerinnen, Lehrerinnen, Erzieherinnen und Dozentinnen auf, die ich dazu anregte, etwas über ihre Erfahrungen zu schreiben.
Zunächst hatte ich vor, alle Materialien in einem Buch zu veröffentlichen. Das Thema stellte sich jedoch sehr bald als so umfangreich heraus, daß ich mich entschloß, die Berichte von Schülerinnen und Pädagoginnen separat herauszubringen.
Meine Motivation, diese beiden Bücher zu veröffentlichen, entstand aus meiner Arbeit als Dozentin im Bereich der Lehrerausbildung, die enge Kontakte mit Schulen beinhaltet. Überall konnte ich die Auswirkungen geschlechtsspezifischer Erziehung beobachten, einschließlich in meinem eigenen Leben. Ich interessierte mich für die Bemühungen von Frauen in den USA, das Erziehungswesen zu verändern und war selbst an Initiativen in West-Berlin beteiligt, Lehrerinnengruppen aufzubauen und das Thema Sexismus [1] in der Erziehung an die Öffentlichkeit zu bringen. Mein Beitrag, den ich im ersten Band leisten wollte: Die Forschung über den Bereich zusammenfassen, durch eigene Untersuchungen und Interviews neue Aspekte beleuchten und die Aktivitäten in anderen Ländern beschreiben und auswerten.
Wie in Band 1 so zeigen auch die Materialien in Band 2, daß geschlechtsspezifische und sexistische Inhalte und Verhaltensweisen fest im Erziehungswesen verankert sind. Diese Tatsache ist einsichtig, wenn wir uns die gesamtgesellschaftliche Situation vor Augen halten: Sexismus findet sich in allen Lebensbereichen. So werden Frauen auf bestimmte Funktionen festgelegt, die sowohl ökonomisch wie ideell eine geringere Bewertung erhalten als die von Männern ausgeübten: Hausarbeit ist das offensichtlichste Beispiel. Auch der Mann, der auf der niedrigsten Stufe der gesellschaftlichen Leiter steht, kann sich immer noch bestätigt fühlen, da er die Möglichkeit hat, Frauen zu unterdrücken. Die gesellschaftliche Machtposition, die Männer haben, beinhaltet soviele Vorteile und Freiräume, daß Männer die geschlechtsspezifische Ausrichtung, die sie übernehmen, selten als Einschränkung erleben.
Wie rassistische und klassenbezogene können auch geschlechtsspezifische Einstellungen und Verhaltensweisen so weit verinnerlicht sein, daß sie mehr oder weniger unbewußte Ausdrucksformen annehmen. So ist für Männer die Macht, die sie über Frauen ausüben, eine Lebensweise, Teil ihres Lebensstils und ihrer täglichen Umgangsformen. In ihrer Männerwelt sind Frauen weitgehend Vermittlerin von Dienstleistungen als Ehefrau, Freundin, Mutter, Sekretärin oder Sexualobjekt, oder »häßliches Mannweib« und Emanze«, die »keinen abbekommen« oder nur nicht den »richtigen Mann gefunden« haben.
Wenn Frauen den stereotypen Erwartungen von Männern entsprechen, so hat dies zu einem gewissen Grad eine Überlebensfunktion. Beispiel hierfür sind die endlosen Variationen von männerbezogenen Verhaltensformen, die Frauen u.a. am Arbeitsplatz entwickeln - stetes Lächeln, kommentarloses Hinnehmen von sexistischen Bemerkungen, Witzen und Komplimenten, sich in Aussehen und Kleidung für Männer attraktiv darstellen etc. Dieses Verhalten wirkt jedoch letztendlich selbstzerstörerisch: Wir passen uns an, um den Tag erträglicher zu machen, gleichzeitig verleugnen wir uns und unsere eigenen Bedürfnisse die selbst-bestimmte Person, die wir sein könnten.
Ich habe in Band 1 ansatzweise beschrieben, wie diese Art des Sichverkaufenmüssens, der Prostitution auch an Schulen und Universitäten auftritt und welche Reaktionen von Männern zu erwarten sind, wenn Frauen sich nicht angepaßt verhalten.
Ein Bewußtwerdungsprozeß ist notwendig, um gerade auch die unbewußten Verhaltensweisen offenzulegen. Erst dann können die vielfältigen Formen des Sexismus in Zusammenhang mit der ihnen verbundenen gesellschaftlichen Realität bekämpft werden. Bei Frauen wächst dieses Bewußtsein über ihre Situation häufig aus ihren unmittelbaren Erfahrungen, dem damit verbundenen Leidensdruck und dem Verlangen nach Veränderung und Selbstverwirklichung.
Frauen haben immer Widerstandsformen gegen ihre Unterdrückung entwickelt, ob in organisierter öffentlicher Form oder im sogenannten »privaten« Bereich. Wenn sich z.B. Frauen in Marokko an einem Brunnen treffen, um Wäsche zu waschen, und keine Männer als Zuschauer dabei zulassen, so schaffen sie sich einen Freiraum im Rahmen einer Gesellschaft, in der sie einen Sklavenstatus haben. Wenn Frauen sich sexuell und emotional verweigern, so verweigern sie damit auch Funktionen, die ihre Stellung in der Gesellschaft bestimmen: die der Mutter, die der Hausfrau und die der Geliebten - alles Funktionen, die der ausschließlichen Befriedigung von Männern zu dienen haben. Wenn sich eine Frau von dem Haushaltsgeld, das ihr Mann ihr zugeteilt hat, einen Hut kauft, so sagt sie damit auch, daß sie ein Recht auf Bezahlung ihrer Arbeit und auf ökonomische Unabhängigkeit haben will.
Zu bestimmten Zeiten tragen Frauen ihren Kampf um Selbstbestimmung mehr an die Öffentlichkeit. Dann wird der kollektive Charakter unserer Erfahrungen und unserer »privaten« Widerstandsformen deutlich. Wir leben in einer Zeit, in der die »Neue Frauenbewegung« ein solches kollektives Bewußtsein schafft und in gemeinsames Handeln umsetzt. Dies begann mit der Kampagne gegen den § 218 und dem Aufbau von Frauenzentren und Selbsterfahrungsgruppen. Die Gewalt von Männern, die bisher immer tabuisiert war, an die Öffentlichkeit zu bringen, ist ebenso ein Verdienst der Frauenbewegung: Wir errichten Häuser für geschlagene Frauen und Notrufzentralen für vergewaltigte Frauen. In Walpurgisnachtdemonstrationen erobern sich Frauen symbolisch die Nacht zurück. Durch Selbsthilfe, wie sie in Gruppen und in Feministischen Gesundheitszentren praktiziert wird, erobern wir Frauen uns ein Gebiet, zu dem wir bisher so wenig Zugang wie möglich haben sollten: den eigenen Körper und damit ein neues Verhältnis zu uns und unserer Sexualität.
Der Zwang zur Mutterschaft, zur Kleinfamilie und zur Heterosexualität wird inzwischen von immer mehr Frauen, insbesondere von lesbischen Frauen abgelehnt; eine Einstellung, die durchaus nicht zum ersten Mal in der Geschichte von Frauen auftritt. Wir beginnen, uns gemeinsam gegen die Festlegung auf bestimmte Funktionen, gegen unterbezahlte und unbezahlte Arbeit - einschließlich Hausarbeit im häuslichen und außerhäuslichen Bereich zu wehren. Frauen, die sich für sogenannte Männerberufe entscheiden, tun sich zusammen und versuchen, eigene Arbeitsformen, -inhalte und -ziele zu entwickeln. In Sport, Musik, Kunst, Literatur, Medien und Wissenschaft finden wir neue Ausdrucksformen und Inhalte, die die herkömmlichen infrage stellen. So schöpfen wir Kräfte, unsere arg verzerrte, männerbestimmte Identität neu zu definieren und zu entfalten.
Gesellschaftliche Veränderungen, d.h. Veränderungen, die alle Lebensbereiche betreffen, sind für uns aufgrund unserer täglichen Erfahrungen eine existentielle Notwendigkeit. Schwierigkeiten, die uns von vielen Seiten in den Weg gelegt werden, lähmen uns häufig und machen uns hilflos. Die Tatsache, daß unser Leben ohne Veränderungen oft unerträglich wird, muß uns die nötige Energie für einen gemeinsamen Kampf geben. Darüberhinaus brauchen wir Macht; Macht, die es uns ermöglicht, unsere Stärken zu entwickeln und sie gegen Widerstände zu behaupten; manchmal auch gegen Widerstände, die uns von männeridentifizierten Frauen entgegengesetzt werden. Unsere Macht liegt vor allem in der Abhängigkeit der Gesellschaft von unserer Arbeitskraft als erwerbstätige Frau, als Ehefrau, Mutter, Geliebte, als emotionaler Rückhalt für unsere Umgebung, d.h. in unserer Möglichkeit, diese Funktionen zu verweigern.
Die Entwicklung der Frauenbewegung beginnt Frauen aller Altersstufen und sozialen Schichten zu berühren, so auch Frauen im Bereich der Pädagogik. Ausbildung dient meist der Qualifizierung von Arbeitskräften und der Vermittlung der herrschenden Ideologie. Diese Ziele und Inhalte anders zu bestimmen bleibt denen vorbehalten, die sich nicht in ihnen wiederfinden - eine Bedingung, die in höchstem Maße auf Frauen zutrifft!
Diese Berichte, von Kerstin Köhntopp (15 Jahre) mit viel Enthusiasmus illustriert, sollen Lehrerinnen und Lehrern vermitteln, wie wichtig es für Schülerinnen ist, einen eigenen Standpunkt zu entwickeln und durchzusetzen und eine eigene Identität zu finden. Unterstützung von Erwachsenen sowie frauenfreundliche Lehrinhalte sind hierbei hilfreich, wenn nicht notwendig. Vor allem jedoch sollen die Berichte anderen Schülerinnen Mut machen und ihnen zeigen, daß sie nicht allein sind in ihren Versuchen, sich in einer Umgebung zu verwirklichen, die unabhängigen und unangepaßten Mädchen und Frauen meist feindlich gegenübersteht.
Auch besteht die Möglichkeit, daß Schülerinnen und Lehrerinnen durch dieses Buch über den Verlag Kontakte miteinander aufnehmen. Dies hat sich ansatzweise schon ergeben: Frankfurter und Berliner Schülerinnen sind dabei, ein Buch von und für Mädchen zu schreiben!
In Band 1 war mein Wunsch, sexistische Erziehungspraktiken aufzudecken und Ansätze zur Veränderung insbesondere aus dem Ausland aufzuzeigen. Die Beiträge von Schülerinnen und Pädagoginnen in diesem Band sollen vermitteln: Es lohnt sich, trotz aller Schwierigkeiten den Kampf um ein verändertes, selbstbestimmtes Leben aufzunehmen
»TANZEN ZU LERNEN IM GEGENRHYTHMUS ZUR OFFIZIELLEN ZEIT«.
Meine Funktion bei diesem Buch habe ich vornehmlich darin gesehen, Schülerinnen und Pädagoginnen dafür zu begeistern, sich öffentlich mitzuteilen und auszutauschen. Ich danke all denen, die sich hierzu bereit erklärt haben, und hoffe mit ihnen, daß dieses Buch ein Anstoß für wachsende gemeinsame Arbeit wird. Danken möchte ich auch vor allem Gabrielle Pfaff und Barbara Rumpf, die nicht nur die technische Produktion organisierten und überwachten, sondern auch gemeinsam
mit mir die Redaktionsarbeit leisteten. Ihr Know-how und ihre »moralische« Unterstützung waren unentbehrlich. Kerstin Köhntopp lieferte die mit Enthusiasmus gefertigten Zeichnungen, Christiane Möhlenhoff und Anne-Rose Groll halfen beim Umbruch, und Evalouise Panzner übernahm wie schon bei Band 1 den Composersatz. Roswitha Burgard vom Frauenselbstverlag stand mir mit redaktionellem Rat zur Seite; besonders Ursula Kirchner unterstützte mich emotional und mit gedanklichem Austausch.
Dagmar Schultz
Berlin, August 1979