Nachwort

Frauen in der Geschichtsschreibung

Werke, in denen die Geschichte der Frauen beleuchtet werden, haben eine lange Tradition. Entgegen einer ebenso falschen wie weitverbreiteten Ansicht, daß Frauen erst vor wenigen Jahrzehnten dem Dunkel der Geschichtslosigkeit entrissen worden seien, gab es sie stets, die Geschichtsschreibung über weibliche Vergangenheiten. Berühmt geblieben sind etwa Christine de Pizans Buch von der Stadt der Frauen aus dem 15. Jahrhundert, in dem sich lange Passagen über weibliche Gestalten und Figuren aus Mythologie und Geschichte finden. Deutlicher als Geschichtswerke ausgewiesen sind die 1788 erschienene Abhandlung von Christoph Meiners über die Geschichte des weiblichen Geschlechtes oder auch das Biographical Dictionary of Celebrated Women of Every Age und Country von Mary Betham aus derselben Zeit. Die meisten dieser und unzähliger anderer Arbeiten aus der Aufklärungszeit, die sich mit der weiblichen Geschichte beschäftigen, sind allerdings in der Tat in Vergessenheit geraten.
Erst die in den 80er Jahren dieses Jahrhunderts von Bonnie Smith und Natalie Zemon Davis unternommenen Nachforschungen [1] förderten diese Tradition der Frauengeschichtsschreibung wieder zutage und erinnerten daran, daß es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer wahren Flut von Frauengeschichten unterschiedlicher Couleur und Provenienz kam: von Luise Büchners Frauen und ihr Beruf über Lily Brauns Die Frauenfrage bis zu Luise Dörings Frauenbewegung und christliche Liebestätigkeit. Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts lassen sich die Beispiele angefangen von Marianne Webers rechtsgeschichtlichen Untersuchungen zur weiblichen Lebenswelt über Eileen Powers Studien über mittelalterliche Nonnen bis zu Mary Beard und Simone de Beauvoir fortführen. Daß es schließlich im letzten Drittel dieses Jahrhunderts zu einem erneuten, regelrechten Boom des Frauengeschichtsbuchmarktes gekommen ist, der bis heute anhält, muß nicht
eigens hervorgehoben werden.
Warum also - so läßt sich mit einigem Recht fragen - jetzt ein erneuter und überdies recht unbescheidener Versuch, eine »Geschichte der Frauen« zu schreiben? Ist es für ein solches Unterfangen nicht viel zu früh, oder vielleicht auch angesichts der Fülle vorliegender Untersuchungen insofern längst zu spät, als es das Machbare weit überschreitet. Zu früh scheint es, blickt man auf die hier nur stichwortartig angedeutete altehrwürdige Tradition historiographischer Studien
über Frauen, nicht zu sein. Zu spät freilich mag es jenen erscheinen, die der Frauengeschichte den Rücken gekehrt haben, um sich mit der Geschlechtergeschichte zu beschäftigen, da sie nicht ganz zu Unrecht erkannt haben, daß sich die Geschichte des einen Geschlechtes nie ohne die Geschichte des anderen schreiben läßt. Auch Natalie Zemon Davis und Arlette Farge und mit ihnen die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren der Geschichte der Frauen teilen dieses Credo für die Geschlechtergeschichte, das Michelle Perrot folgendermaßen zusammenfaßte: »Nichts wäre meiner Meinung nach gefährlicher, als Reservate zu schaffen - ein Territorium der Historikerin, ein neues Ghetto...» Zu einer Geschlechtergeschichte gehört weibliches wie männliches Leben, gehört der Blick der Männer genauso wie der der Frauen. Und genau aus diesen Gründen ist die Geschichte der Frauen keine Gesamtschau, sondern der vorsichtige Versuch einer vorläufigen Annäherung an die vielen Facetten weiblichen und auch männlichen Daseins.
Vergangenheit kann und vor allem soll hier nicht gebannt werden in dem Sinne wie das Mary Hays 1803 mit ihrer sechs Bände umfassenden Female Biography versuchte, und auch nicht nach der Art der fast doppelt soviele Bände umfassenden Reihe Famous Women, die Ende des 19. Jahrhunderts erschien. Im Unterschied zu diesen Kompendien kann die Geschichte der Frauen keine Vollständigkeit beanspruchen.
Bruchstückhaft ist diese Geschichte der Frauen auch, weil hier verschiedene nationale historiographische Traditionen zusammenfließen, die nicht nachträglich geglättet und ihrer Widersprüche beraubt wurden. Die Geschichte der Frauen gibt damit gleichsam Auskunft über »the State of the art« der Frauen- und Geschlechtergeschichte in Frankreich, Italien, England und den Vereinigten Staaten: So entstand die Frauengeschichte Großbritanniens im Rahmen der angelsächsischen Sozialgeschichte. Die unterscheidet sich ganz erheblich von der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte in Deutschland, von der ihrerseits die hiesige Frauengeschichte maßgeblich beeinflußt wurde. In Frankreich waren vor allem die Schule der Annales und schließlich auch Michel Foucault, in Italien die Microstoria wie der Poststrukturalismus von großem Einfluß auf die Frauengeschichte. Die Frauen- und Geschlechtergeschichte in den USA wurde geprägt durch die Sozial-und Kulturanthropologie einerseits und durch den Dekonstruktivismus, wie er in der Literaturwissenschaft entstand, andererseits.
Gemeinsam ist diesen unterschiedlichen nationalen Traditionen einer Frauengeschichtsschreibung in den letzten 25 Jahren, daß sie wesentliche Impulse der Neuen Frauenbewegung verdanken, die Ende der 60er, Anfang der 70er im Gefolge der Studentenbewegung die ersten Seminare zur Geschichte der Frauen organisierte. Gegen den lautstark artikulierten Willen der Mehrheit der Zunft und trotz bloßer Lippenbekenntnisse zur weiblichen Gelehrsamkeit hat die Frauengeschichte mittlerweile Fuß gefaßt in den einschlägigen universitären Institutionen.
Ähneln sich die Entstehungsbedingungen der Frauengeschichte in Frankreich, England, den Vereinigten Staaten und Deutschland auch, so haben sie in den letzten Jahrzehnten zusehends unterschiedliche Fragestellungen und Methoden entwickelt. Der vorliegende Band der Geschichte der Frauen ist beredter Ausdruck genau dieser Unterschiedlichkeit in Fragen und Methoden, in nationalen Perspektiven und Traditionen: Olwen Hufton etwa, um mit der angelsächsischen Frauengeschichte zu beginnen, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Arbeit, Frauen und Familie gegen Ende der Frühen Neuzeit beschäftigt, steht in der britischen Tradition der Sozialgeschichte. Sie nimmt Anregungen der englischen Familienforschung der 60er Jahre auf, die
von Peter Laslett bis Lawrence Stone schon früh eigene Wege ging. Kennzeichnend für die englische Sozialgeschichte ist nicht erst seit Edward P. Thompsons Klassiker The Making of the English Working Class eine im Vergleich zur deutschen Sozialgeschichte weniger starke und ausschließliche Fixierung auf ökonomische und soziale Strukturen, und statt dessen eine stärkere Einbeziehung der mentalen und kulturellen Prozesse, der Erfahrungen historischer Akteure und Akteurinnen, der Perspektive »von unten«. So verwundert es nicht, daß auch die angelsächsische Frauen- und Geschlechtergeschichte schon früh den Erfahrungen der Menschen Beachtung schenkte, darauf verwies, daß die ökonomischen und sozialen Bedingungen und die männlich bestimmten Herrschaftsformen das Leben von Frauen zwar mitprägen, aber nicht determinieren, daß auch die Handlungsformen und Wahrnehmungen der Frauen das Lebensfeld mitstrukturieren. Hufton vermag genau in diesem Sinne zu zeigen, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen wie Männern in der Frühen Neuzeit im Rahmen von Demographie, Arbeits- und Wirtschaftsformen wie auch geschlechtsspezifischen mentalen Faktoren zu situieren sind. Ein weiteres
Kennzeichen der englischen Frauen- und Geschlechtergeschichte ist. daß Frauen nicht isoliert wurden - wie das etwa typisch für die frühe deutsche und französische Frauengeschichte war -, sondern als Teil der »allgemeinen« Geschichte betrachtet wurden.
An die englische Sozialgeschichte knüpft auch der Beitrag von Natalie Zemon Davis zu weiblichen Partizipationsformen am Politischen in der Frühen Neuzeit an. Sie freilich erweitert diese Perspektive um Fragestellungen und Methoden aus der Sozial- und Kulturanthropologie. Und es ist gerade diese Erweiterung, die charakteristisch für große Teile der Frauen- und Geschlechtergeschichte in den Vereinigten Staaten ist. Dort nämlich schenkten viele Historikerinnen schon in den frühen 80er Jahren den Diskussionen innerhalb der »anthropology of women« Aufmerksamkeit und versuchten Methoden - etwa die »dichte Beschreibung« und die Rekonstruktion der Innenperspektiven - dieser Nachbardisziplin fruchtbar zu machen. Eine sich solcher Methoden bedienende Rekonstruktion der Innenperspektiven (im vorliegenden Fall von weiblichen Regierungsformen und direkten und indirekten Einflußmöglichkeiten und Herrschaftsoptionen) deckt eine Wirklichkeit mit andersartigen Logiken auf, die aus dem Blickfeld geraten, konzentriert man sich auf die Perspektive von oben oder auf eine Perspektive, die nur männliche Lebensrealitäten in den Blick nimmt. So eröffnet dieser Ansatz insbesondere für die Geschichte der Frauen, die ja oftmals am Rande, verdeckt und zuweilen heimlich vonstatten ging, neue Einsichten: etwa die aus der Perspektive traditioneller Politikgeschichte überraschende Einsicht, daß auf Blutsverwandtschaft basierende politische Systeme Frauen
größere Partizipationsmöglichkeiten offerierten als die »demokratischen« Stadtverfassungen der Frühen Neuzeit.
Französische Richtungen der Geschichtswissenschaft, die sich entweder auf die Annalesschule oder auf Michel Foucaults Diskursanalysen beziehen, spielen in anderen Beiträgen eine Rolle. Die unter dem Titel »Von ihr ist viel gesprochen worden« versammelten Untersuchungen stehen alle unter dem Einfluß Foucaults. Mit den Mitteln der Diskursanalyse, die Foucault so meisterhaft in seinen frühen historischen Arbeiten - erinnert sei nur an Wahnsinn und Gesellschaft - vorgeführt hat, werden hier die männlichen Diskurse aus Literatur, Theater, Philosophie und Medizin über das Weibliche analysiert. Unterschiedlich
sind freilich die Gewichtungen: Während Evelyne Berriot-Salvadore und Michele Crampe-Casnabet sich ausschließlich auf das männliche Reden über Frauen, auf die normativen Aussagen also konzentrieren und weibliche Lebensrealitäten, d. h. alltägliche Erfahrungen und Zwänge gänzlich ausklammern, gehen Jean-Paul Desaive und Eric Nicholson auch auf die sozialen, ökonomischen und mentalen Lebensbedingungen etwa der Literatinnen und Schauspielerinnen ein. Je stärker die männlichen Diskurse über Weiblichkeit isoliert werden, desto ungeschminkter tritt der Herrschaftscharakter dieser männlichen Aussagesysteme zutage. Gerade dadurch, daß - im Unterschied zur angelsächsischen Sozialgeschichte und der historischen Anthropologie eine Einbettung in soziale und ökonomische Kontexte unterbleibt und nur den normativen Aussagen Rechnung getragen wird, können die allgemeinen Strukturen von Herrschaft. Macht und Kontrolle im Geschlechterverhältnis klarer erfaßt werden; obschon - und das kann durchaus kritisch hinzugefügt werden - über die Praxis des Geschlechterverhältnisses wenig Konkretes aus den Diskursen zu erfahren ist.
Auch die Annalesschule hat ihre Spuren in diesem Band hinterlassen: Sara F. Matthews Griecos und Veronique Nahoum-Grappes Untersuchungen über den weiblichen Körper, Sexualität und Schönheit verweisen auf jenes Themenspektrum, das als »culture feminine« insbesondere in den 80er Jahren im Mittelpunkt von Debatten stand, die Historikerinnen aus dem Umkreis der Annalesschule initiiert hatten. Das Credo der frühen Annalesschule, die Erforschung von Mentalitäten in den Mittelpunkt zu stellen, und die Einsicht eines Philippe Aries bzw. der Forschergeneration von Alain Corbin, daß auch so vermeintlich Nebensächliches wie Düfte, Liebe, Tod und Kindheit eine Geschichte haben, wurde auch für die Frauengeschichte fruchtbar gemacht. Mit der Geschichte der Aussteuer, des Körperlichen und des Gebarens begann die französische Frauengeschichte an diese Traditionen anzuknüpfen. Solche historischen Untersuchungen machen darauf aufmerksam, daß bestimmte von der
Geschichtswissenschaft vernachlässigte Themen - wie etwa das Körperliche, die Schönheit - für die Geschichte der Frauen insofern von Bedeutung sind, als etwa die Schönheit einer Frau ihre Lebensbedingungen durchaus mitbestimmen, ihr z. B. zu Einfluß und Macht verhelfen konnte bzw. sie zum Objekt männlicher Begierden werden ließ.
Jede in diesem Band vertretene Form von Frauengeschichte - sei es die angelsächsische Frauengeschichte mit ihrer Integration von Frauen-und »allgemeiner« Geschichte; sei es die »anthropological history« mit ihrer besonderen Beachtung der Innenperspektiven, die es erlaubt, schwerzugänglichen Logiken auf die Spur zu kommen; sei es die der Foucaultschen Diskursanalyse, deren besondere Stärke im Aufdecken von Machtstrukturen liegt oder die der Annalesschule, die auf vernachlässigte Themen hingewiesen hat - vermag andere Aspekte der Geschichte der Frauen zu erhellen. Die überwiegende Mehrzahl der Beiträge jedoch entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Produkt einer fruchtbaren Vermischung all dieser und auch anderer Traditionen.

Frauen im Heiligen Römischen Reich [2]

Seit dem späten Mittelalter lassen sich in der Reiseliteratur und in den Topographien stereotype Frauenbilder für einzelne Länder finden. So hat z. B. der spätere Papst Enea Silvio Piccolomini (1405-1464) bei seinen Aufenthalten in Basel und Wien die dortigen Frauen mit den Frauen italienischer Städte verglichen.[3] Seine Charakterisierungen sind bezeichnend für einen Männerdiskurs, der von bestimmten Interessen gesteuert wurde. Zugleich knüpften diese Darstellungen an die antiken landeskundlichen Schilderungen in der Nachfolge Herodots an, und es wurde eine beliebte Methode, die bereisten Länder durch die jeweilige Art der Geschlechterverhältnisse zu charakterisieren. Später hat Mozart der »englischen Freiheit« mit dem Blondchen in der »Entführung aus dem Serail« ein Denkmal gesetzt. Und Simon Schama hat in seinem Buch Überfluß und schöner Schein am Beispiel der Niederlande gezeigt, wie der Topos der »Reinlichkeit« für die Kennzeichnung der Frauen prägend wurde. Es scheint, daß diese Stereotypen nicht geschlechtsspezifisch waren, sondern sich an die jeweiligen Länderstereotypisierungen anlehnten. In dieser Sichtweise wurden die Frauen in den fundamentalen Wandel der europäischen Gesellschaft einbezogen, in dem sich zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert die moderne europäische Staatenwelt herausgebildet und gleichzeitig die »Welt« erweitert hat, in dem sich eine dominant agrarisch geprägte Gesellschaft in Richtung Industrialisierung bewegte, die Katholizität der Römischen Kirche in Frage gestellt und die ehedem religiös gebundene Kultur säkularisiert wurde. Daß diese Prozesse in den einzelnen Regionen und Ländern sehr unterschiedlich verliefen, ist in der Erforschung der Geschichte der Frauen noch keine Selbstverständlichkeit, da die scheinbar unwandelbar gleichen Frauenbilder vielfach noch den Blick auf die Gestaltungsmöglichkeiten und Handlungsfelder von Frauen verstellen.
In den Beiträgen dieses Bandes stehen die Frauen West- und Südeuropas im Mittelpunkt, während die historischen Erfahrungen der Frauen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, in den skandinavischen Ländern sowie denen Ost- und Südosteuropas nur am Rand berührt werden. Die Gründe dafür liegen keineswegs in Sprachproblemen, schließlich entstand ein Teil der Forschungen zum Alten Reich und zu den skandinavischen Ländern in den USA und in England.[4] Wichtiger sind vielmehr Unterschiede in den Forschungsinteressen und Konzeptionen von Frauengeschichte. Anders als bei dem primär geistes- und kulturwissenschaftlich ausgerichteten französischen Interessen liegt der Akzent der deutschsprachigen Forschungen - ähnlich wie bei der anglo-amerikanischen Forschung [5] - bislang mehr im sozial- und neuerdings auch im politikgeschichtlichen Bereich.[6] Erforscht wurde in erster Linie das 16. Jahrhundert mit den traditionellen Schwerpunkten Reformation [7] und Frauenarbeit,[8] während die frommen Frauen der Katholischen Reform [9] kaum beachtet worden sind. Diese Fixierung auf Reformation hat auch verhindert, daß - anders als in England - die tragende Rolle von Frauen für die neue Frömmigkeit des 17. Jahrhunderts, den Pietismus, gewürdigt wurde.[10] Das 18.Jahrhundert dagegen ist als Zeitalter der Bildung und Erziehung, als Zeitalter, in dem Frauen erstmals in einer großen literarischen Öffentlichkeit auftraten, [11] traditionell von hohem Interesse für die Geschichte der Frauenbildung. Besondere Faszination üben die »Frauen der Goethezeit«[12] aus, vergleichbar den Precieuses in Frankreich. In den letzten Jahren zeigt sich jedoch eine zunehmende Verselbständigung von den alten Orientierungen, und es wird mehr und mehr kritisch gefragt, welchen Fortschritt die Aufklärung für Frauen gebracht habe, eine Frage, die sich für die Renaissance als sehr anregend erwiesen hat. Die zwiespältigen Folgen der Aufklärung für Frauen zeigen sich vor allem in einer neuen Anthropologie, die die bis heute bestimmenden Weiblichkeitsentwürfe schuf.[13]
Und doch: Trotz der heterogenen Forschungsschwerpunkte für die einzelnen europäischen Länder gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen den Gesellschaften Süd- und Westeuropas und dem Alten Reich. Jedoch variierten die Handlungsmöglichkeiten von Frauen im Heiligen Römischen Reich je nachdem, ob es sich um städtische oder ländliche Gesellschaften handelte, je nachdem, ob man adelige, bürgerliche oder dörfliche Lebensformen betrachtet.
Die Gemeinsamkeiten beziehen sich auf die generelle rechtliche und soziale Ungleichheit von Männern und Frauen, die nicht nur die Ungleichheit in einer ständischen Gesellschaft darstellten - vorstellbar ist, daß Männer und Frauen eines Standes die gleichen Rechte besitzen -, sondern auf einer Anthropologie der Ungleichheit von Mann und Frau beruhten, in der sich griechische, spätantike und christliche Vorstellungen miteinander verbanden.[14] Die wissenschaftlichen Entwürfe »der Frau« durch Theologen, Philosophen, Juristen [15] und Mediziner [16] kannten keine Grenzen: Der gelehrte Diskurs wurde über das Universitätsstudium und die gelehrte Literatur in ganz Europa verbreitet, spielte aber auch in der Berufspraxis von Juristen und Medizinern [17] eine nicht zu unterschätzende Rolle. Seine Differenzierungen folgten weniger politischen als konfessionellen Grenzen. Während in den katholischen Ländern das Ideal »Keuschheit« wie im Mittelalter die am höchsten bewertete Lebensform darstellte, wurde in den protestantischen Ländern die Ehe als allgemeine Lebensform für Erwachsene zur Norm erhoben.[18] Daher war es Aufgabe der protestantischen Ehetraktate und Ehebücher, das neue Ideal der Ehe- und Hausfrau, personifiziert in der protestantischen Pfarrfrau,[19] zu definieren und zu propagieren.[20]
In den katholischen Ländern näherten sich seit den Beschlüssen des Konzils von Trient (1561) die Ehevorstellungen denen der Protestanten in vieler Hinsicht an.[21] So erklären sich die über konfessionelle Grenzen hinweg ganz ähnlichen Reaktionen insbesondere der ländlichen Bevölkerung auf die neuen protestantischen und katholischen Ehevorstellungen, die auf der Trennung der Geschlechter in der Jugendzeit insistierten und daher mit eingeübten Lebenspraktiken kollidierten.[22] Alle Kirchen führten einen lange währenden Kampf gegen die weiterhin geübte Praxis der Eheanbahnung, bei der bereits nach dem Eheversprechen der Geschlechtsverkehr erlaubt war.[23] Demgegenüber nahmen die Konfessionen anfänglich zur Prostitution sehr unterschiedliche Haltungen ein. Während die Protestanten die städtischen Frauenhäuser schlossen,[24] blieben diese in den katholischen Ländern zunächst weiter in Funktion, wurden allerdings im Zuge der katholischen Reform gleichfalls verboten.
Wie für das südliche und westliche Europa sind für das Reich bevorzugt die wechselnden Lebenssituationen von Frauen in den größeren Städten erforscht: z. B. Köln,[25] Augsburg,[26] Frankfurt am Main,[27] Nürnberg,[28] Basel,[29] Hamburg,[30] Freiburg,[31] Hildesheim,[32] Nördlingen,[33] Schwäbisch Hall,[34] Mainz,[35] Koblenz [36] und Trier.[37] Daß auch die Geschichte kleinerer Städte wichtige Hinweise über die Handlungsfelder von Frauen geben können, zeigen die Studien zu Oppenheim,[38] Weismain und Forchheim [39] sowie zu den kleinen schleswig-holsteinischen Städten.[40] Demgegenüber haben adelige Frauen - abgesehen von ihrer Rolle für
Reformation und Gegenreformation - lange wenig Interesse bei der Historischen Frauenforschung gefunden,[41] da ihre Lebensweise, sehr zu Unrecht, als gesichert und unproblematisch angesehen wurde. Daher bestimmen die traditionellen biographischen Darstellungen noch weitgehend das Feld.[42] Erste Ansätze zu einer Sozialgeschichte adeliger Frauen zeichnen sich jedoch ab.[43] In den neueren Untersuchungen der Literaturwissenschaft hingegen sind adelige Autorinnen, wie z. B. Elisabeth von Braunschweig oder Katharina von Greifenberg, sehr wohl beachtet worden.[44] Für die Frauen auf dem Land liegen bislang gleichfalls nur wenige Arbeiten aus der Perspektive der Historischen Frauenforschung vor.[45] Einige wichtige Aspekte wie Frauenarbeit und generatives Verhalten sind jedoch von der Historischen Familienforschung,[46] der Historischen Demographie [47] und der Protoindustrialisierungsforschung[48] bearbeitet worden. Damit sind Einblicke in die Lebenssituationen von Frauen in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit möglich geworden, die eine ausgeprägte Differenzierung nach Ort, Schicht, Personenstand, Lebensalter, Konfession, politischer und wirtschaftlicher Lage dokumentieren.
Auch »Frauenarbeit« war weniger durch nationale Eigenheiten bestimmt als durch die länderübergreifende Erfahrung  sozialer  Ungleichheit in den verschiedenen  Formen von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung.[49] Im Bereich von selbständiger Arbeit kam dies beispielsweise darin zum Ausdruck, daß Frauen in den meisten Handwerken von der regulären professionellen Ausbildung ausgeschlossen waren und ihnen deshalb kein eigenständiger Zugang zum Handwerk möglich war.[50] Aber von den zukünftigen Handwerksfrauen wurde erwartet, daß sie lesen, schreiben und rechnen konnten, um die schriftlichen Angelegenheiten und die Eintreibung der Schulden übernehmen zu können.[51] Erst als Witwen erhielten Handwerkerfrauen das Recht der Betriebsführung, teilweise für einen kurzen Zeitraum, teilweise bis ein Sohn den Betrieb übernehmen konnte. Diese Regelung war nicht unumstritten, besaß aber gleichwohl vielerorts Gültigkeit, da es um die
Versorgung der Witwe wie um die Erziehung der Kinder ging, die andernfalls der städtischen Armenversorgung zur Last gefallen wären. Für die Frauen von Handwerkern und Kaufleuten gab es also bedeutende Handlungsspielräume während der Zeit ihrer Ehe wie als Witwe. Demgegenüber war das Leben alleinstehender Frauen vielfach mit großen Risiken verbunden.[52]
Noch zu wenig beachtet sind die großen Leistungen der Frauen für die Versorgung der Städte mit Lebensmitteln und Kleidung. Wie sich für Nürnberg und Frankfurt zeigen ließ,[53] handelte es sich um selbständige Tätigkeiten, mit denen viele Frauen den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder bestreiten konnten. Zwar waren die Verdienstmöglichkeiten der Höckerinnen und Altkleiderhändlerinnen gering, aber sie waren nicht wie im geschlossenen Zunfthandwerk im Prinzip Männern vorbehalten.
Im Bereich der agrarischen und gewerblichen Lohnarbeit ist zu beobachten, daß Frauenarbeit im Vergleich mit Männerarbeit überwiegend geringer bewertet wurde. Das galt insbesondere für Dienstbotinnen, die - anders als Hausknechte - wenig Aufstiegsmöglichkeiten hatten. Ausnahmen von dieser Regel stellten z. B. die besonders qualifizierten Spinnerinnen dar, die die feinen Garne für die Herstellung von Spitzen spannen.[54] Auch Seidenarbeiterinnen konnten als stark gefragte Spezialistinnen einen guten Lohn erzielen.[55]
Die alteuropäischen Gemeinsamkeiten im Hinblick auf die »unbezahlte« Hausarbeit erscheinen weniger deutlich, da sie mit jeweils anderen Forschungsinteressen thematisiert wurde. Die am modernen Arbeitsbegriff orientierte Forschung hat sie entweder ausgeblendet oder versucht, sie als »produktiv« zu definieren. Erst im Kontext des Konzepts »Familienwirtschaft« wurde ihre Bedeutung für die Stellung von verheirateten Frauen erkannt.[56] Denn zu den Fähigkeiten der Haushaltsführung gehörte es, in der Funktion als »Hausmutter« neben dem »Hausvater« Autorität auszuüben. Am  deutlichsten  läßt sich dies für Bäuerinnen erkennen, da in vielen Regionen die Verträge bei der Hofübernahme mit dem bäuerlichen Ehepaar geschlossen wurden.[57] Es leuchtet daher ein, daß Bäuerinnen - anders als Bürgerinnen - vielerorts die Berechtigung besaßen, an den Gemeindeversammlungen teilzunehmen.
Die hohe Bewertung der gemeinsamen Haushaltsführung durch das Ehe- und Arbeitspaar,[58] wird in solchen Arbeitsbereichen bestätigt, die nur von Mann und Frau gemeinsam als »Amtsehepaar«[59] übernommen werden konnten, z. B. als Hospitalverwalterpaar. Während Frauen prinzipiell von »Ämtern« im Gerichtswesen, in Verwaltung und Regierung sowohl in den Städten wie in den Territorien ausgeschlossen waren, konnten sie auf diese Weise zu den nicht von akademischer Ausbildung abhängigen Ämtern Zugang erlangen. In Deutschland war diese spezifische Form des Arbeitspaars bis in das 16. Jahrhundert auch im Heilbereich weit verbreitet: So erhielten Arzt und Ärztin oder Bader und Baderin gemeinsam die Konzession für die Berufsausübung.[60] Mit der zunehmenden Bedeutung der studierenden Mediziner und deren
Bestallung als Aufsichtspersonen wurde der gesamte Bereich der Heilberufe umstrukturiert. Unter den »weisen Frauen« gelang es allein einem Teil der Hebammen, als »geschworene« Hebammen einen Platz in diesem neuen System medizinischer Versorgung und Kontrolle zu erlangen, weil sie für gerichtliche Untersuchungen, die nicht von Männern durchgeführt werden konnten, unersetzbar waren.[61]
Ganz erhebliche Unterschiede herrschten jedoch zwischen den politischen Handlungsmöglichkeiten von Frauen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und denen in den west- und südeuropäischen Nachbarländern, Unterschiede, die nicht zuletzt mit dessen Verfassungsstruktur zusammenhängen. Das Reich mit seinen mehreren hundert Territorien war nicht wie die westeuropäischen Länder auf dem Weg zum zentralisierten Nationalstaat. Kaiser und Landesherren der großen Territorialstaaten konkurrierten um die Macht, während die Vielzahl kleiner weltlicher und geistlicher Territorien angestrengt versuchten, ihre Position und ihren Status zu wahren. Zu den geistlichen Territorien gehörten auch Frauenklöster, in denen selbstverständlich Äbtissinnen regierten, und kaiserlich-freiweltliche Reichsstifte,[62] unter denen dem Reichsstift Essen hervorragende Bedeutung zukam.[63] Doch nicht nur geistliche Frauen aus dem Hochadel konnten im Heiligen Römischen Reich regieren. In den kleinen Herrschaftsgebieten haben nicht selten gräfliche und fürstliche Witwen während der Unmündigkeit des Sohnes viele Jahre die Regentschaft geführt, ein Sachverhalt, der nicht leicht erkennbar ist, da ihre Regentschaftsjahre vielfach der Regierungszeit des Sohnes zugerechnet werden. Die Landgräfinnen Amalie Elisabeth von Hessen-Kassel (1637-1650) und ihre Schwiegertochter Hedwig Sophie (1663-1677) [64] gehören zu den wenigen Regentinnen, deren politisches Handeln angemessen gewürdigt wird.
Als Ehefrauen hatten sich die fürstlichen Frauen jedoch - abgesehen von den gar nicht so seltenen Ausnahmesituationen [65] - jeglicher politischen Einflußnahme zu enthalten. Was ihnen zugestanden wurde, war die Rolle der gewissenhaften Mutter, der mildtätigen Landesmutter oder die des glänzenden Mittelpunkts der höfischen Gesellschaft. Für alle Rollen gab es an den vielen deutschen Höfen reichlich Gelegenheiten. Höfische Kultur wurde im 17. und 18. Jahrhundert entscheidend geprägt von den Frauen der Herrscherfamilie, z. B. in Braunschweig-Wolfenbüttel, in Hessen-Kassel oder in Pfalz-Neuburg.[66] Allerdings fehlte dem Reich ein politischer und kultureller Mittelpunkt wie Paris Versailles in Frankreich, Madrid in Spanien und London in England: Der Kaiser residierte in Wien und entfaltete dort seine Macht, in Regensburg tagte seit 1663 der Immerwährende Reichstag und Frankfurt am Main war Wahl- und Krönungsstadt.
Dafür erlaubte das Reich als multi-zentrischer Verband auch den großen Reichsstädten, eine eigene Kultur zu entwickeln.[67] Dazu gehörte es im 17. Jahrhundert, daß z. B. in Nürnberg der »Löbliche Hierten-und Blumenorden an der Pegnitz« als Gesellschaft zur Förderung der deutschen Sprache und Dichtung entstand, an der Frauen beteiligt waren.[68] Der »Palmenorden zur Erhaltung deutscher Treue und Verbesserung der vaterländischen Sprache« war 1617 zur Ehre der in jenem Jahr verstorbenen Fürstin Dorothea Maria von Weimar gegründet worden.[69] Frauen waren als Autorinnen geistlicher Dichtungen in deutscher Sprache seit der Reformation hervorgetreten,[70] was sie trotz fehlender klassischer Bildung an den öffentlichen höheren Schulen und Universitäten befähigte, in den Sprachgesellschaften zu wirken.[71] In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bildete Leipzig den literarischen Mittelpunkt Deutschlands, wo auch Frauen wie Luise Adelgunde Victorie Gottsched, geb. Kulmus und Christiana Mariana von Ziegler prominent als Literatinnen hervortraten. Allerdings galt auch hier, daß sie nur als Dilettantinnen, nicht mit der Aussicht auf professionellen Gebrauch ihrer Fähigkeiten akzeptiert wurden.[72]
In der politischen Struktur des Reiches, das keine starke Zentrale kannte, lag sicherlich ein wichtiger Grund für die Bedeutung von Hexenprozessen im Reich.[73] Bereits Friedrich von Spee, der vehemente Kritiker der Hexenprozesse, hatte bemerkt, daß die Verfolgungen im Heiligen Römischen Reich die in den Nachbarländern weit übertrafen. Die gerichtliche Verfolgung von Hexen besaß hier eine andere Dynamik als in Frankreich, England und den Niederlanden, da die Vielzahl kleiner und kleinster, häufig durch konfessionelle Gegensätze getrennter Territorien  sich  gegenseitig  anspornten, die  »bösen Frauen« so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen. Während Lieselotte von der Pfalz Anfang des 18. Jahrhunderts berichtete, daß in Frankreich keine Hexenprozesse mehr denkbar seien, scheiterte in Deutschland an der Wende zum 18. Jahrhundert die Beendigung der Verfolgungspraxis u.a. daran, daß die Mitglieder der geistlichen Gerichte noch an der Wirklichkeit von Zauberei festhielten, gegen die sich die bereits skeptisch gewordenen Juristen noch nicht durchgesetzt hatten.[74] Zur Intensität der Verfolgungen von Frauen als Zauberinnen und Hexen trugen nicht nur die beständigen sozialen Konflikte bei [75] sondern die Stärke der lokalen bäuerlichen Gemeinden, die dem Landesherrn mit Rebellion drohten, wenn er die »bösen Frauen« nicht vernichte. Einige Landesherren verlangten von solchen Gemeinden, daß sie für die anfallenden, vielfach erheblichen Unkosten bürgen müßten, andere, z.B. in Westdeutschland, überließen den lokalen Hexenausschüssen Organisation und Finanzierung der gerichtlichen Verfolgung.[76] Die Interpretation der Hexenverfolgungen im Alten Reich wurde nicht zuletzt vom Konzept »Sozialdisziplinierung« (G. Oestreich) geleitet, das stark von der Kritik an der obrigkeitsstaatlichen Tradition in Deutschland geprägt ist.[77] Gleiches gilt auch für die Erforschung der Prozesse wegen Unzucht und Kindsmord,[78] die ebenso wie Hexenprozesse einen spezifischen Frauenbezug hatten.
Die hier nur stichwortartig angedeuteten Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Methoden und Forschungssschwerpunkte der jüngeren Frauen- und Geschlechtergeschichte haben alle mehr oder minder deutliche Spuren in der vorliegenden »Geschichte der Frauen« hinterlassen. Und obwohl auf die weiblichen Vergangenheiten im Heiligen Römischen Reich, viele regionale Differenzen und nationale Eigenheiten nur am Rande eingegangen werden konnte, wird eines doch ganz deutlich: Die Geschichte der Frauen entzieht sich einfachen Stereotypisierungen und Erklärungsmustern, sie ist weit facettenreicher, bewegter und zuweilen auch voller Überraschungen.

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