Warum dieses Buch?

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Vorwort

Fange ich mit mir selbst an, mit meiner eigenen Betroffenheit, meinem - wie es so schön heißt - Erkenntnisinteresse. Ich wollte herausfinden, wo es zur Zeit mit der Frauenbewegung in der Bundesrepublik langgeht. Ich selbst fühlte mich sozusagen zwischen allen Stühlen: auf der einen Seite (als »Feministin«) oft frustriert von der Demokratischen Fraueninitiative - in der ich mitarbeite - durch einen allzu enggefaßten Frauenpolitikbegriff; auf der anderen Seite von der Praxis einiger radikalfeministischer Gruppen immer weniger überzeugt, von manchen stundenlangen fraulichen Ergüssen in den Zeitschriften der Bewegung eher peinlich berührt und von einigen superseparationistischen Ausfällen geradezu abgestoßen.

Zum Beispiel: In der Hamburger Frauenkneipe werden zwei Lesbierinnen auf die Straße gesetzt, weil sie einen achtjährigen Jungen, den Sohn einer der Frauen, bei sich haben. »Jungficker«, heißt es, werden in der Frauenkneipe nicht geduldet. Oder: In verschiedenen Frauenbuchläden darf die Autorin Jutta Heinrich nicht lesen, weil die Laden-Frauen mit dem Frauenbild in ihrem Roman »Das Geschlecht der Gedanken« nicht einverstanden sind.

Vielleicht sind das extreme Einzelfälle, aber sie beginnen sich in der letzten Zeit zu häufen, und sie gehen mich etwas an und machen mich betroffen, weil sie im Namen der Frauenbewegung geschehen. Auffällig häufig ist neuerdings in vielen Frauenzentren auch von der »großen Abschlaffe« die Rede.

Zum Beispiel: »Bei uns haben wir das Gefühl, keiner fühlt sich für irgendetwas verantwortlich«, schreiben Frauen in der Hamburger Frauen-Zeitung vom August 78. »Das FZ verkommt, die Öffnungen werden auch wieder unregelmäßiger. Es wird immer wieder ein Anlauf unternommen, alles besser zu machen, verläuft sich aber meistens im Sande.« Die Gruppe »Frauen gegen Vergewaltigung« des Bielefelder Frauenzentrums mußte ihre Beratungs- und Notruf-Arbeit aufstecken, »denn wir haben über vier Monate lang täglich von 18-22 Uhr Telefondienst gemacht und keine einzige Frau hat bei uns angerufen« - und dies, obwohl die Gruppe sogar eine eigene Broschüre zum Thema »Vergewaltigung« herausgegeben hat.

Ganz im Gegensatz zu solchen mittlerweile sich ausbreitenden Symptomen der Sektiererei bzw. verstörter Erlahmung steht das wachsende Engagement der Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen, das sich nicht zuletzt niederschlug in der ersten Frauendemonstration in der Geschichte der bundesrepublikanischen Gewerkschaften: der imposanten Kundgebung von 15 000 DGB-Frauen im September 1978 in Mainz gegen Frauenarbeitslosigkeit und Lohndiskriminierung - eine Demonstration, die von Frauen auch gegen die Skepsis und den Widerstand der männlichen Gewerkschaftsfunktionäre durchgesetzt werden konnte.
Zugleich widerspiegelt die Überschwemmung des Marktes mit einer Flut von sogenannter Frauenliteratur das anhaltende Interesse und die zunehmende Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Frauenproblematik. Neben den autonomen Frauenverlagen gehen immer mehr der großen kommerziellen Buchverlage dazu über, eigene Frauenreihen herauszubringen. Kaum eine (Fach-)Zeitschrift in Politik, Kultur und Erziehung, die nicht schon aus
ihrem spezifischen Blickwinkel ein Sonderheft zum Thema Frau veröffentlicht hätte. Auch in Funk und Fernsehen ist die Frauenfrage attraktiv geworden. Und abgesehen von den sich gut verkaufenden feministischen Frauenzeitschriften Emma und Courage gibt es auch noch einen schier unübersehbaren »grauen« Markt an hektographierten Infos, Zeitschriften, Broschüren »aus der Bewegung«, die offensichtlich an die Frau gebracht
werden können.
Ein Widerspruch? Währenddessen jedenfalls finden die Frauen vom Hamburger Frauenzentrum es wichtig einzugestehen,

»daß wir mit der Frauenbewegung im Grunde unzufrieden sind. Es erscheint uns vieles schwammig und unübersichtlich, die verschiedenen Richtungen und Tendenzen schwer durchschaubar«.

Genau an diesem Punkt wollte ich ansetzen: nämlich den Versuch unternehmen, am Beispiel der Selbstdarstellungen von Frauengruppen, -initiativen, -kämpfen und -projekten das breite Spektrum und den gegenwärtigen Stand der Frauenbewegung exemplarisch (soweit dies überhaupt möglich ist und gewiß ohne Anspruch auf Vollständigkeit) zu dokumentieren und zu reflektieren. Deshalb kommen hier zum ersten Mal die unterschiedlichen »Fraktionen« der Frauenbewegung nebeneinander - und nicht, wie bisher üblich, sich gegenseitig ausschließend - zu Wort: »radikale« oder »gemäßigte« feministische ebenso wie sozialistische Frauengruppen oder die »Demokratische Fraueninitiative«; alternative Frauenprojekte ebenso wie Fraueninitiativen im sozialen, pädagogischen und Ausbildungsbereich - ergänzt durch Beiträge von in der Frauenfrage engagierten Autorinnen der unterschiedlichsten »Couleur«.
Die konzentrierte Gegenüberstellung der verschiedenen Strategien und Aktionsschwerpunkte innerhalb der Frauenbewegung soll klarere Einschätzungen und Orientierungen ermöglichen - und damit insbesondere betroffenen Frauen das Herausfinden des eigenen Standortes erleichtern. Außerdem
verspreche ich mir davon eine verstärkte Auseinandersetzung mit den Positionen Andersdenkender und - hoffentlich - eine größere Bereitschaft, Berührungspunkte zu entdecken, an die Stelle der gegenseitigen Abgrenzung das Bemühen um Zusammenarbeit zu setzen, ohne dabei den eigenen
Standort aufgeben zu müssen[1] (wie es im übrigen in anderen westeuropäischen Ländern längst an der Tagesordnung ist).

Ich möchte betonen, daß ich bei der Auswahl der Beiträge von einem sehr weitgefaßten Verständnis des Begriffes »Frauenbewegung« ausgegangen bin. Ich verstehe darunter sowohl eigenständige, organisationsunabhängige (»autonome«) Frauenzusammenschlüsse als auch die außerparlamentarischen Aktivitäten und Initiativen von Frauen für Frauen - entsprechend der Definition von Bürgerinitiativen und -bewegungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Initiativen und Zusammenschlüsse von Frauen in Parteien, die in Reaktion auf die Frauenbewegung entstanden und inzwischen durchaus ein Teil der »neuen« Frauenbewegung geworden sind, wurden jedoch nicht erfaßt - sie hätten den Rahmen dieses Buches bei weitem gesprengt.
Es erschien mir sinnvoll, die Initiativenbeispiele nicht nach ihrer programmatischen Richtung zu ordnen, sondern nach den gesellschaftlichen Bereichen bzw. thematischen Schwerpunkten, in denen sie arbeiten, sich zur Wehr setzen oder Alternativen entwickelt haben. Dieses Strukturprinzip hat den Vorteil, daß leicht erkennbar wird, welche Gruppen sich der jeweiligen Lebensbereiche, in denen Frauen durchaus unterschiedlich von Benachteiligung und Diskriminierung betroffen sind, annehmen; gleichzeitig erlaubt es eine klärende Antwort auf die Frage, vor welchem gesellschaftspolitischen und persönlichen Hintergrund bestimmte Frauengruppen entstanden und welchen Fraueninteressen sie sich verbunden fühlen.
Dieses Gliederungsprinzip hat auch einen Nachteil: Überschneidungen in einzelnen Kapiteln sind nicht zu vermeiden; denn da Frauenunterdrückung erst im gesamten weiblichen Lebenszusammenhang voll wirksam und verständlich wird, ist es schier unmöglich, eindeutige thematische Abgrenzungen zu ziehen.
So hat z. B. die Unterdrückung der Frau im Arbeitsbereich sehr viel zu tun mit ihrer »weiblichen« Sozialisation und der ungleichen Ausbildungssituation, mit der Frage, wer die Kinder erzieht, und mit den kulturellen Leitbildern dieser Gesellschaft.
Dennoch habe ich mich für dieses Gliederungskonzept entschieden, weil mir die Vorteile zu überwiegen schienen und im übrigen die in den jeweiligen Kapiteln dargestellte Praxis der Gruppen selbst den übergreifenden Zusammenhang der Probleme nur zu deutlich macht (insofern sind die Beiträge auch aus sich selbst heraus - kontextunabhängig - verständlich).
Eine kurze Einführung zu Beginn jedes Kapitels soll dazu beitragen, den thematischen Rahmen der einzelnen Beiträge, die zwischen Mai und September 1978 entstanden, abzustecken. Dagegen habe ich mich bewußt enthalten, die ausgewählten Texte in einem anschließenden Kapitel-Resümee zu kommentieren und zu »bewerten«.
Die Vorstellung, die verschiedenen Fraktionen der Frauenbewegung durch Selbstdarstellung ihrer Praxis und Positionen in einem Buch zu vereinen, war im übrigen schwer genug zu realisieren.
Zunächst einmal galt es, an so viele und so unterschiedliche Gruppen wie möglich heranzukommen: durch die systematische Auswertung von Adressenlisten, Frauenzeitschriften, Infos, kursierenden Rundschreiben, Tagungsberichten, Zeitungsartikeln, nicht zuletzt durch persönliche Kontakte zu aktiven Frauen, Gruppen und Journalistinnen, die sich zu einer Art Schneeballsystem auswuchsen.[2] Auf diese Weise kamen mehr als 120 Korrespondenzen zustande, von denen gut die Hälfte zur Konkretisierung von Beiträgen führte. Strapaziöser als diese mühevolle Recherchenkleinarbeit im Vorfeld des Projekts war aber die anschließende Erfahrung, daß manche Autorinnen und Gruppen nichts schreiben wollten, weil ich auch »die Soundso«, die doch bekannt sei als Sozialistin/Frauenfeindin/Bewegungsspalterin, um einen Beitrag gebeten hätte. Das Münchner Frauenzentrum z.B. lehnte ab mit der Begründung »... wir finden, wir sollten Frauenprojekte der Frauenbewegung unterstützen und nicht bürgerliche Verlage« (für diese Antwort mußte ich extra zur Post laufen und eine Mark bezahlen, weil sie nämlich in einem unfrankierten Umschlag steckte). Viele angeschriebene Frauenzentren antworteten erst gar nicht (weil sich niemand »verantwortlich fühlte«?), und es wunderte mich schließlich nicht mehr, daß ich nicht eine einzige Autorin fand, die es sich zutraute, über die Praxis der Frauenzentren in der BRD einen einigermaßen allgemeinverbindlichen Aufsatz zu schreiben.
Vielleicht wäre dieses Buch nie zustandegekommen, wenn ich zuvor gewußt hätte, auf welches überwältigende Unterfangen ich mich da einlasse: auf einen emotional ungeheuer aufgeladenen Grabenkrieg zwischen Frauengruppen, die teilweise für sich in Anspruch nehmen, im Besitz der »wahren Lehre« zu sein und nicht mehr bereit sind zu diskutieren; auf ein erstaunliches Maß an Mißtrauen und Skepsis, das erst überwunden werden mußte, um überhaupt miteinander reden zu können; auf eine in manchen Frauengruppen inzwischen ausgeprägte Ansprüchlichkeit, mit der die Veröffentlichung eines Beitrags gekoppelt wurde (so wurden mir Bedingungen gestellt wie z.B. meine verbindliche Teilnahme an Gruppensitzungen; eine Vollversammlung sämtlicher am Buch beteiligten Gruppen und Autorinnen, die über die Beiträge entscheiden sollten usw.). Hinzu kam, daß es sich bei einem großen Teil der Autorinnen um nichtprofessionelle Schreiberinnen handelt, so daß häufig mehrere Anläufe und unzählige Absprachen nötig waren, bis die endgültige Fassung erarbeitet war. Und von einzelnen Frauen(-Gruppen), mit denen verbindlich (per Vertrag) Themen und Termine vereinbart waren, habe ich nie wieder etwas gehört; sie verschwanden ganz einfach in der Versenkung- » kein Anschluß unter dieser Nummer«, »verreist«, »unbekannt verzogen« erfuhr ich bei Nachfragen.
Auf der anderen Seite habe ich aber auch - auf einer Ebene der gegenseitigen Akzeptanz - sehr befriedigende »frauenspezifische« Formen der Zusammenarbeit erlebt, die es möglich machte, die aktuellen persönlichen Erfahrungen/Bedingungen des Alltags in die Planung und Umsetzung der Beiträge und des Buches einzubeziehen. Ohne diese Frauen und Frauengruppen (die sich durchaus in allen »Fraktionen« befanden), ihre weiterführenden Hinweise, ihre Hilfe bei Schwierigkeiten und ihre solidarische Unterstützung bei Konflikten wäre dieses Projekt gewiß nicht zu verwirklichen gewesen. Ihnen allen gelten mein Dank und meine Verbundenheit.
Was meine eigenen Produktionsbedingungen betrifft, so waren sie extrem beeinflußt vom sogenannten »weiblichen Lebenszusammenhang«. In dieser Zeit haben meine Kinder (Jungs im Alter von 8 und 11 Jahren), der Vater der Kinder und ich eine Nachbarin mit ihren beiden Töchtern, die von ihrem Ehemann geschlagen und ausgesperrt worden war, bei uns aufgenommen und über alle milieubedingten Schranken hinweg einen Wohngemeinschaftsversuch gestartet. Der Schülerladen, mit dem wir für unsere Kinder, aber auch für uns selbst über viele Jahre ein Stück alternativer Erziehungs- und Lebenspraxis herzustellen versuchten, bröckelte seinem Ende entgegen.
Mein Vater schwankte monatelang zwischen Leben und Tod, meine Mutter brauchte Unterstützung. Ganz zu schweigen von den alltäglichen Hürden wie Kinderkrankheiten, Schularbeiten, Haushalt.
Ich erwähne dies nicht, weil ich meine Situation für besonders ungewöhnlich halte, sondern im Gegenteil deshalb, weil sie ein Stück weiblicher Normalität abbildet, innerhalb derer sich Frauen täglich das Recht auf Arbeit erkämpfen
Hamburg, im Herbst 1978                                                
Lottemi Doorman