2. Teil Qiu Jins Biographie

Texttyp

Biographie

Kindheit und Jugend

Eine außergewöhnliche Erziehung

[1]Qiu Jin wird am 8. November 1875 in Amoy [2] in der Provinz Fujian geboren. Dorthin sind ihre Eltern gekommen, als sie dem Großvater väterlicherseits folgten, der dort das Amt eines Stadtpräfekten [3] bekleidete. Sie verbringt die ersten fünfzehn Jahre ihres Lebens in Amoy bei ihrer Familie, die in väterlicher wie auch mütterlicher Linie aus Shaoxing in der Provinz Zhejiang stammt. Welche Stellung Qiu Jins Vater bekleidet, als sie geboren wird, ist ebenso wenig genau bekannt, wie die verschiedenen Ämter, die er in der darauffolgenden Zeit übernimmt. Man weiß nur, daß er mit Erfolg die Prüfungen für das Amt eines Mandarins abgelegt hat und jetzt Beamter in einer bescheidenen Stellung ist. Seine Mutter gehört ebenfalls gebildeten Beamtenkreisen an und hat eine Ausbildung [4] genossen. Wir wissen, daß noch ein älterer Bruder, mit dem Qiu Jin ihr ganzes Leben lang in Verbindung bleibt [5], sowie ein jüngerer Bruder und eine jungere Schwester [6] zu der engeren Familie gehören, in der sie aufwächst.
Qui Jin
Aus den Schriften Qiu Jins geht nichts über ihre Kindheit und Jugend im allgemeinen hervor, und die Arbeiten, die sich mit ihrem Leben befassen, äußern sich sehr kurzangebunden zu diesem Punkt. Es ist auf jeden Fall sicher, daß sie eine Erziehung erhält und sich ziemlich früh der wirtschaftlichen und politischen Probleme ihres Vaterlandes bewußt wird.
Zeichnet Qiu Jin in Wirklichkeit ihr eigenes Bild, als sie die frühreife Intelligenz und den Lerneifer Juruis, der Heldin von "Die Steine des Vogels Jingwei" beschreibt? Alles, was wir über ihr Leben wissen, spricht für diese Annahme. Xu Shuangyun schreibt: "Qiu Jin war lerneifrig und intelligent. Mit elf Jahren schrieb sie bereits Gedichte und rezitierte endlos ganze Versammlungen. "Wer in ihrer familiären Umgebung fördert diese frühe geistige Erwachen? Ihr Vater [7], ihre Mutter [8] oder der Lehrer ihres älteren Bruders [9]? Es ist sehr wahrscheinlich, daß auch Qiu Jin ebenso wie die Hauptfigur ihres Werkes, von der Erziehung profitiert, die man ihrem Bruder zuteil werden läßt. Das geschieht in den sozialen Schichten, aus denen sie stammt, öfter.
Hätte der Vater eine bedeutende Rolle in ihrem Leben gespielt, hätte sie ihn dann wohl in ihren Schriften mit keinem Wort erwähnt, zu keinem ihrer Bekannten über ihn gesprochen? Man muß sich fragen, ob ihr Vater in der Gestalt des Vaters ihrer Heldin auftritt: ein kleiner gebildeter Beamter, ein egoistischer und konservativer Mensch. Dagegen ist die Rolle, die ihre Mutter für sie spielt, mit Sicherheit sehr wichtig. Sie ist gebildet und hat Sinn für die Dichtkunst [10], sie kann ihrer Tochter eine Erziehung geben, für die diese ihr sehr dankbar ist. Das erfahren wir aus einem Gedicht [11], das Qiu Jin beim Tode der Mutter schreibt, darin vergleicht sie ihre Mutter mit der des Dichters Song Ou Yangxiu (1007-1072), die sich, nachdem sie Witwe geworden war, ganz allein um die Erziehung ihres Sohnes kümmerte. Eine gewisse Komplizenschaft besteht zwischen Mutter und Tochter. Dennoch ist Qiu Jins Leben eine Aneinanderreihung von Punkten, an denen sie mit den althergebrachten Strukturen der chinesischen Gesellschaft, der ihre Mutter angehört, bricht. Aber sie wird bei ihrer Mutter immer und bei allem, was sie unternimmt, emotionale und finanzielle Unterstützung finden. In jedem Falle, ob nun von Seiten ihrer Mutter oder des Lehrers ihres Bruders - wahrscheinlich ist allerdings, daß der Einfluß beider zusammenkommt - erhält Qiu Jin eine traditionelle chinesische Erziehung. Sie kennt die Klassiker, die Geschichte und die Dichtung. [12] Aber ihr Interesse wird auch für andere Bücher geweckt. So weiß man [13] beispielsweise, daß die Lektüre des Zhi kan ji chuanqi von Dong Rong [14] bei der Jugendlichen einen starken Eindruck hinterläßt. Dieses Stück zeigt zwei chinesische Frauen, Qin Liangyu und Chen Yunying [15], die sich als Heerführerin an der Spitze ihrer Armeen hervortaten, die sie zum Sieg führten, als die Ming-Anhänger gegen die Mandschus kämpften.
Eins der Gedichte Qiu Jins heißt: "Über das Zhi kan ji" [16]. Sie rühmt darin die soldatische Gesinnung der beiden Frauen, und sagt: "Durch diese beiden außergewöhnlichen Gestalten habe ich erfahren, daß das Heldentum nicht notwendig eine Angelegenheit der Männer ist." Wann hat sie dieses Gedicht geschrieben? Wir wissen es nicht, es ist nicht datiert.
Qiu Jin soll etwa um dieselbe Zeit ein breitangelegtes Werk über Geographie unter historischem, ökonomischem und ethnographischem Aspekt [17] gelesen haben [18], dessen Verfasser, Gu Yanwu [19], ein geistig sehr beweglicher Konfuzius-Anhänger war, der zur Zeit des Zusammenbruchs des Ming-Reiches lebte und sich nur widerwillig der Herrschaft der Mandschus fügte. Die gleiche Quelle gibt weiterhin an, daß Qiu Jin einen kurzen philosophischen Abriß [20] gekannt haben soll, der von einem der größten Denker zu Beginn der Qing-Zeit [21] geschrieben wurde, und der 1898 aufgrund der in ihm niedergelegten liberalen Gedanken wieder zur Geltung kam, besonders in bezug auf die Pflichten der Herrschenden und die Rechte des Volkes. Ebenfalls in ihrer Jugend soll Qiu Jin sich auch mit der Geschichte der französischen Revolution [22] vertraut gemacht haben.
Die Erziehung, die Qiu Jin während der ersten fünfzehn Jahre ihres Lebens genoß, ist nicht von den realen Ereignissen der Zeit abgehoben. Sie bezieht einen politischen und sozialen Kontext ein, den Qiu Jins familiäre Umgebung ihr auf konkrete Weise begreiflich werden läßt. Ihr Großvater väterlicherseits eröffnet ihr die ersten Ausblicke auf die Welt außerhalb ihres Hauses. Sie wächst in einem erniedrigten China auf. Die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen des Landes haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts unablässig verschlechtert. Die Mandschu-Dynastie ist im Niedergang begriffen. Bereits geschwächt durch Aufstände in verschiedenen Teilen des Landes, erfährt sie mit dem Taiping-Aufstand (1850), einen der heftigsten Schläge gegen die kaiserliche Macht und die bestehende Ordnung, den die chinesische Geschichte je gekannt hat. Die Macht ist schon im Inneren erschüttert, als eine Reihe imperialistischer Kriege (von 1840 bis 1900), die von den westlichen kapitalistischen Ländern geführt werden, noch dazu beitragen, ein schon im Verfall begriffenes System noch weiter aufzulösen.
In der Folge der Opiumkriege (1839-1842) und des chinesisch-französischen Krieges (1885) werden China eine Reihe ungleicher Friedensschlüsse aufgezwungen: jedesmal werden die Machtpositionen, die sich die fremden Mächte angemaßt haben, noch ausgebaut. Unter dem Schutz ihrer militärischen Übermacht festigen die imperialistischen Staaten die strategischen Positionen, die sie rings um das chinesische Reich aufgebaut haben, noch weiter. Diese Eroberung auf wirtschaftlichem Gebiet und die damit verbundene Truppenpräsenz bringen natürlich eine echte Kontrolle auf innenpolitischem Gebiet mit sich. Amoy, wo Qiu Jin lebt, steht ab 1842 den Europäern offen, und die Ausländer lassen sich dort mit Nachdruck nieder. (Um 1885 gibt es vier englische Fabriken in Amoy). Qiu Jins Gtoßvater väterlicherseits ist dort Präfekt und kommt durch sein Amt in direkten Kontakt mit den Vertretern der westlichen Mächte. Xu Shuangyun schreibt  [23]"Als kleines Mädchen erlebt Qiu Jin oft mit, wie englische Missionare wiederholt voller Überheblichkeit ins Büro ihres Großvaters stürmen. Sie äußerten unüberlegte Anliegen und demütigten den alten Mann. Der Zorn und die Entrüstung des Großvaters ließen in Qiu Jins Herzen eine revolutionäre Gesinnung keimen." Im Büro ihres Großvaters also soll Qiu Jin die ganze Verachtung und Brutalität der Besatzer kennengelernt haben. In eben jenem Büro jedoch findet sie auch das Vorbild eines Mannes, der auf diese Zoten mit Zorn und Auflehnung zu antworten weiß. Noch ehe sie fünfzehn ist, erlebt sie so in unmittelbar anschaulicher Weise sowohl die Besatzung durch die Fremden, als auch den politischen Widerstand. Der Widerstand ihres Großvaters bleibt jedoch nicht nur auf der verbalen Ebene, denn er verläßt Amoy 1890, weil er die ständigen Belästigungen durch die Ausländer nicht mehr länger ertragen kann.
Die ganze Familie kehrt daraufhin nach Shaoxing zurück. Dort lernt sie reiten und wird in die Kriegskunst eingeweiht, der ihr Onkel und dessen Söhne sich in der Nähe von Shaoxing [24] widmen. Es ist schwer zu belegen, daß - wir Xu Shuangyun behauptet - diese sportliche' Erziehung ein-~i Einfluß darauf hat, daß sie sich später zur Revolutionärin berufen fühlt. Die Tatsache gestattet jedoch beispielsweise die Vermutung, daß man die Füße des kleinen Mädchens nicht bandagierte [25], und daß die Jugendliche, die mit ihren Vettern über die bewaldeten Hügel der Gegend von Shaoxing reitet, mit dem Säbel fechten und dabei körperliche Übungen schätzt. Nur eine eigene Erfahrung mit dem Sport konnte sie veranlassen, ihn so zu preisen, wie sie es in "Die Steine des Vogels Jingwei" tut, wo sie wiederholt die Wichtigkeit eines Körpers, der sich frei bewegen darf, der geschmeidig und schön ist, unterstreicht.
Wir besitzen überhaupt keine Angaben über diese Phase in Qiu Jins Leben, aber man darf wohl aus der gesellschaftlichen Stellung ihrer Familie und der persönlichen Stellungnahme ihres Großvaters schließen, daß die Familie sich der schwerwiegenden Ereignisse, die zu der Zeit das Land erschüttern, bewußt ist.
1891, ein Jahr nach der Rückkehr der Familie nach Shaoxing, wird das Tal des Yangzi zum Schauplatz bedeutender Aufstände, denen die ausländischen Missionen zum Opfer fallen. Die Haltung der Herrschenden - brutale Repressionen, Zahlungen an die Missionen, ein Edikt, in dem die Christen und die Missionen gepriesen werden, enthüllt einem erheblichen Teil der Bevölkerung die Zusammenarbeit der Regierung und der imperialistischen Mächte. Die Mandschu-Regierung, die auf eine stabile Ordnung angewiesen ist, um die Macht zu behalten, nimmt den Schutz der Imperialisten an und unterwirft sich immer mehr den ausländischen Mächten. So tritt zum Haß gegen die chinesische Regierung noch der Haß gegen die fremden Eindringlinge hinzu, mit denen die herrschende Klasse sich immer enger einläßt.
Unter diesen Bedingungen zeichnet sich eine reformistische Strömung ab, in der einige Angehörige der besitzenden Schichten (Kaufleute, hohe Beamte) in Opposition zu einer schon wankenden Kaisermacht treten. Diese Strömung gewinnt an Stärke, als in der Folge des Friedensvertrages, der den chinesisch-japanischen Krieg beendet (1895), sich der Zugriff der ausländischen Imperialisten auf den chinesischen Staat verschärft und verstärkte Demütigungen mit sich bringt. Die ausländischen Banken bemächtigen sich des chinesischen Finanzwesens und das Defizit der chinesischen Handelsbilanz wächst. Sehr wahrscheinlich stand die Familie Qiu Jins unter dem Einfluß dieser Reformbewegung, deren Gedankengut ab 1895 mit Hilfe von Gelehrtenzirkeln und einem sich ausbreitenden Pressewesen verbreitet wird. Diese Annahme wird gestützt durch die Tatsache, daß Shaoxing eine der wichtigsten Städte einer chinesischen Provinz ist, die wegen ihrer langen Tradition als Hochburg des Geistes bekannt ist. Auch zeigt sich diese Provinz ab 1890 wesentlich mehr interessiert an der Modernisierung ihres Erziehungswesens als an der der Industrie oder der Armee, und ihre Hauptstadt Hangzhou wird zu einem der ersten Schwerpunkte, von wo aus das westliche Gedankengut mit Hilfe der Presse verbreitet wird, mit dem Ziel, die geistige Elite des Landes anzusprechen. Es entsteht in allen Städten dieser Provinz eine Bewegung zur Förderung der modernen Erziehung. Weiter werden Debattierzirkel ins Leben gerufen, wo man über tagespolitische Probleme diskutiert. Es herrscht dort durchgängig eine regierungsfeindliche Stimmung. [26] Die Haltung von Qiu Jins Großvater, sein Widerstand und seine Weigerung, einer korrupten und unterwürfigen Regierung zu dienen, treffen sich mit der Weltanschauung einer Bewegung, die China zu einem mächtigen Land machen möchte, das es nicht nötig hat, sich seine Politik vom Ausland vorschreiben zu lassen. 1895-1896 [27], als Qiu Jin zwischen zwanzig und einundzwanzig ist, wird ihr Vater in die Provinz Hunan [28] berufen. Es ist weit [29] von Zhejiang nach Hunan und mit den Transportmitteln, über die man damals verfügte, konnte man sich den wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten der Gegenden, die man durchqueren mußte, nicht entziehen. Außerdem werden die Wirren, die das Land beherrschen, immer größer. Die Regierung, die in Geldnöten ist, erlegt einer Bevölkerung, die ohnehin schon unter elenden Bedingungen leben muß, immer höhere Steuern auf. So müssen Qiu Jin und ihre Familie zwangsläufig die fortschreitende wirtschaftliche Zerrüttung des Landes aus nächster Nähe erleben. Begreift sie wohl schon während der ersten Reise, daß die wirtschaftliche Lage des Landes die Möglichkeit in sich birgt, allgemein das Bewußtsein zu erzeugen, daß ein politischer Wandel notwendig ist?

Das Erlebnis einer Hochzeit in einer traditionellen Familie

Die ganze Familie läßt sich also in Xiangtan nieder und dort wählen Qiu Jins Eltern, wie es in China Sitte ist, für sie einen Mann aus. Die Ehe wird 1896 geschlossen. Qiu Jin ist zu diesem Zeitpunkt einundzwanzig Jahre alt [30] und heiratet den Sohn eines Kaufmannes, der sich ein Vermögen durch die Verwaltung der Güter seines Vetters [31], Zeng Guofan [32], erworben hat. Die Familie ihres Mannes ist traditionsbewußt und sehr konservativ. Es muß für Qiu Jin sehr schwer gewesen sein, sich dieser Familie anzupassen, da sie in einer viel weniger strengen Umgebung aufwuchs, und auch ihre liberale Erziehung, die sehr viel weltoffener war als das Klima, in das sie nun gerät, hat sie nicht gerade dazu befähigt, sich in ihre neue Familie einzufügen. Sie kann den Widerspruch zwischen ihrer Erziehung und der Rolle, die sie in der Gesellschaft spielen soll, schlecht verkraften. Zunächst führt sie ein sehr unglückliches Leben, dann beschließt sie, überhaupt nicht mehr leben zu wollen.
Während der ersten fünf Jahre ihrer Ehe geschehen wichtige Ereignisse, durch die China auf eine Bahn gerät, die es in Veränderungen stürzt, die nicht wieder ungeschehen zu machen sind. In der gleichen Zeit muß sich auch die Haltung Qiu Jins ihren eigenen Problemen gegenüber langsam geändert haben. Die Parallele, die man zwischen ihrem Privatleben und der allgemeinen Situation ziehen kann, ist keineswegs zufällig. Sie zeigt nur, wie eng die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit mit den Anzeichen eines historischen Wandels in einer jeden Epoche verbunden sind. Sie läßt uns die enge Verbindung zwischen Qiu Jins Ansichten und ihrer Lebensweise erkennen. Es ist einer der Ansprüche, die Qiu Jin an ihr Leben stellt, daß dieser Zusammenhang gewahrt bleibt. Einige Jahre später wird sie während ihres Aufenthaltes in Peking zu einer Freundin sagen: "Heute reden die jungen Leute überall von Revolution. Ich glaube, die Revolution muß in der eigenen Familie beginnen, und so ist es auch mit der Gleichberechtigung von Männern und Frauen." [33] Um zu verstehen, wie Qiu Jin sich zu einer politisch bewußten Persönlichkeit entwickelt, muß man immer wieder auf den sozialen Hintergrund und die Ereignisse verweisen, unter deren Einfluß sich ihr Bewußtsein entwickelt.
Zwei Jahre nach ihrer Hochzeit, 1898, gelangen die Reformisten infolge des Friedensvertrages am Ende des chinesisch-japanischen Krieges von 1895 an die Macht. Die Wortführer dieser sogenannten Hundert-Tage-Bewegung (Juni bis September 1898) glauben, sie könnten China durch Reformen verändern. Sie wollen durch politische Reformen eine konstitutionelle Monarchie errichten und so die Beteiligung einer Elite an der Macht mit Hilfe eines nationalen Parlaments und regionaler Versammlungen gewährleisten. Mittels wirtschaftlicher Reformen wollen sie die heruntergekommene Situation der Landwirtschaft, der Industrie und des Handels wieder in Ordnung bringen, eine Reform des Unterrichtswesens soll die Heranbildung einer neuen Elite gewährleisten, die in der Lage sein soll, die Staatsgeschäfte zu übernehmen. Dabei stoßen die Reformideen, die sich um den jungen Kaiser Guang Xu gruppieren, auf den Widerstand der konservativen Fraktion um die Kaiserin Cixi. Diese Opposition bringt die Bemühungen der hundert-Tage-Leute-zum Scheitern, und deren Anhänger sind schwerwiegenden Repressionen unterworfen. Dennoch darf man die Bedeutung dieser vorübergehenden Erfahrung nicht unterschätzen. Sie zeigt erstmalig, daß Menschen, die außerhalb der Regierung stehen, politischer Initiativen fähig sind, und daß von nun an der Wunsch nach Modernisierung im ganzen Land weit verbreitet ist. Außerdem beweist ihr Scheitern in den Augen zahlreicher Intellektueller, daß die gewünschten Reformen ohne den Sturz der herrschenden Dynastie nicht möglich sind. Die Repression, der sich die reformistischen Kräfte ausgesetzt sehen, verschärft nur deren Widerstand, und dies ist noch umsomehr der Fall, als sich im Jahre 1900 Dinge ereignen, die die Kluft zwischen der langsam verknöchernden Regierung und den Parteigängern einer radikalen Veränderung noch weiter vertiefen.
Die soziale Unsicherheit wächst sich zu einer nationalen Seuche aus. Banditentum, Hungerrevolten, Widerstand gegen die Steuereinziehungen, die Unzufriedenheit der Massen erzeugen ein immer unerträglicheres soziales Klima. Geheimgesellschaften, deren politische Ziele oft zweifelhaft sind, leiten die Agitation der Bevölkerung. Diese stürzt das ganze Land in Aufruhr und ergreift immer breitere Massen. Sie gipfelt 1900 im "Boxeraufstand", der einem gewalttätigen Fremdenhaß freien Lauf läßt. Die ausländischen Mächte sehen die Sicherheit ihrer Hoheitsgebiete bedroht und beschließen, gemeinsam vorzugehen, um ihre finanzielle Vormachtstellung zu verteidigen. Sie stellen ein internationales Expeditionskorps auf, das in das chinesische Gebiet gesandt wird, um den Aufstand niederzuschlagen. Die Streitkräfte der Verbündeten und die Truppe der Aufständischen treffen vor allem in Peking aufeinander. Diese ausländische Intervention macht auf höchst dramatische Art und Weise die Schwäche einer verknöcherten kaiserlichen Regierung deutlich. Die Ausländer erscheinen als die wahren Herren des Landes.
Qiu Jin ist jetzt fünfundzwanzig. Sie ist seit vier Jahren verheiratet, und wurde im ersten Jahr ihrer Ehe Mutter eines Sohnes. [34] 1901 stirbt ihr Vater. Sie kann nur schwer ihre Lage als verheiratete und untergeordnete Frau akzeptieren und leidet sehr unter der Korruption, die in ihren Kreisen herrscht. Xu Shuang    yun gibt an, daß die Familie nach dem Tode von Qiu Jins Vater in eine schwierige finanzielle Lage gerät und ein Leihhaus eröffnet. Dieses geht jedoch bald darauf in Konkurs, und die Mutter Qiu Jins sowie ihre Brüder und ihre Schwester finden bei der Familie von Qiu Jins Mann keinerlei finanzielle Unterstützung. Mitellos und ohne jemanden, der sie unterstützt, müssen sie die Provinz Hunan verlassen und wieder nach Shaoxing gehen. Qiu Jin schreibt in "Die Steine des Vogels Jingwei": "Wenn eine Frau aus einer armen Familie stammt und, nachdem sie einmal in eine reiche Familie eingeheiratet hat, möchte, daß die Familie ihres Mannes ihre Eltern finanziell unterstützt, so wird die ganze Familie ihres Mannes diesen Wunsch als ein Verbrechen betrachten." Das ist alles, was wir über diese Phase ihres Lebens wissen. Wenn es ihre eigene angeheiratete Familie ist, die Qiu Jin in "Die Steine des Vogels Jingwei" beschreibt, als sie ihren Leserinnen den zukünftigen Mann ihrer Hauptfigur als neureich, gewissenlos und ungebildet beschreibt, kann man sich vorstellen, daß dieses Milieu für sie sehr bald unerträglich geworden sein muß. Sie muß sich einem Menschen wie Tan Sitong [35], einem der Anführer der Hundert-Tage-Bewegung, viel eher verbunden gefühlt haben als ihrem eigenen Mann, und sie wird bald beschließen, ihn zu verlassen. Als Tan Sitong verhaftet wird, lehnt er es ab zu fliehen und erklärt: "In allen anderen Ländern hat keine Reform je ohne Blutvergießen Erfolg gehabt. In China hat noch niemand sein Blut dafür vergossen, ich werde der Erste sein." Vorbilder wie er, die bei den Ereignissen jener Tage in Erscheinung treten, erfüllen die Phantasie der jungen Frau. Ein Brief, den sie später einem Freund schreiben wird, legt davon Zeugnis ab: sie schreibt, daß seit dem Entstehen der Reformbewegung ihr eigenes Leben ihr nicht mehr wichtig ist, und daß sie bereit ist, es der Rettung ihres Landes zu opfern. [36] Wenn man Xu Shuangyun Glauben schenken will, ist sich Qiu Jin zu jener Zeit der kritischen Situation bewußt, in der sich China befindet. Sie weiß, daß diese Situation für das Volk äußerstes Elend bedeutet. Sie hat nur noch den einen Wunsch: den Weg einzuschlagen, den tapfere Patrioten wie Tan Sitong gewiesen haben, sich in den Dienst des Volkes zu stellen und zusammen mit den Männern die Verantwortung für eine Veränderung der politischen Situation zu übernehmen. In dieser Gemütsverfassung kommt sie 1902 oder 1903  [37] nach Peking, wo ihr Mann sich ein Amt als Sekretär eines Ministers erworben hat.

Peking: die Entscheidung für den politischen Kampf

Qiu Jins Aufenthalt in der Hauptstadt ist eine wichtige Zeit in ihrem Leben. Sie hat nun unmittelbaren Zugang zu Iformationen über den Verlauf der Auseinandersetzungen und trifft dort Intellektuelle beiderlei Geschlechts, deren vorrangiges Ziel die Veränderung der chinesischen Gesellschaft ist. Sie freundet sich mit Wu Zhiying [38], der Frau eines engen Mitarbeiters ihres Mannes an. Diese ist eine bekannte Schönschreiberin, die aus einer aufgeklärten Gelehrtenfamilie stammt. Der Onkel Wu Zhiyings, Wu Rulun [39], ist ein hoher Beamter, der sich der Notwendigkeit einer Veränderung in China bewußt ist. Er widmet seine weitere Laufbahn der Weiterentwicklung des Unterrichtswesens, indem er insbesondere Schulen errichten läßt, in denen Fremdsprachen von Lehrern unterrichtet werden, die man eigens aus England oder Japan kommen läßt. Das sind die Kreise, mit denen Qiu Jin während ihres kurzfristigen Aufenthaltes in Peking in Berührung kommt. Bei Wu Zhiying, die sie täglich sieht, liest sie fortschrittliche Bücher und Zeitungen. Die beiden jungen Frauen haben eine vergleichbare Erziehung genossen und teilen die gleichen literarischen Vorlieben, haben die gleichen Ansichten. Die biographische Notiz, die Wu Zhiying 1949 [40] verfaßt hat, ist eine der wenigen persönlich gefärbten Informationsquellen, die wir besitzen. Qiu Jin hat selbst in einem Gedicht [41] diese aufrichtige und enge Freundschaft beschrieben, die sie ebensosehr auf der intellektuellen, wie auch auf der emotionalen Ebene mit der Freundin verbindet.
Die Bedeutung, die Qiu Jin der Freundschaft zwischen Frauen beimißt, wird in "Die Steine des Vogels Jingwel" auf Schritt und Tritt deutlich, wo ihre Hauptgestalten eine emotionale Beziehung untereinander anknüpfen, die sich auf ein gutes gegenseitiges Verstehen auf intellektuellem Gebiet und auf den gemeinsamen Willen, ihr Leben nicht als unterwürfige Ehefrauen zuzubringen, gründet. Sie versucht, ihre Leserinnen davon zu überzeugen, daß Frauen gerade durch solche Freundschaftsbeziehungen die Solidarität und die Stärke finden, die sie brauchen, um die Widerstände zu beseitigen, auf die sie beim Versuch ihrer Befreiung treffen. Das Verständnis, das Qiu Jin bei Wu Zhiying findet, gibt ihr zweifellos Kraft und Entschlossenheit in einer Phase, in der sie Entscheidungen trifft, die ihrem ganzen weiteren Leben eine bestimmte Wendung geben.
In Peking trifft Qiu Jin ebenfalls auf die aus Japan stammende Frau eines chinesischen Lehrers, die ihre Freundin wird und die beträchtlichen Einfluß auf sie ausübt, indem sie ihr erzählt, daß die Bildungsmöglichkeiten für Frauen in Japan weitaus entfalteter sind als in China. [42] Die Bücher, die sie liest, die Leute, die sie trifft, das Beispiel der chinesischen Studenten, die in immer größerer Zahl nach Japan gehen, all das sind Faktoren, die es Qiu Jin zweifellos ermöglichen, ihren Wunsch, ein anderes Leben zu beginnen, immer klarer artikulieren zu können. Von Wu Zhiying erfahren wir, daß sie gern diskutiert und argumentiert und daß sie zahlreiche Gedichte verfaßt. Sie sagt bereits zu Wu Zhiying: "Die Frauen müssen etwas lernen, um unabhängig zu werden. Sie dürfen sich nicht immer in allen Dingen an die Männer klammern." Das zeigt, daß sie schon eine entschiedene Meinung in dieser Richtung hat und weiß, mit welcher Stoßrichtung sie ihren Kampf führen will. Es ist die besondere Eigenart ihres Bewußtwerdungsprozesses, daß er sich sofort auf ihr Privatleben niederschlägt. Alle Versuche der Auflehnung, die es in ihrem bisherigen Leben gegeben hat, gehen in ihrem Entschluß auf, selbst nach Japan zu gehen. Sie ist entschlossen genug, um ihre Pläne nicht an dem Widerstand scheitern zu lassen, den ihr Mann ihrem Wunsch wegzugehen, entgegensetzt. Er versucht sogar, sie am Gehen zu hindern, indem er ihr die Mittel, die sie für die Reise benötigt, verweigert. Aber es gelingt Qiu Jin, einige persönliche Schmuckstücke vor seinem Zugriff zu bewahren, die sie von ihrer japanischen Freundin [43] verkaufen läßt. So gelingt es ihr, die für ihre Reise notwendigen Mittel zusammenzubekommen. Von dieser Summe opfert sie im letzten Augenblick noch einen Teil, um zur Befreiung eines in den Tagen der Reformbewegung [44] inhaftierten Aktivisten beizutragen.
In Peking beschließt Qiu Jin also in den Jahren 1903-1904, als sie achtundzwanzig Jahre alt ist, endgültig mit ihrer Vergangenheit zu brechen. Dies ist ein entscheidender Augenblick, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt.
Man kann natürlich nach der Ursache der Trennung Qiu Jins von ihrem Mann in der Weise forschen, daß man untersucht, wie glücklich oder unglücklich ihr Eheleben verlief. Es ist interessant, daß lediglich zwei Frauen aus den westlichen Ländern diese Frage unter diesem Gesichtswinkel angegangen sind. Es kann uns nicht weiter überraschen, wenn die eine von ihnen, Ayscough [45], ohne es mit der historischen Wirklichkeit allzu genau zu nehmen zu wollen, zugibt, daß sie Qiu Jin gern als glücklich verheiratete Frau gesehen hätte: "Trotz des Bruches zwischen Qiu Jin und ihrem Ehemann möchte ich gerne glauben, daß sie einige Jahre lang eine glückliche Ehe geführt hat." Ihr Interesse an den berühmten chinesischen Frauen ist das einer amerikanischen Akademikerin, deren biographische Arbeit dazu beitragen soll, im Westen ein bestimmtes Bild von der chinesischen Frau zu verbreiten. Aber sie hat sich weder zum Ziel genommen, über die Frauenbefreiung nachzudenken, noch sich dem Kampf der feministischen Bewegung in irgendeiner Weise anzuschließen. Die zweite dieser Biographinnen, Julia Kristeva, veröffentlicht in einer jüngst erschienenen Arbeit [46] ihre Ansichten über Qiu Jins Eheleben. Julia Kristeva erklärt ohne nähere Angaben von Quellen und ohne weitere Erklärungen, daß Qiu Jin eine "unglückliche, von anderen gestiftete Ehe" geführt hat. Dieses vorschnelle Urteil über die Revolutionärin Qiu Jin paßt, selbst wenn es richtig wäre, sehr gut in das klassische Interpretationsschema jener Leute, die gern revolutionäre individuelle Entscheidungen ausschließlich auf persönliche Probleme zurückführen möchten. Die chinesischen Quellen wiederum sind sehr zurückhaltend in dieser Hinsicht. Sie sind sich alle einig, daß Qiu Jins Ehemann sehr konservative Anschauungen vertritt und daß sie sich nicht mit ihm versteht. Ein Freund Qiu Jins [47] berichtet, daß die Ehe sie nicht befriedigt. Es ist besser, es bei diesen wenigen Bemerkungen bewenden zu lassen, da wir mit den wenigen Informationen, die wir über Qiu Jins Gefühlsleben besitzen, diese Frage nicht klären können. Der einzige Hinweis, den man hier hinzuziehen kann, steht in "Die Steine des Vogels Jingwei", wo Qiu Jin das Problem der Ehe nicht in Begriffen von Glück oder Unglück abhandelt, sondern sich aufzuzeigen bemüht, daß es sich dabei um eine Institution handelt, die die Frauen versklavt und sie daran hindert, sich selbst zu verwirklichen. Qiu Jin hält es in jedem Fall für überflüssig, ihre Hauptgestalt Jurui die Erfahrung einer traditionellen Ehe machen zu lassen und alle jungen Mädchen in dieser Geschichte sollen ein freies und aktives, der Außenwelt zugewandtes Leben führen. Möglicherweise ist sie zu diesem Schluß durch ihre eigene Erfahrung gekommen.
Glücklich oder unglücklich? ist Qiu Jin in dieser Phase ihres Lebens eines von beidem? [48] Wir wissen es nicht, aber wir können sagen, daß sie, als sie Mann und Kinder verläßt [49], ein Beispiel dafür zu geben wagt, wie eine bestimmte Auffassung von Familie infrage gestellt werden kann. Es ist ihr erster sichtbarer Angriff auf die chinesische Gesellschaftsordnung. Ihre Radikalität zeigt sich zunächst auf der Ebene ihres Privatlebens, bevor sie sich in ihrem politischen Engagement niederschlägt.

Die Zeit in Japan: politische Bewußtwerdung und militante Aktionen

Qiu Jin kommt als neunundzwanzigjährige Frau nach Japan. [50] Sie hat das Leben einer Ehefrau und Mutter in einer traditionellen chinesischen Familie erfahren. Sie hat einen Kampf bestanden, der ihr Leben verändert hat. Nun ist sie bereit, sich in Kämpfe einzureihen, die die chinesische Gesellschaft umstürzen werden.
"Die Steine des Vogels Jingwei" endet im dem Augenblick, als die Heldin mit ihren Freundinnen in Japan ankommt. Aber die Perspektiven, die Qiu Jin in ihrem unvollendeten Werk für ihre Heldinnen aufzeigen möchte, zeichnen sich schon zu Anfang    des sechsten Kapitels ab. Wir erfahren, daß diese, als sie in Japan ankommen, neue Kleider anlegen [51] und sich sehr wohlfühlen. Sie lernen bei einer Lehrerin japanisch und bekommen unverzüglich Kontakt zu revolutionären Kämpfern. Es steht außer Zweifel, daß Qiu Jin sich in ihre Hauptgestalt Jurui hineinprojiziert, und wenn sie auch nicht die Zeit hat, ihre Geschichte zu vollenden, so setzt sich diese doch ganz greifbar in ihrem eigenen Leben fort.
Die beiden Jahre, die sie in Japan zubringt, sind in mehrfacher Hinsicht sehr fruchtbar. Es ist einerseits die Zeit, in der sich ihre eigene Persönlichkeit auf der Grundlage ihrer politischen Aktivitäten und ihres schriftstellerischen Engagements entwickelt, andererseits ist es die Zeit einer heftigen politischen Agitation, in deren Folge eine Menge revolutionärer Bewegungen entstehen, die dazu beitragen, China zu schnellen und radikalen Veränderungen zu führen. Schon bei ihrer Ankunft in Japan sind die Motive Qiu Jins ganz deutlich: es sind in erster Linie politische. Im ersten Kapitel von "Die Steine des Vogels Jingwei", das vermutlich in eben dieser Situation entstanden ist, wird deutlich, wie sehr sie sich um die politische Lage Chinas sorgt, und sie bringt zum Ausdruck, daß sie sich verantwortlich und dazu berufen fühlt, eine wichtige Rolle sowohl als Revolutionärin, wie auch als Frau zu spielen. Sie soll Wu Zhiying vor ihrer Abreise aus Peking gesagt haben, daß sie davon Abstand genommen hat, sich der Medizin oder der Erziehung zu widmen, da diese nur dazu beitragen würden, die Probleme einer Minderheit zu lösen, und daß sie hingegen den Ehrgeiz habe, den gesamten Lauf der Dinge [52] zu verändern. Von nun an wird sie immer zwei vorrangige Ziele verfolgen: den Kampf für den Sturz der chinesischen Regierung und den Kampf für die Emanzipation der Frauen, indem sie diese dazu agitiert, sich an allen Kämpfen zu beteiligen.
Qiu Jin widmet sich gleichzeitig ihrem Studium und ihrer politischen Arbeit, die im übrigen sehr eng ineinandergreifen. Wir wissen wenig Genaues über ihr Studium. Sie widmet das erste Jahr ihrer Studien dem Erlernen der japanischen Sprache, indem sie an speziellen Kursen teilnimmt, die die "Vereinigung chinesischer Studenten" in Japan [53] eingerichtet hat. im darauffolgenden Jahr, vermutlich im Herbst 1905 [54], besteht sie die Aufnahmeprüfung für eine Mädchenhochschule in Tokio [55], wo sie den Ausbildungsgang für den Beruf der Krankenschwester [56] einschlägt.
Außer ihrem Studium nimmt Qiu Jin an einer Unzahl von Aktivitäten innerhalb der chinesischen Studentengemeinde in Tokio teil, die sich aus Stipendiaten der chinesischen Regierung und aus Leuten zusammensetzt, die, wie sie, in privater Initiative [57] hierhergekommen sind. Unter den letzteren befindet sich eine Anzahl Flüchtlinge, die vor der politischen Repression geflohen sind, die die Mandschus fortwährend seit den Jahren 1902-1903 ausüben. Obwohl sie sehr unterschiedlicher politischer Auffassungen sind, sammeln sich all diese Menschen chinesischer Herkunft um die "Vereinigung chinesischer Studenten" herum, eine Art Selbsthilfeorganisation, die staatliche Gelder erhält und sich um die Unterbringung und um die soziokulturellen [58] Aktivitäten der Studenten kümmert. Im Schoß dieser breiten Gruppierung, die keine bestimmte politische Linie verfolgt, bilden die Studenten kleine Gruppen, je nach den Provinzen, in denen sie geboren sind, bringen eine Zeitung heraus, in der sie ihre Ansichten zu den zeitgenössischen Problemen [59] darlegen.
Qiu Jin findet sich gleichzeitig der Gruppe der Provinz Zhejiang, in der sie selbst geboren wurde, wie auch der der Provinz Hunan, aus der ihr Mann stammt, zugehörig. Auf diese Weise knüpft sie gleich Kontakte zu den radikalsten Leuten  [60]. Sehr bald bringt ihre eigene Persönlichkeitsstruktur sie an den Punkt, wo sie nicht mehr bloße Zuschauerin bei den Versammlungen, an denen sie teilnimmt, sein mag. Es scheint, daß Qiu Jin einige ihrer eigenen Charakterzüge wiedergibt, indem sie sich in die Person ihrer Hauptfigur Jurui hineinprojiziert. Sie sagt uns jedenfalls deutlich, welche Charaktereigenschaften sie bei Leuten bewundert. Sie unterstreicht den Einfluß, den Jurui auf ihre Freundinnen ausübt. Sie ist diejenige, von der die Anregungen und Initiativen ausgehen, sie fällt die Entscheidungen und zieht die anderen mit ihrer Entschlossenheit nach. Im sechsten Kapitel, als Jurui eben in Japan angekommen ist, "weiß sie am Besten das Wort zu ergreifen, und war allen anderen darin überlegen, zu jedem Problem hatte sie eine prompte und wohlgefaßte Ansicht." Die Gemeinsamkeiten zwischen der Person Juruis und dem Charakter Qiu Jins, so wie ihre Zeitgenossen sie darstellen, sind frappierend. Xu Zihua [61] schreibt: "... jeder, der in ihre Nähe kam, bewunderte sie ..." Sie erlernte schnell die Feinheiten der Redekunst. Ayscough erzählt in ihrem Buch, [62] ohne sich auf nähere Quellen zu berufen, daß "eine Versammlung, die Qiu Jin mit ihrer Anwesenheit beehrte, mit einem Schlag berühmt wurde." Sie hält ihre Zuhörer gefangen, weiß ihre Herzen zu bewegen, und sie für ihre Ideen [63] einzunehmen. Ihr Ruf und ihre Beliebtheit werden es ihr sehr bald möglich machen, in Schlüsselpositionen innerhalb der Organisationen, zu denen sie gehört, aufzusteigen. Schon im Herbst 1904 [64], als sie erst seit einigen Monaten in Tokio ist, nimmt Qiu Jin unmittelbar an der Gründung eines Geheimbundes Junger Radikaler teil, der "Gruppe der Zehn" (Shiren hui) [65], deren Ziel der Sturz der Mandschu-Dynastie und die Errichtung einer Ära neuen Wohlstandes in China ist. Im Lauf desselben Herbstes wird sie Miglied der Sektion der Triade (san he hui [66]) von Yokohama. Dies ist eine Geheimgesellschaft, deren Mitglieder vor allem revolutionäre Studenten sind, und der auch Sun Yat Sen angehört. Qiu Jin ist eine der drei Hauptverantwortungsträger dieser Organisation, zusammen mit zwei Männern [67].
Immer noch im selben Jahr, ihrem ersten in Japan, gründet Qiu Jin zusammen mit Chen Xiefen  [68] die erste Vereinigung chinesischer Frauen, die "Gonghai hui" bzw. gründet diese neu, Xu Shangyun [69] vertritt die Meinung, daß Qiu Jin und Chen Xiefen diese Vereinigung gründen, aber wenn man Rankin [70] glauben will, so wurde bereits zu Beginn des Jahres 1903 eine Vereinigung gleichen Namens gegründet, das wäre im selben Jahr gewesen, in dem auch die chinesischen Studenten in Japan beschlossen, ein Freiwilligencorps aufzustellen, das gegen die Besetzung der Mandschurei durch die Russen kämpfen sollte. wie dem auch sei, jedenfalls ist es das Ziel der Vereinigung chinesischer Frauen, wie Qiu Jin und Chen Xiefen sie begreifen, Widerstand gegen die Mandschus zu leisten und den Wohlstand in China wiederherzustellen. Diese Ziele stimmen völlig mit denen von Männervereinigungen wie etwa der "Gruppe der Zehn" überein. So sind die ersten politischen Aktivitäten Qiu Jins breitgefächert und frei von jedem Sektierertum, solange sie mit ihren beiden immer vorrangigen Interessen, nämlich dem Sturz des Regimes und der Befreiung der Frauen durch deren Beteiligung an den Kämpfen, übereinstimmen. Man darf wohl vermuten, daß Qiu Jin in derselben Zeit auch ihre politische Bildung vervollkommnet, indem sie von den chinesischen Studentenvereinigungen [71] verfertigte Übersetzungen ausländischer Werke sowie auch die aktuelle japanische Presse liest, die die beginnende Auseinandersetzung um die verschiedenen Auffassungen vom Sozialismus, wie sie in den westlichen Ländern im Schwange [72] sind, wiedergibt. Die chinesischen Studenten lesen die Schriften Rousseaus, Stuart Mills, (dessen Buch "On the subjection of Women" bereits als Übersetzung in einer Zeitschrift erschien), Darwins, Montesquieus [73], und übernehmen daraus die Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Demokratie. Das Vorbild der englischen, französischen und amerikanischen Revolutionen [74] ist ihnen stets vor Augen [75].
Zwischen 1902 und 1904 erscheint eine größere Anzahl von Arbeiten über den Anarchismus in Form von Artikeln und Büchern [76]. Man beklagt dort die uneingeschränkte Herrschaft der russischen Zaren und stellt den Terrorismus der Nihilisten darin voller Sympathie dar. Es werden Parallelen zwischen der chinesischen und der russischen Situation gezogen. Ab dem Jahre 1903 fassen einige chinesische Revolutionäre in Japan die Anwendung terroristischer Methoden ins Auge. In den diesbezüglichen japanischen Werken, und in noch stärkerem Maße in deren chinesischen Übersetzungen, wird der Begriff des Anarchismus mit dem des Nihilismus und Terrorismus vermengt. Ein Buch mit dem Titel "Der Anarchismus" [77] findet eine große Resonanz. Es ist die japanische Übersetzung einer allgemeinen Geschichte der russischen revolutionären Bewegung. Darin ist die Geschichte der revolutionären Bewegung in Rußland, und als deren Verallgemeinerung in der ganzen Welt, in drei Perioden unterteilt: revolutionäre Literatur, Propaganda und Agitation und schließlich politischer Mord und Terrorismus [78]. Yang Yulin [79] nimmt diese Unterteilung wieder auf in einer Broschüre, die den Titel: "Das neue Hunan" (xin hunan) trägt, und die einen gewaltigen Einfluß auf die revolutionäre Bewegung in China gewinnt. Der Verfasser vertritt darin die Ansicht, daß China nur durch eine gewaltsame Revolution zu einem gesunden und mächtigen Staat werden kann. Diese Gewalt muß durch die Schaffung eines destruktiven Bewußtseins [80] vorbereitet werden. Er hält dieses Vorgehen für absolut notwendig, um China in einen neuen Abschnitt seiner Geschichte überführen zu können und führt als Beleg die russischen Extremisten an.
Es ist wahrscheinlich, daß Qiu Jin selbst seit ihrer Ankunft in Japan in alle diese Auseinandersetzungen verwickelt ist. Sie gehört den Studentengruppen Zhejiangs und Hunans an, und gerade innerhalb dieser Gruppen stößt die anarchistische Auffassung auf die größte Sympathie [81]. Unter den historischen Persönlichkeiten, die sie bewundert, und deren Nachahmung sie den Leserinnen ans Herz legt, befindet sich unter anderem Sophie Pereovskaja.
Der politische Lernprozeß Qiu Jins in Japan wird also im Wesentlichen bestimmt durch die militanten Richtungen in den politischen Organisationen, die Praxis der öffentlichen Diskussionen, die Auseinandersetzung mit Leuten, die in unterschiedlicher Weise politisch engagiert sind und schließlich durch die Lektüre ausländischer Werke. Qiu Jin nutzt diese Erfahrungen, die noch durch eine profunde Kenntnis der chinesischen Geschichte gestützt werden, und zieht daraus die Konsequenz, Artikel für Propagandazeitschriften der studentischen Vereinigungen zu schreiben. Diese Zeitschriften sind Schauplatz der ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Reformisten und Revolutionären. Qiu Jin ist auf der Seite der Revolutionäre und unterstützt nach Kräften den Kampf gegen die reformistischen Strömungen. Die Polemiken, die sich die reformistische und die revolutionäre Presse liefern, gestatten eine genauere Analyse der Ideen, die beiden Strömungen zugrunde liegen [82].
Die jungen Intellektuellen, die in der Folge des Boxeraufstands das Vertrauen in die Regierung verloren, haben damit begonnen, auf deren Sturz hinzuarbeiten, indem sie sich gewaltsamer Methoden bedienten. Als anti-Imperialistische Nationalisten und erklärte Gegner der Mandschus wollten sie die herrschende Dynastie beseitigen und durch eine echt chinesische Regierung ersetzen, die die Modernisierung in China gewährleisten sollte.
In den Augen der Reformisten, deren Anführer Liang Qichao [83] ist, ist der Zeitpukt für eine gewaltsame Revolution in China noch nicht gekommen. Sie meinen, daß ein bewaffneter Bruderkrieg in China zwangsläufig eine Intervention der ausländischen Mächte nach sich zöge, was wiederum einzig und allein eine Schwächung Chinas zur Folge hätte und es noch mehr als bisher der Inbesitznahme durch die Ausländer ausliefern müßte. Sie schätzen das chinesische Volk im übrigen noch als bewußtseinsmäßig zu unterentwickelt ein, um einem derartigen Wagnis ausgesetzt zu werden.
Diesen beiden Ansichten setzen die Revolutionäre entgegen, daß selbst auf die Gefahr einer ausländischen Intervention hin, nur eine Revolution China vor den Gefahren bewahren kann, von denen es bedroht ist. Sie bestreiten nicht, daß das Volk kein ausreichendes Bewußtsein besitzt, glauben aber, daß es dieses durch den revolutionären Prozeß entwickeln und dabei lernen wird. Sie geben den Reformisten zu bedenken, daß eine konstitutionelle Monarchie, wie jene sie verfechten, ebenfalls ein aufgeklärtes Volk voraussetzt, und daß sie die gegenwärtige Monarchie niemals kampflos dazu bringen würden, China eine Verfassung zu oktroyieren. Die Revolutionäre selbst sind Republikaner.
Qiu Jins Beitrag zu diesen Auseinandersetzungen bezieht alle Themen ein, die ihr am Herzen liegen, und stellt klar heraus, welche Kampfschritte ihr die wichtigsten zu sein scheinen.
Ihre unmittelbare Leserschaft in Tokio sind die studentischen Kreise, die, wie wir bereits gesehen haben, in keiner Weise homogen sind. Abgesehen von den Unpolitischen spalten sie sich noch in Anhänger der Reformisten und solche der Revolutionäre. 1904 beschließt die "Vereinigung chinesischer Studenten" die Gründung einer Gesellschaft zur Bekämpfung reformistischer Ideen, die den Studenten ein politisches Bewußtsein vermitteln soll und den Namen "Gesellschaft für das Studium der politischen Rede", Yanshuo lianxi hui, erhält. Xu Shuangyun berichtet, daß diese Gesellschaft auf eine Initiative Qiu Jins hin beschließt, eine Zeitung in der Umgangssprache [84] herauszubringen, das bal hua bao [85], das ein Gegengewicht zu der Zeitung der Reformisten, dem xin min cong bao, das unter der Leitung Liang Qichaos entstand, bilden sollte. Die Hauptthemen, die Qiu Jin im baihua bao behandelt, sind die Notwendigkeit der mündlichen Propaganda als Waffe im politischen Kampf in einem Land mit einer beträchtlichen Quote von Analphabeten [86], die Notwendigkeit, die Frauen davon zu überzeugen, daß sie die feudale Ideologie abschütteln und den Kampf für ihre eigene Befreiung aufnehmen müssen, indem sie sich in den Kampf zur Rettung ihres Vaterlandes aus der gegenwärtigen Krise [87] einreihen, und die Notwendigkeit, in China eine geschulte Armee zu errichten, die in der Lage ist, erfolgreich zu kämpfen und das Vaterland zu verteidigen [88].
Neben ihren Beiträgen in den militanten Zeitschriften jener Zeit, macht sich Qiu Jin an die Übersetzung eines Handbuches für Krankenschwestern [89] aus dem Englischen [90], und ebenfalls zu jener Zeit beginnt sie vermutlich mit der Abfassung von "Die Steine des Vogels Jingwei".
Während ihres ganzen Japanaufenthaltes ist es Qiu Jins ständiges Anliegen, Kontakte nach China aufrecht zu erhalten, wo sich seit 1902/1903 oppositionelle Gruppen gebildet haben, insbesondere in Shanghai. Diese sind in den Kreisen der Studenten entstanden, die von den neuen Schulen [91], abgegangen sind. Auch hier formieren sich die Gegner des Regimes in Vereinigungen, die ihre eigenen Zeitungen herausgeben, um ihre Gedanken zu verbreiten. Im Juni 1903 erschienen aufs heftigste gegen die Mandschus gerichtete Artikel in einer Shanghaier Zeitung, dem Su bao, dem Organ einer jener oppositionellen Gruppen  [92]. Die Regierung verklagt die Zeitung, läßt sie verbieten und sechs ihrer Mitarbeiter verhaften. Dieser Vorfall kennzeichnet einen Wendepunkt in der Entwicklung der Opposition: der Widerstand der jungen Intellektuellen gegen das Regime verlagert sich von der verbalen Ebene zu politischen Taten. Sie gründen Organisationen, deren Ziel es ist, Aufstände im Inneren Chinas anzustiften, um die Mandschu-Dynastie zuerst zu schwächen und dann zu stürzen.
Ebenso wie sie sich an den Aktivitäten der verschiedenen Vereinigungen in Tokio beteiligt, nimmt Qiu Jin auch Kontakt mit den Gruppen in ihrer Heimat auf und ergreift für sie Partei. Im Verlauf des Winters 1904 begegnet sie Tao Chengzhang, der auf der Durchreise in Japan [93] ist. Er ist ein politischer Agitator, der in Zhejiang tätig ist, und eines der Gründungsmitglieder der Guangfu hui [94], einer subversiven Vereinigung, die zu Beginn des Jahres 1904 in Zhejiang entsteht. Es handelt sich hierbei um eine geheime Organisation, die anfangs als eine Gruppe politischer Attentäter [95] gedacht war. Aber ihr fehlt eine kontinuierliche und disziplinierte Führung [96]. Qiu Jin gelingt es durch die Vermittlung Tao Chengzhangs [97], zwei weitere Gründungsmitglieder der Guangfu hui kennenzulernen, als sie im Frühjahr 1905 eine Reise nach China [98] unternimmt. Es fällt ihr im übrigen sehr schwer, Referenzen von Tao Chengzhang zu bekommen, dieser ist der Auffassung, daß es unnatürlich ist, daß eine Frau sich völlig dem revolutionären Kampf verschreibt. Er selbst berichtet uns davon. Aber die Entschlossenheit Qiu Jins gewinnt die Oberhand über seine Zweifel, und sie wird von ihm bei Cai Yuanpei [99] und Xu Xilin [100] eingeführt. Möglicherweise [101] wird Qiu Jin während dieser Chinareise Mitglied der Guangfu hui, aber ihre Tätigkeit für diese Organisation beginnt erst wirklich nach ihrer endgültigen Rückkehr nach China im Jahre 1906. Qiu Jin versucht ebenfalls, über die Mädchenschulen, auf die sie große Hoffnungen für die Verbreitung ihrer Ideen setzt, Verbindungen zum Festland zu knüpfen [102]. Im Herbst 1905 gründet Sun Yat Sen die tongmeng hui (verschworene Liga), die erste politische Partei jener Zeit, die als Sammelbecken für alle damaligen Revolutionäre diente. Qiu Jin, die bereits bei der gesamten zeitgenössischen Avantgarde eingeführt ist, wird Sun Yat Sen persönlich vorgestellt und Anhängerin seiner Partei, für die sie die gesamte Verantwortung für die Provinz Zhejiang Übernimmt [103].

Wieder in China: revolutionäre Arbeit

Ende des Jahres 1905 ereignet sich etwas, das tiefgreifende Auswirkungen auf den weiteren Verlauf von Qiu Jins Leben haben wird. In Übereinkunft mit der Mandschu-Regierung ergreift die japanische Regierung Maßnahmen [104] mit dem Ziel, die Freiheiten der chinesischen Studenten in Japan einzuschränken. Diese Studenten werden nämlich immer zahlreicher, und ihre politischen Aktivitäten sind sowohl Tokio wie auch Peking ein Dorn im Auge. Die Maßnahmen lösen heftigen Protest von Seiten der Studenten aus, aber diese spalten sich über der Frage, wie man sich dazu verhalten soll [105]. Einige von ihnen meinen, daß sie nach Japan gekommen sind, um zu studieren und ihren Aufenthalt hier fortsetzen müssen, welch demütigende Maßnahmen die Japaner auch immer gegen sie ergreifen mögen. Die anderen schätzen die Lage so ein, daß die einzig würdige Antwort auf den Angriff, den man gegen sie unternommen hat, darin bestehen kann, Japan zu verlassen und wieder nach China zurückzukehren. Dort könnten sie ihre Studien in den neuen Schulen fortsetzen, oder direkt am politischen Kampf teilnehmen. Qiu Jin gehört zu der zweiten Gruppe, deren treibende Kraft sie ist [106]. Am achten Dezember 1905 nimmt sich Chen Tianhua, ein aktives Mitglied der Studentengruppe der Provinz Hunan und gleichzeitig einer der einflußreichsten Schriftsteller unter den Studenten, das Leben. Er will mit dieser Geste gegen die Maßnahmen, die die Japaner ergriffen haben, protestieren und die chinesischen Studenten, die er für zu teilnahmslos und reaktionsschwach hält, in Bewegung bringen. Zwei Tage nach dem Selbstmord faßt Qiu Jin den Beschluß, Japan fÜr immer zu verlassen. Sie versuchte, eine größere Anzahl Studenten dazu zu bringen, sich dieser Entscheidung anzuschließen, aber lediglich etwa vierzig von ihnen verlassen Ende 1905 Japan in der Absicht, ihre revolutionäre Tätigkeit in China fortzusetzen.
Qiu Jin kehrt Anfang 1906 in ihr Vaterland zurück. Von diesem Zeitpunkt an dienen alle Tätigkeiten, die sie offiziell ausübt, nur noch der Tarnung ihrer politischen Aktivitäten. Sie unterrichtet in mehreren Mädchenschulen, aber ihre Beweggründe dazu haben mit Freude am Unterrichten nichts zu tun. Einerseits bietet ihr ein Beruf eine Tarnung für ihre geheimen Aktivitäten, und andererseits hat der Unterricht an einer Mädchenschule den Vorteil, daß er ihr eine Hörerschaft bringt, die, wie sie hofft, empfänglich für die neuen Ideen ist, die sie verbreiten möchte.
Vom Beginn des Jahres 1906 bis zum Sommer desselben Jahres unterrichtet Qiu Jin also an zwei Mädchenschulen. Zuerst kehrt sie nach Shaoxing zurück, wo sie an der Schule "mingdao nüxue" für eine sehr kurze Zeit [107] unterrichtet, dann geht sie nach Nanxun, wo sie fünf Monate lang als Lehrerin an der Schule "xungi nüxue" [108] arbeitet. Nanxun ist eine kleine, aufstrebende Stadt an der Grenze zwischen Zhejiang und Jiangsu. Xu Shuangyun berichtet, daß Qiu Jin diese Stelle annimmt, um den revolutionären Kampf finanziell zu unterstützen. Wie sie das genau tut, wissen wir nicht. Auf jeden Fall bleibt Qiu Jin nicht lange an dieser Schule. Sie verbirgt ihre revolutionären Ansichten nicht, und der Verwaltungsrat der Schule übt solange Druck auf die Eltern ihrer Schülerinnen aus, bis diese sich über ihren Unterricht beschweren. Auf diese Weise erzwingt man ihre Kündigung. [109] In Nanxun freundet sich Qiu Jin mit drei Frauen an, die ihr immer sehr verbunden bleiben werden. Zunächst ist da Xu Zihua, die Direktorin der Schule, die zugleich eine Dichterin ist, und die aus Protest zurücktritt, als Qiu Jin die Schule verlassen muß. Dann ihre beiden Schülerinnen Xu Shuangyun und Wu Huiqiu. Erstere, die Schwester Xu Zihuas, wird eine wichtige Berichterstatterin über Qiu Jins Leben werden. Die andere stammt aus einer sehr feudal lebenden Familie, die sie verlassen hat, um sich an der Seite ihrer Lehrerin am revolutionären Kampf zu beteiligen. Sie hält zu ihr bis zu ihrer Verhaftung [110]. Alle drei werden Mitglieder der "Tongmeng hui" und der "Guangfu hui".
Vom Sommer 1906 bis zum Beginn des Jahres 1907 hält sich Qiu Jin in Shanghai auf und verläßt diesen Ort nur für kürzere Zeitspannen. [111] Sie arbeitet zunächst an der Herstellung von Sprengkörpern mit, bis sie eines Tages gemeinsam mit einem ihrer Genossen bei einer versehentlich ausgelösten Explosion verletzt wird. Da die Polizei Wind von diesen Aktivitäten bekommt, sind sie gezwungen, damit aufzuhören. Qiu Jin kümmert sich außerdem um die Einrichtung von Fonds für eine fortschrittliche Organisation, die 1906 gegründet wird, und die das Ziel hat, es den Studenten, die Japan verlassen haben, zu ermöglichen, ihre Studien fortzusetzen [112]. Während des Sommers 1906 wird Qiu Jin von Mitgliedern der Tongmeng hui, die einen Aufstand in Jiangxi und Hunan vorbereiten, aufgefordert, die Unterstützung der Genossen in Zhejiang zu erlangen und die Verantwortung für die militärischen Aktionen in dieser Provinz [113] zu übernehmen. Sie verbringt also einen Teil des Sommers 1906 damit, Verbindung mit den verschiedenen lokalen Anführern der Geheimgesellschaften herzustellen. Sie trifft ebenfalls einen Offiziersanwärter der Kadettenanstalt von Hangzhou. [114] Am Ende scheitert jedoch der geplante Aufstand. Im Lauf dieses mißglückten Coups wird ein Genosse aus der Gruppe von Hunan, Liu Daoyi, verhaftet und hingerichtet. Er ist ein sehr enger Freund Qiu Jins, sie hatten sich in Japan kennengelernt, wo sie gemeinsam in den gleichen Organisationen kämpften, und sie waren gemeinsam aus den gleichen Gründen nach China zurückgekehrt. Sein Tod ist so etwas wie eine Vorwegnahme dessen, was ein Jahr später mit Qiu Jin geschehen wird.
In derselben Zeit wird Qiu Jin von Mitgliedern der Guangfu hiu, die in der chinesischen Gemeinde in Java arbeiten, aufgefordert, sich speziell der Frauenproblematik anzunehmen. Es scheint, daß sie versucht gewesen ist, den Vorschlag anzunehmen, aber daß Tao Chengzhang und Xu Xilin alles dazu taten, sie davon abzuhalten. [115] Die Emanzipation der Frauen bleibt aber eines der vorrangigsten Anliegen Qiu Jins, und Ende 1906 kommt ihr der Gedanke, eine Zeitschrift zu gründen: das "zhongguo nü bao" (Zeitschrift für die chinesische Frau). Sie verbringt die letzten Monate ihres Lebens, Februar bis Juli 1907, in der Stadt Shaoxing, wo sie mit ihren Eltern zwischen ihrem fünfzehnten und zwanzigsten Lebensjahr gelebt hat. Dort übernimmt sie gleichzeitig die Leitung zweier Schulen, der Mädchenschule, in der sie im Jahre zuvor unterrichtet hat und der Schule "Da Tong" [116]. Letztere wurde im September 1905 von Tao Chengzhang, dem politischen Agitator, den Qiu Jin in Japan traf, und von Xu Xilin [117] gegründet. Sie soll der offiziellen Tarnung der geheimen Tätigkeiten der Guangfu hui dienen. Als Qiu Jin wieder in Shaoxing ist, ist "Da Tong" schon seit geraumer Zeit ohne eine geeignete Leitung, da sich seine beiden Gründer zerstritten haben [118]. Mit Qiu Jins Ankunft nehmen die Aktivitäten der Schule einen weit offener revolutionären Charakter an, und das militärische Training, das in der Schule abgehalten wird, findet nicht mehr streng geheim statt. Im Gegenteil zwingt Qiu Jin sogar ihre Schülerinnen, an den militärischen Übungen tellzunehmen. Sie gründet eine zusätzliche Abteilung der Schule. Offiziell ist es eine Abteilung für sportlichen Unterricht, in Wirklichkeit aber handelt es sich um das Training der Studenten im Gebrauch der Waffen.
Es scheint, daß Qiu Jin während jener Zeit mutwillig die Bourgeoisie Shaoxings und die Verwaltung der Schule provoziert hat. Es war zunächst eine persönliche Provokation, die darin bestand, daß sie in Männerkleidern durch die Straßen der Stadt ritt. Dann aber auch eine Provokation über ihre Schüler, denen sie weit eher das Handwerk eines Revolutionärs beibrachte als die Klassiker. Sie schockierte die Bürger und erweckte den Argwohn der Polizei. Mehrere Zwischenfälle bezeugen das. Im März 1907 klagen Wandzeitungen "Da Tong" an, ein Rebellennest zu sein. Im April und Mai durchsucht die Polizei die Schule nach Waffen, findet aber nichts. Eines Tages wird Qiu Jin sogar nach einem vorbereiteten Plan während einem ihrer Ausritte gefangengenommen, und ihre Studenten müssen ihr zu Hilfe kommen, um sie zu schützen.
Neben ihrer offiziellen Tätigkeit als Lehrerin spielt sie eine wichtige Rolle bei den geheimen politischen Aktivitäten. [119] Wie sie ihre Aktionen ausführt und welche Ziele sie verfolgt, zeugt von einem, für die damalige Zeit sehr klaren, politischen Denkvermögen. Sie macht Propagandaarbeit bei den kleinen Organisationen und versucht, diese zu vereinheitlichen, da die Illegalität der geheimen Grüppchen deren Isolation fördert. Die Führer der Geheimgesellschaften der verschiedenen Orte Zhejiangs [120] kennen Qiu Jin schon und die Sache, die sie vertritt, da sie sie während ihrer Propagandaarbeit im Herbst 1906 erlebt haben. Das versprengte Dasein der Geheimgesellschaften der Region stellt bestimmte Disziplin- und Koordinationsprobleme, und Qiu Jin lenkt ihre ganze Kraft darauf, Kontakte zwischen diesen Geheimgesellschaften und den revolutionären Gruppierungen im Schoße gewisser legaler Institutionen, wie etwa der Schulen oder der Armee, herzustellen. Tao Chengzhang sagt [121], daß sie "während sie bei den revolutionären Studenten und Offiziersschülern den Gemeinschaftsgeist und die Solidarität, wie sie bei den Geheimgesellschaften herrscht, rühmte, sich des gesellschaftlichen Ansehens bediente, das die revolutionären Intellektuellen bei den Mitgliedern der Geheimgesellschaften genossen, um letztere zu ermutigen und anzuspornen." In ihrem Handeln zeigt sich, daß sie begriffen hatte, wie notwendig es war, alle oppositionellen Bewegungen zu vereinen, sie zu kontrollieren, um ihnen den Zusammenhalt zu verleihen, der allein es ermöglichte, sie richtig zu führen. Sie möchte dadurch verhindern, daß es zu spontanen Erhebungen kommt, die nicht auf Beschluß und unter der Führung der revolutionären Bewegungen zustandekommen. Sie ist der Meinung, daß solche Aktionen nur eine schärfere Kontrolle durch die Polizei auslösen würden, und diese gilt es um jeden Preis zu verhindern. Dazu muß die Autorität, die die Führer der Geheimgesellschaften bei ihren Gefolgsleuten besitzen, ebenso gestärkt werden wie auch der Einfluß, den die revolutionären Führer wiederum auf diese ausüben. Qiu Jin versucht, die verschiedenen Kampftruppen der Region, für die sie zuständig ist, in einer einzigen Organisation zusammenzuschweißen, indem sie alle Schüler der "Da Tong" in die Guangfu hui eintreten läßt, wobei viele von ihnen bereits verschiedenen Geheimgesellschaften angehört haben [122], indem sie weiter die Führer der Geheimgesellschaften für die Arbeit ihrer Schule interessiert. Diese von ihr geschaffene Organisation versucht sie, mit einer stärkeren Hierarchie und mehr Disziplin auszustatten. Mit diesen Gedanken im Kopf organisiert sie im Frühjahr 1907 auf dem Papier die Armee der Guangfu hui und sieht bereits vor, wie sich deren Generalstab zusammensetzen soll. [123] Sie selbst steht an zweiter Stelle in dieser Hierarchie, unter dem Kommandanten Xu Xilin. Danach kommen die Führer der Geheimgesellschaften. Sie entwirft ein Statut für diese Armee, das bereits die Wahl der Uniformen und Embleme [124] einschließt. Diese Arrnee soll in ihren Reihen sämtliche aktiven Kämpfer der Guangfu hui [125] aufnehmen. In der Präambel zu diesem Statut betont Qiu Jin noch einmal die Notwendigkeit, daß jedermann bereit sein muß, sein Leben für die revolutionäre Sache einzusetzen. Sie erklärt darin ebenfalls, daß China gleichzeitig unter der Gewaltherrschaft der Mandschus und der westlichen Länder zu leiden hat, daß konstitutionelle Reformen kein ausreichendes Mittel mehr für seine Befreiung darstellen, und daß es an der Zeit ist, die Dynastie der Mandschus zu stürzen. Dies schreibt sie in dem Augenblick, als sie den Aufstand vorbereitet, der sie das Leben kosten wird.
Es scheint, daß dieser Aufstand durch Qiu Jin und ihre Freunde sorgfältig vorbereitet und organisiert wurde. Das Hauptziel dieser Erhebung [127] war die Einnahme der Hauptstadt der Provinz, Hangzhou, durch die revolutionären Truppen. Es sind kleinere Erhebungen im Süden der Provinz in Jinhua und Chuzhou geplant, die als Ablenkungsmanöver dienen sollen, denn man hofft, daß die Regierungstruppen, die in der Hauptstadt stationiert sind, ausrücken werden, um die Revolution niederzuschlagen. Dann sollen die revolutionären Truppen nach Hangzhou marschieren und die Stadt in einem Überraschungsangriff einnehmen, wobei sie von den revolutionären Kämpfern aus der Stadt selbst unterstützt werden. Man verschiebt den Beginn der ersten Erhebungen, der zunächst auf den sechsten Juli vorgesehen war, auf den 19. Juli. Aber der ganze Plan scheitert am verfrühten Ausbrechen der Aufstände. Xu Xilin, der gleichzeitig in Anqing in der Provinz Anhul eingreifen soll, beschleunigt ebenfalls noch das Scheitern des Unternehmens, indem er in einer selbstmörderischen Aktion den Provinzgouverneur tötet - das ist am 6. Juli 1907. Von nun an befinden sich die Polizeistreitkräfte im Alarmzustand. Am 12. Juli werden 300 Mann nach Shaoxing entsandt. Qiu Jin wird durch die Schüler der Militärakademie von Hangzhou vor dem Eintreffen der Regierungstruppen gewarnt. Sie läßt die Waffen verstecken, verbrennt die Liste ihrer Studenten und gibt diesen die Anweisung, schleunigst die Schule zu verlassen und in ihre Familien zurückzukehren. [128] Am 13. Juli [129] wird "Da Tong" von den Regierungstruppen umstellt und Qiu Jin zusammen mit fünf Schülern, einem Lehrer und einem Angestellten der Schule [130] verhaftet. Es kommt zu einem kurzen Zusammenstoß, bei dem zwei Studenten getötet werden. [131]

Die Hinrichtung einer revolutionären Kämpferin.

Man steckt Qiu Jin in das Frauengefängnis von Shaoxing, das "Wolongshan nüyu.  [132] Sie wird mehrmals von dem Stadtpräfekten Gui Fu verhört, der sie unter Druck setzt, die Namen ihrer Freunde preiszugeben. Da erinnert sie ihn daran, daß er selbst dazugehört. Er ist oft in "Da Tong" gewesen, sie sind zusammen fotografiert worden und er hat ihr zwei Inschriften gewidmet, in denen ihr kämpferisches Gemüt gepriesen wird. [133] Gui Fu hütet sich daraufhin, das Verhör der Gefangenen fortzusetzen, und sie wird in andere Hände ausgeliefert. Wird sie gefoltert? Einige Quellen lassen darauf schließen. [134] Die Untersuchung wird äußerst schnell abgeschlossen  [135], und am 17. Juli wird Qiu Jin auf der Hinrichtungsstätte von Shaoxing geköpft. Ihre drei letzen Wünsche sind: ihren engsten Freunden schreiben zu dürfen, sich vor der Hinrichtung nicht entkleiden zu müssen und die Zusicherung zu erhalten, daß ihr Kopf nicht öffentlich zur Schau gestellt wird. Die beiden letzteren Wünsche werden respektiert. [136] Ihre Mitangeklagten werden mit weit größerer Langmut behandelt, das härteste Urteil lautet auf drei Jahre Gefängnis. [137] Die öffentliche Meinung, jedenfalls die, die sich in der zeitgenössischen Presse widerspiegelt, also jener Teile der Bevölkerung, dem genau Qiu Jin seine Kollaboration mit den Mandschus und den Fremden vorwarf, entrüstete sich über ihre Hinrichtung. [138] Ihr jugendliches Alter - sie war erst zweiunddreißig - die Tatsache, daß sie eine Frau war - sie ist eine der ersten Frauen, die in China unter diesen Umständen ihr Leben lassen mußten - ihre unerschütterliche Weigerung, sich während einer Untersuchung, die viel zu schnell abgeschlossen wird, schuldig zu bekennen, bringen viele Menschen dazu, daran zu zweifeln, daß sie sich wirklich all der Vergehen, die man ihr anlastet, schuldig gemacht hat. Diese Hinrichtung verursacht derart viel Aufsehen, daß die Zentralregierung es für geboten hält, die beiden Hauptverantwortlichen in dieser Angelegenheit durch ihre Entlassung zu strafen.
Die Affaire Qiu Jin hört mit ihrer Hinrichtung noch nicht auf. Zu dem Zeitpunkt, als der Prozeß stattfindet, herrscht ein derartiges Klima der Unterdrückung in China, daß kein Mitglied ihrer Familie es wagt, die Herausgabe ihres Kopfes und ihres Körpers zu verlangen. Xu Shuang berichtet, daß sie zunächst von wohltätigen Menschen eingesargt und am Fuße des Berges Wo Long shan begraben wird. Zu Beginn des Jahres 1909 setzt sich Xu Zihua, die Qiu Jins Wunsch, am Ufer des Sees Tai hu zur letzten Ruhe gebettet zu werden, erfüllen möchte, mit Wu Zhiying in Verbindung. Die beiden Frauen einigen sich, die Kosten für den Transport des Sarges in die Nähe des Sees gemeinsam zu tragen. Aber während des folgenden Winters erläßt die Mandschu-Regierung den Befehl, Qiu Jin umzubetten, klagt Xu Zihua und Wu Zhiying der Mittäterschaft der Rebellin Qiu Jin an und ordnet ihre Verhaftung an. Die beiden Frauen müssen sich vor der Polizei verstecken. Der ältere Bruder Qiu Jins erhält mit der Unterstützung eines Beamten, der mit ihrem Vater befreundet war, die Erlaubnis, den Sarg nach Shaoxing zurückzubringen. 1912 erhält die "Gesellschaft der Freunde Qiu Jins", die 1909 von Xu Zihua illegal gegründet worden war, nachdem die Republik ausgerufen worden ist, von Sun Yat Sen, deren vorläufigem Präsidenten, die Erlaubnis, den Sarg an die Ufer des Sees Tai hu zu überführen. Aber in diesem Moment entdeckt man, daß die Familie des Mannes von Qiu Jin in der Zwischenzeit ihren Sarg nach Hunan hat bringen lassen; Xu Zihua schickt also Chen Qubing, ein Mitglied der "Gesellschaft der Freunde Qiu Jins" dorthin, um den Sarg an den See bringen zu lassen, wo man ihr ein Mausoleum errichtet. 1927, als das Holz des Mausoleums bereits vollständig von Termiten zerfressen worden ist, bittet die "Gesellschaft der Freunde Qiu Jins" die damalige Regierung, es wieder instandsetzen zu lassen. Aber erst 1959 läßt die Gemeindeverwaltung von Hangzhou ihr ein neues Mausoleum errichten. Eine Gedenktafel zu Ehren Qiu Jins wird nach der Revolution von 1911 aufgestellt, und 1957 richtet man anläßlich ihres 50. Todestages ein Qiu Jin-Museum an dem Ort ein, an dem sie in Shaoxing gewohnt hatte. [139]

Quellen

Die wichtigsten Informationsquellen über Qju Jins Leben sind in chinesischer Sprache geschrieben. In westlichen Sprachen gibt es über diese Heldengestalt nur drei Abhandlungen. Ich stelle im Folgenden diejenigen Arbeiten vor, die mir zugänglich waren, und ordne sie dabei nach folgenden Kriterien: Quellen aus erster Hand, die von Personen stammen, die Qiu Jin persönlich gekannt haben, und Quellen aus zweiter Hand, die auf der Grundlage der ersteren verfaßt wurden, und manchmal Informationen enthalten, die in den zugrundeliegenden Arbeiten nicht enthalten sind, da die Verfasser es oft nicht für nötig halten, anzugeben, woher sie ihre Informationen beziehen.[1] An dritter Stelle zitiere ich Werke, die eher biographische Romane als historische Studien sind. Unter jeder Rubrik erwähne ich die Quellen nach ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge.
Quellen aus erster Hand

a) Tao Chengzhang: Qiu Jin zhuan.
Diese kurze biographische Studie ist ein Teil einer Artikelserie von Tao Chengzhang, die unter dem Titel Zhe an ji lue (kurzgefaßte Berichte über die Aufstände in Zhejiang) erschienen. Das Vorwort von Tao Chengzhang stammt von 1910, aber ich habe keine Angaben über das Datum der Erstausgabe des Zhe an ji lue gefunden, das 1911 wieder herausgegeben wurde, und zwar im dritten Band eines Werkes über die Revolution von 1911, dem Xinhai geming (Revolution von 1911), Zhongguo shixue hui, Shanghai, 1957, Bd. 8. Die biographische Studie über Qiu Jin wurde jedoch unter dem Titel Qiu Jin zhuan [2] 1910, drei Jahre nach ihrem Tode, im zweiten Band ihrer Gedichte, Qiu nüshi yigao, veröffentlicht. Dieses Gedichtwerk wurde mit Hilfe von Gong Baoquan herausgegeben. Ich hatte keinen Zugang zu dieser Ausgabe von Qiu Jins Gedichten, habe aber diese Information von Lionel Giles [3] übernommen, der die biographische Notiz über Qiu Jin sowie das Post  Scriptum,  das Gong Baoquan für diese Ausgabe überarbeitete,[4] übersetzt hat. Tao Chengzhang war ebenso wie auch Gong Baoquan ein revolutionärer Kämpfer aus der Provinz Zhejiang, dort gründeten beide eine subversive Organisation, die Guangfu hui. Im Lauf des Jahres 1905 begegnete Tao Chengzhang Qiu Jin anläßlich einer Reise nach Japan. Er stellte sie weiteren führenden Mitgliedern der Guangfu hui vor, und sie arbeiteten in den folgenden Jahren aufgrund ihrer revolutionären Aktivitäten eng zusammen.[5] Qiu Jin zhuan ist meines Wissens das früheste Werk über Qiu Jins Leben. Wenngleich es uns auch nur spärlich Informationen über den Abschnitt ihres Lebens, der vor ihrer Abreise liegt, lieferte, so werden darin alle ihre späteren Aktivitäten mit äußerster Genauigkeit beschrieben, insbesondere, was das Jahr 1907 betrifft. Das feministische Engagement Qiu Jins wird erwähnt, aber unterstrichen wird in erster Linie ihre Arbeit beim Aufbau der Guangfu hui und ihre aktive Rolle in deren politischem Kampf. Die Person der Heldin kommt in dieser Arbeit, die im unpersönlichen Stil der klassischen biographischen Schriften, wie er bei der Geschichtsschreibung der verschiedenen Herrscherhäuser benutzt wurde, nicht zum Vorschein.

b) Wu Zhiying: Ji Qiu Jin nüxia yishi.
Diese biographische Skizze wurde erstmalig 1929 veröffentlicht, und zwar in der Ausgabe Qiu Jin nüxia Yiji der Werke Qiu Jins, die ihre Tochter Wang Canzhi herausgab. Die Verfasserin war eine enge Freundin Qiu Jins, vor allem in der Zeit vor ihrer Abreise nach Japan. Später trafen sie sich wegen ihrer jeweiligen Tätigkeiten nur noch für kürzere Zeiträume. Diese biographische Schrift [6] übermittelt uns so gut wie keine genaue Information über die eigentlichen Tätigkeiten Qiu Jins, enthüllt uns aber einige wichtige Seiten ihrer Persönlichkeit. Qiu Jin diskutierte und argumentierte gern, und an ihrer revolutionären feministischen Überzeugung konnte bereits vor ihrer Abreise nach Japan niemand mehr zweifeln. Sie war sich der Tatsache bewußt, daß sie ihrer Zeit voraus war. Sie trank, sang und tanzte gern.[7] Die Entrüstung und die tiefe Trauer Wu Zhiyungs über die Hinrichtung Qiu Jins legt beredtes Zeugnis ab über die tiefe Freundschaft, die die beiden Frauen verband.

c) Xu Zihua: jianbu nüxia Qiu jun mubiao.
Diese Grabschrift [8] wurde erstmalig im selben Werk wie die eben erwähnte Arbeit [9] veröffentlicht. Die Verfasserin war ebenfalls eine Freundin Qiu Jins, sie lernten sich erst später kennen, aber sie arbeiteten zusammen in einer Mädchenschule, die von Xu Zihua geleitet wurde. Diese Notiz ist im selben Stil wie die obengenannte geschrieben, und der Charakter Qiu Jins trägt darin die gleichen Züge.

d) Feng Ziyou: Geming Yishi (Fragmente einer Geschichte der Revolution), Shangwu Shanghai, 1945-1947, Bd. 5)
Im zweiten Band dieser Reihe [10] stehen eine biographische Notiz über Qiu Jin unter dem Titel »jianhu nüxia Qiu Jin«. Der Verfasser [11] hat Qiu Jin gut gekannt, während sie in Japan war, wo beide gemeinsam kämpften. Er stand Sun Yat Sen sehr nahe und stellte diesem Qiu Jin vor. Sein Artikel ist inhaltsreicher als die vorhergenannten, besonders im Hinblick auf Qiu Jins Aufenthalt in Japan, die Ereignisse in Verbindung mit ihrem Prozeß und die Einzelheiten ihrer Beerdigung.

e) Chen Qubing: jianhu nüxia Qiu Jin zhuan.[12]
Der Verfasser war ein aktiver Kämpfer in den fortschrittlichen Organisationen in Shanghai in den Jahren 1903-1904. Wir wissen nicht, unter welchen Umständen er Qiu Jin kennenlernte,[13] und auch nicht, wann seine biographische Skizze erstmalig erschien. Diese ist sehr kurzgefaßt und bringt nichts Neues im Vergleich zu den obengenannten.

f) Wang Shize: huiyi Qiu Jin
Es handelt sich hier um einen Artikel, der in einem fünfbändigen Werk zu finden ist, das Dokumente über die Revolution von 1911 enthält. Es ist in der Zeit von 1961 bis 1963 [14] erschienen. Der Verfasser studierte gleichzeitig mit Qiu Jin in Tokio, wo er ihr regelmäßig in der »Verbindung der Studenten aus Hunan« begegnete. Sie blieben einander freundschaftlich verbunden und standen noch lange nachdem Qiu Jin Japan verlassen hatte in brieflicher Verbindung.

g) Xu Shuangyun: ji Qiu Jin
Diese Quelle ist ebenfalls ein Artikel aus demselben Werk wie der obengenannte.[15] Die Verfasserin war eine Schülerin Qiu Jins. Sie lernte diese nach ihrer Rückkehr aus Japan kennen, als sie in Nanxun unterrichtete. Qiu Jin hatte großen Einfluß auf Xu Shuangyuns revolutionäres Engagement, und diese sprach stets von ihrer Lehrerin und Freundin mit der größten Bewunderung. Diesem Artikel gebührt unter anderem das Verdienst, eine Bibliographie der Bücher und Artikel über Qiu Jin zu enthalten, der man entnehmen kann, daß Qiu Jins Bruder viele Schriften über seine Schwester verfaßt hat.[16]
Die beiden letztgenannten Artikel enthalten viele und genaue Informationen, was die geschichtlichen Daten anbelangt. Sie überschneiden und ergänzen sich mit den vorhergenannten, die Wang Shize und Xu Shuangyun im übrigen gekannt haben müssen. Die beiden Artikel liefern uns ein recht zusammenhängendes Bild von der Persönlichkeit Qiu Jins. Zuweilen wird der Ursprung und der Grad an Zuverlässigkeit mancher Angaben nicht ersichtlich, aber ich habe mich wegen der Glaubhaftigkeit der beiden Artikel entschlossen, sie zur Grundlage meiner biographischen Arbeit über Qiu Jin zu machen. Dabei habe ich sie aber so oft wie nur möglich, den anderen Arbeiten gegenübergestellt. Man muß sich stets vergegenwärtigen, daß die Autoren, auch wenn sie Qiu Jin persönlich gekannt haben, doch ganz deutlich machen,[17] daß sie ihre Erinnerungen in Bezug zu einer bestimmten historischen Epoche setzen, nämlich der Zeit nach dem Korea-Krieg, was ihre Sicht der Vergangenheit beeinflußt haben mag.

Quellen aus zweiter Hand

a) L.Giles: Ch'iu Chin a chines heroine, Asiatic Review, new (4th) series, 12, 34, August 1917, S.125-146
Der Verfasser, derselbe der schon die biographische Skizze Tao Chengzhangs über Qiu Jin übersetzt hat, ist der erste, der diese chinesische Heldengestalt einem westlichen Publikum vorstellt. Er scheint sich mit Leuten in Verbindung gesetzt zu haben, die sie gekannt haben, und die ihm mündlich noch andere Informationen gegeben haben, als die, die in der übersetzten biographischen Skizze enthalten sind. Leider gibt er aber den Ursprung dieser Informationen nicht an.

b) Florence Ayscough: Chinese women yesterday and today, Houghton-Mifflin, Cambridge, 1937, S.324
Dieses Buch widmet Qiu Jin ein ganzes Kapitel. Die Verfasserin greift  dabei weitgehend auf die zuletztgenannte Arbeit zurück. Sie hat sich außerdem mündliche Informationen von verschiedenen Leuten verschafft (diese gibt sie aber nicht an), die Qiu Jin gekannt haben. F.Ayscough hat die Tochter Qiu Jins getroffen, die ihr von ihrer Mutter erzählt hat.[18] Wenn es auch zahlreiche Ungenauigkeiten über Qiu Jins Biographie enthält, so ist dieses Werk doch deswegen interessant, weil es die Übersetzung von vierzehn Gedichten, zwei Artikeln [19] und dem Ende der Grabrede für Qiu Jin von Xu Zihua enthält.

c) A.Hummel: Eminent Chinese of the Qing period, Washington, 1943-1944, S. 196-171
Es handelt sich hierbei um einen Artikel, den Feng Shao-ying redigiert hat, und der sich auf eine Reihe allgemeinerer chinesischer Werke über die chinesische Geschichte der damaligen Zeit stützt. Diese Quellenangaben werden in der Bibliographie des Artikels angegeben. Wenn der Artikel auch im Vergleich mit den Quellen aus erster Han^ nchts Neues enthält, so stellt er doch eine gute Zusammenfassung der wichtigsten Tatsachen aus Qiu Jins Leben dar.

d) Qiu Jin zhuan
Dieser historische Artikel ist 1950 in Taiwan in einem Werk über die Biographien der Märtyrer der Revolution erschienen, dem »geming xianlie zhaunji«, Ausgabe Zhongguo guomin-dang zhongying zhixing weiyuanhui. Er enthält genauere Angaben zu einigen Tatsachen, die wir schon kennen, und darüberhinaus Informationen, die die Quellen aus erster Hand nicht immer bestätigen.[20]

e) M. B. Rankin: Early Chinese revolutionaries, radical intellectuals in Shanghai and Zhejiang, 1902-1911, Harvard University Press, Cambridge, 1971, S.235, sowie Anmerkungen
Glossar, Bibliographie, Index
Die Verfasserin [21] stellt Qiu Jin als exemplarische Vertreterin der ersten chinesischen Revolutionäre dar. Sie macht sie dabei eher zur traditionellen Heldengestalt einer romantischen Rächerin, als zu einer politischen Kämpferin. Dieses Werk enthält eine wichtige Darstellung der gesamthistorischen Epoche, in der Qiu Jin lebte.

Literarische Biographien

a) Xia Yan: Qiu Jin zhuan
Es handelt sich hierbei um ein Theaterstück aus dem Jahre 1936, das aber erst 1950 veröffentlicht wurde. Der Verfasser sagt darin ausdrücklich, daß er nicht als Historiker schreibt, und daß er keine Tatsachen oder Inhalte darstellt, die sich wirklich so ereignet haben. Es geht ihm in erster Linie darum, ein möglichst glaubhaftes Bild von der Heldengestalt zu zeichnen, die er in den Mittelpunkt seines Stückes stellt. Dies ist ihm meines Erachtens gelungen.

b) Qiu Canzhi: Qiu Jin geming zhuan
Dieses Werk ist ein biographischer Roman, bestehend aus siebzehn Kapiteln, den Qiu Jins Tochter schrieb, und der 1954 in Taiwan erschienen ist,. Er ist überladen mit Abschweifungen, die weder von historischen noch von psychologischem Interesse sind. Die Person Qiu Jins ist alles in allem sehr schwach gezeichnet, und besitzt keinerlei wirkliche oder fiktive Durchgängig-keit. Sie ist mutig, ihrem Lande treu ergeben, wird von allen bewundert, so erfährt man, es wird aber nie konkret verdeutlicht. Es wimmelt von historischen Irrtümern. Eine ganze Reihe Gedichte von Qiu Jin sind in diesem Werk enthalten.

c) Qiu Jin
Diese geschichtliche Darstellung Qiu Jins ist für die Schüler der höheren Schulen bestimmt. Sie wurde 1960 in Peking veröffentlicht. Die Heldin wird im Kontext ihrer Zeit und ihres sozialen Milieus gezeigt. Die revolutionären und feministischen Seiten ihres Engagements werden gut dargestellt. Aber es sind einige Angaben über das Leben Qiu Jins dem Theaterstück Xia Yans entnommen worden, was bedauerlich ist, da der Verfasser des Stücks seine Leser ausdrücklich davor warnt, die Situationen und Begebenheiten, die er darstellt, für historische Wahrheit zu halten.

d) Yu Zhaoyi: Qiu Jin nüxia
Dieser biographische Roman in zehn Kapiteln wurde 1961 in Hong Kong veröffentlicht. Das Leben Qiu Jins als Ganzes und ihre Tätigkeiten sind darin sehr gut wiedergegeben, trotz einiger Ungenauigkeiten. Der gleiche Verfasser hat 1969 unter einem geringfügig veränderten Titel eine andere Arbeit, Qiu Jin, veröffentlicht, die zwar keine Neuauflage dieser Arbeit darstellt, aber auch nichts Neues enthält.

e) Dan Ren: Qiu Jin
Dieses Theaterstück wurde 1965 in Taiwan veröffentlicht und stammt von einem jungen Schriftsteller, der von der »Allianz der Jugend gegen den Kommunismus und zur Rettung Chinas« unterstützt wurde. Es zeigt uns Menschen, die Qiu Jin sehr nahe gestanden haben, sei es wegen ihrer politischen Tätigkeit, sei es emotional, es fehlen jedoch unter ihnen Xu Zihua und Wu Zhi-ying. Die gezeigten Charaktere besitzen keinerlei psychologische Durchgängigkeit. Qiu Jin erscheint darin als eine Rächerin, die einigen Marionetten Befehle erteilt, und die weint, als sie von der Polizei Shaoxings verhaftet wird.