Die europäische Linke und die Notwendigkeit eines neuen Internationalismus

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Im Mittelpunkt meiner Ausführungen stehen politische Probleme einer Antwort der Linken auf die gegenwärtige Krise und den Angriff der neokonservativen Kräfte, die in den letzten Jahren in verschiedenen Teilen der Welt der demokratischen und der Arbeiterbewegung schwer zugesetzt haben. Ich beziehe mich hierbei auf die Frage eines neuen Internationalismus.
Die Ursachen für die Aktualität dieser Frage sehe ich im wesentlichen: a) in der Beschleunigung der atomaren Aufrüstung und der daraus folgenden verschärften Tendenz zur Militarisierung der internationalen Beziehungen; b) in der Umstrukturierung der Produktion, die von den multinationalen Konzernen weltweit verfolgt wird und der daraus erwachsenden Krise zahlreicher Institutionen des Nationalstaats; c) in den veränderten Bedingungen des internationalen Währungsaustausches, die mit dem Anwachsen der Investitionsvolumina um so mehr zu Buche schlagen; d) und schließlich in der heiklen Lage, in die ein System internationaler Beziehungen, gekennzeichnet durch die Bipolarität USA/UdSSR, und folglich ein ganzes Netz von Beziehungen zwischen Ost und West, Nord und Süd, geraten ist. Es sind dies die Kernpunkte des Übergangs in eine neue Ära. Sie führen uns die dringende Notwendigkeit einer neuen internationalen Dimension des Kampfes und selbst der Organisation unseres eigenen Lebens vor Augen.

Zum Charakter der gegenwärtigen Krise

Der Begriff »Krise« findet sich ständig in unseren Überlegungen: in der kulturellen Arbeit, bei politischen Debatten, in den täglichen Gesprächen der Leute. Dieser häufige Gebrauch des Wortes »Krise« drückt wohl nicht nur einen Leidenszustand aus, sondern auch die Unsicherheit, die Schwierigkeit, sich die Zukunft vorzustellen. Jeder dieser Aspekte enthält einen wahren Kern.
Trotz alledem glaube ich, daß dieser so gängige Begriff nicht nur mißverständlich ist, sondern auch täuschen kann: er wird häufig gleichgesetzt mit »nichts tun«, mit einem Stillstand. Diese falsche Auffassung muß korrigiert werden. Es gilt, die (in Teilen der Arbeiterbewegung festgefahrene) schematische Einschätzung vom »stagnierenden« Kapitalismus zu überwinden, nach der der Kapitalismus nicht über die Konservierung des Bestehenden oder — wie wir es oft fälschlich ausdrücken — über die »Restauration« hinauszugehen vermag. In der Tat haben wir es mit dynamischen kapitalistischen Reaktionen zu tun, die heute die Produktionsprozesse, die internationalen Beziehungssysteme, die geopolitischen Konstellationen und die Kräfteverhältnisse auf internationaler und interkontinentaler Ebene verändern. Ich übersehe nicht die Rezession in den sechziger Jahren: sinkende Wachstumsraten, Vernichtung von Ressourcen und vor allem strukturelle Veränderungen, die zu einem allarmierenden Anstieg der Arbeitslosigkeit auch in den entwickelten kapitalistischen Ländern führten. Aber diese Entwicklungen entspringen einer Phase der Bewegung. Ihre Widersprüche stellen sowohl veraltete Hegemonieformen kapitalistischer Kräfte auf die Probe als auch Theorien sozialer Transformation, die die Linke bis heute vertreten hat.
Welche Folgen zogen diese Veränderungen nach sich?

  1. Die Ausmaße atomarer Aufrüstung. Amerika kündigt offen Vorbereitungen auf einen »Sternenkrieg« an. Auch wenn es sich bisher nur um Hypothesen, Projekte und Drohungen handelt, zeigt uns die Diskussion, an welchem Punkt die atomare Frage angelangt ist. Die Macht der Entscheidung über Konstruktion und Aufstellung von Atomwaffen ist in den Händen der Führungsgremien einiger Supermächte konzentriert. Das führt nicht nur zu Unberechenbarkeit im Einsatz der verfügbaren Ressourcen und der wissenschaftlichen Intelligenz. Der derzeitige Stand der atomaren Aufrüstung verändert die Grundmuster des politischen Handelns in der modernen Welt.
    Zählebigen Theorien zufolge stellte man den Krieg als Ordnungsfaktor dar. In der Kriegsvorbereitung und im gewaltsamen Zerstörungsakt zeichnete sich die Lösung der Gegensätze ab. So ließen sich sowohl die Kosten, die Vor- und Nachteile, der Ausgang wie auch die Absicht berechnen. Der Krieg wurde als ordnende Kraft dargestellt, in dessen Rahmen sich das Leben der Einzelnen, von Gruppen und von Völkern, organisieren und aufrechterhalten ließ. Der heutige Stand der nuklearen Aufrüstung macht diese Theorien zunichte: sowohl die Beherrschung der Kriegsführung als auch die Berechenbarkeit seines Ausgangs sind nicht mehr gegeben; es ist unvorstellbar, welche Art von »Ordnung« aus einem solchen Holocaust hervorgehen könnte.
  2. Die Herausbildung einer »Weltwirtschaft«, die mit einer Konzentration, Zentralisierung und Vertikalisierung der Industrie einhergeht, wird bald abgeschlossen sein. Sie hat den großen multinationalen Oligopolen in den letzten Jahrzehnten ermöglicht, die weltweite Ausdehnung der Märkte voranzutreiben. Dabei wurden die Planungsphasen (die »Köpfe« der Betriebe) zentralisiert und zugleich die verschiedenen Produktionsphasen weltweit dezentralisiert. Diese gleichzeitige Zentralisierung des Kapitals und Dezentralisierung der Produktion hat zu einer starken Ausbreitung der abhängigen Arbeit und zu einer größeren Komplexität und Segmentierung der sozialen Figuren geführt. Die Zahl derer, die auf der Welt von Lohnarbeit leben, hat sich enorm erhöht. Zugleich wachsen die Ungleichgewichte zwischen den Schichten der Lohnabhängigen, die durch ihren Organisationsgrad eine gewisse Arbeitsgarantie genießen1, und dem Heer von Gelegenheitsarbeitern, von arbeitssuchenden und arbeitslosen Jugendlichen, von Frauen mit sehr unsicheren Positionen auf dem Arbeitsmarkt. Während weltweit die Verschulung zunimmt und mächtige Massenkommunikationsmittel geschaffen werden, nimmt die Diskrepanz zwischen subjektiver Qualifikation und dequalifizierter Arbeit, zwischen den kreativen Fähigkeiten der Menschen und der effektiven Verwertungsmöglichkeit dieser Fähigkeiten, zu. Deshalb scheint der kontinuierliche und lineare Fortschritt, an den man einmal geglaubt hatte, nicht mehr so sicher. Auch die Auffassung, daß sich die antagonistischen sozialen Kräfte in zwei klar voneinander abgegrenzte homogene Lager einordnen lassen, gruppiert um das Proletariat und um die Bourgeoisie, erweist sich als immer weniger geeignet, die Komplexität der Veränderungen zu begreifen.

Und das alles ist bereits Vergangenheit. Wir stehen an der Schwelle zu einer »postindustriellen« Gesellschaft, in der die Entwicklung der Telema-tik zu einem veränderten Verhältnis zwischen Mensch und Maschine führt, zu neuen Formen von »imperialer« Konzentration der wissenschaftlichen Intelligenz, zu einer außergewöhnlichen Entwicklung der Masseninformation, sowohl im Produktionsprozeß als auch im Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion. Die ungestüme Entwicklung der Elektronik, ihre Verflechtung mit der Raumfahrtindustrie, der Einsatz neuer Telekommunikations- und Informationssysteme, die Wandlung des Kulturbetriebes zeigen den Anbruch der sogenannten »Informationsgesellschaft« an. So geraten klassische Paradigmen (Typen) des modernen Industrialismus — vor allem die Beziehungen zwischen den verschiedenen nationalen Märkten und zwischen nationalen Märkten und Weltmarkt — in eine Krise. Auch Bereiche der Reproduktion werden international vermarktet, die bislang — gerade durch die Behauptung der Nationalstaaten — zumindest größtenteils keinen Warencharakter hatten (z.B. das Bildungssystem).
Früher konnte industrielle Innovation — durch die spezifische Vermittlung der Nationalstaaten — von einem höher entwickelten in ein weniger entwickeltes Land weitergegeben werden. Die Nationalstaaten stützten sich auf ihre eigenen, oft geschützten internen Märkte, um die Imitation anderswo entwickelter Neuerungen (imitazione della innovazione) einführen, verbreiten, weiterentwickeln zu können und sich von dieser Basis aus auf den internationalen Markt vorzuwagen. So konnten auch »mittlere Länder« hohe Entwicklungsstufen erreichen, ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten und erweitern, Innovationen aufnehmen und weitergeben. Heute hingegen zeichnet sich nicht nur eine Zuspitzung des Nord-Süd-Gefälles, sondern auch das Risiko eines Abdrängens, eines Niedergangs der »mittleren Länder« ab. Einerseits scheinen diese — in ihrer derzeitigen Lage — unfähig, mit den neuen internationalen Dimensionen des Produktes »Information« und seiner Dominanz am Horizont des neuen Industrialismus mitzuhalten. Andererseits sind sie einem starken Entnationalisierungsprozeß ausgesetzt, und zwar angesichts der Invasion der Informationsmultis in Bereiche, die die kulturelle Autonomie, das Bildungssystem, die Schaffung eines »kollektiven Bewußtseins«, ja selbst die Formen und Inhalte der politischen Auseinandersetzung — das Wesen eines Volkes ernsthaft berühren.
Ein weiterer Aspekt betrifft die Arbeit, die Berufe, das Leben der Leute: das massive Anwachsen verschiedenster Formen von Heimarbeit. Das ist eine tiefgehende Neuerung, denkt man an die klare Trennung von Arbeits- und Freizeit, zu der uns Industrialisierung und Urbanisierung erzogen haben. Der Bildschirm scheint in den Mittelpunkt unseres Alltags zu rücken: ein Symbol, wie es — für eine lange Zeit — die Fabrik war.
Diese Fakten vermitteln nicht den Eindruck eines »Stillstands«. Sie zeugen von einem neuerlichen transnationalen Führungsanspruch der großen Unternehmen im Rahmen einer veränderten internationalen Arbeitsteilung und eines verschärften Wettbewerbs zwischen den Supermächten. Nicht nur Teile der Dritten und Vierten Welt, auch entwickelte Länder geraten immer mehr in Abhängigkeit. Die hierarchischen Unterschiede der kapitalistischen Mächte verstärken sich. Die Handlungsfähigkeit der Nationalstaaten kommt immer mehr in eine Krise.

Zur Vorgeschichte eines neuen Internationalismus

Diese Veränderungen zeigen die Grenzen der nationalen Dimension auf, in der sich bis heute ein Großteil der Kämpfe der Arbeiterbewegung und der europäischen Linken entwickelt hat. Man darf die nationale Verwurzelung der Arbeiterorganisationen im jeweiligen kulturellen und geschichtlichen Rahmen ihres eigenen Landes keinesfalls unterbewerten. Nicht zufällig haben die bürgerlichen Machthaber lange versucht, die Arbeiterorganisationen als Fremdkörper in der Nation, als »vaterlandslos« hinzustellen. Sie versuchten, die Arbeiterorganisationen von den politischen Institutionen in den fortgeschrittenen Teilen der Welt auszuschließen. Sie wollten die Arbeiterbewegung als »subversive Bewegung« oder als eine Ansammlung korporativer Verbände hinstellen, die weder Führungsfunktionen in der nationalen Gemeinschaft wahrnehmen, noch ein hegemonia-les Bündnissystem aufbauen könne.
Mit der Abwendung von mythologischen Visionen der Erlösung der Arbeiterklasse und ebenso von »geschichtsphilosophischen Vorsehungen« begann ein langer Weg zur »Auskundschaftung« (»ricognizione«, Gramsci) des nationalen Terrains und zum Aufbau nationaler Blöcke, die es den Organisationen da Arbeiterbewegung erlaubte, aus der »Subversivität« auszubrechen und am politischen Kampf mit seinen modernen Instrumenten teilzunehmen.
In diesem Licht erhält die antifaschistische Widerstandsbewegung eine weit über das unmittelbare Geschehen hinausgehende Bedeutung. Als der Nazifaschismus im Zweiten Weltkrieg eine ganze Reihe von Ländern überfiel, um eine imperiale Neuordnung des gesamten Globus vorzunehmen, konnten sich die Organisationen der Arbeiterbewegung an die Spitze des Widerstandskampfes stellen, um die Unabhängigkeit der angegriffenen und besetzten Länder zu verteidigen. So wurden sie zu Hauptfiguren (protagoniste) der nationalen Geschichte und erwarben in den wichtigsten Nationen Europas ernsthafte Anwartschaft auf Regierungsbeteüigung. Am Ende des Zweiten Weltkriegs gab es zwei Sieger: die USA und die UdSSR. In der Folge ging sowohl die amerikanische als auch die sowjetische Seite daran, ihre jeweiligen Einflußgebiete zu konsolidieren, wobei diese Gebiete durch das politische und soziale Modell der jeweiligen Siegermacht geprägt wurden. Die endgültige nationale Verankerung der europäischen Arbeiterorganisationen und ihre Entwicklung zu Regierungsparteien vollzogen sich also — im Westen wie im Osten — gerade zu dem Zeitpunkt, als eine bipolare geopolitische Ordnung entstand und die amerikanische Atombombe für eine einschneidende Veränderung der Regelung der internationalen Beziehungen sorgte.
Zur vollen nationalen Entfaltung der europäischen Arbeiterbewegung kam es also, als sich der Niedergang des Nationalstaates als typische Formation der modernen europäischen Zivilisation bereits abzeichnete. Überdies spaltete sich die europäische Arbeiterbewegung im Zuge dieser »Neugestaltung« der Welt in zwei entgegengesetzte Lager, die der Zweiteilung der Welt entsprachen. In dieser entscheidenden zweiten Hälfte der vierziger Jahre wurden einige Vorstellungen von sozialer Transformation und politischer Neugestaltung zunichte gemacht, die bestrebt waren, die verschiedenen Tendenzen in den Arbeiterorganisationen zu verschmelzen und sie der Block-Logik zu entreißen. Man denke an die Untersuchungen To-gliattis zur »Progressiven Demokratie«, in der sozialistische.und sozialdemokratische Erfahrungen und solche der III. Internationale zusammengeführt werden sollten. Ebenso versuchte Dimitrov, eine balkanische Föderation ins Leben zu rufen. Schließlich möchte ich an Jugoslawien erinnern, das sich aufgrund seiner wohl einmaligen Grenzstellung außerhalb beider Blöcke halten konnte, wofür es allerdings einen wohl sehr hohen Preis bezahlen mußte.
Sobald sich die westeuropäischen Arbeiterorganisationen, sozialistische und sozialdemokratische wie kommunistische, mit der Zweiteilung der Welt abfanden, versuchten sie auch, sich einen Manövrierraum innerhalb dieser Ordnung zu sichern und eine Politik der Entspannung einzuleiten. Ich habe an anderer Stelle untersucht, was ich die »eurozentrische Illusion« dieser Strategie genannt habe.
Im Rahmen der Zweiteilung der Welt, des atomaren Rüstungswettlaufs, der verstärkten Internationalisierung der Ökonomie und einer neuen Polarisierung der wissenschaftlichen Intelligenz entstand in den Nachkriegsjahren der Wohlfahrtsstaat, an dem die Arbeiterparteien und Gewerkschaften Westeuropas teilhatten und mitwirkten. In diesem Zusammenhang kam es zu Regierungsbeteiligungen der Linken und es entstanden »Volkspartei«-Bündnisse, politische Blöcke und »Kompromisse«, die in vielen Ländern Westeuropas den »Sozialstaat« prägten. Diese Erfahrungen stützten sich weitgehend auf die klassischen Instrumente des Nationalstaates und die breite Verankerung der Linksparteien und der Gewerkschaften in den verschiedenen Ländern.
Diese »Sozialstaaten« trugen — in von Land zu Land verschiedenen Ausmaßen und Formen — zum sozialen Aufstieg der Unterschichten, zur Anhebung des Einkommens, zur Sicherung der Arbeitsplätze, zur Demokratisierung und Entspannung im internationalen Rahmen bei. Wir wissen aber auch um die tatsächlichen Grenzen der wohlfahrtss?aaf//c/ien Politik, die sich besonders bei der Umverteilung der Einkommen und bei den sozialen Dienstleistungen geltend machten.
In einer Reihe von Untersuchungen über die Wohlfahrtstaaten in Westeuropa wurden diese Grenzen vorwiegend als Unfähigkeit, die Produktion der Nationalstaaten zu regulieren, dargestellt. Schwerwiegender scheint mir heute die Unfähigkeit, auf jene internationalen Faktoren Einfluß zu nehmen, die das Weltgefüge der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts geprägt haben. Es ist wahrscheinlich, daß die Linkskräfte im Westen die Möglichkeit der Regierungsbeteiligung im Nationalstaat erst zu einem Zeitpunkt wahrnehmen konnten, als dieser — angesichts der veränderten Weltlage — ohnehin Teile seiner Macht entschwinden sah.
Daß die europäische Arbeiterbewegung ihre Politik auf das jeweilige Land beschränkte, war bereits in diesem Jahrhundert ein Hemmschuh. Angesichts der Internationalisierungsprozesse und der Entstehung postindustrieller Gesellschaften könnte das zu einem noch größeren Manko werden. So hegt die Notwendigkeit eines neuen Internationalismus, zur Überwindung der Krise der bisherigen Strategien der Arbeiterbewegung und als Antwort auf die neue Dynamik des Weltkapitalismus, auf der Hand.

Dimensionen eines neuen Internationalismus

Ich will drei Bereiche beleuchten, die ich Bereiche der Initiative und der Transformation nenne.

  1. Als ersten dieser Bereiche nenne ich den Kampf um Einflußnahme auf die Entscheidungen über die nukleare Aufrüstung. Welche Funktion kann der Nationalstaat im Prozeß der weltweiten Verknüpfung wirtschaftlicher Strukturen, kultureller Apparate und enormer Militärmaschi-nen überhaupt noch haben? In welchem Maße kann er seine Unabhängigkeit, seine Selbstbestimmung noch wahren? Und gibt es überhaupt eine Souveränität außerhalb der Macht über Krieg und Frieden, und wann kann der Krieg zum atomaren Holocaust werden? Es geht also um die Kompatibilität von Aufstellung, Kontrolle und Einsatz der Atomwaffen auf dem heute erreichten Niveau und dem Begriff des souveränen nationalen Gemeinwesens.
    Nach der herrschenden Strategie bedient man sich der nuklearen Waffensysteme mit dem Ziel, den Gegner »abzuschrecken«. Aber eine »Abschreckung«, die nicht als makabrer Scherz gelten will, läßt die Möglichkeit eines tatsächlichen Ensatzes offen. Und zudem: wovon wird der mögliche Einsatz abhängen? Wer entscheidet über Einsatz oder Nicht-Einsatz? Wer verfügt über die nötige Übersicht und die Bewertungskriterien für Einsatz oder Nicht-Einsatz? Und welches sind die Kriterien, die Zeiten, die Formen und die Personen dieser Bewertung?
    In den langen Debatten des atlantischen Blocks über die Nuklearstrategien war die Rede vom »doppelten Schlüssel«. Es geht aber um Sprengkörper mit einer Flugdauer zum gegnerischen Ziel zwischen fünf, sieben und zehn Minuten, stumme, anonyme Angriffsmittel, die einen sagenhaften Kampf mit der Zeit aufnehmen: ein voll rationalisiertes Bündel mechanischer Funktionen, das nicht versagen darf und zielsicher das Herz des gegnerischen Lagers zu treffen hat. Der kleinste Augenblick kann entscheidend sein. Es gibt hochangesehene Wissenschaftler, die für diese Waffen ein System vollautomatisierter Signale, Nachrichten, Entscheidungen vorsehen: nahezu selbsttätige Maschinen, die allein entscheiden, um dem Gegner in der Vernichtung einen Augenblick zuvorzukommen. Dieses System, die Zeiten, die Vorrichtungen machen die Vorstellung vom »doppelten Schlüssel« hinfällig.
    Es war die Rede von Konsultationen zwischen den tatsächlichen Herrschern über diese Raketen und den »gastgebenden« Stationierungsländern. Sind aber in jenen entscheidenden Augenblicken Beratungen überhaupt noch denkbar? Aufgrund welcher Informationen, welcher Daten? Und wer entscheidet im Falle der Uneinigkeit? Wer könnte, angesichts der ungleichen Kräfteverhältnisse, der ungleichen Verfügung über Apparate, Kenntnisse und internationale Unterstützung, ausgewogene Bedingungen in derartigen Beratungen und Entscheidungen garantieren?
    Einem Einwand möchte ich entgegentreten: bedeuten die Überlegungen zur nationalen Souveränität, sich in eine Enklave zu flüchten, von der unmöglichen Loslösung eines einzelnen Staates vom Rest der Welt zu träumen? Nicht einmal die extremste Position des »Unilateralismus« kann glauben, eine unversehrte Insel in einer brennenden Welt ausfindig gemacht zu haben. Die Frage der Souveränität aufzuwerfen, ist das Gegenteil einer separatistischen Illusion: es bedeutet vielmehr, ein gemeinsames Erbe zu behaupten gegenüber der unerhörten Macht über Leben und Tod in den Händen kleiner Oligarchien.
    Kann man dieser Macht entgegentreten, indem man sich auf ihr Terrain begibt und ein entsprechendes nukleares Potential entgegensetzt, welches das Gleichgewicht wiederherstellt und auf Geschehnisse und Kräfteverhältnisse Einfluß zu nehmen erlaubt? Bejahen wir diese Frage, dann tragen wir zur Beschleunigung des Rüstungswettlaufs mit allen Folgen bei und machen uns zu Komplizen. Wenn wir aber diesen Weg verwerfen, müssen wir uns klar sein, daß eine internationale koordinierte Aktion dringend notwendig ist. Auch die »Neutralität«, der einseitige Entschluß eines einzelnen Staates, sich dem Wettrüsten zu entziehen, kann den atomaren Wettlauf nicht aufhalten. Es sieht auch nicht so aus, als könne der Ausweg in der indirekten Einflußnahme auf die Verhandlungen zweier Atommächte bestehen, da dem durch das bereits bestehende Rüstungspotential Grenzen gesetzt sind; eine Art Teufelskreis.
    Die heutige Situation ist die kritischste, da sie den Nationalstaaten letztlich die Möglichkeit der militärischen Verteidigung, die sie zu anderen Zeiten hatten, nimmt, andererseits aber noch keine anderen Regelungsformen der internationalen Beziehungen geschaffen sind.
    Kann heute der Kampf um »atomwaffenfreie Zonen« ein erster Schritt im Zusammenwirken verschiedener nationaler Kräfte sein, der in den Einflußbereichen beider Supermächte gleichmäßig wirkt? Diese Form internationalen Zusammenwirkens kann sich auf bereits bestehende und zum Teil miteinander verbundene Bürgerinitiativen und Friedensbewegungen stützen und auf dieser Basis künftige breitere Initiativen aufbauen helfen. Wahrscheinlich können nur auf diese Weise »regionale« Gruppen entstehen, die zu Organisations- und Bezugspunkten eines weitflächigen Netzes von Initiativen werden.
  2. Die Ursachen der Krise der Linken liegen in den Unzulänglichkeiten und Versäumnissen der sechziger Jahre. Schon in den sechziger Jahren erwiesen sich die Neuerungstendenzen im kommunistischen und sozialdemokratischen Lager wie bei den neuen Kräften in der Dritten Welt als unzulänglich. Die Schwäche bestand zuallererst in der Unfähigkeit, ein Netz für eine neue Solidaritätsbewegung und das internationale Zusammenwirken fortschrittlicher Kräfte zu knüpfen. Diese Schwäche (die zur Zersplitterung und Krise der in den sechziger Jahren entstandenen internationalistischen Bestrebungen führte) begünstigte die neokonservative Offensive und die kapitalistischen Umstrukturierungsprozesse. Nur unter Berücksichtigung dieser internationalen Zusammenhänge können wir Lösungen auch für die dringlichsten Probleme finden, die sich heute aus der kapitalistischen Umstrukturierung ergeben: allem voran für das Beschäftigungsproblem. Nach den Prognosen angesehener kapitalistischer Wirtschaftskreise ist auf unbestimmte Zeit von den Innovationen in der Großindustrie kein Beschäftigungsanstieg zu erwarten. Die »historische« Faustregel, wonach das Wachstum und die Entwicklung der großen Industrie einhergeht mit der Eröffnung neuer Arbeits- und Verdienstc/ia/icen und mit einem sozialen Aufstieg für Millionen von Menschen und ganzer Kontinente, gilt nicht mehr.
    Die »Arbeit« geht heute — auch in ihrer einfachsten und elementarsten Form — über die für den Industrialismus typischen Formen und Perspektiven hinaus: sie scheint nunmehr von einer Kombination von Elementen abzuhängen, wobei die Anhäufung von Ressourcen und die technologische Innovation zwar ihr Gewicht haben, diese aber gleichzeitig eng mit einer Reihe anderer Ressourcen und Werte verknüpft sind. Und zwar in erster Linie: ein allgemeiner Anstieg des kulturellen Niveaus; die Fähigkeit, die kulturellen Ressourcen den verschiedenen Lebensphasen anzupassen; die Organisation eines Wissens über die Arbeitsnachfrage auch auf übernationaler Ebene und die Schaffung von Einrichtungen, die dieses Wissen den Betroffenen zur Verfügung stellen; neue Formen der Integration von Arbeitszeit und Freizeit. Angesichts dieser Verwicklung und fließenden Verknüpfung von Lebensäußerungen und sozialen Figuren scheint sowohl das Modell einer zentralisierten autoritären Planung als auch die Wohlfahrtspolitik überholt, die vor dem Produktionsprozeß haltmachte.
    Will man der neokonservativen »Deregulierung« nicht Tür und Tor öffnen, so muß man die Staatsmaßnahmen überdenken. Dabei muß man die übernationale Dimension miteinbeziehen, aber mit einer regionalen und lokalen Ausrichtung, um in der neuen Welt der Arbeit und Technik Flexibilität und Verbreitung des Wissens zu ermöglichen und die Pluralität der Subjekte, nationale, lokale und individuelle Potentiale wahren zu können. Andernfalls besteht die Gefahr, daß ganze Länder, Massen und soziale Gruppen ausgeschlossen und in neue Abhängigkeit gedrängt werden. Von dieser Warte aus stellt sich das Problem einer erweiterten Demokratie. Die Institutionen der Veränderung müssen überdacht und reformiert werden.
    Wie läßt sich die explosionsartige Ausbreitung der »grünen« Bewegungen erklären, die gemeinsam mit den Friedensbewegungen das auffallendste politische und geistige Novum der achtziger Jahre sind? So groß auch die Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten innerhalb und unter den »grünen« Gruppen sein mögen, es handelt sich dabei nicht um ein vorübergehendes Phänomen. Diese Bewegungen sind nicht nur Ausdruck einer romantischen Nostalgie angesichts des erdrückenden Fortschreitens des »Maschinismus« oder gar engstirnige »Lokalismen« konservativer Prägung. Die Festigung des kapitalistischen Systems und seiner industriellen Modelle greifen in das Verhältnis zwischen dem Menschen und seiner gesamten Umwelt ein und gehen über die sichtbaren Schäden der Umweltverschmutzung, des Waldsterbens und der Umweltzerstörung weit hinaus. Diese Auswirkungen sind Anzeichen tiefgreifenderer Veränderungen.
    Wir sehen heute Begriffe wie Reichtum, Ressourcen, verfügbare Güter, selbst den Begriff der »Produktivität«, in einem anderen Licht. Es zeichnet sich ein anderer Umgang mit den Ressourcen ab, alte Berechnungsmaßstäbe werden in Frage gestellt. Eine bestimmte Verwertung (oder Zerstörung) der Wälder, die Nutzung bestimmter Energiequellen, kann sehr wohl heute Rohstoff, Wohlstand, Arbeit für einige bedeuten, morgen aber und für andere Menschen und Völker das genaue Gegenteil: Zerstörung, Verwüstung oder Verseuchung der Ressourcen, des Produktionspotentials und der elementaren Güter wie Luft und Wasser. Im Lichte dieser Phänomene tritt der künstliche Charakter und die geschichtliche Bedingtheit und Einseitigkeit einer rein von der Vermarktung ausgehenden Wirtschaftspolitik zutage.
    So werden Denkmuster, Modelle sozialer Beziehungen und hierarchische Strukturen in Frage gestellt, die ganze Jahrhunderte dieser modernen Welt geprägt haben; auch die Arbeiterbewegung muß sich fragen, welche ihrer Grundsätze vom kapitalistischen Industrialismus stammen und in das Alltagsbewußtsein eingegangen sind.
    Gibt es für die Probleme, die wir gewöhnlich zu eng »Umweltprobleme nennen, eine Lösung, die »nationale« und lokale Interessen, historische Unterschiede, verschiedene Lebensarten und Lebensbedürfnisse wahrt, ohne regionale, interregionale und lokale Initiativen mit allgemeinen übernationalen zu verbinden? Ich glaube nicht. Nur diese artikulierte Kombination (combinazione articolata) kann die potentiell antikapitalistischen Kräfte in ihrer Pluralität um die Perspektive einer Tranformation sammeln, die die Gesamtheit der sozialen wie der transnationalen Beziehungen betrifft. Nur so kann man unterdrückte Länder, Gruppen und Kulturen der Aufgabe der gesellschaftlichen Veränderung zuführen, um sie vor dem Abgleiten in Interessenkriege untereinander und damit in unwiderrufliche Abhängigkeit zu bewahren.
    Wo immer man Wege und Bereiche der Veränderung sucht, sehe ich die Dringlichkeit internationaler Zusammenarbeit. Ich halte es für notwendig, an gemeinsamen Programmen der europäischen Linken zu arbeiten: in erster Linie zu bestimmten Schwerpunkten, die bei den ersten Begegnungen festgelegt werden, im Bemühen, notfalls beschränkte Übereinstimmungen zu finden, die sich aber bewußt und erklärtermaßen an dieser neuen Dimension orientieren. Meiner Ansicht nach sollte diese neue politische Initiative Hand in Hand gehen mit der methodischen Organisation (ich verwende absichtlich diesen Ausdruck) einer vergleichenden Kulturforschung zur kritischen Analyse der Kulturen, die in diesen Jahren das Feld beherrschen. Damit wäre das Ziel verbunden, einen zutiefst weltlichen Gemeinsinn wiederentstehen zu lassen und zu verbreiten, frei von alten Dogmatismen, aber bereit, im Kampf von Millionen von Menschen eine neue Werteskala zu schaffen. Angesichts der sich hartnäckig behauptenden Zersplitterung und sogar des Wiederauflebens nationalistischer Abkapselung und nationalistischer Illusionen auch in Kreisen der Linken, mag dieser Weg schwer scheinen. Dennoch liegt die ganze Hoffnung in dieser Erweiterung des Horizontes.
  3. Neben der Zerstückelung und Dequalifizierung der Arbeit, der Vernichtung großer kreativer Potentiale des modernen Arbeiters gibt es noch weitere Unterdrückungserscheinungen, die das kapitalistische System als historisches Erbe übernimmt und in neuer Form Wiederaufleben läßt: die Unterdrückung der Frauen, die schwierige Situation der Jugendlichen und die Formen menschlicher Entfremdung, die sich aus der Raumnutzung und der Lebensweise in den Großstädten ergeben. Die Umweltzerstörung in den modernen Industriegesellschaften weckt das Bedürfnis nach einem neuen Verhältnis zum eigenen Körper, nach direkter und bewußter Kommunikation mit der lebendigen Umwelt. Diese Prozesse führen zunehmend zu Auseinandersetzungen über Sinn und Zweck der gesellschaftlichen Entwicklung und, allgemein, über den möglichen Sinn der Arbeit und über grundsätzliche Aspekte der sozialen Reproduktion: die Sexualität, das Kinderkriegen, die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, das Leben zu zweit, die Raumnutzung, das Verhältnis zur Natur.

Der Antagonismus in der Arbeit bleibt bestehen, die derzeitige Entwicklung fügt ihm aber neue Widersprüche hinzu oder läßt sie neu aufkeimen und treibt sie auf die Spitze, Widersprüche, die unsere Lebensäußerungen und die Fähigkeit betreffen, dem Tun einen kreativen Sinn zu verleihen.
Ich glaube jedoch nicht an eine Strategie, die sich auf ein Bündnis der sogenannten »produktiven Schichten« stützt. Eine solche Strategie würde — ob man will oder nicht — auf eine Verständigung zwischen bestimmten kapitalistischen, sogenannten »nicht parasitären« Gruppen und nicht etwa der gesamten Arbeiterklasse, sondern nur seinem »garantierten«[1] Teil hinauslaufen. Ein solcher Weg würde nicht nur den »garantierten« Teil der Arbeiterklasse von der Masse der Lohnabhängigen ohne festes Beschäftigungsverhältnis, der arbeitssuchenden und arbeitslosen Jugendlichen, der Frauen, isolieren — durch die neuen Formen von Entfremdung und Unterdrückung würden auch in der Arbeiterklasse die Bedürfnisse nach Kreativität und Sinn von Arbeit und Leben immer mehr abgewürgt.
Es braucht also eine starke politische Initiative, eine starke politische Kraft: stark im Sinne der Fähigkeit, unterdrückte Kräfte freizusetzen, kreative soziale und persönliche Initiativen und Kooperations- und Selbstverwaltungsmodelle zu fördern. Die gesamte Politik der Institutionen ist zu überdenken, jenseits des »Sozialstaates« und des in den Ostblockländern vorherrschenden autoritären und zentralistischen Übergewichts des Staates. Das ist also ein dritter Bereich der Initiative und der Thansforma-tion: eine neue Sicht des Kampfes für den Sozialismus, wobei die Kreativität und die Entf altungsmöglichkeit des Einzelnen in seiner ganzen Spontaneität und Einmaligkeit vom kollektiven Handeln gefördert wird.
Sind diese neuen Werte und Kriterien mit den Maßstäben der Profitgesellschaft vereinbar? Im wesentlichen geht es um die Frage nach einem neuen sozialen Gleichgewicht, den Inhalten von möglichen Übergangs-»kompromissen« zwischen antagonistischen sozialen Kräften und dem Stellenwert von »Kompromissen« solcher Tragweite in einer Strategie der sozialistischen Transformation.
Die konkrete Politik wird, je nach Verlauf der Kämpfe, Lösungen für diese Probleme finden müssen. Man muß sich jedoch vor Augen halten, daß die gegenwärtige Auseinandersetzung bestehende Grundregeln in Frage stellt und zu Veränderungen in der Machtverteilung führt: es gilt zu klären, wer in der Produktion und der Reproduktion entscheidet und nach welchen Grundsätzen.
Die europäische Arbeiterbewegung ist an einem kritischen Punkt ihrer Geschichte angelangt. Die Illusion, daß sich Europa im Rahmen der Zweiteilung der Welt, die auf das Gleichgewicht des Schreckens baut, einen Freiraum des garantierten Wachstums sichern könne, kann sich nicht mehr halten. Europa bleibt, wie die anderen, nicht vom Gewitter verschont. In der europäischen Arbeiterbewegung und ihrem Umfeld gibt es aber ein solides Erbe und einen Reichtum an Kräften und Erfahrungen. Allein reichen sie nicht aus — im Gegenteil, wenn sie sich einigeln, riskieren sie eine Niederlage. Diese historischen Strömungen können jedoch aufgrund ihrer sozialen Verankerung und ihrer Erfahrungen den Kern für eine Neuzusammensetzung der unterdrückten Kräfte auf dem Weg zum Sozialismus bilden.

Aus dem Italienischen von Karin Gärtner