Grün als notwendige Komponente von Rot

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Die politische Landkarte Europas ist in den letzten Jahren durch eine neue Farbe bereichert worden: das Grün. Grün ist das Symbol für große Massenbewegungen geworden, die in vielen Ländern, besonders in der Bundesrepublik Deutschland tausende und abertausende von Bürgern mobilisierten. Grün ist auch das Symbol für neue Parteien eigenen Typs, die in einigen Fällen derartige Wahlerfolge erzielten, daß sie zum Zünglein an der Waage institutioneller Gleichgewichte wurden, zumindest auf lokaler oder regionaler Ebene. Grüne Parteien und Bewegungen haben begonnen, sehr nachhaltig in die Dialektik der historischen Linksparteien einzugreifen. Daraus ergab sich eine Diskussion über das Verhältnis Rot/Grün, die wichtige theoretische Implikationen hat.
Ich muß zunächst mit einer sehr beschränkten Interpretation der ökologischen Problematik aufräumen: die ökologische Kritik an dem herrschenden Wachstumsmodell sei lediglich Frucht einer reinen Geschmacksäußerung; sei lediglich der Vorschlag für eine andere Hierarchie der Genüsse oder ein naives, nostalgisches Liebäugeln mit einer Hirten-Bauern-Gesellschaft, eine mehrdeutige und reaktionäre frühkapitalistische Versuchung; oder schlimmer noch: ein Luxus, den sich nur diejenigen leisten könnten, deren existenzielle Bedürfnisse schon gestillt sind — die Reichen der reichen Länder; nur sie könnten sich das Problem der Lebensqualität stellen, während die breite Mehrheit noch um das Überleben zu kämpfen habe.
Wenn aber heute eine Kritik am Industrialismus aufkommt, so deswegen, weil die Bewegungen eine objektive Tatsache aufgreifen: das herrschende Wachstumsmodell kann man nicht mehr vertreten, da es irreparable und ausgerechnet für die ärmeren Länder schwerwiegendere Schäden anrichtet.
Es handelt sich also nicht um eine Geschmacksfrage, sondern vielmehr um eine profunde Kritik des industrialistischen und kapitalistischen Systems; Kritik auch am Markt, der gesellschaftliche Verhältnisse vermarktet und der — in seiner Irrationalität und Kurzsichtigkeit — unfähig scheint, über die Schäden, über die ökonomischen und sozialen Kosten dieser Schäden an Natur und Mensch und über die unhaltbaren Verschwendungen Buch zu führen.
In diesem Sinne kann man sehr wohl sagen, daß die Ökologiebewegung — vielleicht oft noch in intuitiver Weise — begreift, daß in der aktuellen Krise etwas Grundsätzlicheres zutage tritt als in den vergangenen; etwas, das das Ende einer gesamten historischen Phase ahnen ließe, das Ende der kapitalistisch-industrialistischen Phase. Und dies nicht nur wegen des objektiven Untergangs der Industrie, sondern auch wegen der tiefgehenden Umweltzerstörung durch die Produktion: Der Smogalarm, der im letzten Jahr für mehrere Tage an der Ruhr ausgerufen wurde, der Skandal um die Verschmutzung des adriatischen Meeres, das Waldsterben — diese Chronik des vergangenen Jahres reicht aus, um zu zeigen, wie sehr ökologische Alarmzustände zunehmen und sogar die Allerskeptischsten bewegen.
Die katastrophischen Tendenzen wirken langfristig, aber schon kurzfristig stellen sie große Probleme. Staatskrisen rühren auch von der Notwendigkeit her, zu immer höheren Kosten und in immer ohnmächtigeren Anläufen das zu reparieren, was die Produktion zerstört und verschmutzt hat. Auch die neuen Technologien und Wissenschaften, die weniger zerstörerische Produktionstypen garantieren könnten, bringen keine Lösung, da sie in diesem System fast nur angewandt werden, um eine quantitative Expansion der Gütermenge zu gewährleisten und um eine gesellschaftliche Arbeitsteilung zu verstärken, die immer mehr Leute ausgrenzt. Die Produktions- und Konsumtionsweise des Spätkapitalismus kann schon aus physischen Gründen nicht mehr auf neue Gebiete der Welt ausgedehnt werden, jedenfalls nicht in der gegenwärtigen Form.
Noch dramatischer stellt sich das Problem schon heute in der Dritten Welt, wo die Einführung dieses Wachstumsmodells katastrophale Verwüstungen herbeiführt, von denen Entwaldung, Versandung, Erderosion und chaotische Urbanisierungsformen nur die Spitze des Eisbergs der allgemeinen Zerstörung des Ökosystems und der Verrohung der Gesellschaft    sind. Im gegenwärtigen Rhythmus wird die mit Wald bedeckte Erdoberfläche, die sich jedes Jahr um eine Fläche, so groß wie Ungarn, verringert,in wenigen Jahrzehnten derart dezimiert sein, daß sie nicht mehr genug Sauerstoff produzieren können wird, um das menschliche Überleben zu gewährleisten. Wenn wir im Moment noch atmen, so übrigens schon heute nur dank der Baumoberflächen der Dritten Welt. Würde Sauerstoff vom Markt bewertet werden, geriete die Erste Welt schwerwiegend in die Schuld der Dritten Welt. Nach der blinden Optik des Bankensystems jedoch wird die Erste Welt zum Kreditgeber. Sauerstoff hat keinen Tauschwert. Deswegen gilt es als normal, daß die Dritte Welt ihren Reichtum an Sauerstoff gratis exportiert. Der Wald hingegen ist zu verkaufen und indem er in der Form von Holz verkauft wird, zerstört man das »Kapital«, das er produziert: Sauerstoff. Auf diese Weise werden in 20 Jahren 40 Prozent der tropischen Wälder zerstört sein. Was aber würde erst geschehen, hielte man es weiterhin für möglich, weltweite Ungleichheiten zu überwinden, indem man unser Wachstumsmodell mit seinen Giftablagerungen von Industrie und moderner Landwirtschaft in die ganze Welt zu exportieren?
Tatsache ist, daß sich die Wirtschaftswissenschaft in der letzten Zeit nur für Fragen des Angebots, des Tauschwertes, des in Geld umsetzbaren Reichtums interessierte und dabei das Studium der Naturressourcen ignorierte, die doch das gemeinsam ererbte Vermögen der Menschheit sind. Stuart Mill versuchte, die variable »Natur« wieder in das Zentrum ökonomischer Analyse zu rücken. Ricardo, wie Malthus, bezogen sich auf die Natur, wenn auch in der plumpen und konfusen Form, daß sie die Produktivitätsverringerung der Umweltressourcen einzig und allein in den begrenzten Produktionskapazitäten der Ländereien begründet sahen (hier setzt auch Marx' Polemik an). Es bleibt aber auch eine Tatsache, daß der Industrialismus und die positivistische Kultur, die den Fortschritt des 19. Jahrhunderts begleitet, sowie die etwas modernere Illusion der Omnipo-tenz von Naturwissenschaften und Technik damit endeten, daß die Natur definitiv in das Reich der nicht-ökonomischen Gegenstände verbannt wurde.
Es ist oft gesagt worden, der Marxismus habe theoretisch und noch stärker in der Praxis der Arbeiterbewegung die Illusion der unbegrenzten Fähigkeit menschlicher Arbeit zur Produktivitätssteigerung genährt. Doch dieses Urteil, das historisch in der Polemik gegen Malthus gründet, ist falsch. Hingegen wäre es richtig, daran zu erinnern, daß z.B. der junge Engels einer der ersten großen ökologischen Autoren war, etwa durch seine Anklage gegen die physische und psychische Zerstörung menschlicher Individuen im frühen Industrialismus und gegen die Zerstörung der Natur. Doch man braucht sich nicht durch die Vorfahren zu rechtfertigen. Man muß sich vielmehr fragen, ob unsere heutigen Erfahrungen nicht Probleme in den Brennpunkt stellen, die in Marx' Werk noch alle praktisch-empirischen Bezüge haben und die der gleichen formalen Lösungsmittel bedürfen. Das ist eine Aufgabe — wenn es stimmt, daß wir am Beginn einer möglichen dritten Phase des Marxismus leben (nach denen der II. und III. Internationale).
Marx war kein »Fortschritts«-, sondern ein »revolutionärer« Denker. Die Dichotomie zwischen apologetischem Denken und der nostalgischen Romantik des natürlichen und »zoologischen« Menschen vor dem Kapitalismus wird bei Marx — von den »Manuskripten« bis zum »Kapital« — immer als das typische Schillern bürgerlichen Denkens gesehen. In der Kritik der politischen Ökonomie entwickelte sich Marx' Auffassung auch hinsichtlich der Ökologie. Man braucht nicht daran zu erinnern, daß Marx kein Malthusianer war. Seit den »Manuskripten« gilt für Marx die Dialektik Ricardo-Malthus immer als Nachweis der Unfähigkeit der Ökonomie, die eigenen fundamentalen Schranken zu überwinden. »Jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur«, so schreibt er schon im ersten Band des »Kapital«, »ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit« (MEW 23, 529). Und weiter, polemisch gegen die positivistische Erhebung von Wissenschaft und Technik zu neutralen und an sich fortschrittlichen Elementen: »Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.« (Ebd.) Es handelt sich hierbei nicht um eine Beobachtung am Rande. Erde und Arbeiter sind die zwei Sonderfälle von Waren, die das Kapital nicht selbst als Waren herstellen kann.
In der »Kritik des Gothaer Programms« — das Walter Benjamin zu Recht als die radikalste präventive Benennung der Mißverständnisse der II. Internationale las — klärt Marx zwei Punkte seines radikalen Dissenses zu der Kultur, mehr noch als zu der Strategie und Taktik, der ersten politischen Phase der als Partei konstituierten Arbeiterbewegung. Zwei Idole müßten entweiht werden: der Staat und die Arbeit. In der Polemik gegen Bakunin und gegen die Anarchisten hat Marx sich gegen jede rein regressive Kritik an diesen Begriffen gewehrt. Arbeit sei nicht auf ein Spiel reduzierbar. Der Staat sei nicht mit einem Akt der Willkür, des freien Willens oder der Gewalt abzuschaffen. Die geschichtliche Entwicklung sei nicht purer Zufall, sondern habe in sich eine Notwendigkeit, die man begreifen müsse, um sie wirksam bekämpfen zu können. Gegen die Bilder einer »übernatürlichen« Macht der Arbeit, mahnt Marx: »Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft.« (MEW 19, 15)
Also gehört die Figur des Arbeiters als Produzent nicht zu Marx. Die durch Beraubung und Entfremdung der Arbeiter hergestellte Trennung von der Natur verhindert, daß die Entwicklung der menschlichen Produktionsfähigkeit, vom Kapitalismus gefördert, wirklich den Menschen gehört, die sie entwickeln. »Die Natur ist Leben für den Menschen, und nicht Lebensmittel« steht schon in den »Manuskripten« (1844). (Sicher, es ist der gleiche Marx, der von der Natur als »Eigentum« des Menschen spricht. Doch dies muß damit im Zusammenhang begriffen werden, daß »Aneignung« hier das Gegenteil von »Entfremdung« ist, nach einer Tradition, die von Locke bis Hegel geht und die sich bei Marx explizit gegen jedwede privatistische und deswegen instrumenteile und utilitaristische Konzeption des Eigentums richtet.)
Wie ist es möglich gewesen, daß die darauffolgenden Kämpfe der Arbeiterbewegung so oft im Gegensatz zum theoretischen Ausgangshorizont standen? Die Geschichte der II. Internationale war von der vordringlichen Verteidigung des physischen und moralischen Überlebens der ersten der »außerordentlichen« Waren, eben der Arbeiterklasse gekennzeichnet. Die historische Rolle der III. Internationale und der Revolution in einem großen rückständigen Land bestand in der Unterbrechung einer katastrophalen Parabel des Imperialismus durch den erfolgreichen Kampf gegen den Faschismus und das Wiederauftauchen der unterdrückten Völker aus der Geschichte. Vor diesem Horizont, angesichts der malthusianischen und finanzkapitalistischen Tendenzen einerseits, der militaristischen Tendenzen des imperialistischen Kapitals in der ersten Hälfte des Jahrhunderts andererseits, kann man vielleicht den sozialistischen Produktivismus um jeden Preis in jenem Land mit seinen Fünfjahrplänen verstehen. Man muß nur auch verstehen, daß es sich um eine gewissermaßen abgeschlossene Geschichte handelt.
Heute ist die Natur im Produktionsprozeß viel mehr als nur Erde, Boden oder Wasserfall geworden: sie ist zu einer sehr wichtigen Primärmaterie geworden, die sich als erschöpfbar gezeigt hat: Energie, Sauerstoff. Erst heute wissen wir, daß eine Produktivitätserhöhung der lebenden Systeme — mit Blick auf die modernen Technologien — nicht so sehr auf Arbeit beruht als vielmehr auf der ständigen Zunahme energetischer Transformationen, die jedoch in direktem Verhältnis zur Reduktion der Energieproduktivität stehen. Daß die Ressourcen und ihre Fähigkeit, sich zu reproduzieren, bald aufgebraucht sind; daß es unmöglich ist, die Natur zu unterwerfen; all dies sind neue Gegebenheiten, die die marxistische Kultur herausfordern. Diese Fragen stellen einige Grundelemente der Kultur der Arbeiterbewegung zur Diskussion, die immer davon ausging, die Grundlage des menschlichen Fortschritts sei das Wachstum der Produktivkräfte; im Gegenteil, hier unterschied sich der Marxismus gerade von romantischen oder spiritualistischen Positionen. Die ökologischen Bewegungen stellen heute, im Unterschied zu jenen, nicht das Wachstum zur Diskussion, sondern was man unter Wachstum der Produktivkräfte versteht und welches sein Maß und sein Zweck ist. Dieses kann nicht mehr die Vervielfachung der materiellen Güter sein, die dem menschlichen Konsum zur Verfügung gestellt werden, die quantitative Bestimmtheit des Wachstums also, dies ist das neue Datum.
Die grünen Bewegungen sind Erben der 68er Generation, die bereits intuitiv erfaßte, daß das herrschende Wachstumsmodell Verarmung für einen wachsenden Teil der Menschheit produziert. 1968 war ein historischer Wendepunkt: zum ersten Mal wurde offensichtlich, wie ein Produktionsfortschritt (im ideologischen und strukturellen Horizont des Kapitals) sich in Barbarei verwandeln konnte. Die ökologische Entdeckung entzündete sich einige Jahre später entlang den Hauptströmungen der antikapitalistischen Kritik der 68er Jahre.
Die Krise, die sich mittlerweile entwickelte, hat in diesem Sinne eine Be-wußtwerdung beschleunigt, derzufolge die Bewahrung und die Bereicherung der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt heute das Ziel der Produktion selbst sein muß. Also gerade nicht der Anspruch, die Produktion möge einen Großteil ihrer Geldmittel zu diesen Zwecken abtreten. (Dies unterscheidet übrigens die Ansprüche grüner Bewegungen von denen schon vorher existierender bürgerlicher Umweltschutzgruppierungen.) Also muß man das Bewertungskriterium für die Kosten des Wachstums im Verhältnis zu diesem Ziel der Produktion neu festlegen, und zwar langfristig kalkuliert, ohne — wie es das Kapital tut — eine Diktatur der Gegenwart über die Zukunft zu errichten.
Das verlangt ein radikales Überdenken des Wachstumskonzepts. Das Wachstum müßte sehr sparsam mit den Mitteln und Ressourcen umgehen, es müßte reich an »wiedervereinigenden« [die Gesellschaftsspaltung überwindenden, d.Übers.] Effekten sein. Ein Wachstum also, das nicht mehr an der Vervielfältigung der Konsum- und Exportgüter orientiert und zugleich fähig wäre, den Widerspruch von Arbeits- und Lebenszeit zu überwinden: sei es innerhalb der Arbeit (als Widerspruch einer Arbeit, die Wissen verlangt, es aber nicht verwertet), sei es außerhalb der Arbeit (als Unfähigkeit, der wachsenden Freizeit einen menschlichen Sinn und eine gesellschaftliche Produktivität zu geben).
So versteht man sehr gut, wie die grüne Bewegung gerade keine erneute Kinderzimmerrebellion ist. Im Gegenteil, ihre Intuition von der Notwendigkeit, den Kapitalismus als ein Produktionsverhältnis zu überwinden, das unlösbar mit dem Industrialismus, dem Konsumismus, der Zerstückelung der Arbeit und den Tauschwerten verknüpft ist, ist wesentlich moderner als der archaische neoliberalistische Vorschlag, der jedoch als realistisch und rational ausgegeben wird. Deswegen versteht sich der grüne Vorschlag ja auch als »postindustriell« und nicht als »präindustriell«.
Mit ihrem Angriff auf die beiden Grundpfeiler des Systems — die auf Profit und Kapitalakkumulation gerichtete Produktion und die Verwandlung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Warenverhältnisse — erobert die grüne Bewegung in Wirklichkeit die Radikalität marxistischen Denkens zurück. Die neuen sozialen Bewegungen entwickelten sich aus Bedürfnissen und Wahrnehmungen heraus, welche die Klassenorganisationen ignoriert hatten. Das Auftauchen dieser Art von Bewegungen und die Bornierung des Marxismus auf die zentrale Rolle der Arbeiterklasse bei deren wachsender Zersplitterung war einer der Gründe, die zur Rede von der »Krise des Marxismus« führten. Der Klassenwiderspruch ist aber heute weniger klar, und paradoxerweise scheinen die antikapitalistischen Kräfte aus einer Politik jenseits der Klassenpolitik hervorzugehen.
Daraus haben sich zwei entgegengesetzte Tendenzen entwickelt: die einen schließen aus dieser Situation, die Arbeiterklasse spiele keine Rolle als revolutionäres Subjekt mehr, im Gegenteil sei sie eine systemerhaltende Kraft geworden; andere hingegen meinen, die neu auftauchenden Subjekte und Bedürfnisse seien nicht antikapitalistisch und also seien ihre Bewegungen irrelevant für den revolutionären Prozeß. In Wirklichkeit jedoch zeichnet sich die Unentbehrlichkeit des alten und des neuen antikapitalistischen gesellschaftlichen Subjekt mit den jeweiligen Bewegungen ab, auch wenn es zu einer gemeinsamen Praxis oder auch nur einem gemeinsamen Bewußtsein noch weit ist.
Um gegen diese Spaltung zu arbeiten, reicht es nicht, den Grünen in Erinnerung zu rufen, daß die Arbeiterklasse für Marx nicht wegen ihrer Größe revolutionäres Subjekt war, sondern weil sie als ausgebeutete Klasse dem Kapital direkt entgegengesetzt ist, das ihre Bedürfnisse nicht erfüllen kann, und weil sie als kollektiver Produzent die objektive Fähigkeit hat, eine neue Welt der Produktion zu schaffen, die nicht mehr von den Gesetzen des Kapitals reguliert wird. Es reicht nicht, diese »klassischen« Wahrheiten in Erinnerung zu rufen. Für den klassischen Marxismus war die Sprengkraft des Proletariats als revolutionäres Subjekt vor allem in seiner negativen Radikalität begründet: als Klasse, die »nichts als ihre Ketten besitzt« und mit den Mechanismen und Werten des Systems (Konkurrenz und Unterdrückung) nichts zu tun hat. Vor allem in der Epoche des »Wohlfahrtsstaates« verkehrten jedoch die ökonomischen und politischen Errungenschaften diese Negativität in ihr Gegenteil und üeßen dabei etwas entstehen, das mit der Stellung des Proletariats in der kapitalistischen Arbeit zusammenhängt: ein unkritisches Vertrauen in das Wachstum der Produktivkräfte, eine »meritokratische« Konkurrenzhaltung und eine hierarchische Auffassung von Disziplin und Autorität. Vielleicht ist es ausgerechnet das Auftreten neuer Bedürfnisse und neuer Widersprüche, das zum ersten Mal diesen Teufelskreis zu durchbrechen erlaubt.
Die Arbeiterklasse bleibt ein Grundbestandteil des revolutionären Prozesses, hinzu kommen die Träger der neuen Widersprüche, die mit ihren Bedürfnissen und ihrer latenten Kraft eine wesentlich radikalere Veränderung nahelegen. Der Motor der Revolution ist nicht mehr »von Natur aus« da, er ist immer weniger in einer spezifischen sozialen Gruppe auszumachen, sondern immer mehr die Frucht eines dialektischen Aufeinandertreffens von Arbeiterklasse und neu auftauchenden Subjekten.
Der Kapitalismus kann bei der rein quantitativen Ausdehnung der Produktion noch gewinnen, auf dem neuen Terrain jedoch nicht. Daher seine neue Zerbrechlichkeit, daher die Leistungsfähigkeit und der Reichtum neuer revolutionärer Mittel auf Seiten der Arbeiterbewegung. Ihre Nutzung erfordert von der Linken jedoch eine tiefgreifende Veränderung ihres Projekts.
In einem Moment, in dem die Definition von »links« kontrovers ist, kann man sagen, daß »Grün« wegen des Reichtums seiner Implikationen zu einem qualifizierenden Element für »Rot« wird. Die Linke erforscht nicht neue Weisen, eine größere Menge gleicher Dinge effizienter zu produzieren und mit größerer Gleichheit zu verteilen, indem sie in der gleichen Art und Weise Produktion und Konsumtion organisiert. Vielmehr versucht sie, neue technische Instrumente zu nutzen, um andere Dinge und vor allem eine andere Lebensweise herzustellen.
Eine Utopie? Auch bei Marx, der immer sehr streng mit Utopisten umging, taucht wiederholt die Idee des voll entwickelten Individuums auf, das frei ist, sich den verschiedensten Tätigkeiten zu widmen. Also kann man auch nicht die von der grünen Bewegung kommende Utopie einfach ablehnen. Die Utopie selbst hat heute in gewisser Weise das Vorzeichen gewechselt. Wie Marcuse in seinem »Versuch über die Befreiung« feststellte: »Die Dynamik der Produktivität beraubt die 'Utopie' ihres traditionellen unwirklichen Gehalts; was als 'utopisch' gebrandmarkt wird, ist nicht mehr das, was 'keinen Ort' hat und im historischen Universum auch keinen haben kann, sondern vielmehr das, was durch die Macht der etablierten Gesellschaften daran gehindert wird, zustande zu kommen.« (1969, 15f.)

Aus dem Italienischen von Birgit Jansen