Krise des Fordismus und Perspektiven des Sozialismus in den USA

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Die Entwicklung der amerikanischen Sozial-, Wirtschafts- und Innenpolitik wird großen Einfluß auf alle sozialen und politischen Bewegungen in der Welt haben. Deswegen konzentriere ich meine Gedanken über den Sozialismus am Vorabend des 21. Jahrhunderts auf die amerikanische Gegenwart, ihre mögliche Zukunft und die Wirkungen beider auf den Kampf für den Sozialismus.
Die Vereinigten Staaten sind heute keine so entscheidende Macht wie auf dem Höhepunkt ihrer Hegemonie über den Westen zwischen 1945 und 1960. Der Wiederaufbau Europas und Japans schuf mächtige kapitalistische Konkurrenten; die Demütigung der amerikanischen Macht in dem gewissenlosen Krieg in Vietnam zwang allen Politikern einen nüchternen Sinn für Grenzen auf, zumindest bis zur Präsidentschaft von Reagan. Und doch blieben die Vereinigten Staaten, auch vor der Wirtschaftskrise der frühen achtziger Jahre, die führende politische, ökonomische und militärische Macht in der westlichen Welt und eine der beiden Supermächte auf dem Globus.
Im Augenblick — im Frühjahr 1985 — läßt es Amerikas starke Erholung so erscheinen, als hätte es etwas von seinem relativen Vorsprung gegenüber Europa wiedergewonnen. Diese Illusion wird durch die Euphorie von Reagans Wiederwahl 1984 genährt. Durch diesen außerordentlichen Sieg hat Reagan die Nation davon überzeugt, daß eine zyklische Erholung, die trotz und nicht wegen seiner »angebotsorientierten« Steuersenkungen eintrat, das Ergebnis seines bewußten Plans gewesen sei und daß sie eine neue Periode anhaltenden Wachstums wie in den 60er Jahren ankündigen würde. Reagans Staatshaushalt für 1986 z.B. (Anfang 1985 vorgelegt) unterstellt 8,5 % nominelles Wachstum des Bruttosozialprodukts in den Jahren 1985 und 1986, 8,3% 1987, 8% 1988, 7,4% 1989 und 6,9% 1990 {The U.S. Budget in Brief, 19f.).
Nun ist es wahr, daß niemand in den Vereinigten Staaten die wirtschaftlichen Annahmen von präsidialen Haushaltsentwürfen im Traum akzeptieren würde; sie sind fast immer Kinder des Wunsches, nicht der Realität. Gleichwohl sind die Zahlen von Reagan in ihrem Optimismus ohne Beispiel. Noch schlimmer, sie belegen ganz genau die Überzeugung des Präsidenten, daß seine Politik eine positive, grundlegende und strukturelle Änderung in der amerikanischen Wirtschaft bewirkt habe. Das ist, wie dieser Beitrag zeigen wird, Unsinn. Die Krise des Nachkriegssystems von »Regulierung«, die mit der Rezession von 1969/70 begann, dauert an, auch wenn eine ganze Reihe von Amerikanern unter den Symptomen dieser Krise 1984 und Anfang 1985 nicht litten.[1]

I.

Die Krise der amerikanischen Gegenwart ist die Krise des »fordistischen« Modells des Kapitalismus, das in der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Ich unterstelle, daß die Theorie des Fordismus wohlbekannt ist und fasse einige ihrer Grundaussagen zusammen. Henry Ford war nicht einfach der Mann, der der Massenproduktion ihre charakteristischste Industrie und Gestalt verschaffte; er war auch der Erneuerer, der von seinen Kapitalistenkumpanen als »Utopist«, als »Sozialist«, als »Verräter seiner Klasse« denunziert wurde, als er 1914 seinen Arbeitern 5 Dollar am Tag zahlte (Bernstein, 179). Mit der Zeit breitete sich Fords Ansicht, daß Massenproduktion Massenkonsumtion erfordere, auf die »fortgeschritteneren« Teile der Industriekapitäne aus und ließ in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre das Konzept des »Weifare Capitalism« — Wohlfahrtskapitalismus — entstehen. Letzteres war, nicht so zufällig, Bestandteil einer Strategie, die unabhängigen Gewerkschaften zu schlagen und sie durch betriebliche Gewerkschaften zu ersetzen.[2]
Auch wenn die Vorstellung von Harmonie zwischen Arbeit und Management auf Unternehmerkonferenzen weiter ausgearbeitet wurde — und vom damaligen Handelsminister und späteren Präsidenten Herbert Hoover —, verschärften sich die Widersprüche des amerikanischen Kapitalismus in den 20er Jahren immer mehr. Der Output pro Arbeiter wuchs zwar zwischen 1919 und 1929 um 43 Prozent, aber die Löhne und die Massenkonsumtion stiegen auch nicht entfernt in dem Maße an (Gal-braith, 241). Als dann der große Krach kam, waren sich fast alle einig — die Linke, die Rechte und die Mitte —, daß die Unterkonsumtion (und Überproduktion) eine seiner Ursachen war.
Die Unterkonsumtionsthese brachte auch einen Flügel von Roosevelts eigener Koalition dazu, die Dreißig-Stunden-Woche zu fordern (Bellush, 8). Roosevelt brachte den National Industrial Recovery Act (NIRA), der die National Recovery Administration (NRA) nach sich zog, auch deswegen ein, um dieser radikalen Position etwas entgegenzusetzen. Der NIRA enthielt für fast jede ideologische Strömung in den USA etwas. Diejenigen Unternehmer, die staatliche Planung und ein nicht-wettbewerbsmäßiges Preissetzungsrecht der Industrie befürworteten, bekamen von General Hugh Johnson Richtlinien, die beides zuließen (Johnson hatte während des Ersten Weltkriegs den War Industries Board geleitet, diejenige Institution, die zur Vorstellung von »Staatskapitalismus« Anlaß gegeben hatte). Die AFL [der amerikanische Gewerkschaftsbund, d. Übers] sah in der Maßnahme mehr eine Methode, »die Massenkonsumtion durch höhere Löhne und niedrigere Preise zu steigern, als Produktionseinschränkungen und Preissteigerungen durchzuführen« (ebd., 12). Die liberalen und sogar die sozialdemokratischen Intellektuellen (Adolf Berle, Rex Tugwell) sahen die NRA als einen Schritt zu einer geplanten Wirtschaft an. Die Gewerkschaften bliesen ihren Kampf für die Dreißig-Stunden-Woche ab und erhielten dafür den berühmten Abschnitt 7a des Gesetzes, der die Anerkennung der Gewerkschaften von mehrdeutigen und letztlich unvorhersehbaren Bedingungen abhängig machte.
Die NRA wurden vom Obersten Gerichtshof 1935 für verfassungswidrig erklärt, die Hoffnungen jedoch, die es zu Beginn von Roosevelts erster Amtsperiode geweckt hatte, wurden schon lange vorher enttäuscht. August-September 1933 gab es rasche Preissteigerungen und es zeigte sich, daß die Industrie durch ihre Produktivitätssteigerungen aufgrund der Rationalisierungen der zwanziger Jahre, die Produktion bedeutend ausdehnen konnte, ohne neue Arbeiter einzustellen (vgl. ebd., 55f.). Bis 1935 kam Roosevelt, nach vielem Hin und Her, zu dem Entschluß, den die Geschichte als Second New Deal etikettiert hat. Arthur Schlesinger jr. hat die Wende so zusammengefaßt:

»Der frühe New Deal hatte die Konzentration ökonomischer Macht als den zentralen und irreversiblen Trend der amerikanischen Wirtschaft unterstellt und die Konzentration politischer Macht als Antwort darauf vorgeschlagen. 1933 ging es darum, die amerikanischen Institutionen entsprechend der Philosophie einer organischen Wirtschaft und einer koordinierten Gesellschaft umzubilden. Die neue Anstrengung (der Zweite New Deal) bestand darin, eine Wettbewerbsgesellschaft wiederherzustellen im Rahmen strenger sozialer Grundregeln und auf der Grundlage von wirtschaftlichen Maßstäben. Mit der Zeit kam die Bereitschaft hinzu, den fiskalischen Zugmotor zu benutzen, um die Wirtschaft in Bewegung und expansiv zu halten.« (385)

Auf den ersten Blick scheint es klar, daß die Wende zum Zweiten New Deal eine Wende von der Linken (Planung) zur Rechten markiert (die keynesianische Manipulation einer im wesentlichen freien Marktwirtschaft). Ein solches Verständnis verdeckt äußerst wichtige Zusammenhänge. Soweit es Planung gab, fand sie in einem korporativen Rahmen statt und die politischen Voraussetzungen des Ersten New Deal waren viel eher Unternehmer- als arbeiterfreundlich. Zweitens, wie Michael Piore und Charles Säbel gezeigt haben: »Der zweite New Deal war zugleich radikaler und weniger radikal als der erste: weniger, weil er die Idee einer Wettbewerbswirtschaft zugrundelegte, radikaler, weil er die Notwendigkeit für periodische Regierungseingriffe erklärte, wie es die MRA, bei all ihrem etatistischen Potential, nicht tat.« (Piore and Sable, 96)
Christine Buci-Glucksmann und Göran Therborn haben dieselbe Einsicht in eine marxistische und historische Perspektive gestellt. In den zwanziger und dreißiger Jahren hat sich, wie sie in »Der sozialdemokratische Staat« bemerken, der sozialdemokratische Staatsinterventionismus auf neoklassische Prämissen über die Ökonomie gestützt. Die Vision eines demokratischen und sozialen Staats, wie sie von Rudolf Hilferding in den zwanziger Jahren ausgearbeitet wurde (am klarsten formuliert in seiner Rede auf dem Kieler Parteitag der SPD 1927), stand zwar für die Regulierung der kapitalistischen Ökonomie, hätte aber nicht gewagt, »in die Bildung der Gesetze der Wirtschaft des organisierten Kapitalismus einzugreifen« (Buci-Glucksmann/Therborn, 100). Der Zweite New Deal tat genau das.
Das soll jedoch nicht heißen, daß Roosevelt und der New Deal mit einem bewußten »fordistischen« Plan für die amerikanische Wirtschaft auftraten. Roosevelt versuchte z.B. 1936, den Staatshaushalt auszugleichen und führte mitten in der Depression 1937 eine tiefe Rezession herbei — ein klarer Beweis dafür, daß er die keynesianischen Theorien nicht verstand, auf deren Grundlage er gehandelt hatte. In der Tat, wenn man begreift, daß die Essentials der fordistischen Lösung auf der teilweisen Vergesellschaftung des Lohns als Mittel gegen Unterkonsumtion/Überproduktion beruhte, dann sieht man, daß dieses System in Wirklichkeit erst nach dem Zweiten Weltkrieg, also nach Roosevelts Tod, entstand.
Es gab drei Schlüsselaspekte in der Tendenz zur teilweisen Vergesellschaftung des Lohns. Erstens verpflichtete das fiskalische und monetäre keynesianische Engagement die Unionsregierung, die Effektivnachfrage zu stützen. Daß dies auf wirklich konsequente Weise nur im Zweiten Weltkrieg selbst praktiziert wurde, unterstreicht, daß der amerikanische Kapitalismus leichter Rüstungsausgaben akzeptieren kann (mit ihrer patriotischen Motivation, sogenannten »Cost plus«-Verträgen, Stillhalteabkommen etc.) als Sozialausgaben (die die Umverteilung von Einkommen und Reichtum androhten, aber nie bewirkten). Nichtsdestoweniger markierte dieses Konzept für die Rolle der Regierung, wie es in ziemlich konservativer Form im Employment Act von 1946 formuliert wurde (der Kongreß weigerte sich, sein Gesetz »Vollbeschäftigungsgesetz« zu nennen, weil ihm das als zu radikales Etikett erschien), eine wichtige Wende in der amerikanischen Wirtschaftspolitik. Die Effektivnachfrage mußte nicht mehr als unabhängige, von den Marktgesetzen bestimmten Variable betrachtet werden; sie wurde nun zum Gegenstand der Bundespolitik.
Zweitens wurden eine Anzahl von wohlfahrtsstaatlichen Neuerungen durchgeführt, die das staatlich gewährte oder garantierte gegenüber dem arbeitsmarktabhängigen Einkommen steigerte. Im Kern waren das die Programme für Rentner (über 65 Jahre). Sie machten zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Sozialausgaben des Bundes aus, zumeist für soziale Sicherheit (und, seit Lyndon Johnson, für medizinische Versorgung). Die Programme für Leute mit niedrigem Einkommen, im wesentlichen Aid for Families of Dependent Children (AJFDC), stellten einen nachträglichen Gedanken in dem ursprünglichen Gesetz zur Sozialen Sicherheit dar. Die einzige weitere bedeutende Entwicklung in dieser Richtung trat mit der medizinischen Versorgung (Medicaid) und den Lebensmittelgutscheinen in den späten sechziger und in den siebziger Jahren ein. Soziale Sicherheit spielte, wohlgemerkt, bis zu den fünfziger Jahren kaum eine Rolle, als zum erstenmal ins Gewicht fallende Zahlungen geleistet wurden.
Aber auch mit allen notwendigen Einschränkungen führten Soziale Sicherheit, Arbeitslosengeld, AFDC, Medicare und Medicaid sowie Lebensmittelgutscheine zu einer weiteren Vergesellschaftung der Konsumtion in den USA. Die dritte Tendenz in dieser Richtung, die sich dadurch ankündigte, daß unter Roosevelt Tarifverhandlungen als gesamtstaatliche Politik verstanden wurden, ist komplexer als die anderen beiden, nicht zuletzt weil sie sich über Verhandlungen zwischen Arbeitern und Unternehmern durchsetzte, die — wenngleich in einem von der Regierung gesetzten Rahmen — im privaten Sektor stattfanden.
Als der Wagner-Act 1935 verabschiedet wurde, nahm das Kapital dieses Gesetz nicht passiv hin. Intensive Klassenkämpfe waren notwendig, bevor die gesetzlich garantierten Rechte Wirklichkeit wurden. Im Zweiten Weltkrieg setzte sich dieser Trend fort. Die Gewerkschaften breiteten sich weiter aus, in einigen Fällen weil die Unternehmer lieber mit den konservativeren Gewerkschaften abschlössen als Kämpfe mit dem CIO zu riskieren. Bei Kriegsende wurde ein Gedanke ziemlich stark, der schon während der Wohlfahrtsstaatsperiode in den zwanziger Jahren diskutiert worden war: daß die Arbeiterlöhne sich im selben Rhythmus erhöhen sollten wie die allgemeinen Produktivitätssteigerungen. Wenn die Löhne der Produktivität vorauseilten, so sagte man, wäre Inflation das Resultat; wenn sie der Produktivität hinterherhinkten, gäbe es Unterkonsumtion. Wenn aber Arbeiter und Unternehmer freiwillig das vernünftige Maß von Lohnsteigerungen auf der Grundlage von Produktivitätssteigerungen einhalten würden, dann könnte sich die Wirtschaft krisenfrei entwickeln.
Säbel und Piore haben — vielleicht zu sehr — betont, wie das von General Motors und den Vereinigten Automobilarbeitern 1948 verabschiedete Muster, wonach Lohnerhöhungen auf branchenweiten Produktivitätssteigerungen gründeten, zur informellen aber wirksamen Norm einer amerikanischen Einkommenspolitik wurde (Piore and Säbel, 102). Derek Bok und John T. Dunlop legen mehr Gewicht auf das »Klinkenputzen« (»Jawboning«) bei der Regierung, besonders in den Jahren von Kennedy und Johnson, als der Council of Economic Advisors eine »indikative« Leitlinie für Lohnerhöhungen errechnete (Bok and Dunlop, 296ff.). Es ist klar, daß diese nur für die besser organisierten Arbeiter galten und daß sie viel, viel höher lagen als der Minimallohn, der für die Bezahlung der marginalen Arbeitskraft (überproportional aus rassischen und ethnischen Minderheiten sowie aus Frauen zusammengesetzt) ein offizielles, aber immer weniger erzwungenes Netz spannte.
Dieselbe Spaltung zwischen den organisierten und unorganisierten Abteilungen der Arbeiterklasse wirkte in bezug auf Arbeitgeberanteil und betriebliche Zulagen (»fringe« benefits). Der Trend hatte während des Zweiten Weltkriegs begonnen, als die Geldlöhne vom War Labor Board festgesetzt wurden, die betrieblichen Zulagen aber als eine Art »Abzahlungen« behandelt wurden, die der Kriegswirtschaft nicht schaden würden. Der Trend verstärkte sich dadurch, daß die Truman-Regjerung den Kampf für ein staatliches Gesundheitswesen verlor nach ihrem überraschenden Sieg bei den Präsidentschaftswahlen 1948. Angesichts dieser politischen Niederlage beim staatlichen Gesundheitswesen setzten die Gewerkschaften immer starker ihre ökonomische Verhandlungsmacht ein, um Vergünstigungen herauszuholen, die in den Wohlfahrtsstaaten Westeuropas gesetzlich abgesichert waren.
Das bedeutete in den Zeiten des Wirtschaftswachstums in den fünfziger und sechziger Jahren, daß der »Soziallohn« der besser organisierten Arbeiter viel rascher anstieg als der Lohn in den unorganisierten Teilen der Arbeiterklasse. (Als aber in den frühen achtziger Jahren die Krise die »Schornstein«-Industrien traf, lernten Industriearbeiter der starken Gewerkschaften zu ihrem Schrecken, daß sie ihren Gesundheitsschutz mit ihrem Arbeitsplatz verloren.) Wenn man sich aber die Entwicklung der Löhne und Sozialleistungen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ansieht, dann gab es da eine deutliche Tendenz, zumindest einen Teil des Lohns zu vergesellschaften.
Die Krise des »fordistischen« Regimes der gesellschaftlichen Akkumulation kündigte sich, wie wir im Nachhinein wissen, durch die Rezession und Inflation 1969-70 an. Richard Nixon, der auf reaktionäre Weise aufgrund einer unfehlbar keynesianischen Logik handelte, entschloß sich, der von Lyndon Johnson geerbten hohen Inflation — der Preisindex für Konsumgüter stieg um 6,1 Prozent im Jahr 1969 — durch eine restriktive Politik zu begegnen, die zu einer leichten Rezession führen würde. Das entsprach der zu jener Zeit herrschenden Theorie, daß Rezession das Preisniveau dramatisch senken müßte. Aber der Konsumgüterpreisindex fiel nur wenig, auf 5,5 Prozent im Jahr 1970, und die hohe Arbeitslosenquote verursachte bedeutende Wahlverluste der Republikaner in den Kongreßwahlen von 1970.
Es genügt hier, einige mögliche Gründe anzuführen. Dazu gehört die Sättigung wichtiger Märkte wie Fernseher und Autos; eine sinkende Profitrate verbunden mit einer wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals und einer sinkenden Ausbeutungsrate aufgrund der relativ starken Verhandlungsposition der Gewerkschaften in den späten sechziger Jahren; die Internationalisierung der amerikanischen Wirtschaft in den siebziger Jahren angesichts neuer Konkurrenz mit den besiegten Gegnern des Zweiten Weltkriegs (Deutschland und Japan) sowie mit den Schwellenländern; das Ende der Ära der Massenproduktion im Westen, markiert durch die Fähigkeit der Multis, die ganze Welt als eine Fabrik zu behandeln; die Verengung von Märkten, als die Unternehmen versuchten, sich für den Fall der Profitrate durch Beschleunigung der Produktion und Lohndrückerei zu entschädigen; die enger werdenden Märkte verbanden sich in den Vereinigten Staaten auch mit einer Verschiebung von (relativ hoch bezahlter) Fertigung zum (relativ schlecht bezahlten) Dienstleistungssektor; die wachsende Tendenz, Kapital zu verschwenden in »Unternehmen auf dem Papier« durch Fusionen, Übernahmen und endlose Verhandlungen innerhalb der Unternehmen.
Eine Folge dieser Trends war, daß die fordistische Vergesellschaftung des Lohns unterminiert wurde. In konstanten Dollars (1977) sanken die durchschnittlichen Wochenverdienste in den Vereinigten Staaten von 189,40 Dollar (1969) auf 172,74 Dollar (1980). Noch 1984 lag dieser Durchschnitt erst bei 173,48 Dollar, also auf einem Niveau, das zuvor 1963 erreicht worden war. Für die Sozialleistungen wurde in den siebziger Jahren ein Inflationsausgleich festgelegt, aber alle anderen Wohlfahrtsprogramme des Bundes sanken im Aufkommen real noch schneller als die Löhne.
Die Reagan-Regierung verstärkte das Negative all dieser Trends. Wie sie den Fluglotsenstreik 1981 brachen, signalisierte eine schärfere Unternehmeroffensive gegen die Arbeiter, als je im letzten halben Jahrhundert. Die Gewerkschaften machten unter Bedingungen hoher Arbeitslosigkeit und teilweiser Deindustrialisierung 1982 und in der ersten Hälfte des Jahres 1983 wichtige Zugeständnisse, worin zuvor Erkämpftes den Unternehmern überlassen wurde im Austausch gegen Versprechen auf Arbeitsplatzstabilität, die manchmal gehalten wurden, aber häufig nicht. Zur selben Zeit besiegte die monetaristische Politik der Zentralbank (die, wohlgemerkt, 1979 unter der Carter-Regierung von Paul Volcker, einem Mann Carters, begonnen worden war) die Inflation durch die Verwüstung von zins-sensiblen Industrien wie Automobile und Wohnungsbau. Und der Economic Recovery Tax Act von 1981 (ERTA) verteilte Reichtum an die Reichen um und erhöhte die Steuerlast des unteren Fünftels der Gesellschaft.
Nach Reagans Theorie sollten die Steuersenkungen zugunsten der Reichen die Mittel für eine auf Investitionen basierende (»supply side«) Erholung bereitstellen. In Wirklichkeit erlebte man im Jahr nach der Verabschiedung des ERTA einen 4,7-prozentigen Fall in den privaten Investitionen. Die Erholung wurde, als sie dann kam, durch Militärausgaben, durch das wachsende Haushaltsdefizit und durch eine Wende in der Zentralbankpolitik forciert. Und während der Erholung selbst gab es eine gewisse »Verschiebung« im Zentrum der Beschäftigungsstruktur, indem Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich Positionen in der Fertigung ersetzten (80 Prozent der neuen Arbeitsplätze, berichtete Business Week 1985, entstanden im Dienstleistungsbereich), ein Wachstum qualifizierter Beschäftigung in den höheren Etagen der Wirtschaft und die Schaffung einer neuen Armut für die unten (vgl. Harrington 1984).
Die USA heute zeigen, wie ich denke, den Zusammenbruch des fordi-stischen Modells an, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausbildete, und eine instabile Erholung auf der Basis verbilligter Arbeitskosten und Wachstum der Luxusmärkte. Welche Zukunft kann man von solch einer Konstellation erwarten?

II.

Ich skizziere zwei, mehr oder weniger polare Möglichkeiten. Ich unterstelle, daß in meinen beiden Fällen in den USA dieselben technologischen Bedingungen existieren: sinkende Bedeutung der Massenproduktion (spezialisierte Maschinen, von angelernten Arbeitern bedient, die große Stückzahlen von standardisierten Produkten herstellen); ein paralleles Wachstum spezialisierter Produktion (komputerisierte, von Technikern überwachte Produktion von kleinen Stückzahlen); ein kontinuierliches Wachstum des Dienstleistungssektors, der immer mehr aufgespalten wird zwischen Wissenschaftlern, Ingenieuren und Kommunikationsspezialisten oben und der unqualifizierten Arbeitskraft unten. Da diese Bedingungen gelten, egal ob die linke oder die rechte Möglichkeit Gestalt annimmt, ist klar, daß meine Analyse jede Art von technologischem Determinismus zurückweist.
Die rechte Version einer solchen Technologie wäre, was die Franzosen eine Gesellschaft von »drei Geschwindigkeiten« nennen, oder was ein deutscher Sozialist die »postindustrielle ständische Gesellschaft« genannt hat. Sie würde das Wachstum der neuen Technologien auch mit Hilfe staatlicher Politik vorantreiben, aber sie würde die Ergebnisse den Prioritäten der Unternehmen unterordnen. Hier ist z.B. eine Aussage des »populistischen« Konservativen, des Kongreßmitglieds aus Georgia, Newt Gingrich: »Die Möglichkeitsgesellschaft (Gingrichs Etikett für dieses Programm, M.H.) verlangt nicht nach einer Laissez-faire-Gesellschaft..., sondern nach kräftiger Intervention der Regierung zugunsten von Wachstum und Möglichkeit.« (Gingrich, 204)
Einer von Gingrichs Vorschlägen an die Regierung ist, die Entwicklung einer Mondkolonie gesetzlich zu erleichtern und durch eine Reihe von Steueranreizen zu finanzieren, »um den Weltraum in eine profitträchtige Arena der wirtschaftlichen Entwicklung zu verwandeln« (ebd., 42). Nun ist Gingrich wahrlich kein ernstzunehmender politischer Denker, aber er ist eng verbunden mit einem sehr aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten, Jack Kemp, und der repräsentiert eine Linie aktiven, industrieorientierten konservativen Denkens.
Es könnte durch High Tech und ähnliche Perspektiven neue Möglichkeiten für Profit- und Kapitalakkumulation geben im großen Bereich der »Unternehmensdienste«, einem der wichtigsten Wachstumssektoren der amerikanischen Wirtschaft in den letzten Jahren. Dieser Sektor ist in seiner Beschäftigungsstruktur »bi-modal«, d.h. im Jahr 1982 waren 27,6 Prozent der Beschäftigten auf qualifizierten und Techniker-Stufen angesiedelt, 7,7 Prozent waren Manager und Unternehmer, 5,8 Prozent waren Facharbeiter — und 33 Prozent waren Dienstleistungsarbeiter, 17,3 Prozent Büroangestellte (U.S. International Competetiveness, 46). Darüber hinaus könnte das Wachstum dieses Sektors zu einem Amerika führen, das die »Kathedralenstadt« der Weltwirtschaft wäre (ich leihe die Analogie von Paul Samuelson, der den Begriff von Weber übernahm). Das bedeutet, Amerika würde immer weniger produzieren in einem materiellen Sinn und würde immer mehr Gewicht auf Ingenieurwissen, Expertisen, Software usw. legen.
Es gibt jedoch eine andere Möglichkeit, die diesen letzten Punkt etwas spezifiziert. Die neuen flexiblen Technologien des fortgeschrittenen Westens könnten, wie die Financial Times 1985 berichtete, kleineren, hochautomatisierten Unternehmen die Chance eröffnen, mit den Niedriglohn-Produktionseinheiten in der Dritten Welt zu konkurrieren (»Manufactu-ring Automation«, The Financial Times, 2.5.85). Das würde aber bedeuten, daß der »Schwitzkasten«-Bereich der amerikanischen Wirtschaft der achtziger Jahre, die Arbeit unter dem Minimallohn an nicht registrierte Leute vergibt, verschwinden würde mit der daraus resultierenden Zunahme der Armut. So schließt jede Version der rechten Antwort auf die neuen Technologien eine Spaltung der Gesellschaft in drei Teile ein: eineTechnologie-/Informations-Elite von vielleicht 25 Prozent der Arbeitskraft; eine sehr viel gefahrdetere und weniger qualifizierte Arbeiterklasse mit niedrigerem Lohn von etwa 50 Prozent; und eine neue Gruppe der Armen ganz unten — überwiegend Minderheiten und Frauen.
Das Problem einer solchen Gesellschaft würde demjenigen der zwanziger Jahre ähneln: wachsende Produktivität, die den Massenkonsum weit übersteigt. Dieser Schwierigkeit könnte man für eine gewisse Zeit begegnen — und man ist ihr so begegnet —, indem die Luxuskonsumtion der oberen 25 Prozent gesteigert wird, aber langfristig wäre sie mit der Tendenz zu Überproduktion und Unterkonsumtion konfrontiert. Das heißt nicht, daß ein katastophenhafter Zusammenbruch nach dem Modell von 1929 wahrscheinlich ist, nicht zuletzt deswegen nicht, weil sogar die Reagan-Regierung das zentrale Bundesprogramm zur Vergesellschaftung des Lohns — Soziale Sicherheit (Medicare und ähnliche Programme) noch nicht gekürzt hat. Aber es heißt schon, daß das Modell von Reagan instabil und widersprüchlich ist.
Aber wie könnte die Linke antworten, falls das Reagan-Modell zusammenbrechen sollte? Zunächst eine Forderung, die durch den Streik der Metallarbeiter 1984 auf die Tagesordnung europäischer Sozialisten gesetzt worden ist: eine dramatische Verkürzung des Arbeitslebens. Eine solche Maßnahme kann, wie Wassily Leontjew bemerkt hat, nicht plötzlich in einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft eingeführt werden, ohne das System zu zerstören, d.h. ein rascher Übergang zu 32 oder 30 Stunden Arbeit für den Lohn für 40 Stunden würde, caeteris paribus, die Profite senken, die die Hauptquelle für Investitionen in der amerikanischen Wirtschaft sind. Solch ein Ansatz könnte jedoch über den Lohn (Tarifverhandlungen) und die staatlichen Leistungssysteme verwirklicht werden. Das bedeutet, ein(e) Arbeiterin) könnte den Lohn für 33 oder 34 Stunden bei 32 Stunden Arbeit von seinem (ihrem) Unternehmen bekommen, und die Differenz zum 40-Wochen-Stunden-Lohn durch staatliche Transferzahlungen.
Aber diese zuletzt genannte Politik wäre nur möglich, wenn die sozialistischen Bewegungen Europas und die liberale und Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten das Thema: Umverteilung von Einkommen und Reichtum wieder auf den Tisch bringen. In den glorreichen Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums in den fünfziger und sechziger Jahren hat man den Anteilen an Einkommen und Reichtum wenig Aufmerksamkeit geschenkt, weil fast jeder seinen absoluten Lebensstandard steigern konnte. In den siebziger Jahren überzeugten die Konservativen einen guten Teil der Wähler davon, daß übermäßige Wohlfahrtsausgaben die Stagflationskrise verursacht hätten. Dann haben auch noch die französischen Sozialisten in den achtziger Jahren erfahren, daß über Lohnsummensteuer finanzierte Wohlfahrtsprogramme auf Unternehmen als Negativanreiz für die Schaffung von Arbeitsplätzen wirkten.
Ich denke an eine Steuer eher auf nichtproduktiven Reichtum als auf — private oder staatliche — produktive Unternehmen. In den Vereinigten Staaten wird solch ein Ansatz dadurch erleichtert, daß die Bundesregierung heute zig Milliarden Dollar an Steuererleichterungen zahlt, die geringen oder negativen, wirtschaftlichen Effekt haben. Die Wiedereinführung von progressiven Steuerraten im Einkommenssteuersystem und die Abschaffung dieser Steuererleichterungen, ohne die Steuerraten zu senken, könnte also eine bedeutende Menge Geld für die Finanzierung der 32-(oder 30-) Stunden-Woche und für andere sozialen Zwecke bereitstellen.
Ein anderer Ansatz wäre, zu bestimmten kooperativen Konzepten des Eigentums zurückzukehren, die in der allerersten Zeit der modernen sozialistischen Bewegung so wichtig waren. In der Periode der Herrschaft des Massenproduktionsmodells, als die Zentralisierung als notwendiger Weg zur Effektivität in den öffentlichen wie in den privaten Unternehmen galt, wurden die genossenschaftlichen Ideen regelmäßig als utopisch verworfen. Aber jetzt, angesichts der Arbeiterfonds in Schweden — die Aspekte von dezentralisiertem gesellschaftlichem Eigentum haben (und ein Potential für sehr viel mehr als das) — und angsichts anderer Entwicklungen, könnte der Gedanke den Arbeitern gehörender und von ihnen verwalteter Unternehmen die linke Antwort sein auf die antigewerkschaftlichen und ausbeuterischen Klitschen.
Charles Säbel hat diese Möglichkeit in einer ziemlich optimistischen Interpretation einiger kleiner Betriebe in Italien erforscht, sie sollte korrigiert werden durch Joanne Barkans sehr viel realistischere Bestandsaufnahme dieser Entwicklung. Säbel hat, gemeinsam mit Piore, diese Analyse in »The Second Industrial Divide« erweitert und die Hoffnung aufrechterhalten, daß eine Handwerksgemeinschaft in einer dezentralisierten, nicht auf Massenproduktion orientierten Wirtschaft wiederersteht. Ähnliche Gedanken werden gerade von der SPD in Deutschland bewegt.[3]
Dieser Ansatz würde auf eine Anpassung des Sozialismus an eine Ökonomie hindeuten, in der die klassische industrielle Arbeiterklasse zurückgeht und wo marginalisierte Schichten (Frauen, Minderheiten, »Gastarbeiter« [i. Orig. dt., d.Übers.], etc.) und sogar privilegierte Gruppen (College-Absolventen) mit der Möglichkeit einer Gesellschaft mit »drei Geschwindigkeiten« konfrontiert sind. Zugleich könnte die Anwendung einer internationalen keynesianischen Strategie des Typs, wie sie in den zwei Berichten der Brandt-Kommission vorgeschlagen wurde, der Beschäftigung im Norden wichtige Impulse geben, wie sie im Süden für soziale Gerechtigkeit wirken würde.

III.

Ich will nun das implizite Konzept von Sozialismus explizit machen. Es gab bisher und es wird immer Sozialismen geben, d.h. die grundlegende sozialistische Vision muß in jeder historischen Periode im Lichte ihrer besonderen Merkmale neu interpretiert werden. Diese grundlegende Vision wurde von Marx in dem Abschnitt des 24. Kapitels in Band I des »Kapital« über die »historische Tendenz der kapitalistischen Akkumulation« brillant artikuliert. Marx' Aussage ist, daß der Kapitalismus, als ein System privater Vergesellschaftung, auf Kosten der Arbeiterklasse vergesellschaftet und dadurch eine Bewegung für die gesellschaftliche Vergesellschaftung, die demokratische Vergesellschaftung der Wirtschaft und Gesellschaft hervorruft.
Marx wandte diese Einsicht auf die einzige kapitalistische (und industrielle) Gesellschaft, die er je kannte, und auf ihre entstehende Arbeiterklasse an. Ich glaube, wir können jetzt die Anwendung dieser Vision erweitern. Der Kapitalismus ist sehr viel gesellschaftlicher (korporativer, transnationaler) geworden, bleibt aber von privaten Prioritäten bestimmt; die kommunistischen Industriegesellschaften haben den Weg bürokratischer Vergesellschaftung gewählt, ebenso einige Länder der Dritten Welt, auf je verschiedene Weise. Kapitalistische wie kommunistische Vergesellschaftungsprozesse schaffen unvermeidlich soziale Bewegungen unter denjenigen, die für eine Vergesellschaftung zahlen müssen, die sich hinter ihrem Rücken vollzieht. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es ein verelendetes Proletariat im Westen; Mitte des 20. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt des Fordismus, eine Arbeiterklasse, die durch »goldne Ketten« an ihre Ausbeutung gebunden ist. In Osteuropa hat sich der Widerstand gegen die Sowjetmacht aus nationalen Gründen mit der Opposition gegen bürokratische Vergesellschaftung überschnitten (der großartige Kampf von Solidarnosc).
In wachsendem Maße jedoch schaffen diese Prozesse neue soziale Schichten, die besondere Beleidigungen erfahren: Minderheiten, Frauen, diejenigen, deren sexuelle Neigungen nicht die der herrschenden Gesellschaft sind, überqualifizierte Studenten und Absolventen etc. Und, wie wir gerade gesehen haben, sind wir in eine Periode technologischer Revolution eingetreten, die die Zukunft nicht determinieren wird, die aber die Grenzen bestimmen wird, innerhalb derer sie entsteht.
Die grundlegende Vision einer sozialen und demokratischen Vergesellschaftung muß also im Lichte der neuen Situation reinterpretiert werden. Weiter bedeutet dies, wie Antonio Gramsci und Otto Bauer mit als erste begriffen haben, daß der Sozialismus das Werk einer historischen Epoche ist, nicht eines Jahrzehnts oder auch eines Jahrhunderts, und daß er nicht nur mit der Ökonomie zu tun hat, sondern mit Kultur, Psychologie, ethischen Werten. Es gibt z.B. beunruhigende Anzeichen dafür, daß die zweite Generation des europäischen Wohlfahrtsstaats einige ihrer Rechte auf eine Weise mißbraucht, wie es die erste Generation nie getan hat, d.h. ein im Grunde bürgerliches und individualistisches Kalkül korrumpiert den Genuß sozialer Rechte, so daß soziale Enklaven von einer bürgerlichen Umgebung durchsetzt werden. Der Übergang von einer privaten zu einer uneigennützigen Motivation kann nicht dekretiert werden; wenn er überhaupt stattfindet, dann wird er aus einem langen historischen Prozeß herauswachsen, und er wird seine eigenen Institutionen brauchen.
Da der Sozialismus, worauf Marx immer bestanden hat, entweder eine Schöpfung von freien Männern und Frauen sein wird oder eine völlige Niederlage, ist die Möglichkeit der Barbarei immer gegeben. Im Zeitalter zweier atomarer Supermächte können wir uns wirklich nur zu leicht ein Szenario für den Sieg der Barbarei vorstellen. Wenn es aber keine gütige Vorsehung gibt, die den Sieg des Sozialismus garantiert, wird doch das Leben für die übersehbare Zukunft die Existenz einer sozialistischen Bewegung garantieren.
Es gibt Leute, die die Schwierigkeiten des französischen Sozialismus unter Mitterrand für die Grabinschrift des Sozialismus überhaupt halten. Auch wenn man die Tatsache vernachlässigt, daß ihre Analysen der französischen Situation gewöhnlich unzutreffend sind, haben sie doch grundlegend Unrecht. Nur wenn jene totale Harmonie, jener völlige Totalitaris-mus herrscht, den Orwell in »1984« imaginiert hat, wird man dem Ende des Sozialismus ins Auge sehen. Bis jetzt wird — in kommunistischen wie in kapitalistischen Ländern — der Prozeß ungesellschaftlicher Vergesellschaftung ständig neue Oppositionsbewegungen schaffen, neue Generationen, die für den Traum einer kommunitären Vergesellschaftung kämpfen.
Wenn die oberflächliche Euphorie der Reagan-Regierung über die wirtschaftliche Erholung in den Jahren 1983-85 sich selbst als die betrügerische Phantasie entpuppt hat, die sie ist, dann wird es in jedem Land der Welt Männer und Frauen geben, die dafür kämpfen, die Kontrolle über die kapitalistischen und kommunistischen Vergesellschaftungsprozesse zu gewinnen, die jetzt sie kontrollieren.

Aus dem Amerikanischen von Wieland Elfferding