Mutmaßungen über den Sozialismus im Jahr 2000

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1. Wo liegt eigentlich die Jahrtausendwende?

Für Generationen von Sozialisten der Ersten, Zweiten und Dritten Internationale hat das Jahr 2000 einen Zeitpunkt benannt, von dem sie mit Sicherheit glaubten, hofften, erwarteten, daß er jenseits des »letzten Gefechts« liege, von dem ihr Kampflied spricht. Die Verfasser des »Kommunistischen Manifests« und ihre Gefährten, die der bürgerlichen Gesellschaft schon vor dem weltweiten Siegeszug das Geheimnis ihrer Entstehung und also auch ihres Untergangs entrissen; die Sieger über Bismarcks Sozialistengesetze und über seinesgleichen, die die organisierte Arbeiterbewegung schufen und die Grundregeln des Kampfes in den Zentren der modernen Gesellschaft entdeckten; die Protagonisten der Oktoberrevolution und ihre Anhänger, die das Neuland proletarischer Staatsmacht in den »schwachen Kettengliedern« des Profitsystems betraten — sie alle kannten die Ungewißheit, auch den Irrtum darüber, wann der historische Prozeß, dessen Teil sie waren, den ersehnten Durchbruch zuließ. Aber sie alle zweifelten nicht, brauchten nicht daran zu zweifeln, daß die Jahrzehnte bis zum dritten Jahrtausend dafür noch reichlich, übergenug Raum lassen würden, im eigenen Land und auch in der Welt.
Heute dagegen erleben wir, wie sich der Mythos des Jahres 2000 vor unseren Augen banalisiert. Wohin wir auch sehen, von den Entwicklungsund Marketing-Abteilungen der großen Konzerne, über die Kommandozentralen der Militärapparate bis hin zu den Vorausberechnungen durchaus mittelmäßiger staatlicher Instanzen (um nicht zu reden von ihren »großen Gehirnen«), überall wird die Jahrtausendwende längst zu einem alltäglichen Kalenderdatum, ununterscheidbar von der Selbstverständlichkeit, mit der sich der Planungshorizont auf das Jahr 1995 oder 2005 vorfrißt. Gönnerhaft überläßt man es bestenfalls der Kultur, den Medien, den Ideologen und Politikern, dem Mythos von gestern die Referenz zu erweisen. Ernstnehmen tut man das ebensowenig wie die gerade abgelaufenen Memorials im Orwell-Jahr 1984.
Der Sozialismus, gleich welcher Schattierung, muß diesen Vorgang als Herausforderung begreifen. Besagt er doch zumindest: alle Erschütterungen des 20. Jahrhunderts, Petersburg 1917, Peking 1949, zwei Weltkriege, Weltwirtschaftskrisen, Auschwitz und Hiroschima haben nicht ausgereicht, um Selbstsicherheit und Dynamismus in der Zitadelle des alten Systems zu brechen. Seine weitsichtigsten Köpfe leugnen nicht einmal, daß weitere, nicht weniger einschneidende Veränderungen, ja Katastrophen drohen. Aber Weilenreitern gleich sehen sie davon die Prinzipien und die Überlegenheit der bürgerlichen Gesellschaft unberührt. Sozialisten nötigt das zum Verzicht auf Mythen, die ihnen der große Zeiger der Geschichte aus der Hand schlägt, auf Modelle, die den Erwartungen nicht standhalten konnten, eben weil sie das Zentrum nicht erreichten. Es zwingt zum nüchternen Bilanzieren, zum geduldigen Aufrechnen der Stärken und Schwächen, zum Dazulernen, zum Aufbau einer gesellschaftsverändern-den Praxis, umfassender als bisher.

2. Marxisten und Futurologie

Marxisten haben es seit jeher schwer mit der Futurologie — und da sich das Jahr 2000 eben erst aus der amorphen Unendlichkeit der fernen Zukunft herauslöst und in das Halbdunkel der nach vorn verlängerten Gegenwart sowie aller dazugehörigen Prognosen eintaucht, wird auch die Einschätzung dessen, was die Chancen des Sozialismus zu diesem Zeitpunkt ausmacht, nicht um ein futurologisches Moment herumkommen. Schon Engels warnte die ungeduldig nachfragenden Sozialisten seiner Zeit davor, »Rezepte für die Garküche der Zukunft« ausstellen zu wollen. Und noch prinzipieller unterstreicht Gramsci einmal: »Man erkennt das, was war und was ist, nicht das, was sein wird, was ein 'nicht-existierendes' und folglich ein nicht-erkennbares per definitionem ist. — In Wirklichkeit kann man nur den Kampf 'wissenschaftlich' voraussehen«. Dementsprechend ist für ihn das »Aktivwerden«, das handelnde Eingreifen in diesen Kampf die einzige Form, Voraussicht zu üben.[1]
Beide lehnten damit jede Operation ab, den Gang der Geschichte positivistisch vorauszuberechnen, sie um den Einfluß qualitativer Kategorien wie sprunghafte Veränderungen des Bewußtseins, der Kräfteverhältnisse, der vermeintlichen oder tatsächlichen Sachzwänge zu entleeren. Wie aber verträgt sich damit die Aussage des sowjetischen Wissenschaftlers Bestushew-Lada, wonach »die moderne Futurologie und das Denken in 'Weltmodellen' zu den 'heißen Stellen' an der vordersten Front der modernen Wissenschaft gehören«? Und bekräftigend fügt er hinzu: »Die vorhandenen Instrumente der modernen Voraussage gestatten es, explorative und normative Prognosen für die Entwicklungsaussichten der wichtigsten Prozesse globaler Natur für eine Zeitspanne von 20 und mehr Jahren vorzulegen.«[2]
Ohne daß wir uns hier auf Einzelheiten der Prognosebildung einlassen können, sind beide Auffassungen erkenntnismäßig wohl nur so vereinbar: Die Grenzen der Gegenwart selbst sind fließend geworden; entscheidende Teile der ökonomischen Basis, der direkten und indirekten Auswirkungen einmal in Gang gesetzter technischer Umwälzungen, aber auch zahlreiche damit verknüpfte Überbaubereiche sind heute derart langfristig fixiert, schließen so enorme Vorwegnahmen der nächsten Zukunft ein, daß sich der heute ausgetragene »wissenschaftlich« voraussehbare Kampf um ihre Ausrichtung unvermeidlich auf einen wachsenden Zeitraum des Morgen erstreckt.
Dem kann aber auch die Zukunfts-Wissenschaft Futurologie in marxistischer Sicht Rechnung tragen. Sie kann und wird den Geltungsbereich ihrer Aussagen bewußt eingrenzen. Die realen Sprünge des Geschichtsprozesses, die im Voraus tatsächlich immer »nicht erkennbar per definitio-nem« bleiben, von kleineren oder größeren »Unfällen« auf der ökonomischen und politischen Bühne des Weltgeschehens bis hin zur Apokalypse eines dritten thermo-nuklearen Weltkrieges, wird sie in ihren Szenarien weder vorwegnehmen noch aufzuwiegen suchen. Und genauso wird sie sich hüten, die Hoffnung auf »Sprünge nach vorn«, auf revolutionäre Zugewinne, die schließlich auch ihr Terrain verändern, im Dickicht von scheinbarer Prognosegenauigkeit zu ersticken. Aber Nutzen trägt auch der theoretische Marxismus davon. Ihn konfrontiert die Vorausprägung der Wirklichkeit, die ihm die Prognosewissenschaft aufdeckt, noch stärker und präziser als bisher mit dem ganzen Ausmaß der Verausgabung der Zukunft durch die bereits eingetretenen und selbst bei größten politischen Veränderungen noch fortwirkenden Widersprüche des alten Systems. So kann das Verarbeiten futurologischer Einsichten den Sozialisten zusätzlichen Ansporn zum Handeln und zugleich eine neue Art Gradmesser liefern, um die Langsamkeit ihres Tuns in der Zeit abzuschätzen.

3. Realität und globales Denken

Bis heute fußt das marxistische Denken über Geschichte und Zukunft, darin enthaltenen Fortschritt und die Möglichkeiten eingreifenden Handelns auf zwei fundamentalen Sätzen:
»Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schöße der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet, wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.«[3]
Wie ist jedoch mit diesen Sätzen auszukommen in Zeiten, in denen ein Fünftel der Menschheit hungert, in denen Jahr für Jahr so viele Menschen Hungers sterben werden, wie der zweite Weltkrieg insgesamt an Opfern zählte? Ist nicht die Wahrheit dieser These selbst in Frage zu stellen, wenn gleichzeitig die Rüstungsausgaben unfaßbare Höhen erreichen, davon allein jene der USA, als dem eigentlichen Antreiber, eine Größenordnung von inzwischen mehr als einem Drittel des gesamten Bruttosozialprodukts aller westeuropäischen Länder zusammengenommen? Wenn dem unvorstellbaren Schrecken eines nuklearen Infernos zwischen den beiden Militärblöcken mittlerweile die nicht minder verhängnisvollen, aber länger ignorierbaren Gefahren ökologischer Katastrophen zur Seite treten?
Gewiß, wenn wir uns diesen grundlegenden Realitäten der Gegenwart bis mindestens zum Jahr 2000 stellen, vermag uns das historisch-genetische Prinzip des Marxismus zu helfen — weil die Welt so geworden ist, wie sie ist, muß sie auch veränderbar sein. Aber zwingt uns die gleiche Realität nicht gleichfalls stärker als jemals vorher dazu, auch das Gegenteil zu durchdenken, jenes, was Gramsci einst als die Ursache »vieler 'Bewußtseinsdramen' bei den Kleineren und 'olympischer Haltungen' bei den Großen« bezeichnete?[4] Das wäre dann eine Welt, in der es einem größeren oder kleineren Teil der Menschheit gelingt, sich dauerhaft vom Elend der übrigen »Welten« abzukoppeln, in der die Kräfte des Zusammenhalts, des gleichen Lebensrechts für alle Menschen nicht ausreichen, grundlegende Veränderungen zu erzwingen. Das gleiche Ergebnis käme zustande, wenn eine der unumkehrbaren militärischen und/oder ökologischen Katastrophen tatsächlich eintreten würde (jener Grenzfall des »gemeinsamen Untergangs der kämpfenden Klassen«, den freilich schon das »Kommunistische Manifest« für möglich hielt) oder wenn es schließlich glückte, dem Elend unter den Menschen und der Naturzerstörung mit den Mechanismen des alten Systems ein Ende zu bereiten. Wobei es aller Evidenz zum Trotz an Propheten, die uns das Letztere versprechen (und den Sozialismus dadurch gleich mit erledigen), nie fehlen wird.
Nur weil und soweit jede dieser Lösungen an den Widersprüchen der Wirklichkeit scheitert, wird die sozialistische Idee in jener Gestalt, in der sie sich selbst nur als Ausdruck und Träger eben dieser Widersprüche zum Bewußtsein der Menschen, als »Philosophie der Praxis« (Labriola) begreift, zu überleben vermögen. Das Entwicklungs- und Fortschrittsprinzip der Geschichte als Rückgrat des Marxismus aber ist angesichts des absurden Spektakels der heutigen Welt nur zu behaupten, wenn wir zum Kriterium seiner Wahrheit die einzige Ebene nehmen, auf die es von jeher abzielte, die globalen Geschicke der Menschheit. Sie erst erlaubt es, noch die krassesten Formen von Barbarei in ihrer Bewegung, als zum Stillstand unfähig und damit notwendig überwindbar zu begreifen.

4. Die Trümpfe der herrschenden Klasse (I) Technik, Gewohnheit, Gewalt

Wenn es jemals einen Zweifel daran geben konnte, was den Zusammenhalt, die Krisenfestigkeit des alten Systems gegenüber allen Spielarten des Sozialismus am stärksten gewährleistet, heute ist er beseitigt. Es ist die im Schöße der bürgerlichen Gesellschaft erzeugte, hier rigoroser als irgendwo sonst vorangetriebene Technik, die Entwicklung der menschlichen Produktiv- wie Destruktivkräfte, die ihr Mal für Mal wirkliche Überlegenheit und ungezählte Mythen davon schufen. Jetzt, am Beginn einer weiteren industriellen Revolution ist es erneut die Aussicht auf unerhörte Produktivitätssteigerungen der »neuen Technologien«, die entscheidend Luft verschafft. Vom Austausch der energetischen und stofflichen Grundlagen industrieller Produktion (erneuerbare Energieträger statt fossiler Brennstoffe und des »Intermezzos Atomenergie«; Silizium und Biomasse als Basisgrundstoffe) über die unbegrenzt erscheinenden Anwendungsbereiche der Mikroelektronik und den Aufbau omnipräsenter Telekommunikation bis hin zu ungeahnten Steigerungen der Agrarproduktion durch die Wundertaten von »sanfter Chemie« und Biotechnologie — überall erweisen sich bereits die Vorläufer des verheißenen »Post-Industrialismus« als höchst geeignet, den Nimbus jenes Gesellschaftstyps zu verbreiten, der den Weg dorthin am schnellsten einebnet.
Aber die bürgerliche Hegemonie im Weltmaßstab verfügt über weitere Trümpfe. In ironischer Umkehrung ihrer historischen Mission ist sie heute mit sämtlichen ideologischen Mächten, Gewohnheiten, Denkstrukturen verbündet, die sich sozialen Umwälzungen widersetzen. Patriarchale, religiöse, feudale, rassistische oder faschistisch/autoritäre Vorstellungen sind in der Abwehr sozialistischer Ideen längst mehr oder minder bewußte Koalitionen mit genuin bügerlichem, liberalem Gedankengut eingegangen. Dabei bleiben solche Zweckbündnisse widersprüchlich. Noch in der fernsten Provinz kann die »Verbindung mit dem Westen« alles mögliche garantieren — nur nicht die stabile Fortschreibung der vorhandenen ökonomischen Basis. Unvermeidlich untergräbt damit die »Logik des Kapitals« auf längere Sicht den Rückhalt solcher Verbündeten — offensive Lösungen dagegen verspricht wiederum die Nutzung der Technik im weltweiten »Kampf um die Köpfe« (Bauer). Die unaufhaltsame Ausbreitung und Intensivierung elektronischer Medien wird in den vor uns liegenden Jahrzehnten eine gigantische Steigerung des Einflusses ideologischer Apparate erlauben. Im Dienst der alten Sache werden sie mit bisher undenkbarer Direktheit Millionen und Abermillionen von Menschen erreichen; das von ihnen beherrschte Bewußtsein wird um so stärker gegen jedes Begreifen und Verändern der Wirklichkeit immunisieren, je mehr es an Sonderinteressen, Vorurteilen, Unwissen bis hin zum Analphabetismus anknüpfen kann.
In der Längsschnitt-Einschätzung des Potentials der bestehenden Produktionsverhältnisse bis zum Jahr 2000 hat jedoch keinesfalls der Faktor Gewalt im weitesten Sinne zu fehlen, von den strukturellen Momenten sämtlicher gesellschaftlicher Einrichtungen bis hin zu den repressiven staatlichen Apparaten. Gewiß ist der Einsatz der letzteren zugunsten des alten Systems kein dauerhafter und beliebig verallgemeinerungsfähiger Ausweg. Die Tendenz, ihn stärker zu beschreiten, wie sie vielerorts zu verzeichnen ist, belegt unzweifelhaft selbst das Aufkommen von Hegemoniekrisen. Auch hier eröffnet jedoch das Zusammenwirken mit neuen Nutzungsformen der Technik wie mit wachsender ideologischer Formierung den Übergang zu effizienterem Einsatz, zum Erschweren jeglichen Widerstands gegen den leichter denn je installierbaren Überwachungsstaat.

5. Die Trümpfe der herrschenden Klasse (II) Weltmarkt und Wettrüsten — oder umgekehrt

Der Weg ins Jahr 2000 verlangt von der Weltbourgeoisie und ihren Parteigängern das Meistern weiterer Instrumente; nur wenn es glückt, erscheint ihre Vorherrschaft weitere Jahrzehnte absicherungsfähig. Schon heute erweist sich die Existenz des Weltmarkts, seine »Freiheit« von jeglicher Planung und Direktion, die sich an den Grundsätzen gleicher Entwicklungschancen der Menschheit orientierte, als ein gewaltiger Mechanismus, der wieder und wieder die alte ökonomische und gesellschaftliche Logik verewigt. So sehr damit der »freie Weltmarkt« zur Inkarnation und wichtigsten realpolitischen Verklammerung der bürgerlichen Gesellschaft aufgerückt ist, so wenig ist davon auszugehen, daß seine heutigen Akteure im Zentrum wie in der Peripherie, hinsichtlich ihrer gegenwärtigen Gestalt wie ihres relativen Gewichts einschneidenden Wandlungsprozessen entzogen werden könnten oder müßten. »Modernisierung« lautet der Schlachtruf, angesummt von allen Kommandohöhen in den USA, Westeuropa, Japan und »ihren« multinationalen Konzernen. Jede der neuen Techniken verlangt nach größeren, weltweit konzipierten Märkten, kaufkräftiger Nachfrage; jeder der neuen, immer rascher sich ablösenden Anwendungsbereiche von Produktion und Dienstleistung liegt in ungehemmter Konkurrenz gegeneinander. Prämiert, für kurze Zeit den anderen voraus oder in der Aufholjagd begünstigt wird nur jener winzige Teil der Gesellschaften an der Spitze der industriellen Entwicklung, der sich diesen Anforderungen am besten einfügt.
Das Getöse der konkurrierenden Zentren auf dem Weltmarkt ist so gewaltig, der Wettlauf um geringe, aber folgenschwere Vorsprünge im Konkurrenzkampf untereinander verschlingt derartige Energien, daß leicht die negative Betroffenheit der unwiderruflich abgedrängten Peripherie, der Kontinente des »Südens« aus dem Blickfeld geraten könnte. Aber wie um der zur Neige gehenden bürgerlichen Gesellschaft auch noch den letzten Rest ihrer Mission abzupressen, ist mit dem Rüstungswettlauf und der rapide zunehmenden Militarisierung aller Teile der Welt längst ein weiterer Mechanismus entstanden, in dem sämtliche Interessen an der Systemerhaltung oder -Verlängerung brennpunktartig zusammenlaufen. Kaum ein Bereich der heute absehbaren Spitzentechnologie, der nicht maßgeblich vom »spin off«-Effekt der Rüstungsforschung profitierte. Offenkundig kaum eine Größenordnung von Ausgaben für Rüstungsprogramme, die zu überspringen unmöglich wäre, wenn sie mit angeblichen Zwängen der west-östlichen Systemauseinandersetzung legitimiert oder schein-legjti-miert werden können. Und schließlich erscheint kaum ein militärischer Einsatz abwegig und abenteuerlich genug, um nicht gegenüber systemverändernden Bestrebungen überall in der Dritten Welt — und nicht nur dort — zumindest einkalkuliert und angedroht zu werden.
Auf diese Weise häufen sich, jedenfalls für die USA, die Gründe für einen weiter forcierten Rüstungswettlauf. Rückgewinnung militärischer Suprematie gegenüber der Sowjetunion, Absichern technologischer Vorsprünge in der innerkapitalistischen Konkurrenz, Erhöhung der Barrieren, des gesamtgesellschaftlichen Preises, der jedem Versuch der »Abkopplung vom Westen« entgegengesetzt wird. Im Windschatten dieser Strategie aber nutzen die übrigen Konkurrenten der selbsternannten »Ersten Welt« alle Vorteile des »ungleichen Tauschs«, billiger Rohstoffe und noch billigerer Arbeitskräfte in diesen Regionen. So greifen Wettrüsten, Militarisierung und Weltmarkt ineinander, solange sie auf keine ökonomischen und politischen Grenzen stoßen; zusammengenommen bilden sie einen durchaus flexiblen Mechanismus, dessen Prämien und Sanktionen, Einbindungsstrategien und Reintegrationsmöglichkeiten nach wie vor ein erhebliches Maß an Krisenfestigkeit versprechen.

6. Die »neuen« Veränderungspotentiale:

Frauenbewegung, Friedensbewegung, Ökologiebewegung
Fassen wir demgegenüber die Kräfte der anderen Seite ins Auge, wird sich ein großer Teil des Ringens um globale Hegemonie daran entscheiden, bis zu welchem Grad an Bewußtheit, Zielstrebigkeit und Konsequenz des Handelns jenes Potential gelangt, das aus der Wahrnehmung klassenübergreifender, wahrhaft gattungsbezogener Widersprüche von Gegenwart und Zukunft entsteht. Oder anders formuliert: Chancen der allgemeinen Befreiung in der Perspektive einer klassenlosen Weltgesellschaft können jenseits aller bewußten Parteinahme für die sozialistische Sache bereits daraus folgen, daß bestimmte Resultate der Wirklichkeit, ohne die die alte Gesellschaft nicht auskommt, mit ganzer Entschlossenheit bekämpft werden, bei Strafe des eigenen Identitätsverlusts bekämpft werden müssen. Je mehr dies geschieht, umso weniger wird der Ruf nach einem neuen Hegemon, im Kern nach »neuen Menschen« (Max Adler) zu unterdrücken sein.
Die feministische Bewegung wird wieder und wieder feststellen, daß ihre Kernforderung nach Beseitigung aller Formen geschlechtsspezifischer Diskriminierung, nach wirklicher individueller und kollektiver Gleichheit der Geschlechter bei entgeltlicher und unentgeltlicher, entfremdeter und selbstbestimmter Arbeit selbst in der Zukunft des post-industriellen Kapitalismus uneingelöst bleibt. Gewiß hat die Lebenswirklichkeit der Frauen in der Ersten Welt, insofern den Erfahrungen der Arbeiterbewegung vergleichbar, längst wichtige Momente des bürgerlichen Gleichheitsansatzes inkorporiert, an materiellen und sozialen Verbesserungen teilgenommen. Ebenso deutlich wird aber auch, daß dadurch weder prinzipiell benachteiligende Rollenzuweisungen der Familien- und Reproduktionsstruktur, weder patriarchaler Sexismus noch eine weitaus zugespitztere Krisenausgesetztheit der Frauen beseitigt werden. Die Erfahrung der Frauen in den sozialistischen Ländern, aber grundsätzlich ähnlich auch der Umgang mit fortschrittlichen Kräften in der Ersten und Dritten Welt, lehrt zudem, daß alle Erwartungen an Verhaltensänderungen der Männer, die über formale Gleichstellung auf den unteren gesellschaftlichen Rängen hinausgehen, des permanenten Drucks einer eigenständigen Frauenbewegung bedürfen. So wenig deshalb Verhältnisse der Über- und Unterordnung zwischen Feminismus und Arbeiterbewegung sinnvoll oder erstrebenswert sind, so wenig ist zu erwarten, daß in der sozialen Realität der kommenden Jahrzehnte die Frontstellung beider gegenüber der Basis und dem Normgefüge des Kapitalismus verloren geht.
Der Pazifismus, die bedingungslose Ablehnung des Krieges, wird im Nuklear-Zeitalter bereits für sich zur Partei. Sein Gegner wird in allen Lagern der Politik, der Religionen, Kirchen und Verbände jene Seite, die unter welchem Vorwand immer am Wettrüsten, an der Abschreckung um jeden Preis, an der Führbarkeit eines angeblich begrenzbaren Atomkriegs festhält. Dabei ist der Lernprozeß zwischen Pazifismus und Arbeiterbewegung gegenseitig und unabgeschlossen; dem Vorwurf der Weltfremdheit steht jener des taktischen Umgangs mit der Gewalt gegenüber. Von Land zu Land sind die Reihen derer, die für den Frieden um des Friedens willen, ihrer religiösen Uberzeugnungen wegen oder um des Sozialismus willen eintreten, höchst unterschiedlich verteilt. Gleichwohl hat es den Anschein, als würde die Wirklichkeit selbst immer stärker auf das Bewußtsein der wechselseitigen Angewiesenheit hindrängen, Alleinvertretungs- oder Vereinnahmungsversuche beiseite schieben. Genauso wird die jeder Friedensposition immanente Forderung nach Abrüstung — und sei es noch in der schwächsten Form des »freeze« — dazu beitragen, die Gemeinsamkeiten der Friedensbewegung voranzubringen, ihren realen politischen Einfluß langfristig zu erhöhen.
Der Naturschützer und Ökologe ist lange Zeit ein gesellschaftlicher Außenseiter gewesen; den »reinen Pazifisten« vor Hiroshima vergleichbar, drohten ihre Einsichten dem naiven Fortschrittsdenken aller relevanten politischen Richtungen geopfert zu werden. Gleichgültig ob mit dem ersten Bericht des Club of Rome oder der Studie Global 2000, ob mit Seveso, Harrisburgh oder Bhopal, das Wiederentdecken der elementaren Einbindung des Menschen in die Natur, das Wahrnehmen der Blindheit, ja des zerstörerischen Charakters zahlloser Eingriffe in den Naturhaushalt und in diesem Sinne das Aufkommen eines massenhaften ökologischen Bewußtseins zählt mit Sicherheit zu den qualitativ neuen Momenten auf der Bühne des Weltgeschehens vor und nach der Jahrtausendwende. Anders als der Gedanke des »Friedens unter den Menschen«, der seit jeher über starke Wurzeln unter den Volksbewegungen »von unten« verfügte, hat dagegen jener des »Friedens mit der Natur« ungleich stärker mit seiner vermeintlichen »Abkunft von oben« zu kämpfen. Zwar hat der Club of Rome längst die utopisch-radikalen Konsequenzen seines ersten Berichts annuliert, aber verkünden nicht alle bisherigen Modernisierungskonzepte ungebrochen, das »Naturproblem« auf den alten Gleisen des marktgesteuerten Industrialismus bewältigen zu können? Umgekehrt werden sich die ökologischen Forderungen nach radikal veränderten Konsum- und Lebensformen, bis hin zur Familienplanung, global gesehen viel gründlicher als bisher auf ihren gemeinsamen Menschheitsinteressen folgenden Gehalt hin ausweisen müssen. Je strenger die Beweisführung gelingt, daß naturverträgliche Lebensweisen kein Luxus, sondern Überlebensgrundlage in sämtlichen »Welten« sind, dementsprechend auch gemeinsame Anstrengungen und Opfer verlangen, um so eher bestehen Chancen, daß die ökologische Botschaft noch vor dem Eintritt unwiderruflicher Katastrophen gehört wird.

7. Die »alten« Veränderungspotentiale (I) Die sozialistische Idee und ihre »Provinzen«

Nachdem wir alle Mythen des »letzten Gefechts« und davon, daß dieses ausgerechnet im Jahr 2000 geschlagen sein könnte, hinter uns gelassen haben, bleibt dennoch zu bilanzieren, mit welcher Verfaßtheit, Ausstrahlung und mutmaßlichen Stärke (oder Schwäche) die angestammten Kontrahenten des alten Systems dem Wendejahr der Zeitrechnung entgegengehen. Sicher scheint augenblicklich nur eins: Auf sich allein gestellt wird keine der Gegenkräfte in den verschiedenen »Welten« ausreichen, um gegen den hegemonialen Zusammenhang der Bourgeoisie auf globaler Ebene einen entscheidenden Durchbruch zu erzielen. Doch sobald wir weiter fragen, welcher Beitrag aus den verschiedenen Himmelsrichtungen der politischen Weltgeographie zu erwarten ist, bedarf es eines genaueren Hinsehens auf die regionalen Bedingungen.
Die revolutionären Kräfte in der kapitalistischen Peripherie haben seit jeher vor dem gebieterischen Zwang gestanden, aus der Klassen, Traditionen, Blindheit jeder Art übergreifenden Betroffenheit von Armut und Verelendung die Triebkräfte eines alternativen »historischen Blocks« (Gramsci), eines umfassend breiten »Volksbündnisses« zu schmieden. Von der Losung »Frieden und Land (oder Brot)« der Bolschewiki über den Bauernkommunismus Mao Zedongs bis zum Kampf der Sandinisten in der Gegenwart kennen wir zahlreiche geschichtsmächtige Beispiele für diesen Vorgang. In den kommenden Jahrzehnten wird es erst recht darum gehen, weitere Veränderungspotentiale in den Sozialrevolutionären Widerstand einzubeziehen. Neben dem Anknüpfen an ethnische oder nationale Identität wird beispielsweise der Zugang zum religiösen Denken besonders wichtig sein. So läßt der Weg des Katholizismus von Wilhelm Hohoff, der sich bereits als Zeitgenosse von Marx um einen Brückenschlag zum wissenschaftlichen Sozialismus bemühte, zu Leonardo Boff und zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie der Gegenwart erst ahnen, welche Gewichte die sozialistische Idee hier zu ihren Gunsten verändern kann — jedenfalls dann, wenn sich diese Richtung auf dem »katholischen Kontinent« dauerhaft durchsetzt und damit im Jahr 2000 bereits jedes zweite Mitglied der einflußreichsten christlichen Kirche für ihre Sache Partei nehmen würde. Angesichts der vielfach verzweifelten Zukunftschancen dieser Teile der Welt, worüber sich alle Hochrechnungen der Futurologen erdrückend einig sind, werden die Anstöße, in dieser Richtung weiterzugehen, mit Sicherheit zunehmen.
Die »Zweite Welt« stellt ihre herrschenden Sozialisten vor Herausforderungen anderer Art. Modernisieren aus einer Position häufig unglaublichen Rückstands, aus archaischen gesellschaftlichen Verhältnissen im Zeitraum weniger Generationen bis hin zur post-industriellen Technik aufzuschließen, die Souveränität um jeden Preis gegenüber der Reintegration in das alte Weltsystem zu wahren, dies schließlich auch in der krudesten Form militärischer Kräfteverhältnisse, der gegenseitigen »overkill capaci-ty« des Nuklear-Zeitalters durchzuhalten — und dabei doch die sozialistische Zielsetzung nicht preiszugeben, das kennzeichnet einige ihrer Grundelemente. Unübersehbar war und ist dieser Weg von schweren Deformationen begleitet, von Brüchen und Hegemonieproblemen unter den sozialistischen Staaten, über langfristig wirkende Blockierungen des inneren Aufbaus sozialistischer Demokratie bis hin zur viel zu späten Berücksichtigung des tiefen Gegensatzes zwischen Industrialisierung bisheriger Art und Ökologie. Für die kommenden Jahrzehnte sind krisenhafte Erschütterungen bei der Fortentwicklung der innergesellschaftlichen Verhältnisse dieser Länder nicht auszuschließen; ebensowenig läßt sich von der qualitativen Zunahme ihre Gewichts in der internationalen Politik mit Sicherheit ausgehen. Gleichwohl wird die Verankerung der sozialistischen Idee in der Zweiten Welt zu den grundlegenden Realitäten der gesellschaftlichen Zustände im Jahr 2000 zu rechnen sein.
Bleibt das sozialistische Potential in den Metropolen des alten Systems. Eingekeilt in die Rolle der subalternen Kraft, vermeintlich widerlegt durch die ungebrochene technische Entwicklung, in die verschiedensten Richtungen zersplittert und zudem regional mit einem großen Gefälle seines Einflusses von Westeuropa, über Japan zu Nordamerika belastet, trägt es die Frage, ob überhaupt grundlegende soziale Umwälzungen in den Zentren realisierbar sind, tiefer als irgendwo sonst mit sich herum. Gewiß ist auch hier die Ausbreitung von Elend, Degradation und Marginalisierung längst wieder verstärkt heimgekehrt, und doch bricht sich die Auflehnung dagegen vielfach schon in den Reihen der Arbeiterbewegung selbst. Gewiß verfügt die Linke, Parteien und Gewerkschaften, hier mancherorts über einen Jahrzehnte und Generationen überspannenden Erfahrungsschatz sozialistischer Strategie. Aber der hegemoniale Festungsring der anderen Seite ist um so ausgeklügelter. So wie die Dinge liegen, müssen Systemveränderungen hier tatsächlich die Grundlagen der alten Weltordnung umwälzen. Es muß für Reformen oder — um noch einmal das magische Ersatzwort der Gegenwart dafür zu gebrauchen — Modernisierung noch auf dem Boden dieser Verhältnisse gekämpft werden, tausend Gründe des Fortbestands der Linken als reales Veränderungspotential sprechen dafür. Aber genauso rückhaltlos, mit der gleichen Sorgfalt müssen in jedem dieser Reformschritte, unter Bedingungen der Offensive wie der Defensive, die Notwendigkeit umfassender sozialistischer Alternativen herausgefunden, erklärt, zum Gegenpol und zur Proportionierung der politischen Aktion genommen werden. Und genauso verlangen elementare Regeln des »Ringens um die Köpfe«, neue Widersprüche aufzuspüren, Widerstände dagegen in ihrer Autonomie zu erfassen, zugleich aber auch ihren Anteil am eigenen Projekt der Gesellschaftsveränderung manifest zu machen.

8. Die »alten« Veränderungspotentiale (II) Die »gewöhnliche« Krise des Kapitalismus

Sollten wir bisher die Trümpfe der Bourgeoisie im Weltmaßstab gegen das Lager ihrer Widersacher abwägen und auf die Zukunft der nächsten Jahrzehnte hochrechnen, an ihrer Überlegenheit bestünde wenig Zweifel. Und doch kann sie nicht das Fortwirken jenes Gesetzes aus der künftigen Geschichte entfernen, dem letztlich auch die Gegner erst ihre Existenz verdanken, die Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Entwicklungsgangs seit Anbeginn. Oft hat man diesen Vorgang in allen Lagern mißverstanden, ihn mal als ausschließlich objektiven Mechanismus dem subjektiven Handeln von Freund und Feind gegenübergestellt; dann hat man ihn wieder als automatisches Zusammenbruchsgesetz gefaßt, sich auf der Linken mit Abwarten begnügen und auf der Rechten vorschnell über sein Ausbleiben beruhigen wollen. Was endlich zu lernen ist, wäre dies: daß historische Materialisten nie den Zusammenbruch im Selbstlauf prophezeit, gleichwohl aber aus der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus die Unvermeidbarkeit seines Untergangs gefolgert haben. Immer war damit die Vorstellung verbunden, daß der ebensowenig wie die Technik zum Stillstand zu bringende Krisenmotor des Kapitals schließlich im Verbund mit der gemeinsamen Anstrengung aller Gegner dazu führen müsse, die soziale Befreiung der Menschheit zustandezubringen. Was könnte dies für die Jahrtausendwende heißen?
Im Windschatten, unentrinnbar im Weichbild jener großen technischen Umwälzungen, die wir erleben, wird es auch in Zukunft zu Stockungen, Überhitzungen großen Stils und ebenso zu massiven Einbrüchen des »west-weiten« Wirtschaftsablaufs kommen. Die Erscheinungsformen solcher Krisen, ihrer schnellebigen Ausschläge wie ihrer über Jahrzehnte laufenden Trends (»Lange Wellen«) haben sich immer wieder abgelöst, vielfach gegenseitig überlagert: Ölkrise, Rohstoffkrise, Bergbau- oder Stahlkrisen, Dollarkrise, Verschuldungskrise. Nichts spricht dafür, daß wir am Ende dieser Kette samt der sozialen Erschütterungen angelangt wären, die sie jedesmal begleiten. Gleiches gilt für die auf das Engste damit verflochtene, zyklische Bewegung der Konjunktur; zwar wissen wir nicht genau, ob und wann es erneut zu katastrophalen Rückschlägen wie nach dem »schwarzen Freitag« der zwanziger Jahre kommen wird. Aber allein die Bewegung der Zyklen in den westlichen Industrieländern läßt für die letzten Jahrzehnte eine anhaltende Tendenz zur Synchronisierung und zu stärkeren Ausschlägen nach oben und unten erkennen. Und da wirksame Regulierungen »von innen heraus« nicht in Sicht sind — wie lange eigentlich glaubt man dennoch verheerenden Turbulenzen zu entgehen, wie sie sich längst in kürzester Frist etwa aus einer Bankenkrise ergeben können?
Hinzu kommt, daß es auf der Ebene des Weltmarkts in Zukunft mit ganz »gewöhnlichen« Krisen nicht mehr getan sein wird. Militärische Konfliktaustragung großen Stils, wie sie noch in den dreißiger Jahren wesentlich zur Bewältigung der allgemeinen Depression beitrug, ist heute zwischen den konkurrierenden Zentren der Ersten Welt undenkbar geworden. Kann jedoch der Rüstungswettlauf dauernd (letztlich krisenabsorbierend) an ihre Stelle treten? Wann wird in den Staaten der Dritten Welt, damals weithin noch in kolonialer Abhängigkeit, jener Punkt erreicht sein, an dem von außen kommende Diktate der Weltbank, des IWF usw. mit Massenrevolten beantwortet, mithin zur Lastenumverteilung von oben nach unten untauglich gemacht werden? Wie aber gelingt die immanente Krisenbereinigung ohne dies? Sind die Staaten an den Rändern der Ersten Welt vor ähnlichen Gefahren gänzlich gefeit? Schließlich: Jenseits aller militärischen Risiken erleben wir immer häufiger Beispiele dafür, wie ökonomische und ökologische Krisen ineinandergreifen, wie es, sicherlich noch regional begrenzt, zu einem Negativkreislauf zwischen Schwierigkeiten menschlicher Produktion und der Aushöhlung oder Zerstörung von natürlichen Lebensgrundlagen kommt.
Gewiß wird keine dieser Schwierigkeiten die Reproduktionsfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaftsformation schlechthin erschöpfen. Niemand kann vorhersagen, wie oft der alte Krisenausweg mit Hilfe der Brachlegung von Arbeitskräften und Teilen des Kapitals noch gelingt. Ohne bewußtes Handeln, offen oder »zufällig« im Resultat, wird nichts und niemand Krisen und Widersprüche in Veränderungspotential umzuwandeln vermögen. Nur zum Schaden des alten Systems produziert es wieder und wieder Anstöße dazu.

9. »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!«

Im Jahr 2000 wird die Welt volle fünf Generationen mit dem großen Appell jenes »Manifests« gelebt haben, das am Beginn der modernen Arbeiterbewegung steht. Unglaublich kurz erscheint diese Zeitspanne, wenn wir Weg und Ausbreitung der sozialistischen Idee mit dem Vorankommen anderer Bewegungen vergleichen, deren praktische Konsequenz zudem ungleich begrenzter war. Hundertfach zu lang jedoch, wenn wir sie an den Lebensschicksalen zahlloser ihrer Vorkämpfer messen. Und tausendfach zu kompliziert erscheint die Parole selbst, wenn wir sie mit dem tatsächlichen Zustand der Welt vergleichen, den wir heute und vermutlich morgen noch immer nicht entscheidend verändert vorfinden.
»Proletarier aller Länder«, das wird buchstäblicher denn je als globale Kategorie im strengen Sinne zu verstehen sein. Wenn Welthunger, Rüstungswahnsinn, Weltkriegsgefahr und ökologische Katastrophen eines lehren, dann das: Die Befreiung des einen ist unmöglich ohne die des anderen, sie glückt weltweit, oder niemand entgeht der Erreichbarkeit dieser »modernen« Geißeln der Menschheit. Der russische oder chinesische Bauer und Proletarier mag den Hunger besiegen, seine Lebensbedingungen verbessern; sie entgehen weder ökologischen Gefahren noch dem barbarischen Tribut des Wettrüstens. Frauen und Männer aller Arbeitsbereiche im »Westen« mögen das »Glück« haben, individuell mit einem leidlich sicheren Arbeitsplatz und entsprechend hohem Lebensstandard davonzukommen. Ohne grundlegende gesellschaftliche Änderungen entgehen sie weder ausbeuterischen Arbeitsbedingungen noch der ständigen Selektionsgefahr, unter die »Problemgruppen«, die margjnalisierten Außenseiterschichten der Gesellschaft abgeschoben zu werden; können sie sich weder der Teilhabe an den Ausplünderungsmechanismen des Weltmarkts noch der Betroffenheit von den übergreifenden Menschheitsgefahren entziehen. Und für die erdrückende Mehrheit der Milliarden Menschen im »Süden«, zusätzlich Opfer statt Begünstigte der vorhandenen internationalen Arbeitsteilung, gilt jedes dieser Probleme mit enorm verschärfter Wucht.
Nur, welchen Inhalt hat das »Vereinigt Euch!« anzunehmen, wie kann es jemals jene weltumspannende Verbindlichkeit eines gemeinsam errichteten, gewollten und verteidigten Menschheitsprojekts gewinnen, die erforderlich wäre, um den unerträglichen Gebrechen der bürgerlichen Gesellschaft tatsächlich ein Ende zu setzen? Mir scheint, daß heute die proletarische Alternative des Weltsozialismus, getrieben von der Not der Verhältnisse, nicht mehr kleiner ausfallen kann, als daß sie wirklich daran geht, das gleiche Lebensrecht aller Menschen, deren Frieden untereinander und die Verträglichkeit ihrer Existenz mit der Natur zur einzig akzeptierten Richtschnur ihres Kampfes für eine Neuordnung der Welt zu machen. Aber wie weiter, welche Schritte der Konkretisierung sind einzuschlagen, um mit solchen Zielen nicht in den Wolken gutgemeinter, also praxisunfähiger Utopien hängenzubleiben? Sicher sind es bis heute erst Elemente, Umrisse anderen Lebens, Arbeitern, Produzierens, die aus der »Garküche der Zukunft« hervortreten. Sie qualifizieren sich einfach dadurch, daß ohne sie keiner der großen Widersprüche, die aus der alten Gesellschaft hervorgehen, lösbar wird.
Es wird Ansätze weltweiter Staatlichkeit geben müssen, qualitativ neuer Art, wenn irgend ernst gemacht werden soll mit Abrüstung, die den Namen verdient, mit der dauerhaften Herauslösung jener gigantischen Ressourcen, die dem Sozialismus der Zukunft an allen Ecken und Enden fehlen werden. Es wird eine neue Weltwirtschaftsordnung benötigt, die den Profit als internationales Lenkungsprinzip außer Kraft setzt und sich statt dessen unter der kritischen Begleitung einer demokratischen Weltöffentlichkeit dem Ziel verschreibt, allen Nationen zu einer dauerhaften Bewältigung von Rückstand, Erblasten der Vergangenheit und zu einem gerechten Anteil am menschlichen Reichtum zu verhelfen. Schließlich wird es der Anstrengung aller dieser Teilelemente des Gesamtwillens der Menschheit bedürfen, es wird zum Aufbau eines Milliarden Menschen erreichenden und umfassenden Bewußtseins kommen müssen, um den Ausplünderungsprozeß gegenüber der Natur, über die Entwicklung naturangepaßter Technik bis hin zur bewußten Einfügung aller Formen des menschlichen Produzierens und Konsumierens in den Naturhaushalt, zu beenden, ja, wie es Marx einst vorschwebte, im Sinne eines »Verbesserungsprozesses« umzukehren.
10. Mutmaßungen über die Wege dorthin
Wie wir es auch drehen und wenden: Die Entfernung zwischen dem benötigten globalen Sozialismus und den tatsächlichen Kräfteverhältnissen ist so groß, die Ungleichzeitigkeiten im Begreifen der Aufgabe sind derart erdrückend, daß es nirgends ohne Übergangsforderungen, ohne eine genau in die regionalen und nationalen Bedingungen eingefügte Strategie abgehen wird. Die »alten« und »neuen« Veränderungspotentiale aufeinander zu beziehen, ihre »vor Ort« höchst unterschiedliche Präsenz und Entfaltungsmöglichkeit zu berücksichtigen, das allein verbietet jedes Stehenbleiben bei abstrakten »weltsozialistischen« Forderungen. Wo generationenüberspannende Erfahrungen der Linken zu bestimmten strategischen Einsichten geführt haben, wie jene der besonderen Prinzipien der »Revolution im Westen«, des »dritten« oder »demokratischen Wegs zum Sozialismus«, unterschieden von den unausgeschöpften Chancen »revolutionärer Bewegungskriege« in der Dritten Welt, sind diese hier wie dort zu wahren. Wo geschichtliche Besonderheiten verknüpft mit Ansätzen erweiterter nationaler Selbstbehauptung schon im Hier und Heute der kapitalistischen Konkurrenz auf neue staatliche Zwischenlösungen verweisen, wie etwa die Bestrebungen zum Ausbau der (West-)Europäischen Gemeinschaft, sind diese von der Linken samt allen darin enthaltenen Handlungsspielräumen aufzugreifen.
Im übrigen kann ein und dieselbe strategisch-programmatische Losung der Sozialisten auch weiterhin extrem unterschiedliche Bedeutungsinhalte, Annäherungswerte in den einzelnen »Teilwelten« und Ländern der Erde verkörpern. »Modernisierung«, selbst in ihrer neuesten »ökologischen« Variante, steht im Westen für Konzepte unangefochtener Weltmarktkonkurrenz; deren Durchbrechung, hin zu den skizzierten globalsozialistischen Zielsetzungen, muß ihnen Punkt für Punkt aufgezwungen werden, soll mehr als reformistische Systemverlängerung herauskommen. In der kapitalistischen Peripherie ist die Ambivalenz der Modernisierungsparole noch zusätzlich dadurch verschärft, als hier der fremdgesteuerte Anpassungsvorgang zumeist alle anderen Auswirkungen dominiert, Reformen noch offenkundiger in der Gestalt von »Schein-Reformen« vertiefter Abhängigkeit auftreten. Dagegen werfen beispielsweise die »vier großen Modernisierungen« Chinas erst sehr viel später die Frage des Verlusts der realen ökonomischen Entscheidungsgewalt auf; ihr Problem liegt allenfalls darin, daß sie noch zu sehr am »Einholen« des »Nordens«, statt an der quer dazu stehenden Logik der künftigen sozialistischen Weltgesellschaft orientiert bleiben.
Nicht das Eintauchen in örtliche Besonderheiten schafft somit Schwierigkeiten; es läßt umgekehrt die Herausforderung der bürgerlichen Hegemonie in jenem konkreten Winkel der Erde, an dem die jeweilige sozialistische Bewegung zu kämpfen hat, überhaupt erst aussichtsreich werden. Aber was stärker denn je zuvor daran gebunden werden muß, ist der Rückbezug, die permanent benötigte und zu vermittelnde Einbeziehung der Menschheitsaufgabe Sozialismus. Der Zustand der Welt erlaubt keine Praxis und erst recht keine Theorie der Linken mehr, die sich den Bruch mit der alten Gesellschaftsformation im Gefolge sozialistischer Ausnutzung nationaler Korporatismen oder wie immer verbrämter Teilinteressen vorstellt. Die tief gegliederten Schützengräben der alten herrschenden Klasse, die materielle und ideologische Gewalten längst weltweit organisiert, werden langfristig nur einzunehmen sein, wenn ihnen die Endlichkeit der Welt im Bewußtsein der Unterdrückten zum Verhängnis wird, wenn diese es mithin verstehen, den zwangsläufigen Gefahren des gegeneinander Ausgespieltwerdens durch die Vorwegnahme ihrer tatsächlich gemeinsamen Interessen zu entgehen.