Prolog

Texttyp

Prolog

Victoria Sackville-West war dreißig Jahre alt, als sie am Mittag des 8. März 1892 zum ersten und zum letzten Mal in die Wehen kam. Zwei Tage lang hatte sie nach den Worten der Amme, Mrs. Patterson »eingebildete Schmerzen« gehabt, sie war weinerlich und niedergedrückt, hatte ihr Testament gemacht und, für den Fall, daß sie sterben sollte, einen Abschiedsbrief an ihren Gatten Lionel geschrieben. Lionel und Mrs. Patterson saßen bei ihr, als der Tag zur Neige ging. »Ich litt so sehr, daß ich sie bat, mich zu töten. Es war hundertmal schlimmer, als ich erwartet hatte«, schrieb sie auf französisch (welches noch immer ihre erste Sprache war) in ihr Tagebuch. In den frühen Morgenstunden des 9. März bat sie um Chloroform — »Ich war verzweifelt«, doch Lionel gelang es nicht, die Flasche zu öffnen. »Ma chere petite Vita« wurde um 4 Uhr 15 früh geboren, war gesund, wog etwa siebeneinhalb Pfund und hatte feines, dunkles Haar. Wenngleich ein Sohn Knole, das große Haus, indem das Baby zur Welt, gekommen war, und auch einen Titel (Lionel war der Erbe von Lord Sackville, der sein Onkel und der Vater meiner Frau war) geerbt hätte, war Victoria nicht im mindesten enttäuscht, daß sie eine Tochter gebar. Sie hatte mit einem Mädchen gerechnet und während der letzten sechs Monate von dem ungeborenen Kind als »Vita« — eine Zusammenziehung ihres eigenen Namens — gesprochen. Lord Sackville, Victorias Vater, der sich anderswo in dem riesigen Komplex alter Gebäude aufhielt, als der sich Knole darstellt, wurde über die Vorgänge erst informiert, als seine Enkeltochter gesund zur Welt gekommen war: er durfte nicht beunruhigt werden. »Papa und ich liebten einander sehr innig«, schrieb Victoria. Ich erinnerte ihn sehr stark an Mama, die er verehrte...  ich mochte meine Puppen sehr und war ihnen eine gute, kleine Mutter wie ich später mein kleines Püppchen Vita liebte...  Ich empfand tiefste Dankbarkeit gegenüber Lionel, den ich wahnsinnig liebte, daß er mir ein solches Geschenk wie dieses vollkommene Baby gemacht hatte...  Damals erschien mir Lionel vollkommen. «Als das Baby am 3. Mai in der Kapelle von Knole auf den Namen Victoria Mary getauft wurde, erklärte der Arzt, die junge Mutter sei nicht kräftig genug, ihr Zimmer zu verlassen. So nahm Victoria an der Taufe ihrer Tochter nicht teil — »si terriblement enttäuscht« — so wie sie auch Vitas Hochzeit fernblieb. Während ihrer langen Rekonvaleszenz zeigte sich Lionel, dem Victoria den liebevollen Spitznamen »Tio« gegeben hatte, sehr aufmerksam. Er las ihr Thackerays Jahrmarkt der Eitelkeit vor. »Becky Sharp interessiert mich sehr«, schrieb sie in ihr Tagebuch. Das überrascht nicht: sie hatten vieles gemeinsam.
Victorias Herkunft war romantisch, geheimnisumwittert, ja anrüchig.[1]

Sie wurde 1862 in Paris als zweites Kind und älteste Tochter der aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Josefa Durah geboren, besser bekannt als Pepita, jener schönen und international berühmten spanischen Tänzerin. Victoria wurde als »fille de père inconnu« eingetragen, obwohl Pepita vor dem Gesetz noch immer mit Juan Antonio de Oliva, ihrem früheren Tanzlehrer, verheiratet war. Der »pere inconnu« war ein unverheirateter englischer Diplomat. Lionel Sackville-West, der, als Victoria geboren wurde, bereits seit zehn Jahren mit Pepita liiert war. Lionel brachte seine Geliebte und ihre zwei Söhne und drei Töchter — wahrscheinlich alle von ihm stammend in einem Haus, das sie Villa Pepa nannten, in Arcachon in Südwestfrankreich unter. Hier lebte die Komtesse West, wie sie sich selbst nannte, mit ihren Kindern in Abgeschiedenheit, zum Teil aus Gründen der Diskretion und auch, weil die Doppeldeutigkeit ihrer Stellung sie dazu zwang. Der angebetete und anbetende Papa besuchte sie so oft es sein Beruf erlaubte. Andere Vertraute des Hauses waren Catalina Ortega. Pepitas Mutter (die Witwe eines Frisörs aus Malaga, die ihre Tochter in früheren Jahren durch Waschen und Altkleiderhandel unterstützt hatte), und der Vicomte Beon, stellvertretender Stationsvorsteher in Bordeaux, der an der Familie ein wohlwollendes Interesse nahm. Diese sonderbare, doch glückliche menage wurde 1871 zerstört, als Pepita starb. Im folgenden Jahr war Lionel en poste in Buenos Aires; die alte Catalina war ohne Mittel in Malaga, und die mutterlose Familie wurde von M. de Beon und seiner Gattin aufgenommen. Lionel war sich seiner Verantwortung bewußt. Er wollte, daß sein Sohn Max nach Stonyhurst ging, der englischen römisch-katholischen public school (die Kinder waren in der Religion der Mutter erzogen worden), und sorgte dafür, daß Victoria und ihre Schwestern eine Klosterschule in Paris, Rue Monceau, besuchten. Madame de Beon brachte Victoria dorthin, als sie elf Jahre alt war, und sie blieb dort bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr. Sie haßte diese Schule. Und dann, im Jahre 1880, handelte Lionel Sackville-West mit Entschlossenheit und Mut. Auf seine Anweisung brachte eine Mrs. Mulhall seine illegitime Familie nach England. Auf dem Schiff setzte sie Victoria davon in Kenntnis, daß ihre Eltern nie verheiratet gewesen seien, und dann brachte sie die verwirrten, französisch sprechenden Kinder mit ihren beiden Onkeln väterlicherseits zusammen — dem Earl de la Warr auf Buckhurst und Mortimer, dem ersten Lord Sackville auf Knole. Sie trafen auch mit den Schwestern ihres Vaters zusammen — mit Elizabeth, der Herzogin von Bedford und Mary, der Gräfin von Derby. Die letztere war die freundlichste. Sie behielt sie bei sich in Knowsley und begann, sie in junge englische Damen und Herren zu verwandeln. Tante Mary riet den Kindern, sich für die nächste Zeit weiterhin »West« zu nennen, anstelle des unzweideutigen Namens »Sackville-West«. Was sollte aus Victoria werden, die mit achtzehn Jahren voll erwachsen war und in die Gesellschaft eingeführt werden mußte? Ihr Vater war britischer Gesandter in Washington geworden. Diskrete Sondierungen von Tante Mary Derby bei einflußreichen Damen jenseits des Atlantiks erbrachten die Versicherung, daß man Victoria in der Washingtoner Gesellschaft nicht die kalte Schulter zeigen werde. Zwei Jahre, nachdem sie die französische Klosterschule verlassen hatte, war Lionels illegitime und unerfahrene Tochter eine diplomatische Gastgeberin, die bei seinen Gesellschaften präsidierte und sie zu ungeheuren Erfolgen machte. Victoria war außergewöhnlich hübsch mit ihren großen, blauen Augen und dem dichten, dunklen, hüftlangen Haar, das sie von Pepita geerbt hatte. Ein Ausschnitt aus einer Washingtoner Zeitung von 1882, den sie in ihrem Sammelalbum aufbewahrte, spricht davon, daß sie als Gastgeberin »die Anmut und Selbstsicherheit einer verheirateten Frau« zeige und daß »eine jugendliche Liebenswürdigkeit ihren Charme« erhöhe. Der »liebliche und gewinnende Charme ihres Betragens« werde verstärkt durch den Gegensatz zu dem »gesetzten, an Chesterfield gemahnenden Auftreten ihres distinguierten Vaters«.
Bei den Rennen in Ivy City wurde bemerkt, daß Miss West dort wie überall »sehr populär und von ihren eleganten Freunden umgeben« sei. Sie behauptete, fünfundzwanzig dieser befreundeten Herren hätten ihr Anträge gemacht — sie fertigte später für Vita eine Liste an. Unter ihren glühendsten Verehrern waren der Baron Bildt, chargé d'affaires bei der schwedischen Gesandtschaft, dem sie den Spitznamen »Buggy« gab; ein Franzose, der Marquis de Loys Chandieu; einige amerikanische Millionäre und zwei junge Männer, die sich später in der britischen Diplomatie auszeichnen sollten, damals jedoch noch junge Sekretäre im Stab ihres Vaters waren: Charles Hardinge und Cecil Spring Rice. Sie flirtete, aber sie heiratete nicht. Fünf Jahre nach ihrer Ankunft fragten sich die Washingtoner Kolumnisten, warum. Miss West war für sie noch immer »die schönste Frau in diplomatischen Kreisen«, doch, wie sie es zart umschrieben, »keine >Knospe< mehr«. Ihre jüngeren Schwestern waren zu der Familie in die Botschaft gezogen, und es war Flora, die sich als erste verlobte mit Gabriel Salanson, einem dritten Sekretär bei der französischen Gesandtschaft. Es geschah nach der Rückkehr der Familie aus Paris, wo die Salansons im Herbst 1888 geheiratet hatten, daß eine kleine politische Indiskretion Lionel Sackville-Wests diplomatischer Laufbahn ein Ende setzte. Wie die New York Truth es am 1. November umschrieb, beging er »die unverzeihliche diplomatische Sünde, eine unbedeutende private Meinung zu haben, der er privat Ausdruck gab und die auf skrupellose Weise publik gemacht wurde«. Nichtsdestotrotz hielt man seine Abberufung wegen dieses Vorfalls, der als die »Murchison Brief Affaire« bekannt wurde, für angemessen. Es gab eine demütigende Versteigerung der Familienhabe in der Gesandtschaft, dem Schauplatz so vieler glänzender Gesellschaften und persönlicher Triumphe von Victoria. Es hieß, daß »Mitglieder besserer Kreise der Gesellschaft sich drängten, um ihre Gebote zu machen«. Die Sackville-Wests verließen Washington am 23. November. Am folgenden Tag schrieb Victoria in ihr Tagebuch: »Ich mache mir solche Sorgen wegen der Zukunft.« Doch sie hatten einen Besitz, auf den sie zurückkehren konnten. Während der Murchison Krise war Lionels älterer Bruder Mortimer kinderlos gestorben. Victorias Vater war jetzt zweiter Lord Sackville und der Erbe von Knole. Sie sollte die Hausherrin eines der größten, ältesten und berühmtesten der großen Landhäuser Englands werden. Unter den Verwandten, die während der ersten aufregenden Monate von Victorias Herrschaft nach Knole kamen, war ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, der denselben Namen trug wie ihr Vater: Lionel Sackville-West. Er war Lionels älterer Neffe der Sohn seines jüngeren Bruders William und Georgina Dodwells aus Sligo, Irland — und somit Victorias erster Vetter. Er war in Wellington erzogen worden und hatte vor kurzem am Christ Church, Oxford, im Fach Neuere Geschichte promoviert.
Er und Victoria verliebten sich Hals über Kopf ineinander. Victoria war fünf Jahre älter als Lionel und nach ihren Washingtoner Eroberungen in der Kunst des Flirts viel erfahrener. Sie war zum ersten Mal verliebt und kleinen Freiheiten nicht abgeneigt. Sie küßten sich im Garten von Knole, küßten sich wieder und sprachen bei Mondlicht im Schlafzimmer des Königs von Heirat; und sie quälte ihn, indem sie von seinem Hauptrivalen sprach, dem Marquis de Loys Chandieu, der ihr nach England gefolgt war. Sie versuchte immer noch, sich darüber klarzuwerden, was sie tun sollte, als Lionel, um Deutsch zu lernen, nach Weimar ging. Sie korrespondierten beinahe täglich. Lionels Briefe waren naiv, ernst, sehr jugendlich. »Sage mir noch einmal, mein Liebling, daß du alles, was wir zusammen gemacht haben, nicht für Unrecht hältst — von dir, meiner reinen Vicky, weiß ich, daß du nichts Unrechtes getan hast, doch für mich ist das ein wenig anders.« Als ebenbürtiger Partner für Victoria hatte er keine sehr hohe Meinung von sich. »Ich bin nicht das, was die Leute gut oder religiös nennen. Man kann mich kaum als gutaussehend, klug oder amüsant bezeichnen.« Aber er war attraktiv. Ihre Tochter Vita schrieb, er sei »ein gutaussehender junger Mann mit ehrlichen haselnußbraunen Augen und einem bezaubernd sanften Lächeln« gewesen, »ein ruhiger und aufrichtiger Mensch, leicht verletzt durch ein böses Wort«.[2] Als Lionel zu Beginn des Jahres 1890 heimkam, unterbreiteten sie ihren Vätern ihre Heiratspläne (auch Lionels Mutter lebte nicht mehr). Die übrige Familie, die sich bereits mit der bloßen Existenz Victorias und ihrer Brüder und Schwestern hatte abfinden müssen, sah sich nun mit der Tatsache konfrontiert, daß sie das Herz des jungen Mannes gewonnen hatte, der Knole und nach dem Tod seines Onkels den Titel erben würde. Tante Derby schrieb an Victoria, ihr Brief habe ihr »fast, den Atem geraubt«. Es gebe schließlich das »große Hindernis«, daß sie Vetter und Base seien und Lionels Jugend »erschreckte« sie. Doch letztlich schlug sie sich auf die Seite der Liebenden und sah »hunderttausend Vorteile, die möglichen Einwänden entgegenzusetzen sind«.
Am Ende erwies sich, daß der einzige, der ernstlich Einspruch gegen die Verwandtenehe erhob, Victorias Beichtvater war. Doch Lionel suchte Kardinal Manning auf und erreichte einen Dispens. Es gab auch eine ängstliche Diskussion über die Religion der Kinder aus dieser Ehe. (Vita wurde nicht römisch-katholisch erzogen; sie wurde mit sechzehn Jahren nach dem Ritus der Kirche von England konfirmiert. Victoria flirtete weiterhin mit Lionel und wurde von ihm stark angezogen. An einem Aprilabend ließ sie ihn, um gute Nacht zu sagen, in ihr Zimmer kommen, wo sie ihn im Unterrock empfing, und ein paar Tage später gestattete sie ihm einen Blick auf ihre nackten Füße. Sie nutzte den gesamten prickelnden Reiz, den die spätviktorianische Kleidung und Sitte in sich bargen. »Wir lieben einander von Tag zu Tag mehr.« Für ihren Teil lernte sie das soziale Verhalten und die Privatsprache ihrer neuen Famialie, die sie später, wenn die Zeit gekommen war, an ihr eigenes Kind weitergeben sollte, schnell: ein Hochzeitsgeschenk einer Mrs. Dodgson, ein Armband, war, wie sie in ihrem Tagebuch notiert, »un peu Bedinty«*.(*Bedint: Familienwort für »Diener«: im weiteren Sinne Bezeichnung für jeden und alles, was nicht der Oberklasse angehörte: alltäglich, vulgär) Der Prince of Wales schickte einen Diamanten und eine Perlenbrosche. Das Leben hatte sich für das ungeschulte kleine Mädchen ohne Zukunft in der Tat verändert. »Quel roman est ma vie!« sollte sie in den kommenden Jahren mehr als einmal sagen und schreiben. Sie heirateten am 17. Juni 1890 in der Kapelle von Knole, nur achtzehn Monate nach Victorias Rückkehr aus Washington.
Die Braut gab dem Tagebucheintrag dieses Tages als Überschrift das Sackville Motto »Jour de ma vie. J'ai dit >Gehorche<«. Sie und Lionel genossen ihre Sexualität. In Knole folgten sie dem Brauch ihrer Klasse und Generation und hatten getrennte Schlafzimmer, was Anlaß zu köstlichen Besuchen in der Nacht und am Morgen bot. Bei Tag liebten sie sich auf dem Sofa in der Bibliothek, im Badezimmer, im Park und auf einem Fellteppich, der Victoria aufs äußerste erregte und elektrisierte. Alles zeichnete sie in ihrem Tagebuch auf — wo, wann, wie und wie oft. Auch wenn man nicht daheim war, wußte man sich sein Vergnügen zu verschaffen. In London, im Dezember nach ihrer Heirat, war Tio »si content...  a cause de Sprungfedermatratze«. Tio kam nicht ins Auswärtige Amt (zu welchem Zweck er Deutsch gelernt hatte), doch spielte das kaum eine Rolle. Er war der Erbe eines Besitztums, auf dem er nun mit seiner entzückenden Gattin wohnte und das sie mit dem ihr angeborenen Organisationstalent bereits verwaltete, ohne daß er oder ihr Vater dabei sonderlich geholfen hätten. Weltoffen und vital, stellte sie die Damen der Umgebung in den Schatten. Von ihren beiden sanften Lionels verehrt, war sie Königin eines Königreiches. Die einzige Wolke am Himmel war ihre eigene Familie. Um mit Amalia, ihrer unverheirateten jüngeren Schwester, zu beginnen, so hatte diese es durchgesetzt, daß sie ebenfalls auf Knole wohnen konnte — unfreundlich und neiderfüllt. Doch damals trieb Victoria ihren Stolz vielleicht auch ein wenig zu weit. Als einer der seltenen Verehrer Amalias zum Essen nach Knole kam. schickte sie ihn fort als einen »pauvre garcon, tres intimide, tres tres bedint Ladenschwengel«. Ihre verheiratete Schwester schrieb aus Paris und bat um Geld, das sie erhielt, doch Victoria schrieb, sie komme »über das schlechte Benehmen meiner Schwester nicht hinweg«. Auch M. de Beon war der Meinung, er habe einen Anspruch darauf, von ihren veränderten Vermögensverhältnissen zu profitieren, und forderte Geld in Anbetracht der Dienste, die er der Familie in der Vergangenheit erwiesen habe. Victoria nannte das »Erpressung«. Es sollte noch schlimmer kommen.
Im Sommer 1891, als man der Regatta in Henley beiwohnte, hatte Victoria das Gefühl, sie sei schwanger. Ihre Ahnung bestätigte sich. »Ich kann an nichts anderes denken«, schrieb sie am 10. Juli.