Briefe 1900 bis 1909

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Briefe

ANNA LINDWURM-LINDNER

1. 11. 1900 [303]

Liebste Anna. Warst Du krank, da Du solange nicht schriebst. Ich habe laut über Edd gelacht aber ich finde es sehr unrichtig, daß es anstatt in die Luft zu gehen, im Zimmer sitzt und stickt. Ein Spiel wäre doch viel gesunder. Hier handarbeitet selbst keine Frau mehr. Päuli bekommt Zähne, so Gott will - er schreit so viel - nebbig. Eine Puppe! Sie sind Alle entzückt. Wie Papa und Paul. Blond. Mündchen und Puppennäschen.
Viele Küsse, Tante Else.

DIE NEUE GEMEINSCHAFT

23. VIII. 1900. [304]
Schlüterstr. 62. Charlottenb.

Euch, meinen lieben Gleichfließenden die Kunde, daß ich, Euer Jünger, wieder in Berlin bin. Eden war zu klein für mich und nicht das wahre Paradis.
Die, da geboren wurde um zu leiden.
Else Lasker-Schüler.

JULIUS HART

Lieber und vieledler Julius Hart. [305]

Ich sandte zwei nette Gedichte an A. Weidner, dem Bevollmächtigen der Gemeinsamen. Mußt ich sie Dir senden? Frl. Victor. Lessingstr. Berlin. würde so gerne 'mal Geige spielen. Sie ist 12 Jahre alt, klein und hat liebliche Augen. Sie war Montag im Verein. Sie ist sehr anerkannt und gab schon große Concerte. Wenn sie spielen soll, so bitte, lieber Julius Hart, schreibe ihr oder lasse ihr's schreiben. Ich grüße Syringe und Lillit und Evaklein. Bin seit gestern wieder auf.
Viele Grüße in Verehrung.
Tino. 16. XI. 1900.

JULIUS HART

23. v. 1901 [306]
Schlüterstr. 62. Charlottenburg.

Verehrter, sehr lieber Julius.

Gestern schrieb ich Dir schon einmal, zerriß den Brief aber, er ist zu traurig ausgefallen. - Ich habe fast Reue, damals mit Petrus Hille in die Neue Gemeinschaft gekommen zu sein, zumal sich in den letzten Jahren so oft böse Gespenster regten, die mich just (/) als Opfer (/) aus der Menge zu Zwistigkeiten auserwählten.
Ich selbst überwinde sie, aber Du gerade, lieber Julius, daß sie die Kühnheit hatten, Dich zu stören, hat mich geradezu traurig gemacht und die Trauer wirkt zerstörender als der Zorn bei mir. Die ganze Nacht, glaube mir, fand ich keine Ruhe, ich irrte nur.
Lieber Julius, Du mußt mich unbedingt ein paar Minuten anhören.
Als ich mit Herrn Wetzel in's kleine Privatzimmer trat, sagte er mir, »nicht nur Frl. De la Rosa (?) auch Frl. Magarete Beutler tragen Gedichte vor,« - worauf ich erwiederte, es ist schade, daß ich dann nicht »die größere Ansprache zu den ganz kleinen Mängeln sagen kann.« Draußen natürlich wurde alles verwirrt, durchredet und Frl. Beutler kam sehr mißmutig in's Zimmer zu mir, ließ mich nicht zu Worte kommen und schien wahrhaftig zu glauben, daß es mir unangenehm sei, daß sie auch aufgefordert sei, zu lesen.
Lieber Julius, solche Aufregungen bedeuten für mich stärkere Eindrücke als ich Dir sagen kann - ich bin sofort so tief vereinsamt und hoffnungslos zumal mir dann Worte fehlen, mich auszudrücken, daß ich am liebsten, sähe es nicht wie Feigheit aus, die Flucht ergriffe. Im Gegenteil, ich halte Frl. Beutler für talentvoll und mir ist es wirklich lieber mit intel. Dichterinnen vorzutragen als mit etw. Dolerosen. Sie sah es ja auch nachher ein, wenn die Küsse, Küsse waren.
Sieh lieber Julius diese Affäre ist ja ausgeglichen worden - es war ein Irrthum zwischen Herrn Wetzel, M. Beutler und E. L-Sch. aber die Sache Schneider contra E. L- Sch. die ihren Anfang schon bei den Kommenden hatte nach dem Tode Jakobowskis, die läßt sich nicht so leicht verwischen ohne einen energischen Griff.
Der kleine Herr Schneider kann sich am wenigsten über meine Collegialität beklagen, niemals wurde ich aufgefordert von Jacobowski ohne ihn nicht zu bitten, auch Herrn Schneider, Fischer, etc. vortragen zu lassen. Als Dr. J. gestorben war, begann der Krieg, man stachelte A. Costenoble gegen mich auf - sie ging dann in ihrer Blindheit so weit, mich als Betrügerin darzustellen. Wahrhaftig lieber Julius - Du gerade wirst mich verstehen - weil ich Costenoble künstlerisch für sehr bedeutend halte und sie einigermaßen tief ist, ich wäre am liebsten zu ihr gegangen und hätte mit ihr gesprochen »warum haben Sie das gethan.«
O, Du weißt nicht, welch' ein Gelächter dann entstanden wäre, so etwas begreift fast keiner daß ich jede Tiefe, wie tief sie auch verirrt ist, wieder sorgsam hervorholen möchte. Es gab aber nur eins - schon darum wie ich Jüdin bin - meine Stärke zu zeigen - ich glaube, ich habe ihr bei der Ohrfeige gut zu geredet.
Aber lieber Julius glaube nicht, ich sei ein Vorschlepp, nur Deinetwegen habe ich nicht Schneider angegriffen, ich habe nämlich rasende Kraft im Zorn. Der Mann ist von Grund auf gemein und undankbar. Herr Lublinski erzählte mir, er habe im gütigsten Ton versucht, indem er sogar (?) meine Gedichte lobte, mich als eine Verrückte darzustellen. -
Du hast recht, wenn Du lachst - es ist mir auch egal aber ich weiß, es schneiden mir so viele Gesichter und ich bin eine Liebesnatur - ich möchte einen Kreis bilden - und spielen ohne zu argwöhnen, ohne zu ehrgeizen und zu vernichten das, was schön ist.
Du sahst ja wie man das kleine harmlose Kränzchen falsch aufnahm, es ist ja so winzig daß ich mich und für Petrus Hille mit, fast geschämt habe nachher. Die Ansprache hätte aber alles erklärt, die ich halten wollte. Ich habe und Petrus auch, nur den Gedanken gehabt, Dir und Heinrich zu beweisen, wie gut wir Euch sind, und dann wollte ich die Leute ein wenig erinnern, daß sie Euch nicht vergessen sollten, Euch, die Ihr ihnen ein Heim gegeben habt, Gelegenheit gabt uns auszufühlen gegenseitig.
Ich weiß nicht daß meine Hände so verschiedene Dinge tragen, in der rechten halte ich Sonnenblumen in der linken eine Peitsche; meine Bestimmung ist sicherlich Liebe zu geben, aber meine linke muß so oft und so ungeschickt peitschen. Du siehst, ich trauere, daß ich die Menschen nicht lieben kann.
Lieber Julius, ich sage Dir so viel, ich weiß wie viel Du bist und auch wie gut Du bist - ich sehe jede Mißlaune und jede Traurigkeit bei Dir. Laß Dich doch bitte nicht gegen mich einnehmen.
In der Volksversammlung nachdem Du geredet hattest, fühlte ich wohl Deine Betrübniß und auch warum. Wäre ich ein Knabe gewesen, so wahr ich Onit (/) (Tino) (/) geheißen hätte, wir hätten Dich auf unseren Schultern getragen. - Ich bin mehr Dein Enthusiast, wie ich zu sagen wage - das weiß aber Deine Frau, der ich's sagte. Ich habe es nie gewagt Dir's zu sagen. Deine ganzen Wünsche sind mir so klar betreffs der Gemeinschaft sie sind singende Goldströme und das ärgert mich eben, daß jeder mit den Händen hineinpantscht. - Glaub' nur ich bin der Ernst selbst und nur der tiefste Ernst in mir ist so oft übermütig oder gar die Schwermut. Lieber Julius, ich danke Dir und Heinrich viele, viele Jahre für alles was Ihr für mich gethan habt - kommen kann ich nicht mehr. Die Maizeiten der Gemeinschaft werde ich nie vergessen - die schöne Kahnfahrt in's Elysium. Stets Eure getreue Tino.
Else L.-Sch.

ELSA ASENIJEFF

2. VII 1902 [307]

Elsa Asenijeff,
Du hast geschrieben in Deinem Tagebuch: »ich habe die Empfindung als ist die Hand, der Leib der Seele.« Als ich dieses las, habe ich gewußt Du bist eine Prinzessin und ich schenkte Dir im Traum, zehn weiße Elephanten, dreizig Kameele, silberdurchwirkte Feierkleider, goldene Fußreife und Ketten, silberne Ohrgehänge, fein wie sie die Königstöchter Egyptens trugen. Eine Kette von blauen Saphiren, wie lachende Augen - Rosenöl und Ananasdüfte und süße Weine von den Trauben Jaffas. Du bist die Prinzessin unter allen Prinzessinnen.
Als ich gestern Deinen Kopf in der Ausstellung sah, dachte ich, daß Dich ein Mensch außer mir empfunden hat. Er weiß, Du hast eine Libellenseele.
Ich bin ein Prinz, Elsa. Onit.
Willst Du mir sagen, wer Du weiter bist - und ich sende Dir meine Werke.
Prinz Onit.
Adr: Dr. Lasker-Cantani.
Wielandstr. 3. Charlottenburg.

Liszt und Beethoven sind die tiefsten und gewaltigsten Kunstwerke, die ich sah, es sind zwei Könige der Raubvögel - es ist der Stoff vom ersten und der Gedanke des letzten Tages. Und Du bist Eden und Chaos, Eva und Königin, Licht und Erde.
(am Rand:) Die Werke sind zu tief für das Publicum. Ich werde Alle noch hinrichten lassen müssen, die »Gefallen« mühen.

ANNA LINDWURM-LINDNER

(27. 2. 1904) [308]

Liebe Anna, so schwere Tage habe ich seit langer Zeit noch nicht durchgemacht. Der Pülle wird täglich wilder. Nun habe ich endlich ein reizendes Mädchen, aber sie kommt bis 16. März nur nachmittags und dann ganz. -
Wie gehts Dir jetzt? Gehe doch 'mal zu Herwarths Vater. Gestern war großer Vortrag von mir im Wilhelmtheater, eine Schauspielerin trug vor.
Die Woche Discretion hat Gedicht behalten. Kommst Du heute? Wenn Du gesund bist.
Gruß Else.

FRANZ LINDWURM-LINDNER

(18. 5.1904) [309]

Lieber Franz. Willst Du heute um 6 Uhr bei uns sein. Wir veranstalten eine Hillefeier. Im Vorstand sind die ersten Künstler des Landes. Willst Du 3 Lieder singen, die im Stück von Peter Hille vorkommen? Am 26. Mai! Ich glaube wäre sehr gut.
Gruß in Eile Else.
Gratuliere wegen Theater des Westens. Wir waren gestern im Architektenhaus mit Paula Dehmel. Ich konnte nicht mehr abschreiben

AXEL JUNCKER

Sehr geehrter Herr Juncker. [310]

Wie stehts nun mit der Osterlese? Ich habe mein Manuscript noch nicht wo anders hin verschickt event. steht es Ihnen noch zur Verfügung. Ich glaube, es sind gewaltige Sachen, die Auf sehn machen. Haben Sie die Bilanz der Moderne von S. Lublinski gelesen - auch die Seiten über mich? Auch die Skizze von Peter Hille über mich?
Ich fordere für mein Buch erste Auflage 200 Mk. Das ist doch wirklich wenig. Ich will es aber gerne verkaufen. Lieber eine dünne Taube in der Hand als eine gefüllte im Traum. Ich denk' dabei an Pharaos Traum an Joseph und seine Brüder.
Ich grüße Sie hochachtend, Herr Juncker.
Ihre dichtende, vernichtende, Else LaskerSchüler
(am Rand:) Noch nie solche Verse dagewesen, ganz neue Sprache.
Was soll ich noch sagen? Aber alles ist Wahrheit! Berlin W. Ludwigkirchstr 1. Walden. (LSch.) Bitte Herr Juncker, lassen Sie mir per Nachnahme 2 weiße Styxe und einen grauen senden. Per Nachnahme, damit ich sofort auch bezahle.
Bitte, Herr Juncker schreiben Sie mir entgültig - schicke dann sofort Manuscripte zur Ansicht fort.

ANNA LINDWURM-LINDNER

(13. 12. 1906) [311]

Liebe Anna. In Eile, Berliner Tageblatt selbst von heute Donnerstag im Feuilleton, so selten Kritiken stehn großer Artikel über mein Peter Hille Buch vom Regisseur und Lehrer des Deutschen Theater und der Kammerspiele hier Dr. Rudolf Blümner. Er hat vorhin anteleph. er hätte das Doppelte geschrieben, aber das wäre schon gut, daß es ins Feuilleton genommen ist und nicht Nebenblatt. Herzl. Kuß Else.
Nur nichts Weihnachten schicken, verpflichtet mich sonst. Hast Du Pauls Brief bekommen? Bist Du krank?

PAULA DEHMEL

1/2 9Uhr früh
Liebe gute Engeline. (über dem E ein Hut mit Herz und drei Sternen) [312]
ich komme gerade von Steglitz, erst schlug ich den Weg (im W ein Stern) von der Maßmannstr. 11 (Ludwig Kainer und Frau die mich nachts mitnahmen,) zu Ihnen ein, aber ich dachte, ich weckte Sie auf. War schon an der Schloßstraße. Ich war gestern Abend seit Pfingsten zum ersten Mal fort. Wäre auch auf Prinz Heinrichs Einladung zum Ball gekommen, hätte ich gewußt, daß ich nachts bei Ihnen auf dem Sopha liegen könnte. Ich bin totkrank, lebe von Opium und nachts kann ich nicht ruhen vor Unruhe. Ich soll nämlich über das russische Ballet mit L. Kainer der die Illustrationen macht, schreiben und ich muß alles annehmen wo ich verdienen kann für Päulchen. Ich bin noch nicht zu Haus erst hier auf die Post gegangen damit Engeline nur nicht glaubt ich lüge. Ich lebe von Raub von Zufall von der Idee und habe immer schreckliche Angst. Ich komme entweder heute Abend oder morgen zu Engeline, die ich liebe, der ich treu bin.
Sind meine beiden Bücher auch angekommen? Prinz von Theben -
Tino E LSchüler.
War es gestern Vera oder Lieselott - ich bin immer im Opiumrausch - jedenfalls wars ein schönes, schlankes Mädchen.

ADRESSAT UNBEKANNT

Signora bambina! [313]
Tausenddank,!!! Ich weiß nicht ob ich Ihnen gerade heute Morgen meine Sache vortragen hätte sollen, da Sie sich noch nicht wohl genug fühlen, Briefe zu schreiben. Hat es Ihnen auch nicht geschadet, Signora? Ich erhoffe den Augenblick, da ich mich Ihnen zur Verfügung stellen kann, was es auch sei. Zwar es hätte nie eine Vorgeschichte gebraucht, Sie wissen, wie ich Ihnen zugetan bin. - Danach sollen wir per Schiff nach Frankreich - von dort nach Amerika alles mit einigen Bogen Papier. Der Rest für die Jammernden. Dieser Tage, wenn Sie gesund sind, komme ich mal und erzähle Ihnen Abenteuer und
Strapazen, egyptische Hieroglyphen werde ich Ihnen deuten und Pyramiden auf der Schulter tragen. Einstweilen grüße ich Sie, Signora mit dem großen Baum vor dem Fenster. Immer Ihre getreue
Else LSch-Walden.

HERMANN BEUTTENMÜLLER

Halensee, den 20. 8. 1909 [314]

Sehr geehrter Herr!
Auf Ihre Anfrage erwidere ich Ihnen ergebenst, dass ich den Abdruck der Gedichte Ihnen nur dann honorarlos gestatten kann, wenn die Anthologie zu woltaetigen Zwecken herauskommt.
Hochachtungsvoll
Else Lasker-Schüler. Katharinenstr. 5. (Garten hochpt) Berlin-Halensee