Von ihr ist viel gesprochen worden

Mit der Frühen Neuzeit begann man sich vermehrt öffentlich mit den gesellschaftlichen Interaktionen zwischen Frauen und Männern zu beschäftigen. Im Mittelpunkt dieser Betrachtungen standen dabei die Frauen - deren Wesen und deren Abweichung von der (männlichen) Norm. Sie waren eines der beliebtesten Sujets für Künstler, die das weibliche Geschlecht auf verschiedenste Weise bildlich und verbal darzustellen suchten. Themenwahl und Art der Darstellung ähnelten sich in ganz Europa. Ganz gleich, ob Frauen mit ihren männlichen Zeitgenossen verglichen oder als gänzlich andere Wesen beschrieben wurden - stets schnitten sie dabei schlechter ab als Männer. Das Denken in hierarchischen Ordnungen hielt sich besonders hartnäckig in bezug auf die Geschlechterbeziehungen und sollte sich in späteren Jahrhunderten ebenso im Verhältnis zwischen Europa und seinen Kolonien durchsetzen. Im kleinen spiegelte sich diese hierarchische Sichtweise in der traditionell vom Vater dominierten Familie wider, die die staatliche Ordnung in einer Art patriarchalischem Mikrokosmos nachbildete. Auch dann noch, als die Autorität Gottes mit Fortschreiten des wissenschaftlichen Erkenntnisstands und der daraus folgenden philosophischen Kontroversen langsam erodiert wurde, als die Aristokratie ihren Anspruch auf einen gottgegebenen höheren Status nach und nach aufgeben mußte, gab es keinen Zweifel an der untergeordneten Rolle, die Frauen innerhalb der Gesellschaft zu spielen hatten.
Frauen waren entweder von Grund auf verdorben oder durch und durch gut. Francoise Borin beschreibt in ihrem Aufsatz den binären Charakter der emblematischen Darstellungen des Weiblichen während jener Zeit: Die Frau wurde entweder als Eva oder als Maria, als Hure oder keusche Ehefrau, als Symbol der Barmherzigkeit oder des Krieges und der Zerstörung porträtiert. Daß Frauen vernunftbegabte Wesen sein könnten, bestritt man im allgemeinen.
Die Mehrzahl dieser Vorstellungen wurde von althergebrachten Traditionen, zeitgenössischen Konventionen und Rivalitäten genährt sowie von persönlichen bzw. fiktiven Erlebnissen mit Frauen, von männlichen Wunschträumen, Phantasien und Ängsten. Die sich daraus ergebenden Interpretationen und Zuschreibungen boten allerdings kein eindeutiges oder homogenes Gesamtbild. Die Schriften von Rabelais beispielsweise ermöglichen durchaus auch subversive Lesarten: Wer ist tadelnswerter im dritten Buch seines Gargantua und Pantagruel die Ehefrau, die ihren Mann ständig betrügt oder der Zwangscharakter Panurge, der Verbindlichkeiten einklagt, die keine Person von einer anderen zu fordern berechtigt ist? Das komische Genre stellte die Geschlechterhierarchie kurzerhand auf den
Kopf; Debatten zwischen Naturwissenschaftlern und Moralisten ermutigten Leser dazu, zwischen den verschiedensten Positionen zu wählen.
Jean-Paul Desaive benutzt den Begriff der weiblichen Gegenkultur, wenn er das Spiel der Geschlechter in der Literatur der Frühen Neuzeit beschreibt. In dem Maße, in dem Frauen Leserinnen und später Schöpferinnen literarischer Werke wurden, nahmen die Texte Bedeutungen an, die ihren männlichen Kollegen fremd gewesen waren. Das weibliche Geschlecht beflügelte Männer zu schöpferischer Tätigkeit: Frauen waren Geliebte oder Musen, Leserinnen, die der moralischen Führung bedurften und die das Wunschdenken der Literaten in sich aufnahmen. Weniger artifiziell gaben sich die literarischen Figuren von Autoren, deren Werke sich außerhalb der Lyrik und des Romans bewegten: Desaive erwähnt in diesem Zusammenhang unter anderen Etienne Pasquier, der sich bereits während des 16. Jahrhunderts für einen gleichberechtigten und freundschaftlichen Umgang der Ehepartner aussprach, welcher das traditionelle hierarchische Modell ablösen sollte, Madame de Sevigne, die in ihrem berühmten Briefwechsel die Vorzüge und Freuden der Unabhängigkeit beschreibt, sowie James Boswell, den Charmeur und Frauenhelden, dessen Freundschaft jedoch ausschließlich Männern galt.
Auch die Welt des Theaters stellte ein ambivalentes Gefüge dar, wie Eric Nicholson in seiner Studie aufzeigt. Die Bühne war zugleich komisches und subversives Medium. Dort wurde das patriarchale Ehemodell aufs Korn genommen, allerdings ohne wirklich an dessen Grundfesten zu rütteln. Dramatische Komplikationen lösten sich in Wohlgefallen auf, und Schauspieler, die gewöhnlich auch die weiblichen Rollen übernahmen, füllten diese so aus, daß die normverletzende Prostituierte oder Ehebrecherin oftmals besser abschnitten als die prüde Jungfrau. Der Spott der Zuschauer galt eher den tyrannischen und eifersüchtigen Ehemännern als deren widerspenstigen Ehefrauen. Als Autorinnen wie Aphra Behn für die Bühne zu schreiben begannen, war deren Kritik an der Institution der Ehe und den darin wirksamen Unterdrückungsmechanismen oft noch schneidender und unerbittlicher als die ihrer männlichen Kollegen. Unter den Wortführern der Aufklärung, die sich mit der Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft auseinandersetzten, fanden sich allerdings keine Frauen wie Aphra Behn. Die Ausführungen Michele Crampe-Casnabets zeigen, daß die Philosophen des 18. Jahrhunderts freie erwachsene Männer zum Modell des universellen aufgeklärten Menschen erhoben. »Frau« stellte einen Sonderfall dar und war nach Meinung jener Philosophen mit einer eher konkreteren und weniger abstrakten Vernunft als der Mann begabt. Montesquieu zufolge nutzten Frauen ihren Charme schamlos aus, um Männer zu dominieren, und Rousseau zufolge taten sie am besten daran, ihr Leben daran zu setzen, Männern jeden Wunsch zu erfüllen. Kant sah in ihnen Geschöpfe, die Männern den Weg zu einer höheren Moral weisen konnten. Nur wenige Denker verwarfen diese Vorstellungen. Dazu gehörten Helvetius, der auf gleichen Ausbildungschancen für Frauen bestand, sowie Condorcet, der sich für einen gleichberechtigten Status der Frauen als Staatsbürgerinnen aussprach. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts machten sich auch Frauen auf verschiedene Weise und mit unterschiedlichen Absichten die Argumente der Aufklärung zu eigen: so beispielsweise Mary Wollstonecraft mit ihrer Streitschrift A Vindication of the Rights of Woman.
Im Kapitel über Medizin und Wissenschaft legt Evelyne Berriot-Salvadore dar, wie der weibliche Körper als die Quelle allen Übels angesehen wurde. Drei Jahrhunderte medizinischer Kontroversen waren gekennzeichnet von dem Versuch der Ärzte, die Geheimnisse des weiblichen Körpers zu erforschen und dem schier unerschöpflichen sexuellen Appetit der Frauen auf die Spur zu kommen. War die Frau eine körperlich und geistig unvollständig ausgebildete und somit minderwertige Version des Mannes, wie dies Aristoteles und Galen behauptet hatten - mit männlichen Geschlechtsorganen, die lediglich nach innen gestülpt waren? Oder war sie doch ein vollständig
geformtes menschliches Wesen, das bedauerlicherweise von jenem singulären Organ - der Gebärmutter - regiert wurde? Trug die Frau aktiv mit ihrem eigenen Samen zur Empfängnis bei oder nährte sie nur den Fötus während der Schwangerschaft? Als mit Hilfe des Mikroskops Eizelle und Sperma entdeckt wurden, stellte sich die Frage, welches dieser beiden Elemente wohl für die Fortpflanzung das wichtigere sei. Unabhängig davon, ob der betreffende Arzt noch der alten Galenschen Doktrin anhing oder sich bereits auf die neuen wissenschaftlichen Forschungen des späten 17. Jahrhunderts berief, standen medizinische Erkenntnisse durchgängig im Dienste
der Begründung spezifisch weiblicher Verhaltensmuster und der Rechtfertigung der geschlechtlichen Rollenverteilung auf der Basis biologistischer Spekulationen. Wissenschaftliche Überlegungen darüber, ob die weibliche Lust ein entscheidender Faktor bei der Empfängnis sei, sowie die Besorgnis über die Anfälligkeit und Unbeständigkeit der weiblichen Physis hatten unter anderem jedoch auch zur Folge, daß der gynäkologische Wissensstand entscheidend vorangetrieben wurde; Machtkämpfe zwischen erfahrenen Hebammen und neu in das Gebiet der Geburtshilfe eingedrungenen Ärzten schufen ein konfliktträchtiges Klima.
Mit Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich die Vorstellungen über Wesen und soziale Einstufung der Frau gefestigt: Körperlich komplett mit eigenen Organen ausgestattet, war sie dennoch fragil, anfällig und schutzbedürftig. Sie sollte gebildet genug sein, um ihrem Ehemann eine anregende Gesprächspartnerin und ihren Kindern eine gute Mutter sein zu können. Wie eingeschränkt und durch geschlechtsspezifische Zuschreibungen sozial determiniert Frauen trotz sich wandelnder gesellschaftlicher Zustände und emanzipatorischer Bestrebungen waren, welch widerstreitenden Anforderungen sie sich zu stellen hatten, verdeutlichen die folgenden Kapitel.
A.F.-N.Z.D.