»Lebe der Liebe und liebe das Leben.«
Sophie Mereau an Clemens Brentano,
Ende November 1799
»Ich muß mich doch wirklich wundern, wie unsere Weiber jetzt, auf bloß dilettantischem Wege, eine gewisse Schreibgeschicklichkeit sich zu verschaffen wissen, die der Kunst nahekommt«; äußerte Schiller im Hinblick auf Sophie Mereau 1797 in einem Brief an Goethe, und dieser, den die Geschichte der »kleinen Schönheit« lebhaft interessierte, antwortete wohlwollend: »Unsere Frauen sollen gelobt werden, wenn sie so fortfahren, durch Betrachtung und Übung sich auszubilden.«
Zu dieser Zeit gehörte die Professorin Mereau, von Freunden zärtlich »Poesie« genannt, von anderen ihrer häufigen Liebschaften wegen heftig getadelt, zu den umschwärmtesten Frauen der Jenaer Geselligkeit. »Eine liebliche Erscheinung«, zart und anmutig, von bestrickender Leichtigkeit im Umgang mit Menschen, dazu klug und gebildet, hielt sie ein gastfreies Haus, in dem nicht nur die Angehörigen der Universität, sondern auch die Brüder Schlegel, Tieck, Herder, Jean Paul, Kotzebue, sogar Goethe gern verkehrten.
Nach Jugendjahren im thüringischen Altenburg — vom Vater, dem gräflichen Sekretär und Buchhalter Schubart, in den schönen Künsten und der Kenntnis fremder Sprachen unterwiesen — heiratete sie dreiundzwanzigjährig den Bibliothekar und Professor der Jurisprudenz Friedrich Ernst Karl Mereau, ohne in dieser Ehe glücklich zu werden. Es war weniger eine starke künstlerische Begabung als eine »gewisse Schreibgeschicklichkeit«, der Wunsch, sich zu betätigen und der Unerfreulichkeit der häuslichen Verhältnisse zu entgehen, der sie zur Feder greifen ließ. Dabei hatte sie das Glück, in Schiller, dessen Sprache und Stil sie nachzueifern trachtete, einen freundlichen Lehrer zu finden, dem sie ihre Dichtungen zur Kritik überließ und der für ihren Abdruck in seiner Zeitschrift Thalia und in den Hören sorgte: »Mit vielem Vergnügen las ich Ihre Gedichte .... Ihre Phantasie liebt zu symbolisieren, und alles, was sich ihr darstellt, als einen Ausdruck von Ideen zu behandeln.« Dieser Umstand wirkte sich allerdings in den Romanen der Mereau nicht zu ihrem Vorteil aus. Arm an Handlung und von gedanklichen Erörterungen durchsetzt, fanden sie im Publikum weniger Resonanz als ihre Gedichte. Hier und da, so in dem romantischen Briefroman Amanda und Eduard, wird zwar der Versuch gemacht, eigenes Lebensschicksal künstlerisch zu formen. Die unglückliche Ehe der Heldin mit einem rohen, egoistischen Mann, die Leidenschaft zu einem anderen, die Trennung der Liebenden, das alles waren Motive, die Sophie in der eigenen Wirklichkeit fand. Und wenn immer wieder der freiheitlichen Lebensführung der Frau, ihrem Recht auf Liebe, ungehindert von konventionellen Rücksichten das Wort geredet wird, so sind das Ansichten, die sie auch gern und mit Nachdruck in ihren Briefen vertrat. Das Bekenntnishafte, die frische Unmittelbarkeit geht jedoch immer wieder in philosophierenden, langatmigen Passagen unter.
Eine glücklichere Hand bewies Sophie Mereau in ihren Übersetzungen. Sie übertrug den Cid von Corneille und fand damit Schillers Beifall, die Lettres Persanes von Montesquieu und die Briefe der Ninon de Lenclos. Neben der Übersetzung englischer Romane befaßte sie sich eingehend mit spanischer und italienischer Novellistik, wobei ihre letzte Arbeit, eine Übertragung der Fiametta von Boccaccio, von Achim von Arnim als so meisterlich gepriesen wurde, daß er bei der Lektüre stets glaube, italienisch zu lesen. Durch ihre Mitarbeit an Zeitschriften und die Herausgabe eines Musenalmanachs Kalathiskos (Arbeitskörbchen) sicherte sie sich als erste deutsche Beruf sliteratin finanzielle Unabhängigkeit.
Im Salon der Caroline Schlegel begegnete Sophie Mereau 1798 dem um acht Jahre jüngeren Studenten Clemens Brentano. Enthusiastisch berichtete dieser dem Bruder Franz nach Frankfurt, sie sei »ganz, körperlich und geistig das Bild unserer verstorbenen Mutter«. Kaum ein Tag verging, den er nicht in der Nähe des »vortrefflichen Engels«, der »Quelle seines Enthusiasmus« zuzubringen suchte. Doch das Verhältnis hatte keinen Bestand, nicht ohne Schuld von Clemens, der, launenhaft und ruhelos, sich ihr in einem Augenblick demütig zu Füßen werfen und sie gleich darauf mit sarkastischem Witz verletzen konnte.
Drei Jahre später — Sophie hatte ihre Scheidung von Mereau durchgesetzt und war mit ihrer Tochter nach Weimar übergesiedelt — knüpften sich auf Clemens' Drängen die Beziehungen aufs neue und dieses Mal für immer. »Frühling des Gemütes. Großer Wechsel. Blumen, Liebe, Andacht, Leben«, vertraute Sophie ihrem Tagebuch an. Der Briefwechsel, anfangs noch ganz im Stil kleiner konventioneller Billette, steigert sich bei Clemens schnell zu hinreißender Glut und überströmender Leidenschaft. Sophies Antworten sind spärlicher, verhalten, gelegentlich spöttisch, so als traue sie seiner ungestümen Werbung nicht. Nach und nach verlieren sie die spielerische Grazie, und zu einer Zeit, da bei Clemens sich der Überschwang legt und seine Briefe kühler und alltäglicher werden, spricht aus Sophies Zeilen hingebende Fürsorge und rührendes Bemühen um sein Verstehen. In ihrer Dichtung war sie stets von fremden Vorbildern abhängig geblieben: in dem rhetorischen Pathos ihrer frühen Lyrik von Schiller, in ihren Romanen von Tieck, in der Musikalität und romantischen Reimspielerei der späten Gedichte von Brentano. Ungekünstelt, so wie sie wirklich war, gescheit und schwärmerisch, lebenstüchtig und phanta-sievoll, zeigen sie nur die Briefe.
Ein ungetrübtes Glück war in der Ehe weder Clemens noch Sophie beschieden. Sie, die einst geschrieben hatte, »fest drücke ich beide Augen zu, halte die Hände vor beide Ohren, und so springe ich in den Abgrund — in Deine Arme«, mußte bekennen, daß ihre Ehe Himmel und Hölle enthalte, die Hölle aber vorherrschend sei. Und Clemens, der vordem gehofft hatte, daß »das Schwere, Plumpe der gewöhnlichen Ehe uns nicht berühren soll, wir werden leben, wie es Schneeflocken zusammen schneit«, fühlte sich bald in seiner Freiheit beengt. Mißverständnisse und Leid — zwei Kinder starben bald nach der Geburt — blieben beiden nicht erspart. Clemens' Worte jedoch »ich kenne Dich und liebe Dich, wenn auch manche Narbe in Deiner Seele ihre volle Anmut beschränkt, so bist Du mir doch und wirst mir ewig bleiben die höchste Annäherung an jenes Weib, das ich in Dir gesehen«, behielten ihre Gültigkeit bis zuletzt. Während seiner dreijährigen Ehe, zuerst in Marburg, dann in Heidelberg, schrieb er seine schönsten Lieder, darunter O Mutter, halt Dein Kindlein warm, begann Die Chronika eines fahrenden Schülers und Die Romanzen vom Rosenkranz und gab mit Arnim, dem »einzigen Freund«, den ersten Band von Des Knaben Wunderhorn heraus.
Sophie starb am 30. Oktober 1806 nach der Geburt eines toten Kindes. Clemens, »fürchterlich in seinem Schmerz«, schrie seine Klage in die Welt: »Ich habe alles verloren, alle Geschichte meines Lebens, alles was mich liebte, trieb und erhielt.«
Sophie Brentano-Mereau
An A. von A.
Ich sah ein seelig Thal voll Frülingsleben,
in Lust und süßen Farben rings entbrennen,
und eine Herrlichkeit, die nicht zu nennen,
schien es in ew'ger Jugend zu umschweben.Kann die Natur wohl Schöneres erstreben,
als solchen Reiz solch' seeliges Entbrennen?
Der Früling ist von Allem was wir kennen,
die Lust der Welt, das Göttliche im Leben.Da las ich, was ein Gott dir eingegeben,
in dunkler Ahndung, wunderbare Lichter,
im tiefem Ernst, erfreuliche Gesichte.O! dacht' ich, frische Blüthen, glühn'de Früchte,
wie seyd ihr hier vereint! nein, nur der Dichter
ist höchste Lust der Welt und Göttliches im Leben!
- Das Sonett, an Achim von Arnim gerichtet, bildete Sophies Dank für die Übersendung seines phantastischen »Romans« »Ariels Offenbarungen«. Es erschien 1805 in einer schmalen Sammlung von Sophie Brentanos Übersetzungen, Gedichten und Erzählungen, die Arnim »Bunte Reihe kleiner Schriften« getauft hatte und die sie der »Geheimen Staatsrätin« Sophie von La Roche widmete.
Sophie Brentano-Mereau
Auf eines Ungenannten Büste von Tiek
Welch süßes Bild erschuf der Künstler hier?
Von welchem milden Himmelsstrich erzeuget?
Nennt keine Inschrift seinen Namen mir,
Da diese holde Lippe ewig schweiget?Nach Hohem lebt im Auge die Begier,
Begeistrung auf die Stirne niedersteiget,
Um die, nur von der schönen Locken Zier
Geschmücket, noch kein Lorbeerkranz sich beuget.Ein Dichter ist es. Seine Lippen prangen
Von Lieb' umwebt, mit wundersel'gem Leben,
Die Augen gab ihm sinnend die Romanze,Und schalkhaft wohnt der Scherz auf seinen Wangen,
Den Namen wird der Ruhm ihm einstens geben,
Das Haupt ihm schmückend mit dem Lorbeerkranze!
- Im Sommer 1803 hatte Clemens Brentano in Weimar dem Bildhauer Friedrich Tieck, einem Bruder des Dichters, zu einer Büste gesessen, die als Geschenk für Bettina bestimmt war und überall sehr bewundert wurde.
Sophie Mereau an Clemens Brentano
[Weimar, etwa 20. Januar 1803]
Ihr Brief, junger Mann, hat mir Veranlaßung zu mannigfaltigen reflexionen gegeben. Ich muß auf der einen Seite Ihren Scharfsinn bewundern, obgleich ich auf der andern Ihren strafbaren Muthwillen beseufzen muß, der freilich Ihrer Jugend zuzuschreiben ist. — Ich danke Ihnen, daß Sie mir Gerechtigkeit wiederfahren lassen, und meinen Carakter anerkennen. Ja, es ist wahr, daß ich ein ganz andres Wesen geworden bin, das immer streng nach Grundsätzen handelt, und alles Unwillkührliche verabscheut. Sonst freilich, lieber Himmel! — gab es viele Augenblicke, wo mir das Unwillkührliche im Menschen als das einzig Göttliche erschien, ja ich hatte sogar Momente der Begeisterung, wo ich mich mit unsichtbaren Mächten auf das innigste verbunden fühlte. Schwärmerei! Nein, jezt geht mir der Verstand über Alles, und ich würde mich schämen, etwas zu glauben, was ich nicht begreifen könnte. Ein paar Jahre können freilich viel zur Reife unsers Geistes beitragen und es war auch hohe Zeit, wie Sie, lieber, junger Freund, auch zu fühlen scheinen, da Sie mich an mein Alter erinnern. Ehedem hatte ich freilich den Wahn; die Jahre bestimmten das Alter gar nicht; das läge nur im Gemüth, und es gäbe Menschen, die alt geboh-ren würden, und Andre, die jung stürben, sie möchten noch so lange leben.
Was Sie mir über die weiblichen Schriftsteller, und ins besondere, über meine geringen Versuche, sagen, hat mich recht ergriffen, ja erbaut. Gewis ziemt es sich eigentlich gar nicht für unser Geschlecht und nur die außerordentliche Grosmuth der Männer hat diesen Unfug so lange gelaßen zusehen können. Ich würde recht zittern wegen einiger Arbeiten, die leider! schon unter der Preße sind, wenn ich nicht in dem Gedanken an ihre Unbedeutsamkeit und Unschädlichkeit einigen Trost fände. Aber für die Zukunft werde ich wenigstens mit Versemadien meine Zeit nicht mehr verschwenden, und wenn ich mich ja genöthigt sehen sollte, zu schreiben, nur gute moralische, oder Kochbücher zu verfertigen suchen. Und wer weis, ob Ihr gelehrtes Werk, auf deßen Erscheinung Sie mich gütigst aufmerksam gemacht haben, mich nicht ganz und gar bestimmt, die Feder auf immer mit der Nadel zu vertauschen.
Ich bin entschloßen, für jezt noch in Weimar zu bleiben. Lieber Himmel! sonst wußte ich garnicht, was: einen Entschluß faßen, heißt, ja, ich dachte oft; jeder Entschluß sei Sünde, und nur Eingebungen müße man folgen. Wie ridicul!
Und können Sie denken, daß mich noch vor kurzem ein solcher Moment überrascht hat? — ich hatte einen Traum, worinn mein Vater mir erschien — aber nein! das hieße Ihren Witz zu viel Wafen gegen mich in die Hand geben! ....
Ich hätte Ihnen noch mancherlei zu schreiben, aber ich sehe mit Erstaunen die enorme Länge dieses Briefs, bitte Sie deshalb um Verzeihung und bin mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihre Dienerin Sophie Friedericke Mereau geb. Schubart
- Im Sommer 1800 berichtete Dorothea Schlegel schadenfroh, daß »Meeräffchen« — Sophie Mereau — Clemens Brentano »eklatanten Abschied« gegeben habe. Auf unermüdliches Betreiben von Clemens und die schließliche Vermittlung seines jüngeren Bruders Christian entspann sich im Winter 1802/3 wieder ein Briefwechsel, dem ein halbes Jahr später das Wiedersehen in Weimar folgte. — Sophies ironische Zeilen, die verletzten Stolz nicht ganz verbergen, sind die Antwort auf einen Brief von Clemens, den dieser Achim von Arnim gegenüber, als den »freisten, kühnsten, glücklichsten, längsten« Brief bezeichnete, den er je geschrieben habe: »Ohne Schonung für mich und sie, wie ein geistreicher Dritter, alles mit den scharfsinnigsten Nuancen ausgeführt .... voll Mutwill, wahr bis zur Zote .... Trauer über ihr Alter und ihre schlechten Verse.« — Arbeiten, die leider/ schon unter der Preße sind: der Briefroman »Amanda und Eduard«, dessen Anfang 1797 in Schillers »Hören« erschien und der 1803 im Ganzen veröffentlicht wurde. — Ihr gelehrtes Werk: Clemens hatte geschrieben: »Es ist für ein Weib sehr gefährlich zu dichten . . . . , unter mehreren Dissertationen, die ich auf dem Tapete habe, wäre dies eine, die Sie besonders interessieren könnte.«
Sophie Mereau an Clemens Brentano
[Auf der Reise von Weimar nach Dresden,
22./23. August 1803]
Ich schreibe Dir schon, mein Lieber, und ich habe Dir eigentlich den ganzen Weg über geschrieben, denn ich dachte immer an Dich, die einzigen Augenblicke ausgenommen, wo ich recht inbrünstig betete, und zwar nicht für Dich, sondern für mein Kind. Ich habe ernste Gelübde für sie getan, und ich schwöre Dir, ehe ich nicht mit meiner Liebe zu ihr alle die eisernen Bande schmelze, alle die Giftpflanzen ausrotte, die schlechte Gesellschaft in ihr kindlich Herz gepflanzt, und sollte ich sie mit meinen Lippen aussaugen, eher will ich Dich nicht wiedersehen.
Meine Reisegesellschaft ist besser, als ich dachte, und meine Natur hat alles schnell besiegt. Ich fühle, daß es der A. recht ernst gewesen ist, mich zur Reise zu bereden, denn wir fühlen uns recht kindisch wohl beisammen. Wir waren auch wegen des Sitzens gar nicht geniert, denn ich und die A. stiegen ganz wohlgemut auf dem unbedeckten Sitz unter dem lieben feinen Abendhimmel und ließen die Dame mit ihrer üblen Laune von dem ledernen Kutschhimmel bedek-ken. Ich glaubte, Dich noch irgendwo sehen zu müssen, aber vergebens, und das war auch gut, denn ich hätte wohl mit keinem schönren Eindruck scheiden können. O! wie hast Du soviel Liebe und Seligkeit in diese letzten Minuten gehäuft! ich habe jetzt alles andre vergessen, alle die Schmerzen und Wunden; aus Deinen Augen hat sich eine Brücke über den tiefen Abgrund geschlagen, den ich zwischen uns fühlte, und ich gehe nun sicher zu Dir hinüber! — Ich kann Dir nicht sagen, wie ich für Dich fühle, aber ich glaube, Du hast es begriffen, weil mein Herz so selig ruhig ist.
Ich sdireibe wohl sehr verwirrt, denn um mich her sind eine Menge Erkennungsszenen vorgefallen — das erste Abenteuer — woher nur eigentlich dies Wort kommen mag? — Wir werden recht vergnügt sein, denn die A. und ich sind die gesundesten, lustigsten, bequemsten Seelchen von der Welt. Und so will ich die Grillen, die alten, vertreiben, du sollst mir, gaukelnde Jugend, noch bleiben! Die Nacht ist froh und sternvoll, ich mache oft die Augen zu und sehe Dich dann ganz lebendig neben mir sitzen, Du Sonne und Mond, Sommernacht, und weil ich der Traum Deiner Augen bin, bin ich ein Sommernaditstraum. — Gute Nacht, Lieber — ich kann doch auf der Welt nichts als beten und lieben, und so bin ich ewig eine arme Frau, aber ein überschwenglich reiches Kind.
- Als Clemens im Mai 1803 zum Besuch der Mereau nach Weimar reiste, glaubte er an nichts weiter als an eine vorübergehende Liebelei. Nach glücklichen Sommerwochen jedoch stand bei beiden der Entschluß, sich für immer zu vereinigen, fest. Clemens reiste nach Marburg, Sophie unternahm mit ihrer Freundin Charlotte von Ahlefeld eine Kunst- und Besuchsreise nach Dresden und beabsichtigte, im Winter Clemens nach Marburg zu folgen. — Mein Kind: die sechsjährige Hulda, die der Mutter nach ihrer Scheidung von Mereau zugesprochen worden war.
Clemens Brentano
An Sophie
Von den Mauern Widerklang —
Ach! — im Herzen fragt es bang
Ist es ihre Stimme?
Und vergebens sucht mein Blick:
Kehret mir ein Ton zurück? —
Ist's nur meine Stimme? —Auf der Mauern höherm Rand
Sind die Blicke hingebannt,
Doch ich seh nur Sterne;
Und in hoher Himmelssee
Ich die Sterne küssen seh —
Wären's unsre Sterne!Recht ist voller Lug und Trug,
Nimmer sehen wir genug
In den schwarzen Augen;
Heiß ist Liebe, Nacht ist kühl,
Ach, ich seh ihr viel zuviel
In die schwarzen Augen.Sonne wollt' nicht untergehn,
Blieb am Berg neugierig stehn;
Kam .die Nacht gegangen.
Stille Nacht, in deinem Schoß
Liegt des Menschen höchstes Los,
Mütterlich umfangen.
- Das Gedicht ist im August 1803 in Weimar entstanden und wurde von Clemens zusammen mit zwei anderen, auch an Sophie gerichteten Gedichten an Bettina nach Schlangenbad gesandt, die es später in den »Frühlingskranz« übernahm.
Clemens Brentano an Sophie Mereau
[Marburg, den 1. September 1803]
Liebes vertrautes Herz, am Mittewoch Abend bin ich in meiner Einsiedelei eingetroffen, ach, wärst Du nur schon hier, da die Natur noch so schön ist, und könntest die herrliche Gegend genießen, ich bin recht fröhlich gerührt in dies schöne einfache Leben zurück getreten, ich bin unendlich mehr wehrt hier, Du wirst mich hier unendlich mehr lieben; in dem Augenblick da ich in Weimar meine Wohnung verließ erhielt ich Deinen liebevollen, herrlichen Brief, das war der erste Brief, den ich von Dir erhielt, o Sophie, wie werden wir glücklich sein, in unsrer Liebe, da ich Dich nun auch achte, und ehre, sieh, ich schreibe dies hier ohne alle Leidenschaft nieder, nichts betrübt, nichts stört mich, als daß ich keine Ausdrücke mehr für meine Empfindung für Dich habe, ich kann Dir nicht sagen, wie ich Dich liebe, so ruhig, so glüklich, so genug, so allein mit Dir, aber ich will es Dir beweisen durch Schonung, Freundlichkeit, Treue, und Güte, o wie kann je wieder uns Etwas stören in unsrem Glück, kein Zweifel an Dir kann mehr in mir entstehen, denn wäre auch das Unmögliche möglich, wäre es möglich, daß Du nicht ein solcher Engel wärst, wie ich Dich fühle, so wäre und bleibt es doch unmöglich, daß Du es nicht werden würdest durch meine Liebe, meine Treue an Dir. Sophie, wir wollen beide täglich, stündlich beßer werden, eines durch des andern Liebe, das sei unsrer Liebe Werk. Die Natur die ich Dir hier so schön beschrieben, ist bei weitem schöner, denn da ich sie zulezt sah, war ich noch nicht wieder glücklich, und hatte keine Freude an ihr, aber jezt sehe ich erst in welchem Feenpallast ich lebe. Ich habe Hoffnung, daß Du in dem nehmlichen Hauß noch höher und schöner wohnen kannst als ich, in jedem Falle aber sicher neben mir und eben so schön. Savigny freut sich innig auf Dich, o verwandle Deinen Vorsazz nicht, bleibe nicht aus, mache mich nicht unglücklich, ich bin eine Sensitiva, da Du auf Erden wandeltest schlugst Du mich nieder, jezt da Du mir am Himmel stehst, wende ich mich zu Dir; Du glaubst nicht, welches Glück ich auf Dich baue für Dich und mich, ich habe eine Hofnung, so reich wie meine Liebe. — Deine Begierde Dein Kind wieder zu verwandeln, wenn sie wahr und beständig ist, ist Deiner Unschuld und Tugend würdig, nur bin ich versichert, daß es Dir nicht gelingen wird, ich bin fest überzeugt, daß sie ganz natürlich verwildern muß, damit ihr die verdammte Kultur, die Lüge vergehe. Das Nonnenkloster, in dem meine Geschwister waren 10 Stunden von hier zu Frizlar, und welches auch Protestanten aufnimmt ist sehr wohlfeil, einfach und Natürlich, und Betine erinnert sich stets mit Freude daran, ich glaube die Pension besteht aus 10 Louisdors Jährlich, doch hierüber mündlich mehr. Ich bitte Dich nochmahls innig um Alles in der Welt komme bald zu mir, jeder Tag ist Dir verlohren, mir ver-lohren, ich kann nicht leben, nicht dichten ohne Dich, ich kann nicht spazieren gehn, ja ich bin ein Krüppel, der die Stube nicht verlässt, selbst an Dich schreiben lässt mich meine Sehnsucht nicht, waß soll ich Dir sagen, soll ich froh sein, glücklich? da ich Dich nicht in den Armen halte, halte Wort, Du liebevoller süßer Schuzzengel, komme bald zu mir, denn ich versichre Dich, Du wirst hier, waß man nennt, zu Dir selbst kommen. In meinem nächsten Brief gedenke ich Dir schon Dein Logis bestimmt abzuzeichnen, und Dich zu fragen, waß ich Dir an Meublen bestellen soll, liebe Seele, ich glaube, Du wirst Marburg sobald nicht wieder verlassen können, so reizzend erscheint es mir, wie ich Dir in Dornburg auf dem Berge sagte, die Aussicht aus Deinem Fenster wird schöner sein. Savigny, der Dich recht sehr lieb hat, wird Dir ein Freund sein, wie Du Dir auf Erden nie etwas träumen ließest, o wie freue ich mich unendlich auf mein Ganzes Leben, Alles steht in Gottes Hand in Deiner Hand. Mein Herz ist voll, so voll aber ich kann nicht reden, ich sehe aus, wie meine Büste, Tieck hat mich gegriffen aus Deinem Herzen, wie Du mich liebst wie Du mich neu ge-bähren wirst. Da ich nun von hier aus dieser Ruhe, dieser Milde, dieser Einsamkeit, dieser lieben Heimath, dieser Werkstätte meiner Sehnsucht nach Dir, o Du mein schönstes einziges Werk, nach Dir zurückblicke, wie schön unendlich schöner mahlt die Ferne Dich, wie blühen alle Deine Worte, Blicke, Küsse, zu Unschuld, Liebe, Wollust vor mir auf, O Sophie! göttlich, liebes Weib, komme zu mir. Wenn ich jezt an mein Fenster trete liegt unter mir eine ganze Stadt, neben mir sehe ich eine Meile im Umkreiß Garten, Feld, Wiese, Wald, Fluß, Weg, Thal, Berg, alles so nah und vertraulich, so fern und Verheissend, ach und Dich in einer solchen Mondnacht im Arm am Fenster, oder auf einer der Terrassen unsres Gartens oder auf unserm Thurm, und Du sagst mir mit Deiner Ruhe Deiner Seeligkeit, daß Du mich liebst, daß Du glüklich, beßer durch mich bist, und ich mache es wen und sage eben so, und am Ende haben wir beide Recht, o Sophie, ich sehe Dich vor Augen, ich weiß, wie Du gehen, stehen, blicken, ein Engel sein wirst an Leib und Leben in dieser Umgebung, o wie freue ich mich, ich schwöre Dir, die Natur, die Liebe, die Freundschaft, das ganze Leben kann hier nichts für Dich sein als eine Toilette an der Dich die Engel aufpuzzen, daß Gott und Menschen ihre Freude an Dir haben. Verzeihe mir, die Seeligkeit, die ich für mich und Dich aus Deinem Auffenthalt hier weiß, sie ist so groß, das sie mir immer unmöglich scheint, es ist mir so wohl auf Erden noch nicht geworden, ach thue es, komm um Deines eignen Glückes willen, gieße einmahl alle Freude über mich, ob ich es aushalte, ob ich nicht sterbe vor Lust. Wenn ich an unsren Abschied denke, so meine ich beinahe, er sei eine unsrer schönsten Stunden geweßen, wie einig und glüklich waren wir nicht, und dann Dein Brief, Dein Brief! Da Du mir ihn schriebst, da war Dir so, wie ich nicht glaubte, daß Du noch sein könntest, da warst Du voll Drang, Liebe und Begierde, Du hattest noch jenen jungfräulichen bangen Vorwizz, Du mustest mich lieben, und wüstest doch nicht, waß Liebe ist. Deine Reiße betrübt mich noch immer, denn nun weiß ich nicht, wo Du bist, alle meine Pole sind mir verrükt, ich weiß nicht, wohin mich mit meinen Gedanken wenden.
Ach lieber Gott sprich ihr ins Herz,
Sprecht ihr von mir ihr Sterne,
Dann blickt mein Liebchen Himmelwärts
Und ist mir nicht mehr ferne.
O Sophie, denkst Du dann auch an mich, wie viel tausend Lieder aus allen Zeiten singen von untreuer Liebe, wie viel tausend Schwüren ist das Herz gebrochen, o sei aufrichtig, sprich, liebst Du mich noch — wenn Du mir trauest, so will ich Deiner Liebe eine Verstärkung schicken, damit sie muthig und tapfer sich hält, biß ich sie entsezze (dies wäre nicht ent-sezzlich), nehmlich wiße, daß ich in Weimar gar nicht liebenswürdig war, daß ich, wenn ich zurücke denke, mich sehr schlecht fühle, jezt hier in diesem Momente bin ich so lieb, so gut, und ich schwöre Dir, dieser Moment ist ewig hier, ich kann in meiner einfachen Lage, nur diesen Moment haben, und keinen andern, o so verschmähe dann Dein Glück nicht, und komme gewiß. Schreibe bald, lebe wohl, küße Dich von mir, reite nicht, sei lieb wie ich Dich liebe.
Clemens.
- Der Brief ist die Antwort auf Sophies Schreiben vom 22.123. August. Clemens bewohnte in Marburg ein Haus unterhalb des Schlosses, unmittelbar neben der Wohnung des Rechtsgelehrten Friedrich Karl von Savigny gelegen, der ein Jahr später durch seine Heirat mit Gunda Brentano sein Schwager wurde.
Sophie Mereau an Clemens Brentano
[Weimar] Dienstag [6.] September [1803]
Ich habe nun Deinen zweiten Brief, und muß es freilich billig und natürlich finden, daß in meine helle Stimmung nun wieder ein Schatten fällt. Da ich thörichterweise Deine lezte Stimmung für gediegner hielt, als sie war, so war mir Deine jezige Unzufriedenheit befremdlich, ja, ich empfand auf einen Augenblick jenes grauenvolle Zurückbeben vor Dir, was ich sonst wohl zuweilen gefühlt habe. Aber, Du kennst mich und weißt, wie schnell mein Muth erwacht. »Es ist nichts«, rief es in meinen Innern, das ist alles nicht wahr! und beherzt gieng ich auf die Gespenster los, die mir die Bahn meines Lebens zu verfinstern drohten, sie verschwanden alle, ich sah Dich wieder rein, und konnte Dich wieder lieben, ohne unglücklich zu sein. Ja, Clemens, es ist nicht möglich, daß dieser gottlose Mismuth, der ganz andre Menschen, ein ganz eigen, eingerichtetes Leben begehrt, der gar keinen Sinn für die Mannigfaltigkeit, gar keinen Ueberblick dultet, von keinem Vertrauen auf Gott weis, daß dieser Mismuth wirklich in Dir sein kann, — in Dir, den ich anbeten mus, weil ihn die Natur so herrlich ausgestattet. — Glaube mir, Lieber, es ist Krankheit, ich beschwöre Dich, frage einen Arzt, lerne pflügen und holzsägen wenn es sein muß, Du bist wirklich krank, ein gesunder kann in Deiner Lage nicht so fühlen. Ich habe oft eine sonderbare Empfindung. Es ist mir als stünde Dein Geist noch im Schatten einiger beschwerlicher Vorurtheile, als feßelten ihn noch einige dunkle Bande, die ihm den freien Blick ins innre und äußre Leben hemmten, und dann ist mir, als musste ich Dich auf eine Stufe heben, worauf ich selbst nicht stehe, wo Du frei und herrlich über das Leben hinschauen könntest, wo Du die Menschen liebtest, auch wenn sie Dir nicht gefielen, wo Du nichts über Dir hättest als den Himmel, und die ganze Erde unter Dir.
Ach! Clemens, wenn ich nichts für Dein Glück thun könnte, so müßte ich ja verzagen, denn wie sollte ich Dir dann vergelten, was Du an mir gethan? — Ja, Du hast mich geweckt, Du hast mir den dichtenden gottliebenden Sinn wieder gegeben, ohne den das Leben mir nur eine unendliche Last ist. Es ist ein herrlicher Muth in mir, und wenn es auch nicht immer so bleibt, so kann es doch nie ganz vergehen. Mir ist, als reichte ein Arm aus den Wolcken, der mich führte, und von allem was ich unternähme, könne nichts mislingen.
Nun von Geschäften. Die Wohnung muß recht schön sein, und da ich noch immer glaube, daß Carl Ostern hinkömmt, so ist auch der Preis nicht zu hoch. Doch schreibe mir, ob ich für die Meubles, die ich einstweilen im Gebrauch habe, noch besonders bezahlen mus ....
Da ich eine ziemliche Menge Gedichte habe, so könnte ich jezt für das nächste Jahr, einen Almanach accordiren, den ich den Namen: romantischer Almanach, geben möchte. Doch müßtest Du mir einige Deiner Lieder dafür geben, weil ich durchaus keine fremden Beiträge nehmen werde. Kannst Du das? Schreib es mir bestimmt und bald.
Vom Heurathen sprich mir nicht. Du weißt ich thue alles alles, was Du begehrst, und wovon Du glaubst, es könne Dich glücklicher machen, aber wolle nichts, was Dich nicht zufriedner macht, — und mich auch nicht. Sag jezt den Leuten, was Du willst, und überlaß mir das übrige ganz; ich werde alles schon einzurichten wißen. Vertraue mir ganz, ich verdiene es, liebe die Menschen und sei lustig. Was soll ich mit einem so unzufriednen Liebhaber anfangen? ....
- Clemens hatte in einem Brief geklagt: »an mir zieht alles mit Gewichten, ich kann keinen Menschen finden, der mich so recht lieben kann«, auch wisse er sein Glück nicht zu fühlen. — Carl: Sophies Bruder. — Almanach: Sophies Plan, einen romantischen Almanach herauszugeben, gelangte nicht zur Ausführung.
Sophie Mereau an Clemens Brentano
[Weimar, etwa 28. Oktober 1803]
Clemens, ich werde Dein Weib — und zwar so bald als möglich. Die Natur gebietet es, und so unwahrscheinlich es mir bis jezt noch immer war, darf ich doch nun nicht mehr daran zweifeln. Meine Gesundheit, Deine Jugend, meine jezige Kränklichkeit — ist Dir, Unbefangnen, denn nie etwas dabei eingefallen? — Ich weis nicht, warum es mir kostet, Dir zu sagen, und doch kann ich nicht länger schweigen. — Wärest Du bei mir, so wollt' ich Dir es sagen, mit einem Kuß, doch will die Feder nicht zu schreiben wagen, den Götterschluß. Geheimnißvollstes Wunder, so auf Erden, die Götter thun, was nie enthüllt, nie kann verborgen werden — so rathe nun! denk Schmerz, Lust, Leben, Tod, in Einem Wesen verschlungen ruhn, denk, daß ein ahndungsvoller Sänger Du geweßen — erräthst Du's nun?
Wärst Du in Deine vorigen Grausamkeiten zurückgefallen, so war ich fast entschloßen, eine Diebin zu werden, und mit Deinem Eigenthum an einen Ort zu flüchten, den ich mir schon ersehen hatte, wo Du mich nie, nie wieder gefunden hättest; so aber, da Deine Briefe in schönen Zusammenhang, sich wie eine Kette von goldnen Blumen um mich geschlungen, und mich ununterbrochen immer näher zu Dir geführt haben, will ich Dir Dein Eigenthum zurückbringen, und sorgsam bewahren. Mein Herz ist jezt so frei, so leicht, so muthig, daß ich kaum noch weis, ob ich eins habe — und meinen Kopf entführen mir Menschen Geschäfte und Briefe. Ich habe diese Woche eine Menge Besuche gehabt — wie froh will ich sein, wenn ich nur Einen Menschen sehen, nur Ein Geschäft haben, und gar keine Briefe mehr schreiben werde! — Ich habe Deinetwegen schon wieder Streit gehabt. Es ist sonderbar, daß auch nicht Ein Mensch ist, der nicht Deine Talente bewundert und Deinen Carakter fürchtet. — Nur ich, ich fürchte ihn nicht; es macht mich ganz frölich, mich einmal so ganz allein, keck der ganzen Welt entgegen zu stellen. Ich werde mit Dir glücklich sein, das weis ich; ob ich es bleiben werde, das weis ich nicht, aber was geht mich die Zukunft an? — Kann ich nicht sterben, eh' ich unglücklich werde? — Es müßte recht angenehm sein, in Deinen Armen, und von Dir beweint, zu sterben — beßer aber doch, ist's zu leben, und sich mit Dir des goldnen Lichts zu freuen, und ich versichre Dich, im Vertrauen, ich habe den Glauben, den Muth, die Gewisheit, daß Du mich gar nicht unglücklich machen kannst.
Meine Idee nun, wäre, daß ich mich mit Dir schon auf der Reise trauen ließe. Du kämest mir bis Eisenach entgegen; ich besorgte hier in Weimar alles, was mir, um getraut zu werden, nöthig ist, Du, thätest dies dort ebenfalls, und dann gingen wir zu dem Prediger des ersten Dorfs, um uns in seiner Kirche trauen zu laßen. Oder willst Du es lieber auf der Wartburg? — Schreib mir hierüber ganz bestimmt und mit der nächsten Post. Du hast nun 2 Briefe von mir, auf welche ich noch keine Antwort von Dir habe, dieser ist der dritte. — Ich weis nicht, ob es Dich beleidigt, wenn ich Dich bitte, meine Gründe, nun gleich Dein Weib zu werden, jezt vor Allen Andern ein Geheimniß bleiben zu lassen; es kann sein, daß es sich von selbst versteht, aber ich verstehe mich nicht genug auf die Feinheit des männlichen Tackts um dies zu wißen.
So eilet ihr Tage, mit klingenden Schwingen,
mir schnell den Erwünschten, den Liebsten zu bringen
verschwunden sind Stunden voll finstrer Schmerzen,
nur festliche Kerzen erhellen die Herzen.O! laßt mich nicht sterben, ich kann nicht vergehen!
Er ist es, ich habe den Liebsten gesehen!
Er ist mir erschienen im goldnem Gewande,
ein Engel, zu lösen die irrdischen Bande.
Ich habe Dein Gold erhalten, wovon ich Dir den dritten Theil gleich wieder baar mitbringen werde, und Deine Briefe, die mir noch weit goldner sind, als Dein Gold. Es ist sonderbar, daß meine Sehnsucht nach Deinen Briefen immer höher steigt. Die Stunde, wo ich sie erwarte, läßt mir keine Ruhe; ich bin an das Fenster gebannt, und schon in der Esplanade entdeck ich das Kleid des ersehnten Boten, das mir schöner als alle Farben der Iris schimmert. Nun hör ich seinen wohlbekannten Tritt, der mich nie täuscht, ich trete heraus, und bin ordentlich verliebt in den Mann, der überdies gar nicht häslich ist, und der, von meiner Freundlichkeit verführt, nie unterläßt, mich halb verliebt halb schalkhaft anzublicken. — Weinen sollt' ich, wenn ich Weimar verlaße? — Wie irrst Du Dich! ich scheid' aus diesen Gründen, mit freier Brust, die Liebe such' ich, weis sie mir zu finden, o süße Lust! Was ich gesehn in früher Jugend Träumen, das holde Bild, mein harrte es, in ferner Zukunft Räumen — nun ist's erfüllt'. — An Jena könnte ich wohl eher mit Wehmut denken, und hätte nicht die Liebe mich beherrscht, so würde ich diesem armen, verlasnen Städchen durch meine Gegenwart — laßen Sie Ihre Spöttereien, mein Freund! — sicher neues Leben, neuen Trost gebracht haben.
— Es ist sonderbar, wie stark der feste Wille, die Zuversicht eines Menschen auf andre wirckt; seitdem diese Freudigkeit, diese Gewisheit in mir ist, seh' ich wie Alle, deren Meinung erst mir so ganz entgegengesetzt war, sich unwillkürlich zu der meinigen gezogen fühlen. Ach! wenn Du wüßtest, wie überschwänglich seelig mein Herz ist, wenn Du sagst, daß Du Dich glücklich fühlst! wie innbrünstig ich oft für Dein Glück gebetet, gerungen, wie ich es gern mit Glück und Leben, nur mit keiner Lüge, hätte erkaufen mögen! mein Verhältniß zu Dir ist das erste ganz reine und schöne, das ich je auf Erden gehabt. —
Ich kann Dir nicht mehr schreiben, ich bin so ungedultig, und es gnügt mir nicht. — Schreibe mir ganz bestimmt wegen der Reise und allem andern. Wohin und an wen ich die Sachen, die in Büchern, Betten für die Magd und einigen andern Dingen bestehen, adreßiren soll. Aber alles bestimmt, und unverzüglich.
Gute Nacht, meine Zukunft, mein Gebieter — und doch mein Eigenthum!
- Ursprünglich hatte Sophie den Gedanken an eine Heirat weit von sich gewiesen, so sehr Clemens auch auf eine Ehe drängte, von der er sich die »größeste, wohltätigste Ordnung«, »Ruhe und Arbeitsamkeit« versprach. Die Trauung fand in der evangelischen Kirche in Marburg statt. Das Kind, auf den Namen Achim Ariel Tyll getauft, starb im Alter von fünf Wochen.
Sophie Brentano an Clemens Brentano
[Heidelberg] d. 17ten [November 1804]
Soll ich weinend oder lachend auf Deinen lezten Brief antworten? — einen größern Don Quichote wie Dich, trug ge-wis nie die prosaische Erde! Zuhauße sizt sein treues Weib, liebt ihn, lebt eingezogen arbeitsam, trägt ihn in und unter dem Herzen, und ist ganz zufrieden — er reißt ganz lustig durch die Welt, zu einem geliebten, wunderholden, einzigen Freund, er könnte ganz ruhig und glücklich sein, aber weil er nun gar nichts weis, ihm gar nichts fehlt, so kämpft er gegen Windmühlen, und trägt sich mit den unwesentlichsten Grillen! — Ich bitte Dich, nimm doch das Gute wahr, das Dein ist, es nicht genießen, ist auch Sünde, und bekämpfe diesen unbeschreiblichen Hang, stets nach dem Fernen Dich zu sehnen. Diese ewige Sehnsucht gehört nur Gott. — Meine Liebe, meine ich, müßte Dich umgeben wie ein warmes, weiches Kleid, das Du überall mit Dir trägst und in dem Du Dich wohl befindest, aber es scheint, als bedürfe Dein Gefühl, um zu fühlen, öfters einen Reiz, der, wie spanische Fliegen, Blasen zieht. Du bist es, nicht ich, der ewig nach der Fremde trachtet. Deine Begierde nach mir ist eben das, was Du oft bei mir empfunden, was Dich jezt zu mir zieht, zog Dich oft von mir weg, es ist ein allgemeines Gefühl ein stetes Sehnen nach dem entferntem, das mich eigentlich insbesondre gar nichts angeht. Ich bitte Dich, lieber Fremdling, kom doch endlich einmal nachhauße, Du bist stets nicht bei Dir, und es ist so hüpsch bei Dir; versuch es nur, und kom zu Dir selbst, Du wirst die Heimath finden, sie lieben, und dann immer mit Dir tragen! —
Es ist wahr, ein Gefühl ist in mir, ein einziges, welches nicht Dein gehört. Es ist das Gefühl der Freiheit. Was es ist, weis ich nicht, es ist mir angebohren, und Du verleztest es zuweilen. Vertheidigen kann ich es nicht, denn wer sich vertheidigen muß, ist nicht frei; betrügen kann ich nicht, denn Betrug ist Zwang, kannst Du es also mehr schonen, wie bisher, so bin ich zufriedner. Von meinen Leben kann ich Dir nichts schreiben, es ist einfach und arbeitsam; es war unmöglich, daß ich so viel arbeiten könnte, wenn Du hier wärest ....
- Im Sommer 1804 war Achim von Arnim von seinen großen Fahrten nach Frankreich und England wieder in Berlin eingetroffen, und Clemens, von unwiderstehlicher Reiselust gepackt, beschloß, den Freund zu besuchen. Bereits auf der Hinreise quälte ihn die »Torheit«, Sophie allein in Heidelberg zurückgelassen zu haben: »in einer ewigen Unruhe bin ich Deinethalben, Eifersucht, Sehnsucht, alles plagt mich«. Das hinderte ihn jedoch nicht, mit Arnim in Berlin ein vergnügtes, anregendes Leben zu fähren und eine Menge neuer Bekanntschaften anzuknüpfen.
Sophie Brentano an Clemens Brentano
[Heidelberg, den 20. Juli 1806]
Ich kann Dir es nicht leugnen, Clemens, daß mich Dein Brief ganz unendlich gerührt hat. Eine heilige Flut von glauben, hofen und lieben drang so gewaltig in mein Herz, daß ich in süßer Wehmut vergehn zu müßen glaubte. Ich weis nicht, wie ich das nennen soll, was zuweilen aus Dir spricht, mit wunderbarer Stimme aus Dir heraus schreit, aber es mag wohl etwas göttliches sein, weil es so viel Gewalt hat, und man so viele Schmerzen darum vergeßen kann. Und wenn es auch in der Erscheinung vorüber gehend ist, so weis ich doch so gewis daß es wahr, und eigentlich unvergänglich ist, daß ich darauf sterben wollte. — Ich gönne Dir es recht herzlich daß Dir so friedlich zu Muthe ist, und Du dort mit den Deinigen lebst, wie die seligen Götter, denen irrdische Sorge und Schmerz nicht nahen darf. Theilc diesen Zustand, so lange es Dir möglich ist, denn er ist selten und stärkt auf lange. Ich habe Dich herzlich lieb, und freue mich recht, Dich wieder zu sehen. Dann will ich Dir sagen, daß ich in Deiner Abwesenheit noch oft habe weinen müßen, aber auch, was für neue Hofnung ich habe. Hulda ist wohl und grüßt Dich.
Sophie.
- Clemens war wenige Tage zuvor zum Besuch seiner Geschwister im Haus »Zum Goldnen Kopf« nach Frankfurt gefahren und hatte in einem Brief Sophie gebeten, ihm zu folgen. An Achim von Arnim, der im Herbst zum dritten Male bei den Brentanos Pate werden sollte, schrieb er im gleichen Monat: »Du sollst Dich freuen, was Sophie mich liebhat und wie sie gut ist.Wir leben in einer wunderschönen, einigen Ehe.« — Dieser Brief ist der letzte, den Clemens von Sophie empfing.