Nach 45

Ein neuer Aufbruch?

Nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges 1945, gab es in Deutschland lange Zeit keine feministische Presse.
Mit den 50er Jahren erschienen auf dem Medienmarkt der Bundesrepublik kommerzielle Frauenzeitschriften der großen Verlage. In ihrem Frauentyp - optimistische deutsche Haus- und Trümmerfrau - und Teilen des Erscheinungsbildes sind sie den nationalsozialistischen Frauenzeitschriften nicht unähnlich. Sie tragen entscheidend dazu bei, daß Frauen, nachdem sie im Krieg und beim Wiederaufbau voll in die Produktion einbezogen wurden, bald wieder auf Haushalt, Mode, Kinder und Konsum orientiert werden. Mit groß aufgemachten Bildgeschichten offerieren sie der Leserin die Möglichkeit, sich mit ihren Wünschen in die Welt der großen Stars und Königshäuser zu projezieren. Von Berufstätigkeit und Politik ist in diesen Frauenillustrierten so gut wie nicht die Rede: Kochrezepte, Improvisationsvorschläge für Einrichtung und Kleidung sowie »Lebenshilfe« sind die »journalistischen Renner.«
Die alte Frauenbewegung war zerschlagen oder paralysiert, sie konnte ihre Traditionen nicht über den Faschismus hinaus retten. Neue Leitfiguren fehlten. Die Frauen, die jetzt kleine Kinder hatten, waren noch im Dritten Reich erzogen und auf das Bild der Deutschen Frau eingeschworen worden. Sie dachten nicht an eine Anknüpfung an alte Ideen der Frauenbewegung, sondern erzogen ihre Töchter in einer ambivalenten Haltung von Konservatismus und neuer Leistungsideologie: Die Mädchen hatten formal zwar die gleichen Bildungschancen wie die Jungen, wurden aber trotzdem meist nur halbherzig auf einen Lebensberuf vorbereitet, weil der eigentlich in der Gesellschaft dominierende Frauenberuf (auch im Ehegesetz der 50er/ 60er Jahre) noch immer die Hausfrau und Mutter war.
Die wenigen parlamentarischen Politikerinnen, die es in den 50er Jahren gab, waren vom Gros der Frauen und ihren Belangen durch die abgehoben repräsentativen Institutionen Bundestag und Stadtregierung völlig isoliert. Und nur eine Minderheit der alten Kämpferinnen ging mit jungen Leuten und alten Gewerkschaftern 1954 gegen die Wiederbewaffnung der jungen Republik auf die Straße. Erst durch die Entstehung einer neuen Frauenbewegung im Zuge der Studentenbewegung - als Kritik an deren patriarchalischen Strukturen - erscheinen zuerst feministische Flugblätter, dann Broschüren und schließlich eigene Zeitungen. Teilweise treten sie betont autonom wie das Berliner Lesbenblatt Unsere kleine Zeitung auf, teils aber auch an sozialistisch-kommunistischen Organisationen orientiert wie BROT + ROSEN, ebenfalls aus Berlin.
In den frühen 70er Jahren entstehen in vielen Städten regionale Frauenzeitungen, die, wie z.B. die HAMBURGER FRAUENZEITUNG, über Aktivitäten am Ort berichten. Oft stehen sie im Zusammenhang mit Frauenzentren und dienen mehr der Information für die örtliche Frauenbewegung als der Gegeninformation von Leserinnen, die ansonsten nur durch männlich-bürgerliche Medien bedient werden.
1976 erscheint die erste Nummer der COURAGE, einer überregionalen autonomen Frauenzeitung aus Berlin, die sich als Sprachrohr Kommentar   231 der Frauenbewegung versteht. Nicht nur mit ihrer inhaltlichen Schwerpunktsetzung - politische, gesellschaftliche und private Unterdrückung von Frauen sichtbar zu machen auch in ihrem journalistischen Konzept setzt sie sich bis heute bewußt von den herrschenden Medien ab. Nicht professionelle Journalistinnen, sondern Frauen aus der Bewegung schreiben bewußt subjektive und parteiliche Berichte, Artikel und Erzählungen - den vermeintlich objektiven Männermedien entgegengesetzt, (vgl. zum Konzept S. 235). Aber auch entgegengesetzt der seit Januar 1977 publizierten EMMA, einer Kölner überregionalen Frauenzeitschrift von und für Frauen, deren Chefredakteurin und Herausgeberin Alice Schwarzer ist. Emma wird dem Konzept nach von professionellen Journalistinnen gemacht, die in den Männermedien nicht mehr arbeiten wollen. Die von Leserinnen oder freien Autorinnen eingesandten Manuskripte unterliegen einem redaktionellen Auswahlverfahren nach Kriterien der »Lesbarkeit« und »feministischen Sichtweise«, (vgl. S. 237) Indem es der Emma um Gleichberechtigung als Teilnahme der Frauen in allen Bereichen und Positionen geht - was sich z.B. an der Forderung »Frauen in die Bundeswehr« zeigt — läuft sie Gefahr, in formaler Gleichheit der Geschlechter und Erkämpfung gesellschaftlicher Schlüsselpositionen stecken zu bleiben. Andererseits erschienen in Emma oft staatskritische Artikel, die so in kaum einer anderen Zeitung noch abgedruckt wurden. Der Druck, eine hohe Auflage zu erzielen, damit das feministische Unternehmen rentabel bleibt, führt weniger zu politischen, als zu formalen Zugeständnissen - oft wird auf Widersprüchlichkeit zugunsten einer pragmatischen Eindeutigkeit verzichtet, oft offeriert der Stil eine zu leichte Konsumierbarkeit.
In der COURAGE ist dagegen eine neuentdeckte weibliche Produktivität eines der fundamentalen Themen. Nicht so sehr Enthüllungen über skandalöse Frauenbenachteiligung oder -Unterdrückung, sondern Betonung der Stärke und Aktivitäten von Frauen haben hier Priorität. Das heißt nicht, daß nicht in jüngster Zeit verstärkt Themen wie Arzneimittel-Skandale, Kriegsgefahr, Atomkraftwerke oder das Thema Frauen und Bundeswehr intensiv behandelt werden. Insgesamt aber ist durch die selbstverständliche Vorwegnahme eines Konsenses der Leserinnen über die neuen Lebensformen und -inhalte der Frauenbewegung eine Gefahr der Gettoisierung dieser Zeitschrift gegeben.
(zum Selbstverständnis vgl. S. 234)
COURAGE erscheint monatlich jetzt schon im sechsten Jahr, ist am Kiosk erhältlich, erscheint in einer Auflage von ca. 67 000 und hat einen Umfang von 60 Seiten.
EMMA erscheint auch monatlich, in einer Auflage von ca. 70 000, hat einen Umfang von ca. 64 Seiten und ist ebenfalls am Kiosk erhältlich. Während Courage zu Zweidrittel von aktiven Frauen aus der Bewegung gelesen und als deren Sprachrohr begriffen wird, erreicht Emma überwiegend Frauen aus der Provinz, die mit ihrer Situation unzufrieden, aber nur zu geringem Prozentsatz in Frauengruppen aktiv sind. (lt. eigenen Angaben.)
Von 1975 - 79 gab es, in Münster herausgegeben, einen überregionalen »Informationsdienst für Frauen«, der vom feministischen Verlag Frauenpolitik herausgegeben wurde. Er informierte über aktuelle in- und ausländische Themen der Frauenbewegung.
Ende der siebziger Jahre entwickelte die deutsche Frauenbewegung - ähnlich der Alternativbewegung - ein verstärktes Interesse an einer eigenen Kultur als politisches Medium und Mittel zur Selbstverwirklichung. Die Gründung von Frauen-Kulturjournalen war deshalb nur konsequent: z. B. FRAUEN UND FILM, FRAUENOFFENSIVE, KASSANDRA TROUBADOURE und MAMAS PFIRSICHE. Auf Gleichberechtigungsfragen - Thema der alten Frauenbewegung - wird sich in den jungen Medien kaum eingelassen, dominierend sind Themen wie »Selbstorganisation und weibliche Erfahrung«, »Feministische Projekte«, »Anders leben«, und »Körper und Geburt«.
Doch seit 1979 ist - in Emma und Courage zumindest - eine neue Politisierung auch nach außen festzustellen: § 218, Wahlen, AKWs und Bundeswehr sind einige der Themen. Und nach der letzten Sommeruniversität für Frauen, 1980 in Berlin, hat Emma die Initiative unternommen, sich selbst als Organ auch für ideologische Debatten um Entwicklung und Zielsetzung der Frauenbewegung anzubieten - dies als wichtiger Schritt, in der Bundesrepublik zu einem Geschichtsbewußtsein  in der Frauenbewegung zu kommen. Auch als Versuch, Fehler, die in der Geschichte der Frauen vor dem Faschismus gemacht wurden, zu vermeiden und vielleicht doch einen Schritt voran zu kommen. Damit nicht ewig gilt, was die 88jährige Gertrud Baer, eine alte Radikalfeministin aus der Münchner Räterepublik, 1978 zu EMMA in einem Interview sagte: »Wir stehen doch heute wieder am Punkt Null«     

Courage

IN EIGENER SACHE
Autonomie und Konkurrenz

Mit den immer zahlreicher werdenden Frauenprojekten taucht ein Problem auf, das zwar in der Frauenbewegung neu ist, ansonsten aber so alt wie der Kapitalismus selbst. Es ist die Konkurrenz. Zwei Frauen-Buchläden gibt es schon in Berlin. Zwei Frauenkneipen. In Münster gibt es Konkurrenz zur Frauenoffensive und in Berlin gibt es den ersten Lesbenverlag, den Amazonenverlag. Nach Berlin wird es einen Vertrieb in Freiburg geben, ein zweiter Frauenkalender wird in Essen vorbereitet, und Courage bekommt im Januar Konkurrenz von Alice Schwarzers Emma. Was die Linke mit ihren konkurrierenden Verlags- und Vertriebsprojekten gerade geschafft hat, ist bei der Frauenbewegung noch nicht einmal in Sicht: es gibt keine Absprachen, keine Koordination. Wir haben von Alices Frauenzeitung offiziell 1 Tag vor dem Erscheinen der Nullnummer der Courage erfahren. Alice hat vom Plan des Gegenkalenders in der Frauenzeitung gelesen. Das emphatische »Frauen gemeinsam sind stark« scheint in dem Augenblick in Frage gestellt zu werden, in dem die autonomen Projekte beginnen, die Produkte ihrer Autonomie zu verkaufen. Der Markt verwandelt Selbständigkeit der Frauen in selbständiges Unternehmerinnentum, dem es nicht mehr gelingt, ein gemeinsames Projekt und das ist auch ein gemeinsames Produkt zustandezubringen. Darin sehen wir eine Gefahr. Alice hat unser Angebot, bei Courage mitzumachen, abgelehnt: Es sei besser, wenn es zwei Zeitungen gäbe. Ein Projekt ist zu zentralistisch.
Zentralismus oder Vielfältigkeit der Ansätze sind jedoch nicht der Gegensatz. Sicher wird es Unterschiede zwischen der Courage und Alices »Emma« geben. Über ihr Ausmaß könnten wir jedoch nur spekulieren. Sicherer sind die Überschneidungen, handelt es sich doch in beiden Fällen um Zeitschriften, die sich an alle Frauen wenden.
Ob eine Zeitung, zwei oder fünf, das ist unserer Ansicht nach kein Streitpunkt. Je mehr, desto besser, möchten wir gern sagen, gäbe es nicht das ökonomische Problem. Feministischer Wettbewerb und feministische Konkurrenz aber sind das absolute Gegenteil dessen, was wir als Strategien der Frauenbewegung bezeichnen würden.
Das Geld, mit dem die Projekte finanziert werden, stammt in jedem Fall aus der Frauenbewegung. 150.000 DM für den »kleinen Unterschied« konnten nur verdient werden, weil es eine breite Bewegung der Frauen gibt, die ihre Rolle in Frage stellen. Worum es geht ist, wie der Gewinn, der aus der Frauenarbeit, dem Frauenmarkt kommt, wieder für die Frauenbewegung genutzt werden kann. Ob dies geschieht in einem professionellen Projekt, auf das die Frauenbewegung keinen Einfluß mehr hat, ob das geschieht in Anlehnung an bürgerliche Verlage.
So wird z. B. eine Nummer der 200.000 Auflage-Zeitschrift Emma ca. 150.000 DM kosten: genauso viel, wie Alice nach eigenen Angaben an Startkapital hat: Frage: Woher kommt das Geld für die nächsten Nummern. Frage: Ist eine Gesellschaftsform, in der Alice die einzige Gesellschafterin ist, noch eine Organisationsform, die die emanzipatorischen Ansätze der Frauenbewegung aufnimmt und weiterentwickelt? Die Ausweitung der Frauenbewegung, die Verfügung über Publikationen, ist nicht mehr in der Frauenbewegung besprochen. Vorhandenes Geld bedeutet Macht. Auch die Macht zu individueller Entscheidung. Was ist anders bei Courage? Wir sind inzwischen eine Gruppe von über 10 Frauen, die regelmäßig in der Redaktion mitarbeiten, die sich alle anfallenden Arbeiten teilen, sei es Anzeigen besorgen, Abos verschicken, Artikel korrigieren, schreiben oder diskutieren. Die »Lay-out«-Frauen besorgen die grafische Gestaltung vom Entwurf der einzelnen Seiten bis zur Vorbereitung der druckfähigen Blätter. Die meisten Frauen arbeiten in verschiedenen Frauengruppen mit.
Courage Nr. 2/1976

IN EIGENER SACHE . . .

Das Konzept der Zeitung, so wie wir es uns vorgestellt haben, beruht darauf, möglichst viele Frauen zum Schreiben zu ermutigen. In Courage sollen einzelne Frauen oder Frauengruppen über ihre Situation berichten können, in Courage soll die Diskussion zwischen konträren Positionen der Frauenbewegung ausgetragen werden. Natürlich gibt es dabei Probleme: die Frauen, die zu uns kommen und etwas schreiben möchten, sind selten Journalistinnen. Oft sind die vorgeschlagenen Formen der Selbstdarstellung nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten verständlich, andere Artikel sind nicht konkret genug. Manche schildern nur Unterdrückung und Elend, wo es auch Widerstand und Lösungen gibt, andere sind nicht kritisch genug und unterschlagen die Schwierigkeiten, die Frauen haben, gemeinsam stark zu sein. Selbstverständlich für uns - mit Ausnahme von Pannen, die passieren - ist, daß wir keinen Artikel ohne Rücksprache mit den Autorinnen verändern. Kritisieren ist oft nicht angenehm, trotzdem müssen wir mit allen Artikeln so verfahren wie mit unseren eigenen, die in der Redaktion intensiv durchgegangen werden. Wir müssen sie besprechen, überarbeiten, sie in der Gewichtung des Heftes beurteilen. Nicht, weil wir vieles besser wüßten, sondern weil es darauf ankommt, die artikulierten Probleme, Interessen und Wünsche so zu »veröffentlichen«, daß sie von einem großen Kreis der Leserinnen verstanden werden und an die Erfahrungen vieler Frauen anknüpfen. Würden wir unbesehen alle Artikel von Frauen oder Frauengruppen abdrucken, nur weil sie »authentisch« sind, kämen wir diesem Ziel nicht in jedem Fall näher. Dabei ist es nicht das Wichtigste, ob uns die Meinung der Autorin paßt oder nicht. Wir veröffentlichen Texte, auch wenn sie nicht die Meinung aller Redaktionsfrauen wiedergeben. Wir veröffentlichen sie, wenn wir der Ansicht sind, daß sie eine Selbstreflektion oder Diskussion in Gang setzen können: Die Kritik an »Häutungen« sollte die Überlegungen um eine neue Frauenidentität weitertreiben, der »Abgang« sollte das Problem des Kinderwunsches und die damit verbundene Abhängigkeit von Männern aufgreifen, in diesem Heft kann der Beitrag über Vergewaltigung zeigen, daß das Problem in Frankreich in einem weiteren Umfang, radikaler diskutiert wird.
Die Frauenbewegung ist kein Produkt irgendeiner Partei, sie ist eher spontan aus der Kritik an linken Gruppierungen entstanden. Sie hat keine einheitliche politische Ausrichtung, sondern besteht aus unterschiedlichen Gruppen. Courage hat keine fertige >Linie<, mit der sie die Bewegung konfrontieren will. Wir haben vielmehr die Vorstellung, daß Courage in einem Gedankenaustausch zwischen Redaktion und Leserinnen dazu beitragen wird, schärfer zu fassen, was für uns Frauen wichtig ist und was wir politisch wollen, um gesellschaftliche Macht für Frauen durchzusetzen. Neue Maßstäbe, Werte und Strategien zu entwickeln ist schwer. In dem Vermeiden zu schneller Fixierungen mag dabei mitunter gerade eine Chance liegen.
Für das nächste Heft haben wir die inhaltlichen Schwerpunkte: Frauenarbeitslosigkeit und »Wie bekommen Frauen Kinder?« vorgesehen. Frauen, wenn ihr Euch an der Erarbeitung von Schwerpunkten beteiligen, oder Schwerpunkte und Themen vorschlagen wollt, meldet Euch! Wir freuen uns über Eure Anregungen. Mehr denn je sind wir auf die Mitarbeit vieler Frauen angewiesen. Und im übrigen: wir brauchen Kritik und nochmals Kritik.
Courage Heft 3/1976

EMMA

Alice Schwarzer
UNSERE ZEITUNG

Seit fünf Jahren warte ich auf diesen Moment. Mindestens solange ist klar, daß uns engagierten Journalistinnen die Luft in den Männermedien immer knapper wird. Denn egal ob »links« oder »rechts«, ob Boulevardblatt oder Polit-Magazin, ob Funk oder Fernsehen überall haben Männer das Sagen und nutzen dies auch weidlich aus. Die existierende Presse ist eine Männerpresse.

  • EMMA ist eine feministische Zeitschrift, denn wir sind davon überzeugt, daß es Frauen in unserem Land noch schlechter geht als Männern; daß da, wo Frau und Mann Opfer werden, Frauen noch die Opfer der Opfer sind.
  • EMMA ist eine feministische Zeitschrift, denn wir sind davon überzeugt, daß es zwar heute einen großen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt, daß aber von Natur aus Frauen weder schlechter noch besser sind als Männer, weder dümmer noch klüger, weder schwächer noch stärker.
  • EMMA ist eine feministische Zeitschrift, denn wir werden immer einen konsequenten Frauenstandpunkt einnehmen. Wir werden uns in jeder Situation - ob das nun § 218, Wirtschaftspolitik oder Mode ist fragen: Was heißt das für uns Frauen?

Emma wird viele Stimmen, auch unterschiedliche, zu Wort kommen lassen. Denn Emma hat keine Partei-Linie, und kein Programm, aber durchaus eine Zielvorstellung: Nämlich mitzukämpfen gegen die Erniedrigung und Benachteiligung von Frauen und Unterdrückung überhaupt.
In Emma wird kein Mann schreiben. Denn Männer stecken nun mal nicht in Frauenhaut. Aber die sensibelsten und mitfühlendsten — und die sind leider rar - wissen nicht, was es heißt, auf der Straße angequatscht zu werden, seine Periode mit Verspätung zu kriegen, zwischen Kind und Beruf mit schlechtem Gewissen hin und her zu hetzen. In Frauenfragen sind Frauen die Kompetentesten.
Wir selbst versuchen, nicht nur anders zu schreiben, sondern auch anders zu leben und zu arbeiten. Unsere Zeitung wird kollektiv gemacht. Es gibt keine »Chefin«, die über die Köpfe der anderen hinweg entscheidet. Wir arbeiten auch auf einen kollektiven Besitz dieses Blattes hin.
Die Startsumme für Emma beträgt noch nicht einmal ein Zwanzigstel von dem, womit sonst eine Zeitschrift dieser Größenordnung lanciert wird. Aber selbst diese Summe ist uns schwergefallen. Alles Geld in Emma kommt von Emma - Mitarbeiterinnen. Ausschließlich. Noch aber haben wir die zweite entscheidende Klippe, haben wir das erste halbe Jahr, nicht geschafft. Dazu brauchen wir die Unterstützung der Emma - Leserinnen.
Fragt überall 'nach Emma! Bestellt und verlangt sie an eurem Kiosk! Abonniert sie bei uns (siehe letzte Seite). Kauft und verschenkt sie, so oft es euer Portemonnaie erlaubt.
Sollten wir jemals Profite machen - was in weiter Ferne liegt - werden wir dieses Geld in andere Projekte von Frauen investieren. Denn wir Frauen brauchen ganz viele Zeitungen, Verlage, Frauenzentren, Kliniken, Theatergruppen, Rockbands, Karatekurse, Kinderkrippen, Ferienhäuser.
Über EMMA selbst wollen wir hier nichts sagen, sie spricht — so hoffen wir - für sich. Wichtig wäre, daß es kein Monolog bleibt. Wir alle sind gespannt auf Ihre Reaktion!
Herzlich Ihre
Alice Schwarzer
Emma Heft 2/77

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