Übergang zum Sozialismus: Dekadenz oder Revolution

Es mag etwas merkwürdig aussehen, über die Perspektiven des Sozialismus zu reden in einer historischen Phase, die so offensichtlich durch den Rückschlag der sozialistischen Idee in den entwickelten westlichen Ländern gekennzeichnet ist, durch Konfusion in der Dritten Welt und ihr Scheitern, um nicht zu sagen die Sackgassen, in die sie im Osten geraten ist — im sowjetischen wie im chinesischen. Dennoch ist, nach unserer Auffassung, dies die Epoche der Krise des Kapitalismus und des weltweiten Übergangs zum Sozialismus. Indessen sind die Formen dieses Übergangs und die mit ihm gestellten Probleme nicht erwartet und vorhergesehen worden, auch nicht von Marx und Lenin. Einige Überlegungen, welcher Art diese Probleme sind, wollen wir im folgenden zur Diskussion stellen.

I.

Die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse stellt zweifellos das zentrale Motiv dar, von dem der Marxismus ausgeht. So hat Marx selbst festgestellt, daß für ihn das Wesentliche seines Beitrags nicht die Entdeckung der gesellschaftlichen Klassen ist, denn diese waren bereits vor ihm bekannt, sondern der Nachweis, daß der Klassenkampf in der modernen (kapitalistischen) Epoche zur Abschaffung der Klassen selbst (zum Kommunismus) führen muß. Dies setzt voraus, daß man folgendes anerkennt: 1) die zentrale Bedeutung des Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit als bestimmendes Verhältnis der modernen Gesellschaft; 2) den expansionistischen Charakter dieses Verhältnisses, das seinen Herrschaftsbereich unerbittlich in globalem Maßstab ausweitet; 3) die Unmöglichkeit einer Versöhnung der beiden Pole — des bürgerlichen und des proletarischen — und den illusorischen und kurzfristigen Charakter der Kompromisse zwischen ihnen; 4) das notwendige und wachsende Bewußtsein vom kommunistischen Weg bei den Proletariern; 5) die weltweite Ausbreitung dieses Bewußtseins als objektive Basis für den Aufruf »Proletarier aller Länder, vereinigt euch«. Die optimistische Überzeugung von Marx beinhaltet nicht die »religiöse« Gewißheit des kommunistischen Wegs. Sollten die hier aufgezählten Bedingungen einmal nicht mehr vorhanden sein, würde der Kapitalismus die Menschheit zur Selbstvernichtung treiben: die Wahl ist die zwischen »Kommunismus oder Barbarei«.

II.

Nun hat gerade die Geschichte der weltweiten Expansion des Kapitalismus die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse, wie der frühe Marxismus sie
formuliert hatte, in Frage gestellt. Statt die Gesellschaften zu homogenisieren, sie auf denselben einfachen Status von bürgerlich-proletarischen Gesellschaftsformationen zu reduzieren, reproduzierte der Kapitalismus, der sich auf Grundlage einer ungleichen internationalen Arbeitsteilung ausbreitete, die Heterogenität und Hierarchisierung der Nationen. Lenin, der die Komplizenschaft der sozialistischen Parteien der II. Internationale mit ihren Bourgeoisien bei der Ausplünderung der Kolonien und der Konfrontation der Mächte erkannte, hat in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (1917) auf die politischen Effekte dieser unvorhergesehenen Expansionsweise hingewiesen.
Bleibt die Frage, ob diese Expansion in Form reproduzierter Ungleichheit der kapitalistischen Gesellschaftsformationen wirklich etwas Neues war. War nicht der Kapitalismus immer schon, seit seiner Entstehung, ein weltweites System, gegründet auf die asymmetrische Stellung von Zentralregionen und von Regionen, die als »Peripherie« in das System integriert wurden? Traf dies nicht bereits für den Merkantilismus zu, in den Jahrhunderten des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus in Europa, d.h. vom 14. bis 18. Jahrhundert? Das kurze, ein halbes Jahrhundert (1820 bis 1870) dauernde Zwischenspiel des Industrialismus und des Freihandels in Großbritannien, in dem neue nationale Zentren in Europa nach englischem Vorbild entstanden (oder in ihrer Bildung beschleunigt wurden), konnte freilich die Illusion hervorrufen, daß die Ausweitung des Kapitalverhältnisses eine solche homogenisierende Kraft hat. Und genau in diesem halben Jahrhundert lebte Marx.

III.

Wir wollen aus dieser allgemeinen Beobachtung zur weltweiten Expansion des Kapitalismus folgende Schlüsse ziehen:

  1. In der kapitalistischen Produktionsweise hängt der Wert der Arbeitskraft (empirisch ausgedrückt: der Reallohn) von der Entwicklung der Produktivkräfte (der Arbeitsproduktivität) ab. Im kapitalistischen Weltsystem sind jedoch die Preise der Arbeitskraft um diesen Wert herum ungleich verteilt: in den Zentren sind sie höher, in den Peripherien niedriger. Das Preissystem, das sich aus dieser Verteilungsstruktur der Preise der Arbeitskraft ergibt, legt eine bestimmte internationale Arbeitsteilung und einen ungleichen Austausch fest — der insofern ungleich ist, als dieses Preissystem, auf dem er basiert, einen Werttransfer von den Peripherien zu den Zentren beinhaltet
  2. Die weltweite Expansion des Kapitalismus basiert auf dieser ungleichen Zurichtung der Gesellschaftsformationen, die in das sich herausbildende und dann unablässig entwickelnde Weltsystem integriert werden. Diese Zurichtung resultiert nicht aus einem simplen »äußeren« Kräfteverhältnis, indem zurückgebliebene Gesellschaften unter das politische Joch der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften gezwungen werden, sondern sie ergibt sich aus der Art und Weise, wie das Kapital die ersteren durchdringt und dann beherrscht. Man kann sie als die Organisation von Bündnissen und Gegensätzen zwischen »transnationalen« Klassen bezeichnen (auf der Ebene des Systems und nicht nur der Gesellschaftsformationen, die dieses System bilden), die in spezifischer Weise die Ausbeutung der Arbeitskraft gestalten: Vorherrschaft des direkten Ausbeutungsverhältnisses zwischen Kapital und Lohnarbeit in den Zentren, Weiterbestehen von Ausbeutungsverhältrassen, die über vor- oder nichtkapitalistische Verhältnisse wirken, in den Peripherien. Aus dieser realen Expansionsform erhält die erwähnte Divergenz des Preises der Arbeitskraft (des Reallohns oder Realeinkommens der in das System integrierten Kleinproduzenten) ihre Dynamik: Im Zentrum steigt dieser Preis parallel zur Produktivität, während an der Peripherie eine solche Parallelität fehlt. Die Gesellschaftsformationen des Zentrums können deshalb als autozentriert bezeichnet werden, weil ihre externen Beziehungen der Logik einer internen Akkumulation unterworfen sind, die autonom verläuft (aber nicht autark, und daher partiell durch diese externen Beziehungen determiniert), während die Akkumulationsrhythmen und -formen in den peripheren Gesellschaftsformationen sehr viel weitgehender durch die externen Zwänge determiniert sind, auf die das lokale System reagiert und sich einstellt
  3. Das Gesellschaftssystem des Weltkapitalismus wird daher nicht durch das Paar Bourgeoisie — Proletariat und dessen einfache Ausweitung gebildet, sondern durch ein komplexeres Ensemble von zentralen Bourgeoisien, peripheren Bourgeoisien und anderen peripheren Ausbeuterklassen (Feudal- und Stammesautoritäten etc.), mittleren Klassen, die aus der weltweit ungleichen Entwicklung hervorgegangen sind, ausgebeuteten Bauernschaften, einem segmentierten Proletariat, etc. Die Stellung dieser Klassen durch ihr Verhältnis zu den anderen muß in diesem globalen Rahmen erfaßt werden, der die nationalen und lokalen Rahmenbedingungen ergänzt.
  4. Wenn die Aufteilung des Systems in Zentren und Peripherien auf die Anfänge des Kapitalismus selbst zurückgeht, so hat sich die Art und Weise dieser Aufteilung mit den verschiedenen Etappen der Kapitalakkumulation entwickelt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat sich folgendes geändert: a) Bis dahin war es einer neuen Bourgeoisie möglich, sich durch Einfügung in das Weltsystem auf nationaler Ebene auszuformen. Es gab keinen Widerspruch zwischen dem Auftauchen neuer Zentren und der weltweiten Expansion des Systems. Seither aber gibt es einen solchen Widerspruch, denn die Macht des Kapitals der »Monopole« (die in Wirklichkeit Oligopole sind) zwingt die neuen Bourgeoisien dazu, sich als »komprado-risierte« Partner in die Logik der monopolkapitalistischen Strategie einzufügen, b) Die gestärkte Position des Kapitals in den Zentren hat dessen »sozialdemokratisches Bündnis« mit dem größten Teil der lokalen Arbeiterklasse möglich gemacht, wobei diese auf ihr Projekt einer klassenlosen Gesellschaft verzichtete (dieses Bündnis vereinbart sich gleichwohl mit der Spaltung der Arbeiterklasse, dem Ausschluß der Frauen und rechtlich ungeschützten eingewanderten Arbeiter). Sie ermöglichte ebenfalls eine Zunahme der »mittleren« Klassen, die die Arbeiterklasse zahlenmäßig übertroffen haben, und deren Existenz selbst an die beherrschenden Positionen der Zentren im Weltmaßstab geknüpft ist. c) An der Peripherie läßt die Entwicklung der Produktivkräfte innerhalb dieses — nationalen und globalen — gesellschaftlichen Rahmens spezifische Widersprüche hervortreten: zwischen der entstehenden Arbeiterklasse und dem lokalen und internationalen Kapital; zwischen der ausgebeuteten Bauernschaft und den verschiedenen Formen ihrer »feudalen«, merkantilen und bürokratischen Ausbeutung; zwischen den Mittelschichten und der politischen Macht als »Teilhaber« an der internationalen Kapitalmacht; zwischen bestimmten Teilen der Bourgeoisie und dem ausländischen oder dem einheimischen, am ausländischen beteiligten Kapital, etc.
  5. Die wirkliche Expansionsweise des Kapitalismus hat folglich die Perspektive einer »sozialistischen Revolution« in den entwickelten Zentren bis auf weiteres vertagt und die Bedingungen für eine potentiell revolutionäre Entladung in den Peripherien geschaffen. Man kann diese Expansionsweise als einen Transfer des Grundwiderspruchs des Kapitalismus von seinen Zentren zu seinen Peripherien kennzeichnen. Dieser Widerspruch bringt die wachsende Produktionskapazität des Kapitals in Gegensatz zu der Absorptionskapazität, die durch dessen Herrschaft tendenziell eingeschränkt wird. Er bringt das Kapital in einen ungleichen Gegensatz zu all den Klassen, die von ihm in verschiedenen Formen ausgebeutet werden. Weil sein Transfer mit der Reproduktion indirekter Ausbeutungsformen der Arbeitskraft verbunden ist, weist dieser Widerspruch spezifische und ambivalente Formen auf. Die wirkliche weltweite Expansion des Kapitals hat daher eine Form des »Übergangs« zu einem anderen Gesellschaftssystem auf die Tagesordnung gesetzt, die nicht »vorgesehen« war: eine Reihe von Revolutionen der »nationalen Befreiung« in den schwachen Kettengliedern der Peripherie, in denen sich Elemente von bürgerlicher und sozialistischer Revolution auf vertrackte Weise mischen. Wie dieser »Übergang« ausgehen wird, läßt sich nicht vorhersehen, denn es hängt von den politischen Kämpfen ab, die seinen Verlauf bestimmen. Dieser Ausgang kann sozialistisch sein (im Sinne der Abschaffung der Klassen) oder etatistisch (im Sinne eines »revisionistischen« Modells, zu dessen Lob die gegenwärtige sowjetische Realität beiträgt), oder er kann sogar nur ein Übergang zu einem höheren Stadium kapitalistischer Entwicklung sein. Die Frage der »Abkoppelung« entspringt aus dieser historischen Situation: die Kräfte, die die Widersprüche in eine sozialistische Richtung vorantreiben wollen, können sich nicht durch eine zu starke Eingliederung in das Weltsystem der Logik des Kapitals unterwerfen.
  6. Man kann es bedauern, daß dieser Übergang kein »rein sozialistischer« ist: es sind aber keine anderen möglichen Auswege zu erkennen an dem Horizont, der bestimmt ist durch die gesellschaftlichen Kräfte, wie die wirkliche kapitalistische Entwicklung sie geformt hat. Aber man kann nicht behaupten, daß der Kapitalismus nicht so ist, wie er ist, und aus ihm eine »reine« Abstraktion machen, die tendenziell das tun würde, was er bisher noch niemals, weder im 18. und im 19., noch im 20. Jahrhundert getan hat: die Welt auf der Grundlage einer Verallgemeinerung des unmittelbaren Verhältnisses von Lohnarbeit und Kapital zu homogenisieren.

IV.

Natürlich ist der historische Materialismus unvereinbar mit seiner Reduktion auf einen vulgären, linearen oder mechanistischen »Ökonomismus«, oder mit einer reduktionistischen Auffassung der Klassen als der einzigen sozialen Realität, der gegenüber jede andere soziale Realität negiert wird.
Die erste dieser Reduktionen taucht schon sehr früh auf, fast gleichzeitig mit den Schriften von Marx. Sie gehört in die Tradition der radikalen bürgerlichen Philosophie und gleicht, mit der Aufklärungsphilosophie, die Gesellschaft der Natur und den objektiven Charakter der gesellschaftlichen Gesetze dem der Naturgesetze an. Die »ökonomischen Zwänge« wirken demzufolge wie die natürlichen. Diese lange Tradition ruft, von Engels' Dialektik der Natur über Kautskys Ökonomismus bis hin zum sowjetischen Diamat, zwangsläufig den Reformismus auf den Plan — Bernstein hat es erkannt —, weil der Sozialismus sich damit in die Perspektive des Unausweichlichen einschreibt, das sich auch ohne bewußtes Handeln einstellen wird. Die oben genannte, das revolutionäre Bewußtsein betreffende Bedingung verliert tendenziell ihre Bedeutung: entweder ist das Bewußtsein gar nicht mehr nötig, oder, was auf dasselbe hinausläuft, es entwickelt sich zwangsläufig. Auch ist in dieser Perspektive der Sozialismus unmöglich, solange nicht der Kapitalismus sein Werk vollendet hat, nämlich die Produktivkräfte zu entwickeln und die Gesellschaft zu proletari-sieren.
Die zweite dieser Reduktionen ist genauso alt und bildet eine Grundtendenz im marxistischen System. Die Expansion des kapitalistischen Verhältnisses im Weltmaßstab löscht danach zunehmend jede andere soziale Realität aus: Nationen, religiöse und kulturelle Gemeinschaften, Stämme und Ethnien, Kasten und Stände weichen einem einzigen sozialen Gegensatz, dem von Bourgeois und Proletariern.
Der Leninismus hat sich diesem Problem gestellt, indem er den Übergang zum Sozialismus nicht mehr als Resultante einer Reihe von »sozialistischen Revolutionen« in den Metropolen ins Auge faßte, sondern als eine Reihe von Brüchen der »schwachen Kettenglieder« in den beherrschten und rückständigen Peripherien. Diese neue Art, die historische Notwendigkeit zu interpretieren und die revolutionäre Aktion darin einzuschreiben, warf eine Menge Fragen auf: 1. Welche Rolle kann die bäuerliche Mehrheit in den beherrschten Peripherien dabei spielen? 2. Wie kann die Arbeiterklasse in ihrer zahlenmäßigen Schwäche (soweit man überhaupt von einer solchen sprechen kann) dieser Art von Revolution eine Führung und Orientierung geben? 3. Wie können die Bestrebungen der sich in den Peripherien herausbildenden neuen Bourgeoisien wirksam bekämpft werden? 4. Wie läßt sich schließlich die nationale Realität — der Aufstand der unterdrückten Nationen — in das revolutionäre Schema integrieren?
Die Antworten, die diesen Fragen im historischen Falle Rußlands gegeben wurden, haben eine Gesellschaft produziert, die in keiner Weise den Kriterien des Sozialismus von Marx entspricht. Am Beginn dieser Entwicklung, die der Maoismus als »revisionistisch« bezeichnet hat, findet sich die falsche Antwort auf die Grundfrage der objektiven Notwendigkeit eines Arbeiter- und Bauernbündnisses. Die Industrialisierung wurde seit 1930 durch einen von der Bauernschaft erzwungenen Aderlaß vorangetrieben. Diese Wahl zeigt die historischen Schranken des Leninismus auf, der sich hier nicht vom Positivismus der Zweiten Internationale und ihrer Vorstellung von der »Neutralität« der Technologie gelöst hat.
Der Maoismus ist weiter gegangen. Er hat auf dieselbe Frage zu antworten versucht durch die Schaffung von Beziehungen zwischen Stadt und Land, die auf Gleichheit basieren. Aber der Maoismus ist, in diesem richtigen allgemeinen Rahmen, mit bestimmten Problemen nicht fertiggeworden, vor allem damit, das Wertgesetz mit der zentralisierten Planung in Einklang zu bringen, und mit der Frage der gesellschaftlichen Demokratie. Diese Schwächen haben ihrerseits China an den Punkt geführt, wo die Wege sich kreuzen, und ein weiteres Mal die Fragen nach der Zukunft des Sozialismus unbeantwortet gelassen.

V.

Die sowjetische Erfahrung hat uns gelehrt, daß der Übergang nicht notwendig zur Abschaffung der Klassen führt. Die Debatte darüber, welcher Art die sowjetische Gesellschaft ist, hat uns zu der Annahme geführt, daß es sich um eine neue Klassengesellschaft handelt, und nicht um eine »degenerierte Arbeitermacht« oder eine »Restauration des Kapitalismus«, denn die staatliche Zentralisation des Kapitals stellt einen qualitativen Sprung dar. Aber die sowjetische Erfahrung steht nicht allein zur Debatte. Die Forderung der herrschenden Strömungen in der westlichen Arbeiterklasse (der Sozialdemokraten und Kommunisten) zielt ebenfalls auf einen Rutsch in Richtung Etatismus. Es sind objektive Kräfte am Werk, die diese Konvergenzen erklären. Der Vorschlag, die Technokratie und die Arbeiteraristokratie (im Weltmaßstab) als eine neue aufsteigende Klasse zu untersuchen, ist deshalb ein Hinweis darauf, daß die Widersprüche des gegenwärtigen Kapitalismus auch durch eine nichtsozialistische Überwindung des Systems gelöst werden könnten. Unsere Analyse der UdSSR-Gesellschaft beruht auf einer Konzeption des Übergangs als — in erster Linie — einer Phase verschärfter Klassenkämpfe, die den Kampf widerspiegelt zwischen den Produktivkräften der Klassenausbeutung und denen, die nach ihrer Abschaffung streben. Die kapitalistische Produktionsweise führt deshalb weder, über die Revolution, automatisch zur Abschaffung der Klassen, noch zwangsläufig zur staatlichen Produktionsweise. Diese ist möglich, aber nicht notwendig. Die (sozialistisch oder »realsozialistisch« genannte) verkrustete, ökonomischen Gesetzen gehorchende staatliche Produktionsweise kann sich nicht mehr von selbst zur Abschaffung der Klassen hin entwickeln. Wer dies behauptet, muß annehmen, sie würde sich durch das Wirken objektiver Kräfte entwickeln: durch die Entwicklung der Produktivkräfte (die »wissenschaftlich-technische Revolution«).
Die historischen Bedingungen für die Herausbildung der staatlichen Produktionsweise in der UdSSR sind in zwei komplementären Richtungen zu suchen: 1. Auf der Ebene der gesellschaftlichen Tatsachen im Zerbrechen des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern durch die Zwangskollektivierung der 30er Jahre, die als Mittel zur Finanzierung der »ursprünglichen sozialistischen Akkumulation« in Angriff genommen wurde und am Beginn des despotischen Staates steht, der seinerseits zum Pol für die Herausbildung der neuen Ausbeuterklasse wird. 2. Auf der Ebene der ideologischen Wurzeln in den Unzulänglichkeiten des Leninismus, der nicht zu einem radikalen Bruch mit den positivistischen und ökonomistischen Konzeptionen der II. Internationale und der westlichen Arbeiterbewegung gelangt ist (siehe seine Thesen zur Neutralität der Technologien, zur Zentralisierung der Partei etc.).
Der »Revisionismus« ist nichts anderes als die Gesamtheit dieser Entwicklungen, die zur Rekonstruktion einer Klassengesellschaft geführt haben, statt den Übergang zur Abschaffung der Klassen in die Wege zu leiten. Den Begriff des »Revisionismus« ablehnen heißt akzeptieren, daß es keinen anderen Entwicklungsweg gibt als den, der durch das Experiment der Sowjetunion und der östlichen Länder eröffnet wurde, und den man als »letztlich positiv« (»globalement positif«) gekennzeichnet hat. Die den besonderen historischen Bedingungen zugeschriebenen »Mängel« berühren danach nicht den grundlegend sozialistischen Charakter der Gesellschaften, in'denen das Privateigentum an Kapital abgeschafft worden ist. Dabei verwechselt man, ob man will oder nicht, Sozialismus und Etatismus, weil man glaubt, daß die Entwicklung der Produktivkräfte notwendig zu einer staatlichen Lenkung der Ökonomie führen muß.
In dieser Perspektive scheint uns das Verlangen der westlichen Arbeiterklassen und technokratischen Klassen nach einer staatlichen Produktionsweise wichtiger zu sein als die Projektion pseudo-ökonomischer oder pseudo-technischer Tendenzen wie der einer zunehmenden Vergesellschaftung der Produktivkräfte. Daß der hier angezielte Etatismus nicht den primitiven Charakter des sowjetischen aufweist, ist sogar noch ein zusätzliches Argument für die These, daß die staatliche Produktionsweise eine der kapitalistischen überlegene Form und daher ein möglicher Ausweg aus ihren Widersprüchen ist. Die Analyse der Ideologien, so intuitiv und unvollkommen sie sein mag, ist hier aufschlußreich: wir denken dabei an die Entwicklung der Ideologie der Organisationen (die Frankfurter Schule), an den Niedergang des bürgerlichen Geistes (die Reproduktionskrise der Bourgeoisie: Erbschaft und Familie, Schule etc.), an das Bündnis zwischen Kapital und Arbeit, das mangels einer »sozialistischen Revolution« als unabwendbar erscheinen mag, und an die Kritik des sozialistischen Experiments in den fortgeschrittenen Ländern etc.
Aus diesem Blickwinkel sind die Beziehungen zwischen Etatismus und Markt komplexer als man vermutet. Ist nicht das System der »staatlich festgesetzten Preise« auf halbem Wege zwischen diesen beiden theoretischen Systemen angesiedelt? Ist es nicht zu einseitig, die Frage in den einander ausschließenden Begriffen von Markt (gleich Kapitalismus) oder staatlicher Lenkung (gleich Etatismus) zu stellen? Sind die geplanten Preise die Form der ökonomischen Transparenz, oder der Undurchsichtigkeit des Marktes?
Der Osten befindet sich heute in einer strukturellen Krise. Der Bruch der Jahre 1930-35 hat nämlich in der UdSSR eine unumkehrbare Situation geschaffen, die durch die Herausbildung einer despotischen Staatsklasse gekennzeichnet ist. Daraus resultiert, daß dieses System letztlich durch die Maximierung des Einkommens der Staatsklasse und deren Ausweitung durch Integration der Mittelklassen beherrscht wird. Sein Gesetz ist also die Maximierung des vom Staat kontrollierten Produkts — und nicht des Sozialprodukts. Es ist klar, daß das vom Staat kontrollierte Einkommen die Basis für das Einkommen der Staatsklasse bildet, und daß dessen Maximierung mit der des Sozialprodukts in Konflikt geraten kann. Es ist dann auch klar, daß die Krise des sowjetischen Systems tiefere Ursachen hat, die den Übergang von einer extensiven zu einer intensiven Akkumulation erschweren. Wie wird aber die UdSSR auf diese Krise reagieren? Durch eine »Kapitulation« vor dem imperialistischen System? Durch eine Flucht nach vorn unter Zuhilfenahme der militärischen Mittel, über die sie verfügt?
Die 90er Jahre werden, durch die Beschleunigung all dieser Bewegungen, der Entwicklung der sozialistischen Bewegung in Ost und West neue Perspektiven eröffnen — vielleicht zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert die Perspektive, aus der Sackgasse herauszukommen, in die sie durch den Gegensatz zwischen den kapitalistischen und den sogenannten sozialistischen Staaten geraten ist. Wenn diese neue Situation tatsachlich entstehen sollte, müßte man die grundlegenden Debatten über die »zwei Spielarten des Revisionismus«, die der II. Internationale und die des So-wjetkommunismus, wieder aufnehmen. Die erste ist schlecht überwunden worden durch den Leninismus, dessen Geschichte bewiesen hat, daß er, wie Rosa Luxemburg, Gramsci und andere es vorausgeahnt hatten, der besonderen Problematik des Sozialismus im Westen nicht angemessen war. Man kann hier die Ohnmacht der westlichen Arbeiterbewegung nicht einfach auf ihre Verstrickung in den Imperialismus zurückführen, auch wenn dies ein wesentlicher Aspekt ist. Ebensowenig kann man die nichtkommunistische Arbeiterbewegung allein auf die »Geschäftsführung des Kapitals« durch eine korrumpierte Bürokratie zurückführen. Neben derartigen evidenten Erfahrungen hat sich auch ein konsequenter Sozialreformismus entwickelt, der die Fragen der Gesellschaftsveränderung tiefgreifend modifiziert hat. Auch können die Strömungen der »Selbstverwaltung« nicht einseitig, sei es als »anarchistische« Überbleibsel, sei es als Mittel neokapitalistischer Integration, betrachtet werden. Das Hinüberschwenken bestimmter kommunistischer Parteien zum Eurokommunismus angesichts des verkrampften Festhaltens anderer an erstarrten »prosowjetischen« Positionen ist selbst ein Anzeichen dafür, daß die aus dem Ersten Weltkrieg und der russischen Revolution geerbten Spaltungen erneut in Frage gestellt werden. Die Europäische Konstruktion, derzeit eine einseitig vom Kapital betriebene Strategie, könnte, nimmt man eine Renaissance der Arbeiterbewegung in Ost und West an, und vor allem wenn diese Bewegung sich der Auswirkungen der Tatsache des Imperialismus muß auf die gegenwärtigen westlichen Gesellschaften bewußt wird, neue Perspektiven eröffnen. Es sind aber auch, nicht zu vergessen, kurzfristig Reaktionen der Rechten möglich: das Aushöhlen des demokratischen Staats durch den pseudoliberalen Autoritarismus »neuen Stils« und die Entwicklung des gegen die Dritte Welt gerichteten Rassismus sind der Beweis. Wir meinen, daß diese Entwicklung, die der Arbeiterbewegung wieder einen langfristigen Rückschlag versetzen würde, in der Hauptsache davon abhängen wird, wie sich die Frage des Imperialismus entwickelt.

VI.

Die Entwicklung des Kapitalismus im Zentrum ist eine Herausforderung für die »orthodoxe« (und verflachte) Theorie der Klassenkämpfe. Die Preisgabe des Projekts der klassenlosen Gesellschaft durch die Arbeiterklassen und ihr Einverständnis mit Strategien zur Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Stellung entspringen der Polarisierung von Zentrum und Peripherie. Der ökonomische Kampf der Arbeiterklassen in den Zentren führt nur dann dazu, das kapitalistische System in Frage zu stellen, wenn er es auch wagt, das Weltsystem selbst in Frage zu stellen.
Was die »neuen Mittelschichten« angeht, deren Anschwellen eng mit den beherrschenden Positionen der Zentren innerhalb des Weltsystems zusammenhängt, so haben diese, vor allem über ihren »ererbten Bildungsbesitz«, durchaus ein Bewußtsein von ihren Privilegien, auch gegenüber den lokalen Arbeiterklassen.
Die Frage des Sozialismus stellt sich somit hier, im Zentrum, neu und anders als in den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts. Davon zeugen die »interklassistischen« Bewegungen, die ein »neues Wachstumsmodell« anstreben (der Feminismus, die Grünen etc.). Diese Bewegungen können (potentiell) wieder die Frage des Nord-Süd-Bündnisses der Völker stellen, denn sie stellen den Inhalt der Entwicklung auf nationaler und auf Weltebene selbst in Frage.
Ist nun aber, in der gegenwärtigen Krise, die Niederlage der Arbeiterklasse der entwickelten kapitalistischen Länder besiegelt, das heißt, ist diese dazu verurteilt, die einzig und allein den Erfordernissen der Kapitalrentabilität gehorchende »Umstrukturierung« hinzunehmen? Dies scheint uns unvermeidlich, wenn man die sakrosankte »internationale Wettbewerbsfähigkeit« als das letztlich bestimmende Kriterium für die kurzfristigen Entscheidungen akzeptiert. Das Zurückweichen vor den Erfordernissen der Strategie des Kapitals wird man nur dann vermeiden können, wenn man die unmittelbaren Entscheidungen mit zwei komplementären Perspektiven verbindet: 1. mit der Option zugunsten eines »anderen Wachstums« (die, wenn auch in Keimform, formuliert worden ist durch verschiedene interklassistische Bewegungen, wie die »Grünen« in Deutschland, durch den Diskurs der Ausweitung des »nicht-kommerziellen« Sektors, etc.); und 2. mit der Option zugunsten einer Unterstützung des national-populären Projekts des Südens (wie sie die griechische Pasok formuliert hat).
Unter diesen Bedingungen könnte sich eine andere Entwicklung den Weg bahnen über die Ausweitung des gesellschaftlichen Eigentums (wie es dem Programm der schwedischen Sozialdemokratie entspricht). Diese Entwicklung muß natürlich noch gefunden werden, und sie wird ihre Lösungen auf die wirklichen Fragen, die sie stellt, noch finden müssen — vor allem, was die Beziehungen zwischen dem Staat und der demokratischen Vergesellschaftung betrifft. Es leuchtet ein, daß der Beginn einer Entwicklung in dieser Richtung den Verzicht auf die Illusionen des Neokeynesia-nismus ebenso voraussetzt wie eine Gegenoffensive gegen die neueste Ideologie der Rechten (den »Staatsabbau«, die Rehabilitierung der Eliten und der Ungleichheit etc.).

VII.

Die nationalen Befreiungskämpfe an der Peripherie des kapitalistischen Weltsystems stehen bei der realen Transformation der modernen Welt im Blickpunkt des Geschehens. Diese Kämpfe sind aber mit einem Widerspruch behaftet, den sie von selbst nicht überwinden können: Geht es darum, sich zu »befreien« für den Versuch des Aufbaus eines nationalen Kapitalismus, um sich von der Stellung der peripheren Abhängigkeit emporzuschwingen zu der des Partners in einer gegenseitigen Abhängigkeit? Die aufsteigende Bourgeoisie in der Dritten Welt strebt genau das an. Es ist jedoch ein unerreichbares Ziel. Hier liegt nämlich der neue Widerspruch, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgetaucht ist. Bis zu diesem Zeitpunkt stellte die Herausbildung einer neuen lokalen Bourgeoisie zur hege-monialen Klasse auf nationaler Ebene und ihre Eingliederung ins Weltsystem keinen Konflikt dar. Seither macht aber dieser Widerspruch das Ziel der Ausformung eines autozentrierten, im Rahmen der weltweiten Inter-dependenz autonomen Kapitalismus unmöglich. Es bleibt nur die objektive Notwendigkeit für die Volksklassen, in ihrem eigenen Interesse eine nationale Befreiung herbeizuführen, die sich der Möglichkeit eines sozialistischen Übergangs öffnet — mit all den Problemen, die ein solcher mit sich bringt.
Aus diesem Grunde ist der latente oder offene Konflikt in den Ländern der Dritten Welt zwischen den Volksmassen, die die kapitalistische Entwickung notwendig unbefriedigt läßt, und den fortgesetzten Anläufen der lokalen Bourgeoisie, das Unmögliche möglich zu machen und sich als gleichberechtigte Partner durchzusetzen, eine Form des Konflikts zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Der Versuch der Staaten der Dritten Welt — das heißt, ihrer Bourgeoisien —, eine »neue internationale Weltwirtschaftsordnung« durchzusetzen, und dessen Scheitern, gefolgt von einer brutalen Rekompradorisierung der Dritten Welt, zeigen die Heftigkeit dieses Konflikts an. Die äußerst verworrenen Formen der Kämpfe sind das Produkt der Ambiguität der Sozialpartner, im Lager der Bourgeoisie wie in dem der Volksklassen. In der »populistischen« Antwort auf die Herausforderung der Kompradorisierung — vom Iran über Ghana, Burkina-Faso, Madagaskar und andere Staaten bis hin zu Nicaragua — sind beide Seiten der Alternative enthalten.

VIII.

Die globale Situation ist also durch folgende Gegebenheiten gekennzeichnet:

  1. Die Frage des Sozialismus steht in den Klassenauseinandersetzungen der entwickelten westlichen Länder nicht auf der Tagesordnung. Im Blickpunkt steht hier der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und dem ökonomischen Höhenflug Europas und Japans. Im übrigen hat es der Konflikt zwischen den populären Wünschen nach einem »anderen Wachstum« und den Zwängen des kapitalistischen Systems den ersteren nicht erlaubt, sich zu einer selbständigen Komponente des Sozialismus herauszukristallisieren.
  2. Die Sackgassen der UdSSR-Entwicklung, der Aufstand in Osteuropa, die Bekräftigung der sowjetischen Militärmacht und der offensive Atlantismus der USA erzeugen eine unsichere Situation mit realen Gefahren, daß irgend etwas »aus dem Ruder läuft«.
  3. Die Dritte Welt, schwach und unfähig, eine Neuverteilung der Karten zu ihren Gunsten durchzusetzen, befindet sich aus demselben Grunde in einer tiefen Krise. Aufgerufen zur Intervention, haben der Westen und die UdSSR die Kontrolle über die Ereignisse verloren, angesichts der ansteigenden populistischen Flut.

IX.

Wenn so die Grundmerkmale unserer Epoche aussehen, dann ist dies eine gewiß unerwartete Form des Übergangs und der Überwindung des Kapitalismus. Es scheint, als gebe es zwischen der »gegenwärtigen Krise des Kapitalismus« und der des Römischen Reiches mehr Analogien als zwischen unserer gegenwärtigen Krise und der des europäischen Feudalismus, die zum Kapitalismus geführt hatte.
Wir wollen die zentrale Hypothese zur Diskussion stellen, daß zwischen unserer Krise und derjenigen der antiken Welt eine frappierende Parallele existiert. Sie rührt daher, daß in beiden Fällen das System deshalb in die Krise gerät, weil die von ihm organisierte Zentrahsation des Surplus exzessiv ist, das heißt, den sie stützenden Produktionsverhältnissen davonläuft. Die Entwicklung der Produktivkräfte an der Peripherie des Systems erfolgt dann dadurch, daß dieses auseinanderbricht und durch ein dezentralisiertes System der Abschöpfung und Verwendung des Mehrwerts ersetzt wird.
Die römische Konstruktion und ihr Zerfall erscheinen in dieser Hypothese wie ein verfrühter Versuch zu einer tributären Konstruktion. Darunter verstehen wir, daß das Niveau der Produktivkraftentwicklung eine tri-butäre Zentrahsation auf der Ebene des Römischen Reiches nicht erforderte. Diesem mißlungenen ersten Versuch folgte ein durch die Phase feudaler Atomisierung erzwungener Übergang, von dem aus sich dann wieder eine tributäre Zentrahsation im Rahmen der absolutistischen Monarchien des Westens konstituieren sollte.
Auch das gegenwärtige imperialistische System ist ein System der Zentrahsation des Mehrwerts im Weltmaßstab, auf der Basis der Gesetzmässigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise und unter den Bedingungen ihrer Herrschaft über die vorkapitalistischen Produktionsweisen der unterworfenen Peripherie. Das imperialistische System der Zentralisation des Werts ist unter diesen Bedingungen dadurch charakterisiert, daß Akkumulation und Produktivkraftentwicklung in seinem Zentrum beschleunigt, an seiner Peripherie dagegen behindert und deformiert werden. Entwicklung und Unterentwicklung sind in diesem theoretischen Rahmen zwei Seiten derselben Medaille: der Akkumulation im Weltmaßstab.
Von daher ist unsere These zu verstehen, daß die weitere Entwicklung der Produktivkräfte an der Peripherie über das Auseinanderbrechen des imperialistischen Systems der Mehrwertzentralisation erfolgen wird. Eine notwendige Phase der Dezentralisation (die Konstruktion des nationalen Übergangs zum Sozialismus) muß daher vorausgehen, bevor es eine Wiedervereinheitlichung auf einer höheren Entwicklungsstufe geben kann, die eine klassenlose Weltgesellschaft konstituieren würde.
Dieser Typ des Übergangs zu einer entwickelteren Gesellschaftsorganisation stellt den historischen Materialismus vor ganz neue Fragen. Die vulgärmarxistische Tradition hat eine mechanistische Verkürzung der Dialektik gesellschaftlicher Veränderung hervorgebracht. Die Revolution — deren objektiver Gehalt die Abschaffung der alten und die Einrichtung neuer Produktionsverhältnisse ist, als Bedingung für eine weitere Entwicklung der Produktivkräfte — wird gleichgesetzt mit einem Naturgesetz; die natürliche Gesetzmäßigkeit des Übergangs von der Quantität zur Qualität wird auf den gesellschaftlichen Bereich übertragen. Der Klassenkampf ist in dieser Vision die Offenbarung der objektiven Notwendigkeit. Nur die Avantgarde — die Partei — steht über dem Getümmel, macht und beherrscht die Geschichte, ist nicht mehr entfremdet. Der revolutionäre Zeitpunkt wird durch den politischen Augenblick definiert, in dem sich diese Avantgarde des Staates bemächtigt. Auch der Leninismus hat sich von dieser positivistischen Verkürzung des Marxismus der II. Internationale nicht völlig freimachen können.
Diese Theorie, die die Avantgarde von der Klasse trennt, ist auf die Revolutionen der Vergangenheit nicht übertragbar. Auch die bürgerliche Revolution selbst ist nicht in dieser Form aufgetreten; die Bourgeoisie hat sich hier vielmehr den Kampf der Bauern gegen die Feudalherren zunutze gemacht. Die Ideologie, die sie in die Lage versetzte, diese Revolution zu machen, war selbst entfremdend und alles andere als ein Mittel zur »Manipulation«. Es hat in diesem Sinne keine »bürgerliche Revolution« gegeben — dieser Ausdruck ist selbst ein Produkt der bürgerlichen Ideologie —, sondern einen Kampf von Klassen, die von der Bourgeoisie geführt wurden, und bestenfalls hier und da eine von der Bourgeoisie ausgenutzte bäuerliche Revolution. Noch weniger kann man von einer »feudalen Revolution« sprechen, denn hier vollzog sich der Übergang ganz und gar unbewußt.
Die sozialistische Revolution wäre dagegen, unter der Voraussetzung des entfremdeten Bewußtseins, eine Revolution anderen Typs, weil sie erstmals auf die Abschaffung der Ausbeutung überhaupt abzielt, statt darauf, die alten Ausbeutungsformen durch neue zu ersetzen. Dies ist aber nur dann möglich, wenn die Ideologie, aus der sie sich speist, etwas anderes sein kann als das Bewußtsein der Erfordernisse der Produktivkraftentwicklung. Es ist nämlich nicht gesagt, daß die staatliche Produktionsweise als neue Form von Ausbeutungsverhältnissen nicht eine mögliche Antwort auf die Erfordernisse dieser Entwicklung wäre.
Die Reduktion der gesellschaftlichen Gesetze auf die Naturgesetze verwischt die Spezifik der ersteren. Die Menschen machen ihre Geschichte, wenn auch unter bestimmten Bedingungen. Weder die Tiere noch die unbelebten Wesen machen ihre Evolution, sondern sie erleiden sie passiv. Der Begriff der Praxis ist, als Ausdruck der Synthese von Determinismus und menschlichem Eingriff, etwas spezifisch Gesellschaftliches. Auch das dialektische Verhältnis von Basis und Überbau ist spezifisch gesellschaftlich und hat keinerlei Entsprechung in der Natur. Dieses Verhältnis ist kein einseitiges; der Überbau ist kein Reflex der Notwendigkeit der Basis. Wäre dies der Fall, so wäre die Gesellschaft für immer entfremdet und es gäbe keine Aussicht, daß sie sich aus dieser Entfremdung befreien könnte.
Wir schlagen deshalb vor, zwei qualitativ verschiedene Typen des Übergangs von einer Produktionsweise zu einer anderen zu unterscheiden. Wenn der Übergang im Unbewußten oder durch das entfremdete Bewußtsein erfolgt, wenn also die Ideologie der Klassen die Kontrolle des Veränderungsprozesses nicht zuläßt, dann scheint dieser in ähnlicher Weise vor sich zu gehen wie eine »natürliche« Veränderung, und die Ideologie ist hier ein Teil dieser Natur. Für diesen Übergangstyp reservieren wir den Ausdruck »Verfallsmodell« (modele de decadence). Wenn dagegen die Ideologie die gesamte und reale Dimension der gewollten Veränderung vermitteln kann, dann, und nur dann, kann man von Revolution sprechen.
Ist der sozialistische Übergang, in den unsere Epoche bereits eingetreten ist, einer vom »Verfalls«-Typ oder einer vom revolutionären Typ? Zweifellos läßt sich diese Frage nicht definitiv und mit letzter Sicherheit beantworten. In bestimmten Aspekten weist die Transformation der gegenwärtigen Welt durchaus einen revolutionären Charakter im oben definierten Sinne auf. Die Pariser Kommune, die Oktoberrevolution von 1917 und die chinesische Revolution (besonders die Kulturrevolution) hatten Momente, in denen es ein intensives nicht-entfremdetes gesellschaftliches Bewußtsein gab. Aber sind wir nicht in einen anderen Übergangstyp eingetreten? Die Schwierigkeiten, die einen Rückzug der imperialistischen Länder heute fast undenkbar machen, und die negativen Auswirkungen eines solchen Rückzugs auf die Länder der Peripherie, die einen sozialistischen Weg eingeschlagen haben (mögliche Restauration des Kapitalismus, Entwicklung zu einer staatlichen Produktionsweise, Regression, nationalistische Entfremdung etc.), stellen das alte bolschewistische Modell in Frage.
Die einen finden sich damit ab und betrachten unsere Epoche nicht als die des sozialistischen Übergangs, sondern als die weltweite Verkörperung des Kapitalismus, der, von »diesem kleinen Zipfel Europa« her kommend, lediglich begonnen hätte, sich nach Süden und Osten auszubreiten. Die imperialistische Phase erschiene dann nicht als die letzte Stufe, das »höchste Stadium« des Kapitalismus, sondern als eine Phase des Übergangs zum universellen Kapitalismus. All diejenigen, die sich über die Entwicklung des Kapitalismus in der Dritten Welt etwas vormachen und nicht sehen, daß er immer einen peripheren Charakter, wenn auch in erneuerten Formen, haben wird, ordnen sich folgerichtig in diese Gruppe ein. Selbst wenn man aber, wie wir es tun, die leninistische These über den Imperialismus für richtig und deshalb die nationale Befreiung für einen Teil der sozialistischen Revolution hält, bliebe dann nicht die Möglichkeit, daß es vielleicht doch Ausnahmen geben kann, das heißt das Auftauchen neuer kapitalistischer Zentren? Was die östlichen Länder betrifft, so betont die fragliche These die Restaurationen (oder die Entwicklungen zur staatlichen Produktionsweise), und kennzeichnet sie als bloß pseudo-sozialisti-sche Revolutionen, die in Wahrheit objektive Prozesse kapitalistischer Expansion sind. Der — zweifellos verzerrte — Marxismus erschiene hier als eine entfremdende, den wahren Charakter dieser Entwicklungen verbergende Ideologie.
Für die Anhänger dieser Auffassung ist es daher nötig abzuwarten, bis ein in den gegenwärtigen Zentren sich bereits abzeichnendes allgemeines Niveau der Produktivkraftentwicklung erreicht ist, damit die Frage der Abschaffung der Klassen wirklich auf der Tagesordnung steht. Die Europäer müßten daher Europa sich entwickeln lassen, damit der staatliche Überbau erkennbar wird, der auf die Produktivkräfte eingestellt ist. Daraufhin wird es zweifellos nötig sein, auf die Herausbildung des globalen Staates zu warten, der den an ein allgemeines Weltniveau angeglichenen Produktivkräften entspricht, damit die objektiven Bedingungen für seine Überwindung endlich beisammen sind.
Andere, und wir gehören dazu, sehen die Sache nicht so. Die durch einzelne Etappen unterbrochene Revolution steht für die Peripherie weiterhin auf der Tagesordnung; die Restaurationen haben im Verlauf des sozialistischen Übergangs keine fatalen Konsequenzen; Einbrüche in der imperialistischen Front sind in den schwachen Kettengliedern des Zentrums nicht auszuschließen. Bleibt die Tatsache, daß in einem solchen komplexen Prozeß »Verfalls«-Formen und »revolutionäre« Formen sich unablässig verbinden und entgegentreten werden. Zum Beispiel ist der Vorrang des sozialen Bewußtseins (und die innerhalb der Kulturgesellschaft ausgetragenen Kämpfe) über das politische Bewußtsein im Westen eine Form, die zur ersten Gruppe gehört. Auch die populistischen Formen antiimperialistischer Ausbrüche (wie im Iran) gehören zu dieser Gruppe faktischer Infragestellungen des Systems in — und sogar mittels — der ideologischen Entfremdung. Ebenso die »dogmatischen« und »nationalistischen« Regressionen in Ostasien. Aber gleichzeitig gibt es Situationen von eindeutig revolutionären Prozessen, wie in der chinesischen Kulturrevolution. In den fortgeschrittensten Bereichen der Arbeiterkämpfe in den westlichen Ländern findet man ebenfalls Erscheinungsformen dieses Tys, auch wenn diese Kämpfe, und zwar gerade wegen der Tatsache des Imperialismus, augenblicklich in einer Sackgasse stecken.

Aus dem Französischen von Thomas Laugstien

Autor(en)