Zur Einleitung
Ich möchte meinen Beitrag den Frauenfreundschaften widmen, einem Lebensbereich, der für mich wie für die meisten Frauen zu den wichtigsten Stützen in ihrem Leben gehört. In der Beziehung zu anderen Frauen, in der Entdeckung des Gemeinsamen, Verbindenden, entwickeln Frauen ihre Identität. Freundinnen geben einander Fürsorglichkeit, Wärme und Geborgenheit und sind doch gleichzeitig immer wieder in der Lage, einander schwer zu verletzen, von einem Tag auf den anderen zu verlassen und damit alte Wunden wieder aufzureißen.
Frauenbeziehungen sind oft von Ambivalenz geprägt, bewegen sich zwischen tiefer Zuneigung und plötzlicher Feindseligkeit. Diesen Gefühlen stehen Frauen meist noch hilfloser gegenüber als den Konflikten mit ihren männlichen Partnern, die im allgemeinen weniger bedrohlich erscheinen und direkter ausgetragen werden. Ich möchte durch meinen Aufsatz Frauen ermutigen, einander auch in Krisenzeiten jene Wertschätzung entgegenzubringen, die Frauenfreundschaften aus meiner Sicht verdienen, und sich mit ihren Freundinnen auch dann auseinanderzusetzen, wenn die Verführung auftaucht, sich zurückzuziehen. Und die ist für Frauen immer wieder sehr groß. Die Chance, die in der Auseinandersetzung mit den »dunklen« Seiten zwischen Freundinnen -wie Neid, Konkurrenz und Rivalität-enthalten ist, besteht in der Aneignung eines blockierten Potentials an Lebendigkeit und Spontaneität sowie dem Verlust von Angst. Die hier dargestellten Erfahrungen mit meinen Schattenseiten innerhalb einer Frauenfreundschaft sollen zur Ermutigung beitragen, sich auch diesen Seiten zu stellen. Meine Emanzipationsschritte in Beziehungen mit Freundinnen sind noch lange nicht abgeschlossen und für mich immer wieder aufregendes, angstvolles und bereicherndes Abenteuer.
Die Vorgeschichte
Es ist spät geworden. Das Wetter ist frühlingshaft mild. Ich bin mit zwei Freundinnen, wir sind auch Kolleginnen, auf dem Heimweg von einem Psychotherapeutinnen-Treffen. Wir tauschen uns darüber aus, wie jede von uns den Abend erlebt hat, und stellen Gemeinsamkeiten fest. Im Zusammensein mit Frauen und gerade mit solchen, die wir schätzen, haben wir die Tendenz, uns zu vergleichen, abzuwerten, Neid, Konkurrenz- und Rivalitätsgefühle zu entwickeln. Wir teilen einander auch unsere Hilflosigkeit im Umgang mit diesem Tabu-Thema mit, über das wir uns die meiste Zeit scheuen, überhaupt zu sprechen - und daß es dringlich wäre, das endlich zu tun.
Ich weiß nicht mehr, welche von uns als erste die Idee hat, jedenfalls erörtern wir die Möglichkeit, ein Seminar zu diesem Themenkomplex zu organisieren, um ihn nicht wieder in unsere Seelenschatten zu verbannen.
Wir beschließen spontan, uns demnächst zu organisatorischen Vorbereitungen zu treffen. Wir planen, Kolleginnen einzuladen, die Lust und Interesse haben, unter fachkundiger Leitung ein Wochenende lang mit uns gemeinsam am Thema »Frauenkonkurrenz« zu arbeiten. Die Idee begeistert mich, ich fühle mich aufgeregt und etwas ängstlich.
Was mir meine Freundinnen bedeuten
Seit längerem schon wird mir meine Ambivalenz innerhalb meiner Frauenfreundschaften zunehmend deutlicher bewußt. Von Kindheit an - erst mit meiner Mutter, später mit meiner älteren Schwester, dann meinen Freundinnen - haben Beziehungen mit Frauen in meinem Leben eine bedeutsame Rolle gespielt, waren mir Begleitung, Stütze in Zeiten der Veränderung, ich erlebte Gemeinsamkeit, Gleichklang unserer Seelen, fühlte mich verstanden, erfuhr Mitgefühl, Fürsorglichkeit, Verbundenheit und Zärtlichkeit.
Doch im Laufe der Zeit nahm ich immer stärker wahr, daß es auch eine »Kehrseite« der Koalition mit Frauen gab, die ich lange erfolgreich aus meinem Leben ausgeklammert hatte. Um mein Selbstbild aufrecht zu erhalten, eine zu sein, die mit Frauen »gut kann«, verzichtete ich auf Individualität, auf Entwicklung und Differenzierung meiner Persönlichkeit, zeigte mich scheinbar mit allem meist einverstanden und versteckte all jene Impulse in mir, die dieses Bild hätten in Frage stellen können. Auch vor mir selbst. Ich war als Freundin begehrt, denn ich war »bequem«. Im Laufe meiner Eigentherapie lernte ich mit zunehmender Schärfe meiner Wahrnehmung mein Selbst (das was ist) von den Bildern in mir (wie ich sein wollte) zu unterscheiden. Ich entdeckte das bis dahin tief vergrabene Bedürfnis, im Kontakt mit meinen Freundinnen ich selbst zu sein, mit meinem Zorn, meinem Neid, meiner Wut hinter der Depression. Doch die Angst, die mir überlebenswichtig erscheinenden Frauenfreundschaften aufs Spiel zu setzen - andere Möglichkeiten waren mir lange nicht wirklich vorstellbar -, war vorerst noch stärker als mein Bedürfnis nach Identität.
»Beschreib mir deine Mutter [...] und ich sag dir,
wie du mit deiner Freundin umgehst«[1]
Ich wurde als Nachkriegskind geboren. Meine Mutter befand sich zum Zeitpunkt meiner Geburt in einem miserablen körperlichen und seelischen Gesundheitszustand. Dementsprechend klein war der innere Raum, den sie für mich als Neugeborenes mit all meinen Bedürfnissen zur Verfügung stellen konnte. Schwangerschaft und die erste Zeit meines Daseins stellten eine kaum zu bewältigende Aufgabe dar (ich hatte Gelegenheit mit ihr über diese Zeit ein Gespräch zu führen), an der sie fast verzweifelte, und bei der ihr auch mein Vater kaum zur Seite stand. Doch »Die Mutter-Ideologie legt sich wie ein zartes Lügengewebe über die Beziehung zwischen Mutter und Kind.«[2]
Offener Umgang mit Gefühlen wie Wut, Zorn und Angst waren meiner Mutter, dem gängigen Frauenklischee entsprechend, fremd und blieben daher auch aus der Beziehung mit mir nahezu zur Gänze ausgespart. »Frauen haben kein direktes Ventil für die Wut, die aus [...] Konflikten resultiert.«[3]
- Es ist wichtig, sich diese frühkindliche Dynamik der Mutter-Kind-Beziehung zu vergegenwärtigen. Denn die späteren engen Beziehungen zu Frauen [...] enthalten einige zentrale Elemente dieser besonderen Situation. Da sich die eine (hier: der weibliche Säugling) der anderen (hier: Mutter) gegenüber nicht als »anders«, als eigenständiges Ich empfindet, bedroht ihre Wut sie immer auch selbst. Die Wut ist »innen«, innerhalb der engen Beziehung zwsichen ihr und etwas, auf das und gegen das sich ihre Wut richtet. Ihr ganzes Leben lang wiederholen Frauen untereinander diese diffuse, selbstberohliche Form der Aggressivität. Daher rührt zu einem guten Teil die Schwierigkeit von Frauen, sich mit anderen Frauen auseinanderzusetzen.[4]
Der existentielle Auftrag meiner Mutter an mich, der ihr und mein psychisches Überleben sichern sollte, - aus ihrer damaligen Lebenssituation und Bedürfnislage gut zu verstehen - lautete dementsprechend »brav« zu sein, sie zu schonen und mit ihr immer einer Meinung zu sein. Ein häufiger Anspruch von Müttern an ihre Töchter. Für mich bedeutete das Befolgen ihrer Gebote, die längste Zeit meines Lebens mein Anderssein zu verbergen, zu verleugnen, auszuklammern oder wenn, nur heimlich und verbunden mit tiefen Schuldgefühlen zu leben.[5] Dementsprechend waren meine Freundschaftsbeziehungen mit Frauen von den gleichen Defiziten geprägt. Und um neue, andersartige Erfahrungen zu machen, fehlte es mir an entsprechender innerer Selbststützung, einer Voraussetzung für den nötigen Mut zu Kontakt. Ist der Kontakt zu mir selbst d. h. zu bestimmten seelischen Impulsen in mir blockiert, verwandelt sich das Gefühl von Lebendigkeit bzw. die Erregung
- [...] in Angst und Schrecken oder Indifferenz und Langeweile. Die Unterscheidungs- und Urteilsfähigkeiten werden entfremdet und projiziert, Verhaltensweisen, Ideen und Prinzipien anderer Leute werden angeeignet und introjiziert; Energie, die für direkte und schöpferische Aktivität verfügbar sein sollte, wird in unproduktive Ersatzhandlungen verschwendet [...] oder retroflektiert in Selbstkontrolle, Selbstvorwürfen, Selbstbedauern und Selbstzerstörung.«[6]
Im Bereich der positiven Konkurrenz mit Frauen war mein Wachstumsprozeß blockiert.
Wie Frauen meist ein Leben lang, wiederholte auch ich jene Art von einengender Mutterbeziehung mit meinen Freundinnen, von Angst geprägt, und als Ausdruck des Mangels an wesentlicher Stützung. Trotz meines wachsenden Unbehagens meinen nahen Freundinnen gegenüber, nahm ich für mich lange Zeit keine Möglichkeit wahr, mich diesem, noch sehr diffusen Konflikt zwischen Zuneigung und Angst wirklich zu stellen.
Getrennte Wege
Ich beginne mit meinen Freundinnen zusammen mit der Organisation des geplanten Seminars. Wir treffen uns in einer unserer Wohnungen, um Einladungsbriefe an Therapeutinnen in Deutschland zu verfassen, die mit ähnlichen Themen bereits gearbeitet haben.
Dieser erste Schritt zur Verwirklichung, der Beginn der Seminarorganisation, war ab diesem Zeitpunkt für mich aus jetziger Sicht vermutlich der »sichere Boden«, den ich gebraucht hatte, meinen Emanzipationsprozeß innerhalb meiner Frauenbeziehungen in Gang zu setzen.
Während wir an unserer Seminarausschreibung arbeiteten, kam es zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen mir und einer meiner beiden Freundinnen aus nichtigem Anlaß, dessen Verlauf ich kurz umreißen möchte, da er mir typisch für eine versuchte, aber nicht gelungene Konfliktbearbeitung innerhalb einer Frauenfreundschaft erscheint: Ich beharrte heftig und nachdrücklich auf meiner Sicht des Problems und trug so dazu bei, daß der Streit blitzartig eskalierte, sich von beiden Seiten her äußerst destruktiv gestaltete und damit für mich wie für meine Freundin sehr bedrohlich wurde. Unser erstes organisatorisches Treffen zur Arbeit am Thema »Frauenkonkurrenz« endete mit einem - vorläufigen - Abbruch unserer langjährigen, engen Freundschaftsbeziehung. Ich verließ ihre Wohnung gekränkt, wütend, verwirrt und feindselig. Gleichzeitig fühlte ich mich hilflos und unglücklich.
- Die unterschiedlichen Meinungen waren zutiefst bedrohlich und stellten Solidarität und Sicherheit einer [...] Struktur in Frage, die auf Verschmelzung und Gleichheit beruhte.[7]
Es hatten uns bis dahin viele Jahre enger Freundschaft und Zusammenarbeit verbunden. Wir brauchten einander, mochten uns und waren immer füreinander da. Unsere Leben waren einander ähnlich.
Ein Jahr zuvor hatte sich der Lebensstil meiner Freundin durch die Geburt ihres ersten Kindes grundsätzlich verändert und unterschied sich nun deutlich von dem meinen, die ich keine Kinder habe. Ich bemühte mich, die bisherige Nähe zwischen uns zu erhalten, indem ich versuchte, mich an ihre neuen Schwerpunkte anzupassen, doch spürte ich gleichzeitig wachsenden Widerwillen in mir, ein Gefühl, das ich als Signal dafür kennengelernt hatte, daß ich dabei war, mich in einem anderen Menschen zu verlieren.
Doch auch ich begann einige Wochen vor dem Bruch neue Wege zu beschreiten: Ich hatte den Entschluß gefaßt, unseren bis dahin gemeinsamen Arbeitsbereich zu verlassen, um in eine neu zu gründende Arbeitsgemeinschaft einzusteigen, die meinen Wünschen besser zu entsprechen schien.
Wir hatten beide Schritte getan, den geheimen (mütterlichen) Auftrag in Frauenfreundschaften zu boykottieren, für die andere Frau stabilisierend zu wirken und Wegbegleiterin zu sein, »wie immer die Situation auch sein mag.«[8]
Wir hatten beide füreinander labilisierend gewirkt, damit Angst erzeugt und darauf mit verhaltenem Zorn reagiert, der sich dann ein unerwartetes Ventil geschaffen hatte.
Die darauffolgende Schweigepause, die sprachlose Wut auf beiden Seiten, ist als Sprachverweigerung zwischen Frauen eine der schlimmsten Waffen, wo doch die Sprache, der verbale Austausch, das Mittel der Kommunikation zwischen Frauen ist.[9]
Und dennoch gelang es uns - mit Vermittlung unserer gemeinsamen dritten Freundin - nach mehreren Monaten mißtrauisch bzw. vorsichtig Kontakt aufzunehmen, den wir so lange aufrechterhalten konnten, bis wir den sicheren therapeutischen Rahmen hatten, der es uns möglich machte, den Konflikt zwischen uns zu lösen, ihn als Wachstumsprozeß zu erkennen und bereichert daraus hervorzugehen.
Bevor das Seminar beginnt
Achtzehn Psychotherapeutinnen kommen in der Steiermark zusammen, um sich ein Wochenende lang mit dem Thema »Konkurrenz und Rivalität zwischen Frauen« auseinanderzusetzen. Zwei davon sind die Leiterinnen. Wir haben sie aus Deutschland zu uns eingeladen, weil wir uns als Österreicherinnen zwei »Außenstehende« gewünscht hatten.
Die Frauen treffen nach und nach am Seminarort ein. Wir entstammen unterschiedlichen therapeutischen Schulen, der Altersunterschied zwischen einigen Frauen beträgt mehr als zwanzig Jahre. Es gibt zwischen den Teilnehmerinnen vielfältige Verbindungen, mehr oder minder intensive Freundschaften und/oder oft schon Jahre dauernde gemeinsame berufliche Geschichten.
Im Umgang miteinander erlebe ich Herzlichkeit. Es bilden sich gleich zu Anfang anscheinend mühelos kleine Gruppen, die angeregt miteinander plaudern. Erste Erwartungen und Scheu vor dem angesagten Thema werden humorvoll verpackt geäußert.
Es gibt Schwierigkeiten mit dem bestellten Seminarraum, in dem, durch einen organisatorischen Irrtum des Hauses, seit Anfang der Woche eine Gruppe von Männern tagt. Dieses Anfangsproblem liefert Anlaß, uns noch vor Seminarbeginn solidarisch zusammenzuschließen, einander zu unterstützen, Gemeinsamkeit zu erleben, eine Fähigkeit von Frauen gegenüber Männern, die wir uns in den letzten beiden Jahrzenten angeeignet haben. Ich fühle mich gestärkt und stärke, Solidarität zwischen Frauen tut mir gut, ist mir vertraut, schafft Erleichterung. Doch diesmal ist die »Kehrseite« angesagt: das Trennende, das Unterschiedliche und damit das Bedrohliche zwischen Frauen. Die mir vertraute Angst, die bei dem Gedanken in mir aufsteigt, mein Anderssein vor all diesen Frauen sichtbar zu machen, ist diesmal weniger stark als mein Bedürfnis, die Zeit meines Bravseins in Frauenbeziehungen zu beenden.
- Bravsein heißt vor allem: die eigene Identität verleugnen, Selbständigkeitsregungen unterdrücken, sich an ausgesprochene und unausgesprochene Erwartungen anderer [...] anzupassen [...] Bravsein bedeutet: auf Neugier und Spontaneität verzichten - auf Auseinandersetzungen verzichten.[10]
Einsamkeit - Gemeinsamkeit
Das Seminar beginnt mit einer »Runde«, in der jede Teilnehmerin Gelegenheit hat, ihre Erwartungen und Befürchtungen für die kommenden Tage zu äußern und ihre bisherigen Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit dem angesagten Thema »Neid, Rivalität und Konkurrenz mit Frauen« den anderen mitzuteilen. Während ich an der Reihe bin, werde ich von einer der Frauen, ich kenne sie nur flüchtig und bringe ihr Sympathie entgegen, unterbrochen. Ihre Stimme klingt mir ärgerlich und belehrend. Ich lasse die Unterbrechung zu, gebe ihr Raum. Sie äußert ihre Ungeduld über meine Ausführungen. Ich erlebe sie meinen Themen und somit mir gegenüber abwertend. Ich höre, daß meine Probleme doch eigentlich keine seien und eine Frau wie ich diese schon längst bewältigt haben sollte. (Ich kenne diese Botschaft gut von meiner leidgeprüften Mutter). Während sie spricht, fühle ich mich plötzlich wie in Trance, kleingemacht, verletzt und unfähig, mich spontan zu verteidigen. Die Lähmung hält einige Zeit an, ehe es mir gelingt, wieder zu sprechen. Ich beginne, mich und das von mir Gesagte zu rechtfertigen und merke doch gleichzeitig, daß es darum nicht gehen kann, denn in mir tritt keinerlei Erleichterung ein, die Dumpfheit bleibt. Ich beende den Kontakt, ziehe mich für den Rest dieser ersten Sitzung zurück und empfinde von da an die gesamte Atmosphäre in der Gruppe als feindselig. Am liebsten würde ich flüchten.
Ich betreibe Selbstunterdrückung des Bedürfnisses in mir, das ich im Moment noch als zu bedrohlich empfinde, mich in meiner Individualität, mit meinen Grenzen, einer anderen Frau zu zeigen - eine Erkenntnis, die ich mir am nächsten Tag erarbeiten werde - und mache mich damit zu meinem eigenen Opfer. Noch kann ich meine Täterschaft nicht sehen. Wie die der meisten Frauen, war auch meine Sozialisation vom Erlernen typisch weiblicher Moralvorstellungen geprägt, die Frauen untersagen, sich selbst auf Kosten anderer zu verwirklichen bzw. ihren inneren Impulsen zu folgen.[11]
Dieser »Lehrgang in Selbstverleugnung« findet bei Mädchen im Alter zwischen elf und fünfzehn Jahren statt und bewirkt, daß Frauen oft ihr Leben lang, um Konflikte zu vermeiden, ihre Erfahrungen und Werte verschleiern, von denen sie ja gelernt haben, daß sie ohnehin nicht zählen.[12]
Um Auseinandersetzungen mit für mich wichtigen Frauen zu vermeiden, mir ihre Freundschaft um jeden Preis zu erhalten, hatte ich gelernt, im Kontakt als eigenständige Person zu verschwinden. So hatte ich mir in meinem Erleben bereits am ersten Abend des Seminars eine bittere weibliche Erfahrung neu inszeniert: Mein »In-Erscheinung-treten-Wollen« darf nicht sein. Beim »Wetterbericht« des nächsten Vormittags steht mein Entschluß dennoch fest, Kränkung und Wut des gestrigen Abends erneut zu thematisieren. Ich merke, daß ich an einem zentralen Punkt angelangt bin und will dabei bleiben. Mit Unterstützung der beiden Leiterinnen ist es mir möglich zu sehen, daß die heftige und abwehrende Reaktion meiner »Widersacherin« auf das von mir Gesagte aus ihrer eigenen Betroffenheit, ihrer eigenen Geschichte herrührt. Sie gewinnt an Kontur als die andere Person die sie ist.
Die Therapeutinnen gehen dabei so vor, daß sie für jede von uns beiden einen geschützten »Raum« schaffen, indem sie dafür sorgen, daß wir beide abwechselnd sprechen und zuhören können.
Ich merke, wie Erleichterung in mir eintritt, während ich den Erzählungen der anderen Frau folge. Ich sehe das Trennende und das Gemeinsame, und meine gestern abend und heute morgen noch feindselige und ängstliche Haltung weicht einem Gefühl von Wärme und tiefem Verstehen. Fixierte Bilder weichen lebendiger Erfahrung.
Ich hatte meine »Opferrolle« aufgegeben, die Initiative ergriffen und Verantwortung für mich übernommen. Ich hatte einer typisch weiblichen Form der Identitätsgewinnung entsagt, überwiegend über meine Vorstellungskraft, die mich gestern Abend in Kontakt mit meinen alten Erfahrungen gebracht hatte, meinen Platz in der Welt zu begreifen.
- Die Realität der Frau (jedenfalls in der klassisch-patriarchalen Sozialisation) ist eine imaginäre Wirklichkeit, [...] Kein Wunder, daß es Frauen - auch denen, die später feminstisch werden - schwerfällt, sich ihrer selbst und ihrer Möglichkeiten in der realen Welt habhaft zu werden.«[13]
Gegensatz zu Männern, »ihre Realität ist die Realität des Faktischen.[14]
Weibliche Allmacht
Die folgende Episode findet zwischen drei Frauen statt (A, B und C): Nach einer Pause zwischen zwei Sitzungen meldet sich A zu Wort, um ihrem Ärger auf B Luft zu machen, weil diese sich auf »ihren« Platz gesetzt hätte, auf dem A zuvor saß. Eine der Therapeutinnen interveniert, indem sie hinterfragt, wie A zu der Meinung käme, daß das »ihr Platz« sei; sie könne sich beim besten Willen nicht erinnern, daß in der Gruppe eine derartige Vereinbarung getroffen worden wäre, wonach jede Frau »ihren« Platz hätte. (Sie macht A durch ihre Intervention aufmerksam, daß deren Ärger eine Reaktion auf ihre eigenen inneren Fantasien und Bilder ist). Gleich darauf beginnt C zu sprechen. Sie sei verletzt, weil A offensichtlich nicht neben ihr sitzen wolle, sonst wäre sie wohl nicht ärgerlich, daß B auf »ihrem« Platz sitzt. Ich erkenne Aspekte von C in mir wieder. Sie lebt, wie viele Frauen, eine quälende Form weiblicher Omnipotenz, indem sie die Handlungsweisen der Menschen in ihrer Umgebung primär mit ihrer Person in Verbindung bringt, sich für fast alles zuständig und verantwortlich fühlt. Mit Hilfe der Therapeutinnen gewinnt sie die einfach erscheinende Einsicht, daß, wenn A auf ihrem Platz sitzen möchte, dies nicht bedeutet, daß sie nicht neben ihr sitzen will. Wie schon im vorherigen Kapitel erwähnt, ist die Realität einer typisch weiblich sozialisierten Frau in unserer Gesellschaft eine imaginäre Wirklichkeit, charakterisiert durch Mutmaßungen über den/die andere(n), ursprünglich die Mutter; mit ihr hatten Töchter kaum Gelegenheit modellhaft zu lernen, sich mit anderen Frauen konstruktiv auseinanderzusetzen. Frauen lernen daher früh, ihre »Antennen« auszufahren, ihre Intuition zu schulen. Diese weibliche Art der Wahrnehmung und Erklärung ihrer Umwelt wird von anderen oft als Vereinnahmung und Anmaßung erlebt.
Weibliche Allmachtsgefühle, d. h. ohne Auseinandersetzung mit anderen zu glauben, über deren innere Vorgänge und Handlungsmotive Bescheid zu wissen, führen zu Mißverständnissen und anderen sozialen Schwierigkeiten und sind immer wieder Thema in diesen Seminartagen. Die Therapeutinnen betonen in ihrer Arbeit mit den Frauen das Unterschiedliche, indem sie immer wieder darauf hinweisen, daß die andere ein anderer Mensch ist, mit eigenen Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen, eine Welt für sich, die nach einzigartigen Gesetzen funktioniert, über die nur jede selbst Bescheid weiß. Die therapeutischen Interventionen zielen immer wieder darauf ab, das Erscheinen der Andersartigkeit jeder einzelnen Frau zu fördern und als Bereicherung zu betonen bzw. das imaginäre Denken von Frauen als solches bewußt zu machen.
Die andere ist anders
Eine der eindrucksvollsten Erfahrungen während dieser Seminartage ist das Erlebnis für mich neuer, erweiternder und ganzheitlicher Beziehung zwischen Frauen.
Einen besonderen und nachhaltigen Eindruck hinterläßt in mir eine Übung zu zweit, die von den Therapeutinnen als Zwiegespräch angekündigt wird und jenen Frauen einen Konfliktrahmen bieten soll, die Aspekte aus einer gemeinsamen Vorgeschichte zu klären hatten.
Nach Moeller ist das »wesentliche Gespräch« ein Weg, der/dem anderen unser Erleben wechselseitig einfühlbar zu machen, da »wir viel weniger voneinander wissen, als wir ahnen«.[15]
Die Rahmenbedingungen für dieses Gespräch stellen sich sehr einfach dar und bestehen im Wesentlichen darin, innerhalb eines vereinbarten Zeitrahmens nur von sich selbst zu sprechen, der anderen zuzuhören.
Fast alle Frauen zeigten sich beim anschließenden Erfahrungsaustausch tief berührt von dem eben Erlebten. Innerhalb eines ungewohnten, wenngleich unspektakulären Rahmens hatte Kontakt und damit eine oft völlig unerwartete Form der Konfliktlösung stattgefunden. Die Bedeutung von Kontakt als Wachstum der Persönlichkeit und Bildung von Identität beschreibt Laura Perls, Mitbegründerin der Gestalttherapie wie folgt:
- Kontakt ist die Wahrnehmung und Verarbeitung des anderen, des Verschiedenen, des Neuen, des Fremden. Er ist kein Zustand, in dem man sich befindet, oder nicht befindet (das würde mehr den Zuständen der Kontluenz oder Isolierung entsprechen), sondern eine Tätigkeit. Ich mache Kontakt, ich nehme Kontakt auf an der Grenze zwischen mir und dem anderen. Die Grenze ist gleichzeitig der Ort der Berührung und der Trennung. Sie ist die Zone der Erregung, des Interesses, der Besorgtheit, der Neugier, oder der Furcht und Feindseligkeit, - der Ort wo vormals nicht Wahrgenommenes oder undeutliches Erleben in den Vordergrund tritt als prägnante Gestalt.[16]
Wie Laura Perls beschreibt auch Moeller die »gute Beziehung« nicht als einen Zustand, »die gute Beziehung ist nicht«, sondern als Tätigkeit, »sie kann werden«, und charakterisiert die wesentlichen Ziele des »beziehungsstiftenden Zwiegesprächs« wie folgt:
- Ich möchte in unserer Beziehung lernen, von der wechselseitigen Unkenntnis auszugehen und dich nicht mehr mit meinen Vorstellungen kolo-nialisieren.
- Ich möchte in unserer Beziehung lernen, unser gemeinsames unbewußtes Zusammenspiel ernst zu nehmen und damit zu erkennen, daß ich verantwortlich, aber nicht unabhängig bin.
- Ich möchte in unserer Beziehung lernen, wesentliche Zwiegespräche als notwendig anzusehen und zu verwirklichen; nur so kann ich lernen, mich und Dich ernst zu nehmen; und Du kannst mir nicht wesentlich sein, wenn ich mir nicht wesentlich bin.
- Ich möchte in unserer Beziehung lernen, mich in konkreten Erlebnissen und nicht in Begriffen zu erläutern, weil Bilder und Geschichten erst wirklich tiefgehend und umfassend wiedergeben können, wer ich bin -und wer Du bist.
- Ich möchte in unserer Beziehung lernen zu erkennen, daß ich mir auch die Gefühle mache, von denen ich gerne annehme, daß Du sie mir machst - zum Beispiel Kränkung und Schuldgefühle - oder von denen ich glaube, daß sie mich einfach überkommen - wie etwa Angst und Depression.[17]
Das Neue und Bereichernde dieser Übung besteht für mich in der Erfahrung, innerhalb eines sicheren Rahmens, d. h. einer respektvollen, gewährenden und nicht-wertenden Beziehung zu einer Frau, alle in mir auftauchenden Impulse zuzulassen, auszudrücken bzw. zu verbalisieren und damit eine Erfahrung zu machen, die innerhalb der Beziehung zur Mutter nur wenigen Mädchen möglich war: in meiner Einzigartigkeit und Andersartigkeit als Frau von einer anderen Frau gesehen und angenommen zu werden. Moeller hat diese Zwiegesprächsform primär für Paare entwickelt.[18]
Die Anwendung der beschriebenen Methode im Rahmen des Seminars durch die beiden Therapeutinnen sehe ich als Aufwertung von Frauenfreundschaften, sie stellt die Beziehungen zwischen Freundinnen auf die Ebene von Partnerschaften zwischen Mann und Frau.
Zum Abschluß
Freundinnen, die sich mit-einander respektvoll auseinandersetzen werten einander auf, geben einander die Chance, innerhalb ihrer emotional nahen Beziehung alte Wunden, die aus einer defizitären Mutter-Tochter-Beziehung stammen, zu heilen und einander »im Zeitalter der narzißtischen Störungen [...] zum Leben zu verführen.«[19]
Frauen, die einander Akzeptanz als ganzheitlicher Person und nicht nur als »braver Tochter« entgegenbringen, unterstützen einander darin, alte Angst vor Frauen abzulegen und Mut, zu sich selbst zu stehen, aufzubauen, eindeutiger und damit greifbarer zu werden und zu einer »integrierten Person mit Stil« heranzuwachsen, von welcher Laura Perls (unter Verwendung der männlichen Form) meint:
- Sie hat [...] eine einheitliche Art des Ausdruck und der Mitteilung. Sie ist nicht notwendigerweise was man »angepaßt« nennen könnte oder »sozial nützlich und wünschenswert«, nicht einmal »gesund«. Man mag sie »exzentrisch« nennen, »verschroben«, »verrückt« oder »kriminell«, sie ist vielleicht ein Anarchist, ein Künstler, ein Homosexueller, ein Landstreicher.[20]