Eine alte Frau - tüchtig, bitter, abweisend
Ein alter Mann - trottelig bis unsicher, freundlich,
kontaktsuchend
Der alte Mann spricht an alle:
Wir wohnen dort gleich hinten um die Ecke.
Jeden Tag fährt der Zug bei uns vorbei, (unausgesprochen die Sehnsucht nach dem Leben, dem fernen, unerreichbaren -
hat er nicht auch hier etwas? seine Frau ist tüchtig, alle sollen es wissen! Er spricht lauter:)
Meine Frau guckt ihn jeden Tag an. Gestern war er ganz voll. Vorgestern waren nur 6 Leute in dem ganzen langen Zug.
Frau (ihn empört zurechtweisend):
Doch in einem Wagen! Denkst Du, ich hätte Zeit, den ganzen Zug zu zählen?
II
Umkehrung
Der alte Mann ist nutzlos geworden, weil sein Nutzen seine Arbeit
als Ernährer war, die nun vorüber ist,
die Rente zahlt ja der Staat.
Jetzt ist sie dran.
Sie, die ihr ganzes Leben nur den Haushalt gemacht hat
eine nebensächliche Angelegenheit, nur Dienstleistung, niedrige.
Aber jetzt ist der Haushalt die Hauptsache,
und sie ist immer noch seine Herrin, Hausherrin,
und er kann, wenn überhaupt etwas, allenfalls ihr Dienste leisten.
Vergangene Bedeutung gibt seinem Gesicht Würde
darüber das Staunen, im Zuhause
welches doch Sinn und Zweck seines Arbeitens war,
nicht zuhause zu sein,
eher störend im glatten Ablauf der Hausarbeit.
Daß er nicht begreift,
daß seine frühere Herrschaft über sein Zuhause vergangen ist,
endgültig,
gibt der Würde in seinen Zügen - Abglanz früherer Nützlichkeit -
den Ausdruck von Dümmlichkeit.
Wie konnte es geschehen, daß seine Frau sich so verändert hatte? Seine Frau,
die doch auch wieder unverändert die gleichen Arbeiten tat zu Hause,
immer noch nebensächliche Arbeiten,
die keiner so recht ernst nehmen kann,
die keinen ausfüllen können, wohl aber den Tag,
wodurch ihre Züge bitter geworden sind aus Neid auf die verpaßte
Fülle
und wegen der Belanglosigkeit des Daseins
und vor Wut auf den Mann, der ihre Arbeit auch nicht achtete,
so ihr nicht half, sich über sie zu täuschen, und der befahl,
so daß sie sich auch nicht lange einreden konnte,
es geschehe aus Hebe, was sie tat, von ihrer Seite,
ihre Taten seien ein Liebesdienst und ihr Leben voller Liebe.
Sie,
die früh alt geworden war und kleinlich seine Schritte überwacht
hatte, wenn er ins Leben ging,
aus dem Haus,
für sie war alles gleich geblieben,
als er endgültig zurückkam, auf Rente gesetzt wurde,
nicht mehr davonging,
und hatte sich doch ganz verändert.
Ihre Hausarbeit, die gleich gebliebene,
einzige nützliche Tätigkeit jetzt in beiden Leben,
gab ihr auch die Macht, die die nützlichen Taten den Menschen
geben sollten.
Nur sie beherrschte den Ablauf des Tages jetzt,
plante und teilte ein und unterwarf sich, soviel sie konnte, um
spät die Unterworfenheit ihres Lebens noch auszugleichen.
Es stört zwar der Mann jetzt den gewohnten Ablauf,
unnütz in Bereichen sich aufhaltend, die ihn nichts angehen,
gar versuchend sich einzumischen!
Doch braucht sie ihn auch so, um ihn den strengsten Regeln zu
unterwerfen:
Nicht dieses Hemd - nicht auf diesen Stuhl - nicht jetzt -
nicht an diesen Ort ... - und umgekehrt: zieh jetzt dieses
an - setz dich dorthin - geh jetzt spazieren - ruh dich
aus - iß einen Apfel ...
Fürsorge.
Denn geblieben ist ihr - die sie nichts zu sagen hatte bis heute -
das Recht, den Tag anzufüllen, - seine langweilige Leere zu ordnen.
Ausgedient hat der Mann, jetzt, da er nicht mehr hinausgeht.
Und über die, die zuhaus sind, - so hat sie das Leben gelehrt -
kann man befehlen nach Lust und Laune, besonders wenn es um Liebe,
um Fürsorge sich handelt.
Und er, der doch bisher nur gearbeitet hatte,
damit seine Frau nicht zu arbeiten brauchte,
- und sie hatte ja nur das bißchen Haushalt und die Kinder, die
ja jetzt weg sind -
er,
der seinen wohlverdienten Feierabend jetzt hat,
auf Dauer das angenehme Gefühl wie wenn man nach des Tages Arbeit
in ein wohlbereitetes Nest zurückkommt,
umsorgt, gepflegt -
darauf hat er ein Recht! Schließlich ist er der Ernährer!
Wehe, wenn nicht alles da ist! Was tut sie eigentlich den ganzen Tag?
Jetzt also hat er seinen Feierabend immer -
Heißt Rentenzeit nicht Feierabend? Lebensabend?
Aber jetzt will sich der Genuß nicht einstellen.
Müde ist er schon - aber nicht rechtschaffen müde
Auch ist es langweilig und die Frau - sie hat sich so sehr geändert.
Sie zeigt ihm, wie unnütz er ist und störend den ganzen Tag.
In die Bitternis ihrer Züge hat sich der Triumph später
Herrschaft gemischt.
Er hat Angst vor ihr.
Er kann ihr nichts mehr befehlen.
Seit seine Arbeit ihm genommen ist, ist er niemand mehr.
Und sie weiß das.
Und rächt sich für ihr vertanes Leben, indem sie ihm eben ihr
Haushaltleben als Fülle, als Macht, als Tat, als Leben, als
Herrschaft entgegenhält,
so wie er es früher mit seinem Leben ihr gegenüber gemacht hat.
Nur wenig dämmert in seinem zagen Staunen,
daß da vieles falsch war in seinem Leben
und in ihrem vor allem.
Daß er niemals gearbeitet hat, um zuhause für alles zu sorgen,
und daß es darum falsch war, in dem Zuhause, das keines war,
das Leben seiner Frau zu vergeuden,
da sie es nicht besser wußte
mit Lügen sie dort zu fesseln, wenn sie mal raus wollte,
und daß er dort zuhause war, wo er gearbeitet hat
mit seinen Kollegen,
daß es aber dort nicht schön war.
Aber es hat sie nicht genug gestört,
denn sie dachten, es sei ja nicht ihr Zuhause,
wo sie alles anordnen können, wie es sein soll und wie es ihnen
paßt.
Und da sie zuhause auch nicht wollen, daß ihnen da einer reinredet
nicht die Frau
und schon gar nicht der Chef,
deshalb war es doch eine gerechte Arbeitsteilung,
daß der Chef für die Dinge im Betrieb sorgte, anordnete, befahl
und jeder Arbeiter für die zuhause.
Und so wußten sie wohl, daß ihre Arbeit nützlich war,
aber nicht genug, für wen
und darüber konnten sie auch nicht bestimmen
wie überhaupt über fast nichts im Betrieb
weshalb sie sich vormachten
sie seien im Betrieb ja auch gar nicht zuhause,
sondern bloß auf Arbeit
und zuhause ging dann ja auch alles so wie sie gern haben wollten.
So daß sie die Welt und ihren Arbeitsplatz so ließen,
wie sie sie vorfanden
und ihr Leben nicht nützlich anwandten,
weil sie sich und die ihren belogen
und sich also betrogen
und den bequemen Weg wählten
der sehr unbequem war.
Und nun haben sie nichts davon
und keinen Lebensabend
weil es der Abend des nicht gelebten Lebens ihrer Frauen ist,
den sie für sich genießen wollen.
Wodurch ihnen zu spät gezeigt wird,
welches Leben
sich hinter der Lebenslüge verbirgt für die sie nichts können,
weil sie sie sich nicht selbst ausgedacht haben,
sondern die Verhältnisse so sind,
die sie dennoch auch selbst machen.
Wie könnten sie sie verändern?