Ausblick

Ein halbes Jahrhundert nach der Annahme des neunzehnten Verfassungszusatzes sind viele der verheißenen oder angedrohten Ereignisse ausgeblieben. Das Goldene Zeitalter ist nicht angebrochen, aber auch das gesellschaftliche Gefüge des Landes wurde nicht zerstört, und ebensowenig gründeten die Frauen eine politische Partei, um nur Frauen in öffentliche Ämter zu wählen. Einer solchen politischen Organisation für Frauen kam das Vereinigte Frauenkongreßkomitee (Women's Joint Congressional Committee) am nächsten, in dem sich einige Dutzend der größten Frauenorganisationen zu dem Zweck zusammenschlössen, Gesetze im Kongreß durchzubringen, zum Beispiel einen Verfassungszusatz, der Kinderarbeit verbot, und ein Kinder- und Mutterschutzgesetz, den Sheppard-Towner Act. Aber selbst dieser lockere Zusammenschluß des WJCC war nur während der unmittelbar auf die Eroberung des Frauenwahlrechts folgenden Jahre wirksam und löste sich noch vor der Großen Depression wieder auf.
Die Frauen bewiesen dieselbe Neigung wie die Männer, sich nach herkömmlichen Parteilinien zu spalten. Gewiß, sie gingen in ständig wachsender Zahl zur Wahl, bis sie schließlich bei den Präsidentschaftswahlen von 1956, nach einer Untersuchung des Gallup-Instituts, ebenso viele Wähler stellten wie die Männer.[1] Trotzdem entspricht dieser Zuwachs noch nicht dem Wachstum ihres Anteils an der Gesamtbevölkerung, wo sie heute die Männer überrunden, und spiegelt auch nicht ihre potentielle politische Macht angemessen wider.
Nach der Verabschiedung des neunzehnten Zusatzes beruhigten sich die Politiker wieder, als sie erkannten, daß Frauen nicht einheitlich wählten und die vergleichsweise wenigen fähigen und siegreichen Führerinnen eher daran interessiert waren, eine politische Karriere zu machen. Zwischen 1920 und 1960 wurden etwa sechzig Frauen in das Repräsentantenhaus gewählt; die meisten von ihnen besaßen weder größere noch geringere Fähigkeiten als ihre männlichen Gegenspieler. Alice Robertson aus Oklahoma wurde als zweite Frau in das Repräsentantenhaus gewählt und folgte damit der bahnbrechenden Jeanette Rankin aus Montana auf den Fersen. Miss Robertson verwirrte die meisten Suffragetten dadurch, daß sie gegen das fortschrittliche Sheppard-Towner-Gesetz stimmte, um das die Frauen und das WJCC sich so sehr bemüht hatten.[2]
In den Senat der Vereinigten Staaten sind bisher erst drei Frauen gewählt worden: Hattie Caraway aus Arkansas, Maurine Neuberger aus Oregon und Margaret Chase Smith aus Maine, die deswegen herausragt, weil sie ihm bis zu ihrer Wahlniederlage im Jahr 1972 fünf Amtsperioden lang angehörte. Die meisten Frauen gelangten auf dem sogenannten »Witwenweg« in den Kongreß oder auf Gouverneurssitze eines Staates. Die erste Gouverneurin war Nellie Tayloe Ross aus Wyoming, die auf ihren Ehemann, der 1924 noch vor Ablauf seiner Amtszeit gestorben war, folgte. Die erste Frau, die aufgrund ihrer eigenen Verdienste zum Gouverneur ihres Staats wurde, war 1974 in Connecticut Ella T. Grasso. 1962 wurden die bisher meisten weiblichen Abgeordneten - lediglich 20 von 435 - ins Repräsentantenhaus gewählt; dem 1974 gewählten 94. Kongreß werden achtzehn angehören. In dieser Wahl wurden zum ersten Mal zwei Frauen zum Vizegouverneur gewählt: Susie Sharp aus Nord-Carolina, Oberste Richterin am bundesstaatlichen Gerichtshof, und Jane Hayes, die Bürgermeisterin von San Diego, einer Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohner. Daß eine Frau sich um den Sitz in einem einzelstaatlichen Parlament bewirbt, wird inzwischen nicht mehr besonders vermerkt. Vor den Wahlen von 1974 taten das 450 Frauen, und die Zahl stieg 1975 auf etwa 750 an. Es gab Botschafterinnen und Frauen in hohen Regierungsämtern in den einzelnen Staaten oder auf Bundesebene, so etwa Mabel Walker Willebrandt, die von 1921 bis 1929 stellvertretende Generalstaatsanwältin war, und drei weibliche Kabinettsmitglieder: die Arbeitsministerin Frances Perkins, die Gesundheits-und Bildungsministerin Oveta Culp Hobby und Carla Hills, Woh-nungs- und Städtebauministerin unter Gerald Ford. Die ersten schwarzen Frauen, die in das Repräsentantenhaus gelangten, sollten besonders berücksichtigt werden: Shirley Chisholm aus New York war Abgeordnete im 92. Kongreß, und zwei Jahre später wurden es Cardiss Collins aus Chicago, Yvonne Burke aus Kalifornien und Barbara Jordan aus Texas. Zur großen Überraschung (und Erleichterung!) vieler männlicher Politiker versuchte unmittelbar nach der Verabschiedung des Verfassungszusatzes 1920 keine Suffragette, sich aggressiv als Kandidatin für ein politisches Amt zu profilieren. Mildred Adams hat dies für einen durchaus schwerwiegenden Fehler gehalten. Wenn je das Eisen heiß genug war zum Schmieden, wenn je der Weg für erfahrene und begabte Frauen offengestanden hat, dann im Jahr 1929, als es unzählige Frauen mit genügend »politischer Erfahrung«, und oft sehr bitterer Erfahrung, gab. Einigen wenigen wurden Positionen angetragen, doch sie lehnten sie entrüstet ab, weil sie sie für ein bloßes Alibi hielten; wären sie nicht so wählerisch gewesen, wer weiß, vielleicht hätte es ein Anfang sein können, und sie hätten sich aus eigenen Kräften vorwärtsbewegt?[3] Aber 1920 waren viele Suffragetten nicht nur der Kampagnen müde, sondern auch verwirrt. Mrs. Catt hatte sie jahrelang in eine »aufklärerische«, »nicht parteigebundene« Organisation gelenkt, und wenngleich niemand leugnen kann, daß die Wählerinnenliga (League of Women Voters) während all der Jahre nützliche Arbeit geleistet hat, so läßt sich doch nicht ausschließen, daß dadurch die politische Stärke der begabtesten Suffragetten verkümmerte. Mit Sicherheit hatte sich in den Köpfen der meisten Politiker die Idee festgesetzt, daß »die Damen« gar nicht wirklich an Politik - so wie Politiker sie definierten - interessiert waren, sondern vielmehr an »Reformen«, was etwas ganz Anderes war.
Mrs. Catts Position war auf seltsame Weise paradox, denn sie wußte sehr wohl, wie Politik gemacht wird und drängte ihre Scharen geradezu, sich nicht von den Orten vertreiben zu lassen, an denen die politische Macht ausgeübt wurde. Auf der »Sieges-Konferenz« der NAWSA von 1920 sagte sie, daß es nicht ausreiche, zu den großen politischen Empfängen zu gehen, bei denen die neuen Wähler herzlich willkommen geheißen wurden:»... aber wenn ihr am Ball bleibt, euch genügend umtut und eure Augen offen haltet, werdet ihr eine kleine, festere Gruppe entdecken, die wir den harten Kern der politischen Partei nennen könnten. Dort werdet ihr nicht mehr so willkommen sein. Das sind die Leute, die die politischen Grundsatzprogramme planen und die Kandidaten aussuchen. Sie machen die Arbeit, die ihr und die männlichen Wähler an den Urnen absegnen sollt. Dort seid ihr nicht so willkommen, aber gerade dort müssen wir hin. Und wenn ihr dort lange genug ausharrt und aktiv genug seid, werdet ihr noch etwas anderes sehen - die wirkliche Schaltzentrale mit der fest verriegelten Tür, und ihr werdet einen langen harten Kampf durchstehen müssen, bevor ihr hinter diese Tür gelangt, denn dort befindet sich der Motor, der die Räder des Parteiapparats antreibt. Trotz alledem wird es ein interessanter und erregender Kampf sein, und er ist sehr wohl der Mühe wert. Wenn ihr wirklich wollt, daß die Stimmen von Frauen zählen, dann setzt euch dort durch.«[4]
Die politischen Apparate aufzubrechen, erwies sich als mühsame und im großen und ganzen bisher erfolglose Aufgabe, bei welcher die Frauen auf die verschiedensten Hindernisse stießen, wie zum Beispiel ihren, dem eigenen Idealismus, ihrer gesellschaftlichen Herkunft und Tradition entstammenden Widerwillen gegen die undamenhaften, rauhen Sitten (um nicht zu sagen die Korruption) der Parteipolitik oder wie die Vorurteile der männlichen Politiker, die, einmal gezwungen, das Frauenwahlrecht zu akzeptieren, ein völlig neues Verteidigungssytem gegen den Sturm der Frauen auf ihre Vorrechte aufbauten. Zu all dem kamen die Probleme, auf die jede Frau stößt, wenn sie versucht, zusätzlich zu Hausarbeit und Kinderversorgung ein Geschäft zu führen, eine berufliche Karriere zu machen oder sonst irgendeinen Job zu haben. Ein offenbar nicht mehr rückgängig zu machender Trend war im letzten halben Jahrhundert die Zunahme der weiblichen Erwerbstätigkeit, ob in Teilzeit- oder Vollzeitanstellungen. In bestimmten Zeiten, etwa während des Zweiten Weltkriegs oder später während des Koreakrieges, wird dieser Trend besonders deutlich, zu anderen Zeiten geht er zurück, aber insgesamt steigen die Zahlen immer weiter an, genau wie die Preise: und vielleicht ist das kein Zufall. Eine andere leicht veränderliche Konstante ist die Kluft zwischen Männer- und Frauenlöhnen, wobei die Frauen stets am unteren Ende jeder Skala rangieren, ob es sich um die Wochenlöhne der Arbeiter handelt oder um die »Gehälter« der qualifizierten Berufe. (Und ebenso verdienen die schwarzen Frauen immer weniger als die weißen.) Heute in den siebziger Jahren gibt es in den USA inzwischen 35 Millionen weibliche Arbeitskräfte (d.h. entweder als Beschäftigte oder als Arbeit Suchende, Teil- oder Vollzeitbeschäftigung). 1972 lag der Mittelwert*(* Der Mittelwert, also der Punkt, oberhalb und unterhalb dessen gleich viele Personen liegen, liefert bessere Hinweise auf das Einkommen Einzelner als der Durchschnittswert) des wöchentlichen Einkommens von Männern aller Altersgruppen und Rassen bei 168 Dollar, der der Frauen bei 106 Dollar. Der Mittelwert der Wochenlöhne von nicht-weißen Männern aller Altersgruppen lag bei 129 Dollar, der nicht-weißer Frauen bei 99 Dollar.[5]
Die einzige Möglichkeit, diese Ungleichheit aufzuheben, ist die wirkliche Anwendung der Gesetze, von denen es inzwischen (und zumeist erst seit kurzem) eine Flut gibt und die ungleichen Lohn für gleiche Arbeit verbieten. Abschnitt VII des Gleichberechtigungsgesetzes von 1964 sieht die bevorzugte Einstellung von Frauen (»affirmative action«) vor, wodurch weiblichen Beschäftigten in jeder Art von Beruf leichter zu ihrem Recht verholfen werden sollte. Dies jedoch durchzusetzen, dauert gleichwohl lange und kostet viel Mühe; wirklich nötig ist die grundsätzliche Änderung von Einstel-lungen und Empfindungen, so daß Frauen nicht mehr als minderwertig erscheinen und nicht mehr betrogen und herabgesetzt werden, wann immer ein Arbeitgeber damit durchkommt.[6]
Ein Weg, der zur Aufwertung des Frauenbildes insgesamt vorgeschlagen wurde, ist der Gleichberechtigungszusatz zur Bundesverfassung (Equal Rights Amendment, ERA). Darin heißt es: »Die Rechtsgleichheit vor dem Gesetz darf weder von den Vereinigten Staaten noch von irgendeinem einzelnen Staat aufgrund des Geschlechts verwehrt oder eingeschränkt werden.« Dieser Vorschlag wurde bereits 1923 zum ersten Mal in den Kongreß eingebracht und wie ein leeres Ritual jedem Kongreß erneut vorgelegt, bis es schließlich im Februar 1970 einer militanten Gruppe der wieder aufblühenden Frauenbewegung gelang, Anhörungen über den Verfassungszusatz zu erzwingen. Im Mai 1970 kam es nach einer kurzen, aber lebhaften Kampagne im Repräsentantenhaus zur Abstimmung. Am 15. August 1970 kam der Zusatz mit 352 zu 15 Stimmen durch. Der Senat schloß sich am 22. März 1972 mit 84 zu 8 Stimmen an. Bis November 1974 hatten 33 der für eine Zweidrittelmehrheit erforderlichen 38 Staaten den Zusatz ratifiziert. Ein wesentlicher Grund dafür, daß die gesetzlichen Regelungen nicht durchgeführt werden, ist, daß Frauen in der Führungsspitze der Gewerkschaften mit überwiegend weiblichen Mitgliedern unterrepräsentiert sind. In der Tat scheint das Faktum, daß in irgendeinem Industriezweig Arbeiterinnen in der Überzahl sind, sogar als Argument dafür zu dienen, daß man sich nicht um ihre Organisierung bemüht. Viele Frauen sind noch immer unorganisiert, weil - wie in früheren Tagen - ihre Jobs dort schlecht bezahlt werden und besondere Probleme für die Organisierung aufwerfen. Ein solcher Bereich sind die Büros, ein zweiter der Einzelhandel, ein dritter die Dienstboten und schließlich, als vierter, die Wanderarbeiter in der Landwirtschaft. In allen vier Bereichen bleiben die Löhne weit hinter dem Niveau solcher Industriezweige zurück, in denen die Gewerkschaften massive Verbesserungen durchgesetzt haben, von denen jedoch im großen und ganzen, mit Ausnahme von Kriegszeiten, Frauen ausgeschlossen bleiben.
Vor dreißig Jahren erhob sich Rose Pesotta, die ein arbeitsreiches Leben in der Bekleidungsindustrie hinter sich hatte, während der Konferenz der Textilarbeitergewerkschaft (International Ladies Garment Workers Union, ILGWU) 1944 in Boston und lehnte ihre Nominierung für eine vierte Amtsperiode im Hauptvorstand der Gewerkschaft ab:
»Wenn ich vom Rednerpult aus diese Frage beantworten soll, dann fordere ich die Organisation auf, ihre eingefahrene Regel, nur eine einzige Frau in ihrem hohen Rat zu haben, zu überprüfen. Meine zehnjährige Arbeit in diesem Amt hat mir klargemacht, daß eine einzelne Vizepräsidentin die Frauen nicht angemessen repräsentieren konnte, die inzwischen 85% der 305 000 Mitglieder dieser Gewerkschaft stellen.«[7]
Heute sitzt keine Frau im Vorstand des AFL-CIO, der größten Gewerkschaft des Landes. Auch unter den 23 Regionalvorständen befindet sich keine Frau. Die jüngsten Zahlen zeigen, daß von den insgesamt 442 000 Mitgliedern der ILGWU, vor der Rose Pesotta damals gesprochen hatte, nicht weniger als 354 000 Frauen sind; trotzdem gehören ihrem achtzehnköpfigen Hauptvorstand nur zwei Frauen an, und das Verhältnis hat sich seit 1957 nicht geändert. Die Gewerkschaft der Bekleidungsarbeiter (Amalga-mated Clothing Workers) hat ebenfalls einen hohen Anteil an weiblichen Mitgliedern, nämlich 289 500 von insgesamt 386 000; auch hier sind unter siebzehn Vorstandsmitgliedern nur zwei Frauen. Bei der Gewerkschaft der Telefon- und Telegraphenarbeiter (Communications Workers) sind 232 000 von 422 000 Mitgliedern Frauen; eine Frau sitzt im Vorstand, und zwei weitere in höheren organisatorischen Positionen haben regelmäßige Treffen mit dem Vorstand, aber keine Stimme. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele dieser Art.
Die Erklärung dafür, warum der ERA auf einmal zu einer brennenden politischen Frage wurde, liegt im plötzlichen Hervortreten einer neuen, äußerst aktiven Frauenrechtsbewegung. Während des halben Jahrhunderts seit 1920 hatte es zwar kleinere Erfolge meist rechtlicher Art gegeben, aber die einzig sichtbare Aktivität von Frauen nach dem Niedergang des Vereinigten Frauenkongreßkomitees bestand in der kleinen Frauenpartei, die für die Probleme von Arbeiterinnen, rassischen Minderheiten und arbeitslosen Armen nicht das geringste Interesse zeigte. Tatsächlich kamen alle, die sich mit diesen Gruppen auseinandersetzten, zu dem Eindruck, der ERA in seiner jetzigen Form würde die unzulänglichen Schutzvorschriften der einzelstaatlichen Gesetze außer Kraft setzen, wie etwa die Arbeitszeitbegrenzung für Frauen und andere »Sonder«-Gesetze zu ihrem Schutz. Die Antwort auf die Frage, warum »Women's Lib« gerade zu jenem Zeitpunkt entstand, ist nicht einfach. (Der Name wurde von Gegnern wie Anhängern sowohl abschätzig wie mitleidig-respektvoll gebraucht.) Daß sie entstand, hat sicherlich mit dem gewaltigen Ausbruch von Militanz unter den schwarzen Amerikanern zu tun, die der denkwürdigen Entscheidung des Obersten Bundesgerichts vom 17. Mai 1954 im Fall »Vereinigte Staaten gegen Brown« folgte, welche die rassisch-segregierten Schulen für gesetzeswidrig erklärt hatte. Am 1. Dezember 1955 weigerte sich Mrs. Rosa Parks aus Birmingham (Alabama) spontan und hartnäckig, in den hinteren Teil des Busses zu gehen, um einem weißen Mann Platz zu machen; darauf folgte ein jahrelanger Busboykott in dieser Stadt, die Sit-ins der »Freedom-Riders« in den Restaurants für Weiße, die am 1. Februar 1960 begannen (diese Daten sollten wir ebenso im Kopf haben wie den 4. Juli oder den 14. und den 22. Februar!), monate- und jahrelange Kämpfe, bis endlich im Süden Schwarze in weiße Schulen und Schwimmbäder, Bibliotheken und Krankenhäuser durften, bis die Namen von Schwarzen auf die Wahllisten kamen und Schwarze wirklich zu den Urnen durften; es gab die immer weiter um sich greifende Bewegung, in der sich Männer und Frauen, Schwarze und Weiße für die »Freiheit hier und heute« engagierten.[8]
Im Laufe dieser Ereignisse stellten immer mehr Frauen fest, daß ihre Rolle im Kampf viel zu begrenzt war und daß immer noch beträchtlich viel »zu erledigen« war, was ihre eigenen Angelegenheiten anging: ungleiche Löhne, der Mangel an gleichen Aufstiegschancen und vor allem die Einschränkungen, denen eine Hausfrau gegenüberstand - selbst wenn sie nicht gerade bitter arm war -, wollte sie mehr vom Leben, als Küche und Supermarkt zu bieten schienen.[9]
Die Revolte der Hausfrauen ist vermutlich einer Vielzahl anderer Faktoren zuzuschreiben: dem Kampf für den Frieden, der sich auf die Beendigung des Vietnamkrieges konzentrierte, dem immer niedrigeren Alter, in dem Frauen heirateten, Kinder bekamen und deren Erziehung beendeten -, dem zunehmenden Trend zu immer kleineren Familien, den immer erfolgreicheren Methoden zur Empfängnisverhütung, die, unabhängig von wirtschaftlichen Faktoren, solche kleinen Familien möglich machten. Im Jahr 1963 wurde Betty Friedans Buch Der Weiblichkeitswahn zum nötigen Katalysator. Drastisch, eindringlich, leidenschaftlich und weitgehend zutreffend, lautete ihre Hauptthese, daß die Mittelstandsfrau mit Hochschulbildung in unserer Gesellschaft durch die Massenmedien zu einer Art von Haushaltsführung programmiert wird, deren primäres Ziel nicht Lebensqualität, sondern sinnloser und unersättlicher Konsum ist. Betty Friedan argumentierte, daß Frauen mit College-Bildung es sich selbst und der Welt schuldig seien, sinnvolle Karrieren zu verfolgen; alles andere sei ihrer Gesundheit und dem Wohlbefinden ihrer Familien abträglich, auch den Kindern, für deren Wohl sie sich aufopfern sollten.
Der Weiblichkeitswahn hat bei amerikanischen Frauen genau den Nerv getroffen und wurde ein Bestseller. Zusammen mit einer Gruppe, in der auch interessierte Männer mitarbeiteten, gründete Betty Friedan die Nationale Frauenorganisation (National Organization for Women, NOW), die eine Menge Probleme aufgriff, darunter den Gleichberechtigungszusatz. Ganz in der Tradition der Frauenrechtsbewegung seit ihren frühesten Tagen vor dem Bürgerkrieg war auch die NOW finanzschwach, belastet von persönlichen Konflikten und programmatischen Kontroversen und ungeheuer lebendig. Elizabeth Cady Stanton, Susan Anthony, Charlotte Gilman, Ida Wells-Barnett und Carrie Chapman Catt hätten sich in der Bewegung von heute zu Hause gefühlt; und sie hätten auch wahrgenommen, daß Frauen heute Vorteile haben, die sie selbst entbehrten.
Welche der heutigen Organisationen oder Organisationsbündnisse, welche Führerinnen auf lange Sicht eine Rolle spielen werden, ob die heutige Bewegung ihren Elan beibehalten wird und wie lange - das alles kann und sollte ein Historiker nicht vorhersagen; wer würde es auch wagen, der sich erinnert, wie außerordentlich plötzlich der Aufstand der Frauen in den sechziger Jahren aufbrach. Wenn irgend etwas sicher ist, dann dies: daß weiße Frauen ihre Probleme nicht lösen können ohne Einbeziehung ihrer schwarzen Schwestern, anderer rassischer Minderheiten und der Frauen in der ganzen Welt, von denen viele der Ansicht sind, die weiße amerikanische Frau besitze viele Privilegien, die ihre eigenen kühnsten Erwartungen übertreffen. Und schließlich können Frauen nirgendwo ihre Zukunft in Angriff nehmen, ohne die andere Hälfte der Menschheit zu berücksichtigen. Die Menschheit, so lehrte uns einer unserer größten Führer, kann »halb versklavt und halb frei«*(* So Präsident Lincoln in der Parlamentsdebatte am 17. Juni 1858, an der auch der ehemalige Sklave Frederick Douglass teilnahm. (A.d.Ü.) nicht überleben. Bei dem Gedanken an die Gefahren der unkontrollierten Atomenergie, an die immer kleiner werdende Welt und ihre Milliarden Menschen kann gewiß niemand ohne eine gewisse Besorgnis in die Zukunft blicken. Aber es ist fraglich, ob die Welt, der wir alle heute gegenüberstehen, wirklich feindseliger oder verwirrender ist als jene, mit der die Frauen von damals konfrontiert waren, die nach mehr strebten als »dem Mechanismus eines Puddings oder dem Nähen von Kleidersäumen«.[11] Freiheit und Ungewißheit scheinen Hand in Hand zu gehen. Es hilft vielleicht, wenn wir uns häufiger nicht nur an Washingtons einsame Nachtwachen in Valley Forge und an Lincoln im Weißen Haus erinnern, sondern an die Ängste und Zweifel, die Angelina Grimke quälten oder die scheinbar furchtlose Elizabeth Cady Stanton, als sie ihre erste öffentliche Rede in der kleinen Wesleyan-Kapelle in Seneca Falls hielt. Wenn wir mehr über den langen Weg erfahren, den diese und Hunderte anderer Frauen bis in unsere Gegenwart zurücklegten, können wir vielleicht unserer eigenen Zukunft mit mehr Mut und Weisheit und mit größerer Hoffnung entgegensehen.