Vorbemerkung

Liebe Leserin, lieber Leser!

Sie haben ein Buch zur Hand genommen, das Reden, Aufsätze und Texte aus vier Jahrzehnten zu einer Thematik enthält, die ein Stück meiner politischen Lebensarbeit darstellt. Es ist die Suche nach einer demokratischen Kultur, d. h. nach den äußeren und inneren Bedingungen zur Rehabilitierung und Erneuerung unseres politischen Gemeinwesens nach dem kläglichen Scheitern von Weimar und nach der von der Mehrheit der Deutschen akzeptierten totalitären Machtergreifung Hitlers, die nach Auschwitz führte und in der totalen Niederlage endete. Eine demokratische Kultur läßt sich nicht - wie eine Verfassung auf dem Reißbrett entwerfen, verkünden und in Kraft setzen. Sie ist so etwas wie eine innere Verfassung - die aus unbewußten, vielleicht unterbewußten historischen Vorprägungen und Schwingungen eines Gemeinwesens Gestalt annimmt und das politische Klima bestimmt. Ich hatte das große Glück, die Schreckenszeit der Nazidiktatur jung und physisch unbeschädigt, wenn auch durch alle äußeren und inneren Katastrophen zutiefst erschüttert und wie konnte es anders sein - reichlich unpolitisch, zu überstehen. Dennoch wurde der Nationalsozialismus meine politische Schlüsselerfahrung. 1946 lernte ich in dem späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss einen überzeugten und überzeugenden Demokraten kennen. Er war es, der mein politisches Bewußtsein geweckt und für das Ausmaß der vor uns liegenden Aufgaben geschärft hat.
Schon bald nach unserer ersten Begegnung begann ich darüber nachzudenken, wie es überhaupt gelingen könnte, auf den Trümmern einer gescheiterten Demokratie und eines selbst verschuldeten Unrechtsstaates eine freiheitlich-rechtsstaatliche Demokratie zu errichten, und wie aus mehr oder weniger überzeugten Nazis künftig Bürger und Bürgen eines freien Gemeinwesens werden sollten. Wie konnte das schreckliche Geschehen verkraftet werden, ohne daß man es verdrängte, wie sollten eine bewußte und gewollte Umkehr und eine Abkehr von den unheilvollen Irrtümern und Verstrickungen unserer politischen Geschichte vollzogen werden? Würden nach dem unfreiwilligen Abbruch aller deutschen Traditionen überhaupt so etwas wie neue - diesmal demokratische - Traditionen entstehen können? Nur dann, wenn diese Fragen konsequent und glaubwürdig beantwortet würden, konnte ich mir den ersehnten Neuanfang vorstellen. Das erste öffentliche Signal der Erschütterung, das mich ahnen ließ, welche noch unfaßbaren Folgen die Schuld haben würde, die wir als Volk, aber auch als einzelne auf uns geladen hatten, war das Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche vom 19. Oktober 1945. Die Evangelische Kirche bekennt sich darin zur Schuld des gesamten deutschen Volkes. Doch hat dieses Schuldbekenntnis damals keine breite Zustimmung gefunden - bestenfalls betretenes Schweigen. Nur wenige bekannten sich offen dazu. Damals begriff ich es zunächst eher intuitiv, im Verlauf der Nachkriegszeit wurde es mir jedoch immer bewußter: Die Suche nach den Bedingungen einer demokratischen Kultur würde langwierig und mühsam werden. Eben dies aber würde die Voraussetzung für Rechtfertigung und Entwicklung einer Demokratie sein.
Tatsächlich verlief die Entwicklung dann ziemlich anders äußerlich scheinbar blendend und erfolgreich. Diesmal funktionierte die nicht erkämpfte Demokratie, was Wählerverhalten, Stabilität von Regierungen und politische Mäßigung betraf. Die Suche nach innerer Katharsis jedoch, nach einem überzeugenden Stil und einer Glaubhaftmachung auch im politischen Alltag, nach einer Aussöhnung zwischen Macht und Geist, das alles blieb (mit einigen rühmlichen Ausnahmen) über die Jahrzehnte ziellos, unklar, wechselhaft, gelegentlich dubios..., wie meine Texte ausweisen. Meine Suche nach konsequenter Besinnung und vorbildhaften Verhaltensweisen hatte zu keiner Zeit etwas mit einem falsch verstandenen Harmoniebedürfnis zu tun. Im Kampf um politische Macht und politischen Vorteil wäre das neuerlich eine typisch deutsche Illusion. Wohl aber war und ist sie bedingt durch jene historische Erblast, die zu tragen und abzutragen zur Existenzbedingung aller Nach-Hitler- und Nach Auschwitz-Generationen gehört.
Genau das ist nicht überzeugend gelungen - allenfalls zögernd und unzureichend. Wie hätte die Seele eines Volkes, die von Irrtümern, Versagen und Schuld beschädigt war, anders als durch mühselige Trauerarbeit zu neuen Kräften kommen können? Obgleich also die Geschichte unserer Demokratiewerdung in ihrer Außenansicht vom Erfolg begünstigt wirkte, blieb sie in ihrer Innenansicht von Verdrängungen überschattet und demzufolge in ihrem demokratischen Stil unfertig, ja gefährdet.
Daraus ist ein politischer Generationenkonflikt von der ersten Nachkriegs- über die Wirtschaftswunder- bis zu den Protestgenerationen entstanden, der das Entstehen einer verbindlichen (und verbindenden) demokratischen Kultur neuerlich verhindert hat. Die jeweiligen Eltern blieben ihren Kindern Klärung und Aufklärung über ihre eigenen Einstellungen und Überzeugungen zur Hitler-, zur Nachkriegszeit, aber auch zur Demokratie schuldig, oft sogar ausreichende Informationen über das Geschehen. Auch an der notwendigen Erinnerungsarbeit hat es lange Zeit gefehlt, was nicht nur für die Politik, sondern in gleicher Weise für Kirchen und Hochschulen, für Rechtsprechung und Medizin zutrifft. So ist zu erklären, weshalb aus der Sicht vieler junger Menschen (aber auch vieler älterer) unsere Demokratie auch nach vierzig Jahren immer noch von Wurzellosigkeit, Dürftigkeit und Zerrissenheit gezeichnet ist. Jedenfalls hat das Jahr 1985 vierzig Jahre nach unserer »Vernichtung und Erlösung« (Theodor Heuss) - für viele von uns diesen Nachgeschmack hinterlassen.
Viele Begegnungen und Diskussionen rund um dieses Datum haben schließlich die Herausgabe dieses Buches ausgelöst. Die ausgewählten und thematisch zusammen gefaßten Texte beschreiben und begleiten Ereignisse, an die die meisten von Ihnen wohl keine Erinnerungen mehr haben werden oder die Sie nur vom Hörensagen kennen, die aber für die innere Entwicklung unserer Demokratie charakteristisch waren. Diese Art der Veröffentlichung, die mehr und etwas anderes sein soll als eine Sammlung von Reden, ist durchaus anstößig gemeint, und zwar im doppelten Sinn des Anstoßerregens und des Anstoßgebens. Ich bin nämlich sehr froh darüber, daß sich offenbar immer mehr Menschen über die Entwicklung und den inneren Zustand unserer Demokratie Gedanken machen und nach den Ursachen für ihre seltsame Verkrampfung und Gestaltlosigkeit fragen. Hinzu kommen politische Skandale aller Art, die oft beklagte Verwilderung des politischen und parlamentarischen Stils, das Überhandnehmen des parteipolitischen Funktionärswesens. Aber es ist auch zu fragen, ob der Gegenversuch der Grünen, vieler sozialer Bewegungen und Alternativer, für unsere unterentwickelte demokratische Kultur wirklich neue Chancen eröffnet. Ich sehe hier durchaus Ansatzpunkte, aber auch Gefahren... Auf jeden Fall sind auch sie Folgen einer nicht erkämpften, einer moralisch nicht ausreichend fundierten Demokratie. Die Suche nach den Bedingungen unserer demokratischen Kultur ist also durchaus zu einem aktuellen und brisanten Thema geworden. Wenn immer mehr Menschen in unserer Republik über den auffälligen Gegensatz zwischen politischen Postulaten und macht-bestimmtem und macht-besessenem Verhalten erschrecken, wenn immer mehr Menschen Achtung und Respekt vor den Repräsentanten unserer Parteidemokratie verlieren, wenn sich immer weniger Menschen entschließen können, den etablierten Parteien beizutreten, wenn sie nicht mehr an die Unbestechlichkeit und Integrität der Parteipolitiker glauben, dann erkenne ich darin alarmierende Anzeichen für eine neuerliche Gefährdung unserer Demokratie.
Ich halte dem entgegen, daß wir uns an diesen Abwärtstrend im Ansehen unserer nach 1945 unter schwersten Bedingungen auf den Trümmern eines unfreien Unrechtsstaates mühsam entwickelten Demokratie nicht widerstandslos gewöhnen dürfen. Statt dessen sollten, ja müssen wir ernsthaft beginnen, die vielfältigen Ursachen für diesen Abwärtstrend und die Mangelerscheinungen unserer politischen Kultur offenzulegen. Dazu möchte ich mit diesem »Textbuch« aus vier Jahrzehnten beitragen. Es ist nicht aus wissenschaftlicher oder publizistischer Distanz entstanden, sondern mitten aus dem Engagement der fragenden, suchenden und scheiternden Politikerin. Wenn wir die Geschichte unserer demokratischen Entwicklung seit 1945 nicht kennen, dann werden Sie, liebe Leser, auch Ihre Zukunft nicht besser gestalten können! Deshalb möchte ich meine eigenen Erfahrungen an Sie weitergeben und Ihnen mit dieser Art der Aufbereitung Orientierung und eigene Meinungsbildung erleichtern. Unsere demokratische Kultur ist so etwas wie unsere politische Umwelt. Sie braucht - damit sie existieren kann - demokratische »Umweltschützer«, die sich der Aufgabe verschreiben, sie zu pflegen und vor Beschädigungen zu bewahren.

München-Harlaching,
März 1986 
Hildegard Hamm-Brücher

Texttyp

Vorwort