Epilog

Beim Siegesfest am Abend des Urteils kannte unsere Freude keine Grenzen und unser Feiern keine Zügel. Und doch war in dem Echo unseres Gelächters und dem Taumel unseres Tanzens auch eine Mahnung. Wenn wir diesen Augenblick des Triumphs als einen Abschluß und nicht als einen Aufbruch ansahen, dann vergaßen wir alle anderen, die in Ketten geschlossen waren., Wir wußten, daß wir die Bewegung wahren und stärken mußten, wenn wir ihr Leben retten wollten.
Das war das Anliegen der Stabssitzung des NUCFAD, das Charlene am Montag abend einberief, am Tage nach meinem Freispruch. Wir fürchteten, daß einige örtliche Ausschüsse ihre Arbeit als beendet ansahen, und beschlossen daher, sofort eine Botschaft auszusenden, in der sie zur Fortsetzung aller Tätigkeiten aufgefordert wurden. Um sicherzustellen, daß diese Botschaft auch zu den Massen gelangte, sollte ich auf eine Vortragsreise gehen. Ich wollte den Menschen, die sich der Bewegung angeschlossen und dadurch meine Freiheit errungen hatten, unsere Dankbarkeit aussprechen und sie bitten, so lange mit uns verbunden zu bleiben, wie Rassismus und politische Unterdrückung Ruchell, Fleeta und andere Menschen hinter Gittern hielten. Meine Freiheit war noch keine Woche alt, als ich mit Kendra, Franklin und Rodney nach Los Angeles fuhr. Von dort gingen wir nach Chicago und weiter nach Detroit, wo annähernd 10 000 Menschen zur Kundgebung kamen. In New York sprach ich in Madison Square Garden bei einem Wohltätigkeitskonzert, das schon vor Monaten von unserem Juristischen Verteidigungsfonds organisiert worden war. Mir war eine überwältigende politische Verantwortung auferlegt worden - und meine Angst war größer als je zuvor, weil ich wußte, daß Menschenleben auf dem Spiel standen. Unsere Fähigkeit, die Bewegung am Leben zu halten, war die einzige Hoffnung für unsere Schwestern und Brüder hinter Mauern. Bei den Massenversammlungen, zu denen vorwiegend Schwarze Menschen kamen, erklärte ich, daß meine Gegenwart vor ihnen nicht mehr und nicht weniger bedeutete als die ungeheure Kraft vereinter und organisierter Menschen, ihren Willen Wirklichkeit werden zu lassen. Viele andere verdienten es ebenso sehr, Nutznießer ihrer Macht zu werden.
Ich fuhr nach Dallas und Atlanta, und nachdem ich einige Zeit bei meiner Familie in Birmingham verbracht hatte, unternahm ich auch eine Reise ins Ausland, die einen Monat dauern sollte. Die internationale Kampagne hatte nicht nur die Regierung unter schweren Druck gesetzt, sondern auch das weitere Wachstum unserer Bewegung in der Heimat gefördert. Im Kern der internationalen Bewegung stand die sozialistische Gemeinschaft der Nationen. Aus diesem Grunde beschlossen wir, die UdSSR, einschließlich Zentralasien, die DDR, Bulgarien, die Tschechoslowakei und Kuba zu besuchen. Wir sahen diese Reise als die naturgegebene Fortsetzung der Reise durch die Vereinigten Staaten an, deren Hauptzweck gewesen war, den Menschen zu danken, die am Kampf für meine Freiheit teilgenommen hatten, und ihre Aufmerksamkeit auf andere politische Gefangene zu lenken. In jenen Ländern wurden die Kundgebungen von mehr Menschen besucht als ich je auf einem Platz versammelt gesehen hatte zum Beispiel Hunderttausende in der DDR, und beinahe eine dreiviertel Million in Kuba. In Havanna erwähnte ich den Fall von Billy Dean Smith, einem Schwarzen Soldaten und Anti-Kriegs-Aktivisten, dem der Mord an zwei weißen US-Offizieren in Vietnam vorgeworfen wurde.
Als der Premierminister, Fidel Castro, seine Rede hielt, gelobte er im Namen des kubanischen Volkes, so wie es für meine Freiheit gekämpft hatte, würde es jetzt auch seine Stimmen für die Freiheit von Billy Dean Smith erheben. Und am nächsten Morgen waren wie durch Zauberei die Mauern Havannas von Plakaten bedeckt, die die Freilassung von Billy Dean Smith forderten. Als wir auf der Insel auf und ab fuhren, wollten die Kinder, die Bilder gemalt und Lieder über Billy Dean verfaßt hatten, auch sicher sein, daß wir ihren hermano retten würden.
Hier im Land wurde schon daran gearbeitet, die vereinte Front zu kräftigen, die Billy Dean und schließlich auch alle politischen Gefangenen befreien sollte. Gleich darauf begann ich eine Tour zu Universitäten und Gemeinden, um für die Organisation, die wir aufbauten, Informationen über Politische Gefangene einzuholen, zu veröffentlichen und zu finanzieren.
Heute, anderthalb Jahre später, haben wir den Nationalen Bund gegen Rassistische und Politische Unterdrückung konsolidiert, der in zweiundzwanzig Staaten durch ortsgruppen vertreten ist. Unsere Mitglieder sind Schwarz, Chicano, Puertorikanisch, Asiatisch, Indianisch und weiß. Wir sind stolz, daß wir eine Einheit zwischen Kommunisten, Sozialisten, radikalen Demokraten und Nationalisten zustandegebracht haben; zwischen Geistlichen und nichtkirchlichen Menschen, zwischen Arbeitern und Studenten. Wir alle begreifen, daß die Einheit die mächtigste Waffe gegen Rassismus und politische Verfolgung ist.
Während ich diesen Epilog schreibe, sind wir dabei, am 4. Juli Tausende von Menschen zu einer nationalen Demonstration nach North Carolina zu transportieren. Denn wir müssen verhindern, daß der Schwarze Führer, der Pfarrer Ben Chavis, auf Grund einer Anklage, die der Staat gegen ihn erhoben hat, zu 262 Jahren Gefängnis verurteilt wird. Wir müssen Donald Smith befreien, der im Alter von sechzehn Jahren zu vierzig Jahren hinter Gittern verurteilt wurde, weil er in seiner Schule an der Bewegung teilgenommen hatte. Und wir müssen unsere unschuldige Schwester Marie Hill retten, deren Todesurteil, das verhängt wurde, als sie sechzehn Jahre alt war, inzwischen ein Urteil zu lebendem Tod wurde - Leben ohne die Möglichkeit der Begnadigung.
In diesem Land gibt es Hunderte und Tausende wie Pfarrer Chavis, Donald Smith und Marie Hill. Wir - ihr und ich - sind ihre einzige Hoffnung auf Leben und Freiheit.
21. Juni1974

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Epilog