Schluß

Über das Rätsel der Weiblichkeit haben die Menschen zu allen Zeiten gegrübelt.
Sigmund Freud

Wenn Freud wie andere Männer die bittere Frage
 stellt: »Was will das Weib?«, reagiert er auf die Tiefe 
und die Kraft ― jene ununterdrückbare und dennoch
 niemals klar mobilisierte Kraft ― dieses bittersten
 menschlichen Protests: Die Frauen wollen nicht länger als Sündenböcke  (als ihre eigenen ebenso wie als
 Sündenböcke von Männern und Kindern) für den
 menschlichen Groll über die Conditio humana dienen.
Dieser ihr Wunsch ist so schmerzhaft und eindringlich, und es war bis vor kurzem ein so aussichtsloser
 Wunsch, daß sie noch nicht imstande waren, ihn laut
 auszusprechen.   
Dorothy Dinnerstein

Es ist nicht hoffnungslos, es ist schwierig.
Lillian Rubin in den Niederlanden

Der Weg aus dem Dilemma

Wohin mit den Geschlechtsunterschieden?

Wir befinden uns an einem wichtigen Punkt, denn zum erstenmal in unserer Geschichte haben wir die Möglichkeit, die bestehenden Geschlechtsunterschiede zu überwinden.
Der Begriff »Frau« braucht nicht länger mit der biologischen Mutterschaft zusammenzufallen und der Begriff »Mann« nicht mehr mit schwerer körperlicher Arbeit und dem Abwehren körperlicher Gefahr. Wir können uns von unseren früheren körperlichen Beschränkungen emanzipieren.
Aber wollen wir das? Sicher nicht alle. Einige Leute, so z. B. Illich,[1] sehnen sich schon jetzt nach der guten alten Zeit zurück, als Männer noch echte Männer waren und Frauen wußten, wo ihr Platz war. Andere bedauern das Auseinanderbrechen der Familie oder das Fehlen väterlicher Autorität.
Es wird deutlich geworden sein, daß ich unter dieser Nostalgie kaum leide. Ich sehe vor allem den Schaden, den das bestehende Verhältnis zwischen den Geschlechtern verursacht: die unvollständig entwickelten Menschen, die voneinander abhängig bleiben und wiederum die nächste Generation von Menschen nach dem gleichen Muster reproduzieren. Ich bin nicht sehr geneigt, den bestehenden Geschlechtsunterschied als unausweichlich zu betrachten, aber ich weiß gleichzeitig, daß es bei seiner Veränderung nicht allein um die Frage einiger schlechter Angewohnheiten oder des Veränderns gesellschaftlicher Strukturen geht. Es ist nicht hoffnungslos, nur schwierig.
Brauchen wir die herrschenden Geschlechtsunterschiede denn nicht? Wir brauchen sie nur dann, wenn wir diese Art Männer und Frauen reproduzieren wollen. Wir brauchen sie, wenn wir für unsere Töchter eine aufopfernde Mutterschaft und eine untergeordnete Stellung in der Gesellschaft wollen und für unsere Söhne ein verarmtes Gefühlsleben und eine defensive Haltung gegenüber Frauen. Wenn es das ist, was wir bewahren wollen, brauchen wir es, daß Mütter Mütter bleiben und Väter Väter. Meines Erachtens ist der Veränderungsprozeß schon im Gange. Und es ist deutlich, daß wir dabei mit Widerständen rechnen können. Von Männern, die Angst haben, Feminismus bedeute, daß sie ihre Abhängigkeit fühlen müssen. Von Männern, die zu recht fürchten, es werde sie einige Privilegien kosten, und noch nicht erkennen, daß es ihnen auch einen Gewinn bringen kann: ehrlichere und tiefere Beziehungen mit anderen Männern, mit Frauen, mit Kindern. Widerstände von Frauen, die ihr ganzes Leben im Dienst ihres Ehemannes und ihrer Kinder gestanden haben und denen wir nun erzählen, daß das alles umsonst gewesen ist. Widerstände von Frauen, die Angst haben, einsamer zu werden, wenn sie ihre Selbständigkeit wichtiger finden als die Beziehungen, die sie unterhalten. Widerstände von Wissenschaftlern, die uns erzählen wollen, daß wir unsere Individualität nur behalten, wenn wir weiterhin »Weibchen und Männchen« spielen. Wie Groen in »Geslachtsverschil«:

»Die Bejahung des Geschlechtsunterschiedes ist für die Entwicklung zum Individuum und für den Erhalt der Möglichkeit, daß Menschen unterschiedlichen Geschlechts sich weiterhin lieben werden, von großer Bedeutung.«

Es wird deutlich geworden sein, daß ich die bestehenden Geschlechtsunterschiede (denn ich sehe mehr als einen), den »schönen Unterschied« für Menschen verschiedenen Geschlechts eher als Hindernis denn als Vorteil empfinde. Auf jeden Fall bringt der »schöne Unterschied« Groens Geschlechtsgenossen etwas Besseres als meinen. Theoretisch wäre ein Zusammenleben möglich, in dem Frauen und Männer zu verschiedenen Persönlichkeiten sozialisiert würden und beide ihre eigene Verantwortlichkeit hätten und einander dennoch ganz genau ergänzten. Ungleich, aber gleichwertig. Doch verglichen mit dem heutigen Zustand ist das ein Märchen. Die Situation, über die wir gegenwärtig reden, ist ungleich und ungleichwertig. Frauen bezahlen einen hohen Preis dafür. Und obwohl Männer daraus einige Privilegien herleiten, die sie bestimmt nicht einfach aufgeben werden, ist auch die männliche Persönlichkeit nicht ohne Konflikte. Und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern lastet nicht nur auf unserem individuellen Schicksal und auf den gegenseitigen Beziehungen. Die Folgen davon schlagen sich in einer Arbeitsteilung nieder, die sich auf Ausbeutung gründet. Und ich vermute, obwohl ich es hier nicht weiter ausarbeite, daß diese allererste angelernte Ungleichheit Vorbild für andere Formen der Unterdrückung ist, z. B. für Rassismus, Antisemitismus oder auch nur für die Fähigkeit, andere Menschengruppen als »anders« und »minderwertig« zu betrachten.
Was will ich dann? Rollentausch? Müssen Frauen jetzt zu Männern werden? Unisex? Alle gleich? Dürfen wir nun nicht mehr das Flirten mit dem anderen Geschlecht genießen oder die Spannung und gegenseitigen Neckereien? Androgynie? John Wayne und Brigitte Bardot mit einem Klebestreifen vereinigt, wie Mary Daly es zynisch nannte?[2] In Tränen ausbrechende Topmanager, wenn die Verkaufsziffern sinken, breitbeinig in der Straßenbahn sitzende Frauen, die den vorbeigehenden Knaben in den Hintern kneifen?
In diesem Kapitel denke ich darüber nach, inwieweit wir die bestehende Situation verändern können, wie die Sozialisation dann aussehen würde. Und was mit Vätern und Müttern passieren müßte. Ich überlege, was es bedeuten könnte, wenn Männer und Frauen weniger als jetzt in die zwei vorgeschriebenen Persönlichkeitsstrukturen und Lebensstile eingeschlossen wären. Wo wollen wir hin, wo können wir hin?

Nicht-sexistisch erziehen

Es ist schon öfter darüber nachgedacht worden, wie wir Kinder so aufziehen können, daß sie keine einseitigen Frauen- oder Männerverhaltensmuster entwickeln. Diese Versuche nannten sich »rollendurchbrechende« Erziehung oder Unterricht.[3] Es scheint mir wenig gegen und viel für den Versuch zu sprechen, Kindern mehr Freiheit zu lassen, mit verschiedenen Eigenschaften und Tätigkeiten zu experimentieren und ihnen mehr Vorbilder nicht-traditioneller Frauen und Männer zu geben. Es scheint mir auch ein Schritt vorwärts zu sein, wenn Fernsehprogramme, Werbung, Schulbücher, Unterrichtslehrpläne und ähnliches auf ihren sexistischen Inhalt hin kritisiert und Alternativen aufgezeigt werden.
Sandra Bern schlägt vor, Kindern, bevor sie in der Schule mit Vorstellungen von Geschlechtlichkeit konfrontiert werden, beizubringen, daß der einzige wirkliche Unterschied zwischen Frauen und Männern der genitale Unterschied sei, nicht mehr und nicht weniger, und den Kindern beizubringen, sich zu wehren, wenn sie später von anderen Leuten zu hören bekommen, daß Mädchen nicht Bürgermeister werden könnten und Jungen nicht kochen zu lernen brauchen.
Aber im letzten Kapitel sollte wohl deutlich geworden sein, daß ein großer Teil des Frauen- und Männerverhaltens tiefere Wurzeln hat, als mit einer weniger sexistischen Erziehung zu korrigieren wäre. Ein Beispiel dafür erlebte ich bei Freunden, die sich sehr bewußt entschieden hatten, ihren kleinen Sohn nicht-sexistisch zu erziehen. So hatten sie sich z. B. überlegt, sich von ihrem Sohn nicht mit Mama und Papa, sondern mit ihrem Vornamen anreden zu lassen. Wie sich aber herausstellte, gelang es ihnen trotz der Tatsache, daß der Vater einen ansehnlichen Teil der Erziehung übernommen hatte, nicht, wirklich dafür zu sorgen, daß die Mutter sich nicht als verantwortlicherer Elternteil verhielt. Ihr Sohn reagierte darauf sofort, indem er alle ihn umsorgenden Personen, einschließlich seines Vaters, Mieke nannte; der Name seiner Mutter wurde der Name für »Mütter« im allgemeinen.
Wollen wir wirklich zu den tieferen Wurzeln des frühen Sozialisationsprozesses zum Mann oder zur Frau gelangen, stoßen wir auf die Tatsache, daß es immer Frauen sind, die bemuttern.
Chodorow und Dinnerstein halten vor allem die ambivalenten Gefühle gegenüber der Mutter, die Frustrationen und Enttäuschungen, für den Ursprung der unterschiedlichen Entwicklung beider Geschlechter. Sie richten ihr Augenmerk in ihren Theorien hauptsächlich auf die Einbeziehung der Männer in die Kindererziehung und beschäftigen sich weniger damit, wie die zugezogenen Schäden zu verarbeiten sind. Vielleicht weil beide eher Theoretikerinnen sind als praktizierende Therapeutinnen.

Geteilte Elternschaft

Aber wie können wir nicht nur bestehende Schäden beheben, sondern sie vermeiden? Chodorow und Dinnerstein halten es beide für notwendig, daß die primäre Beziehung, die der Säugling mit der Umgebung eingeht, nicht allein von der Mutter getragen werden sollte. Angenommen, Kinder würden gleichermaßen von Männern und Frauen »bemuttert«, so könnten nach Chodorow die Folgen sein: daß Männlichkeit nicht mehr so stark an das Leugnen von Verbundenheit und die Abwertung von Weiblichkeit gekoppelt wäre, daß Kinder keine Angst vor der Allmacht der Mutter und später vor der Macht von Frauen entwickelten, daß Mädchen sich nicht mehr zu aufopfernden Frauen entwickelten und Kinder sähen, daß auch Männer liebe-und gefühlvolle Beziehungen eingehen und Frauen wichtige, eigenständige  gesellschaftliche  Positionen   einnehmen können.[4]
Das wäre sicher schon eine Menge. Es ist auf jeden Fall der Mühe wert, zu untersuchen, inwieweit Chodorow damit recht hat. Wir könnten z. B. Erziehungsmuster von Kindern erforschen, die bereits in diese Richtung gehen.
Dazu noch einige Anmerkungen: In erster Linie geht es meines Erachtens nicht nur darum, daß Kinder auch von Männern versorgt werden, obwohl mir das ein wichtiger Punkt zu sein scheint. Es geht auch um den Inhalt der Eltern-Kind-Beziehung, und ich glaube, es macht schon etwas aus, wenn Mütter nicht mehr all ihren Ehrgeiz und all ihre Wünsche in ihre Kinder stopfen müßten, also neben ihrer Mutterschaft ein erwachsenes und sinnvolles Leben haben. Um das zu erreichen, müßten die Einsamkeit und Isolation der Mutterschaft zwangsläufig durchbrochen werden.
Kinder müssen sich in ihrer frühen Entwicklung auf eindeutig erkennbare Menschen beziehen können, aber es gibt keinen einzigen Beweis dafür, daß das eine Person oder gar die biologische Mutter sein muß. Sofern Untersuchungen nachweisen, sagt Chodorow, daß ein Kind nicht ohne die leibliche Mutter leben könne, sind sie alle unter schlechten Umständen zustande gekommen. In Waisenhäusern, Kriegssituationen, auf jeden Fall in Situationen, in denen von einem wirklichen Trennungstrauma und zuwenig konstanter Fürsorge gesprochen werden könne. Es ist nicht nachgewiesen, daß gute Kinderkrippen und geteilte Elternschaft einen schlechten Einfluß auf die Entwicklung von Kindern haben.[5] Damit ist gleichzeitig wohl aufgezeigt, daß die Erziehung, für die Chodorow plädiert, nicht in einem politisch luftleeren Raum stattfinden kann. Gute Kinderkrippen, also mit kleinen Kindergruppen, einem schönen Raum und nicht überarbeiteten Leitern und Leiterinnen, bleibt vorläufig eine politische Forderung, die bis heute nicht eingelöst ist. So ist es auch kein Zufall, daß geteilte Elternschaft vor allem bei Leuten vorkommt, die es sich durch ihr Einkommen leisten können, also beide, vor allem Männer sich eine Teilzeitbeschäftigung erlauben können und die Arbeitgeber damit einverstanden sind. Damit komme ich zu einem alten Thema: Wenn wir versuchen, eine einzige neue Regelung durchzubekommen, die in die richtige Richtung weist, landen wir automatisch wieder an dem Punkt, an den gesamten gesellschaftlichen Strukturen zu rütteln, an den politischen Machtverhältnissen und Prioritäten, die von den dominanten Bevölkerungsgruppen festgelegt werden können, an der herrschenden Arbeitsteilung und damit an den herrschenden Wirtschaftsinteressen.[6]
Wenn wir wollen, daß Männer die gleiche Verantwortung wie Frauen für Kinder tragen, muß mehr passieren als eine Bewußtseinsveränderung, dann reicht auch die Bereitschaft einzelner Leute nicht mehr. Das bringt mich auf zwei Einwände gegen die Idee, daß Männer die gleiche Verantwortung wie Frauen für Kinder tragen müßten. Der eine kommt von Frauen, die bewußt, oder ohne sich dafür entschieden zu haben, ihre Kinder allein aufziehen: Haben wir etwa die Entwicklung von der armen unverheirateten Mutter zu der bewußt alleinerziehenden Mutter miterlebt, um uns nun von neuem erzählen zu lassen, daß Kinder nicht ohne Väter leben können? Und der andere Einwand lautet: Ist diese Theorie nicht insofern gefährlich, als sie Frauen wieder auf die heterosexuelle Ehe zurückverweist?

Vaterschaft

Frühere und leider auch einige heutige Psychoanalytiker (und andere Wissenschaftler) gehen davon aus, daß Kinder Väter brauchen. Wir übersetzen das nun so: Väter lehren Mädchen, zu flirten und sich weiblich zu verhalten, und bieten sich selbst als attraktives Übungsobjekt für die gewünschte spätere heterosexuelle Entwicklung des Mädchens an. Und den Jungen helfen sie dabei, sich von der Mutter abzuwenden, sich gegen Weiblichkeit abzugrenzen und ein echter Mann zu werden.[7] In diesen Begriffen kann uns Vaterschaft gestohlen bleiben.
Es kann deshalb nicht schaden, hier noch einmal zu betonen, daß ― wenn wir eine stärkere Einbeziehung der Männer in die Erziehung von Kindern wollen ― wir nicht die Vaterschaft im klassischen Sinn meinen, also nicht den dominanten, aber meist abwesenden Vater, der vor allem für die Sonntagsausflüge und das Bestrafen zuständig ist. Wir meinen damit Männer, die das machen, was jetzt von Müttern erwartet wird, nämlich eine körperliche, gefühlvolle Beziehung zu dem Kind zu entwickeln, es füttern und wickeln, kuscheln und trösten, die also alles das machen, was traditionell als »unmännlich« gilt. Erst dann verschwindet die Asymmetrie aus der Geschlechtersozialisation, erst dann können wir aufhören, Männer »Väter« und Frauen »Mütter« zu nennen, als hätten wir es mit einer unterschiedlichen Tierart zu tun, mit einer inhärent unterschiedlichen Funktion. Erst dann können wir von »Eltern« sprechen.
Wir können also nicht davon ausgehen, daß Kinder alleinerziehender Mütter oder lesbischer Paare etwas entbehren, verglichen mit den Kindern, die in der herkömmlichen Kernfamilie aufwachsen. Im Gegenteil. Wir wissen nun, welche Konsequenzen ein gedankenloses Befolgen der bestehenden Normen hat: Mutter gibt all ihre Interessen zugunsten der Kinder auf, und Vater ist gerade in der Zeit, in der die Kinder klein sind, vorrangig mit dem Verdienen des Familieneinkommens beschäftigt. Die meisten Frauen, die ihre Kinder ohne Vater aufziehen, haben vergleichsweise zumindest besser nachgedacht, und sie bieten Kindern kaum noch das Vorbild der sich aufopfernden Mutter. Wenn es Männer gibt, die für Kinder sorgen wollen, nicht als Vater, sondern als »Elternteil«, und Frauen damit nicht zwangsläufig wieder in die alte Rolle zurückgedrängt werden, so erhebt sich die Frage, ob wir damit nicht noch einen Schritt weiter kämen.
Ein Problem dabei ist wohl, daß es nicht nur um die Bereitschaft der Männer zu »muttern« geht, sondern auch um ihre emotionale Fähigkeit dazu. Der Teufelskreis, wie ihn Chodorow und Dinnerstein skizziert haben, besteht ja nun gerade in der Tatsache, daß Frauen »muttern«, was dazu führt, daß Männer als Menschen heranwachsen, die ihre Emotionen zu einem großen Teil verdrängen und die Sorge für andere als weiblich ansehen und somit als »unmännlich«. Deshalb wird das »Muttern« den Frauen überlassen. Können diese Männer wohl qualitativ genauso gut für die Kinder sorgen wie Frauen? Wir müssen davon ausgehen, daß wirkliche Veränderungen mindestens eine Generation lang dauern, aber irgendwo müssen wir beginnen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Wir müssen nur davon ausgehen, sagt Chodorow, daß jenes bißchen zuviel Distanz, das »mutternde« Männer zu Kindern haben werden, nicht schädlicher ist als jenes bißchen zuwenig Distanz von Frauen.[8]
Damit komme ich zu dem zweiten Kritikpunkt. Wie es in dieser Gesellschaft nun einmal üblich ist, wird zwischen Ehe, Haushalt und heterosexueller Beziehung nahezu automatisch eine Verbindung hergestellt. Nun ist es nicht selbstverständlich, daß jede Frau, die Kinder aufziehen möchte, zusammen mit einem oder mehreren Männern automatisch dazu bereit zu sein braucht, für den Mann den Haushalt zu führen oder mit diesem Mann eine sexuelle Beziehung einzugehen. In unserer Gesellschaft wird das zwar als »package-deal« gesehen, aber wir brauchen es nicht als etwas Selbstverständliches zu übernehmen. Hier und da sehe ich bereits Beispiele dafür, wie es auch gehen könnte. Ein Mann und eine Frau, die in einer Art »Gemeinschaft« zusammen ein Kind aufziehen, aber nicht zusammen wohnen, beide mit anderen sexuellen Beziehungen. Die Stabilität für das Kind liegt darin, daß sie oder er am gleichen Ort lebt, und Eltern sind die, die jeweils beim Kind in der Wohnung sind. Ich kenne auch lesbische Paare, die einen homosexuellen Freund gebeten haben, zwei Tage in der Woche für ihre Tochter zu sorgen. Und in jedem Fall kenne ich mehrere heterosexuelle Paare, die zwar zusammenleben, aber sowohl die Frau als auch der Mann den Haushalt machen und außer Haus arbeiten gehen. Ich finde, das sind wertvolle Entwicklungen, und es ist sicher der Mühe wert, weiterhin zu beobachten, inwieweit sich Kinder dabei wirklich weniger »unvollständig« entwickeln und nicht so schnell in ein rigides Mann-Frau-Verhaltensmuster geraten wie Kinder in einer traditionellen Kernfamilie. Meines Erachtens besteht hier ein Unterschied, aber wir werden weitere Untersuchungen anstellen müssen.

»... denn in dem Mädchen ist es der Prinz und in dem Jungen ist es das Mädchen, das aus einem Prinzen einen Prinzen macht... und nicht einen Mann.«
Djuna Barnes: »Nachtgewächs«.

Heraus aus der Zweiteilung

Wo wollen wir letztlich hin? Feministinnen wollen genauso wie Männer werden, ist ein Vorurteil, dem wir oft begegnen. Die feministische Antwort darauf ist inzwischen auch bekannt: Frauen, die wie Männer werden wollen, sind einfach nicht ehrgeizig genug. Was nun also, eine Verherrlichung der »Weiblichkeit«, wie wir sie uns beigebracht haben? Ist das nicht das bekannte Phänomen bei unterdrückten Gruppen, die, nachdem sie so lange als »das Andere« angesehen wurden, dieses »Andere« nun zur Tugend erklären und sagen: In Wirklichkeit sind wir die Besseren, die edlere Menschenart? Und tun wir damit nicht wieder so, als existiere so etwas wie eine »angeborene« Weiblichkeit? Maaike Meijer hat das Dilemma, in dem wir uns befinden, in einem Beitrag für die Frauenwinteruniversität im Dezember 1983 in Nijmwegen deutlich beschrieben: Die Weiblichkeitskonstruktion. Auf der einen Seite sähe sie jene Feministinnen, die immer geleugnet hätten, daß es so etwas wie eine weibliche Natur gibt. Aber auf der anderen Seite sähe sie jene Feministinnen, die immer wieder von neuem das grundsätzlich andere Wesen der Frau propagierten. Gehen wir vom ersten aus, sagt Meijer, laufen wir Gefahr, bei einem Denken zu landen, in dem die »halbe Welt« der Männer ein Vorbild abgibt für das, was Frauen erstreben müssen. Aber sagen wir, daß wir das Männerverhalten einseitig und unvollständig finden und verweisen auf die Kultur, auf die Werte, die Frauen bis heute verkörpern, so z. B. die Sorge für andere Menschen, die Nähe zur Materie und zum Körper, tappen wir dann nicht wieder in die Falle eines »Essentialismus«? Es geht darum, sagt Meijer, zwischen der Biologie und der Kultur, die wir kraft unserer sozialen Außenseiterposition geschaffen haben, einen Unterschied zu machen. Und weiter:

»Es ist eine ausweglose Situation. Auf der einen Seite besteht die Gefahr des platten Emanzipationsdenkens, in dem >Frauen< wie >Männer< werden müssen, und das führt zu einem Feminismus, aus dem jegliches kulturkritische Potential verschwunden ist. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr einer neuen Konstruktion von Weiblichkeit, >in der Frauen die anderen Werte< verkörpern, was zu einem Feminismus führt, aus dem jegliches politische Potential verschwunden ist.«

Letzteres ist tatsächlich keine eingebildete Gefahr. Ich finde sie wieder in dem Feminismus, der nicht an der Männermacht und an den »Männerorganisationen« teilhaben will, als beschmutzte uns der Kontakt mit der herrschenden Gruppe. Die Angst davor, sich die Hände schmutzig zu machen, die nicht weit von dem klassischen Argument entfernt ist, das Männer benutzen, um Frauen auszuschließen. Antifeministische Männer wie George Gilder benutzen das Argument von der weiblichen, edleren Natur. In seinem Buch »Sexual suicide« geht er davon aus, daß Männer, wenn wir sie loslassen, nur drauflos bumsen würden. Nur indem Frauen sie heiraten und zwingen, sich anständig zu verhalten, können sie verhindern, daß die Welt an der Zügellosigkeit und Raffgier des Männchens zugrunde geht.[9] Aber auch bei pro-feministischen Männern ― und bei nicht wenigen ― können wir das Argument von der edel gebliebenen Frau wiederfinden. Garaudy betrachtet die »Feminisierung« der Welt noch als einziges Rettungsmittel.[10] Ebenso Marcuse: Es sei zur »zweiten« Natur von Frauen geworden, die menschlicheren Werte zu vertreten, behauptete er immer wieder.[11] Und deshalb müßten es Frauen sein, die der kapitalistisch-patriarchal-vernichtenden Bestie die Stirn bieten und das Ungeheuer vernichten. Wie kommt es, daß mir solche Äußerungen so wenig schmeicheln und sich mir stets nur der Gedanke aufdrängt, daß dieses wieder die ganz alte Geschichte ist. Männer machen den Dreck, Frauen dürfen ihn wegräumen. Socken waschen auf kosmischem Niveau, weil Männer sagen, sie seien dafür zu hilflos.
Für Maaike Meijer gibt es nur einen klar formulierten Ausweg aus der geschaffenen Dichotomie zwischen Frauen und Männern: die Lösung von Wittig, die sagt, daß der Begriff »Frau« unter Lesben sinnlos wird. Das stimmt. Aber mit wieviel Bewunderung ich auch auf die Kreise blicke, in denen eine eigene Kultur geschaffen wird, welche die biologische Weiblichkeit als Norm verläßt, doch einige Werte bewahrt, die wir als Außenseiterinnen entwickelt haben, ich bin zu unbescheiden, um mich mit den Freundinnenkreisen und Damenklubs zu begnügen, in denen »die Frau« nicht existiert und der »Mann« erst recht nicht.
Letztlich kommen wir nicht sehr viel weiter, wenn wir uns damit abfinden, daß es Sache der Frau sei, die Dichotomie zu durchbrechen, und wir Männer weiterhin als hilflos und unveränderbar betrachten. »Die meisten Jungen und Männer, mit Ausnahme der sehr intelligenten und sehr sensiblen, fühlen sich in dem Zustand, daß sie in der herrschenden Kaste geboren sind, äußerst wohl«, sagt Andreas Burnier.[12]
Aber ich bin davon nicht mehr so überzeugt. Ich sehe die Vorteile der Männerposition, halte diese allerdings für eine Kompensation eines armseligeren Gefühlslebens. Und mir begegnen Männer, die auch dahinter kommen. Ich sehe Männer, die sich äußerst schlecht benehmen und ihre Machtposition benutzen, indem sie Frauen für sich arbeiten lassen, und ihre Aggressionen auf sie in Form von Mißhandlung und sexuellem Mißbrauch an ihnen abreagieren. Aber ich sehe inzwischen auch, daß die Schicht darunter von Verzweiflung und schmerzlicher Abhängigkeit geprägt ist. Ich glaube nicht, daß vergewaltigen oder schlagen für Männer wirklich nur »toll« ist.[11]
Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich sehe auch solche Männer, die von der Rigidität ihrer Rolle loskommen wollen und sich ihrer unter dem Machismus versteckten Unsicherheit bewußt werden. Vielleicht sind das zunächst die sehr intelligenten und sehr sensiblen, und vielleicht sind sie ― wie bei vielen gesellschaftlichen Veränderungen ― eine Elite, die sich materiell erlauben kann, »weibliche« Werte in ihr Leben zu integrieren: weniger arbeiten, stärkere Beachtung der Gefühle. Aber auch bei den von Rubin interviewten Männern sehen wir Zeichen des Unbehagens und neben den Widerständen gegen Veränderung das Bedürfnis, schönere Beziehungen zu Frauen und Kindern zu haben.
Letztlich werden wir nicht nur die Vorstellung von »Weiblichkeit« verändern müssen, sondern auch die von »Männlichkeit«. Schließlich leben wir nicht mehr in einer Zeit und unter Umständen,  die eine feste  Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern erforderlich machen, um weiterexistieren zu können. Aber mit Chodorow und Dinnerstein können wir jetzt auch begreifen, wie es dazu kommt, daß Männer, aber auch Frauen sich so lange an diese Sicherheit klammern, die die Mann-Frau-Dichotomie ihnen zu bieten scheint, und wir verstehen auch die Ängste und Widerstände, die hochkommen, wenn wir daran gehen, diese zu verändern.

Der Traum von der Androgynie

Der Wunsch, uns nicht länger mit den Einschränkungen von Mann und Frau abzufinden, äußert sich in dem alten Ideal der Androgynie. Die Sehnsucht, dorthin zurückzukehren, gibt es in vielen Mythen über den ganzheitlichen Menschen, der sowohl weibliche als auch männliche Eigenschaften in sich vereinigt. Diese Vorstellung taucht nicht zufällig wieder in Veröffentlichungen der Frauenbewegung auf.[14] Jung wird wieder aus dem Schrank geholt, mit seiner Theorie, daß in jedem Mann auch eine Frau stecke (anima) und in jeder Frau auch ein Mann (animus).[15] Von Jung wird behauptet, daß ihn die Integration weiblicher Eigenschaften in die männliche Psyche mehr begeisterte als die umgekehrte Vorstellung. Er sagte einen »Exzess« der Rationalität bei Frauen voraus, der ihre »Weiblichkeit« schädige und damit zu einer Gefahr für die kreativen Talente der Männer in ihrer Umgebung werde, aber er warnt uns nicht vor einer zu starken Weiblichkeit in Männern.[16] Genauso wie bei Freud können wir das übernehmen, was uns zusagt, ohne gleichzeitig die Vorurteile der Zeit, in der Jung lebte, mit zu übernehmen.
Aber es gibt auch Einwände gegen die Vorstellung eines an-drogynen Menschen. Einer davon ist der unterstellte Heterosexismus in dem Begriff, als ob wir eine Ganzheit nur erreichen könnten, wenn wir weibliche und männliche Eigenschaften zusammenzählen. Ein anderer ist, daß wir damit eine neue Norm schaffen: nun muß jemand sowohl »weibliche« als auch »männliche« Eigenschaften in sich vereinen, um den idealen Menschen zu verkörpern, und es entsteht ein neuer Druck auf Individuen, während das eine vielleicht »weiblicher« sein möchte und das andere »männlicher«, ganz abgesehen von dem Körper, mit dem wir geboren werden.[17] Der stärkste Einwand ist für mich, daß wir mit dem Begriff der Androgynie nicht von der Zweiteilung des Männlichen und des Weiblichen wegkommen, so als bestünden in der Realität zwei Prinzipien, als gäbe es wirklich so etwas wie eine weibliche und männliche »Essenz«, die wir nun miteinander zu vereinen suchen.
Ich sehe Androgynie als Zwischenphase, eine Hilfskonstruktion, die wir benutzen können, um Phantasie zu entwickeln, solange es uns noch soviel Mühe macht, die Zweiteilung in unserem Bewußtsein zu überwinden.
Die Vorstellung der Androgynie ruft auch Ängste hervor. Landen wir damit nicht in einer langweiligen, uniformen Welt, wenn Männer keine Männer mehr sind und Frauen keine Frauen? Die Antwort darauf ist einfach: eine größere Freiheit führt niemals zu einer größeren Uniformität. Anstelle dieser Uniformität von zwei Mustern sehe ich die Farbigkeit, Vielfalt und Originalität von nicht an Grenzen gebundenen Persönlichkeiten. Nicht mehr länger die beiden Menschentypen, von denen der eine auch geistig einen Schlips trägt und der andere auch im Bewußtsein auf hohen Hacken herumläuft. Pielke sorgt sich um die Sexualität, ob von ihr noch etwas übrigbleibt, wenn es keine echten Männer und echten Frauen mehr gibt?[18] Es besteht nachweislich eine große Kluft zwischen der Vorstellung der idealen sexuellen Beziehung, Marilyn Monroe und John Wayne, und der Wirklichkeit, wie diese erlebt wird. Die Meerjungfrau und der Minotauros, beide bedürftig, passen nun einmal beim besten Willen nicht zueinander und bilden ganz sicher keine Einheit.
Aber was geschähe mit dem Sex? Teilten wir uns selbst weniger in Männer und Frauen auf? Vielleicht lieben wir dann auch mehr, weil wir weniger Angst vor dem Verlust der anderen Person haben und weniger unter dem Zwang stehen, jemanden ganz für uns allein haben zu wollen, wie wir das jetzt in unserer frühen Sozialisation mit dem Modell der einen Mutter, die unsere erste Liebe war, gelernt haben. Vielleicht lieben wir auch weniger, weil die Notwendigkeit wegfällt, so viele unerfüllte Sehnsüchte in die kurzen Stunden des Sexes zu stecken. Vielleicht verschwindet die zwanghafte Wiederholung, wenn wir weniger bedürftig herumlaufen. Wer weiß?
Ich bin sicher, wenn ich diese schönen Träume von einer freieren Welt entwickle, daß vieles von dem, was wir heute unter Liebe und Verliebtsein verstehen, Abhängigkeit ist und wir einander aus Not suchen, aus unseren Defiziten heraus. Wir können zunächst nur vermuten, wie die menschlichen Beziehungen aussehen werden, wenn wir uns nicht mehr so unvollständig fühlen, wenn wir einander suchen, nicht aus der Not ― Baby, I need you ―, sondern weil wir etwas übrig haben, das wir teilen möchten.
Ein Traum. Für eine kleine, aber wachsende Anzahl von Leuten, die es sich erlauben können und es wollen, liegt dieser Traum in nicht mehr allzu weiter Ferne. Ich würde meinen materiell gesicherten Hintergrund verleugnen, wenn ich davon ausginge, wir könnten diesen Traum allein durch unseren Wunsch verwirklichen. Die Freiheit, die wir haben, um mit unseren Träumen zu experimentieren, hängt auch von den Umständen ab, unter denen wir leben, und schließlich von der Art und Weise, wie diese Gesellschaft aufgebaut ist. Verlieren wir den Traum nicht aus den Augen, aber die Realität auch nicht.