Eine Hausfrau im Widerstand kann keine Hausfrau sein

Notiz zur Kritischen Psychologie der Frauen

»Daß Bruno alles konnte, was Rosalind nicht konnte — Latein, Klavierspielen, Mathematik, schwere Gegenstände heben, Französisch, die Aufzählung ließe sich fortsetzen —, hatte ihre Beziehung tatsächlich belastet. Nur in den ersten Monaten empfand Rosalind ungeteilte Bewunderung für Brunos vielseitige Talente, durch die sie sich bald darauf gleichermaßen bedroht fühlte. Es gab kein Gebiet, nicht einmal ihr eigenes, die Geschichte, auf dem sie sich sicher fühlte vor Brunos besserem Wissen, das sie manchmal, sich ihrer Ungerechtigkeit durchaus bewußt, Besserwisserei nannte. Da sie nahezu gleichaltrig waren, fragte sie sich, wann Bruno seine Kenntnisse wohl zusammengerafft haben konnte, und die Antwort darauf, daß Bruno mit zweiundzwanzig Jahren die wichtigsten Bücher bereits gelesen, die Musik und die Malerei für sich schon aufbereitet hatte, entmutigte sie vollends und ließ sie sowohl mit ihrer Herkunft als auch mit ihrem Geschlecht hadern. Brunos Vater — bis zu seinem Tode selbst Chefarzt einer größeren Klinik — entstammte einer traditionellen Ärztefamilie, die Mutter, eine gebürtige Freifrau, hatte ihre Jugend teils auf dem elterlichen Gut im Pommerschen, teils als Studentin in Paris verbracht. Rosalinds Eltern, der Vater gelernter Dreher, die Mutter Telefonistin, nach dem Krieg und der Gefangenschaft des Vaters beide Neulehrer, hatten sich unter äußerster Anstrengung das notwendige Häuflein Wissen für ihren neuen Beruf angeeignet ... Diese unterschiedlichen Voraussetzungen konnten zwar bedauert werden, entzogen sich aber, da als unveränderbar gegeben, Rosalinds kritischen und selbstkritischen Betrachtungen. Anders stand es um die selbstverschuldeten Versäumnisse, die Rosalind zum großen Teil weniger ihrer Veranlagung als ihrer Geschlechtszugehörigkeit anlastete. Die Jahre, in denen Bruno offenbar von Homer über Lawrence Sterne und Hölderlin bis zu Kafka alles gelesen hatte, was ihm für seine Welterkenntnis brauchbar erschien, verbrachte Rosalind in einem Taumel einander ablösender Liebesbeziehungen, alle mehr oder weniger unglücklich und kräfteverzehrend, und das System ihrer Wissensaneignung ergab sich aus den Besonderheiten der jeweiligen Männer. Rosalind interessierte sich abwechselnd für Medizin, Theater, alte Sprachen, Fotografie, Philosophie, kurzfristig sogar für Mathematik, sie lernte Polnisch, Spanisch, und Ungarisch in den Anfängen, und noch während des Studiums besuchte sie für einige Monate einen Zeichenkurs, weil sie sich in einen Kunststudenten verliebt hatte. Daß sie sich in solchem Verhalten zu allen Zeiten lächerlich fand, daß sie nach jeder Verliebtheit schwor, es bei keiner künftigen zu ähnlichen Anfällen unbeherrschter und, wie sie nachträglich urteilte, melodramatischer Gefühle kommen zu lassen, konnte die Wiederholungen nicht verhindern und steigerte den Kummer über die nicht oder nicht genügend erwiderte Liebe durch die Qual der Selbstverachtung. Sie hielt ihre Unfähigkeit, ihr Verhalten den eigenen Einsichten unterzuordnen, für einen beschämenden Defekt ihres Charakters, bis ihr auffiel, dass vergleichbare Verhaltensweisen bei Frauen oft, bei Männern fast nie zu beobachten waren.« (Maron, 1986, 79 ff).

Die von Monika Maron beschriebene literarische Gestalt ist uns auf vielfache Weise vertraut. Soziale Normen und das historische Wissen, daß in Kunst und Wissenschaft von den Frauen nichts Rechtes zu erwarten sei, werden durch die Handlungen Rosalinds bestätigt, die ihre Lebensziele so oft neu wählt wie ihre Freunde, welche so als das eigentliche Ziel durchschimmern. Nicht einverstanden mit sich und von daher wiederum nicht mit dem Freund, der alles besser kann, ist der Wechsel zum nächsten Mann vorgezeichnet bis zum resignativen Einverständnis mit der Unmöglichkeit einer eignen Lebensperspektive. Wir können diese Konstellation, in der wir die subjektiven Aktivitäten ebenso erkennen, wie wir die sozialen Strukturen ahnen, die solche Laufbahnen belohnen, eine gelungene Integration in die Desintegration nennen. Damit meinen wir die widersprüchliche Position, die den Frauen in unseren westlichen Industriegesellschaften zugemutet ist: Sie sind dann gesellschaftlich integriert, wenn sie in ihre tatsächliche gesellschaftliche Nichtintegration — politisch und arbeitsmäßig — schließlich einwilligen. Psychisch erleben sie das zumeist als inneren Widerspruch und als große Unzufriedenheit.
Die widersprüchliche Lage der Frauen ist so offensichtlich, daß es fast mehr Anstrengung braucht zu erkennen, warum sie diese Situation nicht verändern, als Begründungen dafür zu finden, daß sie sich in solcher Widerspruchskonstellation bewegen. Insofern sind Frauenbefreiung wie Gesellschaftsveränderung auch Fragen einer Psychologie, die die Erforschung der Individuen mit der Erforschung ihrer Lebensbedingungen verknüpft. Hier hat die Kritische Psychologie wichtige Vorarbeit geleistet. Auf der Ebene historisch gewonnener Kategorien bietet sie Forschungsrahmen, die erlauben, empirische Individualforschung zu betreiben, ohne sich im »Inneren« der Einzelnen zu verstricken. Die zentralen Begriffe sind so gebaut, daß jede Erkundung menschlicher Gefühle, Haltungen, Bedeutungen und Erfahrungen den forschenden Blick wieder auf die gesellschaftlichen Bedingungen einzelner psychischer Verarbeitungsformen zieht. Die forschungsleitenden Begriffe sind zugleich in Gegensätzen formuliert — etwa »restriktive/verallgemeinerte Handlungsfähigkeit«, »interaktive/kooperative Beziehungen«, »Fremdbestimmung/Selbstbestimmung». Die Gegensätze geben einen Spannungsrahmen an, in dem menschliche Entwicklung zu denken ist. In dieser Weise ist der Versuchung vorgebaut, Individuen statisch zu denken, Haltungen als Eigenschaften wahrzunehmen. Die Individuen können so in ständiger Bewegung gesehen werden. Diese Anordnung des Forschungsfeldes zwischen zwei analytisch bestimmten Polen des Handelns macht auf der kategorialen Ebene mit der Vorstellung ernst, daß die Menschen die Verhältnisse, in denen sie leben, selber mit-pro-duzieren; daß sie zwar historisch jeweils fertige Strukturen vorfinden, diese aber selbst reproduzieren und verändern müssen. Insofern sind die einzelnen niemals als bloße Opfer ihrer Verhältnisse gedacht, sondern stets als Menschen mit alternativen Handlungsmöglichkeiten.
In unserem Versuch, die Kritische Psychologie für die Frauenforschung zu nutzen, gingen wir individualhistorisch vor (vgl. Haug u. Hauser, 1985,1986). Wir wollten weibliche Erfahrungen und Selbstdeutungen im kategorialen Rahmen der Gegensatzbegriffe bearbeiten. Dafür schien die von uns schon seit einigen Jahren entwickelte Erinnerungsarbeit ein nützliches Werkzeug und zugleich Materialquelle zu sein. Unter Erinnerungsarbeit verstehen wir eine Methode, auf der Grundlage schriftlich niedergelegter Szenen aus der Vergangenheit, die Konstruktion, die man sich und seiner Bedeutung in der Welt gab, kollektiv so zu bearbeiten, daß der blockierende Teil der Selbstwahrnehmung (wie auch die Wahrnehmung der übrigen Welt) neu zur Disposition steht. In dieser Weise können wir Einsicht gewinnen in Vergesellschaftungsmechanismen. Da der Unterschied von Forschern und Erforschten zudem im Forschungskollektiv aufgehoben ist, kann eine neue Verfügung über die eigene Vergangenheit einen anderen Umgang mit der Gegenwart und so auch eine erweiterte Handlungsfähigkeit für die Zukunft ermöglichen (ausführlich zu Erinnerungsarbeit F. Haug 1983). Auch Holzkamp (1983) verweist in Anknüpfung an Leontjew auf die Bedeutung, die der Umgang mit Vergangenheit für die Bewältigung von Gegenwart und Zukunft hat, und öffnet somit ein Feld für Erinnerungsarbeit: »Wieweit bzw. unter welchen Umständen bedeutet meine subjektive Vergangenheit für mich eine Beschränkung meiner Lebensperspektive, ein Befangensein in Abhängigkeitsverhältnissen, ein Hineinwirken früherer unbewältigter Widerspruchserfahrungen in meine >Gegenwart<, damit >hinter meinem Rücken< (unbewußt) sich durchsetzende >faktische< Begrenzung meiner >Möglichkeiten< etc.? Und wie kann ich mich von meiner >Vergangenheit< in dem Sinne >befreien<, daß sie mich nicht mehr belastet und zurückhält, sondern als >bewußte< Subjektgeschichte mir Klarheit über die Kontinuität, Widersprüchlichkeit und Besonderheit meiner personalen Entwicklung, damit über die weitgesteckten und zugleich realistischen Möglichkeiten zukünftiger Erweiterung meiner Handlungsfähigkeit und Lebensqualität, also gesellschaftlichen Integration, über den gegenwärtigen Zustand hinaus verschafft, womit eben diese Gegenwart für mich erst >menschlich<, d.h. >menschenwürdig< wird? (341 f.). Leontjew formuliert: »Diese Umwertung dessen, was sich im bisherigen Leben herausgebildet hat, führt dazu, daß der Mensch die Last seiner Biographie abwirft. Zeugt dies etwa nicht davon, daß der frühere Anteil der Erfahrung an der Persönlichkeitsentwicklung von der Persönlichkeit selber abhängig und zu ihrer Funktion geworden ist? ... daß der Mensch eine Beziehung zu seiner Vergangenheit aufnimmt, die auf unterschiedliche Weise zum Bestandteil des für ihn Gegenwärtigen wird — sozusagen zum Gedächtnis seiner Persönlichkeit ...?« (Leontjew 1982, 206 f.)
Ein erstes Ergebnis der Erinnerungsarbeit ist die Wahrnehmung einer eigentümlichen Getrenntheit unseres praktischen »Wissens« von dem, was wir alltäglich für wahr halten. Anders gesprochen: wir »wissen« aus praktischer Erfahrung weit mehr über uns und unsere Vergesellschaftung, als wir spontan annehmen. Befragt nach unserer je spezifischen Sozialisation sind wir gemeinhin geneigt, die aus Ratgeberliteratur bekannten Vulgärfassungen bürgerlicher Sozialisationstheorien wie auch der Psychoanalyse zu wiederholen. So etwa, daß wir bestimmte Lernschwierigkeiten hätten, weil unsere Eltern uns früh schon nicht ermutigten oder zu sehr forderten; daß wir Mathematik nicht könnten, weil unsere Brüder dies für uns erledigten usw. Ich möchte zunächst festhalten, daß wir offenbar über ein gespaltenes Wissen verfügen, ein praktisches und eines, das dem herrschenden Konsens über den Sachverhalt mehr oder minder entspricht — letzteres ist zweifellos auch »praktisch«, indem es die Erfahrung mit der öffentlichen Meinung wiedergibt. Ich nenne es ein »ideologisches Wissen«, weil es aus dem Wirken der herrschenden Ideologie stammt. Diese Zweiteilung unseres Bewußtseins ermöglicht uns zum einen, eine gewisse Handlungsfähigkeit in der Normalität des Alltags aufrechtzuerhalten; zum anderen ist das praktische Wissen aber auch eine gute Grundlage für Erkenntnisse. (Brechts spezifische Weise des pädagogischen Theaters rechnet mit diesem Umstand, der ebenso eine Voraussetzung für Erinnerungsarbeit ist.)
Wir beginnen Erinnerungsarbeit gewöhnlich mit einer Frage, auf die wir uns einigten, weil wir sie für wichtig halten. In die Formulierung der Frage geht ein theoretisches Vorverständnis des in Frage stehenden Sachverhaltes ein (z.B. in Fragen zur Familie die gängigen Familientheorien und die Ratgeberliteratur). Indem dieses theoretische Vorverständnis — oder genauer: vortheoretische Verständnis — zumeist dem herrschenden Konsens folgt, ist jede Niederschrift über tatsächlich ge-lebtes Leben schon eine Verschiebung der ursprünglichen Fragestellung des »common sense». Im praktischen Bezug wird die Vormachtstellung des Ideologischen zunächst auf eine interessante Weise verrückt. Wo immer Widersprüche im Inneren der einzelnen Personen angenommen wurden (wie dies gängig der Fall ist, wenn etwa übermächtige Vaterfiguren als traumatische Belastung für das Zurechtfinden in der Gegenwart namhaft gemacht werden), zieht die praktische Erfahrung sie in die äußeren Gegensätze gesellschaftlicher Strukturen. So z.B., wenn wir nach den Anpassungsmechanismen an die Rolle der Hausfrau und Mutter fragen und vermuten, daß Konfliktscheu, Kleinmut, Angst ein Verlassen dieser Arbeitsteilung verhinderten, und als Antwort erfahren, daß es im Gegenteil der Widerstand gegen die Familienstrukturen war, der zur Gründung einer eigenen Familie führte; der Widerstand gegen das fürsorgende Dasein der Mutter und gegen das durch die eigene Mutter vorgelebte Leben, der eine Flucht vorbereitete, für die gesellschaftlich kein Ort vorgesehen ist, sodaß schließlich für solche Ortlosigkeit wieder nurmehr die Mutterposition bleibt. Wir stellten fest, daß die herrschenden Werte — wie Freiheit, Gleichheit, Familienglück — von denen wir annahmen, daß sie uns nicht mehr viel bedeuten, trotz aller Abstraktheit praktisch wirksame Maßstäbe in unserem Handeln sind und sich gleichwohl in jeder Einzelerfahrung in ihr Gegenteil verkehren (vgl. dazu das Kapitel über weibliche Identität, in: Haug und Hauser 1985, 14-99). — Wir wußten, daß Männer eine entscheidende Rolle in der weiblichen Lebensplanung spielen. Wir hatten angenommen, daß wir Frauen bereit sind, auf ein eigenes Leben zu verzichten, sobald wir in ein Liebesverhältnis zu einem Mann treten. Aber in unseren Geschichten sind die Frauen durchweg viel souveräner und damit zugleich noch verstrickter in eine Abhängigkeit, die sie selbstbewußt aufrechterhalten. Nicht die konkreten Männer sind Grund für die Preisgabe eignen Lebensentwurfs. Umgekehrt machen sich die Frauen die männliche Lebensperspektive zu ihrer Angelegenheit. Sie mischen sich ein, planen und regulieren und verlassen die Männer, sobald sich deren Perspektive dem eignen Entwurf, wie der Mann zu sein habe, nicht fügt. Aber sie entwerfen kein Leben für sich (vgl. Haug und Hauser 1986, 7-41). — Im Rahmen unserer Forschungen zur Familie wollten wir jetzt untersuchen, was diese Institution eigentlich positiv für Frauen noch bedeutet, — ein Wissen, das uns notwendig scheint, um die Wirksamkeit konservativer Familienpolitik zu begreifen. Wir hatten angenommen, daß Frauen die Familie zusammenhalten, daß sie das innere Band knüpfen, sichtbar und aktiv die zentrale Figur in der Familie sind. Nichts in der herrschenden Ideologie, das uns in dieser Vorannahme nicht bestätigte. In unseren Geschichten, die nach eben dem Familienzusammenhalt gefragt hatten, kam die Mutter fast nicht vor, dafür eine Menge von Übertretungen gegen die Normalität und ihre Duldung, Widerstand gegen die Ordnung im Großen und die Bedeutung des Familiären für solches Ausschreiten. Die Frau und Mutter dagegen blieb eine seltsam schweigende Leerstelle. Es dauerte lange, bis wir begriffen, daß aus eben diesem Schweigen ihr Beitrag zum Zusammenhalt bestehen mußte. Ihre Macht ist die Unsichtbarkeit, mit der sie die Konflikte regelt (vgl. Haug u. Hauser 1985, 99-122). — Wir wollten wissen, warum Frauen ein so gespanntes bis abweisendes Verhältnis zur Politik im Großen haben, und wurden in unseren Geschichten auf den Umstand verwiesen, daß nicht Ablehnung des Politischen ein Problem der Frauen ist, sondern die Art seiner Aneignung. Politik wird umstandslos konkret als Aufgabe verstanden, die hier und jetzt zu lösen ist, unabhängig von eignem Können und Vermögen. Es fehlt an einer Übersetzung in Lernschritte und an einer Einsicht in die tatsächlich vorhandene Profes-sionalisierung von Politik (vgl. Haug u. Hauser 1986, 77-122). Ich breche an dieser Stelle die Darstellung unserer empirischen Arbeit mit der Kritischen Psychologie ab (zu unseren weiteren Themen wie Krankheit, Sexualität, Sprache und Arbeit vgl. die angegebenen Bände Subjekt Frau und Der Widerspenstigen Lähmung, 1985 und 1986).
Ein wichtiges Ergebnis unserer Arbeit ist zunächst die Verschiebung der Fragestellung, das Finden einer neuen Frage, die selbst wieder Ausgangspunkt empirischer Forschungen ist. Aber, so könnte man einwenden, sind die so gefundenen Fragen nicht ein zufälliges Ergebnis einzelner Geschichten und damit höchst subjektiv und singulär? Wir denken, daß unser allgemeines Wiedererkennen praktischer Erfahrung — jener Effekt des »genau so ist es« — Verallgemeinerungsfähigkeit zeigt. Zumindest kann dieser Konsens auf der Grundlage getrennter gemeinsamer Erfahrung in der gleichen Gesellschaft einen vorläufigen Ausgangspunkt für weitere theoriegeleitete Subjekt-Forschung sein.
Was aber nützen die Kategorien aus der Kritischen Psychologie bei der Arbeit mit den Erinnerungen? Zunächst wirken ihre Rahmenbegriffe strukturierend auf das Material. Mit dem zentralen Begriff der Handlungsfähigkeit und ihrer Erweiterung sind sie theoretische Richtschnur, die praktische Eingriffe analytisch vorbereiten soll. Insofern wirken die Begriffe orientierend und beugen einer bloßen Willkür der Interpretation, die sich vom Material hin- und hertreiben läßt, vor. Tatsächlich kann man in unseren Bearbeitungen feststellen, daß der Grad an beliebiger Interpretation zunimmt, je weiter sich die einzelnen Autorinnen vom disziplinierenden Zugriff kritisch-psychologischer Begriffe entfernten. Selbstverständlich ist ein solcher begrifflicher Zugriff aufs Material auch eine Einschränkung. Die Kategorien schärfen den Blick auf die Fragerichtung, aber sie erlauben darum auch nicht, außerhalb der Fragen liegende mögliche Antworten zu erkennen. Sie tun dies mit dem »Recht« derer, deren Interesse die Handlungsfähigkeit der Menschen ist. In dieser Weise gelang es uns, positiv mit den Kategorien der Kritischen Psychologie zu arbeiten. Dabei stehen wir erst am Anfang.
Auf der anderen Seite sperrten sich unsere Materialien auf eigentümliche Weise gegen den kategorialen Zugriff. Sie antworteten gewissermaßen spiegelverkehrt. Ich möchte das im Folgenden an einem Begriffspaar verdeutlichen. Holzkamp hat in der Grundlegung der Psychologie die Kategorie »restriktive/verallgemeinerte Handlungsfähigkeit« ausgearbeitet (1983,459, 461 ff, 467,471 f., 491 ff, 500 ff, 506 f.). Er versucht, mit diesem Begriffspaar individualhistorisch zu fassen, wie etwa ein Kind sich einerseits unter bestimmten Bedingungen in Unterdrückungszusammenhängen einrichtet (restriktive Handlungsfähigkeit erwirbt) bzw. andererseits Verfügungserweiterung durch subjektiven Widerstand vornimmt. Er schlägt vor, sich die kindlichen Versuche, eine der beiden Handlungsfähigkeiten anzustreben, in einem »Unterstützungsrahmen« zu denken, der gewöhnlich durch die Erwachsenen gebildet werde (461 f.). Für das Kind stehen seine Handlungen in einem »Verfügungsrahmen«, in den es sich »einpassen« kann, bzw. den es zu überwinden trachtet. Es »paßt sich an«, »arrangiert sich«, »verzichtet«, oder es leistet »Widerstand« (462). Holzkamp führt schließlich vor, wie der restriktive Typus, auf Bedrohungen zu reagieren, sich zu einer Methode verfestigt, ein Umstand, der die Aufarbeitung der eigenen Kindheit zur notwendigen Voraussetzung für eine begriffene bewußte Zukunft macht. Ich möchte an dieser Stelle nicht im einzelnen diskutieren, wie Holzkamp die durch die Erwachsenen und die bürgerliche Gesellschaft insgesamt nahegelegte »restriktive« Handlungsfähigkeit begründet, dabei lerntheoretische Aussagen macht etc.. Problematisch ist mir die klare Alternative, die diesen beiden Formen von Handlungsfähigkeit in unserer Gesellschaft auch praktisch zukommen soll. Holzkamp unterstützt seine Argumentation mit einer Fülle von Alltagsmaterialien, die alle einleuchtend scheinen. Aber in unseren eigenen Frauen- und Mädchengeschichten waren solche Zuordnungen eher hinderlich. Zum Beispiel trafen wir auf eine Menge Widerstand bei den heranwachsenden Mädchen. Er richtete sich gegen den »Verfügungsrahmen«. Sich anpassen, sich einrichten usw. waren kaum je Verfahrensweisen des Umgangs mit der eigenen Entwicklung. Allgemein könnten wir formulieren, daß gerade bestimmte Formen von Widerstand sich schließlich als Handlungsweisen erwiesen, in denen die vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen reproduziert und in der »restriktive Handlungsfähigkeit« erreicht wurden.
Holzkamp argumentiert zu recht, daß historisch erarbeitete Kategorien nicht auf der Grundlage aktualempirischer Daten geändert werden können. Ein Zweifel oder eine Frage muß von daher auf der Ebene formuliert werden, auf der die Kategorien gebildet wurden. Dort geht es um den den Prozess des Erwerbs von erweiterter Handlungsfähigkeit und die Behinderungen und Versuchungen, die speziell in der bürgerlichen Gesellschaft den einzelnen dabei so in den Weg gelegt werden, daß sie »in Selbstfeindschaft« auf »volle Menschlichkeit« verzichten. Holzkamp besteht auf den möglichen Alternativen der widerständigen »Rahmenerweiterung«. Marx benutzte an den meisten Stellen, an denen Holzkamp vom Rahmen spricht, den Begriff der Form. Diese Kategorie ist für Marxens Vorstellung von Widersprüchen und Entwicklung zentral. Die Menschen handeln widersprüchlich in bestimmten Formen so lange, bis die Widersprüche unerträglich werden und die Form gesprengt wird. Eine neue Bewegungsform für die Widersprüche muß gefunden werden. Eine häufig auftauchende Figur bei Marx ist, daß unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen etwas in der Form seines Gegenteils auftritt (zur Formanalyse vgl. u.a. W.F. Haug 1987). In solchem theoretischen Rahmen könnten wir formulieren: in der Privatform erscheint der widerständige Versuch der Frauen, »verallgemeinerte Handlungsfähigkeit« zu erreichen, in der Form ihres Gegenteils, als »restriktive Handlungsfähigkeit«. Dieser unerträgliche Zustand kann von den Frauen begriffen werden. Seine Änderung aber setzt die Sprengung der Privatform voraus. Dies kann nur kollektiv geschehen, aber es muß geschehen. (Zwar finden sich in der bürgerlichen Gesellschaft alle Individuen zunächst in der Privatform vergesellschaftet, aber nur den Frauen ist es eigentümlich, daß sie sich auch in ihr reproduzieren (können). — Die insbesondere von Erich Wulff weiter entwickelte transkulturelle Psychiatrie ist für solche Forschung anregend. Zugleich führt Wulff vor, dass solche interkulturellen Untersuchungen ohne die Analyse der Lebensformen ganz undenkbar ist. Er schlägt in diesem Zusammenhang vor, auch das Geschlecht als Form aufzufassen (vgl. Wulff 1979, 1 ff). Insofern plädieren wir für weitere theoretisch-empirische Forschungen zu typisch weiblichen Verkehrungen.)
Auch Holzkamp geht davon aus, daß »verallgemeinerte Handlungsfähigkeit« kollektiv, also die »Erweiterung der Verfügung über die Lebensbedingungen« ein Werk vieler sein muß. Aber die Art, wie die gegensätzlichen Begriffe unangefochten alternativ stehen, macht, daß es so aussieht, als ob die einzelnen in den vorhandenen Formen so oder so leben könnten; sie arrangieren sich mit den »Herrschenden« oder sie erweitern ihre Handlungsfähigkeit, indem sie »'gegen den Strom' der >Selbstverständlichkeiten< unmittelbaren Welt- und Selbstbezugs anschwimmen« (501). Die Schreibweise, die ich als konkretistische Abstraktion kennzeichnen möchte, weil hier sehr theoretische Zusammenhänge durch sehr alltägliche praktische Wendungen eine Veranschaulichung erhalten, die ihnen auf dieser Ebene der Darstellung nicht zukommt, macht, daß sich die Alternative moralisch liest: entweder ist man ein Opportunist oder ein Widerständler. Aber der Reim, den wir uns hier als Leser von Holzkamp machen, gehört nicht in die Prosa der Kategorialanalyse. Diese erlaubt eigentlich solche Typisierungen auf der empirischen Ebene nicht.
Ich möchte für die Weiterarbeit mit und in der Kritischen Psychologie vorschlagen, das Verfahren, für die Aktualempirie gegensätzliche Begriffspaare auf der Kategorialebene zu bilden, beizubehalten. Ihre Entgegengesetztheit sollte das analytische Werkzeug schärfen. Bevor jedoch das empirische Material selbst in diesem theoretischen Rahmen aufbereitet wird, scheint mir eine Analyse der Formen, in denen die Menschen ihr Leben konkret-historisch produzieren, unumgänglich. Von daher könnte man in unserem Beispiel — verkürzt gesprochen — untersuchen, wie die Anstrengungen, die Handlungsfähigkeit zu erweitern, in den Formen der bürgerlichen Gesellschaft sich zugleich in ihr Gegenteil verkehren und wie die praktischen Alternativen, die Handlungsfähigkeiten zu erweitern, ohne die Restriktionen zu bedienen, mit Notwendigkeit zur kollektiven Veränderung der Formen führen muß. Die Begriffe »restriktiv/verallgemeinert« stünden so nicht in einem einfachen Gegensatz, sondern in einem Entwicklungswiderspruch, in dialektischer Verschränkung. Ihre Alternative wäre zunächst eine im Denken. Praktisch geworden stünden jeweils die Formen zur Veränderung an, in denen Handlungsfähigkeit erworben wird. Ein solches Verständnis der »gegensätzlichen« Begriffe scheint mir notwendig für die Kategorien »Selbstbestimmung/Fremdbestimmung«; »interaktive/kooperative Beziehungen« und alle Begriffspaare, die »alternative Handlungsweisen« formulieren sollen.
Was bedeutet eine solche Unterscheidung auf der Begriffsebene praktisch? Zumindest für die Frauenforschung möchte ich vorschlagen, daß auf diese Weise das in der Kategorie der »Erweiterung der Handlungsfähigkeit« nahegelegte Verständnis eines Prozesses allmählichen kontinuierlichen Wachstums ersetzt wird durch die Vorstellung von Brüchen. Dann wäre die begreifende kollektive Kraft auf die Bewältigung des Bruchs mit den alten Formen und die womöglich bewußte Herstellung alternativer Formen des Lebens gerichtet. Man könnte an dieser Stelle einwenden, solche Überlegungen gehörten in eine Befreiungstheorie, Holzkamp aber sei es um die individuelle Vergesellschaftung, den Prozess des Erwachsenwerdens in unserer Gesellschaft gegangen. Ich denke, es ist eines der Verdienste Holzkamps, diesen Unterschied nicht durch unterschiedliche Theorien (etwa die Psychoanalyse für die Kindheit, den Marxismus für die Erwachsenen) zu lösen, sondern Vergesellschaftung als umfassenden Prozess begreifbar zu machen. Von daher scheint es mir umgekehrt richtig, jene dramatischen Widersprüche und Brüche, die wir in jeder Befreiung für unumgänglich erachten, auch im Vergesellschaftungsprozess der Kinder für wirklich zu halten, kindliche Entwicklung also auch weniger als Prozess kontinuierlich wachsender Verfügung über die Lebensbedingungen anzunehmen, sondern als Diskontinuität, als Übergang mit Sprüngen und Brüchen.

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