Nachwort

1. Zur Biographie der Sophie von La Roche.

»Die Frau von La Roche ist eine schöne, vortrefflich gewachsene Dame von mehr als mittlerer Größe, dem Ansehen nach im Alter von 30 Jahren, ob sie gleich in der Tat bereits 40 zurückgelegt hat. Ihre Gesichtszüge lassen sich unmöglich schildern, weil sie das, was sie sind, nur darum zu sein scheinen, damit die schönste unter allen Seelen einen Ausdruck haben möge, den unsere Sinne fassen können [...]. Sophiens ganzes Wesen, ihre geringsten Handlungen zeugen von der ausnehmenden Feinheit ihrer Empfindung, und einer wunderbaren, und gleichsam unter allen ihren Seelenkräften abgeredeten Geschäftigkeit derselben, bei jeder Gelegenheit die Güte ihres Herzens tätig zu machen.« So beschrieb F. H.Jacobi (Brief an Graf Chotek in Wien, 16. Juni 1771) das Aussehen und Wesen der Sophie von La Roche, als der erste Teil ihres Romans Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim gerade erschienen war. Dieser erste Roman sollte die fast vierzigjährige Ehefrau des Hofrates Georg Michael Frank von La Roche zur berühmtesten Schriftstellerin Deutschlands in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts machen, wie es Johann Christoph Gottscheds Ehefrau Luise, die »Gottschedin«, in der ersten gewesen war. Von 1771 bis 1780 wurde Sophies Haus in Ehrenbreit-stein (heute ein Stadtteil von Koblenz), wo ihr Mann ein hoher Verwaltungsbeamter in kurtrierischen Diensten war, zum Mittelpunkt eines wichtigen literarischen Zirkels; Sophie von La Roche führte eine ausgedehnte Korrespondenz und machte in den 1780er Jahren weite Reisen. Als Autorin zahlreicher Romane, Erzählungen, Reisetagebücher und anderer Prosaschriften blieb sie bis an ihr Lebensende schriftstellerisch tätig. Abgesehen von der Sternheim ist ihr Werk jedoch fast ganz in Vergessenheit geraten, und ihr Name hat sich vor allem durch ihre kurzzeitige Verlobung mit CM. Wieland, die sie zu dessen »Muse« machte, in der Literaturgeschichte erhalten. Mit dem Roman Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim hat Sophie La Roche aber ein wichtiges literar-und kulturhistorisches Dokument geschaffen, das für die Entwicklung des deutschen Romans ebenso bedeutend ist wie für die sozial- und kulturgeschichtliche Rolle der Frau im 18. Jahrhundert.
Marie Sophie Gutermann wurde am 6. Dezember 1731 in Kaufbeuren geboren. Ihr Vater war Arzt und Gelehrter, in Lyon erzogen und weit gereist. Sophie war die Alteste von zahlreichen Geschwistern, von denen nur drei Mädchen und ein Bruder das Säuglingsalter überlebten. Die Familie Gutermann übersiedelte nach Lindau, wo der Vater Stadtphysikus wurde; mit neun Jahren kam Sophie für drei Jahre zu den Großeltern nach Biberach. Als sie in das elterliche Haus zurückkehrte, war ihr Vater inzwischen Dekan der medizinischen Fakultät in Augsburg und sein Haus ein beliebter Treffpunkt von Gelehrten geworden. Sophie wurde streng pietistisch erzogen und erlernte daneben, wie es bei Töchtern aus wohlhabenden bürgerlichen Familien üblich war, die weiblichen Beschäftigungen. »Im väterlichen Hause mußte alle Tage, neben der Arbeit an der Seite meiner Mutter, eine Betrachtung in Arndts wahrem Christenthume, am Sonntage eine Predigt von Frank in Halle gelesen und eine gehört werden [...]. Doch wurde ich daneben auch die beste Tänzerin, lernte französisch, zeichnen und Blumen malen, sticken, Klavier spielen, und Küche und Haushaltung besorgen«, so beschreibt Sophie viele Jahrzehnte später ihre weibliche Bildung in ihrem Lebensrückblick Melusinens Sommerabende (1806). Sie erwähnt dort auch, daß sie schon mit drei Jahren lesen lernte, mit fünf die Bibel las und mit zwölf als Helferin ihres Vaters bei Herrenabenden recht nützlich war, »weil mein gutes Gedächtnis mich alle Titel und alle Stellen behalten ließ, welches ich dann auch zum Auswählen der Bücher selbst benutzte«.
Mit ihrer schnellen Auffassungsgabe, ihrer feinen Beobachtung und ihrem guten Gedächtnis bildete sich Sophie ihr Leben lang selbst weiter. Sie war, wie alle literarisch tätigen oder geistig hervorragenden Frauen im 18. Jahrhundert, hauptsächlich eine Autodidaktin, da ihr eine höhere Schulbildung als Frau verschlossen war. Bildungsanstöße kamen von den Männern ihres häuslichen Kreises. Da war zunächst der Vater, dann der Kollege des Vaters, der spätere Verlobte Bianconi, der der siebzehnjährigen Sophie Unterricht in Italienisch, Kunstgeschichte, Gesang, Mathematik - alles in französischer Sprache - gab, da der gebürtige Italiener und Leibarzt des Fürstbischofs von Augsburg Bianconi kein Deutsch verstand. Die Heirat mit dem sechzehn Jahre älteren Bianconi scheiterte schließlich am Ehevertrag, da sich der streng protestantische Vater Gutermann und der ebenso streng katholische Bianconi nicht über die Religionsklausel einigen konnten: Der Vater bestand auf einer protestantischen Erziehung der Töchter, der Verlobte auf der katholischen aller Kinder - Sophie wurde dazu, wie es zu ihrer Zeit üblich war, gar nicht erst gefragt. Sie lehnte eine heimliche Trauung mit Bianconi ab, weil sie ihren »Vater nicht betrüben wollte«, der dann ihren Liebeskummer damit beenden suchte, daß er Sophie zwang, »alle Briefe [Bianconis], Verse, schöne Alt-Arien [...] in sein Kabinett zu bringen, zu zerreißen und in einem kleinen Windofen zu verbrennen; Bianconis Portrait [...] mit der Schere in tausend Stücke zu zerschneiden.«
Die neunzehnjährige Sophie wurde dann nach Biberach in das Pfarrhaus Wieland zum Vetter des Vaters geschickt, wo sie zunächst nur durch Briefe mit ihrem zwei Jahre jüngeren Vetter Christoph Martin Wieland, der gerade mit dem Studium in Erfurt begonnen hatte, eine Seelenfreundschaft schloß, die bald zur Verlobung wurde, als Wieland 1749 für ein halbes Jahr ins Elternhaus nach Biberach zurückkehrte. Die Verlobten korrespondierten zumeist französisch, Wieland schrieb Verse auf seine »englische Sophie«, dem Urbild der Tugend; Sophie sandte Fabeln und Prosa, an denen Wieland die »kleinen Fehler der schwäbischen Mundart verbesserte« (Juli 1751), als er nunmehr in Tübingen studierte. Wieland verteidigte seine Bindung an Sophie seiner Mutter gegenüber: »Die ganze Welt ist mir ein Nichts gegen meine englische und mehr als englische Sophie [...]; wenn ich ihrer beraubt werden sollte, so schwöre ich auf das Heiligste, daß ich mein Unglück partout nicht überleben will« (7. März 1751). Doch Wieland überlebte die Entlobung; er weilte längst in Zürich bei Bodmer, als Sophies Abschiedsbrief kam.
Sophie fand schließlich 1753 in der zu ihrer Zeit üblichen Konvenienzehe mit dem um elf Jahre älteren, katholischen Hofrat Georg Michael Frank von La Roche ihre Versorgung, nachdem ihre Mutter 1748 gestorben war und ihr Vater sich wieder verheiratet und seinen Stiefsohn als Erben adoptiert hatte. Sophie hingegen hatte eine von der Familie gewünschte Partie ausgeschlagen und so eine Erbschaft und Versorgung verloren. Die Ehe mit La Roche führte Sophie in höfische Kreise und wurde für ihr weiteres Leben, wie für ihr literarisches Schaffen, entscheidend. Georg Michael Frank war das dreizehnte Kind eines unbemittelten Chirurgen, wurde als Vierjähriger vom Grafen Stadion, dessen illegitimer Sohn er aber wohl nicht war (Asmus, G. M. de la Roche, S. 2), angenommen und erhielt den Adoptivnamen »La Roche«. Beim Grafen Stadion genoß er eine gute Erziehung und feine Bildung und war sein Leben lang die rechte Hand seines Herrn und Adoptiv-Vaters, sein Sekretär, Reisebegleiter, Gesellschafter. Nach der Eheschließung siedelte Sophie zu La Roche in das Stadionsche Schloß nach Mainz über, wo der aufklärerisch gesinnte Graf Stadion der erste Minister am Hofe des Kurfürsten Emmerich Joseph von Mainz war. Hier lernte sie die Hierarchie eines kleinen katholischen Hofstaates kennen; sie mußte ihrem Mann beim Briefwechsel mit ausländischen Korrespondenten des Kurstaates helfen, auf Spaziergängen oder an der Tafel des Grafen Stadion für Anregungen zu Gesprächen sorgen, wofür sie sich Auszüge aus den verschiedensten Büchern, die ihr Mann auswählte, machte, um diese graziös und scheinbar absichtslos einzustreuen, damit sie dann von dem Grafen und der übrigen Gesellschaft weiter ausgeführt wurden. - Sophie gebar acht Kinder in Mainz, von denen fünf das Kindesalter überlebten. Die älteste Tochter, Maximiliane (»Maxe«), beeindruckte später Goethe, der nach Maxes Heirat mit dem weitaus älteren Witwer und Kaufmann Peter Brentano in Frankfurt 1774 einige Zeit ihr Haus besuchte. Unter Maximilianes zwölf Kindern waren Clemens und Bettina Brentano: Sophie von La Roche wurde »die Großmutter der Brentanos«.
1762 zog sich Graf Stadion von den Staatsgeschäften auf sein Gut Warthausen in der Nähe von Biberach zurück; die Familie La Roche folgte ihm. Als er 1768 starb, entstanden Unstimmigkeiten mit den Erben des Grafen, so daß La Roche auf eine Amtmannsstelle in Bönnigheim angewiesen war, bevor er 1770 eine Stelle als Geheimer Rat beim Kurfürsten Clemens Wenzeslaus von Trier erhielt und zu dessen Hofstaat in Ehrenbreitstein übersiedelte.
Sophie hatte kurz nach ihrer Verheiratung wieder Kontakt zu Wieland geknüpft, die Freundschaft brieflich und, seitdem der Dichter als Stadtschreiber in Biberach weilte, persönlich fortgesetzt, bis Wieland 1769 durch die Beziehungen La Roches eine Professur an der kur-mainzischen Universität Erfurt erhielt und dorthin umzog. In den 1760er Jahren nahm Sophie ihre schriftstellerischen Arbeiten wieder auf, Versuche mit Erzählungen und Anekdoten. Nach dem Tode des Grafen (1768) gaben der vorübergehende Aufenthalt in Bönnigheim, wo La Roche eine Amtmannsstelle angenommen hatte, und die erzwungene Abwesenheit ihrer ältesten Töchter, die in einer Klosterschule katholisch erzogen werden mußten, Sophie vermehrten Mut und Muße, ihren 1766 begonnenen Roman auszuarbeiten, den Wieland editorisch betreute und mit Vorrede und Fußnoten versehen herausgab. Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim, deren erster Teil im Mai und zweiter Teil im September 1771 erschien, war ein großer Erfolg und machte Sophie von La Roche zu einer berühmten Frau. Schon im Erscheinungsjahr erlebte der Roman drei Auflagen, 1772 eine weitere und dann noch vier in den nächsten 15 Jahren. Übersetzungen ins Französische, Englische, Holländische und Russische machten den Namen der Sophie von La Roche auch außerhalb Deutschlands bekannt.
Mit dem Erscheinen der Sternheim hatte die öffentliche Karriere der La Roche als Schriftstellerin begonnen, während sie schon seit ihrer Bekanntschaft mit Wieland -und man darf annehmen schon angeregt von Bianconi -, also schon über zwanzig Jahre lang sich mit dem Schreiben von Prosatexten befaßt hatte. Der Roman beruhte teilweise auf ihren persönlichen Beobachtungen, Erfahrungen und Gelesenem, aber vor allem zeichnete er ein gefühlvolles Seelenbild einer tugendhaften Frau, und zwar ganz aus der Perspektive dieser Frau, die ein Vorbild für die Töchter und Frauen des begüterten Bürgertums werden sollte. Bei dieser Thematik setzten auch die nächsten Werke der La Roche an. Während ihr Mann -seit 1770 als Geheimer Rat am Hof des Kurfürsten Clemens Wenzeslaus von Trier - dort zum Kanzler aufstieg und Sophies Haus zu einem beliebten Treffpunkt der Literaten wurde - es besuchten sie dort u. a. Wieland, die Brüder Jacobi, Goethe, Leuchsenring, Merck -, arbeitete sie an ihrem nächsten Roman Rosaliens Briefe an ihre Freundinn Mariane von St** (1780-81), von dem zunächst Teile in Jacobis Frauenzeitschrift Iris (1775/76) abgedruckt worden waren. Rosaliens Briefe verfolgen die Entwicklung eines jungen Mädchens, von der Verlobung und den Reisen mit ihrem Onkel bis zur jungen Ehefrau und der Geburt ihres ersten Kindes. Viel mehr noch als in der Sternheim, wo Intrigen weitgehend den Handlungsablauf bestimmen, werden hier die innere Bildung und die äußere Entwicklung einer Frau in den Mittelpunkt gestellt. Nach einer Reihe von moralischen Erzählungen, in denen die Autorin als Geschichtenerzählerin »eine Blume schöner Kenntnisse oder eine Frucht nützlicher Vorstellungen« liefern wollte, und nach dem Roman Geschichte von Miß Lony und der schöne Bund (1789) ließ Sophie erst 1791 eine Fortsetzung von Rosaliens Briefen unter dem Titel Rosalie und Cleberg auf dem Lande folgen. Als pädagogisches Werk, als Belehrung für Frauen wurden diese Romane und Erzählungen gut aufgenommen, es ist ein Lob, das von dem schriftstellerischen Werk der La Roche bis heute nur ihre pädagogischen Absichten, ihr Bemühen um die weibliche Leserschaft wahrnimmt, selten aber ihre literarische Leistung.
Seit 1780 fand Sophie vermehrt Muße zu literarischen Arbeiten; Ende September war der Kanzler La Roche unvermittelt entlassen worden, und nur durch den Verzicht seines unmittelbaren Vorgesetzten, des Ministers von Hohenfeld, auf seine eigene Pension erhielt La Roche eine Versorgung, und die Familie lebte für einige Jahre in Hohenfelds Haus in Speyer, ab 1786 dann in Offenbach, wo der lange kränkelnde La Roche 1788 starb. Seitdem ihr Mann nicht mehr als Hofbeamter tätig war, ihre Kinder längst erwachsen, die beiden Töchter verheiratet und nur der jüngste Sohn zu Hause lebte, hatte Sophie viel Zeit für sich. In diesen 1780er Jahren versuchte Sophie La Roche, sich als Schriftstellerin zu etablieren. Sie erwog schon im Mai 1781 eine Ausgabe ihrer moralischen Erzählungen auf Pränumeration und fragte bei Wieland an: »Was raten Sie mir, Bester? Ich bekenne Ihnen, wenn ich so glücklich wäre durch meine Feder dies zu erhalten, was ich zu meiner Kleidung, und für mich brauche u. etwas daraus zöge, das hinreichte, die Ausgabe einer Reise in Ihre Gegenden zu machen, ohne daß La Roche seine Pension zu Hilfe zu nehmen, das freute mich - meine Kinder haben kein Vermögen durch mich, wenn ich also nur durch meinen Kopf u. Herz etwas sparen helfen könnte, so wäre ich glücklich« (Michel, Lettres, S. 97).
Es ist wohl hauptsächlich das Bedürfnis, ihren »Kopf und Herz« zu gebrauchen, das sie zum Schreiben motivierte. Darüber hinaus stellten ihr die kleinen Einkünfte die Mittel zur Verfügung, sich eigene Wünsche, z. B. Reisen, zu erfüllen und so einen Freiraum gegenüber ihrem Mann zu gewinnen.
Auch wenn Wieland ihren Projekten jetzt distanziert gegenüberstand, so erschien doch im Januar 1783 das erste von 24 Heften ihrer Zeitschrift Pomona für Teutschlands Töchter. Nicht die Fortsetzung von Jacobis Frauenzeitschrift Iris sollte diese betont von einer Frau für das weibliche Publikum herausgegebene Wochenschrift sein, sondern sie sollte »Pomona heißen, diese ist die Göttin des Herbstes. Ich bin in dem Herbst meines Lebens« {Pomona, Vorrede in 1,1). Die Notwendigkeit der weiblichen Bildung wurde betont, Betrachtungen über weibliche Erziehung, über Kunst, Literatur, Musik, Reiseberichte wechselten ab mit jeweils einem Land oder Thema gewidmeten Sonderheften. In den als Kernstück angelegten »Briefen an Lina« beriet La Roche ein Mädchen mit einer Mischung aus empfindsamen, einfühlsamen Ratschlägen und nüchtern-praktischen Anleitungen für den Hausstand. Die Korrespondenz mit ihren Leserinnen - seit dem Beginn der moralischen Wochenschriften bis zum »Briefkasten« der modernen Unterhaltungsmagazine eine beliebte Rubrik - vermittelt einen ungeschminkten Einblick in die Rezeption der Zeitschrift und in die alltäglichen Fragen, die den breiten weiblichen Leserkreis ohne schöngeistige Prätension bewegten. In den Abhandlungen und Briefen zeigt sich trotz vieler interessanter Einzelstellen die erschreckende Leere und Unbildung der Frauen in Deutschland noch im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, besonders wenn man sie mit den Männern aus ähnlichen gesellschaftlichen Verhältnissen vergleicht. So klingen denn ganz verhalten erste Töne einer Kritik an dieser Ungleichheit auch bei der so sanften, nachgiebigen und versöhnlichen La Roche an: »Ich glaube wie Sie«, antwortet Sophie einer Leserin, »daß die Männer noch nie mit einer besonderen Aufmerksamkeit über unsere Ausbildung nachdachten. [...]. Wir und unsere Fähigkeiten wurden immer nur zur Hausdienerschaft gerechnet« (Pomona, 11,1, 1784). Doch rät Sophie La Roche den Frauen, in der Beschäftigung als Hausfrau und Mutter ihr Glück zu sehen; die Herrschaft der Männer über die Frauen kritisierte sie nie, wie sie sich auch ihr Leben lang nach den Männern ihres Lebens richtete und sich krampfhaft bemühte, die Gunst des männlichen Lesepublikums und der männlichen Literaten nicht zu verscherzen. Mit der Pomona gab sich jedoch zum erstenmal eine Frau als Herausgeberin öffentlich zu erkennen und warb auch für Beiträge befreundeter Autorinnen wie Sophie Albrecht, Elisa von der Recke, Philippine Engelhard (geb. Gatterer) oder Caroline von Wolzogen.
Weshalb Sophie die erfolgreiche Zeitschrift aufgab -Katharina von Rußland hatte auf 500 Exemplare unterzeichnet und bezahlte sie auch -, ist nicht ganz klar. Schon im Februar 1785 schrieb Wieland, der sich nur nach längerem Drängen und dann ganz verhalten über die Pomona geäußert hatte, an Sophie: »Sie haben vielleicht in öffentlichen Blättern gelesen: daß Reich in Leipzig eine deutsche Einkleidung der in Paris nächstens erscheinenden Bibliotheque universelle des Dames unter meiner Aufsicht [Hervorhebung von BB-C] ankündigt.
Hoffentlich wird doch diese Enterprise nicht Ihre Bibliothek für Lina croisiren?« Sophies geplante Bibliothek erschien nicht, und das einträgliche Geschäft mit den Damenkalendern, Frauenzeitschriften und Taschenbüchern für Damen machten andere; die Beiträge lieferten Autoren von Rang und Namen einschließlich Wieland, Goethe oder Schiller. Die »Großmama« La Roche gab auf, wie auch ein Jahrzehnt später Marianne Ehrmann. Erst eine Generation später gelang es Therese Huber als Leiterin des Cottaschen Morgenblattes von 1816 bis zu ihrer Entlassung 1828, sich auf dem ganz von Männern beherrschten literarischen Markt als Redakteurin erfolgreich, aber abhängig, zu betätigen. Sophie La Roche erneuerte durch weite Reisen alte Bekanntschaften und lernte die interessanten Zeitgenossen der literarischen und geistigen Welt kennen. 1784 besuchte sie die Schweiz, 1785 Paris, 1786 reiste sie nach Holland und England. Von diesen Reisen brachte sie den Stoff zu den zahlreichen Reisebeschreibungen und Tagebüchern mit; sie blieb eine gute Beobachterin von Menschen, Gegenständen und Umständen. Der kulturgeschichtliche Wert dieser Reisetagebücher ist nur vereinzelt gewürdigt worden, wie etwa Sophies Bemerkungen über London in einer englischen Übersetzung von 1933.
Ihre späten Erinnerungswerke, Briefe über Mannheim (1791), Mein Schreibetisch (1799), Reise von Offenbach nach 'Weimar und Schönbeck im Jahre 1799 (1800), Herbsttage (1805), und das von Wieland herausgegebene Werk Melusinens Sommerabende (1806) bringen Reminiszenzen und Reflexionen über ihr langes und reiches Leben und ihre Freunde; die darin enthaltenen literar-und kulturgeschichtlichen Informationen und Perspektiven sind unbekannt geblieben oder als Grillen einer Greisin zu Unrecht abgetan worden. 1799 hatte Sophie mit ihrer Enkelin Sophie Brentano Weimar besucht, wo die einst verehrte »Mama« von Goethe und Schiller kühl empfangen wurde und Goethe sie privat als »nivellierende Natur« bezeichnete: »Sie hebt das Gemeine herauf und zieht das Vorzügliche herunter und richtet das Ganze alsdann mit ihrer Sauce zu beliebigem Genuß« (Brief an Schiller, 24. Juli 1799). In das Weimarer Kunstprogramm paßte die alternde Schriftstellerin - sie zählte damals 68 Jahre - nicht, denn sie war nur eine »Dilettantin«.
Auch Wieland war der Besuch der langjährigen Freundin und Briefpartnerin, deren vertrautes Verhältnis sich seinerseits seit 1780 ganz merklich abgekühlt hatte, ein bißchen lästig. Er interessierte sich viel mehr für die Enkelin, die dann nach der Abreise glühende Briefe der Verehrung an den »lieben Vater« Wieland schickte. Die Greisin Sophie La Roche dagegen, die »schöne Seele« der 1770er Jahre, konnte längst nicht mehr die Weiblichkeitsvorstellungen der Klassik erfüllen, sie war weder eine Iphigenie noch eine Therese, Ottilie, Psyche oder gar eine Danae. Seit dem Sturz ihres Mannes - der Verlust des Amtes wurde allgemein so empfunden - war ihre gesellschaftliche Stellung zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken, Beziehungen zu den Höfen konnte sie den aufstrebenden Literaten nicht mehr vermitteln, in ihrer eingeschränkten finanziellen Lage und besonders als alternde Witwe nach 1788 benötigte sie eher die Hilfe anderer, als daß sie durch ihre Protektion irgendwie nützen konnte.
Nach dem Riesenerfolg ihrer Sternheim wurde die La Roche als Frau auf das Bild der empfindsamen, tugendhaften Weiblichkeit festgelegt, auf eine Identifikation von Autorin und Heldin, die schon der Herausgeber Wieland vorbereitet hatte, als er die Autorin mit »Fräulein von Sternheim« anredete (Bovenschen). Weder als Mensch noch als Autorin konnte sie in diesen engen Grenzen von »natürlichen« Weiblichkeitsvorstellungen gefangen bleiben. Schon Caroline Flachsland war, als sie die La Roche 1772 persönlich kennenlernte, von der »Hofdame« mit ihrer »Koketterie und Repräsentation«, die dazu noch die Gesellschaft regierte (Brief an Herder, April/Mai 1772), unangenehm berührt. Sophie konnte auch derb und auf schwäbisch fluchen, wie ihre Enkelin Bettina Brentano von ihr berichtet hat; ihre Briefe zeigen sie als ebenso interessiert an Klatsch, Eigenlob und der Promotion ihrer eigenen literarischen Produkte wie die aller männlichen Literaten ihrer Zeit. Solange sie am Trierer Hof eine Rolle spielte, sah man über diese Unvollkommenheiten der »Sternheim« hinweg. Daß sie seit den 1780er Jahren als Schriftstellerin sehr produktiv war, wertete die Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts als »Vielschreiberei« einer »alternden Pädagogin« (Erich Schmidt in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek, Bd. 17, 1883). Schon 1781 bemühte sie sich vergebens um ein anerkennendes Urteil Wielands über ihre Schriften. »Ich bin nur ein Weib, und wo liegts, daß Klopstock - u. die Stolberge - u. Goethe, die alle so glühend zusammen waren, nun kalt sind? Und die Jaco-bis, ach Wieland, wo liegt das - in Männern voll Kenntnissen - voll Seele - sagen sie mirs bitte [...]. Lesen Sie doch, es liegt meinem Herzen daran, lesen Sie, meine Rosalie - Wieland soll meine Rosalie lesen, u. die Güte haben - alte und neue Güte, mir was darüber zu sagen, ich bitte, bitte [...].« (Michel, Lettres, S. 95). Doch Wieland war zunächst anderweitig beschäftigt, und die Rezension des Romans im Teutschen Merkur schrieb ein anderer. In der Gestalt der »Sternheim«, der »schönen Seele«, war Sophie von La Roche den empfindsamen Literaten als Muse willkommen, als Schriftstellerin erschien sie ihnen unweiblich, nur für die Unterhaltung von Frauen geeignet und daher veraltet und zweitklassig. Ihr eigenständiges literarisches Schaffen griff weitgehend Themen und Fragen aus der Sicht einer reifen Frau auf in einer Zeit der strengen Geschlechtertrennung und eindeutigen Herrschaft männlicher Interessen und Gesichtspunkte in der deutschen Literatur. Erst Sophies Enkelin, Bettina von Arnim, gelang wieder ein literarischer Durchbruch mit Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (1835), einem gefühlvollen »Denkmal« für einen großen Dichter, in dem Bettina zugleich sich selbst darstellte.

2. La Roche, Wieland und die Entstehung der »Sternheim«.

In einem Brief vom Dezember 1805 gesteht Wieland seiner langjährigen Freundin Sophie: »Nichts ist wohl gewisser, als daß ich, wofern uns das Schicksal nicht im Jahre 1750 zusammengebracht hätte, kein Dichter geworden wäre.« Dasselbe könnte man von Sophie La Roche sagen, nur ist - ganz im Sinne der traditionellen Rollen von Mann und Frau im 18. Jahrhundert -Sophie Wielands Muse und seelische Stütze, Wieland Sophies Lehrmeister und »Kunstrichter«. Die Entstehungsgeschichte des Sternheim-Romans zeigt jedoch, wie die ebenso aufmerksame wie dankbare Schülerin Sophie sich langsam verselbständigt und zur Autorin wird.
Schon in den Briefen der Verlobungszeit machte Wieland Vorschläge zu den literarischen Versuchen, die Sophie ihm vorgelegt hatte: »Sie machen mir unendlich viel Vergnügen, wenn Sie sich in der Dichtkunst immer mehr üben, wie auch in der deutschen Sprache, welche viel schöner als die französische ist. Die Fabel, welche Sie mir geschickt haben, ist ganz artig, außer daß die Wörter >verbande, fände, erführe< wider die deutsche Grammatik verstoßen [...]. Doch dieses ist eine Kleinigkeit, die ich meiner liebenswürdigen Schwäbin gar gern vergebe. Ihre Prosa ist unvergleichlich« (Juli 1751). Bei der Arbeit an der Sternheim fast zwanzig Jahre später fungierte der inzwischen weit bekannte und viel gelesene Dichter Wieland noch immer als Sprachlehrer und »Kunstrichter«, dem Sophie ihr im Entstehen begriffenes Werk zunächst zur Begutachtung vorlegte. Wieland beschaffte dann auch den Verleger und trat als Herausgeber des Romans auf, ohne dabei den Namen der La Roche zu nennen; ja
er gab sogar vor, die Autorin wisse nichts von der Veröffentlichung.
Die Entstehungsgeschichte der Sternheim läßt sich in dem regen Briefaustausch zwischen Wieland und Sophie vergleichsweise gut verfolgen. Schon 1766 legt Sophie ihrem Seelenfreund und Mentor »lettres a C.« vor, die besonders bei Wielands Frau Gefallen finden, und die Wieland für weitaus besser hält als all den »moralischen Quark« für die jungen Personen weiblichen Geschlechts, von dem Deutschland überflutet werde: »J'aime Votre maniere de moraliser« (17. November 1767), fügt er hinzu. Dann ist von »moralischen Briefen« die Rede und von einer »gouvernante« Sternheim (März 1768); Wieland bekundet wieder sein Interesse und verlangt die Fortsetzung.
Doch die eigentliche Anregung zur Ausarbeitung des Erstlingsromans gab wohl der befreundete Pfarrer Brechter, wie Sophie in ihrem Lebensrückblick dargelegt hat. (Briefe über Mannheim, 1791, S. 201-204; in der vorliegenden Ausgabe, S. 363 f.) Die Phantasiegestalt der Sternheim wurde - so jedenfalls wollte es Sophie in ihren späten Jahren verstanden wissen - ein Ersatz für ihre Töchter: »Ich wollte nun einmal ein papiernes Mädchen erziehen, weil ich meine eigenen nicht mehr hatte und da half mir meine Einbildungskraft aus der Verlegenheit und schuf den Plan zu Sophiens Geschichte.« Die Sternheim als Ersatz für die eigenen Töchter? »Ein papiernes Mädchen erziehen« - also Schreiben - als Surrogat für die Mutterrolle, für die »natürliche« weibliche Bestimmung, die sie nun nicht mehr ausführen konnte? In dieser späteren Rechtfertigung ihrer - vorwiegend als unweiblich verstandenen - Beschäftigung des Schreibens hat Sophie die Ersatzfunktion ihrer literarischen Tätigkeit, das Erziehen junger Mädchen durch Bücher, überbetont, um ihr Schreiben zu legitimieren.
Aus Sophies privaten Äußerungen, während sie an der Sternheim arbeitete, geht jedoch ganz deutlich hervor, wie sehr sie selbst von den Problemen ihrer Heldin, deren seelischer Verfassung und Bemühen, den richtigen Lebensweg zu finden, berührt wurde, und wie sie einfach »etwas gut erzählen« konnte (Pomona, Bd. 3, S. 1092). Der Roman wird zur »fille Phantasque«, »fille de ma tete«, zum »Lieblingszeitvertreib«; sie spricht von »mes reveries«. Das ist mehr als der Ruf der Pflicht zur Erziehung anderer.
Immer wieder wünscht sie mehr Zeit und Muße dafür zu finden, denn ihre Sternheim geht ihr »mit ausgespannten Armen im Kopf« herum (Brief an Wieland, Februar 1770). Zwar plant sie gleichzeitig ein Hausbuch für ihre älteste Tochter »Maxe«, über deren Verheiratung die Eltern sich damals Gedanken machen mußten. Doch Sophie möchte lieber das »gewählte Vergnügen«, die Sternheim, fortsetzen. Wieland begutachtet die übersandten Briefe und wünscht, daß Sophie etwas von ihrem Enthusiasmus verlieren möge, während sie gerade den Enthusiasmus als die Triebfeder ihrer Handlungen, als »Gegenwehr manches unvermeidlichen Mißvergnügens« gegen den »Frost und Schnee in [ihrer] Seele« ansieht, den das Altern noch verstärken würde (25. Februar 1770). Bei aller Abhängigkeit von Wieland gewinnt sie mehr und mehr an Ausdruck und Gestaltungsfähigkeit und entwickelt damit ihre Eigenheit. Wieland ermahnt sie, ihre originelle Art, ihre Gefühle und Ideen zu malen, zu bewahren; er warnt sie vor den empfindsamen Modewörtern, die die Damen der Gesellschaft gern aus Young, Klopstock und anderen Autoren dieser Klasse zusammenstückeln. Wieland selbst hatte nach seiner Züricher Zeit mit Bodmer längst die ihm nun suspekte Richtung der empfindsamen Gefühlsschwärmerei verlassen. Er bittet sie wiederholt um deutsche Briefe - fast der gesamte Briefwechsel der La Roche mit Wieland auch in den späten Jahren wurde von Sophie auf französisch geführt -, damit sie sich im schriftlichen Ausdruck mehr übe; zwar erkennt Sophie die Nützlichkeit solcher Stilübungen an, doch meint sie: »Was ich Ihnen zu sagen habe, und für Sie empfinde liegt in dem gefach meiner Francösischen Wörter« (18. März 1770). War die Verkehrssprache der Briefe mit Wieland für sie das Französische, so lag die fiktionale Welt des Stern-heim-Romans eindeutig im deutschen »gefach«. Die Charaktere, auch die englischen Lords, scheinen unter deutschen Bezeichnungen erwachsen zu sein, wie La Roche über ihre Arbeit an »mon Bößwicht« (Lord Derby) berichtet.
Bei dieser Figur falle es ihr besonders schwer, wie ein Mann zu denken, schreibt sie einmal, denn sie sei eine gute Frau und sie leide Folterqualen, wenn sie sich in die Intrigen und Eifersüchteleien hineinversetze. Wieland antwortet betont, um nicht etwa mißverstanden zu werden, in der Rolle des »Kunstrichters« und spricht dabei seine Sympathie für den »Bösewicht« aus, der doch so viel interessanter sei als der rauhe und schwermütige Lord Seymour, der keineswegs die Ehre habe, ihm zu gefallen. Sophie als »gute Frau«, Wieland als »Kunstrichter«, beide posieren in ihren etablierten Rollen, während sie offensichtlich die gelungene psychologische Wahrscheinlichkeit im Denken dieser negativen Romanfigur genießen, Sophie bei der Abfassung, Wieland bei der Beurteilung des Romans.
Am 22. April 1770 kann Sophie aus Warthausen melden, daß der erste Band fast vollendet ist, und der zweite Band »courre au grand trot dans ma tete«. Sie fragt an, ob er wohl des Druckes würdig sei. Wieland antwortet schon Ende April mit den für die Entstehungsgeschichte des Romans so charakteristischen Worten: »Allerdings, beste Freundin, verdient Ihre Sternheim gedruckt zu werden; und sie verdient es nicht nur; nach meiner vollen Überzeugung erweisen Sie Ihrem Geschlecht einen wirklichen Dienst dadurch.« Immer wieder hatte Wieland den Nutzen dieses Werkes für das weibliche Geschlecht betont, »un bien infini aux personnes de Votre sexe« (Dezember 1769). Damit ist der Frauenroman geboren; das Werk wird vom Mentor Wieland aus der Taufe gehoben und dabei auf das Verdienst um das weibliche Geschlecht eingeengt.
Wieland bietet seinen Leipziger Verleger an: »Ich werde Ihr Pflegevater seyn. Reich soll sie in einer üppig gezierten, aber simpel schönen Ausgabe verlegen, und was er dafür bezahlen wird, wird immer so viel seyn, daß ihr wohltätiges Herz sich viel von diesem göttlichen Vergnügen, dem einzigen wofür es gemacht zu seyn scheint, wird verschaffen können« (Ende April 1770). Aus kaufmännischen Gründen müßten jedoch beide Bände zusammen erscheinen; er wolle den ersten Band selbst redigieren und für den Druck abschreiben lassen, während Sophie den zweiten Band fertigstellen solle. Anfang August 1770 hat Wieland einen Teil des Manuskriptes (136 Seiten) »immer mit der Feder in der Hand« gelesen; Mitte November ist die Kopie des ersten Bandes für den Druck fertig; Sophie soll Format und die Art von Lettern bestimmen, ihren Wohltätigkeitsempfänger angeben, für den das Honorar bestimmt ist, und sie soll die Honorarforderung - aber bitte nicht zu hoch, da die Autorin dem Publikum unbekannt ist - selbst dem Verleger angeben.
Über die Höhe des Honorars für den ersten Band ist nichts bekannt, für den zweiten Band bezahlte Reich 20 Dukaten an Wieland, der übrigens für seinen Diogenes im selben Jahr 50 Dukaten erhielt. Wieland legte eine genaue Abrechnung vor: Einen Dukaten (!) bezahlte er dem Kopisten des Manuskriptes, das restliche Geld wurde gegen die Forderungen verrechnet, die Wieland für die Betreuung des ältesten Sohnes Frank hatte, der seit einiger Zeit zur Erziehung bei ihm weilte. Danach sollte sich Sophie den Rest (31. August 1771) von ihrem Manne auszahlen lassen. Sophie war allerdings an dem Geldbetrag sehr interessiert, ja sie scheint fast bereut zu haben, das Honorar des ersten Bandes für andere bestimmt zu haben. Sie war von der Landgräfin Karoline von Hessen-Darmstadt eingeladen und benötigte Geld für die Reise: »Wenn ich nicht eine Läpin geweßen und alles Geld meines ersten theils außgegeben hätte, ohne an meine wünsche zu denken, so könnte ich dieße Reiße machen und La Roche würde nicht geplagt [...]« (24. August 1771). Erst 1772 gab ihr Mann die Erlaubnis, das Geld dazu zu benutzen,- sie reiste mit Tochter »Maxe« nach Darmstadt und Hamburg. Im März/April 1771 waren die La Roches nach Ehrenbreitstein umgezogen, und so wurde der zweite Teil des Romans erst - oder, wenn man die Umstände des Umzugs bedenkt: schon - Anfang Juni fertig, nachdem Wieland Mitte Mai als Hausgast der La Roches eine Woche in Ehrenbreitstein verbracht hatte. Für diesen zweiten Band konnte sich Wieland nicht so recht begeistern, sein Interesse beim Korrigieren und Edieren erlahmte auch merklich. Anfang Juni hatte der erste Teil im Druck vorgelegen, der zweite Teil folgte im September. (Zum Text, zu Wielands Anteil daran und seiner Reaktion auf Sophies Kritik an den »Druckfehlern« vgl. in der vorliegenden Ausgabe den Abschnitt zur Textgestalt.)
Wieland wollte den Roman in einer ganz bestimmten Weise verstanden wissen, das wird aus der Vorrede und seinen Anmerkungen zum Text deutlich. In ersterem wollte er die schriftstellerische Tätigkeit der La Roche, einer Frau, rechtfertigen und in das rechte Licht rücken; letztere brachten oft unmißverständlich, aber immer diplomatisch seine Kritik am Text zum Ausdruck. Er wollte sich den Rücken decken, falls der Roman ungünstig aufgenommen würde. So führt Wieland in der Vorrede aus, wie er seine »Freundin« in eine Schriftstellerin verwandelt habe, und betont den »weiblichen« Charakter der Autorin. Die »Freundin« habe nie daran gedacht, »für die Welt zu schreiben oder ein Werk der Kunst hervorzubringen«; damit soll die Bescheidenheit der Frau und ihre Natürlichkeit - die zugleich jeden Anspruch auf Kunst ausschließt - betont, ihre Weiblichkeit gewahrt werden. Auch der Anschein jeglicher Gelehrsamkeit und alles, was »Autors-Künste« genannt werden kann, müssen peinlichst vermieden werden. Dafür entschädigt die moralische Nützlichkeit; die Originalität der Bilder und des Ausdrucks läßt über die Nachlässigkeit und Mängel der Sprache hinwegsehen. Schon einige Zeitgenossen, besonders Lenz, haben Wieland wegen des pedantischen Tons der Vorrede, der die Leistung der Autorin herabzusetzen scheint, kritisiert. Wieland versuchte, die schriftstellerische Leistung der La Roche mit dem gängigen Bild der bescheidenen, tugendhaften Frau zu vereinbaren, »nützlich zu sein wünscht sie; Gutes will sie tun«, und verengte damit die Absicht und den Wert des Romans. »Kunst« und Schriftstellerei aus »Profession«, das waren zwei Bereiche, in denen die »Freundin« (sprich: die Frau) aufgrund ihrer »natürlichen« Bestimmung nichts zu suchen hatte. Beide, Sophie und Wieland, waren ängstlich bemüht, daß der Roman - und die Autorin - diese Grenzen nicht überschreite.

3. Zur »Geschichte des Fräuleins von Sternheim«.

»Daß es getadelt und zerrissen werden wird das arme Romangen« (25. Juli 1771), das befürchtete Sophie. Doch der Roman fand eine glänzende Aufnahme und machte die La Roche zur literarischen Berühmtheit, sie wurde überall als »die Sternheim« bekannt. Herder und seine Braut äußerten sich überschwenglich darüber, ebenso Lenz und die Brüder Stolberg; Anerkennung kam aus Zürich von Bodmer und Geßner, von Julie Bondeli aus Bern; wohlwollende Rezensionen erschienen, wie die von Merck - und Goethe - in den Frankfurter gelehrten Anzeigen und die von Sulzer (?) in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek. Wenn es Einwände gab, so richteten sie sich zunächst gegen Wielands »dumme Noten« (Lenz), und Sulzer schrieb mit offensichtlicher Spitze gegen den »Kunstrichter« Wieland: »Die Frau hat allemal mehr Verstand als die meisten, die man für die großen Richter der deutschen Literatur ausgibt.« Während die empfindsame Heldin und der moralische Inhalt das Interesse der Zeitgenossen von den Aufklärern, den Klopstockianern bis hin zur jungen Generation des Sturmes und Dranges fesselten, so faszinierten zunächst auch die Porträts und Beschreibungen aus ihrer Umwelt, die die La Roche in den Roman eingeflochten hatte. Sie beschreibt Warthausen im »Dritten Brief« der Sternheim an Emilia als Schloß des »Grafen von W.«, für den Graf Stadion als Vorbild diente. Dessen Schwester Maximiliane von Stadion lebte als Stiftsdame in Buchau. Diese Beschreibungen hat Wieland in einem Brief kommentiert, in dem er Warthausen für zu gewöhnlich erachtete, um das Interesse des Lesers zu befriedigen, die Porträts aber sehr lobte, sie seien keineswegs eine Paradeschau wichtiger Bekanntschaften, vielmehr verdienten es »les gens de qualite« mit persönlichen Verdiensten im günstigsten Licht im Werk zu erscheinen (9. September 1770). Wieland hat das Porträt der guten Stiftsdame in dem Sternheim-Roman sogar noch mit seinen eigenen Versen ausgeschmückt. Wichtiger als diese Verbeugung vor eventuellen Gönnern - im zweiten Band findet sich nichts mehr davon -, ist die Beschreibung des Herrn ** in gräflicher Damengesellschaft. Der dort gelobte Schriftsteller ist natürlich Wieland, der in vorteilhaftester Weise einem eingebildeten Schwätzer, seines Zeichens Literat aus Paris, gegenübergestellt wird. Die Szene wirft ein interessantes Licht auf das erwachte Selbstbewußtsein der deutschen Schriftsteller, besonders da die La Roche seit ihrer Verheiratung sich im Kreise des Grafen Stadion ganz im Banne der französischen Kultur und Literatur bewegen mußte.
Diese Porträts waren absichtlich in das Romangeschehen eingeflochten worden; wir sollten jedoch vorsichtig sein, Sophie von La Roche bedenkenlos mit der Sternheim zu identifizieren. Das Bild einer jungen Dame im »Brief von St. an den Pfarrer zu S**« ist ebensowenig eine Selbstbeschreibung der La Roche, wie die Heldin und das Romangeschehen in direkten biographischen Bezug zur Autorin zu setzen sind. Sophie von La Roche hat sich ganz in einen fiktionalen Charakter hineinversetzt und einen empfindsamen Roman (Touaillon), ein Psychogramm dieser Seele (Hohendahl) geschrieben. Das »papierne Mädchen«, das die La Roche vorgab zu erziehen, wuchs zu einer »fille Phantasque« mit viel Herz und Charakter, zu einer »Seele«. Das ist es, was Lord Rieh am Ende des Romans, als er die Papiere der Sternheim gelesen hat, findet. Lord Rieh redet die Sternheim mit »beste, geliebteste Seele« an und ruft ein andermal mit Entzücken über ihre Aufzeichnungen aus: »O Freund, was für eine Seele malt sich darin!« Die Sternheim überreicht dem entsagenden Lord Rieh schließlich ihre Briefe und das Tagebuch mit den Worten: »Nehmen Sie [. . .], was Sie das Urbild meiner Seele nennen, zum Unterpfand der zärtlichen und reinen Freundschaft!« So stellte dann auch die vielzitierte Rezension von Merck/Goethe das Seelenthema in den Mittelpunkt: Man beurteile kein Buch, sondern eine Menschenseele. Nicht etwa trockene Gelehrsamkeit oder nach künstlichen Regeln der Dichtkunst zusammengetragenes Geschehen - wie etwa die langatmigen Staatsromane des hochberühmten Professors Haller, der in den Göttingischen Anzeigen von Gelehrten Sachen den, wie er meinte, von Wieland stammenden Roman herablassend rezensiert hatte (vgl. in der vorliegenden Ausgabe, S. 366 f.) - bringt dieser Roman einer Frau, sondern die Enthüllung der innersten Seelenvorgänge der Heldin. Dazu spielt die Handlung in der realen Welt der Gegenwart, über deren Hindernisse und Umstände die Heldin dann auch am Ende selbstverständlich triumphiert. Indem die La Roche in der Sternheim eine edle Natur darstellte und so zeigte, was von einer tugendsamen Frau erwartet wurde, war die »schöne Seele« geboren, ein Frauentyp, der als Vorläuferin von Goethes Iphigenie bezeichnet worden ist (Scherer).
Deutete die Idealisierung der Heldin auf die spätere Klassik hin, so wirkte die Psychologisierung auf die junge Generation des Sturm und Drang. Die Selbstdar-stellung einer empfindsamen Seele, die Zergliederung ihrer Gefühle, ihrer bewußten und unbewußten Reaktionen und Intentionen, bedeuteten eine Vertiefung der Romanheldin - Ähnliches läßt sich für die männlichen Hauptfiguren Lord Seymour und Lord Derby sagen -, wie sie bis dahin im deutschen Roman nicht vorhanden waren. Deutlich wird der Abstand zu Gellerts Erfolgsroman, dem Leben der schwedischen Gräfin von G*** (1747-48), in dem eine vergleichsweise hölzerne Figur in der Ich-Form ihr abenteuerliches Leben erzählt. Das Schicksal treibt diese arme, aber adlige und tugendhafte Frau durch fünf Länder und läßt sie nach dem Verzicht ihres zweiten Ehemannes wieder in den Armen des ersten, lange totgeglaubten, rechtmäßigen Besitzers und Gatten enden. Weinen ist die Ausdrucksform der schwedischen Gräfin; Selbstanalyse und psychologisches Einfühlungsvermögen - auch in andere - ist die Ausdrucksform der Sternheim, sie ist eine »ganz neue Gattung von Charakter«, was nicht nur auf ihre moralischen Werte -auch die schwedische Gräfin war tugendhaft -, sondern ebenso auf ihr Erlebnis-, Reflexions- und Ausdrucksvermögen zielte. Als Frau konnte Sophie von La Roche sich viel besser in einen weiblichen Charakter versetzen als Geliert trotz dessen Betreuerrolle für Frauenbriefe und weibliches Publikum; aber die La Roche motivierte auch ihre männlichen Charaktere, vornehmlich Lord Derby durch Eifersucht und Selbstgefälligkeit und Lord Seymour durch Schwermut und Verletzbarkeit, psychologisch glaubhaft und realistisch. Nachahmung der Natur, die Wieland schon an Sophies Schreibart bewundert und gelobt hatte, wurde die Losung der Stürmer und Dränger; die Charaktere der La Roche arbeiteten dieser Forderung vor.
Schon die Zeitgenossen hatten Anklänge an die Brieftechnik der Romane Richardsons und an das Werk Rous-seaus bemerkt; die La Roche jedoch als »Schülerin Richardsons und Rousseaus« (Ridderhoff) zu bezeichnen, übertreibt diese Abhängigkeit. Sicher trägt Lord Derby Züge des auf Verführung besessenen Lovelace in Richardsons Clarissa Harlowe (1748) und des Mr. B. in Pamela (1740). Sicher ähnelt die standhaft-tugendhafte Sternheim in der Grundhaltung der in ihrer Tugend bedrohten Pamela; ebenso hat die Sternheim Ähnlichkeit mit der durch die Verstrickungen des Lovelace getäuschten und zu Fall gebrachten Clarissa. Sicher gibt es in der Handlung ähnliche Motive, wie etwa die Entführung der Heldin durch den intriganten, verschmähten Liebhaber -die Sternheim als Madam Leidens aus dem englischen Park, Pamela auf der versuchten Flucht zu ihren Eltern -oder das Sterben des Bösewichts voll Reue. Statt jedoch die Parallelen in Handlungseinzelheiten und Charakteren festzustellen, sollte auf Richardsons Einfühlung in die weibliche Psychologie hingewiesen werden, eine Darstellungskunst, die erst jetzt wieder an diesem großen englischen Romanautor geschätzt wird. Daneben dürfte Richardsons puritanisches Frauenbild die streng pietistisch erzogene La Roche angeregt haben. Die leidenschaftliche Liebe wird als die Bedrohung der Heldin gesehen, die als Frau die sexuellen Triebe zu kanalisieren und zu sublimieren hat. Damit wird zwar die moralische Überlegenheit der Frau konstatiert, zugleich aber im Sinne der Doppelmoral der Zeit ihr die Verantwortung für die Tugend, besonders im Bereich der Liebe, zugeschoben. Wahrscheinlich hatte die La Roche die Romane Richardsons auf englisch gelesen, wie sie denn berichtet hat, daß ihr Mann gut englisch sprach, eine stattliche Sammlung von englischen Büchern besaß und sie selbst die Monate vor der Geburt ihres ersten Kindes mit dem Erlernen des Englischen und Lesen englischer Bücher verbrachte. Für die Ausarbeitung des zweiten Bandes und den in England spielenden Szenen zog sie einen Reisebericht (John Macky, Journey Through England and Through Scotland, London 1722-23) heran, an dem sie besonders die »leadhills« (Bleygebürge) faszinierten. 1786 konnte sie sogar nach England reisen und ihre Beobachtungen und Erlebnisse in dem Tagebuch einer Reise durch Holland und England (1787) erscheinen lassen. Sophies Anglophilie ist ein Echo auf das Vordringen und die Rezeption der englischen Literatur in Deutschland, vor allem derjenigen Sternes, Thomsons, Youngs und nicht zuletzt Shakespeares. Die moralische Überlegenheit der Sternheim, die von einer englischen Großmutter abstammt, vom Schicksal nach England verschlagen wird und dort mit einem englischen Lord ihr Glück findet, mag die gesunde, moralische Kraft spiegeln, welche das deutsche Bürgertum in England im Gegensatz zum dekadent erscheinenden Frankreich verkörpert sah. Während der Adel noch vielfach Frankreich nachäffte, glaubte das Bürgertum die neue moralische Gesellschaftsordnung, die seinen bürgerlichen Vorstellungen entsprach, in England verwirklicht zu sehen. Spätestens durch Julie Bondeli, der zweiten Verlobten Wielands in Bern, die 1762 mit Sophie in Briefwechsel trat, woraus bald eine enge Freundschaft wurde, lernte die La Roche das Werk Rousseaus kennen. Daß der gefühlsbetonte Stil von dessen Lettres de deux amans (1761; seit 1764 unter dem Titel La Nouvelle Heloise), das Lob des natürlichen Zustandes und des ländlichen Lebens im Contrat social (1762) seine Wirkung auf Sophie nicht verfehlt haben, ist überall im Sternheim-Roman zu erkennen. Im ländlichen Leben des adligen Gutsbesitzers - nicht etwa des einfachen Bauern - findet die Sternheim nach ihren Wanderungen auf dem Landsitz Seymourhouse ihr Ziel und kehrt damit zur Lebensweise ihrer Eltern zurück, nachdem sie von ihren Gütern in das ihr wesensfremde und bald verachtete Hofleben verschlagen worden war. Mit der Hofkritik verbindet sich eine Kritik am Leben des Adels, der nur für die Repräsentation und Scheinwelt des Hofes lebt; doch ist der idealisierte Gegenpol nicht etwa das Bürgertum, sondern der Landadel, dessen moralische Prinzipien allerdings denen des aufgeklärten Bürgertums des 18. Jahrhunderts sehr ähnlich sind: Der Adel einer Person liegt nicht in seiner Geburt und Abstammung, sondern in seinem edlen Charakter und seinem moralischen Handeln, die Tugend ist der wahre Gradmesser des Adels. Mögen auch Hofkritik und Lob des Landlebens wesentliche Komponenten des Werkes sein, so ragt doch der Einfluß Rousseaus auf das Frauenbild in der Sternheim hervor. Rousseau hatte in seinem pädagogischen Roman Emile ou de l'education (1762) auch die Erziehung einer Frau beschrieben, der Frau, die als liebende Gattin für Emile bestimmt ist: Sophie. So ist Sophie als Vorname der Sternheim nicht nur der Name der La Roche - und ein beliebter Mädchenname der Zeit: auch die Heldin von Hermes' Briefroman Sophiens Reise von Memel nach Sachsen, 1770-1772, heißt so -, sondern auch ein bewußter Hinweis auf Rousseaus Sophie. Wenn Sophie von La Roche von Richardson und aus der pietistisch-christlichen Erziehung lernte, daß die Frau verantwortlich für die Unterdrückung der eigenen sexuellen Triebe und deren Sublimierung beim Manne in wahre, dauernde Freundschaft und Liebe in der Ehe war, so lernte sie bei Rousseau, daß der Lebenszweck der Frau darin bestand, dem Manne zu gefallen und daß alle ihre Geistesgaben und Fähigkeiten für ihre Hausfrauen-und Mutterrolle in der patriarchalisch geleiteten Familie, ja Gesellschaft, auszubilden und zu verwenden waren. Aus diesen vielfältigen moralischen Ansprüchen an die Frau, aus den Weiblichkeitskonzeptionen des Männerromans (von Richardson bis Rousseau, von Geliert bis Thümmel und Hermes) und aus einer gehörigen Portion Selbsterhaltungstrieb ließ nun die La Roche ihre Sternheim, ihr »papiernes Mädchen«, erwachsen. Die moralischen Ansprüche an die Frau und die von Männern und für eine patriarchalische Gesellschaft konzipierten Weiblichkeitsvorstellungen gaben den Spielraum ab, in dem die La Roche ihre Sternheim sich bewegen lassen konnte. Trotz dieses festen und engen Rahmens, der vorschrieb, wie eine tugendhafte Frau zu sein hatte und was ihr zu tun erlaubt war, stattete Sophie ihr Phantasiekind erfinderisch mit Betätigungsdrang und Überlebenswillen aus. Dabei galt es, innerhalb des von der patriarchalischen Gesellschaft für eine Frau Erlaubten zu bleiben, ja sogar in diesen engen Grenzen den moralischen Triumph der tugendhaften Frau zu feiern. Hieraus erwächst die Spannung des Romans. Am Ende der einführenden Rahmenerzählung, bevor die Ich-Perspektive mit dem ersten Brief der Sternheim einsetzt, werden wir über den Handlungsablauf und Zweck informiert: »Nun [fängt] der fatale Zeitpunkt an, worin Sie diese liebenswürdigste junge Dame in Schwierigkeiten und Umstände verwickelt sehen werden, die den schönen Plan eines glücklichen Lebens, den sie sich gemacht hatte, auf einmal zerstörten, aber durch die Probe, auf welche sie ihren innerlichen Wert setzten, ihre Geschichte für die Besten unseres Geschlechts lehrreich machen.« Mit den »Besten unseres Geschlechts« ist deutlich das weibliche Zielpublikum angesprochen. Auf diese Funktion des Romans hatte Wieland die La Roche ja immer wieder hingesteuert. Das Romangeschehen verspricht Schwierigkeiten und widrige Umstände für die Heldin und eine Probe, die sie mit Hilfe ihrer inneren Werte bestehen wird. So ist die Sternheim dann am Hofe den Versuchungen eines selbstgefälligen Lebens, den »Fallstricken des Lasters«, ausgesetzt: leeren Vergnügungen, Luxus, Festlichkeiten, Intrigen um Macht und Geld, Spiel, Verführung, sexuellen Reizen. Sie erliegt diesen Versuchungen, weil sie in ihrer Selbstgewißheit und Naivität das leere Hofleben nicht durchschaut, sich scheinbar zum Instrument gebrauchen läßt und damit ihre Tugend gefährdet. Ihre Entscheidung, mit Derby eine geheime Ehe einzugehen und so sich vom Hofe zu entfernen, ist der tiefste Punkt ihrer Täuschung. Unter neuem Namen, als Madam Leidens, entsagt sie allem äußeren Glanz. Sie verzichtet auf die Einnahmen aus ihren Gütern, kehrt nicht auf diese zurück, kleidet sich in »streifige Leinwand«, was wie ein Bußgewand anmutet; sie reflektiert über ihre Verfehlung, bereut, kommt zur Einsicht, und erst nach einer längeren Zeit selbstlosen Handelns für andere erfolgt die Erlösung. Die Entführung in die »Bleygebürge«, ihre mitleiderregende Lage und die wie ein Wunder wirkende Errettung bilden einen letzten Schicksalsschlag, der die Erhöhung und Erlösung unterstreicht, auch wenn diese Entführung mehr eine abenteuerliche und phantasievolle Erfindung, als eine glaubhafte Auseinandersetzung mit realen Zuständen ist. In der Episode in den »Bleygebürgen« kommt der wahre Charakter der Sternheim leuchtend zum Ausdruck, die letzte und schwierigste Prüfung besteht sie glänzend: Sie gewinnt das Vertrauen ihrer Bewacher, erzieht deren Tochter zum Kammermädchen, um dem Elend entkommen zu können, lehrt die armen Tagelöhner, sich in den ihnen gesetzten Grenzen selbst zu helfen, und vertritt sogar die Mutterstelle an dem unehelichen Kind ihres Verführers, nachdem die Mutter der Kleinen in der Gefangenschaft gestorben ist. Der innere Gang der Sophie von Sternheim führt von der Eigenliebe zur Nächstenliebe, von einem ängstlichen Bemühen um die eigene Reinheit und Tugendhaftigkeit zum tätigen Leben, zu einer Tugend, die nicht um ihrer selbst willen, sondern für andere da ist. Das ist ein eminent christliches Thema in protestantischer Deutung. Am Ende kann Lord Rieh die »anbetungswürdige Frau« bewundern, denn sie ist das »echte Urbild des wahren weiblichen Genies und der übenden Tugenden«. Das mag sehr sentimental klingen, aber das »wahre weibliche Genie« der Sternheim ist nicht eine passive, sich selbst genügsame, narzistische »schöne Seele«; ihre Schönheit -ein immer wieder auftauchendes Wort, wenn von den Charaktereigenschaften und vom Wesen der Sternheim die Rede ist - ist eng mit den »übenden Tugenden« verbunden.
Diese »übenden Tugenden« werden erst allmählich entwickelt. Schon am Hofe ist die Sternheim - anders als ihre oberflächliche, intrigante Tante - tätig: sie liest, und als ihr die Bücher weggenommen worden sind, schreibt sie um so fleißiger ihre Briefe; sie macht weibliche Handarbeiten, sie gibt armen Familien Almosen. Doch gerade aus dem Almosengeben entsteht der äußerliche Anlaß ihres Unglücks: Als sie während des Landfestes dem Pfarrer Almosen für die Armen des Dorfes gibt, wird das als Rendezvous mit dem Fürsten gedeutet; und Lord Derby schleicht sich in ihr Vertrauen ein, indem er den Wohltäter der armen Familie spielt, die sie betreut hat. War das Almosengeben ein bequemes Mittel gewesen, ihr Mitleid mit den Armen zu zeigen, so war es doch keine »übende Tugend«. Erst nach ihrer Scheinehe mit Derby und nachdem sie ihn verlassen hat, sieht sie bei ihrer Freundin Emilia einen besseren Weg: in der häuslichen Fürsorge der Emilia für ihre Familie und der Fürsorge von Emilias Mann für seine »armen Pfarrkinder« findet die Sternheim - nunmehr »neugeboren« als Madam Leidens - zur Fürsorge für andere, zur »übenden Tugend«. Mit der Unterstützung der reichen Madam Hills gründet sie ein »Gesindhaus [...], worin arme Mädchen zu guten und geschickten Dienstmädchen erzogen werden«. Dann hilft sie einer verarmten Familie, indem sie deren Kinder unterrichtet, selbst einige Zeit in ihrem Hause lebt und ihnen eine ihren Mitteln angemessene Lebensweise zeigt. In England setzt sie ihre Wohltätigkeit fort, die eben nicht mehr in der einfachen Vergabe von Geld besteht, sondern darin, daß die Sternheim andere ihre Fertigkeiten lehrt, sie berät und auch ihre Arbeitskraft für andere einsetzt. Es sind ganz rudimentäre Anfänge eines Sozialprogramms unter dem Motto: »Hilf anderen, damit sie sich selbst helfen können«. Aus heutiger Sicht mögen diese Aktivitäten der Sternheim widersprüchlich und wirkungslos erscheinen, und man mag der La Roche die fehlende Gesellschaftskritik ankreiden, da sie die Ständeordnung selbst nicht angreift (Dedner, Hohendahl). Statt Gesellschaftskritik präsentiert die La Roche einen Plan zur Verbesserung der sozialen Zustände: eine Gesindeschule, wo sie je nach individueller Eignung junge Mädchen aus dem armen Bürgertum und dem Bauernstande auf einen Beruf, der ihnen einen Lebensunterhalt gewähren würde, vorbereiten will, auf den Beruf des Dienstmädchens, der Köchin, der Kammerzofe. Die La Roche konzipiert hier einen Berufsschultyp für Mädchen aus den ärmsten Schichten (nicht aus dem wohlhabenden Bürgertum), die auf eine Dienstbotenstelle bei einer Bürgers- oder gar Adelsfamilie hofften, um der Landarbeit oder der Ausbeutung in den Manufakturen zu entgehen.
Berufsbildende Schulen gab es im 18. Jahrhundert nicht für Mädchen, die Latein- und Realschulen waren allein den Jungen vorbehalten, ebenso die Universitäten. Die Doktorpromotion der fünfzehnjährigen Professorentochter Dorothea Schlözer im Jahre 1787 sollte als akademisches Novum in Deutschland das fünfzigjährige Bestehen der Universität Göttingen feiern, nicht aber das Frauenstudium befürworten.
1771 gab es, abgesehen von Klosterschulen und privaten Pensionaten für reiche Patrizier- und Adelstöchter, keine öffentlichen Schulen für Mädchen. Bestenfalls besuchten die Mädchen der Mittel- und Unterschichten ein oder zwei Jahre eine Sonntags- oder Katechismusschule, in denen der Katechismus und Lieder auswendig gelernt wurden, manchmal auch das Lesen oder Schreiben -sprich: Buchstabenmalen - und weibliche Handarbeiten gelehrt wurden. Doch trotz der im 18. Jahrhundert eingeführten allgemeinen Schulpflicht schickten die Eltern ihre Töchter meistens nicht in die öffentlichen Schulen, bestenfalls zum Religionsunterricht. Wenn von Schulen und Schulbesuch die Rede ist, so sind es besonders bei den nichtvermögenden Schichten bis auf ganz wenige Ausnahmen ausschließlich Jungen, die diese Schulen besuchen. Die ersten Philanthropine, die zunächst vorwiegend Jungen aufnahmen, wurden erst in den 1780er Jahren gegründet; und diese wollten Kindern des Mittelstandes eine persönliche Bildung und Erziehung, aber keine Berufsausbildung vermitteln. In dem Plan der La Roche zu dem »Gesindhaus« finden sich Anklänge an die Frankeschen Stiftungen in Halle, an das Waisenhaus, wo auch arme Mädchen in Dienstbotenarbeit eingeführt wurden, indem sie diese zugleich für die Anstalten verrichteten. Doch tritt Sophie von La Roche mit ihrem Plan bewußt gegen die im Gefolge Rousseaus allgemein akzeptierten Vorstellungen auf, daß alle Frauen zur Gattin, Hausfrau und Mutter bestimmt seien. In Basedows Methodenbuch für Väter und Mütter (1770) wird das Glück aller Frauen im Ehestand gesehen, andere Ämter könne man den Frauen, so fähig sie auch dazu sein mögen, nicht anvertrauen, die ganze Erziehung der Mädchen müsse auf den Ehestand ausgerichtet sein. Gegen diese Erziehungskonzeption für die Frauen des Bürgertums, die in den folgenden Jahrzehnten für alle Frauen verbindlich, im 19. Jahrhundert das Ideal der deutschen Frau schlechthin werden sollte, macht Sophie von La Roche Unterschiede je nach Stand und Umständen geltend.
Eine Klassenkämpferin oder Kritikerin war die La Roche ebensowenig wie die männlichen Literaten ihrer Zeit, die zwar die Belange des Bürgertums gegenüber dem Adel vertraten, die klein- und nichtbürgerlichen Stände aber kaum je überhaupt wahrnahmen. Die La Roche hat an verschiedenen Stellen in gut beobachteter Beschreibung auf die arme Landbevölkerung - das städtische Milieu kommt in dem Roman nicht vor - hingewiesen und auf die Verpflichtungen der durch das Schicksal Begünstigten für diese Armen aufmerksam gemacht. Das Wahrnehmen ihrer Mitmenschen führt Sternheims »schöne Seele« zum Mitleid, das Mitleid erzeugt dann die wohltätige Handlung, die »übende Tugend«. Die Sternheim kommt zum praktischen Christentum, nicht zu Gesellschaftskritik oder gar Revolution, denn Kampf, Gewalt und Macht sind ihrem Denken fern. Mit der »übenden Tugend« und praktischen Wohltätigkeit schafft die La Roche für ihre Sternheim einen Bereich, der für sie einen Freiraum bedeutet. Um diesen Freiraum zu verstehen, muß die Beschränktheit und Einengung einer Frau in der streng patriarchalischen Ordnung des 18. Jahrhunderts aufgezeigt werden. Für die realen Zustände gibt die Biographie der La Roche schon die wichtigsten Begrenzungen an: Ihre Bildung -abgesehen von häuslichen Fertigkeiten - und damit ihr Wertsystem und ihre Orientierung sind ganz von den Männern ihres Lebens abhängig: vom Vater, den Verlobten Bianconi und Wieland, dem Ehemann und dessen Gönner Stadion, den Pfarrern Brechter und Dumeiz. Die großen und die meisten kleinen Entscheidungen über ihr Leben treffen diese Männer: wen sie heiratet, was sie liest - nur ganz bedingt tut sich hier ein Freiraum auf, wenn sie selbst Bücher wählen, kaum jedoch ohne vorherige Erlaubnis kaufen kann -, wo sie wohnt, mit wem sie verkehrt, wo ihre Kinder erzogen werden. Sie ist immer von der Zustimmung ihrer männlichen Umgebung abhängig, sei es direkt als Erlaubnis oder indirekt als wohlwollende Anerkennung und Billigung ihres Verhaltens, ihres Auftretens, ihres Wesens, ihrer Ansichten. Erst durch ihre schriftstellerische Tätigkeit, vor allem nach dem Erfolg des Sternheim-Romans gewann die La Roche eine gewisse Unabhängigkeit auch gegenüber ihrem Ehemann, der sie gewähren ließ, nachdem die Repräsentationspflichten in Ehrenbreitstein vorüber waren. »Meine Frau Pomona«, schrieb er einmal, »sitzt und brütet an ihren Hirnkindern, chacun à sa marotte!«
In der fiktionalen Welt ihres Romans versuchte die La Roche nun die engen Grenzen der patriarchalischen Gesellschaft etwas zu erweitern und der Heldin einen gewissen Handlungsspielraum zu verschaffen. Sie läßt die Sternheim als Waise auftreten - auch der väterliche Pfarrer stirbt bald, der väterlich gesinnte Onkel ist weit weg in Italien -, die selbst ihren Weg in der höfischen Gesellschaft finden muß und in der wichtigsten Entscheidung - Ehe mit Derby, Verkennen des sie liebenden Mannes Seymour - die Umstände, Personen und ihre eigenen Gefühle falsch einschätzt. Abgesehen von ihrer Tante, einer »bösen Stiefmutter«, sind die wirklich wichtigen Bezugspersonen im ersten Teil drei Männer: der Fürst, dessen Mätresse sie werden soll, den sie aber bürgerlich-tugendhaft verabscheut, Lord Derby, der sie in der Scheinehe betrügt, und Lord Seymour, den sie liebt und schließlich doch heiratet. Der Handlungsspielraum der Sternheim besteht im ersten Teil des Romans lediglich darin, daß sie sich den Ansprüchen, Angeboten, Verlockungen von Männern ausgesetzt sieht, die sie als Frau besitzen wollen, und daß sie als Waise - gegen ihren männlichen Vormund, den Grafen Löbau, und ohne einen väterlich gesinnten Berater - sich für einen dieser Männer entscheidet. Jedenfalls glaubt sie, sie müsse sich für einen entscheiden: Die Heirat soll ihren verloren geglaubten guten Ruf wieder herstellen. Diese selbständige Entscheidung für einen Mann entpuppt sich jedoch als Fehlentscheidung. Die Heirat bringt nicht das erhoffte tugendhafte Leben, den Freiraum für ihre Wohltätigkeit; sie ist dann auch nur eine Scheinehe, die ihr die Augen über sich selbst öffnet, statt sie lebenslang zu fesseln. Mochten auch die männlichen Leser, wenn man den Äußerungen von Lenz oder Herder nachgeht, besonders in der tugendsamen Standhaftigkeit der Sternheim als idealer Frau und Opfer geschwelgt haben, die Stimmen zeitgenössischer Leserinnen zeigen, wie sehr sie sich mit dem Problem der Sternheim identifiziert haben: mit der Heirat die wichtigste Entscheidung über ihr Leben treffen zu müssen. Obwohl die Sternheim nicht in eine Konvenienzehe gezwungen wird, versagt sie trotz aller Tugend in dieser Entscheidung. In der Selbstbetrachtung und in den eingelegten Männerbriefen wird aber ein ganzes Netz von menschlichen und sexuellen Beziehungen zwischen den Geschlechtern bloßgelegt, die für den weiblichen Leserkreis lebenswichtige Beziehungsgeflechte und Spannungen aufdeckten. Im zweiten Teil geht die La Roche sogar so weit, daß sie ein Gespräch der Madam Leidens mit einer Witwe von C. einschaltet, in der die Vor- und Nachteile einer Heirat diskutiert werden. Die Witwe ist, wohlgemerkt, wohlhabend und vor verschiedene Möglichkeiten der Wiederverheiratung, die alle ein angenehmes, standesgemäßes Leben versprechen, gestellt. Diese an die Heiratsdiskussionen in den Romanen der Scudery erinnernde Unterhaltung wurde dann auch von Wieland mit einer entsprechend abwertenden Anmerkung versehen; das Gespräch betont nämlich die Fesseln der Verheiratung und stellt eine Witwe vor, die »von dem ersten Joche so verwundet worden« ist, daß sie eine Wiederverheiratung ablehnt. Dieser etwas unvermittelt eingeschaltete Brief stellt ein Problem in den Raum, das zu der Zeit in Deutschland nicht diskutabel und nicht literaturfähig war: die Ehe als Joch und Leiden aus der Perspektive der Frau. Im zweiten Teil des Romans ist die Romanheldin nicht mehr von Männern oder von Beziehungen zu Männern abhängig. Sie hat die Geschenke Derbys zurückgeschickt, sein Geld zurückgewiesen und ist, ohne eine Spur zu hinterlassen, aus der Gesellschaft verschwunden.
Damit hat die La Roche für ihr Phantasiekind einen Freiraum außerhalb der patriarchalischen Gesellschaft erreicht. Als Madam Leidens hat sie sich nunmehr ganz von Männern und von dem Gedanken an eine Ehe abgewandt und konzentriert sich auf ihre »übenden Tugenden«. Durch diese Erziehungs- und Hilfsarbeiten schafft sie sich ein Betätigungsfeld, wo sie aktiv sein, Gutes tun und selbst Werte schaffen kann. Diese Werte sind nicht die von Reichtum, Besitz oder Macht. Wie das Beispiel ihrer »Gesindschule« zeigt, die sie dann auch in England einrichten soll, sind es mehr als nur ideelle Werte: Es sind soziale Werte in der Gesellschaft. Das Schaffen dieser Werte kann Madam Leidens vollkommen ohne Bevormundung und Inanspruchnahme von Männern - finanziert wird alles von Frauen - betreiben. Madam Leidens lebt und handelt in einem Bezugssystem von Frauen; lediglich der »Prediger B.«, der Mann ihrer Freundin Emilia, fungiert als ein echter Freund und Berater, der sie als autonome Person und als Mensch anerkennt und schätzt, von dem sie aber weder finanziell noch gesellschaftlich abhängig ist. Ansonsten korrespondiert sie mit Emilia, wohnt bei ihr, bei Madam Hills und Lady Summers.
Sie lebt für die sozial Schwachen, für die sie die Pflicht des Wohltuns« übt, die sie als »Macht ihres Herzens« versteht. Diese »Macht ihres Herzens« ist es auch, durch die Madam Leidens Lord Rieh gewinnt, schließlich den bösen Derby zur Reue bewegt und zum Happy-End von dem sie wirklich Liebenden erlöst wird und - sich zur Heirat entschließt.
Sie ist wieder die Sternheim, eine durch »übende Tugend« geläuterte Sternheim, die in die patriarchalische Gesellschaft zurückgekehrt ist, in der aber, so meint die »schöne Seele«, die höfischen Werte von Herrschaft, Macht, Geld außer Kraft gesetzt sind. Wenn wir den überschwenglichen Briefen am Ende des Romans glauben dürfen, so befinden wir uns in einer idealen Gesellschaft der Edlen und Guten, in denen »alle Gesinnungen [der Sternheim] Handlungen werden müssen«. So schließt der Roman nicht einfach mit einer Idylle auf dem Lande, sondern mit der utopischen Vision einer Frau, die die höfisch-männliche Gesellschaft durch eine ländlich-weibliche, was die Werte und Bezugssysteme in dieser Gesellschaft anbetrifft, ersetzt hat. Das »echte Urbild des wahren weiblichen Genies«, das uns die La Roche am Ende des Sternheim-Romans vorstellt, hat nicht die Sublimierung männlicher Sexualität bewirkt, wie Richardsons Frauen es tun mußten, es ist nicht eine ideale Sophie, die wie bei Rousseau dazu da ist, dem Manne zu gefallen, sondern die Sternheim hat eine Gesellschaft auf der Grundlage »übender Tugend« geschaffen. Der Roman endet mit einer weiblichen Utopie.

Texttyp

Epilog
Kurzbiographien