Jenseits des Frühsozialismus

Die Oktoberrevolution war die erste offene Herausforderung an das kapitalistische System in der Phase seiner vollen Ausformung zum Weltsystem am Ende des 19. Jahrhunderts, sowohl Ursache als auch Folge des einsetzenden Erosionsprozesses im einheitlichen politisch-ökonomischen Weltsystem des Kapitalismus. Der historische Prozeß des Sozialismus im 20. Jahrhundert verdankt seine Entstehung vor allem den drei großen Revolutionen — der sozialistischen, der antikolonialistischen und der wissenschaftlich-technologischen. Sie bilden objektiv und subjektiv das latente Potential des Sozialismus. Ob dieses latente Potential genutzt wird, hängt, da der Prozeß des Sozialismus keinen vorherbestimmten Verlauf nimmt, auch von den subjektiven Kräften des Sozialismus ab, vom gesamten politischen und gesellschaftlichen Kräfteverhältnis in den einzelnen Ländern <| und in der Welt.
Die Anatomie der drei Revolutionen deutet, soweit sich das beim heutigen Stand der Erkenntnis beurteilen läßt, darauf hin, daß ihr Verlauf durch Konvergenz gekennzeichnet sein wird. Das schließt keineswegs aus, daß sie unter bestimmten historischen Umständen miteinander in Konflikt geraten. Welches sind die Bedingungen, die eine konflikthafte Situation zwischen den drei Revolutionen herbeiführen können? Technologische Überlegenheit beispielsweise kann eingesetzt werden — und wird auch eingesetzt —, um die eigene Vormachtstellung in den internationalen Beziehungen auf Kosten der wirtschaftlichen und politischen Interessen wie auch der geistig-ideologischen und kulturellen Werte einzelner Völker und nationaler Gemeinschaften aufrechtzuerhalten und zu festigen. Im Namen sozialer Revolutionen kann man versuchen — und in den internationalen Beziehungen wird es versucht —, die nationale Unabhängigkeit und Souveränität einzelner Länder zu untergraben und zu unterdrücken. Die wissenschaftlich-technologische Revolution könnte kaum die Triebkraft eines unbegrenzten materiellen Fortschritts sein, wenn sie nicht mit einem Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse einherginge. Volle nationale Befreiung ist ohne vollkommene materielle und soziale Emanzipation schwer vorstellbar.

Vulgarisierung des Marxismus
Analyse und Projektion des Sozialismus an der Schwelle zum 21. Jahrhundert setzen eine eingehende Untersuchung der möglichen und wahrscheinlichen Entwicklung der frühsozialistischen Gesellschaften und eine kritische Theorie des Sozialismus auf der Basis seiner bisherigen Entwicklung voraus. Der moderne Sozialismus als historischer Prozeß wie als konkrete Ausformung in den Ländern des frühen Sozialismus ist mit all seinen positiven Ergebnissen, seinen Widersprüchen und Fehlschlägen auf einem Niveau des theoretischen und politischen Denkens untersucht worden, das erheblich unter dem der theoretisch-kritischen Erkenntnis der bürgerlichen Gesellschaft liegt, die der Marxismus enthält. Das liegt in erster Linie an der theoretischen Vulgarisierung der Vorstellung von der sozialistischen Revolution. Zum einen wurde der sie' einleitende politische Umsturz mit der Revolution insgesamt gleichgesetzt. Daher wurden und werden allen gesellschaftlichen Prozessen (ihren Formen und Kategorien) nach diesem Umsturz grundsätzlich neue Eigenschaften zugeschrieben, für deren Interpretation die in der marxistischen Kritik der bürgerlichen Gesellschaft entwickelte Theorie als nicht maßgebend betrachtet wurde. Statt von dieser Kritik auszugehen und ihre neuen theoretischen und praktischen Möglichkeiten in den frühsozialistischen Gesellschaften zu entwickeln, setzte man alle Kategorien und Formen als neu an und wies ihnen neue Inhalte zu. Dadurch wurde die Kontinuität mit dem kritischen Denken von Marx, die Kontinuität mit der kritischen Reflexion über den Produktionsprozeß als Waren- und Mehrwertproduktion, als Ausbeutung und Entfremdung unterbrochen.
Diese antihistorische Theorie des Sozialismus hat sich objektiv verfangen in den Fallstricken der Diskontinuität zwischen den Zielen des Sozialismus als historischer Übergangsepoche, in der die materiellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Sozialismus als Gesellschaft der freien Assoziation der Produzenten und der Befreiung der Arbeit geschaffen werden, auf der einen und den konkreten politischen und ökonomischen Systemen auf der anderen Seite. Sie haben, trotz materieller Erfolge, die Entwicklung der sozialistischen Inhalte, die allmähliche Befreiung der Arbeit und die Schaffung einer Gesellschaft der freien Assoziation der Produzenten, objektiv gehemmt. Diese herrschende Theorie und politische Praxis verhinderte in den frühsozialistischen Gesellschaften die Ausbildung eines kritischen theoretischen Bewußtseins. Das aber wäre das Hauptinstrument bei der Suche nach geeigneten Lösungen gewesen. Hier liegt unter anderem die Antwort auf die Frage, wie es möglich war, einzelne politische und ökonomische Systeme in frühsozialistischen Gesellschaften als Verkörperung der Theorie des Sozialismus auszugeben (bis sie nach 1948 offen in Frage gestellt wurden). Daraus erklärt sich auch die Tatsache, daß der reale Prozeß des Sozialismus in den frühsozialistischen Gesellschaften so lange in seinem Anfangstadium verharrte, statt sich rascher in seinen höher entwickelten Formen darzustellen und damit den Schlüssel zum besseren Verständnis seiner eigenen Genese, Gesetzmäßigkeiten, Tendenzen, Widersprüche und Konflikte an die Hand zu geben.

Rückständigkeit des Marxismus
Um Einsichten über die weitere Entwicklung des Sozialismus zu gewinnen, ist auch die Kenntnis der Entwicklung und der Tendenzen des Kapitalismus, vor allem in den Industriestaaten, wichtig. Die hochindustrialisierten Ländern werden nämlich in der weltweiten Entwicklung des Kapitalismus tonangebend bleiben und daher bei wechselseitiger Abhängigkeit und Bedingtheit indirekt auch die Entfaltung der frühsozialistischen Gesellschaften beeinflussen.
Die von Marx und seinen unmittelbaren Nachfolgern überkommene kritische Theorie der bürgerlichen Gesellschaft reicht nicht aus, um die Anatomie der historisch höherentwickelten Formen und Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus heute zu erfassen. Die Hauptschuld der Rückständigkeit der kritischen Analyse der modernen bürgerlichen Gesellschaft tragen die einstigen und jetzigen Anhänger von Marx. Zu der Zeit, als Marx und seine unmittelbaren Nachfolger die kritische Theorie der bürgerlichen Gesellschaft begründeten, waren die modernen Phänomene unbekannt oder noch nicht voll ausgebildet ebenso ihre Gesetzmäßigkeiten, Tendenzen und Widersprüche. Da sich die theoretische Reflexion über die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft und die Möglichkeit, sie im Prozeß des Sozialismus historisch progressiv aufzulösen, ohne Berücksichtigung der historischen Veränderungen entwickelte, fehlte den Theorien, Strategien und politischen Programmen des Sozialismus die historisch notwendige Erkenntnisgrundlage. Dieser Umstand war mitverantwortlich für die ideologische und praktisch-politische Spaltung der potentiellen Kräfte des Sozialismus. In dieser Spaltung gaben die verschiedenen Flügel und Richtungen einseitige, undialektische Antworten auf die Grundfragen, vor allem auf die nach den Voraussetzungen und der Ausgangsbasis des Sozialismus in den historischen Resultaten der bürgerlichen Gesellschaft.
Widersprüche des Fruhsozialismus
Die Analyse des frühen Sozialismus macht überzeugend deutlich, daß Theorie, Strategie und politische Programme auf Grundfragen Antworten gaben, die mit den entscheidend veränderten internen und internationalen Bedingungen nicht übereinstimmten und noch heute nicht übereinstimmen. Die Voraussetzungen des Sozialismus suchte man vor allem in jenen historischen Resultaten der bürgerlichen Gesellschaft, in denen sich die Logik des Kapitals verdichtet hat und die im Grunde ein Hemmnis für die Entwicklung des Sozialismus bilden. Dies gilt vor allem für das Schema der materiellen Entwicklung der Gesellschaft insgesamt (insbesondere für die Art und Weise der Industrialisierung und der Landwirtschaftsentwicklung) und für die daraus resultierenden Zivilisationsmerkmale. Diese schematische Produktionsstruktur und diese sozioökonomische Entwicklung aber bargen den Kern des Kapitalverhältnisses (auf der Grundlage von Staats- oder Gruppeneigentum) in sich und reproduzierten ihn in den Gesellschaften, in denen der Umsturz vollzogen war.
In den frühsozialistischen Gesellschaften unterbrach, verhinderte und verzögerte dieser Widerspruch auf Dauer die Emanzipation der arbeitenden Klassen, indem er ihnen die sozialistische Selbstverwaltung und die dafür unerläßlichen Freiheiten und demokratischen Gesellschaftsformen vorenthielt. Dabei sind, um der historischen Wahrheit gerecht zu werden, die schwierigen Verhältnisse im Innern (die niedrige Entwicklungsstufe der materiellen Produktivkräfte) ebenso zu berücksichtigen wie die internationale Lage (die kapitalistische Einkreisung und langjährige repressive Interventionen verschiedener Art). Auch waren die demokratischen Institutionen und Traditionen und die demokratische Lebensform relativ schwach entwickelt, was sich auf die Emanzipation der arbeitenden Klassen in der Zeit vor dem Umsturz ausgewirkt hatte. Es war die strategische Entscheidung der führenden politischen Kräfte, beim Aufbau des Sozialismus in der Übergangsphase des »revolutionären Etatismus«, in der der Emanzipationsprozeß objektiv unterdrückt wurde, die kapitalistischen Strukturen zu übernehmen und erst nach und nach System und Mechanismus der Befreiung der Arbeit zu entwickeln und die Gesellschaft der freien Assoziation der Produzenten zu schaffen. Um der historischen Wahrheit willen muß indes gleichfalls gesagt werden, daß diese Orientierung sich verfestigte und Jahrzehnte überdauerte. So begannen sich wegen des schweren historischen Erbes und auf seiner Grundlage eine Theorie und Praxis des Sozialismus herauszubilden, die den Vorahnungen von Marx entgegengesetzt waren. Als Folge davon wurden auf der Basis der Theorie des Sozialismus die für das bürokratisch-etatistische Produktions- und Verwaltungssystem charakteristischen sozioökonomischen, politischen und ideologischen Strukturen errichtet. Darin haben sich die gesellschaftlichen Resultate der Produktionsprozesse — Verteilung des Arbeitsprodukts, Akkumulation, Entscheidung über Produktionsbedingungen und -ergebnis-se — abgelagert und immer stärker verdichtet. Hierin sind die kapitalistischen Grundstrukturen in verstaatlichter Form eingegangen. Die kritische Theorie des frühen Sozialismus muß erklären, warum sich die gesellschaftliche Komponente dieser Theorien und dieser konkreten politischökonomischen Systeme als minder fähig erwiesen hat, für die Entwicklung und für qualitative Veränderungen von Lebensweise, Produktion, Verteilung und Verbrauch, für individuelle und kollektive menschliche Freiheiten zu sorgen.
Die geschichtliche Entwicklung des Sozialismus läßt erkennen, daß sich in den frühsozialistischen Gesellschaften immer deutlicher ein Stillstand, ja eine Krise abzeichnet, die nicht nur die Sphäre der Wirtschaft, die Qualität der materiellen Entwicklung und der sozioökonomischen Verhältnisse, sondern alle Lebensbereiche erfaßt hat. Den subjektiven Kräften der frühsozialistischen Gesellschaften drängen sich neue theoretische und politische Antworten auf eine Reihe von, wenn es nicht übertrieben klingt, existentiellen Fragen der Gegenwart wie der absehbaren Zukunft auf .Erstens: Wie und mit welchen politisch-ökonomischen Systemen ist es möglich, den weiteren materiellen Fortschritt zu sichern, und zwar auf einer qualitativen Basis des Wirtschaftslebens, die der der hochindustrialisierten kapitalistischen Länder nicht nachstünde? Wie kann man Anschluß gewinnen und sich an die Spitze der in der wissenschaftlich-technologischen Revolution führenden Länder setzen? Und die zweite, nicht minder wichtige Frage: Wie ist ein dialektisches Verhältnis herzustellen zwischen materiellem Fortschritt und der Entwicklung sozioökonomischer Verhältnisse mit immer reicherem sozialistischem Inhalt? Wie können die Voraussetzungen für die Befreiung der Arbeit und die Bildung der freien Assoziation der Produzenten geschaffen werden? Auf welcher Basis läßt sich eine neue Theorie des Sozialismus begründen, die die Möglichkeit eröffnen würde, andersartige politisch-ökonomische Systeme zu errichten, die menschliche Freiheiten und Demokratie über das Maß hinaus sichern könnten, das sich die Arbeiterklasse in der bürgerlichen Gesellschaft erkämpft hat; die imstande wären, die sozialen, geistigen, kulturellen und moralischen Konsequenzen der wissenschaftlich-technologischen Revolution zu verarbeiten?
Es drängt sich die Frage auf, ob die politisch-ökonomischen Systeme in diesen Ländern ihre positiven Impulse und Potentiale bereits erschöpft haben. Eine neue Suche nach Lösungen, erzwungen oder geplant, ist im Gange. Die Tendenz zu ständiger Reform der ökonomisch-politischen Systeme in diesen Ländern, als Ausdruck eines objektiven und subjektiven Drucks, hängt mit dem Konflikt zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen zusammen, der aus der Entfremdung in den durch Staats- und Gruppeneigentum geprägten Verhältnissen resultiert.
Die bisherige Entwicklung des frühen Sozialismus zeigt, daß der revolutionäre Etatismus, der seine Funktion bei der Eroberung und Konsolidierung der politischen Macht erfüllt hat, seine eigene Überwindung vorsehen muß, um für einen begrenzten Zeitraum weiterwirken zu können. Er könnte die allmähliche Zerstörung der überkommenen Werte der bürgerlichen Gesellschaft einleiten und Raum schaffen für die Entwicklung neuer, sozialistischer sozioökonomischer Verhältnisse. Er würde die gesellschaftlichen Bedingungen für kulturellen Wandel auf der Basis der neuen Produktionsweise des menschlichen Lebens ausbauen, die Befreiung der Arbeit vorantreiben, als einen schon in der historischen Übergangsepoche des Sozialismus objektiv und subjektiv notwendigen Prozeß. Er würde dadurch die unerläßlichen Vorbedingungen sichern für die Schaffung der materiellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Dazu im Gegensatz steht die Trennung des materiellen Fortschritts von der parallellaufenden Entwicklung der sozio-ökonomischen und politischen Befreiung der Arbeit und des Menschen. Es ist das strategische Ziel des Sozialismus an der Schwelle des 21. Jahrhunderts, den Prozeß der Zerstörung der überkommenen und noch bestehenden Art und Weise von Produktion, Verteilung und Konsumption in Gang zu setzen. Und das Ziel dieses Prozesses ist, die Bildung und Reproduktion gesellschaftlicher Gruppen zu verhindern, die durch ihre Macht die sozialistische Umgestaltung blockieren und die Kluft zwischen den sozialistischen Idealen und der politischen Praxis perpetuieren könnten.
Die politischen und wirtschaftlichen Systeme der frühsozialistischen Gesellschaften schufen die materiellen Voraussetzungen für die Entfaltung der materiellen Produktivkräfte, für die Ausbreitung von Bildung und     Kultur unter den Massen, sie sicherten die Bedingungen und weckten das latente Potential des Sozialismus, aber sie verhinderten zugleich, daß es in der Praxis wirksam wurde. Daß dieser Grundwiderspruch in den frühso zialistischen Gesellschaften nicht aufgelöst worden ist (das jugoslawische System der sozialistischen Selbstverwaltung erweist sich, wenngleich es das Erbe des revolutionären Etatismus samt den Ablagerungen eines verkrusteten Bürokratismus noch nicht vollständig beseitigt hat, als am besten geeignet, die revolutionäre Befreiung der Arbeit fortzusetzen, aller Gefährdung durch gelegentliches Wiederaufleben des Etatismus oder der Gruppeneigentumsverhältnisse zum Trotz), wirkt sich auf den gesamten Weltprozeß des Sozialismus zweifach aus. Zum einen verzögert es die revolutionären Prozesse, vor allem in den kapitalistischen Industriestaaten, und zum anderen verhindert es die Entfaltung des in den frühsozialistischen Gesellschaften und in der ganzen Welt vorhandenen historischen Potentials des Sozialismus. Die unaufschiebbare Lösung setzt eine gründliche Analyse der bisherigen Entwicklung voraus, damit diese mit all ihren Irrwegen und Resultaten die objektive und reale Grundlage abgeben könnte für die Eröffnung längerfristiger Zukunftsperspektiven. Dabei muß man sich darüber klar sein, daß unabhängig von seinen unbestreitbaren Erfolgen und ungeachtet seiner unleugbaren Mißerfolge der Sozialismus als Ideal und als Forderung der Menschen nach radikalem Wandel keineswegs von der politischen Bühne der Welt verschwunden ist. Im Gegenteil. Unter dem Druck der in der Arbeiterklasse wie in den anderen arbeitenden Klassen und Schichten erwachsenen starken Triebkräften gibt der Damm der kapitalistischen Produktionsweise immer mehr nach. In dem menschlichen Bedürfnis nach Befreiung, in den Bedürfnissen des Menschen als eines mehrdimensionalen Wesens, vor allem aber in seinem Kampf gegen die Ausbeutung und für die Einführung einer neuen, humaneren Produktionsweise des menschlichen Lebens liegt eine ungeheure historische Energie beschlossen. Diese Energie finden wir in den frühsozialistischen Gesellschaften wie in den kapitalistischen Industriestaaten und in den Ländern der antikolonialen Revolution. Sie ist nicht geschwächt, nicht im luftleeren Raum verpufft, nicht vertan, sondern sie hat, in diesem Jahrhundert durch die Oktoberrevolution in Bewegung gesetzt, in der ersten Phase historisch begrenzte, an den Zielen der Befreiung der Arbeit gemessen, noch bescheidene Ergebnisse erzielt. Aber der größte Teil dieser historischen Energie wächst weiter an, akkumuliert sich und treibt verdeckt oder offen den Sozialismus als Weltprozeß voran.

Logik der Blockpolitik
Betrachtungen über den Sozialismus an der Schwelle zum 21. Jahrhundert sind unmittelbar verknüpft mit den derzeitigen und künftigen internationalen Beziehungen. Diese treten nicht nur als Faktor von Fortschritt oder Verzögerung des historischen Prozesses des Sozialismus insgesamt in Erscheinung, sondern unter anderem auch als Faktor, der von jeher die Entwicklung der sozialistischen Inhalte in den frühsozialistischen Ländern nachhaltig fördert oder verlangsamt. Ich beziehe mich vor allem auf die Blockteilung der Welt und die Blockpolitik. Nach Ansicht vieler Denker sind sie das drastischste Paradox der Nachkriegsepoche, denn sie stehen in krassem Gegensatz zu den humanen Möglichkeiten der Weltgemeinschaft und den tragischen Erfahrungen der großen Kriegskatastrophen. Ungeachtet dessen reproduziert sich jedoch die Blockpolitik und bestimmt in hohem Maße das Schicksal der Menschheit und einzelner Völker, das Schicksal des Kampfes für strukturelle Veränderungen der Gesellschaft und auch das Schicksal der Entwicklung des Sozialismus wie des Kapitalismus.
Die Blöcke und ihre Politik als militärisch-politische, sozioökonomische und ideologische Gebilde, treten in vielfältigen Funktionen auf: im Dienst der Aufteilung der Welt in Interessensphären; der Beschränkung von Unabhängigkeit und Souveränität einzelner Länder; als Instrument, Schwächeren den Willen der Stärkeren aufzuzwingen, und als entscheidender Faktor bei der Zerstörung der dialektischen Beziehungen zwischen allen sozialistischen Kräften in der Welt, ihrer wechselseitigen Interaktionen und Beeinflussungen. Den Blöcken ist eine Politik der Uniformität und der erzwungenen Solidarität der Mitgliedsstaaten immanent, weil hinter ihnen die militärische, politische, wirtschaftliche, ideologische Macht der Supermächte steht. Es handelt sich um entfremdete Macht als Erscheinungsform eingeschränkter Unabhängigkeit, die sich in der Außenpolitik der Mitgliedsländer ebenso manifestiert wie in der Kontrolle und Beeinflussung ihrer gesellschaftlichen Entwicklung im Innern. Objektiv und subjektiv strebt die Blockpolitik nach universeller gesellschaftlicher, politischer, militärischer, ideologischer und kultureller Uniformität. Auf internationaler Ebene sucht die Blockpolitik ihren Einfluß auf die übrigen, den Blöcken nicht angehörenden Länder auszudehnen. Hindert man sie nicht daran, so tendiert sie dazu, eine bipolare Teilung der Welt durchzusetzen und ihre Ideologien und ihre politisch-ökonomischen Systeme aufzuoktroyieren. Nachhaltig hemmt sie die Emanzipation der Klassen und Völker, den selbständigen und unabhängigen Kampf der Arbeiterklasse und der anderen arbeitenden Klassen für strukturelle Veränderungen der Gesellschaft und für den Sozialismus. Damit erschwert sie zugleich die Entfaltung des Sozialismus, indem sie sein latentes Potential insgesamt ebenso unterdrückt wie die Entstehung einer Vielfalt von Formen und Inhalten, die aus den nationalen Gegebenheiten erwachsen würden.
Unter den konkreten historischen Verhältnissen der Teilung der Welt in zwei militärisch-politische Bündnisse, hinter denen bestimmte gesellschaftliche Kräfte, Klassen und soziale Schichten stehen, ist die Welt indes objektiv gespalten in eine Teil, in dem sich die Ziele des Kapitalismus reproduzieren, und einen, in dem der Sozialismus und sozialistische Inhalte reproduziert werden (was natürlich nicht so zu verstehen ist, als vollziehe sich der historische Prozeß des Sozialismus ausschließlich in den Ländern,  in denen der politische Umsturz stattgefunden hat, also in den frühsozialistischen Gesellschaften).  Unter diesen Umständen bedienen sich die Blöcke der Kräfte des Kapitalismus, um die Entwicklung des Sozialismus  zu beeinträchtigen, während die sozialistischen Kräfte in den frühsozialistischen Gesellschaften als Defensivmittel gegen den Ansturm des Kapitalismus fungieren wie etwa zur Zeit bei der Abwehr des »Kreuzzugs gegen den Kommunismus«, der sich nicht nur gegen die frühsozialistischen Staaten des Warschauer Pakts, sondern gegen alle sozialistisch orientierten Länder richtet und darüber hinaus gegen die Kräfte, die in der kapitalistischen Welt für strukturelle Veränderungen und für den Sozialismus kämpfen. Das Gleichgewicht der militärischen Macht auf möglichst niedriger Ebene bildet unter den derzeitigen Gegebenheiten einen Faktor, der zwei für die internationalen Beziehungen ungünstige Elemente niederhält oder zumindest limitiert, nämlich den Export der Konterrevolution, allerdings auch der Revolution. In diesem Rahmen stimuliert das militärische Gleichgewicht der beiden stärksten Blöcke immer nachdrücklicher jene  Kräfte, die für die Wahrung des Friedens und die Entwicklung der friedlichen Koexistenz der Staaten unabhängig von ihren gesellschaftspolitischen Systemen eintreten. So entstehen optimale Bedingungen für die ungehinderte Entfaltung des Klassenkampfes, des Kampfes für strukturellen Wandel der Gesellschaft und für den Sozialismus, im Einklang mit den gesellschaftlichen Voraussetzungen, dem Verhältnis der Klassen und politischen Kräften in den einzelnen Ländern. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte verfügt die Menschheit über die Mittel zu ihrer eigenen Vernichtung, und erstmals sind die Menschen und Völker, die Arbeiterklasse, die übrigen arbeitenden Klassen und Gesellschaftsschichten und die Klasse der Kapitalisten gezwungen, gemeinsam und gleichberechtigt über das Schicksal der Welt, über Krieg und Frieden zu entscheiden. Zum ersten Mal stellt die Kluft zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern die gesamte ökonomische Reproduktion der Welt in Frage (obwohl sich dieser kritische Punkt noch nicht in voller Schärfe gezeigt hat) und damit den gesellschaftlichen Fortschritt überhaupt. Erstmals sieht sich die Welt Problemen gegenüber, die nur die ganze Weltgemeinschaft mit vereinten Kräften zu meistern vermag, will man nicht den Bestand der Zivilisation im Kapitalismus wie im Sozialismus gefährden. Nie zuvor in ihrer Geschichte war die Menschheit so tief gespalten und zugleich so hochgradig interdependent.
Alle fünf genannten welthistorischen Phänomene — die technologische, die sozialistische und die antikoloniale Revolution, die Blockteilung der Welt und die Blockpolitik wie auch die Vertiefung der Kluft zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern — spiegeln nicht nur das Drama der modernen Zivilisation wider, da sie als einheitlicher, aber auch konflikthafter Prozeß ihren Bestand in Frage stellen, sondern in ihnen manifestiert sich auch das Drama des Sozialismus, seiner konkreten Leistungen wie seiner Inhalte.
Dies sind wahrscheinlich die wichtigsten Fragen, von denen Analyse und Verständnis des Sozialismus an der Schwelle des 21. Jahrhunderts abhängen. Daneben gibt es andere, von denen hier nur einige angeführt werden sollen: Wie lassen sich der unabdingbare Friede und die friedliche Koexistenz der Staaten, ungeachtet ihrer Gesellschaftsordnung, mit dem ungehinderten Klassenkampf, dem Kampf für gesellschaftlichen Wandel und Sozialismus vereinbaren? Wird die kommende kommunistische Zivilisation durch Evolution auf der Basis der vorhergehenden kapitalistischen entstehen, oder wird sie, wie bisher bei radikalen gesellschaftlichen Strukturveränderungen, aus ihren Trümmern hervorgehen? Ist nicht diese zweite Möglichkeit historisch aufgehoben angesichts der Tatsache, daß die Menschheit über die Mittel zu ihrer totalen Vernichtung verfügt und diese Mittel sich im Besitz zweier Großmächte mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung befinden? Wird sich die antikoloniale Revolution in ihrem weiteren Verlauf dem Sozialismus zuwenden, oder wird sie sich mehr auf das bestehende oder auch ein erneuertes System kapitalistischer Verhältnisse stützen? Wird die sozialistische Revolution die Verschiedenheit der Wege zum Sozialismus in Form und Inhalt als legitim, als objektive Gesetzmäßigkeit anerkennen und damit ihre eigene Entstehungsgrundlage verbreitern, oder wird man weiterhin auf den »bewährten einheitlichen« Erfahrungen bestehen und damit den Fortschritt auf dem Weg zum Sozialismus einschränken und verzögern? Ist es realistisch, von den Kommunisten die selbstkritische Einsicht zu erwarten, daß sie im Kampf für den Sozialismus die Demokratie vernachlässigt haben, und von den Sozialdemokraten die kritische Selbsterkenntnis, daß sie im Kampf für den Sozialismus ihn selbst aus den Augen verloren haben? Wird der sozialdemokratische Reformismus in seiner weiteren Entwicklung mit der kapitalistischen Ordnung konvergieren, oder wird er auf einer bestimmten Entwicklungsstufe mit ihr in Konflikt geraten? Stimmt die These, daß die Blockfreienbewegung und ihre Politik über starke Kräfte der Erneuerung verfügt, so daß trotz tiefer Gegensätze keine Gefahr besteht, sie könnte auseinanderbrechen oder an den Rand der traditionellen internationalen Beziehungen gedrängt werden? Ist die Aufhebung der Blockstrukturen eine reale Möglichkeit, und wird sie grundlegende Veränderungen im System der internationalen Beziehungen bewirken? Wird der Nord-Süd-Gegensatz zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern zunehmend an Bedeutung gewinnen oder, in Anbetracht der durch das atomare Gleichgewicht bestimmten Verhältnisse, der Gegensatz zwischen Ost und West? Werden die Verzögerung und der Widerstand gegen die Einführung einer neuen Weltwirtschaftsordnung in absehbarer Zeit eine allgemeine Krise der weltweiten ökonomischen Reproduktion heraufbeschwören? Ist deshalb mit größeren Migrationsbewegungen der Völker in freie Räume zu rechnen, von den dicht besiedelten in bevölkerungsarme Kontinente, Regionen und Länder, oder wird der derzeitige Trend anhalten — der Zustrom von Menschen in die Regionen mit der stärksten Kapitalkonzentration? Die Entspannung, eine bestimmte Auffassung von Entspannung befindet sich in einer Krise; ist die welthistorische Alternative: friedliche Koexistenz der Staaten unabhängig von ihrer Gesellschaftsordnung oder Auflösung der Widersprüche der modernen Welt durch Krieg, real und historisch möglich? Wenn der atomare Weltkrieg in Anbetracht seiner Folgen ausgeschlossen ist, werden dann sogenannte lokale Kriege, ohne Einsatz von Kernwaffen, diese selben Widersprüche auflösen und die internationalen Beziehungen stabilisieren?

Ausblick
Nach den verfügbaren Erkenntnissen über die Gegenwart und die bereits absehbare Zukunft wird sich der Sozialismus an der Schwelle zum 21. Jahrhundert noch größeren Herausforderungen und starkem Druck gegenübersehen, und zwar in erster Linie aufgrund der eigenen Gegebenheiten, aber auch unter dem Einfluß der komplizierten und konfliktträchtigen internationalen Verhältnisse. Verstärkt wird dieser Druck durch die technologische Revolution. Daher spricht man zu Recht vom Drama der frühsozialistischen Gesellschaften und von der unausweichlichen Notwendigkeit, eine neue Phase in ihrer Entwicklung zu planen, Theorie und politische Praxis neu zu gestalten. Diese Wende wird weder leicht noch schmerzlos noch mit einem Schlage vollzogen werden können.
Die Widersprüche der bisherigen Weltgeschichte, die sich im 20. Jahrhundert kumuliert haben, sind im Rahmen der bestehenden Verhältnisse und Werte nicht zu überwinden. Sie erfordern neue Lösungen für die Produktionsformen des menschlichen Lebens in seiner Gesamtheit. Bedenkt man, daß trotz der sozialistischen Revolution die Menschheit noch immer in einem Zeitalter lebt, das im Grunde mit ungebrochener Kraft die Werte der bürgerlichen Zivilisation reproduziert, dann erfordert der weitere welthistorische Entwicklungsprozeß des Sozialismus dringend die Einleitung einer andersartigen Epoche der Reproduktion des menschlichen Lebens. Es geht vor allem um eine neue Lebensqualität, in erster Linie um eine Neubewertung von Sinn und Charakter der Produktion, durch die das uralte Verlangen des Menschen nach Befreiung erfüllt wird. Ohne diesen historischen Prozeß wird die Menschheit im 21. Jahrhundert auf noch tragischere Weise die Antagonismen, vor allem die Klassengegensätze zu spüren bekommen, die sich schon jetzt deutlich manifestieren. Die Zahl derer, die eine Katastrophe ankündigen, ist nicht gering. Und sie denken dabei nicht nur an eine atomare Katastrophe.
Dennoch deuten nicht alle weltweiten Entwicklungstendenzen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und auch nicht alle wahrscheinlichen Tendenzen am Anfang des 21. Jahrhunderts darauf hin, daß die Entwicklung im kommenden Jahrhundert durch eine radikale und universelle Wende gekennzeichnet sein wird. Noch ist nicht das gesamte Potential des Kapitalismus erschöpft, allzu groß sind die Unterschiede zwischen den Regionen und Ländern der Welt. Die moderne beziehungsweise die künftige Produktionsweise auf neuer technologischer Basis hat sich, alles zusammengenommen, noch nicht einmal in der Hälfte der Welt durchgesetzt. Die internationalen Wirtschaftsbeziehungen spiegeln noch immer den Geist des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems wider.
Zugleich aber ist das Bewußtsein der historischen Unausweichlichkeit des Sozialismus als der Übergangsperiode zur neuen Gesellschaft der befreiten Arbeit und des befreiten Menschen lebendig. Und all die mit Ideen und Praxis des Sozialismus verknüpften Schwierigkeiten, Irrwege, Dilemmata und Unbekannten, von denen die Rede gewesen ist, werden auch in Zukunft die Entwicklung des historischen Prozesses des Sozialismus sowenig verhindern können, wie sie das in der Vergangenheit vermochten.

Aus dem Serbokroatischen von Gudrun Krivokapic