Nachwort

»Die Aufhebung der Bürokratie kann nur sein, daß das allgemeine Interesse wirklich und nicht [...] bloß in Gedanken in der Abstraktion zum besonderen Interesse wird, was nur dadurch möglich ist, daß das besondere Interesse wirklich zum allgemeinen wird.«
Karl Marx[1]

Mit der Entfaltung der Warenproduktion zur beherrschenden Produktionsweise verändern sich alle gesellschaftlichen Beziehungen, Glaubensvorstellungen, Werte. »Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, [...] hat kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose >bare Zahlung<. [...] Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst. Sie hat mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.«[2] Die Warenproduktion, als revolutionäres Prinzip gegenüber der feudalen Herrschaft, setzt auf der Ebene des Rechts die freie und gleiche Rechtsperson entsprechend der Struktur abstrakt-allgemeiner Arbeit. Damit sind alle Beziehungen außer jenen des Tauschs zum Unwesentlichen herabgesetzt. Vorkapitalistische Strukturen wie die der Familie verlieren ihre Bedeutung als Gesellschaft konstituierende Einheit. Sie bleiben bestehen als tradierte Lebensformen, die nur pragmatisch begründet werden. So bedeutet die kapitalistische Auflösung der alten Vorstellungen und Illusionen, ihre offenbare Reduktion auf »Geldverhältnisse« und »Interessen«, nicht, daß die Illusionen und alten Legitimationen vergehen; aber sie werden zur Privatreligion. Sie können sich im Alltagsleben erhalten, wo man ihrer bedarf, wo sie individuell psychologische Bedeutung haben. Das gilt auch für die gesellschaftliche Bedeutung der traditionellen Norm des »Weiblichen«. Mit der Integration der Frauen in den außerfamilialen Arbeitsprozeß werden notwendig die traditionalen Elemente ihrer Rolle dem normativjuristischen Kern der bürgerlichen Ordnung angepaßt - der freien und gleichen Rechtsperson, die ihre Haut zu Markte trägt wie alle anderen auch.
Das kulturelle Idealbild der Frau gleicht sich dem des Mannes an, allerdings nicht als Bild des Gewährens und der Fülle, sondern des Leistungsbewußtseins und der kühlen Rechenhaftigkeit. Das Bedrohliche und zugleich Phantastische, das sie einmal im allgemeinen Bewußtsein repräsentierte, soll in der Partnerschaft auf allen Gebieten als gleichwertige Leistungsfähigkeit aller Beteiligten assimiliert werden.
Eine unbewußte Entwertung der Frau verträgt sich durchaus mit der bewußten Betonung partnerschaftlicher Beziehungen.
Charakteristisch für die Beziehungen junger Ehepaare der Mittelschicht ist die zunehmende Klage über mangelnde Aktivität, Kooperation, Initiative der Frauen. Geachtet wird die »starke Frau«, die Perfekte, die Erfolgreiche, die eigentlich niemanden braucht und dieses Moment auch zum Ausdruck zu bringen weiß. Den Repräsentantinnen dieses perfekten Frauentyps gegenüber besteht häufig eine masochistisch-erotische Einstellung. Ihnen gilt die neue Idealisierung der Weiblichkeit.
Angesichts der beiden isolierten Aspekte von Frauenemanzipation - des reformistischen Versuchs, der allein die Integration der Frauen in die bestehenden Strukturen von Arbeit, Arbeitsteilung und seelischer Anpassung sucht, und des rhetorischen Ansatzes, der in autoritärer Weise Bedürfnisse und Arragements der Frauen verurteilt, als seien damit Probleme gelöst - scheint es mir notwendig, die Unangemessenheit, den Überschuß an Bedürfnissen hervorzuheben, die sich zu einem großen Teil für politische Strategien überhaupt als unbrauchbar erweisen. Das Bedürfnis der Frauen nach Glück ohne Arbeit, nach dem, was allen gleichermaßen als parasitär erscheint, der Macht, selbst Allmacht ohne Leistung, der narzißtischen Lust an körperlicher Schönheit, nach Verwandlung, die Gier nach Bewunderung lassen sich nicht einfach als Deformation der »eigentlichen Frau« beschreiben, die aus mangelnder beruflicher Autonomie oder männlicher Herrschaft resultiert. Frauen artikulieren ein gesellschaftliches Bedürfnis: nach Schicksal, nach Schönheit, nach Stil, nach Ironie, Bedürfnisse, die im alltäglichen Leben nicht befriedigt, die aber auch nicht aufgegeben werden können.[3]
Die Antwort auf den realen Mangel ist der Erwerb von Zeichen: Zeichen der Jugend, der erfolgreichen Feminität, der Macht und des Reichtums. Der Erwerb eines Kleides, einer »Einrichtung« ist die Antwort auf die Wünsche nach Weiblichkeit und Modernität. Die Waren werden von den Frauen mit ihren Träumen ausgestattet. Der Gebrauch dieser Zeichen besteht im Gesehenwerden, in der Konstruktion einer Person in den Augen der anderen. Die weibliche Imagination ist in ihrer utopischen und zugleich regressiven Form kulturindustriell kanalisierbar; sie bleibt in ihrem Kontrast zur Realität und den beschränkten Ressourcen untüchtig und unentwickelt. Das weibliche Bewußtsein bleibt regressiv auf die romantische Illusion fixiert.
»Zurschaustellung und halluzinatorische Wunscherfüllung« - die verselbständigten Strategien kennen nur die Kritik an den »kleinen Ausschmückungen«, den mehr oder weniger hilflosen Versuchen, Sinn und Bedeutsamkeit zu produzieren und darzustellen. Aber nicht nur schminken sich die Frauen, sie erliegen auch weiterhin den Versuchungen der Mode und, im Bereich der Kulturindustrie, der Personalisierung, den Ideologien der Liebe und dem Terror der Schlankheit; ihr Interesse gilt Amouren und Königshäusern. Dieses Verhalten hat einen negativen Aspekt (Konformismus) und einen positiven (Phantasie, Fähigkeit zur ästhetischen Anordnung). Bedürfnisorientierung und Ichschwäche; Unbehagen, Protest, vegetative Störungen, Angst vor Erfolg und imaginative Besetzung des Alltagslebens; Bedürfnisse nach Kommunikation und Öffentlichkeit, nach Selbstdarstellung, die sich in Mode kanalisieren; Aufrechterhaltung romantischer Illusion mit allen Schwächen des Selbstbetrugs und der Fixierung auf die Zeichen des Konsums und des Luxus sind widersprüchliche Kennzeichen - es sind die ambivalenten Reaktionen der Frauen (die sich, je nach Ressourcen schichtspezifisch ausprägen). Diese Bewußtseinsformen und Reaktionen sind zum Sozialcharakter verfestigt. Produktivkräfte, die aus der weiblichen Produktionsweise hervorgehen, haben ein Eigengewicht auch unter heutigen Bedingungen, auch wenn sie abgespalten sind von den fortgeschrittensten technischen Mitteln und arbeitsteiligen Formen der Kooperation - ohne daß sich dieses Moment in seiner Isolation entwickeln könnte. Bedürfnisdis-Positionen, die romantisch-utopisch-privatistisch formuliert werden, haben selten die Chance, sich mit praktischen Erfordernissen zu verbinden und aus ihrer Abgespaltenheit herauszukommen. »Die Tatsache, daß diese Interessen sich als gesellschaftliche nur durch das Nadelöhr der Verwertung der Ware Arbeitskraft realisieren können, macht sie zunächst zu bloßen Objekten anderer Interessen. [...] In dieser Eigenschaft, als außerökonomische Interessen, sind sie gerade in den verbotenen Zonen der Phantasie, unterhalb der Tabus, als Stereotypen [...] nicht assimilierbar. Sie haben in dieser Hinsicht zwei Eigenschaften: sie sind in ihrer defensiven Einstellung gegenüber der Gesellschaft, in ihrem Konservativismus und in ihrer subkulturellen Ausprägung wiederum bloße Objekte, gleichzeitig aber der Block des wirklichen Lebens, das gegen das Verwertungsinteresse steht.«[4]
Das bedürfnisorientierte Denken und Handeln der Frauen muß angesichts seiner objektiven Schwächen sowohl gegenüber der entwickelteren Welt der Wertabstraktion (Beruf, Warenwelt) als auch gegenüber den weiblichen Produktionsverhältnissen (Familienstruktur, Mangel an Ressourcen) Mechanismen der Verteidigung entwickeln, die der Abwehr von Angst dienen: die Betonung der Symbole konkretistischen Denkens und Handelns, die Beschäftigung mit Unbegrifflichem, Wirklichem, die Suche nach dem »Leben«, den Versuch, die Furcht vor der Welt der Erfolgreichen im Bescheidenen, Soliden, Zuverlässigen zu vergessen; oder die Überkompensation, das Übertönen der Angst durch demonstrative Weiblichkeit, den unruhigen Verbrauch von Beziehungen und Accessoires aller Art; eine andere Möglichkeit ist schließlich die Aufgabe alles konkretistisch bedürfnisorientierten Denkens und Handelns, die Unterdrückung aller dieser Verhaltensmuster und die Unterwerfung unter die traditionell als »Männlich« definierten Modelle strategischen Denkens und Handelns, die Anpassung an zwanghaftes Rivalisieren.
Was zeigt sich? Der Mangel, der im Alltagsleben herrscht, kann nicht einfach in sozialtechnische Entwürfe kanalisiert werden. Der Alltag ist die Sphäre der Relativierungen und Kompromisse, der »Natur« des Menschen, ist die Sphäre, in der das Unvereinbare ineinander übergeht, das Bewußtsein der Widersprüche verschwindet. »Das Verflachende des Alltags in diesem eigentlichsten Sinne des Wortes besteht ja gerade darin: daß der in ihm dahinlebende Mensch sich dieser teils psychologisch, teils pragmatisch bedingten Vermengung todfeindlicher Werte nicht bewußt wird und vor allem: auch gar nicht bewußt werden will, daß er sich vielmehr der Wahl zwischen >Gott< und >Teufel< und der eigenen letzten Entscheidung darüber: welcher der kollidierenden Werte von dem einen und welcher von dem anderen regiert werde, entzieht.«[5] Eben die Inkonsistenz dieses Bewußtseins - das Schwanken zwischen verschiedenen Vorstellungen von dem, was man will, die chaotische Struktur der Präferenzen - ist es, die den Moralisten zur Verzweiflung treibt und zur Erfindung klar strukturierender Eintellungen und entsprechender Organisationsformen veranlaßt. - Aber die klaren Einteilungen, die eindeutigen Kritiken, treffen immer nur den einen Aspekt des Lebens der Frauen. Die Frauen erscheinen nur als Objekt, nur durch Zwänge bestimmt, nur als »Rollenbündel.«

Texttyp

Epilog