Schwarzer Kontinent oder weißer Strand?

Hatte Freud letztlich mit dem, was uns heute wie eine lange Klage gegen die Frau vorkommt, versucht, sich selbst den Prozeß zu machen? Und hat er nicht, ohne es zu wollen, ausschließlich vom Mann und niemals von der Frau gesprochen? Hatte diese Frau als Kehrseite oder Rückseite des Mannes irgend etwas zu tun mit all den Frauen, die Freud während vieler Jahre in seiner täglichen Praxis gesehen und angehört hat? Hat er von diesen Frauen auch nur irgend etwas verstanden? Daran scheint er selbst gezweifelt zu haben, als er zu Marie Bonaparte sagte: »Die große Frage, die nie beantwortet worden ist und die ich trotz dreißig Jahre langen Forschens in der weiblichen Seele nicht habe beantworten können, ist die: »Was will das Weib?«
Trotz allem also, was er immer wieder dazu gesagt hat, fühlte er mit zunehmendem Alter, daß er darin kaum weitergekommen war. Und er zögerte nicht, dies 1925 öffentlich zu bekennen: »Vom Geschlechtsleben des kleinen Mädchens wissen wir weniger als von dem des Knaben. Wir brauchen uns dieser Differenz nicht zu schämen; ist doch auch das Geschlechtsleben des erwachsenen Weibes ein dark continent für die Psychologie.«
Da steht es nun, dieses allen so bekannte, beunruhigende Wort, diese subjektive und dann so subversiv gewordene Aussage. Dieser Kontinent ist ja nur für Freud so »schwarz« (die Dichter haben sehr viel farbiger darüber geschrieben), denn er macht ihm angst, wie alles Unbekannte ihm angst machen konnte. Erinnern wir uns doch an seine Phobie vor Auslandsreisen (die Episode seiner nicht zustande gekommenen Rom-Reise). Was aber ist das gegen die Reise zu jener »Fremden«, die die Frau für den Mann darstellt.? Die Farbe »Schwarz« verweist uns auf die »Nacht« mit all ihren mehr oder weniger erschreckenden TrugbiIdern, ihren bösen Geistern, ihren Todesvisionen, ihren entsetzlichen Alpträumen. In der Nacht kann uns alles zustoßen: Wehrlos sind wir den unsichtbaren Mächten ausgeliefert, die wir bei Tage so leicht abwehren können. Freud enthüllt hier seinen ureigenen Schrecken vor der Frau, den er bis dahin so gut in einer Theorie der Herrschaft verborgen hatte, deren Hauptzweck es war, »sie« beherrscht zu halten was bedeutet, daß seine Vorstellungen von der Frau nicht auf weiblichen Tatsachen, sondern auf männlichen Ängsten beruhten. Er ist nicht der einzige geblieben mit seinen verkürzenden Behauptungen in bezug auf die Frauen. Man erinnere sich nur an das so berühmte »Die Frau ist nicht ganz« von Lacan was uns zeigt, daß auch er voller Furcht war, sie könnte etwa »ganz« sein - diese Frau mit ihrem Bauch voller Verheißungen, während doch der Mann sich für immer als Einheit sieht. Angesichts dieses furchterregenden »Schwarz« wendet sich Freud dem »Weiß« zu, dem unergründlichen Mysterium, dem unenthüllten Geheimnis.[3] Erinnert er sich nicht beim Thema Frau der minoisch-mykenischen Kultur? Durchläuft er nicht die Zeiten nach rückwärts, außer sich vor Furcht, was er entdecken könnte, wenn er sich die Frau, die er täglich vor Augen hatte, nur richtig anschauen wollte? Sobald es um Frauen geht, ist es entweder reine Erfindung oder aber Panik, und Freud wechselt von Schwarz zu Weiß, vom Unausgesprochenen zum Unaussprechlichen: »Alles auf dem Gebiet dieser ersten Mutterbindung erschien mir so schwer analytisch zu erfassen, so verblichen im Laufe der Jahre, schattenhaft, kaum wieder belebbar, als ob es einer besonders unerbittlichen Verdrängung erlegen wäre.«[4]
Aber warum äußert er sich so nur bei den Frauen? Erinnern sich die Männer etwa besser an den Mutterleib und an die Arme, die sie trugen? Die klinische Erfahrung weiß es anders.
Nein, Freud muß die Frau - auch wenn er sie in der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse nicht mehr wie üblich unterschlägt - schlicht auf Distanz halten; im Keller (dunkel) oder auf dem Dachboden (weiß, vom Staub der Jahre) ist sie für ihn immer noch besser aufgehoben als im direkten »Gegenüber«. Denn wie die Gegenüberstellung mit derjenigen bestehen, die er einst angebetet hat, um sie dann zugunsten einer anderen wegzuschieben?

Dieses spezifisch männliche Dilemma hat Freud während langer Jahre an einer Theorie festhalten lassen, die die Frau immer weiter vom Mann entfernt hat.
Ist es der reine Zufall, wenn Freud erst nach dem Tod seiner Mutter (Amalie, die Mutter Freuds, starb nach einem langen Leben erst 1930; er selbst war damals 74 Jahre alt und sollte wenige Jahre später sterben) es erst im Jahre 1932, im Verlauf einer neuen Vorlesung über die weibliche Sexualität endlich wagt, seine Haltung gegenüber der Frau zu ändern und sich neue Fragen über sie zu stellen? Indem er endlich auf den Kampf verzichtet, der sein Leben ausfüllte, das heißt den Kampf gegen die »Mutter« und gegen die »Frau« und indem er aufhört, sich auf die uralten Argumente zu stützen (soziale Inferiorität und familiäre und mütterliche Rolle), löst er sich von seinem Entwurf der weiblichen Sexualität als Erklärung für die Minderwertigkeit der Frau im Patriarchat. Hier also stellen sich die von Freud noch nicht in Angriff genommenen wahren Probleme, denn wenn die Frau nicht mehr als die gesehen wird, die zurückweist, was sie hat, um sich das zu wünschen, was der Mann besitzt - was hat sie dann eigentlich? Und was erlebt sie? Freud gelangt allzu spät zur entscheidenden Frage: Was erlebt das kleine Mädchen im Umgang mit seiner Mutter?
Endlich schaut er sie sich an, die Frau, die er sich lieber nur vorgestellt hatte, statt sie zu sehen, wie sie war: Für diese reale Frau gilt kein einziges der Axiome, die für den Knaben aufgestellt wurden. Insbesondere der Ödipuskomplex, auf dem die ganze männliche Struktur beruht, existiert für sie nicht. Die zentrale Aussage: »... die erste Objektwahl des Kindes sei eine inzestuöse ...«[5]ist nicht anzuwenden auf das Mädchen, das von der gleichgeschlechtlichen Mutter aufgezogen wird.
»Unser Eindruck ist hier, daß unsere Aussagen über den Ödipuskomplex in voller Strenge nur für das männliche Kind passen und daß wir recht darin haben, den Namen Elektra-Komplex abzulehnen, der die Analogie im Verhalten beider Geschlechter betonen will.«[6]
So gesteht Freud sich am Ende seines Lebens ein, daß er nur einen Zipfel, eine Seite des Vorhangs über der Ödipustragödie gelüftet hat: Jokaste und ihre Töchter bleiben im Dunkel, vom Scheinwerfer nicht erfaßt, und Freud hat keine Zeit und auch keinen Mut mehr, das Licht wieder anzuwerfen. Auch nicht, den Sophokles noch einmal zu lesen, der die unterschiedliche Stellung der Mädchen und Knaben herausgearbeitet und das Unglück der als Ob)ekte behandelten Mädchen dargestellt hat, die wegen des Verbrechens ihres Vaters nicht mehr »zu verheiraten« sind:

»Auch um die beiden Söhne sei nicht sehr
Bekümmert, sie sind Männer ...
Doch für die armen Mädchen, denen nie
Ein eigner Tisch gedeckt war ohne mich,
Sei stets besorgt...«[7]

Wenn Sophokles einen Unterschied aufgezeigt hat, erwies Freud sich außerstande, ihn richtig zu erklären, und so kommt er zu dem Schluß: »Im ganzen muß man aber zugestehen, daß unsere Einsichten in diese Entwicklungsvorgänge beim Mädchen unbefriedigend, lücken- und schattenhaft sind.«[8]
Unsere Überraschung ist groß: spricht hier derselbe Mann, dem es so sehr darauf ankam, die Ausgangssymmetrie zwischen Mädchen und Knaben herzustellen. Er erkennt also einerseits an, daß es eine Symmetrie zwischen den Geschlechtern nicht gibt, um dann einzugestehen, daß er über die Entwicklung des kleinen Mädchens nichts weiß. Aufgrund dieser beiden Feststellungen fragt er sich:

»Eine weitere Frage lautet: Was verlangt das kleine Mädchen von der Mutter? Welcher Art sind seine Sexualziele in jener Zeit der ausschließlichen Mutterbindung?«[9]
»Die Phase der ausschließlichen Mutterbindung, die präödipal genannt werden kann, beansprucht also beim Weib eine weitaus größere Bedeutung, als ihr beim Mann zukommen kann.«[10]
»Der Ödipuskomplex des kleinen Mädchens birgt ein Problem mehr als der des Knaben. Die Mutter war anfänglich beiden das erste Objekt, wir haben uns nicht zu verwundern, wenn der Knabe es für den Ödipuskomplex beibehält. Aber wie kommt das Mädchen dazu, es aufzugeben und dafür den Vater zum Objekt zu nehmen?«[11]
»Anders für das kleine Mädchen. Ihr erstes Objekt war doch die Mutter. Wie findet- sie den Weg zum Vater? Wie, wann und warum macht sie sich von der Mutter los?«[12] Da haben wir also plötzlich die Fragen und damit freie Bahn für die Nachfolger Freuds.
»Endlich bin ich nicht mehr allein, eine Schar von eifrigen Mtarbeitern ist bereit, sich auch das Unfertige, unsicher Erkannte zunutze zu machen...«[13]

Wenn für Freud irgend etwas »unsicher Erkanntes« geblieben ist, dann die Entwicklung des Mädchens zur Frau; wenn er auf irgend etwas ruhelos und immer wieder sich selbst korrigierend zurückgekommen ist, dann war es die weibliche Sexualität. Aber zu glauben, daß seine Nachfolger sich »das Unfertige zunutze machen« und insbesondere der Frau den ihr gebührenden sexuellen Status wiedergeben würden, war reine Utopie in einer so stark von der Männer-Macht geprägten Gesellschaft. Was folgte, war noch schlimmer als der Anfang; statt die Befunde über das kleine Mädchen in Frage zu. stellen, hat man noch intensiver darauf beharrt. Der Penisneid nahm seinen Lauf, bis die Frau schließlich nur noch auf dieses übergroße Neidgefühl reduziert war:

»All ihr Träumen kreist um diesen plötzlich aufgetauchten »kleinen anderen« den Bruder, und das Wesentliche dieses kleinen anderen ist der Phallus.«[14]
»Eine Frau wird Mutter, um diesen Penisneid umzusetzen, und der einzige Wunsch der Mutter ist es, Mutter zu bleiben... Für eine Frau verblaßt jeder andere Ersatz vor der Gleichsetzung Penis = Kind.«[15]

Wieder also diese Gleichsetzung, die nicht neu ist, denn sie war schon von Freud aufgestellt worden: Penis = Kind. Das paßt offenbar noch immer am besten ins männliche Konzept, auch wenn die Frauen zu solchen Reden seit kurzem das Gesicht verziehen. Die Männer halten klar an ihren eigenen Wünschen fest: Wir sollen auf die »Mutterschaft« festgelegt und damit formell von jedem anderen Bereich wie »Kultur« oder »Sublimierung« ausgeschlossen werden. Da tut sich der Mann keinerlei Zwang an und sagt ohne Umschweife:

»Die Frage nach dem Sinn und nach der Bedeutung des Lebens ist eine männliche Frage. Die Frau wird von dieser Frage nicht umgetrieben.«[16]
»Es gibt nun Frauen, vom Wesen der Dinge ausgeschlossen, welches auch das Wesen der Worte ist ... Sie wissen einfach nicht, was sie sagen, das ist der ganze Unterschied zwischen ihnen und mir.«[17]
»Die Frau verkörpert die allgemeine Kastration, die das Lebewesen durch die Sprache erfährt; als penisloses Mangel geschöpft verkörpert sie vollkommenen Sprachverlust.«[18] Sofern das Lesen uns als einer der Wege zur Sublimierung nicht verboten ist, können wir lesen:
»Wenn die Frauen etwas wissen, hat die Psychoanalyse dann irgend etwas mit dem, zu schaffen, was sie etwa wissen?«[19]

Die Eifersucht auf die »Mutterschaft« hat den männlichen Psychoanalytiker auf seinen Irrweg geführt. Der Uterusneid hat ihn blind und taub gemacht für jede Logik. Aber unter Freuds Nachfolgern hat es ja auch Frauen gegeben, und er hatte sie zur Stellungnahme aufgefordert. Hatte er nicht Marie Bonaparte gefragt: »Was will das Weib?« Und hatte er nicht bei der Erörterung der Mutter-Tochter-Beziehung und ihrer Wiederholung in der Übertragung geschrieben:

»Es scheint wirklich, daß weibliche Analytiker, wie Jeanne Lampl-de Groot und Helene Deutsch, diese Tatbestände leichter und deutlicher wahrnehmen konnten«?[20]

Was ist aus diesen weiblichen Analytikern geworden, wie haben sie sich zu den männlichen Aussagen gestellt? Sie haben sich fast nahtlos den Ideen des Mannes angeschlossen; sie haben so getan, als ob sie an dieses Penisüberbleibsel glaubten und an diesen »Penisneid«. Sie haben das gemimt, was der Mann von ihnen erwartete. So sollte eine Helene Deutsch uns belehren: »Der Verzicht ist typisch weiblich.« Eine Marie Bonaparte nahm sich ganz besonders jenes angeblich so »temporären« Organs, der Klitoris, an, auf das die Frau trotz aller möglicherweise auftauchenden Schwierigkeiten verzichten »sollte«. Eine Jeanne Lampl-de Groot war zur Stelle mit der Aussage: »Die weibliche Liebe ist passiv«, und Ruth Mack Brunswick sollte wenig später die Idee Freuds wiederaufnehmen:

»Zu Beginn seines sexuellen Lebens ist das kleine Mädchen in all seinem Sinnen und Trachten ein kleiner Junge.«[21]

Warum nur haben alle diese weibllchen Analytiker in der Nachfolge Freuds den Irrtum über die weibliche Sexualität nicht korrigiert, wo doch Freud gerade auf sie gehofft hatte für den Entwurf einer anderen Theorie, die der Frau besser gerecht würde? Das mag uns gewiß befremden, doch wir können uns auch sagen, daß es zweifellos schwer war, Tochter eines in Sachen »Frau« so wechselhaften Vaters wie Freud zu sein ... Denn all dies kam ja erst sehr spät, nach Behauptungen, die keinen Widerspruch duldeten, nach so erstaunlichen Beweisführungen, daß die Frauen (selbst Analytikerinnen) in ihrer Verblüffung und ihrem Schrecken über ein solches Schicksal einfach verstummten. Verlangt man denn von einem, den man gerade geköpft hat, er möge noch seinen Namen rufen? Das ungefähr hat Freud von seinen Zeitgenossinnen verlangt. Daß Freud an seinem Lebensende dem Vogel die Freiheit gewähren wollte, ist evident. Die Feministinnen werfen ihm jedoch vor, dem Vogel zuvor sorgfältig alles gestutzt zu haben, womit man fliegen kann. Und will uns Lacan nicht auch dann noch das Wort rauben, wenn er sagt, wir wüßten nicht, was wir sagen? Die männlichen Psychoanalytiker haben es nie als Raub betrachtet, wenn sie uns das Wort nahmen und es für das ihre ausgaben. Da sie das taten, haben sie an unserer Stelle gesprochen und uns mit unserem Wort auch unsere Sexualität geraubt, die sie in den Rahmen ihrer Männerphantasien zwängten. Auch wenn Freud diese von ihm selbst gestellte Falle erkannt hat, hat dies nicht verhindern können, daß die einmal von ihm eingeschlagene Richtung fortgesetzt wurde, denn nach Freuds Tod wurde nur das aufgegriffen, was er selbst in aller Breite ausgeführt und manchmal ohne rechte Grundlage für gültig gehalten hatte. Die Psychoanalyse hat nicht aufgehört, sich männlich zu verstehen und auszudrücken, und das in einer Sprache, die sich immer mehr von ihrem Schöpfer entfernt. Man könnte glauben, ihr Gegenstand sei so explosiv, daß alles darangesetzt werden muß, ihn hinter den unüberwindlichen Barrieren einer hermetischen Sprache zu verbergen: dabei kommt es manchmal sogar vor, daß die Existenz »weiblicher« Wesen buchstäblich mit einem Federstrich getilgt wird! Wissen Sie, daß einer dieser Psychoanalytiker geschrieben hat: »Die Frau existiert nicht« und daß er »Die Frau« nur deshalb so gern schreibt, weil es ihm Lust bereitet, jenes Die durchzustreichen, durch das wir dem weiblichen Geschlecht zugehören? Und dies unter dem Vorwand, dieses Geschlecht habe kein Recht auf das Wort...[22] Demgegenüber könnte eine Frau sich heute an Freud wenden und ihm sagen:

Lieber Sigmund Freud,
ich schreibe Ihnen, um Ihnen mitzuteilen, daß seit Ihrem Verschwinden die meisten Ihrer Nachfolger es versäumt haben, Ihre letzten Eingebungen aufzunehmen, und daß Ihre allerletzten Überlegungen auf den Dachboden der Psychoanalyse verbannt wurden, wo ich jetzt inmitten Ihrer ausgebreiteten Schriften sitze. In diesem Augenblick lese ich gerade Ihre letzte Vorlesung über die weibliche Sexualität von 1932, und ich bin hingerissen von der Neuheit Ihrer Fragestellungen im Vergleich zu dem wiederkäuenden psychoanalytischen Geschwätz, das wir gewohnt sind. Ich merke jetzt, daß Sie uns kleine weiße Steine auf den Weg gelegt haben, die uns ins Haus des Vaters hätten führen können, statt dessen lassen wir uns verschlingen von dem sexistisch männlichen Menschenfresser, der es nie für nötig gehalten hat, Ihre letzte Warnung zu berücksichtigen, und der es in seinem Interesse vorgezogen hat, den ersten Teil Ihrer Forschung gegen uns zu verwenden, der von unserer angeblichen sexuellen Minderwenigkeit handelt. Droht uns der Mann nicht regelmäßig, wenn er in Wut gerät, er werde uns »zu unserer Mutter«, zurückschicken, niemals aber »zu unserem Vater«? Wir haben ja tatsächlich niemals mit diesem Vater gelebt, auch wenn er die Wohnung mit uns teilte... Und unsere erste Bleibe ist immer die bei unserer Mutter: hatten Sie uns doch erklärt, warum gerade dies unsere Tiefenpersönlichkeit prägt und vielleicht unseren künftigen Gefährten befremden kann. »Er sollte die Vaterbeziehung erben, und in Wirklichkeit erbt er die Mutterbeziehung.«[23]Dieser ersten Bleibe haben Sie sogar einen Namen gegeben: das »Präödipale«. Aber gerade das haben Ihre Nachfolger nur dazu benutzt, uns noch viel heftiger vorzuwerfen, daß wir im maskulin-ödipalen Haus eben keine Heimat hätten - wodurch wir dann tatsächlich von vielem ausgeschlossen wurden. Kann man sich nicht vorstellen, daß Sie unser Präödipales, falls Sie heute zurück kämen, mit der gleichen Energie verteidigen würden, die Ihre Nachfolger aufwenden, um uns unseren Ödipusmangel vorzuwerfen? Vielleicht ist Ihnen nicht bekannt, daß eben jetzt bei den Frauen die Idee Gestalt annimmt, der Mann könne vom Uterusneid besessen sein, der die Wurzel all seiner Eifersucht, seines hartnäckigen Krieges gegen das weibliche Geschlecht und seiner Kampagne für das Kind sein könnte. Außerdem ist zu sagen, daß der Penisneid in Frage gestellt ist, denn die Frau unserer Zeit verzichtet häufig auf das Kind, um sich anderen Betätigungen zuzuwenden. Sind diese Tätigkeiten auch Penisneid? Eine Menge neuer Probleme ist hier zu untersuchen, und es sieht so aus, als ob das »Unbehagen in der Kultur«, heute der Frage gilt, wie Raum für das Kind geschaffen werden kann, denn der Geburtenrückgang beginnt unsere Regierungen stark zu beunruhigen ...

So ungefähr könnte eine Frau heute an Freud schreiben, vorausgesetzt, sie hat sich vom Haß der Feministinnen auf diesen Mann nicht beirren lassen. Denn nicht so sehr ihm sollten wir zürnen, sondern seinen Nachfolgern. Sie haben ihn verraten, indem sie - Männer wie Frauen - das alte sexistische Lied vom Schrumpfpenis und von der weiblichen Minderwertigkeit weiter gesungen haben. In psychoanalytischen Kreisen wird um den Penisneid weiter gestritten, wobei sich die Männer stets unvergleichlich besser amüsieren als die Frauen, die gute Miene zum bösen Spiel machen, aus lauter Angst, bei Verletzung der Regeln (die nicht die ihren sind) ausgeschlossen zu werden. Offenbar ist seit einiger Zeit der Masochismus bei den Frauen nicht mehr gefragt. Sie verlangen andere Spiele mit anderen Regeln, die nicht mehr automatisch den männlichen Penis als Einsatz fordern. Hat nicht schließlich Freud selbst die unterschwelligen Regeln einer Vielzahl von Spielen aufgedeckt, die wir bis dahin in aller Unschuld gespielt haben? Ist nicht eins der bekanntesten das Diabolo-Spiel - [24] (das Kind symbolisiert die Abwesenheit der Mutter durch ein Objekt, das es von sich entfernt, um es im nächsten Moment zurückzuholen)? Oder der Versprecher (unser Mund überlistet uns und sagt das, was wir eigentlich denken und was nicht gesagt werden sollte); ganz zu schweigen vom Spiel der Träume (die Nacht ist voller Schabernack, voller Gaukeleien, voller Vertauschungen. und Toter, die wieder auferstehen). Könnte man nicht bei gründlichem Wiederlesen der letzten Schriften Freuds die Einsatzregeln finden, die das Spiel (das Ich) der Frau bestimmen?[25] Gibt es nicht in der Abhandlung über »Die Weiblichkeit« (1932) den Hinweis auf eine Art Mutter-Tochter- Spiel: das präödipale weibliche Versteckspiel? Auf welchen Wegen und nach welchen Regeln kommt das kleine Mädchen, aus seinem Schlupfwinkel bei der Mutter hervor? Was hat es von dort aus gesehen? Wechselt es danach hinüber in den Bereich des männlichen Ödipuskomplexes? Spielt es den Ödipus durch mit dem Vater, dem Bruder, dem Freund? Welche Folgen hat dieses lange Verweilen im »schwarzen« Versteck, wie Freud es nannte - oder war das »Schwarz« etwa »weiß«? Kann denn die Frau nach dem Nachweis der fehlenden Symmetrie zwischen den Geschlechtern noch einbezogen werden in den Ödipuskomplex, wie er für den Mann definiert wurde? Wenn ihr inzestuöses Objekt, der Vater, für sie nicht verfügbar ist, wie fixiert sich dann die weibliche Libido in der ersten Zeit? Wenn sie in der Realität keine Möglichkeit zur Fixierung findet, kommt dadurch ihre »Sublimierung« (Umleitung der Libido auf andere Objekte) in Gang? So viele Fragen, die sich uns Psychoanalytikerinnen stellen! Endlich ist dank der Psychoanalytikerinnen unserer Zeit das auf dem Dachboden verwahrte Dossier wieder geöffnet. Jeannine Chasseguet-Smirgel schreibt dazu:

»Man hält jemanden nicht dadurch am Leben, daß man ihn einbalsamiert. Die einzige Weise, Freud unter uns lebendig zu erhalten, besteht darin, seine Entdeckung weiterzuentwickeln, ihre mehr zufälligen Aspekte zu diskutieren und gewisse Punkte mit der Methode zu vertiefen, die er uns hinterlassen hat. Wer frei ist vom Haß und von der Furcht gegenüber einem Toten, muß seine Zeit nicht darauf verwenden, ihm ein Grabmal zu errichten, um seine Manen [26] zu beschwichtigen (und ihn nebenbei unter dem Gewicht des Granits zu ersticken).«[27]

Diese Analytikerin nennt das wahre Problem der Nachfolger Freuds beim Namen: Der Vatermord war, ganz zufällig, Freuds eigenes Problem, und es ist das Problem jedes männlichen Wesens angesichts seines ödipalen Rivalen. (Hierzu sehr aufschlußreich. das Buch von Francois Roustang: Er spricht dort von der »wilden Horde«, die die Analytiker um Freud zu seinen Lebzeiten bildeten.)[28]

Auch die Psychoanalytiker entgehen dem Ödipusgesetz nicht, trotz allem, was sie darüber wissen. Und wie steht es mit den Frauen? Wer hat sie schweigen geheißen? Welche Furcht hat sie gehindert, weiterzugehen - wenn nicht die tausendjährige Angst, das Mißfallen des Mannes zu erregen? Wenn die psychoanalytische Wissenschaft so wenig vorangekommen ist und sich in Wiederholungen erschöpft hat, dann deshalb, weil das Feld der Psychoanalyse in der patriarchalisch-ödipal geprägten Struktur so erlebt wird, daß der Mann sagt: »Ich darf den Vater nicht töten« und die Frau: »Ich darf dem Mann nicht mißfallen ...« Der Mann fürchtet alles von seinesgleichen; die Frau fürchtet alles vom Mann - dort liegt der Unterschied, dort ist das Schweigen beider in ihrem Verhältnis zu Freud vorprogrammiert.
Seit sechzig Jahren stand die Entwicklung der Psychoanalyse unter dem Leitstern: Wie kann man es sagen, ohne den Vater zu übergehen? Im Umfeld von Lacan stoßen wir auf diese Struktur, die die Adepten dieser neuen »Religion« steril macht. Eine Religion, gestiftet von einem neuen »Papst«, der ebenso unangreifbar ist wie Freud zu seiner Zeit. Es scheint, der Vatermythos Ursprung des Gesetzes hat ein zähes Leben!
Vielleicht aber gibt es irgendwo, ganz versteckt in einem Schlupfwinkel eine neue, diesmal präödipale Sprache, die den ödipalen Schiffbruch und die Todeswünsche des Mannes überlebt und die keine Rechnung mit dem Vater (das heißt mit dem Tod) zu begleichen hat, sondern auf das Leben abzielt. Vielleicht ist das die neue Sprache der Frauen? Denn wenn wir auch beim mythischen »Vater« nicht viel zu sagen haben, so bleibt uns doch noch alles zu entdecken bei der wirklichen »Mutter«.
Was treiben wir denn auf diesem »Schwarzen Kontinent«, wohin man uns so lange verbannt hat? Was sehen wir dort? Sind unsere Erinnerungen so »verblichen« durch die Zeit, wie man uns glauben ließ? Und werden wir uns noch lange damit abfinden, Frauen ohne Gedächtnis zu sein, die sich auf einem Kontinent entwickeln, den man nicht beschreiben kann?
Gibt es zwischen dem Weiß des Engels und dem Schwarz der Hexe keine anderen, weiblicheren Tönungen? Das Rot des Blutes, des Gebärens, das Rot des Begehrens und der Liebe?