Zeit und Revolution: Theorien sozialen Wandels in zeitgenössischen feministischen Zukunftsromanen

Die Vorstellungen des 19. Jahrhunderts über die Zeit und das Wesen der Geschichte sind den heutigen großen Wandlungsphasen des 20. Jahrhunderts nicht mehr angemessen. Das hat auch die feministische Theorie beeinflußt. In jüngsten feministischen Science fiction (Marge Piercy: Die Frau am Abgrund der Zeit; Dorothy Bryant: Die Insel der Ata; Mary Staton: Front the Legend of Biel, etc.) und einigen dichterischen Formen feministischer Theorie (Susan Griffin: Woman and Nature; Robin Morgan: »Metaphysical Feminism«, in: Going too Far) entwickelt sich jedoch eine politische Strategie, die auf Hypothesen gründet und sich radikal von denen der letzten Jahrhunderte unterscheidet.[1] Vor dem Hintergrund der modernen Wissenschaftsvorstellungen von der Zeit lösen uns diese Theorien aus der Politik, die lediglich in linearen und kausalen Kategorien dachte. Tatsächlich fordern sie die radikale Abkehr von traditionellen politischen Vorstellungen: Macht, Besitz und Kontrolle.Die drei Hauptprinzipien dieser neuen Politik klingen paradox:

  1. Zeit ist linear und relativ. Da wir in einer linearen Zeit leben, sind wir einer Welt verbunden, die von den Gesetzen der Kausalität, des Dualismus, des Kampfes und der Linearität regiert wird. Doch die relative Wirklichkeit können wir uns genauso zu eigen machen. In dieser Dimension sind Zeit und Raum nicht getrennt, und Zeit/Raum verlaufen in einer Kurve. Daraus ergibt sich, daß wir nicht nur die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit ändern können. Solche Analysen arbeiten mit den Konzepten des Paradoxons, der Synchronizität, der Verantwortung und Verantwortlichkeiten sowie der Transformation.
  2. Obgleich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nebeneinander bestehen und gleichermaßen wirklich in der Gegenwart sind, ist doch der einzige Zeitpunkt, zu dem wirklich etwas geändert werden kann, in der Gegenwart. Paradoxerweise entwickeln sich tiefgriefende soziale Veränderungen als Ergebnis einzelner Entscheidungen von Individuen, die aus der linearen Zeit ins »ewige Jetzt« getreten sind. Doch gleichzeitig geht niemand allein in die neue Welt. Niemand ist voll da, bevor wir nicht alle da sind.
  3. Der Schritt in eine neue utopische Zukunft vollzieht sich, wenn wir gleichzeitig die Verantwortung für unser Leben selbst übernehmen und die Illusion zurücklassen, daß wir irgend etwas kontrollieren können: andere, den Lauf der Geschichte oder die Folgen eigener Handlungen.

Die Grundlagen für diese Theorien erklärt Mary Staton in »The Legend of Biel« so:

Wenn wir auf Zeit die gleichen Prinzipien anwenden wie auf Materie — nämlich daß sie nicht zerstört, sondern nur transformiert werden kann —, dann ergibt sich daraus, daß alle Zeit, die alle Ereignisse enthält, genau jetzt existiert, in der einen oder anderen Form. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind gleichzeitig. (S. 321)

In den Romanen von Bryant, Piercy und Staton existieren die utopischen künftigen Welten gleichzeitig mit der Gegenwart. In Piercys Roman tritt noch eine Dystopie hinzu. Barbarossa, ein Bürger aus Piercys utopischem Mattapoisett erklärt: »Alle Dinge sind ineinander verwoben. Wir sind nur eine mögliche Zukunft... Deine ist ein springender Punkt. Alternative Universen existieren nebeneinander.« Er fährt fort: »An bestimmten Wendepunkten der Geschichte befinden sich verschiedene Kräfte miteinander in Konflikt... Verschiedene Formen von Zukunft sind gleichermaßen oder fast gleichermaßen wahrscheinlich... und das beeinflußt die Gestalt der Zeit.« (S. 239)
Tatsächlich ist die Zeit paradox: Sie ist linear, und sie ist relativ. Linear ausgedrückt ist Piercys Mattapoisett das Ergebnis der zusammengefaßten Entscheidungen gewöhnlicher Leute, die angefangen haben, anders zu leben, und eines dreißigjährigen Kriegs, der in einer Revolution endete. Relativ ausgedrückt, erkennen wir, daß beständig Krieg geführt wird und die Vergangenheit »ein strittiges Gebiet« ist. Die Existenz von Mattapoisett hängt von den »gegenwärtigen« Handlungen der Menschen der »Vergangenheit« ab. Connie ist die Schlüsselfigur für das Überleben der utopischen Zukunft. Sie, eine Chicana, frühere Wohlfahrtsempfängerin, Mutter und zur Zeit in einer Irrenanstalt, ist die Protagonistin der Handlung. Connie nimmt an einem gentechnischen Experiment teil, bei dem die als abweichend definierten Personen zu gehorsamen Konformisten umgepolt werden. Dieses Experiment ist Teil der dystopischen Zukunft und hilft, die Kontinuität zu wahren. Connie gefährdet die »künftige Welt« (die gleichzeitig mit der Gegenwart existiert), als sie die Ärzte tötet, die das Experiment leiten. Wichtig für die Betrachtung von Zeit und Revolution ist dabei die Tatsache, daß sie die Tat nicht begangen haben könnte, hätte sie nicht zuvor Kontakt mit der künftigen Welt aufgenommen.
Dieser Kontakt ergibt bei einer linearen Auffassung von Zeit keinen Sinn, es sei denn, die Handlung wird metaphorisch interpretiert: Wir können keine künftige Welt errichten, bevor wir nicht darin leben, was bedeutet, daß wir sie uns vorstellen und unsere Rechte darauf anmelden müssen. Diese metaphorische Interpretation ergibt sicher einen Sinn in Piercys Roman, während die Handlung bei Staton eher an unsere Buchstabentreue appelliert, um die Vergangenheit zu ändern. In diesem Roman verändert die psychische Begegnung zwischen Biel, einem Pionier des utopischen künftigen Thoacdien, und Howard Scott, einem Astronauten aus einer Zeit, die nur ein klein wenig weiter ist als wir jetzt, den Verlauf der Geschichte Thoacdiens. Nicht Scotts Kultur ändert sich, sondern er selbst: Er stirbt und wird als Thoacdier wiedergeboren. Die Begegnung allerdings verändert die Zukunft (Biels Gegenwart). Scott stirbt an einem Überfluß an Information, während er den von der thoacdischen Kultur hinterlassenen Tonbändern lauscht, Bänder, die die »Legende von Biel« nacherzählen. Und die Legende ist die Geschichte von Biels Treffen mit Scott, eine Begegnung, die Thoacdiens Zivilisation verändert, die aber in linearen Zeitbegriffen unmöglich ist: Das ganze passiert, während Scott den Tonbändern zuhört!
Werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht simultan gesehen, sind sie kreis- oder spiralförmig und die Begriffe, mit denen Änderungen in der Geschichte beschrieben werden, eher mystisch oder philosophisch als politisch. Im Grunde erinnern feministische Science fiction-Romane an T. S. Eliots Vier Quartette: Die »neue Welt« ist gleichzeitig »ein Verständnis für die alte«, und die Entdeckungsreise vollzieht sich in Kreisen:

Wir werden unsere Erkundungen nie beenden
Und das Ende all unseren Erkundens
Wird die Ankunft am Ausgangspunkt sein
Um diesen Platz erstmals zu kennen.[2]

Deshalb also sind Piercys und Bryants Heldinnen verwirrt: Die künftige Welt scheint der vergangenen so ähnlich. Connie beschwert sich: »Bist du sicher, daß wir in die richtige Richtung geschickt wurden? In die Zukunft?« (S. 62) In dem utopischen Roman »The Female Man« beschreibt Joanna Russ Whileaway als »so ländlich, daß man sich manchmal fragt, ob die letzte Errungenschaft uns nicht alle in eine Art Paläolithikum zurückträgt, einen Garten ohne alle Artefakten — höchstens voller Dinge, die wir Wunder nennen würden«.[3]
Eine größere Veränderung in der Thoacdischen Zivilisation stellt sich in dem traumatischen Moment ein, da die Gene Biels sich mit denen Scotts vermischen. Aus der Spannung dieser Verwirrung, der großen Anstrengung, den inneren Aufruhr in den Griff zu bekommen, erwächst Biels Verständnis für die neuen Realitäten, die den Fortschritt der Thoacdischen Gesellschaft einleiten. Solche Prozesse — wie sie auch in den Romanen von Bryant und Piercy beschrieben werden, wo eine Protagonistin sich drastisch ändert, weil sie entweder mit der »vergangenen« oder der »künftigen« Gesellschaft in Kontakt trat — entsprechen den Momenten in einer fruchtbaren Therapie, in denen etwas Neues aus der schöpferischen Begegnung mit vergangenen oder gegenwärtigen Erfahrungen und Einsichten hervortritt.
In der Therapie ändern wir eigentlich die Vergangenheit, indem wir unsere Reaktionen auf ähnliche Situationen in der Gegenwart verändern. Die Vergangenheit wird durch einen Komplex von Handlungen und Erwiderungen »verursacht«. Wir befreien uns aus dem Determinismus der Vergangenheit, wenn unser gegenwärtiges Verständnis uns zu bisher ungewohnten Handlungen befähigt. »So war es ja schon immer«, bestimmt ja nur so lange, »wie es halt ist«, solange wir daran glauben.
Individuell wie auch kollektiv sind wir in unseren Handlungen durch Ereignisse und Verhaltensweisen begrenzt, die tatsächlich in die Gegenwart hineinragen, doch fühlen wir uns eigenartigerweise weniger frei, als wir tatsächlich sind, da wir uns durch den Druck der Geschichte beeinflussen lassen. Doch hat Geschichte an sich keine eigene Existenz. »Geschichte« ist eigentlich nur eine abstrakte Bezeichnung für eine Summe von Entscheidungen und Handlungen von Individuen in der Zeit. Geschichte existiert nicht; es gibt nur Menschen, und Menschen haben ständig die freie Wahl, sich zu verändern. Staton schlägt vor, daß wir in die utopische Zukunft hineinschreiten, indem wir aus den üblichen Konzepten von Zeit und Ursache, die unsere Vorstellungskraft lähmen, heraustreten. Im Thoacdischen Dom findet sich, wie Staton uns sagt, eine Botschaft, die »sich wie eine Hand über die Jahrhunderte der Brutalität hinwegstreckt und sagt: >Nichts davon war notwendig. Komm, vergiß. Komm, beginn von Neuem.<« (S. 35)
Wenn wir die Kausalitätskette sprengen und »von Neuem beginnen«, fühlt sich die neuerworbene Freiheit wie ein Wunder an — vielleicht sind Wunder einfach nur das: eine Befreiung aus der linearen Zeit. In »Woman and Nature« beschreibt Susan Griffin Zeit und Raum als Ellipsen, die zu ihrem Ursprung zurückkehren, und erklärt »Wunder«, die »nicht am Ende« passieren, weil es bei einer Ellipse kein Ende gibt, sondern in der Mitte. »Zeit im Raum«, so erklärt sie, »ist die halbe Note in der Luft, die Viertelnote, die die Erde umspannt. Die Blüte, das Ei,
der aufgehende Teig, die rechte Zeit für die Dinge.« Dies ist Zeit als Prozeß und nicht kontrollierte, lineare, patriarchale Zeit. Prozessuale Zeit enthält das Geheimnis der Wunder. Die neue Zeit ist nicht am Ende eines linearen Fortschritts, sondern im Kern, und sein Raum in der Zeit ist die »richtige Zeit« »jetzt«.
(S. 174) Wir alle haben die Möglichkeit, »vom Rand wegzutreten« und auf uns selbst zurückzufallen, in eine alternative utopische Welt einzutreten, indem wir aus den linearen Vorstellungen von Zeit und Ursache heraustreten und uns in die elliptische Gegenwart unendlicher Möglichkeiten begeben. Ähnlich schreibt
Robin Morgan in »Metaphysical Feminism«:

Wie dir das Gebot der Stunde klarmachen?
Die Hand ausstrecken und flüstern, ja, hier, schreite
über die Schwelle, du fällst nur hin
zum Schwerpunkt deiner Kraft.
Möge dein Fall mit deiner Auferstehung einhergehen. (S. 294)

»Die Insel der Ata« von Dorothy Bryant liefert ein gutes Beispiel für dieses Prinzip. Der Protagonist ist ein erfolgreicher Mann seiner Zeit. Wie der Held in Norman Mailers »Der Amerikanische Traum« ist er ein reicher, berühmter Schriftsteller, ein Chauvinist und ein Mörder. Bryants Protagonist tötet bei einem Autounfall seine Freundin, flüchtet daraufhin und erwacht in Ata, wo er ein langes und erfülltes Leben führt und wie ein Ata zu leben lernt; das heißt, er wird eine abgerundete Persönlichkeit, sanft und feministisch. Eines Tages erwacht er in einem Krankenhausbett und entdeckt, daß nur zwei Wochen seit seinem Autounfall vergangen sind. Alle Beweise und auch die Logik sprechen dafür, daß sein langes Leben in Ata nur ein Traum war, eine Halluzination. Sein Anwalt sagt ihm, daß ihn ein Prozeß wegen Mordes erwartet; daß er aber frei kommen könne, wenn er einfach lüge. So könne er zurück zu seinem »normalen Leben« gehen.
Er weiß nicht, was er tun soll, bis er vor Gericht seine Aussage machen muß. In dem Moment wird ihm klar, daß er die Wahrheit über Ata nur herausfinden kann, wenn er »glaubt... auch wenn es bedeutet, das Leben wegzuwerfen«. Er lacht, da er erkennt, was es bedeutet, ein Ata zu sein, sein altes »erfolgreiches« Leben wäre da »nicht weniger verderblich als ein Gefängnis«, »nicht weniger als Tod« oder lebenslängliche Haft oder die Hinrichtung. Wie ein Ata spricht er die Wahrheit, und der Gerichtssaal füllt sich mit »einem warmen, strahlenden Licht«, und er weiß, daß Ata existiert; er hat es jetzt im Gerichtssaal erschaffen. »Ich war Teil des Lichts, und alle anderen Dinge erstrahlten in dem Licht. Alles war eins und ganz.« Statt auf die Sicherheit seines Kulturkreises zu vertrauen, begibt er sich vom Rand der eigenen Zeit hinweg mitten ins Herz seiner Integrität und lebt als Ata.
Am Schnittpunkt von linearer Zeit und Ewigkeit passieren die Wunder der Schöpfung, denn aus der linearen Zeit herauszutreten, macht uns frei für die Kenntnis ungeahnter Möglichkeiten; die Beschränkung der Freiheit erfordert Entscheidungen. Die Notwendigkeit der Wahl in einer Welt unendlicher Möglichkeiten fordert Vertrauen und Hingabe.
Der Schlüssel liegt in dem berühmten Sprung ins kalte Wasser; revolutionärer Wandel vollzieht sich in diesen Romanen in mystischen oder spirituellen Begriffen wie Wiedergeburt etc. Augustine in Bryants »Insel der Ata« erklärt: »Niemand kann dich hierher bringen (Ata). Du mußt es von ganzem Herzen wünschen.« Staton beschreibt Howard Scott vor dem Thoacdischen Dom stehend, »vor einer unsichtbaren, doch faßbaren Grenze — seine Zeit auf der einen Seite, eine gänzlich neue Zivilisation auf der anderen. Der Mut zur Veränderung war der Schlüssel für die Passage.« Er stirbt und wird als Kind thoacdischer Kultur wiedergeboren, und diese Wiedergeburt ist der metaphorische Akt seiner totalen Aufgabe von Kontrolle. Er weiß nichts über seine Zukunft, außer dem, was er von dem Dom vermutet, er will einfach dort leben.
Die »Revolution«, durch die die thoacdische Kultur sich entfaltete, war »unblutig und gründlich«. Es gab keinen Kampf, keinen Zwang, keinerlei Versuche, die Menschen zu irgend etwas zu bekehren oder den Wandel herbeizuzwingen. Sie schloß nur die gesammelte Transformation zahlloser neugieriger Individuen ein, die gewillt waren, durch die Halle der Tausend Kammern zu schreiten, und so von einfachen zu komplexen Wegen eines Wirklichkeitsverständnisses fanden und zu tieferer Kommunikation gelangten. Davor waren die »Menschenwesen krank«, was durch die »Sprache noch gefördert« wurde.

Tief verborgen im Klang ihrer Worte waren Zweifel und Furcht. Die Wiederholung der Wörter und Sätze verstärkte diese Gefühle nur. Hauptwaffen ihrer Sprache waren Kontrolle und Eigentumsgewalt (über Land, Tiere, Gefährten, Nachkommen, Gefühle, Ideen), wo Kontrolle und Besitz gar nicht möglich waren. (S. 176)

Howard Scott sprengt die Ketten der Zweifel und der Furcht, die sich nur als Druck und Unterdrückung äußern, indem er die Verantwortung für sein Leben übernimmt und die Kontrolle darüber oder über andere Menschen losläßt. Er weigert sich, seinem Befehl zu folgen und den Dom zu verlassen und zu seinem Raumschiff zurückzukehren. Er sagt: »Ihr habt die Kontrolle verloren... Ich bin erwacht.« (S. 61)
Das Konzept der Verantwortung für das eigene Leben und der Aufgabe von Kontrolle hat nichts mit den Dualismusdebatten über individuelle Freiheit und Determinismus zu tun. Paradoxerweise sind wir sowohl frei als auch unterdrückt, und nur wenn wir das Ausmaß unserer Unterdrückung voll anerkennen und gleichzeitig voll verantwortlich aus eigener Kraft handeln, werden sowohl wir als auch unsere Kultur sich verändern. Piercy und Bryant betonen beide die Notwendigkeit, unsere Freiheit voll auszunutzen, indem sie ihre Handlungspersonen in verzweifelten Situationen beschreiben — eine soll in einem psychiatrischen Krankenhaus einer Operation gegen ihren Willen unterzogen werden, die andere ist möglicherweise eine lebenslängliche Gefangene — wo die Freiheit sehr viel mehr beschnitten wird als für die meisten von uns. Doch selbst diese Leute haben die Kraft, einem repressiven System ihre Gefolgschaft zu verweigern und ihr Leben gemäß ihren Träumen zu leben.
Darüber hinaus demonstrieren diese Fälle das Paradoxon von Unabhängigkeit und Interdependenz. Einzeln gehen wir in die neue Welt, doch werden wir diese neue Welt niemals allein bewohnen. Bryant erklärt, wie die Leute nacheinander in Ata aufwachen und die utopische Gesellschaft gemäß dem eigenen Bewußtseinserwachen erleben. Doch gleichzeitig ist es wahr, daß die Ata Teil der menschlichen Rasse und »wir alle verwandt sind... wir müssen sie alle nachziehen, wenn auch nur eine/r von uns dahin gehen soll, wofür wir bestimmt sind. Allein kann niemand gehen; entweder alle oder niemand.« (S. 14) Die revolutionäre Kraft der Ata wächst aus ihrem Leben. Ata und Thoac-dien sind wie Magneten. Nicht Gewalt zieht die Leute an, nur Neugier oder nach den Worten von Howard Scott »der formlose Ausdruck einer Sehnsucht«. (S. 35)
Die Konsequenz aus diesen Vorstellungen über Zeit, Ursache und die Natur sozialen Wandels sind für unsere politischen Theorien gewaltig. Die meisten feministischen Theoriediskussionen befassen sich mit einer Analyse von Ursache und Wirkung. Bei dieser geschichtlich bestimmten Auffassung sind wir alle individuell Opfer der Unterdrückung, bis wir gemeinsam die Wurzel allen Übels ausrotten.
Solchen Kausalanalysen wohnt der Zweifel inne, ob wir die Wurzel des Patriarchats 1. in repressiver Sexualkonditionierung (liberalfeministisch) oder 2. in Klassenunterdrückung (sozialfeministisch) oder 3. in der Biologie oder der Mutterschaft als Institution (radikalfeministisch) sehen. Im Grunde genommen treffen sich all diese unterschiedlichen Anschauungen in einer gemeinsamen Hypothese: Wir brauchen die kritische Masse von Leuten, die mit unserer Hypothese übereinstimmen, um das Übel an der Wurzel zu packen, das für unsere kulturelle und individuelle Unterdrückung verantwortlich ist. Kommt ein solcher Konsens nicht zustande und hält die Unterdrückung unvermindert an, fühlen wir uns ohnmächtig und richten unseren Ärger aufeinander.
Die hier dargestellte Literatur empfiehlt eine politische Praxis, die zugleich einfach und schwer ist. Schwer, weil großes Vertrauen notwendig ist, Integrität und Bescheidenheit, doch ist es viel einfacher als das meiste, was derzeit in der feministischen Praxis geläufig ist. Wenn wir aufhören, die Zeit mit sinnlosen Versuchen zur Kontrolle der Bewegung zu vergeuden oder sozialen Wandel herbeizuführen und uns wirklich auf das eigene Leben, unsere Integrität (die radikale politische Standpunkte und die Arbeit an sozialen Veränderungen durchaus einschließen kann) konzentrieren, dann werden wir die Zeit dafür haben, die wir brauchen. Wir können Veränderungen weder kontrollieren noch herbeizwingen, aber wir können den Sprung wagen, Bürgerinnen einer utopischen Gesellschaft im Wandel zu sein — heute schon. Das Paradox liegt darin, daß wir bei diesem einsamen Schritt in eine neue Welt zu unserer Überraschung — genau wie Statons und Bryants Helden — in einer neuen Gemeinschaft aufwachen, die bereits die ganze Zeit mit der alten in Koexistenz bestand. Nur unser Mißtrauen hat uns die Sicht versperrt.

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