Die jüngste Vergangenheit

Einleitung

Von den ersten Tagen ihrer Besiedlung an haben die europäischen Einwanderer in der Neuen Welt ihre Utopien ausprobiert. Oft haben sie Ideen aus anderen Ländern übernommen. Besonders im 19. Jahrhundert schufen sich die Menschen Orte, an denen sie zielgebundene Gemeinschaften errichten konnten und in denen sie danach trachteten, die politischen, sozialen, religiösen, sexuellen und wirtschaftlichen Ungleichheiten der Welt draußen abzuschaffen. Die Kernfamilie wurde durch eine größere Gruppe abgelöst, die nicht durch Blutsbande, sondern gemeinsame Ideale verbunden war. Manche lehnten auch die Heirat ab. Ob sich die Frauen dort wohler fühlten als zu Hause am heimischen Herd, muß erst noch erforscht werden.
Unter diesen Gemeinschaften fällt die von der Schottin Frances Wright gegründete besonders auf. Ihr Nashoba (das Chicksaw-Indianer-Wort für »Wolf«)[1] in Tennessee entstand ursprünglich aus der Idee der Sklavenbefreiung. Doch wollte Frances Wright, wie Bensman richtig bemerkt, ihr Nashoba nicht als Einzelprojekt sehen. Sie glaubte, daß ihr Plan den friedlichen Übergang zur sklavenlosen Gesellschaft ermöglichte, die jeder Amerikaner anstrebte. So wurden dieser Plan und die Befreiung der amerikanischen Frau, die nach ihrer Ansicht in einem Rechtssystem befangen war, das sie praktisch auch zur Sklavin machte, zu ihrem Lebenswerk.
Genau wie Mary Wollstonecraft war Frances Wright der Auffassung, daß die wahre Freiheit erst dann erreicht sei, wenn alle Menschen die Freiheit hätten, sowohl ihre intellektuellen wie auch ihre körperlichen Fähigkeiten zu entfalten. Das aber, so fühlte sie, würde erst eintreten, wenn man die Familie abschaffte und die Kindererziehung zur Aufgabe aller deklarierte. Wright wollte die Möglichkeit neuer Rollen zwischen Geschlechtern, Rassen und Klassen beweisen.
Auch die bereits früher entstandenen Shakergemeinschaften waren — wie Rohrlich ausführt — gemischtrassig. Doch lebten diese zölibatär. Im Gegensatz dazu gab es in Nashoba schon vor der Sklavenbefreiung sexuelle Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen, Sklaven und Freien. Diese freien und gemischtrassigen Sexualbeziehungen waren auch der Grund, warum Nashoba einen Teil seiner finanziellen Unterstützung verlor. Trotz oder wegen ihrer guten Absichten gerieten die zielgerichteten Gemeinschaften oftmals unter den Druck der Gesamtgesellschaft. Trotzdem blieb Nashoba eines der gewagtesten und mutigsten Experimente des 19. Jahrhunderts. Die etablierten Zeitungen nannten Frances Wright »die große rote Hure«. Für Ehrenreich/English jedoch kam »in der Person von Fanny Wright alles zusammen: Feminismus, Klassenkampf und die verschiedenen sozialen Strömungen der zwanziger und dreißiger Jahre«.[2]
Weitaus bedeutender als die Gleichstellung der Rassen war für die utopischen Denker des 19. Jahrhunderts die Gleichberechtigung der Geschlechter. Und das ist bis zum heutigen Tag so geblieben (wie auch Gearhart in Teil IV ausführt). Einen großen Einfluß übte Wollstonecrafts 1792 in England veröffentlichte »Verteidigung der Rechte der Frauen« aus. Im Schlepptau der Menschenrechte folgten also die Rechte der Frau — zumindest in der Theorie. »Utopische Sozialisten — Anhänger von Owen und Fourier sowie religiöse Gruppen — errichteten Dutzende experimenteller Kommunen, in denen Kommunismus für Frauen-wie Männerarbeit galt. Sie wollten nicht nur die Koch- und Waschküche reformieren, sondern in einigen Fällen auch das Ehebett.[3]
Wer die Hausarbeit tun wird, bleibt auch für uns ein zentrales Problem. Fourier hatte darauf eine zumindest originelle Antwort: Er meinte, Kinder seien ideal dafür — oder wenigstens für Aufräum- und Dreckarbeiten —, liebten sie es doch, mit Schmutz zu spielen. Die meisten von uns trauen sich das nicht. Wir machen es entweder selbst oder beschäftigen andere Frauen dafür. »Um gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft zu werden«, schreibt Dolores Hayden,[4] »müssen Frauen die Geschlechtertrennung bei der Hausarbeit, der privatisierten Wirtschaftsbasis der Hausarbeit, und die räumliche Trennung von Heim und Arbeitsplatz verändern.«
Vor ungefähr einem Jahrhundert schrieb Engels in »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats«, daß »die Befreiung der Frau zur ersten Vorbedingung die Wiedereinführung des ganzen weiblichen Geschlechts in die öffentliche Industrie« hat und dies wiederum die Beseitigung der Kleinfamilie als wirtschaftliche Einheit der Gesellschaft erfordere.[5] Das Gemeinwesen der Frauen in Beiton, Texas, war eine einzigartige Frauengemeinschaft, die einen ersten Schritt in diese Richtung tat. Im kleinen Rahmen warfen diese Frauen die monogame Familie über Bord, indem sie ihre Männer verließen. Sie begründeten dies jedoch religiös und nicht wirtschaftlich, obwohl sie dann schließlich ein Hotel als gewinnträchtiges Unternehmen leiteten.
In ihrem Buch »The Politics of Domesticity« weist Barbara Leslie Epstein nach, daß Frauen und Männer Mitte des 19. Jahrhunderts in verschiedenen kulturellen Welten mit unterschiedlichen Wertvorstellungen lebten.[6] Von daher läßt sich annehmen, daß diese unterschiedlichen moralischen Vorstellungen den Bel-ton-Frauen die Rechtfertigung gaben, sowohl sexuelle Beziehungen mit als auch Geld von ihren unheiligen Gatten abzulehnen. Diese moralischen Grundsätze, das Beispiel anderer zweckgerichteter Gemeinschaften und die Netzwerke der Frauen ermöglichten es den Texanerinnen, aus den üblichen Rollen auszubrechen.
Die frommen Frauen von Beiton bewiesen — wie schon die Beginen vor ihnen und die Arbeiterinnen des 20. Jahrhunderts nach ihnen —, daß Separatismus unter bestimmten Bedingungen durchaus effizient sein kann. Andreadis meint: »... bei Abwesenheit der Männer kann eine zielgerichtete Gemeinschaft den Frauen ein Modell zur erfolgreichen religiösen, wirtschaftlichen und emotionalen Selbstbestimmung liefern.«
Die Mittelschichtsfrauen aus Beiton waren gewillt, jegliche Arbeit auch mit ihren Händen zu verrichten, um unabhängig leben zu können. Daraus geht hervor, daß es nicht allein die Art der Arbeit ist, die über Autonomie entscheidet, sondern daß es auch eine Rolle spielt, wer über Arbeit und Lohn sowie Arbeitsbestimmungen und -bedingungen befindet.
Die Idee, daß Frauen am eigenen Ort, ohne Herrschaft und Entmutigung der Männer, besser klarkommen, spinnt sich ins 20. Jahrhundert hinein. Wir finden diese Idee sowohl in den utopischen Romanen, wie Farley und Gearhart in Teil IV nachweisen, als auch in den Kommune-Experimenten von Frauen (Weinbaum, Teil III). Die Politik des eigenen Orts wurde bislang von den Feministinnen des 20. Jahrhunderts wenig beachtet. Und doch ist die räumliche Unterdrückung Teil der sexuellen und wirtschaftlichen Unterdrückung. Hayden und Wright drücken es so aus-. »Die äußerliche Umgebung strukturiert auch die Arbeit, die wir tun, und sichert den Fortbestand der Geschlechtertrennung bei der Arbeit, sowohl funktional wie ideologisch.«[7] Vorwiegend gestalten Männer die Arbeitsplätze — zumeist hierarchisch. Das Leben zu Hause ist nicht besser strukturiert. Was Frauen nach Hayden und der Stadtplanerin Jacqueline Leavitt brauchen, sind alternative Sozialräume, die die vielfältigen Lebensgewohnheiten, die mittlerweile unsere Realität ausmachen, einbeziehen und die sich auch an unseren unterschiedlichen Bedürfnissen orientieren. Wir brauchen unsere Privatsphäre genauso wie Räume für Gemeinsamkeiten beim Essen, bei der Erholung, in der Betreuung der Kinder und für die Arbeit.[8]
Die Politik eines anderen Raums, nämlich unseres Körpers spielte eine Schlüsselrolle beim Aufbau vieler zielgerichteter Gemeinschaften, wahrscheinlich sogar in allen sozialen Experimenten. Die meisten Utopien wollten die Bedürfnisse des Körpers beschneiden. Sie sehen die Zweierbeziehung als gegen die Gruppe gerichtet und versuchen, Leidenschaft und Liebe auszuschalten. Die Shaker haben die sexuellen Beziehungen ganz und gar abgeschafft, wahrscheinlich um Schwangerschaften auszuschließen. Weil sie ihre sexuellen Verbote religiös begründeten und Sex in ihren Augen die Todsünde aus dem Garten Eden war, wurde ihre Gründerin, Ann Lee, als Hexe angeklagt. Das war eine angesehene Methode der damaligen Gesellschaft, mit andersartigen Frauen oder Genies umzugehen. Im Gegensatz dazu haben die Perfektionisten in Oneida die »besondere Liebe« (was wir wohl romantische Liebe nennen würden) heruntergespielt und statt dessen die »freie Liebe« propagiert, um den Begriff des Gründers, John Humphrey Noyes, zu benutzen.[9]
Während die Shaker die Fortpflanzung durch das Zölibat zu verhindern suchten, praktizierte man in Oneida den coitus reservatus. »Die Wiederherstellung echter Beziehungen zwischen den Geschlechtern steht an zweiter Stelle nach der Aussöhnung des Menschen mit Gott«, postulierte Noyes.[10] Das hinderte ihn aber keineswegs daran, für sich das »Recht der ersten Nacht« in Anspruch zu nehmen. Dieses Recht, das auch von König Gilgamesch im Alten Sumer, den Rittern im Mittelalter und russischen Adeligen sowie einigen kapitalistischen Herren noch im 20. Jahrhundert ausgeübt wurde, paßte so gut in sein System »komplexer Heirat«.
Es fragt sich, weshalb die Shaker überhaupt etwas zusammen taten: mußten doch Frauen und Männer durch verschiedene Türen gehen und an getrennten Tischen essen. Jeglicher physische Kontakt war verboten. Die Antwort liegt darin, daß sie die Arbeit noch immer nach dem Geschlecht verteilten. »... jedem Bruder war eine Schwester zugeordnet, die nach seiner Kleidung schaute, für seine Wäsche sorgte und sie stopfte und auch sonst >ein schwesterliches Auge auf seine Gewohnheiten und Bedürfnisse richtete<. Als Ausgleich leistete der Bruder niedrige Dienste für die Schwester, insbesondere verrichtete er schwere körperliche Arbeit.«[11] Männer in Oneida verrichteten keine der traditionellen Frauenarbeiten, obwohl die Frauen sich die Haare kurz schnitten, »Männerarbeit« leisteten und der Bequemlichkeit halber, und weil es praktisch war, Hosen trugen. Es blieb den Feministinnen des 20. Jahrhunderts überlassen, die Aufhebung der Geschlechtsrollen zu fordern und damit zu experimentieren (siehe Sheer und Weinbaum, Teil III). Das hatten aber auch die Gnostiker schon Jahrhunderte zuvor getan.
In einem Zeitalter, das die Mütterlichkeit in den Himmel hob, waren Separatismus, Zölibat und selbst die »komplexe Heirat« wie in Oneida im 19. Jahrhundert Möglichkeiten, Geburtenkontrolle auszuüben. Es könnte sogar sein, daß dies der Hauptgrund zur Änderung der herkömmlichen Heiratsstruktur war.
In den meisten zielgerichteten Gemeinschaften wurde das Individuum eher eingeschränkt. Doch eine Person wurde fast immer bejubelt: der charismatische Führer, der alle idealisierten Egovorstellungen der Gruppe in sich vereint.[12] Das kann sehr gefährlich werden, besonders wenn ein Mann an der Spitze steht, wie meist der Fall, denn seine Führung symbolisiert eine Rückkehr zum patriarchalen Vater.