Einschaltung über das Geschlechtsproblem
Also noch einmal die Frage: wie weit bestimmt die Geschlechtsdifferenzierung das Wesen und Sein des Einzelnen?
Also noch einmal die Frage: wie weit bestimmt die Geschlechtsdifferenzierung das Wesen und Sein des Einzelnen?
Die ideelle Errungenschaft allgemeinster Art, die aus den Kämpfen der Frauen um die soziale Gleichstellung hervorgegangen ist, läßt sich in den Begriff der freien Selbstbestimmung nach Individualität zusammenfassen. Diese Freiheit, ein schlechtweg höchstes Gut für den Mann wie für die Frau, soweit sie Persönlichkeit sind, teilt allerdings mit dem Begriff der Freiheit an sich die Eigentümlichkeit, daß sie keinen positiven Inhalt besitzt. Sie bedeutet nur Abwesenheit des Zwanges, sie ist Voraussetzung, Bedingung, Möglichkeit für einen Inhalt, der erst in sie hineingetragen werden muß.
Es ist eine im menschlichen Kulturleben allgemeine Erscheinung, daß intellektuelle Erwerbungen den Höhepunkt ihrer schöpferischen Wirkung bald nach der Zeit ihres ersten Auftretens erreichen und dann allmählich in dem Maße an Einfluß verlieren, als sie den nachfolgenden Generationen keine neuen Eindrücke mehr zu bieten haben.
Es ist das tragische Schicksal des Menschen, daß er immer der Sklave seiner eigenen Schöpfungen wird, weil er ihre Folgen nicht im voraus zu erkennen vermag. Und so geschieht es, daß er auch dort, wo er mit seinem Scharfsinn und seiner Erfindungsgabe die elementaren Gewalten, denen er gegenübersteht, in seinen Dienst zwingt, nur wieder unbeherrschbaren Mächten anheimfällt.
Auf den Deckengemälden der sixtinischen Kapelle, jenen Offenbarungen einer höchsten Künstlerseele, treten Adam und Eva in die Welt und werden, wie es nach ihrer Natur geschehen mußte, aus dem Paradiese des ursprünglichen Lebens verstoßen. Aber um sie her reihen sich die Gestalten derjenigen, die dem Menschen einen Weg in ein anderes Paradies bahnen wollen, Sibyllen und Propheten, die Verkündiger seiner Zukunft, die Lehrer und Pfadfinder eines erhöhten Lebens.
Es ist eine auffällige Erscheinung, daß bisher die Frauen als gleichberechtigte Mitkämpferinnen in jeder Bewegung wirkten, die auf Erhebung und Befreiung der Unterdrückten ausging, solange sie im Zeichen des Kampfes stand, solange sie eben wirklich eine Sache der Unterdrückten war - daß aber die Frauen wieder vom Schauplatz verschwinden mußten, sobald sie zur Sache der herrschenden Partei wurde, sobald sie zur Macht gelangte.
Zu den Täuschungsquellen, die aus der erotischen Anziehung entspringen, gesellt sich überdies noch eine, die ihren Ursprung in der Ichvorstellung als solche hat.
Warum widerfährt den einen von den Frauen so viel Schlechtes, den anderen so viel Gutes? Welche Schicksalstücke ist es, die für die meisten eine ganz einseitige Auswahl trifft? Welches geheime Gesetz regelt die Begegnungen, aus denen jeder Mann die Summe seiner Frauenkenntnis zieht?
Niemals noch ist die herrschende Vorstellung vom Weibe, das »Ideal« des Weibes, so sehr versimpelt gewesen wie im 19. Jahrhundert. Um den vollen Umfang dieser Versimpelung zu begreifen, muß man das Bild der Weiblichkeit in jener Literatur suchen, die eigens für die Frauen geschrieben wird. Denn das ist die fragwürdige Auszeichnung unserer Zeit vor anderen Kulturepochen: es gibt eine Literatur eigens für Frauen.
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