Dezember

2. DEZEMBER
Mein Au-pair-Mädchen kommt an diesem Dezembervormittag mit rosigen Wangen aus dem Jardin du Luxembourg zurück und erzählt mir, was für ein Vergnügen ihr der Spaziergang bereitet hat.
Ich bin ihr dankbar dafür, denn ich erinnere mich an ein anderes Mädchen, für das der Luxembourg zur Qual wurde.

Oktober

1.  OKTOBER
Eine dieser »Loch-Ness«-Diskussionen, die im politisch-wirtschaftlichen Leben Deutschlands regelmäßig wiederkehren, betrifft den Solidaritätszuschlag, die zusätzliche Steuer für die Bundesländer im Osten. Die Liberalen von der FDP wollen ihn schon lange streichen (was soll dieser ganze Finanztransfer in den Osten?), die CDU ist unschlüssig, und die FAZ kommentiert diese Ausweichmanöver in langen, ausführlichen Leitartikeln.
Merkwürdigerweise gibt es nur relativ wenig Protest aus den neuen Ländern.

September

4. SEPTEMBER
Der Immobilienmarkt im Osten befindet sich weiterhin in der Krise, vor allen Dingen bei der Vermietung von Büroräumen, heißt es in einem Artikel einer Fachzeitschrift.
Der Westen dagegen erholt sich wieder, insbesondere Frankfurt am Main, wo sich die ersten Banken aus Osteuropa ansiedeln.

6. SEPTEMBER

August

2.  AUGUST
In einem Hotel an der italienischen Riviera, wohin ich für ein paar Tage einen hübschen kleinen Abstecher gemacht habe, stoße ich an der Bar auf eine Zeitung: »Riviera-Côte d'Azur-Journal< mit dem Untertitel »Provence-Languedoc-Roussillon-Korsika-Monaco-Piemont - Kultur und Wirtschaft-:.

Juli

1. JULI
Warum sind die Uhren, die sich automatisch über Sendesatelliten mit genauer Zeitangabe (zum Beispiel DFC 77) regulieren und im Deutschen Funkuhren genannt werden, in Frankreich nicht genauso üblich wie in Deutschland?
Am 1. Juli 1997 sind die Franzosen gezwungen, ihre Uhr allein um eine Sekunde zurückzustellen. Bei ihren deutschen Freunden geht die durch eine verzögerte Erdumdrehung verursachte »Nachstellsekunde« ganz natürlich in der Minute auf, die ein Uhr neunundfünfzig von zwei Uhr trennt und also 61 Sekunden haben wird.

Mai

30. APRIL/1. MAI
Für Südländer sind die Trinkgepflogenheiten der Leute aus dem Norden unverständlich.
Nordeuropa, und da ist Deutschland keine Ausnahme, trinkt, möchte man sagen, nur um sich zu vergnügen. Man trinkt aus keinem anderen Motiv und zu keinem anderen Zweck als der Freude am Trinken.

April

2. APRIL
Ich komme wieder einmal aus Berlin.
Wie immer mit seltsam gemischten Gefühlen.
Die Stadt ist so riesig. Sie hat eher die Ausmaße der Ile-de-France, der Begriff Berliner Innenstadt ist hier fehl am Platz. Es gibt ein Zentrum, Berlin-Mitte, das im 18. Jahrhundert errichtet wurde und dem nahekommt, was wir uns unter einer Stadt vorstellen; alles andere ist eine Riesenfläche mit städtischem Habitus, aber dünnbesiedelt, teils aufregend und bunt, teils eintönig, mit allen Einflüssen, allen Spuren der Gegenwart und der Zukunft.

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