Probleme der Alliierten und Überlegungen junger Mädchen / Die Ardennen-Offensive und ein Selbstmord mitten im Frühling

Unser Vater, in amerikanischer Uniform von Cherbourg kommend, unterwegs nach Brüssel, tauchte in Caen auf und verlangte seine Töchter zu sehen. Daß wir gerade Unterricht hatten, beeindruckte ihn wenig. Die Ursulinen zeigten sich verständnisvoll, weil sie wußten, daß er sich für seine Familie fast unerreichbar nirgends lange aufhielt. So war er auch kurz in Le Molay gewesen. Er brachte uns Nachrichten von daheim, von Mama und Michel.

Paris befreit, Ratten in Caen und Gedanken zur Menschlichkeit

»Paris ist befreit und nicht zerstört worden!« In der Normandie nahmen wir mit großer Dankbarkeit Kenntnis von der unglaublich positiven Nachricht. An unserer Gemütsbewegung konnten wir plötzlich ermessen, wieviel diese unsere Hauptstadt uns bedeutete. Selbst diejenigen, die Paris nie gesehen hatten, fühlten sich glücklich. Es war so, als ob etwas Schönes, das der ganzen Welt gehörte, durch wunderbare Umstände gerettet worden wäre.

Explosion in der Fabrik

Am Abend gingen wir, wie vorgesehen, zum >Bal du Chateau<. Viele Amerikaner in schmucken Uniformen hatten sich dort eingefunden. Wir blieben nicht lange im Schloß. Unsere fröhliche Stimmung war dahin. Der gleichen Eingebung folgend, hatte vorhin keiner von uns den heutigen Ball der Familie Morice gegenüber erwähnt. Jetzt fehlten sie uns: Pierre, Veronique und Sophie.
Aus meinem damaligen Tagebuch:

Von Rosen, die nach England fliegen / Falsche und richtige Helden

Am nächsten Tag erhielten wir Brotmarken für den begonnenen Monat Juli. Es mag nachträglich seltsam erscheinen, aber wir freuten uns regelrecht über die wiederkehrende Zuteilung von Lebensmittelmarken. Unser Leben war so lange von ihnen abhängig gewesen, daß wir uns nicht vorstellen konnten, ohne Belege unser tägliches Brot auf eine zuverlässige Weise zu be167 kommen. Jetzt erst recht nicht! Wahrscheinlich verfügten wir in unserer auf Viehwirtschaft spezialisierten Gegend über keine Getreidevorräte.

Belagerung und ein Mondscheinerlebnis

Es fing an, dunkel zu werden. Wir hörten im Eßzimmer die Abendnachrichten aus London, als heftig an der hinteren Haustür geklopft wurde. Mama schaltete das Radio aus. Draußen schrien Männer auf englisch, wir sollten sofort aufmachen. Papa ging durch den Gang Richtung Küche.
»Bleibt, wo ihr seid!« sagte er leise zu uns.
Er stand unweit von der Holztür, gegen die brutal gehämmert wurde.
»What's the matter?« schrie Papa erbost.
Draußen lachte jemand laut.
»Amour!« lallte eine betrunkene Stimme.

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