Marie von Ebner-Eschenbach geb. Gräfin Dubsky
Personen
Nie kannte ich einen Geist der so jung so unerschlafft allen Atemzügen der Jugend sich erschloß der mit solcher Frische an einer neuen Morgenröte sich freute das Hoffen der Jünglinge grüßte stets bereit war ihren großen Plänen Glauben zu schenken aufstrahlte bei ihren Erfolgen und sie aufrichtete falls sie fielen weil er selbst niemals niedergeschlagen war. Die Neugierde auf den Morgen den wir nicht mehr sehen werden war bei ihr die Liebe die unversiegbare Quelle die es drängt alle Zukunft zu benetzen
Romain Rolland »Danksagung«
Von Malwida von Meysenbug bis zu Rosa Luxemburg und Clara Zetkin reicht die Reihe der Briefschreiberinnen, die in diesem Bande vereinigt sind. Die zeitlichen Grenzmarken bilden die gescheiterte Revolution von 1848 und die Novemberrevolution von 1918. Malwida von Meysenbug gehörte selbst noch zu den Achtundvierzigerinnen, die eine Verbesserung der gesellschaftlichen Stellung der Frau angestrebt hatten und die dann das Los der äußeren oder inneren Emigration auf sich nahmen.
In unserer Gesellschaft ist der Begriff »Liebe« schwierig und verdächtig geworden. Die überlieferten Geschichten haben uns gelehrt, Liebe müsse selbstlos sein, bedeute, dem anderen zu dienen, sich selbst zu verleugnen, zu tun, was andere verlangen. Neuere Geschichten lehren uns, daß wir möglichst individualistisch sein sollten, ohne Kompromisse unseren eigenen Weg gehen müßten. Das Glaubensbekenntnis der Gestalttherapie drückt dies sehr pointiert aus:
Wenn wir vom »Körper« sprechen, glauben wir meist, auf sicherem Boden zu stehen. Wir meinen zu wissen, wovon wir reden. Schließlich hat ja jeder Mensch einen Körper. Und auch die Wissenschaft bewegt sich auf solidem Terrain. Ist das wirklich so? Oder beginnen hier bereits Geschichten, die wir gewohnt sind, uns zu erzählen?
Vor fast einhundertundfünfzig Jahren hat eine mutige Reformerin und Suffragette verkündet: »Wagemutige Hände erheben sich, um dieses falsche Bild von der Frau von seinem Sockel zu fegen und in Stücke zu schlagen.« [1] Einige fünfzig Jahre später forderte eine andere Verfechterin der Frauenrechte den Sieg: »Hier kommt sie, dem Gefängnis entflohen und dem Sockel entstiegen; ohne Ketten, ohne Krone, ohne Heiligenschein, nur eine lebendige Frau.« [2] Nu
Integration, Sinn, Perspektive und Erinnerung sind die Themen, aus denen ältere Frauen ihre einmaligen Geschichten weben. Ältere Frauen sind lebende Vorfahren, die, wie die Spinnen-Frau in der Mythologie der Navaho, im buchstäblichen und übertragenen Sinne als Führerin fungieren. [1] Es ist die Aufgabe der älteren Frau, Rat zu erteilen, Warnungen auszusprechen und Lebensanleitungen weiterzugeben. Sie hat Lebenserfahrung gesammelt und damit das Wissen und die Berechtigung erworben, ihre Meinung frei zu äußern.
In einer einmaligen und individuellen Kombination bilden die Themen der Gestaltung, Transformation, Pflege und Erziehung, Erhaltung und des Gleichgewichts den Kern der mittleren Jahre einer Frau. In dieser Zeit schreibt eine Frau an dem Teil ihrer Lebensgeschichte, der im allgemeinen als der Hauptteil bezeichnet wird. Die Ereignisse, die in ihren früheren Jahren vorbereitet, angekündigt und antizipiert wurden, gehen nun in Erfüllung. Die Lebensmitte ist voller kreativer Energie. Es ist die Frau in den mittleren Jahren, die Neues hervorbringt und Dinge entstehen läßt.
Die Lebensphase der jungen Frau wird beherrscht von Themen der Vorbereitung, Erforschung, Antizipation und Aufnahmefähigkeit. Zuerst und vor allem ist die Lebensphase der jungen Frau eine Zeit der Vorbereitung. Die junge Frau ist damit beschäftigt, sich für das Leben vorzubereiten. Sie ist die Forscherin, die erkundet, verschiedene Möglichkeiten erprobt und sich die Informationen aneignet, die sie benötigen wird, um mit der Aufgabe ihrer Selbstverwirklichung zu beginnen.